Gebete für Israeliten

Chapter 11

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Am Grabe eines Bruders oder eines sonstigen Angehörigen:

Siehe, ich deine Schwester, (Schwiegertochter, Freundin, Schülerin usw.)

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besuche deinen Grabeshügel! Ehre sei Gott in der Höhe! Friede mit deinem Staub! Die Freude der Seligkeit mit deiner Seele! Innige Liebe zu dir, die eben so warm ist, als damals, wo du noch am Leben warst, durchdringt mich, führte mich hierher zu deiner Ruhestätte, wo ich vor dem Gott der Geister meine Seele ausschütten und ihn bitten will, dir gnädig zu sein und deine Seele im Eden im Verein mit deiner Stammväter verklärten Seelen zu erfreuen, daß du in Seligkeit das ewige Gut genießen mögest, das Er seinen Frommen vorbehalten hat. Mögest du von dem Tau der Seligkeit im ewigen Leben erquickt werden, wie der Tau des Himmels die Pflanze erquickt.--Und sollte in jenem Leben die Liebe, welche einst dein Herz bewegt hat, denn aufhören können? Nein, so innig, wie ich deiner gedenke, und wie meine Gebete für deine Seligkeit aufsteigen, eben so innig gedenkt deine Seele der meinigen, wünscht mir alles Gute und betet für meine Wohlfahrt zu dem Allerbarmer. O, daß unsere gemeinsamen Gebete ihm wohlgefallen möchten, und er in seiner Güte alles Böse von mir und allen deinen Angehörigen abwenden wollte. Gott der Liebe! du, in dessen Hand die Seelen aller Toten und Lebendigen stehen, erhöre unsere Gebete, die zum Throne deiner Herrlichkeit aufsteigen, segne mich, daß ich ein dir wohlgefälliges Leben führen möge, zur Ehre und zum Ruhm für den, dessen ich heute gedenke, und daß ich also glücklich hier auf Erden sei und einst selig werde dort in der Ewigkeit, wenn ich in das göttliche Reich bei dir aufgenommen werde, mein Vater und mein Richter.

Amen!

Am legten Tage im Jahre. (Ereb Rôsch Haschonoh.)

Herr! tue mir mein Ende kund, und was das Maß meiner Tage sei, daß ich erkenne, wie vergänglich ich bin.

10. Nach uralter heiliger Sitte besuche ich am letzten Tage des Jahres die Stätte, wo viele Grabhügel an längst vergangene Geschlechter und die frisch aufgeworfenen an die Teuren erinnern, die in diesem Jahre entschlafen sind. Wie könnte ich wohl an diesem Tag, der so lebhaft den Gedanken an des Lebens Vergänglichkeit erweckt, und der mich dazu auffordert, Rechenschaft darüber abzulegen, wie weit ich mich der erhabenen Bestimmung meines Lebens genähert habe und in Glauben und Tugend vor dem Herrn gewandelt bin,--wo könnte ich besser eine erhebende, versöhnende Stunde zubringen, als hier, wo ich meinen Blick auf diejenigen richte, welche in diesen Gräbern ruhen, ach, zum Teil solche, die nach dem Eitlen jagten und ihre Befriedigung in dem Zeitlichen suchten, und die nun Moder bedeckt, oder wenn ich am Grabe derjenigen weile, welche in ihrem vergänglichen Leben das Ewige suchten und nun die Fülle der Freude bei dem Unendlichen genießen. Ach Herr, da fragt mein Geist: unter welchen von diesen werde ich einst gefunden werden, wenn des Lebens letzter Tag gekommen ist? Hier trete ich deshalb hervor und ergreife das Ewige; denn hier, wo ich von Tod und Moder umgeben bin, verliert alles Gold seinen Schein, alle Ehre ihre Strahlen, alles Ansehen bei den Menschen seine Macht, alle Schönheit ihren Zauber, alle Sinneslust ihren Reiz; hier fühle ich tief, daß meinen Tagen ein Ziel gesetzt ist, daß ich von hier fort muß, und meine Tage wie ein Schatten sind. Ach sollten sie wirklich dahin schwinden, ohne etwas Licht über meinen irdischen Wandel zu verbreiten, ohne daß sie ein Andenken zum Segen hinterließen?--Ach, der Strom der Zeit eilt so rasch dahin und reißt auf seinem schnellen Wege alles mit sich fort, was mir teuer und wert ist! Wie manche Freunde habe ich schon verloren, wie mancher ging fort im Jugendalter, wie mancher, der sein Ende noch nicht erwartete, und heute ruft mir die Erinnerung daran zu: auch deine Stunde kann unerwartet kommen; willst du unvorbereitet vor den Allerheiligsten treten? Ja, ich will heute mit Tränen eurer in der Ewigkeit gedenken, die meines Lebens Ehre und Schmuck waren, eurer, meine Eltern usw. (ob euer Staub nun hier ruht, oder weit entfernt in fremder Erde); Jahre sind darüber hingegangen, seit ich euch verloren habe, und die Hoffnung auf Wiedersehen war mein einziger Trost; aber habe ich auch so gelebt, daß der Gedanke an eine Wiedervereinigung mit euch mich mit himmlischer Freude erfüllen kann? Könnte ich euch mit einem sündhaften Sinn gegenübertreten, mit einem unreinen Herzen mich der ewigen Klarheit nähern, welche die Frommen umgibt? O! indem ich euch heute meine Tränen der Erinnerung weihe, will ich über meine Sünden weinen, will ich im Vorausgefühl meines endlichen Heimganges alles abwerfen, was mich als Menschen entwürdigt, was mir nicht ziemt als Israelit; ich will die Ketten brechen, welche mich an das Zeitliche fesseln und den Wahn bannen, als sei das, was die Welt mir bietet, etwas Beständiges, und ich will mich bestreben, dir anzuhangen, du Ewiger und Unwandelbarer!--Allerbarmer! vergib mir meine Sünden und meine Übertretungen und stärke mich in meinem frommen Vorsatz, behüte mich vor einem jeden Fehltritt, der Beschämung über meine Tage bringen könnte; schirme mich wider jede Versuchung, daß weder Eitelkeit noch Habsucht, noch Ehrgeiz Macht über mich gewinne, sondern daß ich, geleitet von deiner heiligen Lehre, so rein werden möge, als ich an dem Tage war, da ich geboren wurde. Laß die frommen Handlungen meiner teuren Seligen meine Fürsprecher sein vor deinem heiligen Throne, auf daß meine Gebete für das neue Jahr erhört werden. Laß, o Quell der Liebe, meine (meines Gatten, meiner Kinder usw.) Buße dir wohlgefallen und verleihe uns ein Jahr voll Segen und Glück, ein Jahr, in dem deine Versprechungen an Israel zu seinem und der ganzen Menschheit Heil sich erfüllen mögen. Bewahre mich und die Meinen vor Drangsal und Not, vor Armut und Schande, auf daß wir mit freiem Geiste dir dienen können. Laß mich und meine Lieben erfahren, »daß ich noch deine Segnungen im Lande der Lebenden sehen soll«(Ps. 27, 15.), »daß ich noch in dem Lichte der Lebendigen vor deinem Angesichte wandeln soll«(Ps. 56, 14.). Deine Gnade sei mit mir und allen, welche dich mit einem treuen Herzen anbeten, daß wir auf unserer Pilgerreise noch viel Gutes wirken können und ein Wohlgefallen bei dir finden in alle Ewigkeit.

Amen!

XXIV. Schluß

Dankgebet bei Vollendung eines Werkes.

Ewiger, allgütiger Gott! Wie ich in deinem Namen diese Arbeit begonnen habe, so laß mich sie auch damit schließen, daß ich zu dir aufschaue und dir meinen Dank für deinen Beistand darbringe. Du warst es ja, der die Gedanken in meine Seele legte, und dein allmächtiger Schutz hielt meine Kraft aufrecht, es war dein Geist, der mich trieb, so daß ich stets mit Freudigkeit und Lust zur Arbeit schritt. O, wie oft verzagte ich, wie oft erfüllte sich meine Seele mit Furcht, daß ich mein Vorhaben nicht zu vollenden vermögen würde, und siehe, da hörte ich gleichsam eine erweckende Stimme von oben; mein Geist belebte sich aufs neue, und du erfreutest mein Herz dadurch, daß meine Arbeit gedieh und vorwärts schritt.--O, nimm mein Dankopfer an;»denn es stammt ja alles von dir, und was ich selbst von dir empfangen habe, das gebe ich dir wieder zurück.«[94] Nun erhöre du denn mein Gebet, daß du diesem Werke dein Siegel aufdrücken wollest, auf daß es für viele zu einem Segen werde. Gelobt seist du, o Herr, in Ewigkeit.

Amen!

[Fußnote 94: 1. Chron. 29, 14]

XXV. Anhang.

Esehu Mekômon.

(Betrachtung über die Opfer, anstatt einer Übersetzung).

Meine Gedanken, o Herr, weilen bei den Opfergesetzen, welche du unsern Vätern gabst, und mein Herz wird voll des Dankes, indem ich deine Gnade erkenne, daß du durch diese deine Gebote hast Israel fest an dich knüpfen wollen; mögen sie deshalb mir auch zur Richtschnur dienen bei der Anbetung deines heiligen Namens. Wenn nun gleichwohl auch bei mir der tiefere Sinn verborgen ist, und ich die göttlichen Geheimnisse nicht zu erforschen vermag, die mit den Opfern, welche du befahlst, verbunden sind, und nicht ergründen kann, weshalb du sie mit so vielen Vorschriften anordnetest, und wie sie dazu dienen sollen, den Sohn des Staubes mit dir, dem Unendlichen, zu vereinen, ihn deiner Gnade gewiß zu machen, denn »dir gehört das Verborgene, o Ewiger, aber was du offenbart hast, ist für uns«,[95] und wie herrlich ist nicht das, was uns offenbart worden ist! Wenn ich all der Scheußlichkeit gedenke, die mit der Opfermahlzeit der Heiden verbunden war, durch welche sie ihre Schuld sühnen wollten, wie sie von dem Blute des Opfers tranken und sich zu Wollust und Blutdurst reizten, wie sie Menschenleben opferten, während sie das Tier als heilig betrachteten, o, wie könnte ich da wohl anders, als erkennen, daß bei Israels Opfer alles nur dazu dienen sollte, die Reinheit des Glaubes zu beschützen, Sittlichkeit und Gerechtigkeit zu wahren und alles fern zu halten, was Sinnenlust und törichten Aberglauben fördern könnte. Deshalb verbotest du in deiner Weisheit jeden Gebrauch des Blutes, verbotest jedem, der unrein war, zu opfern, deshalb konnte eine absichtlich begangene Sünde nicht durch ein Opfer gesühnt werden, deshalb mußten die Vergehen wider den Nächsten erst gut gemacht werden, bevor das Opfer gebracht werden konnte. Ja, du lehrtest uns, daß ein Opfer für sich allein nichts nützt, wenn es nicht in Wahrheit von einem innern frommen Sinne zeugt, und du und deine Propheten straften die, welche da meinten, daß sie durch Darbringung eines Opfers allein geheiligt werden könnten. Du ließest deine Propheten verkündigen, »daß Gehorsam besser als Opfer ist«,[96] daß »Opfer bei einem sündigen Wandel dir zuwider sind«,[97] daß du Wohlgefallen an der Liebe findest, und nicht am Opfer, und »daß die Erkenntnis deiner mehr ist, als Brandopfer.«[98]

[Fußnote 95: 5. Mos. 29, 28.]

[Fußnote 96: 1. Sam. 15, 22. Ps. 40, 7. Spr. Sal. 21, 3.]

[Fußnote 97: Spr. Sal. 15, 8. Es. 11-17 Jer 6, 21. Amos 5, 22.]

[Fußnote 98: Hos. 6, 6]

Aber besonders sind es die täglichen Opfer, welche den Männern der großen Synode[99] zum Muster dienten bei der Anordnung des »Morgen-und Abendgottesdienstes«, deren ich gedenken soll, und während ich mich an ihr Wesen und an ihre Bedeutung erinnere, erwecke ich in meinem Innern eine wahrhafte Erbauung und die Sehnsucht darnach, dich beständig und richtig durch meine Gebete zu verehren. Da tritt mir denn zuerst der Gedanke entgegen, daß es--ein Opfer war, und daß mein Gebet deshalb auch ein Opfer sein soll. Ja, ich will im Gebet mich selbst zum Opfer darbringen, will mich mit all meinen Wünschen, meinen Gelüsten und Sehnen, mit all meiner Furcht und all meinem Hoffen ganz und ohne Rückhalt dir hingeben, und wie das tägliche Opfer ganz dargebracht wurde, so will ich jeden Morgen und jeden Abend, wenn ich zu dir bete, mich dir auch ganz hingeben und mich völlig deinem Willen unterordnen.[100]

[Fußnote 99: Ansche keneseth hagdolo (ecclesia magna) setzten im Hinblick auf die ständigen Opfer das Schacharith--, Mincha--, und Maarib Gebet für jeden Tag, das Mussaph--Gebet für Sabbat-und Festtage und das Neïlah--Gebet für den Versöhnungstag ein.]

[Fußnote 100: Taanith 27. Sanhedrin 43.]

Jenes Opfer konnte von keinem dargebracht werden, der nicht vollständig rein war, der nicht durch seinen Willen alle störenden Gedanken zu beherrschen und unangefochten von der äußeren Welt, ganz mit seiner vollen Seele sich der heiligen Handlung hinzugeben vermochte; denn das Opfer wurde verworfen, wenn nicht sein eigentlicher Zweck, die rechte Andacht, den Opfernden erfüllte. So will denn auch ich mich zuvor prüfen, ob ich rein bin, ob ich würdig bin, vor dich, den Allheiligen hinzutreten, will deshalb zuvor Buße tun, will mich von allen weltlichen Gedanken losreißen, will die tierischen Triebe in mir töten und den irdischen Sinn abwerfen, jedesmal da ich vor dich hintrete, da ich vor deinem Angesicht in meinem, wie in der ganzen Gemeinde Namen erscheine.

Denn das tägliche Opfer wurde ja im Namen der ganzen israelitischen Gemeinde gebracht und sollte dazu dienen, was man so oft vergißt, für all das Gute zu danken, das beständig in so reicher Fülle dem Menschen zuteil wird; dir dafür zu danken, daß du über ihn in der Nacht wachtest und ihm neues Leben schenktest, wenn des Morgens Licht ihn auf seinem Lager weckte, und daß du ihn den ganzen Tag alles finden läßt, dessen er bedarf. Dieses Opfer sollte in Israels Heiligtum ein Lamm sein, das dir als Dankopfer dargebracht wurde, der du durch den Schlummer der Nacht alle gestärkt, und wiederum am Abend, wenn es dunkelt als Dankopfer für den glücklich verlebten Tag.

Und es war begleitet von einem Speiseopfer, wohl um für das Brot zu danken, welches der Mensch wiederum gefunden hatte, für Kraft und Schönheit des Körpers, was durch das Öl bezeichnet wurde, für die Gabe und den Vorzug des Geistes, was bildlich der Wein andeutete. So will auch ich, o Herr, jeden Morgen und jeden Abend deiner Wundertaten eingedenk sein und dir danken, weil du meinen Geist und meinen Körper erhältst, so will auch ich dir für alle zeitlichen Güter, die du mir verleihst, für die Sonne, welche ihre Strahlen auf meinen Weg sendet, für den erquickenden Schatten der Nacht, wie für das himmlische Licht, das Wort des Lebens, welches du mir gegeben hast, das Dankopfer meines Gebets darbringen.

Aber das tägliche Opfer war ja auch ein Sühnopfer, welches täglich für die Gesamtheit Israels, wie für den Einzelnen, dargebracht werden sollte, nicht offenbare Vergehungen, sondern für diejenigen, deren der Mensch sich schuldig macht, ohne daß er sie sich zur Sünde anrechnet, und so sollte täglich das Bewußtsein der Sünde in der Brust des Israeliten geweckt werden. Dein, o Herr! ist der Tag und dein, o Herr! ist die Nacht, und beständig sollen wir dich vor Augen haben; unsere Arbeit wie unsere Ruhe soll von dem Gedanken an dich begleitet sein. Aber, wenn der Schlummer der Nacht uns in seine Arme schließen will, bevor der Schlaf unsere Sinne und Gedanken gebunden hält, da denken wir nicht an dich, da benutzen wir die ruhigen Augenblicke nicht dazu, dich zu erkennen und zu suchen; und in des Tages geschäftigem Treiben richten sich nicht die Gedanken auf dich, und wir vergessen es, deiner zu gedenken. Deshalb soll am Morgen ein Opfer gebracht werden für die Sünde der Nacht und am Abend für des Tages Sünde. Aber außerdem kann die ganze Gemeinde auch dem nicht entgehen, daß sie beständig sündigt, und jede einzelne Seele ist mitschuldig der Sündenschuld der großen Gesamtheit, und wer sich für unschuldig hält wie ein Lamm, ist sündig. Aber was ehemals das tägliche Opfer für mich wirkte, das soll jetzt durch mein tägliches Gebet erreicht werden, daß ich nicht in Leichtsinn wandeln möge, sondern das Bewußtsein der Sünde in mir wecke, die Erkenntnis dessen, wie weit meine Gedanken und Handlungen, meine Arbeit und meine Ruhe, im Großen wie im Kleinen von der Pflicht Israels abweichen, sodaß ich jeden Morgen und jeden Abend aufs neue geheiligt werde und den Vorsatz fasse, deinem Dienste zu leben, o Herr! ob ich nun meinen Erwerb mir suche, oder danach trachte, meines Hauses oder meines Namens Ansehen zu erweitern, oder ob ich in Freude und Frohsinn weile, wo der Wein des Menschen Herz erfreut.

Und endlich sollte das tägliche Opfer von Beständigkeit im Glauben und in Gottergebenheit ein Zeugnis sein, und jeden Morgen und jeden Abend sollten Israels Kinder die Lebendigkeit dieses Glaubens zu erkennen geben, ob nun das Glück ihnen zulächelte oder ob Unglück sie in das Dunkel der Nacht hüllte. Ebenso will auch ich es früh und spät an den Tag legen, daß, welches Schicksal du mir auch sendest, ich stets mit Vertrauen mich dir nähern will und es soll stets nach Vorschrift am Morgen und am Abend geschehen; und indem ich mich an die heilige Ordnung binde, will ich den Geist des Gebetes in mir wecken und bewahren. Denn wenn auch die Pflicht zu beten, das Opfer des Herzens darzubringen, nicht an Ort oder Zeit gebunden ist, sondern wir stets und überall beten sollen, so oft wir uns dazu gedrungen fühlen, so sollen wir doch zu den festgesetzten Zeiten beten, wenn auch unser Herz uns nicht dazu drängt, weil wir sonst in dem Gewirre der Welt vielleicht niemals dazu veranlaßt würden. Aber gerade durch das tägliche Gebet, dadurch, daß wir mit aller Kraft unseres Willens darnach streben, von dem Geiste des Gebetes durchdrungen zu werden, sollen wir die Unlust zum Gebete überwinden, die Hindernisse besiegen, welche sich zwischen dich und uns stellen, o Gott, und den Geist der Welt ertöten, der uns den höchsten Schatz unserer Seele rauben will,--die Anbetung deines Wesens.

So will ich denn dir mein tägliches Opfer darbringen, mein Gott, will meinen Willen dir ergeben, will jeden Morgen meinen Dank zu dir aufsteigen lassen und mich deiner Leitung anvertrauen und mich jeden Abend sorglos deiner Führung hingeben. Ich will Kränkungen ertragen, will das Schlechte nicht vergelten, das mir zugefügt wird, will um deinen Schutz bitten für alle, die auf Erden wandeln, will darnach streben von jeder sündigen Lust mich zu reinigen, will fest in meinem Glauben verharren, und will, wenn auch die Menge der Versuchungen mich umringt, wie manchen Kampf ich auch zu bestehen habe, meine Standhaftigkeit als Israelit zeigen, der nicht nach dem Lohne und der Ehre der Welt trachtet, sondern allein darnach strebt, dir wohlzugefallen und der gewiß ist, daß du den errettest, der dir beständig dient.[101]

[Fußnote 101: Dan. 6, 27.]

XXVI. Freitagabendbetrachtung.

Bame madlikin.

(Eine Betrachtung anstatt der Übersetzung.)

Der letzte Tag in dieser Woche nähert sich seinem Ende und wieder schließt mit ihm ein Abschnitt meines Lebens ab, in dem ich deine Güte erfahren habe, du, mein Schöpfer, während ich meiner häuslichen Tätigkeit oblag. Die heilige Stunde ist nahe, mit welcher der Sabbat beginnt, der dazu da ist und da sein soll, eine heilige Ruhe in dir zu suchen und zu finden, indem ich auf das hinblicke, was du für mich vollführst hast, und indem ich prüfe, was ich vollbracht, und mit welcher Gesinnung ich gehandelt habe.

O, schaue ich hin auf deine Liebe und Güte gegen mich in den sechs verflogenen Tagen, wie kann ich da Worte finden dir zu danken, der du wiederum das Werk der Schöpfung vor meinen Augen erneuert hast, der du am Tage deine Gnade über mich ausströmen und mich bei Nacht in deinem Schatten weilen ließest und der du mich mit so unendlich vielen Gnadenbeweisen, Wohltaten und Segnungen überschüttest hast, daß ich sie nicht zu zählen vermag! Du hast dich über mich erbarmt, mich jeden Tag zu meiner Tätigkeit gestärkt und hast mich durch so vieles erfreut; Du warst in trüben Stunden meine Kraft und mein Schild und du hieltest mich aufrecht im Unglück. O Herr! Ich bin nicht wert so großer Güte; denn gedenke ich meiner Aufgabe, die mir in diesen Tagen der Arbeit zu vollführen auferlegt war,--ach, wie oft war ich da nicht schlaff und nachlässig; wie oft vergaß ich nicht in meiner Tätigkeit zu dir aufzuschauen, zu wirken und zu schaffen, wie einer, der sich in deinem Dienste fühlt, der bei all seinem Tun dich stets vor Augen hat, daß er den rechten Weg nicht verliere und dir wohlgefalle. Ich weiß, daß ich leben soll, um das Wohl meiner Mitmenschen zu fördern und mit liebevollem Sinne ihnen Wohltaten zu erweisen; ach, und ich erkenne wie viel eigennützige und eitle Zwecke mich noch gebunden halten. Als Israelitin soll ich, was auch mein Beruf sei, beweisen, daß ich von einem Glauben beseelt bin, der voll Ergebung und Geduld ist, und deshalb ein Leben führen, das allen denen, die mir nahe stehen, heilbringend sei,--aber wie wenig schwebte solch ein Ziel mir bei all meinem Wirken vor!

Wohl habe ich in der vergangenen Woche Zeit gefunden zu allem, was mein Herz begehrte, aber habe nicht, so wie ich sollte, mich bestrebt, mich als ein Glied der Genossenschaft zu beweisen, welche dein offenbartes Wort bewahren und das Licht, das göttliche Licht, der Welt leuchtend erhalten soll, und wenn ich auch einige flüchtige Augenblicke dazu anwandte, so konnte das doch nur wenig bedeuten für den, welchem die Sorge für die Bedürfnisse des Lebens keine Zeit lassen, frei zu atmen und an deine heiligen Wahrheiten zu denken. O Herr, deshalb bete ich zu dir: laß den heiligen Sabbat mir anbrechen, daß er meiner Seele Frieden bringe, auf daß ich deine unendliche Güte erkennen möge und aufs neue zu allem Guten erglühen und dazu beseelt werden möge, im Verein mit deinen wahren Anbetern dir zu dienen, den Glauben zu pflegen, zu fördern, was der Gesamtheit zum besten dient, mich allem fern zu halten, was den Israeliten entheiligt und mit neuer Lust aus der Quelle des Lebens zu schöpfen, in deinem Wort zu forschen, daß es mich in deiner Wahrheit stärke und wie eine reine Flamme voller Klarheit über die Erde leuchte und mich auf meinem Pilgerwege begleite, bis ich es in Herrlichkeit aufleuchten sehe, wenn die ewige Sabbatruhe kommt, wo seliger Friede und himmlische Ruhe mich bei dir erwarten!

Amen!

XXVII. Betrachtung zum Mussaphgebet.

(Das Nachfolgende ist ein Abschnitt aus dem Talmud (Tractat Kritôth), welches die Art und Weise behandelt, in der das Rauchopfer zubereitet wird. Anstatt einer wortgetreuen Übersetzung wird folgendes Gebet gegeben).

Pittum hak'tôres.

So nähert sich denn die Zeit des Verweilens in deinem Hause ihrem Ende, und die angeordneten Gebete haben wir verrichtet; aber ach, wie mancher Augenblick weckte nicht einen Gedanken in uns, der wider den Geist des wahren Gebetes stritt! Wie oft regten sich nicht sündige Gefühle in unserer Brust; wie oft störten wir durch unser Benehmen nicht die Andacht anderer, wie oft wankten wir nicht beim Gebet im Glauben an Erhörung; wie oft ärgerten wir uns nicht über die Herrlichkeit und den Glanz der Gottlosen und ließen den Nächsten, ließen den Abgefallenen aus unserm Gebete ausgeschlossen sein, so daß unsere Anbetung dir nicht zum Wohlgefallen sein konnte! Deshalb, o Allerbarmer, wollen wir des Rauchopfers gedenken, das vormals im Heiligtum dir zu einem wohlgefälligen Dufte dargebracht wurde, auf daß es alles Widerliche vom Opfer entferne. Wir wollen uns an die vier Hauptbestandteile des Räucherwerks erinnern, daß jede Andachtsträne, die heute floß, wie ein Balsamtropfen sein, jeden bekümmerten Sinn heilen und von wahrer und innerlicher Buße hervorgerufen sein möge; daß des Herzens harte Schale zermalmt werde, und wir keinen Zweifel nähren mögen, daß du das Gebet eines zerknirschten Herzens[102] nicht verachtest. Und wir wollen uns erinnern, daß man dem Weihrauch auch Galban, eine Substanz von unangenehmen Geruch, zusetzte, eine Erinnerung für uns daran, daß du selbst die Tiefgefallenen erhörst, welche bereuend ihre Gebete in das Gebet der Gemeinde mischen, ja eine Erinnerung daran, daß unsere eigene, fromme Erbauung[103] dadurch vermehrt wird, wenn wir diese in unser Gebet einschließen, wenn wir uns selbst zu ihnen rechnen und in Demut deinen Namen anflehen; eine Versicherung, daß wenn wir auch eine Stunde vergaßen, daß wir vor dir stehen und andachtslos hier weilten, du uns doch vergeben willst, wenn wir mit heiligem Sinne kommen und unsere Gebete wie Weihrauch zu dir aufsteigen lassen, und wenn wir noch zum Schluß recht innig unsern Geist zu dir erheben. O, Allheiliger, erhöre uns und laß unser Gebet vor dir wie ein Rauchopfer ein.[104]

Amen!

[Fußnote 102: Ps. 51, 19.]

[Fußnote 103: Kritôth Fol. 6, 66.]

[Fußnote 104: Ps. 141, 2.]