Part 3
Das Feuer eines Schertzes, und die unterschiedenen Grade desselben, entstehen 1) durch die Menge der Regeln die dabey beobachtet werden. Je mehr von den kurtz vorher angeführten Regeln beobachtet werden, desto glücklicher und feuriger wird der Schertz; je wenigern Regeln er aber gemäß ist, desto unglücklicher und frostiger muß er seyn. 2) Durch die genauere Beobachtung einer jeden Regel. Je mehr und besser eine jede beobachtet wird, desto glücklicher ist der Spaß; je schlechter und kleiner aber die Beobachtung einer jeden Regel ist, desto unglücklicher und frostiger muß der Schertz gerathen. Ich will mich nicht unterstehen zu versichern, daß ich mir getrauete, den Grad der Güte eines Schertzes in einem gegebenen Falle genau zu bestimmen. So weit habe ich es noch nicht in der mathematischen Erkenntniß solcher Dinge gebracht, die nicht nach Ruthen und Schuhen können abgemessen werden. Ich begreiffe auch leicht, daß ich einen zu strengen Kunstrichter abgeben würde, wenn ich keinen andern Schertz loben wolte, als solche die im höchsten Grade feurig sind. Mir deucht, daß ich das von einem spaßhaften Kopfe sagen könne, was +Horatz+ von den Dichtern behauptet:
~mediocribus esse poetis Non homines, non di, non concessere columnae.~
Ich bin also der Meinung, daß man einem Schertze seinen Beyfall nicht versagen könne, wenn er nur mehr als mittelmäßig glücklich ist. Doch ich muß nun weiter gehen, und eine jede der gegebenen Regeln genauer untersuchen.
§. 27.
Die erste Vollkommenheit eines glücklichen Schertzes entsteht, vermöge der ersten Regel §. 25. aus der Anzal der Dinge, die mit einander verglichen werden. Ich rede nicht von der Vollkommenheit und Stärcke eines schertzhaften Menschen, die man ihm zugestehen muß, wenn er geschickt ist oft und viel zu schertzen, mit allem was ihm vorkommt. Ein Mensch dessen Fertigkeit zu schertzen sich über unzälige Gegenstände erstreckt, hat ein sehr weites Feld, darin sich sein Witz und Scharfsinnigkeit würcksam beweißt, und man muß ihm einen grossen Reichthum an schertzhaften Einfällen zugestehen. Darin besteht aber nicht die Vollkommenheit, die ich hier meine. Diese Schönheit eines Schertzes muß in einem einzigen Schertze enthalten seyn. Der Schertz der dieselbe haben soll, muß uns sehr viele Dinge auf einmal vorstellen. Ich gebe zu, daß ein Schertz, der auch nur zwey Dinge mit einander vergleicht, im übrigen sehr feurig seyn könne. Man wird aber doch zugestehen müssen, daß ihm eine Schönheit fehlt, die nicht anders möglich ist, als durch die Menge der Gegenstände, die man in einem einzigen Schertze zusammen faßt. Zwey Schertze, die im übrigen gleich schön sind, deren einer nur zwey Dinge vergleicht, der andere aber mehrere, sind ohne Streit dergestalt von einander unterschieden, daß der letztere vor den erstern den Vorzug erhalten muß.
§. 28.
Ein Schertz bekommt durch die in dem vorhergehenden Absatze angemerckte Vollkommenheit, eine Schönheit, die eine ungemeine Belustigung zu verursachen vermögend ist. Nichts belustiget die Einbildungskraft stärcker, als die Verschiedenheit. Das Auge irret mit dem grösten Vergnügen in einer Gegend herum, von der es kein Ende erblickt, und welche durch eine unendliche Mannigfaltigkeit der Gegenstände ausgefüllt ist. Alles was groß und unendlich ist, erweckt in der Seele eine angenehme Empfindung. Es sey nun, daß unser Geist sich über seine eigene Stärcke, wodurch er vermögend ist so vieles auf einmal zu fassen, ergötzt. Oder, daß selbst eine jede Vorstellung eine Vollkommenheit ist, die die Seele fühlt, und welche durch die Vervielfältigung der Vorstellungen selbst vervielfältiget wird. Oder daß die Menge der Vorstellungen, die die Seele mit einemmal begreift, eine Uebereinstimmung des mannigfaltigen in der Seele selbst entsteht, welche sie fühlt, und woher, als aus einem Gefühl der Vollkommenheit, eine Lust entstehen muß. Dem sey wie ihm wolle, das mannigfaltige, und die Abwechselung in demselben, führt jederzeit etwas belustigendes mit sich.
~Jucundum nihil est nisi quod reficit varietas.~
_Publ. mimogr._
Wenn also ein Schertz eine solche Mannigfaltigkeit in sich faßt, so muß er angenehm seyn. Und ich halte mich vor überzeugt, daß ein angenehmer Schertz besser sey, als ein unangenehmer. Jener erweckt ein lachen wodurch das Gemüth aufgeheitert wird, und wer lacht nicht gerne zu dem Ende? Und wer geht nicht gerne mit solchen Leuten um die auf eine so angenehme Art schertzen?
~Nil ego contulerim iucundo sanus amico.~
_Hor. Satt. L. I. Sat. V._
§. 29.
Zu den Schertzen, welche diese erste Vollkommenheit haben, können diejenigen gerechnet werden, welche durch die Anführung eines Verses aus einem berühmten Poeten gemacht werden. Wenn die Wahl glücklich ist, so wird der Schertz ohnfehlbar gerathen. Man kan entweder die unveränderten Worte des Dichters behalten, oder dieselben etwas verändern. Wem nun der Dichter bekannt ist, dem wird durch die Anführung, auch nur einiger Worte, der Zusammenhang der gantzen Stelle ins Gemüth gebracht, woher man den Vers entlehnt hat. Und man wird mir ohne Beweiß zugestehen, daß dadurch der Einbildungskraft eine gantze Menge mannigfaltiger Dinge vorgestellt wird. Ich setze voraus, daß sonst keine nothwendige Eigenschaft eines Schertzes fehlt. Dieses Kunstgriffes wissen sich die Satyrenschreiber, mit grossen Vortheile, zu bedienen, und ich halte es daher für unnöthig Exempel anzuführen. Von gleicher Art sind die Sprüchwörter. Einige derselben beziehen sich nicht nur, vermöge ihres wesentlichen Inhalts, auf viele Dinge zugleich, sondern weil sie in unendlich vielen Fällen im gemeinen Leben gebraucht werden, so stellt uns die Einbildungskraft, so bald wir das Sprüchwort hören, unzälige solcher Fälle vor. Wenn man demnach schertzen will, und man führt zu dem Ende, ein bekanntes Sprüchwort an, das sich sonst zu den Umständen schickt, und die Sache lächerlich macht, so bekommt der Schertz eine Mannigfaltigkeit die angenehm seyn muß.
§. 30.
Diese Vollkommenheit der Schertze, von der ich bisher geredet habe, entsteht auch aus der Erzehlung einer gantzen Begebenheit. Man kan sie entweder selbst erdichten, oder aus der Geschichtskunde entlehnen. Das erste erfodert eine grosse Geschicklichkeit. Ich unterstehe mich nicht, Regeln davon zu geben, da es überdies mein Zweck nicht ist dergleichen vorzutragen. Ich mercke nur an, daß durch eine solche Erzehlung, ein Schertz diejenige Schönheit bekommt, von der ich jetzo rede. Eine Erzehlung faßt sehr vieles in sich, es kan demnach einem solchen Spasse an Mannigfaltigkeit nicht fehlen. Ein Exempel gibt mir des Herrn +Liskov+ Satyre, auf den bekannten +Philippi+, in welcher er seinen Tod erzehlt. Entlehnt man die Erzehlung aus der Geschichtskunde, so kan es auf verschiedene Art geschehen. Man kan eine berühmte Person nennen, oder sonst eine berühmte Sache und Begebenheit. Man kan durch einen kurzen Ausspruch, eine bekante Sache ins Gedächtnis bringen, und dem Schertze diejenige Lebhaftigkeit geben, welche durch die Anzahl der verglichenen Dinge entsteht. Meine +Leser+ werden nicht dencken, als wenn ich glaubte, daß die Verse, Sprüchwörter, und Erzehlungen, dem Schertze keine andere Schönheiten, als die Mannigfaltigkeit zu geben vermögend wären. Ich habe diese Quellen der Schertze nur deswegen angeführt, damit man überzeugt werde, daß meine erste Regel der Schönheit eines Schertzes, von der ich bisher geredet, gegründet sey.
§. 31.
Ich gehe zur andern Hauptvollkommenheit der Schertze fort. Ich habe §. 25. erwiesen, daß ein glücklicher Schertz unbekannt seyn müsse. Man muß diese Vollkommenheit nicht so verstehen, als wenn das Materielle des Schertzes, die Sachen worüber man schertzet, und woher man den Schertz nimmt, unbekannt seyn müsten. Nein, das wäre eine Unvollkommenheit die den gantzen Schertz verderben würde. Ein solcher Spaß wäre viel zu dunckel, als daß er solte verstanden werden können, und ein Schertz der nicht eingesehen wird, ist in Absicht auf den, der ihn nicht einsieht, kein Schertz. Der allerfeurigste Spaß thut keine Würckung, bey denen die ihn nicht verstehen. Ich glaube daß uns viele Schertze im +Cicero+, und andern alten Schriftstellern besser gefallen würden, wenn wir sie nur gantz verstünden. Warum kan niemand über die ~pyxis Coeliana~ im +Quintilian+ und +Cicero+ lachen? Die Sache ist uns unbekannt. Man begreift also, wovon ich unten ausführlicher handeln werde, daß die Sachen womit man schertzet, demjenigen bekannt seyn müssen, bey dem ein Schertz seine Würckung thun soll. Was ist aber denn nun das unbekannte, das zur Schönheit eines Schertzes erfodert wird? Es besteht, mit einem Worte, in dem schertzhaften eines Spasses. Das was einen Schertz zum Schertz macht, die Form desselben, der Schwung der Gedancken, die Vergleichung verschiedener Stücke, und hundert andere Dinge die das Wesen eines Schertzes ausmachen, müssen noch unbekannt seyn. Oder, will man es anders ausdrucken, so sage man, daß ein glücklicher Schertz neu seyn müsse.
§. 32.
Wenn ich sage, daß ein glücklicher Schertz noch neu und unbekannt seyn müsse, so verstehe ich das nicht nur von den Personen, denen der Schertz vorgetragen wird, sondern auch von der schertzenden Person selbst. Ein Mensch der einen ihm schon bekannten Schertz vorträgt, beweißt alsdenn keine Stärcke seines scharfsinnigen Witzes. Er braucht nichts weiter als sein Gedächtniß, und er verhält sich dabey nicht anders als ein Geschichtschreiber, der die Schertze eines andern erzehlen kan, ohne selbst ein spaßhafter Kopf zu seyn. Es ist wahr, wenn ein solcher Schertz nur den Zuhörern noch unbekannt ist, so kan er bey ihnen alle Würckungen eines feurigen Schertzes hervorbringen. Derjenige, der den Schertz erzehlt, darf sichs nur nicht mercken lassen, daß ihm derselbe schon längst bekannt gewesen ist. Dem ohnerachtet behält ein solcher Spaß einen Fehler, der von andern nur darinn unterschieden ist, daß er nicht so mercklich ist. Noch viel nöthiger aber ist es, daß ein Schertz der glücklich gerathen soll, den Zuhörern noch neu und unbekannt sey. Haben sie ihm schon unzählige mal gehört, so ist er was altes, und er verliehrt alles das Feur, welches ihm nichts anders als die Neuigkeit geben kan.
§. 33.
Das neue hat jederzeit eine Schönheit, die alle dem fehlen muß, was alt ist. Das alte wird uns zur Gewohnheit, man gibt nicht mehr drauf achtung, die Vorstellung desselben verdunckelt sich nach und nach, und wir werden natürlicher Weise verdrießlich, ein und eben dasselbe so oft zu dencken, weil die Seele keinen Zuwachs der Erkenntniß, so ein Mangel einer Vollkommenheit ist, dabey fühlt. Was uns aber noch neu ist, beschäftiget unsere gantze Aufmercksamkeit, es entsteht darüber eine Art einer angenehmen Verwunderung, unsere Seele freuet sich heimlich über den Anwachs ihrer Erkenntniß, welcher überhaupt betrachtet eine Vollkommenheit ist. Kurtz, eine Vorstellung die bey uns gantz neu ist, hat ein Licht welches viel zu angenehm ist, als daß wir es nicht mit Vergnügen sehen solten. Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, welchen vor dem was neu ist eckelt, und die sich in das Alterthum dermassen verliebt haben, daß sie mit einem innigern Vergnügen die Schrift auf einer verrosteten Müntze lesen, als den Beweis einer neuen Wahrheit durchdencken. Allein ich weiß auch, daß diese Bewunderer des Alterthums meinen Satz bestätigen. Nimmermehr würden sie ein verschimmeltes Manuscript mit Vergnügen ansehen, wenn es in ihrer Vorstellung nicht etwas neues wäre. Nein, es bleibt dabey, die Natur bleibt sich überall ähnlich, das alte in so fern es alt ist kan niemals uns das Vergnügen geben, welches Neuigkeiten verursachen, als in so fern unsere Gedancken davon neu sind. Die Neuigkeit ist also eine Schönheit des Schertzes, welche reitzt. Man kan hinzu thun, daß die Neuigkeit eines Schertzes ein untrüglicher Beweiß sey, daß ihn der schertzende selbst gemacht hat. Die Stärcke und Geschicklichkeit seines scharfsinnigen Witzes leuchtet darinn unleugbar hervor, und gibt dem Schertze eine Anmuth, die eine Bewunderung des Urhebers verursacht. Ein Schertz der feurig seyn soll, muß wenigstens einen gantz neuen Gedancken enthalten, der zu dem schertzhaften in demselben gehört.
§. 34.
Ein Schertz muß nothwendig abgeschmackt und frostig seyn, der von Vater auf Sohn fortgepflanzt worden. Man solte, bey manchen Spassen, womit sich verfrorne Köpfe breit machen, fast auf die Gedancken gerathen, daß es Familien-Spasse gebe; und daß man, wenn die dunckeln Zeiten diese wichtige Nachricht nicht entrissen hätten, den Ursprung mancher Schertze vor den Hunnen Kriege finden könnte. Es ist nichts natürlicher, als daß ein Sohn die Schertze seines spaßhaften Vaters bewundert und sich mercket. Kan man wohl anders dencken, als ein Vater werde sich über sein kluges Kind hertzlich freuen müssen, wenn es so gelehrig ist, und die Schertze seines Vaters wieder an Mann zu bringen weiß? Ich betrüge mich entweder, oder die mehresten Spasse, die man im gemeinen Leben hört, sind geerbte Spasse, nur daß sie, wie bey allen mündlichen Ueberliefferungen zu geschehen pflegt, denn und wenn eine kleine Veränderung auszustehen haben. Ein Schertz der scharfsinnigen Köpfen, und einem gereinigten Geschmacke gefallen soll, muß unsern Vätern unbekannt gewesen seyn. Man hat sich dabey nicht nach den Beyfall des grösten Hauffens zu richten. Ich weiß wohl, daß unter denselben ein verdorbener Geschmack herrscht, dem solche ererbte Schertze dennoch zu gefallen pflegen. Allein, das ist ein Beweis der abgeschmackten Beschaffenheit eines Spasses, wenn er einem frostigen Kopfe gefällt, und es bleibt wahr was +Horatz+ gesagt:
~Nec, si quid fricti ciceris probat & nucis emtor, Aequis accipiunt animis, donantue corona.~
§. 35.
Ein Schertz der feurig seyn soll, muß nicht zur Mode geworden seyn. Ein Mode Schertz ist viel zu bekannt, und alt, als daß er einiges Feur behalten solte. Man kan leicht dencken, was ein feuriger Witz vor Vergnügen finden wird, in den gewöhnlichen artigen Zusammenkünften, da sich ein jeder bemüht die Gesellschaft, mit spaßhaften Einfällen nach der Mode, zu unterhalten. Will man Exempel solcher abgeschmackten Schertze hören, so darf man nur mit einem kleinen Herrn umgehen. Ein kleiner Herre ist eine Archiv aller Dinge die zur Mode gehören. Sein Kopf start vor Menge der artigen Einfälle, welche im Schwange gehen. Er bringt mit inniger Zufriedenheit hundert lustige Einfälle vor, die tausend andere ebenfals sagen. Es müste jemand sehr wenigen Umgang haben, dem nicht hundert Schertze von solcher Art beyfallen solten. Doch kan ich mich nicht enthalten derjenigen zu erwehnen, die man durch eine Anspielung auf solche Dinge macht, die mir die Schamhaftigkeit zu nennen verbiethet. Ich will nicht sagen, daß diese abgeschmackten Zoten viel zu schmutzig sind, als daß sie einem ehrbaren Menschen solten anständig seyn. Ich sage nur, daß derjenige einen sehr armseeligen Witz blicken läßt, der mit Schertzen aufgezogen kommt die unter den Pöbel im Schwange gehen, und davon man Millionen ähnliche und gantz gleiche Schertze antrift. Muß das nicht ein allerliebster Umgang mit Frauenzimmer seyn, wo man seiner Schönen mit dergleichen witzigen Einfällen zu schmeicheln sucht? Die Kützelung, die durch einen solchen frostigen Schertz entsteht, rührt gewiß nicht aus dem sinnreichen desselben her, sondern aus dem Inhalte desselben, der allein im Stande ist, die Lebens Geister eines schmutzigen Gehirns, zu reitzen. Es sey also ferne, daß ich solche Mode Schertze billigen solte, sie gehören unter die Zahl derjenigen, die ein guter Geschmack für abgeschmackt hält. Doch was kan man wohl hoffen? Kan man wohl glauben, daß die Liebhaber dieser Schertze sich bessern werden, wenn man ihnen auch die Wahrheit noch so deutlich sagt? Ich zweiffele sehr daran. Sie wollen mit aller Gewalt spaßhafte Köpfe seyn, sie selbst können nicht schertzen, ist es wohl anders möglich, als daß sie zur Mode ihre Zuflucht nehmen? Uberdem finden solche frostige Köpfe jederzeit Bewunderer ihres Witzes:
~vn sot trouve touiours un plus sot qui l’admire~
_Boileau._
So lange es demnach Leute gibt die ihrer Natur zum Possen schertzen wollen; So lange es Leute gibt, die einen Mode Schertz bewundern, so lange werden auch die Mode Schertze ihr altes Recht behaupten.
§. 36.
Der vorhergehende Absatz veranlaßt mich zu einer Critik, über eine Stelle im +3. Buch der Odyssee+. +Homer+ läßt den +Demodocus+ die Rache des +Vulcans+ besingen, die ihm die Eifersucht über seine Frau eingeblasen. +Vulcan+ war von der Untreue seiner +Venus+ benachrichtiget worden, und weil er sich auf seine Füsse zu verlassen keine Ursach fand, so hatte er Grund zu zweiffeln die +Venus+ auf frischer That einmal zu ertappen. Er ersan eine List, die man von einem Schmidt, der eine Gottheit ist, vermuthen kan. Er verfertigte eine unsichtbare Schlinge, die unzerbrechlich war, und die er nur selbst aufzulösen vermochte. +Venus+ und +Mars+ werden gefangen. +Vulcan+ erblickt seinen Fang, und hebt ein so erbärmliches Geschrey an, wozu Rache, Eifersucht, Zorn und Verspottung einen Ehemann in ähnlichen Umständen nur immer zu vermögen im Stande sind. Alle Gottheiten männlichen Geschlechts, denn das Frauenzimmer des +Olympus+ war viel zu schamhaftig, als daß es bey dieser schmutzigen Begebenheit erscheinen solte, kommen zu Hauffe, und bewundern die List des +Vulcans+. Wer +Homers+ Götter kennt wird mit leichter Mühe errathen können, was ein jeder von ihnen, bey diesem Anblicke, wird gedacht haben. +Apollo+ ist unverstellter als die übrigen, er fragt den +Mercur+, ob er wohl wünschte sich jetzt in den Umständen zu befinden, in welchen +Mars+ betroffen worden? +Mercur+ antwortet mit aller der Schalckhaftigkeit, wozu eine so lustige Gottheit im Stande war. O, sagt er, wenn es nur wahr wäre, und wenn ich noch dreymal stärcker gefesselt wäre, und alle Götter und Göttinnen mich sehen solten, so wolte ich doch bey der unvergleichlichen +Venus+ gerne liegen. Diß war nun der Spaß, darüber alle Götter anfingen zu lachen. Ich will nicht sagen, daß dieser Schertz einer Gottheit unanständig sey, und daß +Mercur+, wenn er ein Philosoph gewesen wäre, ohnfehlbar zur +Cynischen+ Secte gehört hätte. Der läppische Character den +Homers+ Gottheiten haben kan damit völlig bestehen. +Homer+ hat auch sehr gut gethan, daß er das Frauenzimmer zu Hause bleiben lassen, weil er selbst scheint gesehen zu haben, daß sonst die gantze Begebenheit, und der Spaß den er anbringt, unerträglicher würde geworden seyn. Ich will auch zugeben daß dieser Schertz einiges Feuer in anderen Absichten haben könne. Ob er aber neu genug sey, daran habe ich grosse Ursach zu zweiffeln. Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß +Apollo+, wo nicht eben die Gedancken gehabt, doch schon die Antwort des +Mercurs+ vorhergesehen. Und ich zweiffele gar nicht, daß die übrigen Götter eben das gedacht. War also dieser Schertz in der Versammlung der Götter etwas neues? +Homers+ Fabel macht also den Schertz des +Mercurs+ auf dieser Seite frostig. Doch ich tadle auch diesen Schertz aus einem ernsthafteren Grunde. Soll er feurig seyn, so muß er den Lesern des +Homers+ neu und unbekannt seyn. Kan man dieses wohl von diesem lustigen Einfalle des +Mercurs+ sagen? Ich habe Ursach dran zu zweiffeln. Dieser Schertz gehört unter die Alltages Schertze, deren man mehr, als gut ist, antrift. War dieser Schertz also wohl werth, daß bey nahe der gantze Himmel drüber lacht?
§. 37.
Wenn ein feuriger Schertz neu seyn soll, so muß ihn der Schertzende auch keinem andern abborgen. Er muß sich nicht für den Erfinder eines Spasses ausgeben, den ein anderer erdacht hat. Es gibt auch hier eine Art eines gelehrten Diebstahls, wird er entdeckt, so verliehrt der Schertz ein grosses Stück seines Feuers; bleibt er aber auch verborgen, so fehlt ihm nichts destoweniger eine Schönheit, ob man gleich diesen Mangel nicht merckt. Wer einen Schertz stiehlt, muß, wenn er anders nicht ausserordentlich unverschämt ist, mit tausend Aengsten befürchten, daß es seine Zuhörer mercken werden, denn alsdenn ist ihnen der Schertz entweder schon bekannt, oder der schertzende wird von ihnen nicht anders als ein Sprachrohr betrachtet, durch welches, der von ihnen entfernte Urheber des Scherzes, ihnen seinen lustigen Einfall mittheilt. Wenn man eines andern Schertze erzehlt, kan man sehr selten diejenige anständige Dreistigkeit behalten, die zu einem glücklichen Spasse nöthig ist. Ja was noch mehr. Der Schertz kan in dem Munde seines Erfinders ein grosses Feur besessen haben, welches verlöscht, wenn ein anderer eben denselben vortragen will, weil sich beyde in verschiedenen Umständen befinden, die doch allezeit sich aufs genaueste passen müssen, wenn der Spaß gerathen soll. Ich will zugeben daß niemand den Diebstahl merckt, daß derjenige, der den Spaß von andern entlehnt, die anständigste Dreistigkeit blicken lasse, und daß alle Umstände sich aufs genaueste schicken. Dem ohnerachtet behaupte ich, daß der Schertz eine Häßlichkeit behält, weil zwar der Fehler verborgen ist, aber doch würcklich vorhanden ist. Denn der Schertz ist doch alt, und der ihn vorträgt ist ein blosser Erzähler desselben. Ich könnte dergleichen Schertze +Thrasonische+ Spasse nennen. +Thraso+ beym +Terenz+ im ~Eunuch.~ macht es eben so:
~Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi. Audieras? saepe; & fertur in primis. Meum est.~
Ich rathe demnach einem jeden spaßhaften Kopfe, ja niemals die Schertze anderer Leute nachzubeten. Sind sie selbst nicht im Stande Erfinder der Schertze zu seyn, so thun sie viel besser gar nicht zu spassen, als so verwegen zu seyn, und sich in die Gefahr zu begeben, die Armut ihres Witzes zu verrathen. Eben das gilt auch von allen denjenigen, die durch das lesen artiger und sinreicher Schriftsteller, einen Vorrath artiger Gedancken sich gesamlet haben, die sie bey aller Gelegenheit, durch eine männliche Nachahmung, wiederum an Mann zu bringen suchen. Man kan ihnen den Ruhm geschickter und glücklicher Nachahmer manchmal nicht absprechen. Ein +Bayle+ und +Fontenelle+, kan der Vater unzäliger kleiner +Bayle+ und +Fontenelle+ seyn. Nur müssen sich diese kunstmäßigen Abschreiber bescheiden, so lange keinen Anspruch auf einen witzigen Kopf vom ersten Range zu machen, bis sie Erfinder artiger Einfälle geworden.
§. 38.
Eine Sache die noch so neu ist wird mit der Zeit alt. Alle Dinge in der Welt sind der Vergänglichkeit unterworffen, und ein Schertz mag noch so feurig seyn, so wird er mit der Zeit frostig. Folglich muß ein Spaß nicht zu oft aufgewärmt werden. Wenn ein Schertz das erstemal noch so schön gerathen, so wird er das andre mal schon viel von seiner Lebhaftigkeit verlohren haben, und noch mehr wenn man ihn zum dritten mal hört. Man kan einen Schertz mit der Zeit ohne Bewegung anhören, über welchen man sich das erstemal aus dem Othem gelacht hat, und man verwandelt endlich sein Wohlgefallen über den Spaß, in eine Verachtung desjenigen, der sich erkühnt uns mit einerley so oft zu unterhalten.
~Ridetur chorda qui semper oberrat eadem.~
_Hor. art. poet._