Gänsemütterchens Märchen

Part 5

Chapter 53,687 wordsPublic domain

Es war ein junger und schöner Prinz, geliebt von seinem Vater und seiner königlichen Mutter und verehrt von seinem ganzen Volke. Es wurde ihm ein ländliches Mahl bereitet, welches er mit Dank annahm. Danach bekam er Lust, sich die Geflügelhöfe anzusehen, und er durchstreifte sie bis in die äußersten Winkel.

Wie er sich so überall umsah, kam er in eine schattige Allee, an deren Ende er eine verschlossene Tür fand. Neugierig sah er durchs Schlüsselloch. Aber wie erschrak er, als er hier die wunderschön und reich gekleidete Prinzessin sah. In seiner edlen und bescheidenen Art hielt er sie für eine göttliche Erscheinung. Ohne die Ehrfurcht, die ihm das bezaubernde Bild einflößte, hätte der Sturm der Gefühle, der ihn da durchtobte, ihn sicherlich verführt, die Tür zu öffnen.

Es wurde ihm schwer, die dunkle, schattige Allee zu verlassen. Er tat es nur, um sich zu erkundigen, wer in der kleinen Kammer dort hause. Man gab ihm zur Antwort, es sei eine Magd, man nenne sie nur »Jungfer Eselshaut«, nach dem Kleide, das sie trage. Sie sei so schmutzig, daß niemand sie ansähe und niemand mit ihr sprechen wolle. Aus Mitleid habe man sie aufgenommen, damit sie die Schafe und die Truthühner hüte.

Diese Antwort sagte dem Prinzen so gut wie gar nichts. Er sah ein, daß die guten Leute von dem Geheimnis nichts wußten und er hielt es für zwecklos, sie weiter auszufragen.

So kehrte er über alle Maßen verliebt, in den Palast seines Vaters zurück und behielt immer das herrliche Bild der göttlichen Erscheinung vor Augen, das er durch das Schlüsselloch gesehen hatte. Nun reute es ihn doch, daß er nicht angeklopft hatte, und er nahm sich vor, es beim nächsten Male nicht zu versäumen.

Aber der Sturm in seinem Blute, den die Liebe heraufbeschworen hatte, warf ihn noch in derselben Nacht in ein so heftiges Fieber, daß er fast gestorben wäre. Seine Mutter, die Königin, deren einziges Kind er war, geriet in Verzweiflung darüber, daß alle Heilmittel versagten. Umsonst versprach sie den Ärzten fürstlichen Lohn. Sie wandten alle Mittel an, aber keines half dem Prinzen.

Schließlich ahnten sie, daß ein schwerer Kummer die Ursache dieser Krankheit war. Sie sagten es der Königin, und diese beschwor ihren Sohn in ihrer zärtlichen Liebe, ihr doch die Ursache seines Leides zu nennen. Wenn es sich etwa darum handle, ihm jetzt schon die Krone zu geben, so würde sein Vater, der König, ohne Schwanken des Thrones entsagen und ihn zum Könige machen. Sollte er aber irgendeine Prinzessin zur Frau begehren, so würde man, um seinen Wunsch zu erfüllen, alle Rücksichten opfern, selbst wenn man mit ihrem Vater im Kriege lebte oder auch andere Gründe hätte, eine solche Verbindung zu bedauern. Nur beschwöre sie ihn, am Leben zu bleiben, denn an seinem Leben hänge auch ihr Leben.

Als die Königin diese zu Herzen gehenden Worte gesprochen hatte, wobei sie das Antlitz des Prinzen mit Strömen von Tränen benetzte, sagte er zu ihr mit erschöpfter Stimme:

»Liebe Mutter, ich bin nicht der Unmensch, daß ich vom Vater die Krone fordere; gäbe Gott, daß er noch viele Jahre lebe, und daß ich immer sein treuester und ehrfurchtsvollster Untertan bliebe. Auch an eine Prinzessin denke ich nicht und auch nicht an eine Heirat. Ihr dürft überzeugt sein, daß ich hierin wie bisher mich immer Eurem Wunsche füge, was es mich auch kosten mag.«

»Ach liebster Sohn,« erwiderte die Königin, »um Dein Leben zu retten, gäben wir gern alles hin, nur rette Du jetzt mein Leben und das Deines königlichen Vaters und offenbare mir, was Du begehrst. Du darfst versichert sein: es wird Dir gewährt.«

»Nun liebe Mutter,« sagte der Prinz, »da ich Euch meine geheimsten Wünsche offenbaren soll, so will ich Euch gehorchen, um nicht zwei mir so teure Menschen in Gefahr zu bringen: Ich wünsche mir, daß Jungfer Eselshaut mir einen Kuchen backen soll, und daß man ihn so schnell wie möglich herbringt.«

Höchst erstaunt über diesen seltsamen Namen, forschte die Königin, wer Jungfer Eselshaut sei. Einer ihrer Offiziere, der sie zufällig gesehen hatte, antwortete: »Es ist das häßlichste Geschöpf nach dem Wolf, ein schmutziges Mädchen in einem schwarzen Stalle. Es haust in Eurer Meierei und hütet dort die Truthühner.«

»Und wenn es auch so ist,« sagte die Königin, »mein Sohn hat vielleicht einmal auf der Heimkehr von der Jagd von ihrem Kuchen gegessen. Es ist der Wunsch eines Fiebernden, kurz, ich will, daß Jungfer Eselshaut ihm schnell einen Kuchen backe.«

Man lief zur Meierei, holte Jungfer Eselshaut und trug ihr auf, für den Prinzen den allerschönsten Kuchen zu backen.

Einige Erzähler behaupten, Jungfer Eselshaut habe in dem Augenblick, als der Prinz durch das Schlüsselloch sah, diesen bemerkt, und als sie dann durch das Fensterlein ihrer Kammer den jungen, schönen Prinzen gesehen habe, sei sein Bild in ihrem Herzen geblieben, und die Erinnerung an ihn habe ihr manchen Seufzer gekostet.

Wie dem auch sei, ob Jungfer Eselshaut ihn wirklich gesehen, oder ob sie viel Rühmliches von ihm gehört, jedenfalls war sie hocherfreut, der Verborgenheit ihres Daseins zu entfliehen, schloß sich in ihr Kämmerlein ein, warf die Eselshaut ab, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte ihr blondes Haar, legte ein hübsches, silbernglänzendes Leibchen an, dazu einen passenden Rock und machte sich daran, den Kuchen zu bereiten. Sie nahm das feinste Mehl, viel Eier und frische Butter. Hierbei ließ sie einen Ring, den sie am Finger trug, sei es Absicht, sei es Zufall, in den Teig fallen und mischte ihn darunter. Als der Kuchen gebacken war, hüllte sie sich wieder in ihre häßliche Haut und brachte das Gebäck dem Offizier, bei dem sie sich nach des Prinzen Befinden erkundigte. Doch dieser hielt es unter seiner Würde, ihr eine Antwort zu geben, und lief davon, um dem Prinzen den Kuchen zu bringen.

Hocherfreut griff der Prinz mit beiden Händen nach dem Kuchen und verzehrte ihn mit solcher Hast, daß die anwesenden Ärzte nicht verfehlten, diese Leidenschaft für ein bedenkliches Zeichen zu erklären. In der Tat wäre der Prinz beinahe an dem Ring erstickt, aber er hielt ihn noch rechtzeitig im Munde zurück. Sein Appetit verging ihm, als er das kostbare Kleinod betrachtete. So zierlich war dieser Ring, daß alle überzeugt waren, er könne nur dem schönsten Finger der Welt passen.

Wohl tausendmal küßte der Prinz den Ring und verbarg ihn unter seinem Hemd, um ihn jedesmal hervorzuziehen, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Er quälte sich in dem Gedanken, wie er zu der gelangen könne, die diesen Ring getragen. Doch er wagte nicht zu hoffen, daß man ihm gestatten würde, Jungfer Eselshaut kommen zu lassen, die ihm den Kuchen gebacken hatte. Er wagte auch nicht davon zu sprechen, was er durch das Schlüsselloch gesehen hatte, aus Furcht, man würde ihn auslachen und ihn für einen Gespensterseher halten. Da alle diese Sorgen gleichzeitig auf ihn einstürmten, nahm sein Fieber stark zu, und in ihrer Ratlosigkeit erklärten die Ärzte der Königin, der Prinz sei krank aus Liebe.

In Begleitung des Königs, der schier verzweifelte, stürzte die Königin zu ihrem Sohn.

»Mein Sohn, mein lieber Sohn,« rief der bekümmerte Herrscher aus, »nenne uns das Mädchen, das Du begehrst und wäre es die niedrigste Magd, wir schwören Dir, sie soll Deine Frau werden.«

Unter vielen Küssen bekräftigte die Königin den Schwur ihres Gatten.

»Lieber Vater und liebe Mutter,« sagte da der Prinz, »ich denke gar nicht daran, eine Ehe zu schließen, die Euch mißfallen könnte. Um Euch das zu beweisen, werde ich das Mädchen heiraten, dem dieser Ring gehört, wer sie auch sein mag. Aber wer einen so schönen Finger hat, daß ihm dieser Ring paßt, der dürfte allem Anschein nach kaum von geringer oder bäuerischer Herkunft sein.«

Bei diesen Worten zog er das Kleinod unter seinem Hemd hervor. Der König und die Königin nahmen den Ring, prüften ihn neugierig und stimmten dem Urteil ihres Sohnes zu, daß er nur einem jungen Mädchen von edler Herkunft gehören könne. Der König umarmte seinen Sohn und beschwor ihn, gesund zu werden und dann ging er hinaus, um die Trommler, Pfeifer und Trompeter durch die ganze Stadt zu schicken und durch seine Herolde bekanntzumachen, daß alle Mädchen in den Palast kommen sollten, um einen Ring zu probieren, und das Mädchen, dem er zu eigen gehöre, die Frau des Prinzen werde.

Zuerst kamen die Prinzessinnen, dann die Herzoginnen, die Marquisen und Baroninnen. Aber sie zeigten umsonst ihre Finger vor: keiner von ihnen paßte der Ring. Schließlich ließ man die Bürgermädchen kommen, aber auch diese hatten alle, so hübsch sie auch waren, viel zu dicke Finger. Da es dem Prinzen besser ging, stellte er die Versuche selbst an. Endlich kamen auch die Kammermädchen an die Reihe, aber auch sie schnitten nicht besser ab. Nun gab es kein Mädchen mehr, an dem der Ring nicht probiert worden wäre. Dann ließ der Prinz die Köchinnen und Hirtinnen kommen: all das Pack führte man herbei, aber ihre dicken, roten und kurzen Finger gingen erst recht nicht durch den Ring.

»Hat man schon Jungfer Eselshaut kommen lassen, die mir neulich den Kuchen backte?« fragte der Prinz.

Da fingen sie alle an zu lachen, und man erklärte ihm: »Die ist doch viel zu häßlich und zu schmutzig.«

»Man hole sie sofort,« sagte der König, »es soll nicht heißen, ich hätte irgend jemanden ausgeschlossen.«

Mit Spott und Hohn liefen sie fort, die Magd zu holen.

Als Jungfer Eselshaut die Trommler gehört hatte und den Ruf der Herolde, war sie sehr im Zweifel, ob ihr Ring wirklich all den Lärm verursache. Sie liebte den Prinzen, und da die wahre Liebe immer furchtsam ist und nicht stolz, so fürchtete sie, daß es doch eine Dame geben könne, die denselben kleinen Finger habe, wie sie. Jetzt aber hatte sie große Freude, als man an ihre Tür klopfte und sie rief.

Seitdem sie wußte, daß man nach dem kleinen Finger suche, zu dem der Ring passe, hatte sie eine unbestimmte Hoffnung auf den Gedanken gebracht, ihre Haare noch schöner zu kämmen als sonst, ihr schönes, silbernes Leibchen anzulegen und dazu den Rock, der mit vielen Falten, silbernen Spitzen und Edelsteinen besetzt war.

Wie sie nun an ihre Tür klopfen und nach ihr rufen hörte, sie solle zum Prinzen kommen, da warf sie rasch ihre Eselshaut über und öffnete.

Spöttisch erklärten ihr die Leute, der König schicke nach ihr, damit sie seinen Sohn heirate. Dann führten sie Jungfer Eselshaut unter Hohngelächter zum Prinzen.

Als dieser das Mädchen in ihrem sonderbaren Aufputz sah, war er nicht wenig betroffen und hielt es für unmöglich, daß es dieselbe sei, die er so stolz und schön gesehen hatte. Traurig und verwirrt, daß er sich so schwer getäuscht, fragte er sie:

»Wohnst Du dort unten in der dunklen Allee, im dritten Geflügelhof der Meierei?«

»Ja, Herr«, antwortete sie.

Zitternd und mit einem tiefen Seufzer sagte er. »Zeige mir Deine Hand!«

Wer war da am meisten überrascht? Das waren der König und die Königin, ebenso der Kammerherr und die anderen Höflinge. Aus der schwarzen, beschmutzten Haut hervor kam eine feine, weiße, rosenfarbene Hand, und mühelos ließ sich der Ring an den kleinsten und schönsten Finger der Welt streifen. Dann schüttelte sich die Prinzessin und die Eselshaut fiel von ihr ab. Nun stand sie da, so bezaubernd in ihrer Schönheit, daß der Prinz, schwach wie er war, vor ihr niederfiel und sie mit einer Leidenschaft in seine Arme schloß, die sie erröten machte. Aber man achtete kaum darauf, denn auch der König und die Königin umarmten sie in einem fort und fragten sie, ob sie ihren Sohn zum Gemahl nehmen wolle. Die Prinzessin war ganz verwirrt von so viel Zärtlichkeit und Liebe, die ihr der schöne, junge Prinz bezeigte und wollte sich eben dafür bedanken, als sich die Decke des Saales auftat und die Lila-Fee in einem Wagen aus Zweigen und Blumen ihres Namens herabschwebte, und mit unendlicher Anmut das Schicksal der Prinzessin erzählte. In ihrer Freude darüber, daß Jungfer Eselshaut eine so vornehme Prinzessin war, verdoppelten der König und die Königin ihre Zärtlichkeit. Aber noch größer war die Freude des Prinzen über die Tugendhaftigkeit der Prinzessin und seine Liebe zu ihr wuchs noch mehr durch die Erzählung der Fee.

Die Ungeduld des Prinzen, seine Braut heimzuführen, war so groß, daß er sich kaum Zeit ließ, um die Feier würdig vorzubereiten. Ganz verliebt in ihre schöne Schwiegertochter, erwiesen ihr der König und die Königin Zärtlichkeiten über Zärtlichkeiten und ließen sie nicht aus ihrem Arm. Da die Prinzessin erklärt hatte, sie könne des Prinzen Frau nicht werden, ohne das Einverständnis des königlichen Vaters, wurde zunächst an diesen eine Einladung geschickt, ohne ihm dabei zu verraten, wer die Braut sei. Dies geschah auf Wunsch der Lila-Fee, die alles zum Guten lenkte.

Aus allen Ländern kamen die Könige herbei, die einen in Sänften, die anderen in Wagen, die weiter wohnenden kamen auf Elefanten daher geritten, auf Tigern und Adlern, aber der allerprächtigste und allermächtigste war der Vater der Prinzessin, der gottlob seine frevelhafte Liebe zu seiner Tochter überwunden und die sehr schöne Witwe eines kinderlosen Königs geheiratet hatte. Die Prinzessin eilte auf ihn zu. Da erkannte er sie und schloß sie mit großer Zärtlichkeit in die Arme, noch ehe sie Zeit hatte, sich ihm zu Füßen zu werfen. Der König und die Königin stellten ihm ihren Sohn vor, den er mit Beweisen seiner Freundschaft überhäufte. Nun wurde die Hochzeit mit aller nur denkbaren Pracht gefeiert. Die jungen Gatten aber hatten kein Auge für diese Herrlichkeiten, der eine sah nichts als nur den anderen.

Noch an demselben Tage ließ der Vater seinen Sohn zum König krönen und setzte ihn mit feierlichem Handkuß auf den Thron; wie sehr er sich auch dagegen wehrte, er mußte dem Willen des Vaters gehorchen. Fast drei Monate dauerten die Festlichkeiten, aber die Liebe der beiden Gatten würde noch heute dauern, wenn sie nicht hundert Jahre später gestorben wären.

Moral:

Dies Märchen klingt so wunderbar, Daß viele glauben, es wär' nicht wahr. Doch bleibt Jungfer Eselshaut immer beliebt, So lang es Großmütter und kleine Kinder gibt.

Dornröschen

Es war einmal ein König und eine Königin, die waren traurig, daß sie keine Kinder hatten, so traurig, wie man es nicht sagen kann. Sie reisten in alle Bäder der Welt, legten Gelübde ab, machten Wallfahrten. Nichts wollte helfen. Aber schließlich wurde die Königin dennoch schwanger und gebar ein Mädchen.

Man feierte eine schöne Taufe und lud zu Patinnen für die kleine Prinzessin alle Feen, die man im Lande finden konnte; es waren deren sieben. Jede sollte ihr ein Geschenk machen, wie es damals Brauch bei den Feen war, damit so die Prinzessin alle nur denkbaren Vorzüge erhielte.

Nach der Tauffeierlichkeit kehrte die ganze Gesellschaft in den Palast des Königs zurück, wo ein großes Fest für die Feen gegeben wurde. Man legte vor jede ein herrliches Gedeck mit einem goldenen Besteck: Löffel, Gabel und Messer von feinstem Gold, verziert mit Diamanten und Rubinen. Aber als man sich zu Tisch setzen wollte, trat plötzlich eine alte Fee ein, die man nicht eingeladen hatte, da sie seit mehr als fünfzig Jahren nicht aus ihrem Turm herausgekommen war; man hatte sie für tot oder für verzaubert gehalten.

Der König befahl, auch ihr ein Gedeck zu reichen; aber es war kein echt goldenes mehr da. Man hatte für die sieben Feen nur sieben machen lassen. Die Alte fühlt sich beleidigt und murmelte leise drohende Worte.

Eine der jungen Feen, welche in ihrer Nähe saß, hörte es, und ahnte, daß sie der kleinen Prinzessin ein unheilvolles Geschenk machen würde. Als man nun von der Tafel aufstand, verbarg sie sich hinter einem Vorhang, damit sie als letzte sprechen könne, um so das Unheil, das jene anrichten würde, nach Kräften wieder gut zu machen.

Indessen begannen die Feen, der Prinzessin ihre Gaben darzubringen. Die jüngste wünschte ihr die größte Schönheit von der Welt, die zweite die Klugheit eines Engels, die dritte eine wundervolle Anmut, die vierte Zierlichkeit im Tanz, die fünfte den Gesang der Nachtigall und die sechste Kunstfertigkeit in der Musik.

Als die Reihe an die alte Fee kam, sagte sie, wobei sie mehr aus Wut als wegen ihrer Altersschwäche mit dem Kopfe wackelte, die Prinzessin werde sich mit einer Spindel in die Hand stechen und daran sterben. Dieser schreckliche Spruch ließ alle erschaudern, und es gab in der ganzen Gesellschaft niemanden, der nicht hätte weinen müssen.

In diesem Augenblick trat die junge Fee hinter dem Vorhange hervor und sprach mit lauter Stimme:

»Beruhigt Euch, König und Königin, Eure Tochter soll nicht sterben; ich habe zwar nicht genug Macht, um alles wieder gut zu machen, was die Alte angerichtet hat: die Prinzessin wird sich mit einer Spindel in die Hand stechen, aber anstatt des Todes wird sie in einen tiefen Schlaf fallen, der hundert Jahre dauert. Dann wird der Königssohn kommen und sie erwecken.«

Um das durch die Alte angekündigte Unheil abzuwenden, erließ der König alsbald ein Gesetz, das bei Todesstrafe verbot, mit Spindeln zu spinnen, ja überhaupt sie zu besitzen. --

Fünfzehn oder sechzehn Jahre später waren der König und die Königin einmal auf eines ihrer Lustschlösser hinaus gefahren. Da geschah es, daß die junge Prinzessin, als sie durch den Palast lief und von Zimmer zu Zimmer sprang, hinauf in ein kleines Turmstübchen kam, in dem eine alte Frau ganz allein saß und ihren Rocken spann. Diese gute Frau hatte von dem Verbote des Königs, mit Spindeln zu spinnen, noch nie etwas gehört.

»Was macht Ihr da, liebe Frau?« sagte die Prinzessin.

»Ich spinne, mein gutes Kind«, antwortete die Alte, die aber die Prinzessin nicht kannte.

»Wie hübsch das ist,« sprach die Prinzessin, »wie macht Ihr das? Gebt es mir, ich möchte sehen, ob ich es auch so gut kann.«

Kaum hatte sie die Spindel ergriffen, da stach sie sich in ihrer lebhaften Unbesonnenheit gerade so, wie es nach dem Spruch der Fee geschehen mußte, in die Hand und fiel ohnmächtig zu Boden.

Die gute Alte hielt sie in ihren Armen und rief um Hilfe: von allen Seiten kam man herbei, man spritzte der Prinzessin Wasser ins Gesicht, schnürte ihr Mieder auf, schlug ihr die Hände, rieb ihr die Schläfen mit ungarischem Königin-Wasser: aber nichts rief sie zum Leben zurück. Der König, der auf den Lärm hin herbeigeeilt war, erinnerte sich alsbald an die Weissagungen der Feen und in dem Gedanken, daß es so kommen mußte, wie die Feen es einmal gesagt hatten, ließ er die Prinzessin in das schönste Gemach des Palastes bringen, in ein Bett, das mit Gold und Silber bestickt war.

Man hätte sie für ein Englein halten können, so schön war sie; die Ohnmacht hatte ihr die Farben des Lebens nicht genommen, ihre Wangen waren wie Rosen so rot und ihre Lippen wie Korallen; nur ihre Augen waren geschlossen, aber man hörte sie leise atmen und daran sah man, daß sie nicht gestorben war. Der König befahl, man solle sie in Ruhe schlafen lassen, bis die Stunde ihrer Erweckung gekommen sei.

Als der Prinzessin dieses Unglück zustieß, war die gute Fee, die ihr das Leben gerettet und sie nur zu einem hundert Jahre langen Schlaf verurteilt hatte, gerade in dem Reiche des Königs Mataquin, zwölftausend Meilen weit weg; aber in einem Augenblicke wurde sie durch einen kleinen Zwerg benachrichtigt, der Siebenmeilenstiefel hatte. Das waren Stiefel, in denen man mit einem einzigen Schritt sieben Meilen zurücklegte. Sofort reiste die Fee ab; und kaum war eine Stunde vergangen, da sah man sie in einem von Drachen gezogenen feurigen Wagen daherkommen.

Der König ging ihr entgegen, um ihr beim Aussteigen die Hand zu reichen. Sie billigte alles, was er angeordnet hatte. Doch in ihrer weisen Voraussicht dachte sie daran, wie sehr sich die Prinzessin ängstigen müsse, wenn sie ganz allein in dem alten Schlosse aufwache, und sie tat dieses:

Mit ihrem Stabe berührte sie außer dem König und der Königin alles, was in dem Schlosse war, die Haushälterinnen, die Ehrendamen, die Kammerfrauen, die Edelleute, die Offiziere, die Haushofmeister, die Köche und Küchenjungen, die Laufburschen, die Wächter und Türsteher, die Pagen und Diener; sie berührte auch alle Pferde, die in den Ställen standen und die Stallknechte, die großen Hofhunde und den kleinen Puff, das Schoßhündchen der Prinzessin, das neben ihr auf dem Bette lag. Und wie sie alle berührte, so schliefen alle ein, um nicht eher aufzuwachen als ihre Herrin, und um jederzeit bereit zu sein, ihr zu dienen, wenn sie ihrer bedürfe. Auch die Bratspieße, die voll Rebhühner und Fasanen am Feuer steckten, schliefen ein, und sogar das Feuer selbst. Alles das geschah in einem Augenblick, denn die Feen brauchen nicht lange zu ihrer Arbeit.

Der König und die Königin küßten noch einmal ihr geliebtes Kind, ohne es dadurch aufzuwecken, verließen dann das Schloß und machten bekannt, daß es verboten sei, sich dem Schlosse zu nähern. Doch dies Verbot war nicht notwendig; denn es wuchsen in einer Viertelstunde um den ganzen Park herum eine solche Menge von großen und kleinen Bäumen, von Brombeerhecken und innig verschlungenem Dornengestrüpp, daß weder Tier noch Mensch hindurch gekonnt hätte; nicht einmal mehr sehen konnte man das Schloß außer den Spitzen der Türme, selbst nicht aus weiter Ferne. Es bestand kein Zweifel, daß auch dies eine Tat der Fee war, damit die Prinzessin während ihres Schlafes nichts von Neugierigen zu befürchten habe. --

Als die hundert Jahre um waren, kam der Sohn des Königs, der damals regierte, und der einer andern Familie als die schlafende Prinzessin entstammte, auf der Jagd in diese Gegend und fragte, was für Türme es seien, die er über dem dichten Walde erblicke. Jeder antwortete ihm so, wie er gehört hatte: die einen sagten, es sei ein altes Schloß, in dem die Geister spukten, die andern, daß alle Zauberer der Gegend dorthin zum Sabbath kämen. Die Meinung der meisten aber war, es wohne dort ein Menschenfresser und alle Kinder brächte er dorthin, die er erwischen könne, um sie in Ruhe und sicher vor Verfolgern zu verzehren, da nur er allein die Macht habe, sich einen Durchgang durch den Wald zu bahnen.

Der Prinz wußte nicht, wem er Glauben schenken sollte, als ein alter Bauer das Wort ergriff und sprach:

»Mein Prinz, es ist mehr als fünfzig Jahre her, daß ich meinen Vater erzählen hörte, es gäbe in dem Schlosse eine Prinzessin, schöner, als man jemals eine sah. Hundert Jahre müsse sie schlafen, dann würde sie erweckt von einem Prinzen, für den sie bestimmt sei.«