Chapter 1
Produced by Chuck Greif, Mrs. L. Buchsbaum and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Gebete für Israeliten zum Gebrauche beim Gottesdienste, im Hause und auf dem Friedhofe
von
Prof. Dr. A. A. Wolff, Oberrabbiner in Kopenhagen. R. v. D.
Fünfte vermehrte und verbesserte Auflage. Frankfurt a. M. Verlag von J. Kauffmann. 1908.
Druck von M. Lehrberger & Co., Rödelheim.
* * * * *
Inhaltsverzeichnis.
Zu Hause ehe man ins Gotteshaus geht Nach dem Eintritt ins Gotteshaus Desgleichen
I. Gebete nach den vorgeschriebenen täglichen Gebeten zu lesen
Allgemeines Morgengebet Allgemeines Abendgebet
II. Gebete für jeden Tag der Woche
Am Sonntag.
Morgengebet Betrachtung über 1. B. M. 1, 3.-4. Abendgebet
Am Montag.
Morgengebet Betrachtung über 1. B. M. 1, 6.-8. Abendgebet
Am Dienstag.
Morgengebet Betrachtung über 1. B. M. 1, 9.-13. Abendgebet
Am Mittwoch.
Morgengebet Betrachtung über 1. B. M. 1, 14.-19. Abendgebet Seite Am Donnerstag.
Morgengebet Betrachtung über 1. B. M. 1, 20.-23. Abendgebet
Am Freitag.
Morgengebet Betrachtung über 1. B. M. 1, 24.-31. Abendgebet
Am Sonnabend.
Am Sabbat-Morgen Beim Ausheben der Thora am Sabbat Bei der Verkündigung des Neumondes Ein anderes Gebet bei der Verkündigung des Neumondes Am Sabbat-Nachmittag Am Neumondstage Am Sabbat-Abend
III. Gebete an den Feiertagen
Abendgebet an den drei Festen: Peßach, Schabuoth (Wochen-) und Succoth (Laubhüttenfest) Morgengebet für den ersten und zweiten Tag des Peßachfestes Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes Morgengebet am Wochenfeste
Am Neujahrsfest.
Am Vorabend des Festes Am Neujahrstag Beim Schofarblasen
Am großen Versöhnungsfeste.
Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre) Zum Morgengottesdienst (Schacharis) Beim Mittagsgebet (Mussaph) Beim Nachmittagsgebet (Mincha) Zum Schlußgebet (Neïlah)
Am Laubhüttenfest (Succoth)
Desgleichen als Erntefest Am Schlußfeste (Schemini Azeres) Am Freudenfeste über die Thora (Simchas Thora) Am Feste der Tempelweihe (Chanuka, Lichterfest) Am Purimfest Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab) Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu) Die Hausfrau, wenn sie Chala nimmt Die Hausfrau, wenn sie die Sabbatlicher oder die Festlichter anzündet
IV. Gelegenheitsgebete
Am Geburtstage Am Verlobungstage Am Hochzeitstage In einer glücklichen Ehe, jährlich am Hochzeitstage In einer kinderlosen Ehe In der Schwangerschaft Vor der Niederkunft Nach der Niederkunft Bei der Beschneidung Eine Wöhnerin beim ersten Gang ins Gotteshaus Ebenso nach der Geburt eines totgeborenen Kindes Eine Ehegattin Eine Tochter für die Eltern Im Witwenstande Eine Waise Im Alter Bei der Fortreise von der Heimat Für einen Abwesenden, der auf der Reise ist Zusatz für ein Kind, das auf der Reise ist Gebete in jeder Art der Not und Seelenangst
Gebete in Krankheit
Eine Kranke In bedenklicher Krankheit Desgleichen in Bibelversen Vor einer gefährlichen Operation Fürbitte für einen Kranken Der Kinder Gebet für einen kranken Vater oder eine kranke Mutter Dankgebet nach überstandener Krankheit Gebet in einem Krankheitsfalle (Nach dem Hebräischen) Gebet für einen andern Kranken
Gebete während einer ansteckenden Krankheit
Bei Ausbreitung der Krankheit Gebet um Mut Tröstung Ergebenheit in Gottes Willen Gebet um das Morgen und Abendgebet im Gotteshause oder daheim zu beschließen Desgleichen
Gebete auf dem Friedhofe
Über die Sitte, die Grabstellen zu besuchen und dort zu beten Am Jahrestage des Todes eines der Eltern Desgleichen Am Grabe des Vaters am Jahrestage " " der Mutter " " " " eines Kindes " " des Mannes " " eines gefallenen Vaterlandsverteidigers " " " Verwandten Am Ereb Rôsch Haschonoh
Dankgebet bei Vollendung eines Werkes
Anhang.
Esehu Mekômon (Betrachtung über die Opfer) Bame Madlikin (Freitagabendbetrachtung) Pittum hak'tôres (Betrachtung zum Mussaphgebet)
Zu Hause, ehe man ins Gotteshaus geht.
»Israel! bereite dich vor, vor deinen Gott zu treten.«(Amos 4, 12.)
Es dürstet meine Seele nach dir, o Gott, nach dir, dem lebendigen Gott, und ich will eilen nach deinem Heiligtume, wo dein Name angebetet wird, wo deine Gemeinde sich versammelt, um dich anzurufen, dir zu danken, dich zu loben und dich zu preisen. O! bereits auf dem Wege dahin läutere du meinen Sinn, heilige du meinen Geist, und zünde du in meiner Brust die Andachtsflamme an, die mich und meine Brüder an der heiligen, dir geweihten Stätte durchglühen soll. Denn wohl weiß ich, daß du, den die Himmel und aller Himmel Himmel nicht umfassen, nicht in dem Hause wohnest, das von Menschenhänden erbaut worden, daß du, dessen Herrlichkeit Himmel und Erde erfüllt, mir überall nahe bist, wo ich auch sein mag; wohl weiß ich, daß das fromme Gebet, welches meine Seele in meiner Einsamkeit stillen Kammer zu dir empor sendet, auch Gnade und Erhörung vor dir findet, aber auch dies weiß ich, daß der Geist des wahren Gebets, der nicht persönliches Wohl, sondern das Wohl und Heil aller sucht, der nicht bloß das Glück und die Wohlfahrt der Erde, sondern auch das Nahen des himmlischen Reiches erfleht, der nichts begehrt, nichts fordert, sondern nur im Glauben und in der Erkenntnis sein Höchstes findet und sein treues Bekenntnis dieses Glaubens vor aller Welt ablegen möchte;--ich weiß, daß dieser Geist des wahren Gebets mir fehlen würde, so dessen Flamme, die zuerst in der Mitte der Gottesgemeinde angefacht wurde, nicht auch in ihr stets Nahrung fände. Was ich glaube, und um was ich bete, und wonach mein Herz sich sehnt, soll ja nicht in meinem Innern verborgen bleiben, es soll ja auch als ein freudiges Zeugnis auf meinen Lippen hervortreten und vor der Welt, so wie vor anderen Glaubensbrüdern von mir als meines Lebens Schild und als ein köstlicher Schatz gepriesen werden. Ach, sind ja leider so viele, welche in Leichtsinn hinleben, so daß sie die Bande lösen, die sie mit der Gemeinde innigst verbinden sollten, und welche jedes Kennzeichen auslöschen, das sie an ihren väterlichen Glauben erinnern könnte; aber desto mehr will ich die Stätte aufsuchen, wo Israeliten sich sammeln, um dich in jüdischer Weise zu verehren. Schon dies, daß mein Gang nach dem Bethause gerichtet ist, schon dies soll ein Zeugnis sein, das ich vor der Welt ablege, daß ich zu dieser heiligen Gemeinschaft gehöre, und daß ich über den Spott und Hohn erhaben bin, womit jene, die sich die Weisen der Welt nennen, auf diejenigen sehen, die dich, o Ewiger, nach ihrer Väter Weise verehren. Und wie sehr wird nicht meine Andacht, meine fromme Sehnsucht durch den Gedanken erhöht: Ich stehe nicht allein mit meinem Gebet vor dir, stehe nicht allein mit der Glaubensschar, die sich da versammelt, sondern stehe mit dieser als ein Glied der ganzen Gemeinde Israels da; denn wunderbar hast du, o Herr, es so gefügt, daß meine Glaubensgenossen fast überall, in heißer wie in kalter Zone, da, wo ihnen die Sonne der Freiheit zulächelt, wie dort, wo sie unter Druck seufzen, daß sie fast überall sich doch vor dir zur selbigen Zeit und Stunde sammeln und dieselben bedeutungsvollen, Vertrauen und Demut atmenden Worte ihren Lippen entströmen lassen, so daß ein Laut in gemeinsamer Andacht und Seelenerhebung zu deinem Thron von dem ganzen jüdischen Volke emporsteigt. Nein, nicht allein stehe ich da; denn unzählige der hingeschwundenen Geschlechter erheben sich gleichsam vor meinem andächtigen Blick von ihren Ruhestätten, sowohl die, welche in unterirdischen Höhlen, als die, welche unter klarem Himmelszelte auf ihren Wanderungen dieselben Gebete gebetet, ja mit diesen auf den Lippen ihr Leben aushauchten, indem sie den Märtyrertod erlitten;--mit allen diesen fühle ich mich vereint, indem ich die Worte ausspreche, die prophetische Zungen verkündigt, die heilige, von deinem Geist beseelte Sänger gesungen, und die so viele Zeitalter hindurch uns unter so mannigfaltigen Versuchungen und Prüfungen die Reinheit unserer heiligen Lehre, sowie die Einfalt und Eintracht im Glauben in unsrer Mitte bewahrt haben.--O, so leite du denn meine Schritte, wenn ich in dein Haus wandere, so stärke du meinen Geist, daß er dort von solchen Vorsätzen erfüllt werde, solche Eindrücke empfange und bewahre, daß nie das innige Verlangen, dein Haus aufzusuchen, von mir weiche, und auch nicht die Überzeugung und Gewißheit mir verloren gehe, daß du an solch gemeinsamer Anbetung Wohlgefallen habest. Stärke du mich, o Gott, auf daß mein Glaube dem gleiche, der den Vater der Gläubigen beseelte, als er sein Opfer dir brachte, und gib mir Kraft, daß ich, wie er die Raubvögel,[1] die trüben Zweifel, die verkehrten Einwendungen verscheuche, wenn sie meine Andacht mir rauben wollen; laß darum mein Auge dort in deinem Hause nur auf das achten, was mich erheben und zur Andacht stimmen kann. Laß mich erkennen, daß du uns nach unserm Herzen und unsern Gesinnungen richtest, auf daß Frömmigkeit mich leite, Andacht mich entflamme, und meine Schritte dir wohlgefallen, wenn ich in zahlreicher Versammlung dich anbete;[2] ja sende mir, Vater im Himmel, dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich führen und leiten nach deinem heiligen Berge und zu deiner Wohnung.[3]
Amen!
[Fußnote 1: Buch Mosis 15.]
[Fußnote 2: Ps. 26, 12.]
[Fußnote 3: Ps. 43.]
Nach dem Eintritt ins Gotteshaus.
2. Wie überwältigt werde ich von Gefühlen des Dankes und der Ehrfurcht, indem ich an dieser Stätte weile, Gefühle des Dankes, daß du, o Gott, es dem Sohne des Staubes gestattest, sich zu dir zu erheben, daß du in deiner Liebe ihn selbst dazu aufgefordert »dein Antlitz zu suchen«, daß du uns eine Stätte gegeben hast, wo du deine Herrlichkeit unter uns thronen lassen willst.--O Unendlicher, welche Ehrfurcht durchbebet mich, daß ich, ein Kind des Staubes, Zutritt zu deinem Hause habe und mich dir, dem Allheiligen, nähern kann, daß ich vor dich alles bringen darf, was mein Herz beschwert, zu dir für mein Wohl und das Wohl der Meinen, für die Gläubigen und mit ihnen, ja für die ganze Menschheit beten kann! So hast du in deiner Güte uns gesegnet und uns erhoben. O, laß mich dieser deiner Gnade nimmer vergessen und laß mich während meines Betens stets eingedenk sein, vor wem ich stehe, auf daß du mich würdig findest, ein Träger deines Geistes zu sein. Entferne du von mir jeden fremden und unseligen Gedanken, daß weder die Lust der Welt noch ihr Schmerz den reinen Aufschwung der Seele hindere. O, daß alle, die mit mir hier versammelt sind, voll Demut dich in einem Geiste anbeten, und wir so eine echt israelitische, heilige Brudergemeinde bilden möchten, über welche du selbst »den Geist des Gebetes und der Gnade« ausgegossen!
Amen!
Ein anderes Gebet.
3. So hast du, mein Gott, mich gestärkt und gewürdigt, dein Haus zu betreten, wo alles mir verkündigt:»Hier ist die Pforte des Herrn, Gerechte treten da ein;«[4] o, daß ich zu diesen mich zählen dürfte! Ach, daß dein Himmel mir offen stünde, wenn ich aus ganzer Seele dich im Gebete suche! O, gewähre mir Verzeihung, daß ich rein werde, erschaffe in mir ein reines Herz, verjünge ein festes Gemüt in meinem Innern, auf daß jedes Wort, das über meine Lippen geht, mich in heilige Gemeinschaft mit dir bringe! Erhebe mich über die Lust und den Schmerz der Welt, befreie mich von jeder Sorge und jedem Kummer, auf daß ich mich in dir und mit dir fühle, glückselig wie die Geister des Himmels in deiner Anbetung, und auf daß ich es mit ganzer Seele empfinde, »wie köstlich deine Huld den Menschenkindern ist, die im Schatten deiner Fittige sich bergen, auf daß ich an deines Hauses Segen mich labe und an dem Strome deiner Gnade mich erquicke«.[5] Laß mich auch diesen Segen mit hinaus aus diesem Hause nehmen, daß ich überall deine heilige Nähe fühle und überall dir zum Wohlgefallen lebe!
Amen!
[Fußnote 4: Ps. 118, 20.]
[Fußnote 5: Ps. 36, 8. 9.]
I. Gebete nach den vorgeschriebenen täglichen Gebeten zu lesen.
Allgemeines Morgengebet.
Dein, o Herr, ist der Tag. (Ps. 74, 16.)
4. Alliebender Vater im Himmel! Wie kann ich dir genug für all deine Güte danken, die du mit jedem Morgen mir erneuerst. Deine Gnade hat über mich wiederum diese Nacht gewacht und mir in erquickendem Schlafe neue Kraft und Stärke geschenkt! Während viele sie in Kummer und Unruhe haben zubringen müssen, hast du über mich und die Meinigen gewacht! Gesund und froh grüße ich wiederum diese Morgenstunde und freue mich des Anblicks meiner Teuren und Lieben. O, ich bin zu gering für all die Gnade und für all die Treue, die du mir erweisest, und doch drängt es mich, dich anzuflehen, daß du auch heute mir deine Gnade und deinen Beistand schenkest. Laß auch diesen Tag mir Segen bringen und mich zu dir führen. Dir seien meine Gedanken alle geheiligt, in deinem Namen werde mein Tagewerk durchgeführt! Leite du mich mit deiner Hand, auf daß ich nicht strauchle und von deinen göttlichen Geboten nicht weiche, daß ich mit Gewissenhaftigkeit die Pflichten meines Berufes übe und stets eingedenk sei, daß du einst mich zur Rechenschaft ziehen wirst für jegliche Stunde, die versäumt worden. Läutere du darum mein Herz und breite über meine Seele den stillen Frieden aus, auf daß ich der Kämpfe nicht achte, die du uns in unserem Berufe auferlegst, und nicht ermatte unter den Mühen und Beschwerden, die mit diesem verbunden sind! Erneuere stets die Liebe zu dir in meinem Innern, auf daß ich dich suche und dir diene mit allen meinen Kräften! Laß mich unter meinen Mitmenschen mit einem liebenden Sinn wandeln, der niemanden beleidigt und der zum Verzeihen bereit ist, so daß ich sanftmütig und versöhnlich gegen jedermann sei, dem ich heute begegne! Gedenk, o Gott, daß ich Staub bin, und laß mich frei sein von schweren Prüfungen. So du aber in deiner Weisheit es für gut findest, solche über mich zu verhängen, dann halte du mich aufrecht mit deiner Rechten, und leite du mich mit deinem Rate, auf daß ich nicht wanke und nicht verzage.»Gott, mein Gott, leite meine Schritte nach deinem Worte, sei mein Schild, meine Zuflucht den ganzen Tag; Lob und Preis dir in aller Ewigkeit!«[6]
Amen!
Allgemeines Abendgebet.
Dein, o Herr, ist auch die Nacht. (Ps. 74, 16.)
5. Mein Gott! der Tag ist dahin; ich suche Erholung nach der Arbeit desselben, und bevor ich mich den Armen des Schlafes übergebe, führt mir die Stille der Nacht noch einmal alles vor die Seele, was ich heute gesehen und erlebt, alles, was ich heute getan und vollbracht habe. Ach! wie könnt' ich dir für die vielen Wohltaten genugsam danken, die du heute wiederum mir und allen denen, die mir lieb und teuer sind, erwiesen hast. Du hast nicht nur über meine Schritte gewacht, vor Gefahren mich beschirmt, zu meinem Werke mich gestärkt, und mit allem mich gesegnet, dessen ich bedarf, sondern du hast auch mit so mancher Gabe mich erfreut, mit so mancher Freude mich erquickt; aber auch selbst durch das, was mir für einen Augenblick Kummer und Schmerz verursachte, hast du mich zu dir hingezogen und mich innerlich glückselig gemacht. O! wie demütiget es mich, wenn ich alles dessen gedenke und dann vor meiner Seele alles das vorüberziehen lasse, was ich heute gedacht und getan. Wie oft habe ich nicht dein vergessen, wie oft wurde ich nicht von sündiger Lust erfüllt, für die meine Seele keinen Raum gehabt, wenn der Gedanke, daß du allgegenwärtig seiest, und daß du mein Inneres erforschest, mich ganz erfüllt hätte; ach, und wie wenig geben die Werke, die ich vollführt, wohl Zeugnis davon, daß ich von Liebe zu dir beseelt bin, die mich eifrig und treu in meinem Berufe, unverdrossen und liebevoll gegen meinen Nächsten hätte machen sollen. O, reuevoll schaue ich auf den verflossenen Tag zurück, und mit aufrichtiger Buße flehe ich um deine väterliche Vergebung. Ich will daher selbst, ehe mein Auge sich zum Schlafe schließt, allen denen vergeben, die mir zuwider gehandelt, und mich zu kränken und zu verletzen gesucht haben. Nimm du mich in deinen gnädigen Schutz, schenke mir und den Meinigen nächtliche Ruhe, daß wir durch einen ungestörten und erquickenden Schlaf für den kommenden Tag gestärkt werden, der dir durch einen gerechten und frommen Wandel geheiligt sein möge! Ja, laß die Nacht ihren erquickenden Schatten über alle ausbreiten, daß der Müde und Bekümmerte Kraft und Trost und der Gekränkte und Leidende Beruhigung und Stärkung in dem Segen des Schlafes finde; und jedem, der auf dem Schmerzenslager stöhnend klagt, der in Krankheit oder Bekümmernis ängstlich fragt:»Ist wohl die Nacht bald vorbei?«[7] dem führe lindernde Hoffnung, Geduld und inniges Vertrauen auf dich zu, auf dich, für den »die Nacht leuchtet gleich dem Tage!« Bewahre mich vor Gefahr und Unglück und laß mich nach der Erquickung der Nacht mit dem innigen Verlangen, dir zu dienen, erwachen!»In deine Hand befehle ich meinen Geist, du beschirmst mich, wahrhafter und gnädiger Gott!«[8]
Amen!
[Fußnote 6: Ps. 25, 5.]
[Fußnote 7: Jes. 21, 11.]
[Fußnote 8: Ps. 139, 12.]
II. Gebete für jeden Tag der Woche.
Am Sonntage.
Morgengebet.
6. Eine neue Woche hast du, o gnadenvoller Vater, für mich erscheinen lassen, und eine neue Zeit schenkst du mir wieder, um für mein Wohl zu leben und zu wirken. O, so beseele mich denn mit Ernst und Freudigkeit, auf daß ich das Werk vollführe, das du mir angewiesen. Laß mich die neue Woche damit beginnen, daß ich die heiligen Vorsätze ausführe, die ich gestern gefaßt habe, laß es mir trotz meiner Schwäche gelingen, durch meine Fürsorge und Arbeit das Wohl meiner Brüder zu fördern und zum Wohle der menschlichen Gesellschaft mitzuwirken. Verleihe mir vor allem deinen Beistand, daß ich denen ein gutes Beispiel gebe, in deren Mitte ich wirke; stärke mich, daß ich auf reinen Wandel achte, jedes meiner Worte wohl bedenke und auf jede meiner Handlungen wohl aufmerksam sei, und in der Freude wie im Schmerze mich als ein gottesfürchtiges und gottergebenes Kind zeige, das stets deinen Willen zu erfüllen sucht. Stehe mir zur Seite bei den Mühen und Arbeiten dieser Woche, daß die Mühsal des Tages mir zum Segen werde, und die Freuden, die du mir bereitest, mich unaufhörlich erinnern an den Dank, den ich dir schulde. Stärke mich, daß ich die Widerwärtigkeiten und Unannehmlichkeiten duldend ertrage und selbst denen mich liebevoll erweise, die mich in dieser Woche zu betrüben suchen. Lehre mich deine Weisheit anbeten und deine Güte auch in der schmerzlichen Stunde preisen, die dein Wille mir auferlegen sollte, und jede glückliche, freudenreiche Stunde im Irdischen erinnere mich an die Ewigkeit, der ich entgegengehe. Herr!»laß mit jedem Morgen mich deine Gnade erfahren; denn auf dich hoffe ich; tue mir den Weg kund, den ich zu wandern habe, denn es sehnt sich mein Herz nach dir!«[9]
Amen.
[Fußnote 9: Ps. 143, 8.]
Betrachtung über 1. Buch Mosis 1, 3-4.
7. Allmächtiger, allweiser Schöpfer! Am ersten Schöpfungstage nähert sich meine Seele dir und danket dir, daß du die Finsternis hast schwinden lassen und wiederum, wie einst, da du über die leblose Natur das: »Werde Licht!« riefst, mich von deinem Licht umstrahlt sein läßt, das allem um mich her Kraft spendet und Reiz verleiht. Ach Herr, mein Gott! du, der du so unendlich bist, der du dich hüllest in Licht wie in ein Gewand (Ps. 104), zerstreue du die Finsternis, die noch über so viele ausgebreitet ist, auf daß das Licht der Liebe die Herzen aller Lebenden erleuchte und erwärme! Hilf du mir, daß ich den Weg des Lichtes wandre, daß kein trüber Zweifel meine Seele umschleiere, keine Versuchung mich auf die dunkle Bahn des Lasters führe. Laß deine Gnade und Huld mir und den Meinigen zu teil werden, auf daß wir unser tägliches Brot finden und es in Freuden genießen. Erleuchte mich mit deinem Lichte und deiner Wahrheit, daß sie mich leiten, dich zu suchen, dir zu dienen mit allem, was ich in dieser Woche vornehme, daß keiner meiner Gedanken und keine meiner Taten das Licht des Tages zu scheuen nötig habe. Verschone mich und die Meinigen von großen Sorgen, die den Sinn beschweren, ihn niederdrücken und irre leiten. Und so zuweilen die Aussichten trübe sind, und Angst mein Herz beschleicht, dann laß mich eingedenk sein, daß du gnädig und barmherzig bist, und daß den Frommen ein Licht in der Finsternis aufstrahlt (Ps. 112); laß mich eingedenk sein, daß wir hienieden nicht das volle Licht schauen können, daß es aber in der Ewigkeit herrlich für diejenigen strahlen wird, die dich in Wahrheit anbeten. So nimm mich denn in deinen Schutz, und möge all mein Streben in dieser Woche dazu beitragen, daß ich einst würdig werde, dieses Licht zu schauen,--»sei mir gnädig, segne mich und laß das Licht deines Antlitzes mir leuchten!«[10]
Amen!
Abendgebet.
8. Wiederum habe ich einen Tag verlebt, an welchem du mir so viele Beweise deiner väterlichen Fürsorge und deiner rettenden Gnade gegeben, daß ich tief fühle, was ich dir schulde, und es tief erkenne, wie wenig ich so viel Güte verdient habe. O! mein Gott, gehe nicht ins Gericht mit mir; denn vor dir ist kein Lebender gerecht, sondern vergib in deiner Langmut und Barmherzigkeit meine Sünden, meine Vergehen und Irrtümer, die ich mir im Laufe des Tages habe zu schulden kommen lassen. Erhöre meine Seufzer, die ich in Demut emporsende, auf daß ich getrost mich zur Ruhe legen, und nun zur Zeit, wo aller menschliche Beistand schlummert, auf deinen Schutz vertrauen kann. O du, vor dem die Nacht hell ist wie der Tag, sei du mein Beschützer in jeglicher Gefahr, das Licht meiner Seele in der schaurigen Finsternis, bewahre mich vor den Schrecknissen der Nacht, halte jegliche Krankheit von meinem Lager fern, und laß deinen Geist mich beseelen, auch wenn ich schlummere, auf daß ich neue Kraft gewinne, um die Kämpfe des Lebens zu bestehen, und gestärkt werde, deinen Willen zu erfüllen. Erbarme dich der Menschenkinder und laß bald die Nacht vor deinem himmlischen Lichte weichen, das Friede und Liebe auf der ganzen Erde verbreitet; halte deine Hand über die, die unter dem Dache meines Hauses schlafen, daß niemand sündige, niemand strauchle! Dir empfehle ich alle meine Lieben, nahe und ferne, laß mich in Frieden schlafen und wohl und gesund wieder erwachen, um dich zu loben und zu preisen, daß du warst die Hilfe meines Antlitzes, mein Schild, mein Gott.
Amen!
[Fußnote 10: Ps. 67, 2.]
Am Montag.
Morgengebet.