Chapter 10
[Fußnote 90: Wenn man in der späteren Zeit auch auf jüdischen Friedhöfen prachtvolle Grabmäler, sogar mit heidnischen Sinnbildern geschmückt, hervorragen sieht, so kann man nur beklagen, daß der erhabene Geist der jüdischen Religion so wenig erkannt wird; denn dieser gebietet einen bescheidenen Wandel im Leben, um wie viel mehr verbietet er also das Entgegengesetzte im Grabe. Man muß beklagen, daß die Kurzsichtigen nicht einsehen wollen, daß alle diese Denkmäler zuletzt verwittern werden, so daß niemand die Stätte mehr kennt, wo sie gestanden haben. Wie viel besser, wenn die Summen, welche darauf verwendet worden sind, zu Wohltaten gespendet worden wären. Und ist es auch nur eine geringe Summe, so könnte doch die Rente davon einer armen Familie jährlich eine frohe Woche verschaffen, und da würden Freudentränen als dankbare Beweise dem Gedächtnisse eines längst Entschlafenen fließen.]
Wenn es demnach eine uralte Sitte ist, an gewissen Tagen im Jahre die Gräber zu besuchen, besonders, wenn der Tag wiederkehrt, an dem man einen seiner Verwandten verloren hat, oder wenn Sorgen und Bekümmernis unsern Sinn darniederdrücken,[91] so ist es eine Selbstfolge, daß eine jede abergläubische Vorstellung davon fern gehalten werden muß, jene schwärmerischen Gedanken, als ob man mit den Toten verkehren oder sie sogar anbeten könne, was ganz und gar wider die Grundsätze unserer erhabenen Religion streitet (5. Mos. 18, 9. 11.); denn die, denen Gott sich offenbart hat, heißt es bei den Propheten (Jes. 8, 19.), die sollen sich zu ihm wenden, der einen jeden erhört, der ihn in Wahrheit anruft, und nicht die Toten für die Lebenden fragen.
[Fußnote 91: Cir. Taanith. Fol. 16 u. 23, wonach in älteren Zeiten die ganze Gemeinde in Zeiten der Bedrängnis, z. B. bei Mißernte, in Kriegszeiten, u. s. w. sich auf dem Friedhofe zum Gebet versammelte.]
Nein! Ganz andere Gesichtspunkte sind es, von denen aus der Besuch der Gräber bei den Juden verstanden und begriffen werden soll. Zuerst und vor allen Dingen soll er den Namen Gottes heiligen und es laut verkünden, daß der Allgütige gerecht ist, wie unerforschlich auch seine Wege sind. Dort legt er, wenn einer seiner Lieben zur Erde getragen wird, das Bekenntnis ab, daß des Allmächtigen Schöpfers Werk vollkommen und alle seine Wege gerecht sind (5. Mos. 32, 4). Je mehr es uns in dem schweren Augenblick, wo der Leichnam eines unserer Lieben versenkt wird, vorkommen könnte, als ob manches Menschen Dasein unvollendet geblieben sei, und wir in der Bitterkeit des Schmerzes versucht werden könnten, Gottes Gerechtigkeit zu bezweifeln, destomehr sollen wir unsere wahre Ergebenheit in Gottes Willen, unsern unverrückbaren Glauben beweisen, und indem wir der künftigen Welt gedenken, es bekennen, daß der Herr gerecht ist. Und diesen Glauben sollen wir jedesmal stärken, da wir die Gräber besuchen.
Sowohl das Leben als der Tod scheinen uns in Wahrheit rätselhaft. Wir sehen hier nicht nur Menschen jeden Alters und Standes bestattet, und scheinen oft Grund zu der Frage zu haben, weshalb es diesen oder jenen treffen mußte, sondern wir sehen auch solche, deren Wirksamkeit uns von der größten Wichtigkeit zu sein schien, in der Blüte der Jugend fortgerissen, während die, welche nach unserer Meinung für die Welt ganz entbehrlich waren, erst hochbetagt zu den Ihrigen versammelt wurden. Mütter wurden von den Kindern fortgerissen, während diese noch der mütterlichen Pflege bedürftig waren, und die Hoffnung der Zukunft, die lebendige Jugend, ging den Weg alles Fleisches, während schwächliche Greise erst spät ihr Haupt zur Ruhe legten. Aber je rätselhafter hier uns alles erscheint, desto innerlicher sollen wir das Wort des Glaubens erfassen, daß der Herr wohl wunderbar in seinem Rate ist, aber doch herrlich in seiner Tat, und daß das, was er geschaffen hat, vollkommen ist, und das, was uns als gestorben erscheint, begonnen hat, seiner Vollendung entgegenzugehen. Denn beide Welten stehen in Verbindung mit einander; das ewige Leben nimmt seinen Anfang schon mit diesem, und was der Unerforschliche bestimmt, muß gerecht sein.
Bereits hier auf Erden nimmt das ewige Leben seinen Anfang, und gerade dieser Gedanke ist es, der dadurch lebendig in uns werden soll, daß wir die Grabstellen der Entschlafenen besuchen,[92] wo aller Stolz und alle Eitelkeit uns verlassen sollen und die Macht der Sinnlichkeit gebrochen wird. Nur allzu leicht vergessen wir unsere wahre Bestimmung im Taumel des Lebens, allzu leicht betrachten wir Reichtum, Ehre und Vergnügungen als die Güter, welche wir zumeist erstreben sollen, als ob sie uns niemals entfliehen würden, aber hier auf dem Friedhof:
»Hier zeiget deutlich uns das Grab, Wie Glanz und Reichtum nichts als Staub, Der Jugend Blüten fallen ab, Und Weltenruhm welkt hin wie Laub!«
Hier sehen wir wie schnell alle Herrlichkeit verschwindet, wie der Ehrgeizige mitten in seinem hochstrebenden Vorhaben gehemmt wird, und die stolzesten Pläne im Nu vernichtet sind. Und hier, wo Groß und Klein gleich sind, (Ijob 3, 19.), wo wir erfahren, daß deren Namen im Dunkeln verborgen bleiben (Pred. 6, 14.), die mit Eitelkeit kommen und im Finstern gehen, hier beschließen wir, im Licht zu wandeln und nach einem guten Namen zu streben (Pred. 7, 1.), denn der Mensch in all seiner Herrlichkeit ist nichts, wenn er nicht durch seine Taten und Handlungen darnach strebt, das ewige Leben zu erreichen.
[Fußnote 92: Der Friedhof wird deshalb nicht nur das Haus der Gräber (Beit Hakvarot]) sondern auch das Haus der Lebenden (Beit Hachayim) (Beit Olam)] genannt oder das Haus der Ewigkeit.]
Und zu einem solchen Streben soll der Gang nach den Gräbern uns entflammen. Wir sind die Arbeiter, die der Herr in seinen Weinberg gestellt, daß sie ihr Tagewerk verrichten sollen; ob wir früh oder spät davon abberufen werden, das ist nicht unsere Sache, nur das ist unsere Sache, daß wir vollführen, so viel wir vermögen. Aber der Tag ist kurz, und die Arbeit ist groß (Ijob 7, 1-6), und nur allzu oft glauben wir, daß noch Zeit genug ist, zur Tätigkeit und zur Umkehr. O, hier werden wir erinnert, wie viele Menschen in ihrer Blütezeit starben, wie wenige auch nur einen Teil ihres Berufes haben erfüllen können, wie wenige, deren Arbeit für die Zeit genügte, die ihnen zugemessen war; hier werden wir daran erinnert, daß das irdische Leben dahinfährt wie ein Schatten, und wir werden zu eifriger Tätigkeit ermuntert, die Zeit zu benutzen, ehe sie verronnen ist.
Wie viel tragen hierzu nicht die Gedanken an den frommen und wohltätigen Wandel der Verklärten bei! Wohl sollen wir uns im Leben nach Vorbildern umschauen und ihnen nachzuahmen suchen; aber so lange die Hülle des Staubes die Seele umgibt, bemerken wir nur zu leicht die Mängel, die an jener kleben. Erst wenn wir die irdische Gestalt nicht mehr sehen, dann steht die lautere Tugend der Heimgegangenen, ihrer Seele reiner Adel klar vor unseren Blicken; rein ist jetzt unsere Liebe zu ihnen, und mit größerer Liebe umfassen wir am Grabe die Teuren, über deren Gegenwart wir uns noch freuen können, und wir erfahren in Wahrheit, »daß das Gedächtnis der Frommen zum Segen ist.« Denn unser Sinn weilt nicht nur bei den auf dem Friedhof schlummernden Abgeschiedenen, sondern auch bei den schon längst Heimgegangenen, bei allen Vätern und Müttern, den Propheten und Märtyrern, den Lehrern und Führern, die einstmals gelebt haben und deren Andenken uns heilig ist. Nicht als ob wir an sie dächten, wie an Heilige, die angebetet werden sollten, denn des größten Propheten Moses Grab wurde gerade verborgen, damit es nicht ein Gegenstand abergläubischer Anbetung und Wallfahrt werde, sondern wir gedenken ihrer hier, um uns ins Gedächtnis zu rufen, wie sie für die Wahrheit gelitten und gestritten haben, um uns zu erinnern an die Verfolgungen, die sie um des Glaubens willen geduldet haben, wir gedenken ihrer, weil ihr Leben ein Zeugnis für die Unsterblichkeit ablegt. Hier erinnern wir uns auch der Liebe, welche die Heimgegangenen zu uns hegten, während sie noch in der Hülle des Staubes wandelten, einer Liebe, die gewiß im Reich der Ewigkeit erhöht werden muß, die bei uns die Überzeugung eines Wiedersehens jenseits des Grabes weckt, und Balsam in das wunde Herz träufelt. Ja, der Gang zum Grabe soll uns besonders Tröstung und Frieden verschaffen, wenn der Weg des Lebens rauh wird, wenn irdisches Weh uns ergreift und unsre Seele Ruhe sucht.
Am Jahrestage des Todes eines der Eltern.
1. Herr des Lebens und des Todes, der du dem Menschen das Leben gibst und ihn zur bestimmten Zeit und Stunde wieder abrufst, hier stehe ich vor dir an dieser Stätte, die eines der teuersten Güter meines Lebens in sich birgt; hier liegen meines teuren Vaters (meiner geliebten Mutter) Gebeine; hier schläfst du den ewigen Schlaf, du, dem (der) ich meines Lebens ganzes Glück schulde, du meines Herzens schönster Schmuck, meiner Seele kostbarster Schatz. O! erst jetzt, da ich dich für immer vermisse, fühle ich, was du mir gewesen bist, was ich für dich hätte sein sollen, o, wie oft habe ich schon als Kind deine treue Liebe verkannt, mit Undank dir deine freundliche Fürsorge vergolten. Siehe, deshalb will ich hier an deinem Grabe meine Reue vor Gott aussprechen, daß er mir vergeben möge, so ich gegen dich gefehlt habe, will ihn bitten, daß er über deine Asche Frieden walten lassen möge, und ihm geloben, daß ich, da ich dich verloren habe, noch nach deinem Tode die Pflichten kindlicher Liebe gegen dich dadurch erfüllen will, daß ich deinen Namen stets in Ehren halte. O Gott! stärke du mich, daß ich fest am Glauben halte, daß ich als frommer und gottesfürchtiger Israelit (meinen..........) im Himmel Freude bereiten möge, verleihe mir Kraft, daß ich mir ein reines Herz bewahre, um das Andenken (meines....) durch gute Werke und durch gottgefällige Handlungen zu verewigen. Und wenn du mich einst aus diesem Leben abrufst, laß mich dann ohne Scham vor die Seele treten können, die jetzt bei dir weilt. Dazu sei dieser Todestag mir eine Triebfeder, o himmlischer Vater, gewähre mir, was ich von dir erbitte, o Gott. Ich bete für die Errettung der Seele meines gestorbenen (.........), laß ihn (sie) in den Bund des Lebens aufgenommen sein, laß den frommen Entschluß, den ich heute fasse, dir wohlgefallen und nimm mich einst in Gnaden auf.
Amen!
Ein anderes Gebet bei derselben Veranlassung.
2. Herr, o allgütiger Vater im Himmel, hier bei diesem stillen, bescheidenen Grabeshügel, der die Asche eines so teuern Verwandten bedeckt, hier erhebe ich, dein schwaches, sterbliches Kind, mein zerknirschtes Herz zu deinem Himmel, wo die unsterblichen Seelen, deren Staub hier ruht, wie die Sterne leuchten. O Gott der Liebe! gedenke mit väterlichem Erbarmen der Seele, an deren Scheiden dieser Tag mich mit so tief innerlicher Wehmut erinnert. Noch schwebt mir die wehevolle Stunde vor, da du diese teure Seele (meinen Vater, meine Mutter) von mir riefst. Ach, wie ganz anders war doch mein Leben, da sie noch als mein leuchtendes Vorbild hier auf Erden wandelten; wie manche Freude haben sie mir bereitet! Wie oft stärkten sie mich durch ihren weisen Rat! O! ich erinnere mich ferner, welche Hoffnung (der liebe Vater, die gute Mutter) auf mich setzte, wie ich voll Hoffnung zu ihm, (ihr) aufschaute, wie ich darnach strebte, seines (ihres) Alters Stütze zu sein, und wie er (sie) so rasch von meiner Seite hinweggerissen wurde, ehe diese Hoffnungen noch in Erfüllung gehen konnten. Doch mein Glaube lehrt mich, daß, was du Allmächtiger tust, gerecht, weise und heilbringend ist, er belebt mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen jenseits des Grabes, wo mir offenbar werden soll, daß des Menschen höheres Hoffen erfüllt wird. O, vergönne mir denn heute, daß ich mich deinem Throne nähere und dich um Kraft dazu anflehe, daß es mir glücke, auf meiner Pilgerreise etwas zu wirken, das von dem frommen Geist zeugen möge, den der Heimgegangene in meiner Seele gepflegt hat. Stehe mir bei, daß ich die Gaben, welche du mir verliehen hast, dazu anwende, durch meine Handlungen dem Verklärten ein ewiges Angedenken in der Gemeinde zu gründen. O, Herr leite mich, daß meine Wege dir gefallen mögen, und nimm mich zuletzt mit Ehren auf.
Amen!
Am Grabe des Vaters, am Jahrestage seines Todes.
3. An diesem Tage, der mich so lebhaft an die Sorge erinnert, die mein Herz erfüllte, als du zur Ewigkeit abgerufen wurdest und nur der Gedanke an die Unsterblichkeit, den du, mein heimgegangener Vater, mir eingeprägt hast, mir Trost verleihen konnte,--an diesem Tage nahe ich mich deinem Staube, um meinem niemals genügend ausgesprochenen Dank zu äußern, den ich dir für all deine väterliche Fürsorge, die du mir mit so vieler Aufopferung bewiesen hast, schuldig bin. Der alliebende Vergelter wird dort gewiß deine Seele dafür belohnen, und sie wird himmlische Freude und Glückseligkeit in dem Bewußtsein finden, daß dein Kind darnach strebt, den Weg der Frommen zu gehen, auf dem es die Vollkommenheit erreichen kann. Dein Andenken soll mir deshalb stets heilig und unvergeßlich sein; oft will ich der guten Lehre, der liebevollen Ermahnungen und nützlichen Warnungen mich erinnern, die ich aus deinem Munde empfangen habe. Wenn die Versuchung kommen sollte, will ich mich damit wider sie kräftigen und sie besiegen, daß ich mich frage: entspricht deine Handlung wohl der frommen Weisung, die du von deinem Vater erhalten, stimmt sie mit seinem rühmlichen und wohltätigen Wandel überein? Würde er sie billigen können und ihr seine Zustimmung verleihen? Würdest du ihn nicht damit betrübt und das Herz verwundet haben, welches stets für dein Wohl schlug? Ja, geliebter Entschlafener! Dein Leben soll mir ein leuchtendes Vorbild auf meiner irdischen Laufbahn sein. Ich will der unerschütterlichen Standhaftigkeit gedenken, mit der du an deinem Glauben hieltest, der innigen Teilnahme, mit der du dich in der Schar der Betenden einfandest, der Sparsamkeit, die du bewiesest, wenn es die Genüsse des Lebens galt, und der Freigebigkeit, womit du den Bedrängten halfest. O, du Allmächtiger im Himmel! der du gewiß der Seele meines verstorbenen Vaters das Reich der Ewigkeit aufgetan hast, laß auch meinen Wandel mehr und mehr dazu beitragen, daß sie froh werde, dein Angesicht in voller Klarheit zu schauen; erhöre die verklärte Seele, wenn sie vor deinem Thron ihre Fürbitte für mich niederlegt. Zeige du mir den Weg des Lebens, denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte sollen wir Licht und Seligkeit schauen in Ewigkeit.
Amen!
Am Grabe der Mutter, am Jahrestage ihres Todes.
4. Mutter! Liebe Mutter! Das Kind, welches du einst unter deinem Herzen getragen und das du so treulich mit innigster Liebe gepflegt hast, als du noch unter den Sterblichen wandeltest, dieses dein Kind kommt an diesem heiligen Gedächtnistage zu deinem Grabe, indem Tränen der Wehmut und der Liebe seine Augen füllen. O, daß dein Geist dorten wahrnehme die dankbaren Gefühle, die mich in diesem Augenblick durchströmen. Ach, wie wenig war ich doch imstande, meine kindliche Erkenntlichkeit dir zu beweisen; kaum verstand ich die mütterliche Liebe zu schätzen. Aber seit ich dich nicht mehr habe, habe ich erst recht die Größe meines Verlustes kennen gelernt, seit der Zeit, da du nicht mehr auf Erden wandelst, werde ich täglich daran erinnert, wie viel Dank ich deiner mütterlichen Fürsorge schulde, wie du Selbstverleugnung übtest, um das Glück und Wohl deines Kindes zu fördern. Ich weiß nicht, wie ich meine Schuld bezahlen soll, außer daß ich mich bestrebe so zu leben, daß ein Jeder, der meinen Wandel auf Erden sieht, ausrufen muß:»Heil dem Weibe, das ihn geboren hat,« und daß ich so deinen Namen mit Ruhm verewige. Deine Seele sei ein unsichtbarer Engel, der mich stets umschwebe, mich von Sünden und Lastern fern halte, und mich stets an die heilige Andacht erinnere, mit welcher du in deinem Heim, wie im Gotteshause zu dem Herrn betetest, sodaß mein Herz dadurch fromm und mein Sinn milde werde.--Und du, himmlischer Vater, der so gerne die Gebete seiner Kinder erhört, o! erhöre mich, wenn ich bete: schenke meiner heimgegangenen Mutter dort, wo nur Liebe und Friede herrscht, jene beseligende Wonne, die du deinen Heiligen bereitet hast, zu denen auch sie ja sicher zählt, daß sie es wissen, wenn ihre Nachkommen in Reinheit und Frömmigkeit vor dir wandeln. Stärke mich dazu, daß ich einst, wenn die Bande des Staubes fallen, und der Geist zu dir emporsteigt, mit heiliger Freude einer seligen Wiedervereinigung mit meiner verklärten Mutter und allen Edlen, die bei dir sind, gewiß sein kann. Dein Name sei gepriesen in aller Ewigkeit.
Amen!
Am Grabe eines Kindes.
5. Allweiser! du, dessen Gedanken weit hinausreichen über die unseren, vergib, wenn mein betrübtes Herz hier am Grabe eines geliebten Kindes seufzt, an das meine Seele so fest geknüpft, das meines Lebens Stolz, Freude und Hoffnung war. Ach, so oft ich mich seiner Asche nähere, werden die traurigen Betrachtungen erneuert, die sein Verlust verursachte; ach, welch freudige Aussichten wurden durch seinen Tod vernichtet, welche Hoffnungen mit ihm bestattet! Doch es ist deine Weisheit, erhabenes Wesen, das ich anbete; du weißt ja besser, als die schwachen Sterblichen, was zu ihrem Heile dient. Die fernste Zukunft liegt ja vor deinem Blicke offen da, und du kennst die Tage deiner Frommen, wenn sie zum ewigen Erbe und Lohn erfüllt sind. (Ps. 36, 18.) Du wolltest vielleicht meinen so früh heimgegangenen Liebling vor großen Gefahren und Versuchungen, vor unzähligen Beschwerden bewahren. Wohl rinnen meine Tränen bei dem Gedanken, daß ich niemals mehr hier auf der Erde dem begegnen soll, was meine Augenweide war, aber ich will in dem Gedanken Trost suchen, daß die Unschuldigen, welche früh sterben, doch lange gelebt haben; denn ihre Prüfungszeit war bald vorüber, ihre Seele gefiel dem Ewigen, deshalb beeilte er sich, dieselbe von dem sündigen Leib zu befreien und sie dorthin zu versetzen, wo sie besser der Vollkommenheit entgegenreisen kann. Ich will Trost in der Überzeugung finden, daß ich durch Ergebenheit in deinen Willen deinen Namen heiligen soll, du Heiliger!--O, mein geliebtes Kind, sehe ich dich auch nicht mehr um mich, ewig will ich dich doch mein nennen und in der Hoffnung leben, daß ich dich einst verklärt unter den Engeln in der Ewigkeit wiedersehen werde. O, wenn ich nur nichts versäumt habe in der Ausbildung deines unvergänglichen Geistes! (Dein frühzeitiger Tod soll mich noch mehr bestimmen, deine Geschwister nicht nur für die Welt, sondern auch für den Himmel zu erziehen, indem ich in ihrem Herzen den Glauben befestige und so dieselben zur Seligkeit vorbereite.) O Herr! vergib mir, wenn ich je meine mütterlichen Pflichten vergessen habe, und laß die teure Seele, die jetzt bei dir ist, schon mehr und mehr deinem Reiche entgegenreisen! Erhöre mich, o himmlischer Vater, und laß Trost, Ruhe und Seligkeit mein Inneres erfüllen, so daß ich freudig deinen Namen in aller Ewigkeit preisen kann.
Amen!
Eine Witwe am Grabe ihres Mannes.
6. Friede sei mit deinem Staube, du meines Lebens leitender Stern, du meiner Kinder Versorger und Führer![93] Ach, wenn auch viele Tage verflossen sind, seit der Allweise in seinem unerforschlichen Ratschluß dich von mir rief, so fühle ich doch jedesmal, wenn ich mich deiner Ruhestätte nähere, meinen tiefen Schmerz und erinnere mich mit süßer Wehmut unseres glücklichen Zusammenlebens, von dem Augenblick an, da du mir freundlich entgegen lächeltest und den Frühling meines Lebens mir verherrlichtest, da deine Gedanken nur darauf zielten, mir Glück und Frieden zu bereiten, für das Wohl unserer Kinder zu sorgen, bis zu der Stunde, da dein Auge brach, und das Licht, das mein Haus erhellte, verdunkelt wurde, und Sorge und Bekümmernis für meine Kleinen mein Herz überwältigten. O, ich kann nicht ohne Tränen fragen: weshalb, o Herr, sollte er mir genommen werden? Aber gerade dieser Schmerz über deinen Verlust löst sich in dem seligen Bewußtsein auf, daß du mir nahe bist! Ja, ich habe, ich besitze dich noch. In meines Herzens Tiefe schließe ich dich ein, denn das, was uns vereinigt hat, ist unsterblich. Das leibliche Auge sieht dich nicht mehr, aber mein geistiges Auge erblickt dich noch, und es ist mir, als ob deine ermunternde Stimme mich stärke. Zeige du mich hin zu ihm, der den Witwen ein Führer und den Vaterlosen ein Vater ist, der die heimsucht, welche er liebt, und dessen Wege all zu erhaben sind, als daß wir Sterbliche sie verstehen könnten, die aber sicherlich zum Guten führen. Ja, Allheiliger! Stärke mich zur Ergebung in deinen heiligen Willen, gieße Balsam in mein wundes Herz, vergib mir meine Sünden und erbarme dich über meine Kinder. Gib mir Kraft sie zu allem Guten zu erziehen, und wecke du in ihrem Innern eine fromme Denkungsart, daß sie dir um Wohlgefallen, mir zur Freude und meinem heimgegangenen Gatten zum rühmlichen Gedächtnis werden möchten. Beschirme die Tage meiner Zukunft und gedenke stets der teuren Seele, deren Verlust ich beweine, zum Guten und zur ewigen Glückseligkeit.
Amen!
[Fußnote 93: Wenn sie keine Kinder hat, muß natürlich alles, was darauf hindeutet, aus diesem Gebet weggelassen werden.]
Am Grabe eines gefallenen Vaterlandsverteidigers.
7. Mit Ehrfurcht und Dankbarkeit nahe ich mich diesem Grabe, o Ewiger! wo der Staub dessen ruht, der heldenmütig sein Leben geopfert hat, um des Vaterlands Recht und Wohlfahrt zu schützen. O, Allgerechter, wie sein Andenken ewig teuer ist und sein muß für einen jeden, der es aufrichtig mit seinem Volke und Vaterlande meint, und wie seine Ruhestätte allezeit von den Tränen heiligster Erinnerung benetzt werden wird, so belohne du ihn dort für seine fromme Tat, wo allein wahre Treue und Aufopferung für die Mitmenschen vollkommen belohnt werden kann. Ja, du, der du hier schlummerst, du hast es gezeigt, daß, so kostbar auch das Gut des Lebens ist, doch noch ein höheres Gut vorhanden ist, für das man jenes hingeben muß. Du täuschtest das Vertrauen nicht, das man in der Stunde der Gefahr auf dich setzte; unerschrocken tratest du dem Tode entgegen, und welch süße Bande dich auch fesselten, du rissest dich von ihnen los und kämpftest mit Mut und Kraft, wie die Helden des Altertums, sicher, daß nur der vergängliche Teil des Menschen überwunden werden und fallen kann, der unvergängliche aber siegen muß. An deinem Grabe soll sich die Jugend für Vaterlandsliebe begeistern, soll der Mut in den Söhnen des Landes entflammt werden, ja, hier will ich mich begeistern, jedes Opfer, das in meinen Kräften steht, für das Vaterland, für die Brüder, für die Gemeinde zu bringen. Hier will ich lernen, für meinen Glauben zu dulden und zu streiten, hier will ich als ein treuer Bürger lernen, alles zu bekämpfen, was dem Wohle des Vaterlandes schaden kann, und als ein wahrhafter Diener Gottes in jedem Kampfe für mein himmlisches Vaterland bis zum Letzten ausharren. Hilf du mir, Allheiliger, daß meine Seele den Tod der Gerechten sterben und mein Ende dem der Frommen gleichen möge. Sei mit mir, Allgegenwärtiger, und laß meinen Wandel dir stets wohlgefallen.
Amen!
Beim Grabe eines Verwandten.
(Nach einem älteren hebräischen Gebet.)
8. Hier an dieser Stätte, wo der Gedanke an ihn, der zum Tode wie zum Leben führt, in unserm Innern lebendig wird, hier erhebe ich meinen Geist zu dem Unendlichen und sage: mein Gott, du mein teuerstes Gut, das mir über alles geht, nächst dir strebt meine Sehnsucht nach jenen wahrhaft Frommen, welche jetzt die Erde deckt, und hier weilt die Asche eines mir teuren Körpers;
Mutter oder Großmutter am Grabe eines Kindes:
Siehe, ich deine Mutter, welche dich (geboren), gepflegt und geliebt hat, mit treuer mütterlicher Sorge mit inniger Zuneigung,
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Kinder oder Enkel am Grabe der Eltern oder der Großeltern:
Siehe, ich deine Tochter (Enkelin), die durch die heiligen Banden des Blutes mit dir verbunden ist;
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Am Grabe eines Ehegatten:
Siehe, ich, deine treue Gattin, welche dich innigst liebt!