Gänsemütterchens Märchen

Part 4

Chapter 43,867 wordsPublic domain

Die Prinzessin hatte so wenig Verstand und gleichzeitig so große Sehnsucht, Verstand zu besitzen, daß sie sich einbildete, das Jahr würde niemals zu Ende gehen: deshalb nahm sie den ihr gemachten Vorschlag an. Kaum hatte sie Riquet mit der Locke versprochen, ihn am gleichen Tage des nächsten Jahres zu heiraten, als sie sich anders fühlte, wie sie vorher war: sie bemerkte in sich eine unbekannte Fähigkeit, alles, was sie sagen wollte, auf eine feine, heitere und natürliche Art zum Ausdruck zu bringen; und sie begann mit Riquet eine artige und wohlgesetzte Unterhaltung, die so geistreich war, daß der Prinz glaubte, ihr mehr Verstand gegeben zu haben, als er sich selbst behalten habe.

Als die Prinzessin ins Schloß zurückkehrte, wußte der ganze Hof nicht, was er zu einer so plötzlichen und außerordentlichen Wandlung sagen sollte.

Noch kurz vorher hatte sie lauter albernes Zeug geredet, und jetzt hörte man von ihr tiefempfundene, unendlich geistvolle Dinge.

Der ganze Hof hatte eine so große Freude, wie man es sich nicht vorstellen kann. Aber die jüngere Schwester der Prinzessin freute sich weniger: Jetzt, wo sie vor der älteren nicht mehr den Vorzug der Klugheit voraushatte, erschien sie neben ihr wie ein recht unangenehmes Affengesicht.

Der König gab viel auf ihre Meinung und hielt sogar öfters den Staatsrat in ihrem Zimmer ab.

Als sich nun die Kunde von dieser Wandlung verbreitete, gaben sich alle jungen Prinzen der benachbarten Reiche Mühe, sich bei der Prinzessin beliebt zu machen, und fast alle begehrten sie zur Frau. Sie fand aber keinen, der ihr klug genug war, hörte sie alle an und entschied sich für keinen von ihnen.

Eines Tages aber kam ein so mächtiger, reicher, kluger und schöner Prinz, daß sie sich einer Neigung für ihn nicht enthalten konnte.

Als das ihr Vater merkte, sagte er zu ihr, er stelle ihr die Wahl eines Gatten frei, sie brauche sich nur zu erklären.

Da nun, je klüger man ist, es einen desto mehr Mühe kostet, in solcher Angelegenheit zu festem Entschluß zu gelangen, dankte sie ihrem Vater und bat ihn um Bedenkzeit.

Zufällig ging sie eines Tages in demselben Wald, in dem ihr Riquet mit der Locke begegnet war, spazieren, um ungestört darüber nachzudenken, was sie tun solle. Wie sie so in ihre Gedanken versunken dahinschritt, hörte sie unter ihren Füßen ein dumpfes Geräusch, als ob viele Leute geschäftig hin und her gingen.

Als sie aufmerksam lauschte, hörte sie, wie einer sagte: »Bring mir den Kessel!« und ein andrer: »Leg' Holz aufs Feuer!«

In demselben Augenblick tat sich die Erde auf, und sie sah zu ihren Füßen eine Art große Küche, voll von Köchen, Küchenjungen und allen möglichen Küchenmeistern, wie man sie braucht, um ein prächtiges Festmahl herzurichten. Etwa zwanzig bis dreißig Köche kamen hervor und scharten sich in einer Allee des Waldes um einen langen Tisch, wo sie sich, die Spicknadel in der Hand und den Löffel hinter dem Ohr, nach dem Takte eines Liedes an die Arbeit machten.

Verwundert über diesen Anblick fragte die Prinzessin, für wen sie da tätig wären.

Der Oberste der Schar gab zur Antwort: »Für den Prinzen Riquet mit der Locke, der morgen Hochzeit macht!«

Die Prinzessin fiel aus allen Wolken, so überrascht war sie. Nun erinnerte sie sich plötzlich, daß es ja ein Jahr her war, da sie am gleichen Tage dem Prinzen Riquet mit der Locke die Hochzeit versprochen hatte. Sie hatte deshalb nicht mehr daran gedacht, weil sie noch ein dummer Mensch gewesen war, als sie das Versprechen gab. Im Besitze der von dem Prinzen auf sie übertragenen Vernunft hatte sie dann später alle ihre Torheiten vergessen.

Sie war noch keine dreißig Schritt weitergegangen, als Riquet mit der Locke vor ihr erschien, stolz, prächtig, kurz: wie ein Prinz, der Hochzeit machen will.

»Wie Sie sehen, mein Fräulein, habe ich pünktlich mein Wort gehalten, und zweifelsohne kamen auch Sie hierher, um dasselbe zu tun und mich durch Ihre Hand zum Glücklichsten aller Sterblichen zu machen!«

»Ich will Ihnen offen gestehen,« antwortete die Prinzessin, »daß ich noch keinen Entschluß gefaßt habe, und daß ich kaum glaube, Ihren Wünschen entsprechen zu können!«

»Sie setzen mich in Erstaunen, mein Fräulein!« sagte Riquet mit der Locke zu ihr.

»Ich glaube es,« sagte die Prinzessin, »und sicherlich wäre ich jetzt in der größten Verlegenheit, wenn ich es mit einem rohen, unvernünftigen Menschen zu tun hätte. Dieser würde sagen, daß auch eine Prinzessin nur ein Wort zu vergeben habe und da sie einmal ihr Versprechen gegeben, so müsse sie es auch halten. Aber da der Mann, mit dem ich spreche, der klügste Mensch in der ganzen Welt ist, so bin ich sicher, daß er Vernunft annehmen wird. Als ich nichts weiter war wie ein Dummkopf, hatte ich mich trotzdem, wie Sie wissen, nicht entschließen können, Sie zu heiraten. Wie können Sie von mir erwarten, daß ich heute, wo ich infolge des von Ihnen erhaltenen Verstandes so viel anspruchsvoller bin, einen Entschluß fassen soll, zu dem ich mich damals nicht aufraffen konnte? Wenn Sie also darauf ausgingen, mich zu heiraten, dann war es eine große Ungeschicklichkeit von Ihnen, mir meine Dummheit zu nehmen und mich klarer sehen zu lassen als früher!«

Riquet mit der Locke gab zur Antwort: »Wenn Sie es einem geistlosen Menschen, wie Sie eben sagten, nicht verübeln würden, Ihnen die Nichterfüllung Ihres Wortes vorzuwerfen, warum wollen Sie denn, mein Fräulein, daß ich nicht ebenso verfahre, wo es sich doch um mein ganzes Lebensglück handelt? Ist es vernünftig, daß Menschen mit Verstand schlechter daran sind als Menschen ohne Verstand? Wollen Sie das wirklich behaupten, Sie, die Sie jetzt so viel Verstand besitzen und sich so sehr danach gesehnt haben? Aber kommen wir zur Sache, wenn es Ihnen beliebt! Abgesehen von meiner Häßlichkeit -- gibt es da noch irgend etwas an mir, was Ihnen mißfällt? Nehmen Sie vielleicht Anstoß an meiner Abstammung, an meinem Verstande, an meiner Gemütsart, an meinen Manieren?«

»Ganz und gar nicht!« antwortete die Prinzessin, »alles, was Sie eben anführten, schätze ich an Ihnen.«

»Wenn dem so ist,« fuhr Riquet mit der Locke fort, »so werde ich doch noch glücklich werden, denn Sie haben die Macht, mich zum liebenswertesten aller Menschen zu machen!«

»Auf welche Weise?« fragte die Prinzessin.

»Es ist einfach! Wenn Sie mich nur genug lieben, um zu wünschen, daß es so sein möchte! Kurz, mein Fräulein, damit Sie nicht länger im Zweifel sind, so hören Sie: Dieselbe Fee, die mir am Tage meiner Geburt die Gabe verlieh, den Menschen, der mir gefällt, klug zu machen, gab Ihnen die Gabe, den Mann schön zu machen, den Sie lieben, und an dem Sie diese Gunst betätigen wollen!«

»Wenn es sich so verhält,« sagte die Prinzessin, »so wünsche ich von ganzem Herzen, daß Sie der schönste und liebenswürdigste Prinz der Welt werden sollen, und ich verleihe Ihnen von diesen Eigenschaften ebenso viel, wie ich selbst besitze!«

Kaum hatte die Prinzessin diese Worte gesprochen, als Riquet mit der Locke sich in ihren Augen in den schönsten Mann der Welt verwandelte, den bestgestalteten und liebenswürdigsten, den sie je gesehen hatte.

Einige Leute behaupten, es wären nicht die Zauberkünste der Fee gewesen, die da am Werke waren: die Liebe allein habe diese Wandlung vollbracht. Sie sagen, als sich die Prinzessin der Beharrlichkeit ihres Bewerbers, seiner Verschwiegenheit und aller seiner guten Herzens- und Verstandesgaben bewußt geworden wäre, habe sie keinen Blick mehr für seinen mißgestalteten Körper und sein häßliches Gesicht gehabt. Sein Buckel wäre ihr nur wie krumme Haltung vorgekommen, und in dem schrecklichen Hinken, das sie früher an ihm wahrgenommen hatte, habe sie jetzt nur eine gewisse reizvolle Nachlässigkeit erblickt. Es heißt weiter, daß ihr sogar seine schielenden Augen als außerordentlich strahlend vorgekommen wären, und ihre Unregelmäßigkeit nahm in ihrer Vorstellung den Charakter gewaltiger Liebesleidenschaft an; endlich hatte auch seine dicke, rote Nase für sie etwas Kriegerisches und Heldenhaftes.

Wie dem auch sei, die Prinzessin versprach ihm, auf der Stelle ihn zu heiraten, vorausgesetzt, daß er dazu die Einwilligung ihres königlichen Vaters erhalte.

Als der König erfuhr, wie sehr seine Tochter den Prinzen Riquet mit der Locke schätzte, den er übrigens als einen sehr vernünftigen und weisen Menschen kannte, nahm er ihn mit Vergnügen als seinen Eidam an.

Schon am nächsten Tag wurde die Hochzeit gefeiert, wie Riquet mit der Locke es vorausgesehen hatte, und zwar nach den Anordnungen, die er schon lange vorher dafür getroffen hatte.

Moral:

Nicht Dichtung ist's, was Ihr gehört: Das Leben selbst Euch hier belehrt, Daß schön und klug ist jedermann, Den eins von Herzen lieben kann.

Jungfer Eselshaut

Es war einmal ein König, der war so mächtig, von seinem Volke so geliebt, von allen seinen Nachbarn und Freunden so geehrt, daß man ihn den glücklichsten aller Herrscher nennen konnte. Noch größer wurde sein Glück, als er sich eine Prinzessin zur Braut erwählte, die ebenso schön wie tugendhaft war. In ihrer treuen Ehe wurde ihnen ein Töchterchen geschenkt, welches so schön und so anmutig war, daß sie niemals bedauerten, nur dieses eine Kind zu haben.

Pracht, Reichtum und Geschmack herrschten in ihrem Palaste. Die Minister waren weise und geschickt, die Höflinge tugendhaft und anhänglich, die Diener treu und fleißig. Die schönsten Pferde standen reich gezäumt in den geräumigen Ställen. Aber was die Fremden, die die schönen Ställe besuchten, am meisten in Erstaunen setzte, das war ein alter Esel, der an einem besonderen Ehrenplatze im Stalle seine langen, großen Ohren ausstreckte. Der König hatte ihm diesen bevorzugten Platz nicht etwa aus irgendeiner Laune angewiesen, -- er hatte vielmehr einen guten Grund dazu. Denn dieses seltene Tier verdiente eine solche Bevorzugung; es hatte nämlich die sonderbare Eigenschaft, daß seine Streu jeden Morgen nicht etwa beschmutzt, sondern in verschwenderischer Fülle mit schönen Goldtalern und Dukaten aller Art bedeckt war, die man nur aufzusammeln brauchte.

Da die Sonne des Lebens ihre Schatten nicht nur auf die Untertanen, sondern auch auf die Könige wirft, und da Gutes und Schlechtes stets beieinander wohnen, so wollte es der Himmel, daß die Königin plötzlich von einer schweren Krankheit befallen wurde, gegen die man trotz aller ärztlichen Wissenschaft und Geschicklichkeit kein Heilmittel fand. Alle waren untröstlich.

Der König, der trotz jenes berühmten Sprichwortes, welches die Ehe das Grab der Liebe nennt, immer noch seine Gattin in Zärtlichkeit verehrte, wußte nicht, was er in seinem Kummer tun sollte. Allen Kirchen seines Reiches machte er heilige Gelübde; er wollte dem Himmel sein eigenes Leben opfern, um das seiner geliebten Gemahlin zu retten. Aber er rief vergeblich Gott und die Feen an.

Als die Königin ihr letztes Stündchen nahen fühlte, sagte sie zu ihrem weinenden Gemahl:

»Verzeiht, wenn ich vor meinem Tode eines von Euch fordere: Solltet ihr jemals das Verlangen haben, Euch wieder zu verheiraten ...« Bei diesen Worten schluchzte der König gar jammervoll, faßte die Hand seiner Frau, versicherte mit Tränen in den Augen, daß es überflüssig sei, ihm von einer zweiten Ehe zu sprechen.

»Nein, nein, teuerste Königin, sagte er endlich, sprecht lieber davon, wie ich Euch folgen soll!«

Darauf entgegnete die Königin mit einer Entschlossenheit, die den Schmerz ihres Mannes nur noch vermehrte:

»Der Staat, der auf eine richtige Thronfolge bedacht sein muß, hat ein Recht, von Euch Söhne zu verlangen, die Euch gleichen. Trotzdem ich Euch nur eine Tochter geschenkt habe, bitte ich Euch inständig bei aller Liebe, die Ihr für mich hegt: gebt dem Verlangen Eures Volkes erst dann nach, wenn Ihr eine Prinzessin gefunden habt, die schöner ist, als ich gewesen bin. Schwört mir dies, dann will ich ruhig sterben.«

Man könnte meinen, die Königin, die nicht ganz ohne Eifersucht war, habe diesen Schwur gefordert, um sicher zu sein, daß der König keine zweite Ehe schließen würde. Glaubte sie doch bestimmt, daß es auf der ganzen Welt keine Frau gäbe, die ihr gleich käme.

So starb sie denn. Niemals hatte ein Gatte größere Trauer gezeigt: Weinen und Schluchzen bei Tag und bei Nacht, diese armseligen Rechte der Verlassenheit waren seine einzige Beschäftigung. Aber auch der größte Schmerz dauert nicht ewig.

Es versammelten sich die Großen des Staates und kamen mit der gemeinsamen Bitte zum König, er solle sich wieder verheiraten. Ihr Vorschlag schien ihm grausam und ließ ihn neue Tränen vergießen. Er berief sich auf den Eid, den er der Königin geschworen und gab allen seinen Räten den Auftrag, erst einmal eine Prinzessin zu suchen, die schöner sei, als seine Frau es gewesen. Er war aber überzeugt, daß sie diese niemals finden würden.

Dem hohen Rate kam das Gelübde des Königs lächerlich vor, und er erklärte, Schönheit sei eine Nebensache; das Staatsinteresse verlange eine tugendhafte Königin, die Mutter werde; der Staat brauche für seine Ruhe und seinen Frieden Prinzen. Die Prinzessin habe zwar alle Eigenschaften, die eine große Königin zieren, aber man müsse ihr einen Fremden zum Gemahl erwählen. Dieser Fremde würde sie entweder in seine Heimat führen, oder wenn er neben ihr im Lande herrsche, so würden seine Kinder immer fremdblütig bleiben. Das wäre eine Gefahr, da die Nachbarvölker eines Königreiches, das keinen Thronfolger habe, Krieg beginnen und den Untergang des Landes herbeiführen könnten.

Betroffen von solchen Erwägungen versprach der König, ihrem Rate zu folgen und begann, unter den heiratsfähigen Prinzessinnen Umschau zu halten, ob eine unter ihnen wäre, die ihm gefallen könnte. Jeden Tag brachte man ihm die reizendsten Bilder. Aber keines zeigte die Anmut der verstorbenen Königin, und so konnte er sich für keine entscheiden.

Obwohl er sonst von gutem Verstande war, kam er unglücklicher Weise auf den tollen Einfall, seine Tochter, die Prinzessin, zur Frau zu nehmen. Da sie ihre königliche Mutter, an Geist und Anmut bei weitem übertraf, so glaubte er, sie allein könne ihn von seinem Eide erlösen.

In ihrer Tugendhaftigkeit und Scham wäre die Prinzessin bei diesem entsetzlichen Vorschlag fast in Ohnmacht gefallen. Sie warf sich ihrem königlichen Vater zu Füßen und beschwor ihn mit der ganzen Leidenschaft ihrer Seele, sie nicht zu einem solchen Verbrechen zu zwingen.

Der König aber hatte sich nun einmal diesen Wahnsinn in den Kopf gesetzt und fragte, um das Gewissen der Prinzessin zu beruhigen, eine alte Zauberin um ihren Rat. Dieses alte Weib, das ebenso gottlos wie ehrgeizig war, opferte das Glück der unschuldigen und tugendhaften Prinzessin der Ehre, die Vertraute eines mächtigen Herrschers zu sein. Sie schmeichelte sich so sehr in das Herz des Königs ein, schilderte ihm das Verbrechen, das er begehen wollte, in so schönen Farben, daß er der festen Überzeugung war, es sei ein Gott wohlgefälliges Werk, die Tochter zu heiraten.

Ganz im Banne dieser Worte umarmte der König die Zauberin und bestand nach seiner Rückkehr mehr als zuvor auf seinem Plan; er gab daher der Prinzessin den Befehl, sie solle sich bereit halten, ihm zu gehorchen.

In ihrem schmerzlichen Unglück dachte die Prinzessin nach, wie sie die Lila-Fee, ihre Patin, finden könne. In einem kleinen Wagen, der mit einem Hammel bespannt war, welcher Weg und Steg kannte, fuhr sie noch in derselben Nacht davon. So kam sie glücklich an ihr Ziel.

Die Fee, welche die Prinzessin liebte, sagte, sie wisse schon alles, was sie bekümmere, doch brauche sie sich keine Sorge zu machen. Nichts würde ihr schaden, wenn sie sich nur treu an die Vorschriften halte, die sie ihr geben würde.

»Es wäre freilich ein großes Vergehen, wenn Du Deinen Vater heiraten wolltest, mein liebes Kind!« sagte die Fee, »aber ohne ihm zu widersprechen, kannst Du seinen Absichten doch aus dem Wege gehen. Sage ihm, er solle Dir einen Wunsch erfüllen: er solle Dir ein Kleid schenken von der Farbe des Wetters. Wie groß auch seine Macht ist, das wird er nicht können.«

Die Prinzessin dankte ihrer Patin von Herzen und schon am anderen Morgen sagte sie zum Könige, ihrem Vater, das, was ihr die Fee geraten hatte, und erklärte feierlich, sie würde ihre Einwilligung erst dann geben, wenn sie das Kleid von der Farbe des Wetters bekäme.

Erfreut über die Hoffnung, die sie in ihm erweckte, berief der König die berühmtesten Schneider und befahl ihnen, das gewünschte Kleid zu machen, und drohte ihnen, daß er sie alle hängen lassen würde, wenn sie es nicht fertig bekämen. Doch dieses Äußerste blieb ihm erspart: schon am zweiten Tage brachten sie das so heiß begehrte Gewand herbei. Der Himmel selbst hatte kein schöneres Blau, wenn er umkränzt ist mit goldenen Wölklein, als dieses wunderschöne Gewand, wie es da ausgebreitet lag.

Die Prinzessin war ganz untröstlich und wußte sich keinen Rat. Der König drängte zur Heirat. So blieb ihr nichts übrig, als ein zweites Mal die Patin aufzusuchen. Erstaunt, daß ihre List nicht geglückt war, riet ihr die Fee, sie solle es noch einmal versuchen, aber dieses Mal ein Kleid von der Farbe des Mondes verlangen. Da der König ihr nichts abschlagen konnte, rief er wieder die besten Schneider herbei und gab ihnen ein Kleid von der Farbe des Mondes in Auftrag. So rasch sollten sie es machen, daß zwischen Auftrag und Lieferung nur vierundzwanzig Stunden lagen. In großer Angst saß die Prinzessin bei ihren Frauen und bei ihrer Amme und war mehr entzückt über das neue herrliche Gewand, als über die Absicht ihres königlichen Vaters.

Die Lila-Fee, die das alles wußte, kam der bedrängten Prinzessin zu Hilfe und sprach zu ihr:

»Ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir es nicht doch noch fertig brächten, Deinem königlichen Vater die Lust zur Heirat zu nehmen. Verlange jetzt ein Kleid von der Farbe der Sonne! Ein solches zu beschaffen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auf jeden Fall gewinnen wir aber Zeit.«

Die Prinzessin war damit einverstanden und verlangte das Kleid von der Farbe der Sonne. Da gab der verliebte König ohne Bedenken alle Diamanten und Rubinen seiner Krone her, um ihr zu diesem herrlichen Gewande zu verhelfen und er befahl, mit nichts zu sparen, um das Kleid der Sonne gleich zu machen.

Als es dann geliefert wurde, mußten alle, die es sahen, die Augen schließen, so wurde man geblendet. Aus jener Zeit stammen die grünen Brillen und die schwarzen Augengläser.

Aber wie erschrak die Prinzessin bei diesem Anblick! Noch nie hatte man ein so schönes und so herrlich gearbeitetes Kleid gesehen. Sie war ganz verwirrt und zog sich unter dem Vorwand, Augenschmerzen zu haben, auf ihr Zimmer zurück, wo sie die Fee erwartete. Das war eine schlimme Sache. Wie diese das sonnenfarbene Kleid sah, war sie so beschämt, wie man es nicht sagen kann; sie wurde rot vor Zorn und sagte zur Prinzessin:

»Nunmehr müssen wir die schmachvolle Liebe Deines Vaters auf eine schwere Probe stellen. Wenn er auch noch so sehr nach dieser Heirat strebt, so glaube ich doch, daß er einen kleinen Schrecken über die Bitte bekommen wird, zu der ich Dir jetzt rate. Ich meine die Haut des Esels, den er so sehr liebt und der ihm die Mittel zu seinen verschwenderischen Ausgaben verschafft. Gehe hin und bitte ihn um die Haut des Esels.«

Froh über dieses Mittel der verabscheuten Heirat zu entgehen und überzeugt, daß ihr Vater sich niemals dazu entschließen würde, des Esels Haut zu opfern, ging die Prinzessin zum Könige und verlangte von ihm die Haut des schönen Tieres. Der König war bestürzt über diesen Einfall seiner Tochter, aber er zögerte nicht, ihm zu genügen. Der arme Esel wurde geschlachtet und die Haut feierlich der Prinzessin überbracht. Nun sah sie kein Mittel mehr, ihrem Unglück zu entgehen und war in Verzweiflung.

Ihre Patin eilte herbei und als sie sah, wie sich die Prinzessin ihr Haar raufte und ihre zarten Wangen zerfleischte, sprach sie:

»Was tust Du da, mein Kind! Es ist doch der glücklichste Augenblick Deines Lebens! Hülle Dich in diese Haut, verlasse den Palast und gehe so weit, wie Dich die Erde trägt, denn wer alles seiner Tugend opfert, den werden die Götter belohnen. Mache Dich auf, ich werde Sorge tragen, daß Dir Deine Kleider überall folgen, wohin Du auch gehst. Der Kasten mit Deinem Schmuck und Deinen Gewändern wird auf unterirdischem Wege Dich begleiten. Hier gebe ich Dir meinen Zauberstab, klopfe damit auf die Erde, wenn Du Deinen Kasten brauchst, und er wird Dir sofort erscheinen. Doch Du mußt eilen und darfst jetzt nicht mehr zögern!«

Die Prinzessin bat ihre Patin unter tausend Küssen, sie niemals zu verlassen; dann befleckte sie die Eselshaut mit Straßenschmutz, hüllte sich hinein und verließ unerkannt den Palast.

Das Verschwinden der Prinzessin brachte alle in die größte Aufregung. Der König, der gerade ein prächtiges Fest vorbereitete, war untröstlich in seiner Verzweiflung. Er schickte mehr als hundert Gendarmen und ganze Regimenter Soldaten aus, um seine Tochter zu suchen. Aber die Fee nahm sie in ihren Schutz, machte sie unsichtbar und entzog sie den geschicktesten Verfolgern. So mußte der König sich mit ihrem Verluste abfinden.

Die Prinzessin aber wanderte ihres Weges. Sie ging weit, weit und immer weiter und suchte überall nach einer Stellung. Aus Mitleid gab man ihr zu essen; aber jedermann fand sie zu häßlich, um sie in seinen Dienst zu nehmen.

Endlich kam sie an eine schöne Stadt, vor deren Toren eine Meierei lag. Die Pächterin dieser Meierei brauchte eine Magd, um die Wäsche zu waschen und um den Hühnerhof und den Schweinestall zu fegen. Wie nun die Frau die schmutzige Wanderin sah, schlug sie ihr vor, in ihren Dienst zu treten. Mit großer Freude war die Prinzessin damit einverstanden, denn sie war müde von dem langen Wege.

Als Wohnung wies man ihr einen Verschlag an, der weit von der Küche entfernt lag. Die andern Bedienten trieben in den ersten Tagen grobe Späße mit ihr, weil sie in ihrer Eselshaut so schmutzig und abstoßend war. Aber bald gewöhnte man sich an sie; und da sie ihre Pflichten sehr gewissenhaft erfüllte, nahm sich die Pächterin ihrer an.

Die Prinzessin ließ die Schafe aus dem Stall und führte sie auf die Weide. Auch die Truthühner hütete sie mit so viel Verständnis, daß es schien, als habe sie niemals etwas anderes getan. Alles gedieh unter ihren zarten Händen.

Eines Tages saß sie wieder an der klaren Quelle, wo sie oft über ihr trauriges Los weinte. Da kam sie auf den Gedanken, sich im Spiegel des Wassers zu betrachten, und sie erschrak über die gräßliche Eselshaut, die ihren Kopf und Körper umhüllte. Beschämt über ihr Aussehen, wusch sie sich Gesicht und Hände, bis sie weiß waren wie Elfenbein und bis ihre zarte Haut wieder so frisch war wie früher. Erfreut über ihre Schönheit bekam sie Lust zu einem Bade. Aber dann mußte sie wieder in ihre unwürdige Haut schlüpfen, um nach der Meierei zurückzukehren.

Glücklicherweise war der nächste Tag ein Sonntag, und für sie ein Tag der Muße. Sie ließ ihren Kasten erscheinen, brachte ihre Kleider in Ordnung, puderte ihr schönes Haar und zog das wunderbare wetterfarbene Kleid an. Aber ihre Kammer war so klein, daß die Schleppe des herrlichen Gewandes keinen Platz darin hatte. Die schöne Prinzessin betrachtete sich im Spiegel und war über ihre Schönheit so erfreut, daß sie sich vornahm, an Sonn- und Festtagen der Reihe nach alle ihre schönen Gewänder anzuziehen.

Diesen Plan führte sie auch aus. Mit seltenem Geschmack steckte sie sich Blumen und Diamanten in ihr schönes Haar, und oft seufzte sie, daß niemand sie in solcher Schönheit sah außer ihren Schafen und Truthühnern, die sie aber nicht weniger liebten in ihrer häßlichen Eselshaut, wonach sie die Leute auf der Meierei »Jungfer Eselshaut« getauft hatten.

An einem Sonntage hatte die Prinzessin das sonnenfarbene Gewand angezogen, als gerade der Sohn des Königs, dem die Meierei gehörte, dort abgestiegen war, um sich auf der Heimkehr von der Jagd ein wenig auszuruhen.