Part 8
Die Strasse nach Chemnitz gewährt zwar hinter Neukirchen vom Eichhörnchen ab hübsche Landschaftsbilder, doch werden Touristen vorziehen von Pfaffenhain ab im Würschnitzgrund nach =Schloss Neukirchen= zu wandern. Man berührt später Harthau und Altchemnitz. Das intr. Klaffenbach (s. Seite 61) mit seiner Bergschenke und seinem Arnokreuz bleibt rechts.
25. =Chemnitz-Mittweida= (18 km). =Waldheim= (durch die Mittweidaer Schweiz 17 km) per Bahn zurück nach =Chemnitz= (32 km).
Die Chemnitz-Riesaer Bahnlinie ist die zweitälteste Sachsens. Vor Station Oberlichtenau ist rechts im Wald ein kleiner Thiergarten (Rehe) abbezirkt.
=Mittweida.= Deutsches Haus. Sächs. Hof. Stadt Hamburg. Stadt Chemnitz. Rest. zum Rathskeller. Zum Schillergarten unfern der städt. Anlagen am Galgenberg und Schwanenteich. Kegels Rest. 9300 Einw. Grosse Barchentwebereien. Woll- und Baumwollspinnerei. Färberei. Thonwaarenfabriken. Maschinenbau. Kratzenfabrik. Im Technikum 400 Studirende.
=Sehenswürdigkeiten.= Die =Stadtkirche= mit goth. Chorbau aus Rochlitzer Porphir. =Kriegerdenkmal= auf dem Gottesacker. Unweit davon ein Grabdenkmal von Rauch, einer Verwandten gewidmet. Ein Genius aus grauem Marmor mit gesenkter Fackel schwebt mit einer verhüllten Frauengestalt empor. Unfern das Denkmal des Schuldirectors Schneider, welches ihm dankbare Schüler errichteten. Mittweida ist der Geburtsort des Theologen Tzschirner, Prof. und Superintendent in Leipzig, und des Bildhauers Johannes Schilling, der das Niederwalddenkmal geschaffen.
=Spaziergänge.= Nach dem =Galgenberg= und in die städtischen Anlagen am =Schwanenteich=, von dem allbeliebten Bürgermeister Voigt geschaffen. Am Galgenberg grosse Cordieritblöcke, die man als eratische Blöcke betrachtet. Zwei davon sind zugänglich gemacht. Nach den =städtischen Anlagen= im =Scheibenbusch= geht man durch die Gottesaue oder über die Bellevue. Die hier belegene =Rathskanzel= und der =Försterfelsen= sind Felsbasteien über der Zschopau mit romantischen Thalblicken. Die gegenüberliegende (künstl.) Ruine auf dem Carolafelsen nennt sich die Zschopenburg. 2 km von Neudörfchen entfernt liegt die =Marienhütte=, gleichfalls eine Bastei über der Zschopau mit sehr romantischen Thalbildern.
Unsere Tour führt uns nun über die =Rössgener Höhe= (mit guter Aussicht) hinab nach der =Via mala=, ein Promenadenweg am schroffen Abhang der Zschopau. Wo sich das Thal erweitert, liegt =Ringethal=. Gasthaus. Rococoschlösschen. Das kleine idyllisch gelegene Kirchlein besitzt eine Silbermannsche Orgel. Eine herrliche uralte Linde bedeckt einen guten Theil des Kirchhofs. Von der Lutherlinde, unter der Luther gepredigt haben soll, ist nur noch ein Stumpf vorhanden. Eine Inschrift erzählt von dem Brand des Baumes, der Lutherpredigt und einem wunderbaren Astbruch, der sieben unter dem Baum spielende Kinder unversehrt liess.
Wegweiser zeigen nach dem nahen =Raubschloss=, einer höchst geschickt aufgemauerten künstl. Ruine. Eine wirkliche Burg Grunadow (oder auch Rochlinti) soll hier gestanden haben und es findet sich auch wirklich noch uraltes Gemäuer. Schöne Thalbilder von den Fensterhöhlen aus.
Ein Fussweg führt hinab zu der nahen, westlich gelegenen =Lauenhainer Mühle=. Man zieht eine Klingel, worauf Leute aus der Mühle die Fähre zur Ueberfahrt herbeirudern. (Die reizend gelegene Mühle ist auch Schenke.) Die Weiterwanderung im Thalzug abwärts führt uns an dem =Pfaffenstein= vorüber, von welchem das aufgeregte Volk nach der Lutherpredigt in Ringethal einen kath. Priester gestürzt haben soll. Später passiren wir den sehr ansehnlichen =Tannenberger Felsensturz=. Wo die Zschopau im scharfen Knie gegen Osten abbiegt hinauf nach =Höfchen= und
=Kriebstein=. Die stolze, höchst malerische Burg liegt 45 m über der Zschopau auf schroffer Felszinne. Im Schlosshof alterthümliches Architecturbild. (Ein Gemälde von Prof. Hahn, den Kriebsteiner Schlosshof darstellend, hängt in der Dresdner Galerie.) Im Innern Gemälde auf die Geschichte der Burg bezüglich, darunter ein Bild, auf welchem die Gemahlin des Ritters Staupitz diesen auf dem Rücken aus der Burg trägt. (Ein Seitenstück zu den Weibern von Weinsberg.) Rüstkammer mit Waffen aus der ersten Zeit nach Erfindung des Schiesspulvers. Alte intr. Möbel, Riesenbetten. Die Kapelle ist in den Felsen gehauen. Vom Speisesaal blickt man fast senkrecht in die Zschopau hinab. Vom nahen Jägerhaus romantische Blicke auf das schluchtartige Zschopauthal.
=Schloss Ehrenberg=, Kriebstein gegenüber, doch höher gelegen, gewährt höchst fesselnde Aussicht auf das trotzige Felsennest mit seinem echt mittelalterlichen Charakter. Im Thalkessel liegt die Niethammer'sche Papierfabrik.
Der Fussweg von Ehrenberg nach Kriebethal führt an einem alten Gemäuer und an schönen Aussichtspunkten vorüber. In =Kriebethal= erreichen wir die Strasse. Zwischen hier und Waldheim steht der =Napoleonsstein=. (Napoleon suchte hier nach der Schlacht bei Lützen einen Uebergang für seine Armee.)
=Waldheim.= Löwe. Schaubes Hotel. Stadt Bremen. Rest. zum Rathskeller. Schützenhaus. Schweizerthal, beide mit Gärten. 7800 Einw. Weberei. Cigarrenfabrikation. Harmonika- u. Möbelfabriken. Nach der Schlacht bei Lützen (1813) zogen sich die Verbündeten über Waldheim zurück. Um die Zschopaubrücke fanden Kämpfe statt. Das ausgedehnte Waldheimer Schloss dient als Strafanstalt. (1500 Insassen.) Zur Besichtigung muss die Erlaubniss der Direction nachgesucht werden. Die erste Insassin des Waldheimer Zuchthauses war ein Mädchen Namens Apel, eines Zeugmachers Tochter aus Lunzenau, bekannt unter dem Spitznamen Prinz Lieschen; sie hatte sich für den jungen Kurprinzen ausgegeben und büsste ihren Uebermuth von 1716 ab mit lebenslänglichem Gefängniss.
=Spaziergänge= und zwar sehr dankbare besitzt das schöngelegene Waldheim mehrere. Der beliebteste ist nach dem =Siegesthurm= auf dem =Wachberge= mit prächtiger Aussicht auf die romantische Umgebung. Zwölf Säulen mit franz. Kanonenkugeln umgeben den stattlichen Thurm. Schöne Anlagen in der Nähe, darunter die sog. =goldene Höhe=.
Bei der Rückfahrt nach Chemnitz bietet sich vom Zug aus ein anmuthiges Städtebild dicht hinter dem Waldheimer Bahnhof. Bei Station =Erlau= liegt der vielbesuchte Erlauer Gasthof.
26. =Chemnitz-Frankenberg= (17 km). =Hainichen= (19 km). =Rosswein= (20 km). =Döbeln= (Haltestelle, 8 km). =Waldheim= (9½ km). =Mittweida= (durch die Mittweidaer Schweiz, 17 km). =Chemnitz= (18 km).
Von Chemnitz über Lichtenwalde nach Frankenberg siehe Tour 22. Die Eisenbahn überschreitet hinter Frankenberg den =Lützelthalviaduct= und gewinnt die Hochebene von Hainichen.
=Hainichen.= Deutsches Haus. Löwe. Post. Rest. zum Rathskeller. Krugs Gartenrest. Feldschlösschen. 8500 Einw. Grossartige Flanellindustrie, die sich schon von Weitem durch bunte Tuchrahmen ankündigt. (Jährlich 250000 Flanellstücke.) In Hainichen wurde am 4. Juli 1715 Gellert geboren. Dem bedeutendsten deutschen Fabeldichter ist auf dem Markt ein Standbild von Rietschels Hand errichtet. Ausserdem ist seinem Andenken eine Stiftung gewidmet, ein Rettungshaus für verwahrloste Kinder. (Gellert entstammt dem Hainicher Pfarrhaus, wo er im Kreise seiner zwölf Geschwister seine Jugend verlebte.)
Die Bahn geht von hier im anmuthigen =Striegisthal= entlang an dem Fabrikdorf =Böhrigen= vorüber, wo die grosse Lehmann'sche Flanellfabrik inmitten vieler Arbeiterhäuser liegt. Bei Striegis gewinnt sie das Thal der Freiberger Mulde.
=Rosswein.= Rheinischer Hof. Pragers Hotel. Fischers Gasthaus. Rest. zum Rathskeller. Baums Restaurant. Schützenhaus mit Garten. Pönitz'sche Gartenwirthschaft. 7000 Einw. Lebhafte Fabrikstadt in anmuthiger Lage an der Freiberger Mulde. Tuch- und Cigarrenfabrikation. In der Nähe wird Walkerde abgebaut. Rosswein war einst ein Besitzthum des Klosters Altzelle. Am Rathhaus ein Ross mit Weintraube, welche den Namen der Stadt versinnlichen sollen, der indess slav. Ursprungs sein dürfte. 2 km entfernt liegt =Gersdorf=, wo noch lebhaft Silberbergbau betrieben wird. Intr. ist der Adamsstollen, auf dem Erze in die nahen Pochwerke verschifft werden. Am Weg dahin prächtige Aussicht auf Stadt und Umgebung; überhaupt gewähren die umliegenden Höhen anmuthige Thalbilder.
Die Bahn wendet sich im Muldenthal zurück nach =Striegis= und am Fluss abwärts bis vor Döbeln. Die Thalwanderung neben der Bahn und dem Fluss ist abwechslungsreich. Bei =Mahlitzsch= liegt die sogenannte =Kempe= am rechten Ufer der Mulde, eine uralte Burgruine, wahrscheinlich sorbischen Ursprungs. Eine andere Strasse führt über =Nausslitz=, sie steigt bis 230 m an und gestattet öfter freie Rundblicke über die fruchtbare Döbelner Pflege. Mit Dampf fährt man nur bis Haltestelle Döbeln. Der Bahnhof liegt 2 km entfernt.
=Döbeln.= Gasthof: Die Sonne. 11800 Einw., sehr alte Stadt, die schon 981 urkundlich erwähnt wird. Getreidehandel. Tuch- und Lederfabriken. Bedeutende Fassfabrik. Wagenbauerei. Die Cigarrenfabrikation liefert jährlich etwa 40 Millionen Stück. In der Nähe der Stadt das Staupitzbad ist das älteste Kiefernnadelbad im Lande. Auf dem Schlossberg stand ehedem eine Burg der Dohnaer Burggrafen, die 1429 von den Hussiten zerstört ward. An derselben Stelle erhebt sich jetzt die stattliche neue Bürgerschule. 1762 lieferte Prinz Heinrich von Preussen den Oestreichern ein siegreiches Gefecht in der Umgebung der Stadt.
_+Anmerkung.+ Von Döbeln lässt sich ein sehr dankbarer Abstecher nach dem anmuthigen Leisnig machen (17 km). Man fährt mit Dampf an den Ruinen des Klosters Buch vorüber. Näheres siehe unter Leisnig Seite 75._
Die Eisenbahn von Döbeln nach Waldheim gewinnt bei Station =Limmritz= das tiefeingeschnittene Zschopauthal und an grossen Futtermauern entlang folgt sie den romantischen Windungen des Flusses. Waldheim, s. S. 70. Von Waldheim geht man zu Fuss nach =Kriebethal=, dann hinauf nach Ehrenberg oder gleich nach Kriebstein, dann über Höfchen hinab nach der Zschopau und zur Lauenhainer Mühle. Hier überfahren, hinauf nach dem Raubschloss, dann nach Ringethal und über die Viamala nach Mittweida. Von hier mit Dampf. Sämmtliche Punkte finden sich in Tour 25 schon beschrieben.
27. =Chemnitz-Cossen= (22 km). =Wechselburg= (2½ km). =Rochlitz= (über den Rochlitzer Berg, 7 km). =Colditz= (11 km). =Grimma= (16 km). =Leisnig= (22 km). =Döbeln= (16 km). =Waldheim= (9½ km). =Mittweida= (13½ km). =Chemnitz= (18 km).
Wir fahren an dem bereits beschriebenen =Burgstädt= vorüber oder gehen im =Chemnitzthal= entlang nach Cossen. (Siehe Routennetz.) In nächster Nähe der Station Cossen liegt der =Göhrener Viaduct=, zwar nicht das grösste, wohl aber das imposanteste und architectonisch schönste Brückenbauwerk, das in Sachsen zu finden. Der Mittelbogen hat eine Spannweite von 26 m. Die Länge der Brücke beträgt 412, die Höhe 68 m. Ein anmuthiger Thalweg führt uns am linken Muldenufer nach =Alt-Zschillen=. Auf halbem Weg dahin, an der Einmündung der Chemnitz schönes Thalbild.
=Wechselburg.= Sächs. Hof. Goldener Löwe. Marktflecken. 3000 Einw. Gräfl. Schönburg'sches Schloss. Ehemals war hier ein Augustinerkloster Zschillen, das wegen Ueppigkeit der Mönche aufgehoben und in eine Comthurei des Deutschordens verwandelt wurde. Der Name Wechselburg soll durch öfteren Tauschhandel entstanden sein. Die =Schlosskirche= ist der berühmteste altromanische Bau Sachsens. (1174 erbaut, 1874 restaurirt.) Kanzel mit sehr alten Reliefsculpturen in vortrefflichem Styl. Grabmal des Kirchenstifters Grafen Dedo und seiner Gemahlin. Ueber dem Altar ist eine Kreuzigungsgruppe bemerkenswerth, überhaupt ist die ganze Kirche von hoher kunstgeschichtlicher Bedeutung. Im Schlosspark besuche man die =Eulenkluft=. (Der jähe Fels trägt ein schwarzes Kreuz.) Eine grosse Porphirplatte, bei Meerane gefunden, wird als ein heidnischer Opferaltar bezeichnet, der dem Götzen Credo gewidmet war. (An der Einsiedelei Ueberfahrt über die Mulde.)
Der Weg führt uns nun durch schöne Waldungen auf den Gipfel des
=Rochlitzer Berges=. 340 m. Thurm 26 m. Der stattliche Thurm aus rothem Porphir ward 1860 als ein Denkmal an König Friedrich August errichtet. Bergrestaurant. Fernrohr. Orientirungsscheibe.
Man überblickt den Kamm des Erzgebirgs und seine Abdachung vom Auersberg bis zum Kahlenberg bei Altenberg. Im Norden liegt die Norddeutsche Tiefebene mit ihren isolirten Höhen bei Wurzen und Oschatz, nur durch die Sehkraft beschränkt, vor dem Beschauer. Hervortretende Punkte nach dieser Richtung sind Altenburg, Leipzig, die Hohburger Schweiz, der Petersberg bei Halle und der Colmberg bei Oschatz. Bei sehr hellen Tagen erscheint selbst der Brocken als blauer Streif am Horizont. Die nahe Landschaft wird belebt durch sehr zahlreiche Ortschaften (voran Rochlitz) und durch das tiefeingeschnittene waldige Muldenthal. Das Granulitgebiet liegt so ziemlich unbeschränkt im Gesichtskreis.
Der Berg besteht aus porphirischen Aschen und ist ein Vulkankegel. Das gleichsam gebackene Gestein giebt ein treffliches Baumaterial und wird in grossen Steinbrüchen abgebaut, die bis zu 40 m tief sind. Man fertigt auch kleinere Gegenstände aus Rochlitzer Steinmark von gefl. Farbenwirkung an.
Ein schöner Promenadenweg führt mit einigem Umweg hinab nach Rochlitz. Die Strasse ist kürzer.
=Rochlitz.= Sächs. Hof. Zum Löwen. Rest. zum Rathskeller. Gartenrest. Schweizerhaus. 6000 Einw. Weberei. Schuhwaarenfabrikation. Sauberes und anmuthig gelegenes Städtchen mit einem doppelthürmigen Königl. Schloss. Von den Thürmen heisst einer im Volksmund die Jupen, weil er als Staatsgefängniss diente und »als Rock« die Insassen vor »Frost und Wölfen« schützte. Der Hussitenführer Peter von Sternberg sass 3 Jahre hier gefangen. In der Peterskirche Silbermann'sche Orgel. Die goth. Kunigundenkirche besitzt ältere Schnitzwerke. Rochlitz war früher Residenz der Grafen von Rochlitz, denen Rochlitz, Kriebstein und Gehringswalde zugehörte. An das Sächsische Kurhaus kam die Rochlitzer Herrschaft durch Heirath. Am 3. März 1547 nahm hier im schmalkaldischen Kriege Johann Friedrich der Grossmüthige den Markgrafen Albrecht von Brandenburg während eines Faschingtanzes gefangen.
_+Anmerkung.+ Wer hier die Muldenthaltour abbrechen will, geht über +Biesern+, +Seelitz+, +Kolkau+ und +Zetteritz+ nach +Erlau+ an die Chemnitz-Riesaer Bahn (11 km). Bei Seelitz hübsche Aussicht auf das Muldenthal und den Rochlitzer Berg. Bei +Rittergut Kolkau+ liegt das anmuthige +Kolkauer Thal+._
Der Tour treu benutzen wir die Bahn nach =Colditz= oder gehen mit der Mulde parallel. Schöne Thalbilder. Beim =Dorfe Lastau=, das im frühesten Mittelalter bedeutender war wie heut, liegt der =Burgberg=, der eine Sorbenburg Titipuci getragen haben soll. In der Lastauer Mühle Rest.
=Colditz.= Zum Kreuz. Weisses Haus. Rathskeller. 4300 Einw. Steingutfabriken. Getreidemärkte. Hübsches Landstädtchen mit wohlhabender Umgebung. Das stolze Schloss über der Stadt ist gegenwärtig Versorgungsanstalt für unheilbare Geisteskranke. Zutrittserlaubniss beim Pförtner. Architectonisch sehr inter. Portal. Im ehemaligen Thiergarten im Norden der Stadt, der mit Mauern umgeben, herrliche Promenadenwege. Man geht bis zum Dorf Zschadras, in dem eine Zweiganstalt des Colditzer Irrenhauses untergebracht ist. Hübsche Aussicht auf die Muldenthäler. (Im Freiberger Muldenthal ist Leisnig sichtbar.)
Nach =Grimma=, oder doch bis =Grossbothen= empfiehlt sich Fusswanderung. Man geht durch den =Thiergarten= nach Zschadras, dann nach =Collmen= und auf den =Heideberg=. Malerische Thalblicke auf beide Mulden und ihren Zusammenfluss. Nun hinab nach =Kleinsermuth= und =Grosssermuth= auf das andere Muldenufer. Wer zu Fuss geht, berührt =Nimbschen=. (Siehe unten.)
=Grimma.= Kronprinz. Gold. Löwe. Rathskeller. 8100 Einw. Reizende Lage an dem hier sehr ansehnlichen Muldenfluss. Königl. Schloss. Das Sächs. Regentenhaus hielt hier öfter Hof- und Landtage ab. Albrecht der Beherzte wurde zu Grimma geboren, Friedrich der Weise, der Schirmherr Luthers, erhielt hier seine Erziehung. Melanchthon legte öfter eine grosse Vorliebe für die Stadt an den Tag. Die Fürstenschule ward von Kurfürst Moritz begründet; sie steht noch heut in hoher Blüthe. Ein Seminar nennt sich Dinterianum. (Der grosse Schulmann Dinter war Schüler der Fürstenschule.) Seume lebte längere Zeit in Grimma und trat von hier aus seinen berühmten Spaziergang nach dem Syrakus an. Die gothische Frauenkirche war ursprünglich ein byzantinischer Bau. Glasmalereien von hohem Alter. Ebenso sehenswerth ist das Rathhaus.
=Spaziergänge.= Nach der reizend an der Mulde gelegenen =Gattersburg=, einem vielbesuchten Bergrest. Gegen Colditz hin, 2 km entfernt, liegen die Ruinen des =Klosters Nimbschen=, aus welchem 1523 die Gemahlin Luthers, die Katharina von Bora, entwich. Sie entfloh mit 8 geistlichen Schwestern auf dem Wagen eines Torgauer Bürgers hinter Heringstonnen verborgen. Man zeigt noch den Lutherbrunnen, eine Lutherlinde am Muldenufer u. a. m.
Der =Schomerberg= über der Mulde gewährt hübsche Blicke auf die Stadt. In derselben Richtung 3 km entfernt liegt =Döben=, ein Schloss über der Mulde. (Sorbisch Dewin.) Schöne Aussicht auf den gewundenen Muldenfluss. Nach Unterjochung der Slaven sass hier ein kaiserlicher Voigt. Albrecht der Stolze hielt zu Döben seinen Vater Otto den Reichen eine Zeit lang gefangen, weil er sich Dietrich dem Bedrängten gegenüber im Erbe benachtheiligt glaubte. Im Rittersaal fällt besonders ein Riesenofen auf. In der =Döbener Kirche= inter. Familiengruppe, die ein Hans von Schönfeld eines sonderbaren Ereignisses halber errichten liess. Seine Gemahlin verfiel in einen Scheintod und sollte beerdigt werden, erwachte aber zu rechter Zeit und beschenkte ihren Gemahl noch mit neun Kindern.
Die Fahrt nach =Leisnig= führt uns zurück nach =Grossbothen=. 1½ km unterhalb des Zusammenflusses überschreitet die Bahn die vereinigte Mulde und geht dann im Thal der Freiberger Mulde entlang.
=Leisnig.= Hotel zum Rathskeller. Belvedere, reizend gelegen. Der Name soll von Lisenitz (die schöne Aue) kommen und in der That liegt die Stadt überaus anmuthig. 7000 Einw. Das Schloss über der Stadt nennt sich Mildenstein und diesen Namen hat sich auch das 1866 begründete Bad beigelegt. Im Schloss fallen zwei Wartthürme mit 9 Ellen starkem Mauerwerk auf. Wohlerhaltene Kapelle. Leisnig erhielt bereits im 10. Jahrh. Stadtrechte und betreibt heute Tuchmacherei, Gerberei und Schuhmacherei. Getreidemärkte. Bad Mildenstein ist beliebte Sommerfrische und wird namentlich von Leipzig her stark besucht. Heilanstalt. Irisch-römische und Kiefernnadelbäder. Schlosspark und Mirusgarten.
=Spaziergänge.= Am linken Muldenufer aufwärts finden sich die herrlichsten Promenadenwege bis nach =Paudritzsch= hin (3 km). Malerische Durchblicke. Hübsche Fernsichten. Die besuchtesten Punkte sind =Maylust=, =Manteuffels Ruhe=, =Töpfers Ruhe=, =Pflanzgarten=, =Hölle=, =Nesselgrund= und =Eichberg=. In derselben Richtung von der Stadt (5 km) liegen die Ruinen von =Klosterbuch= am rechten Muldenufer. 1190 wurde die Cistercienserabtei begründet. Wohlerhaltene Kapelle, in der man noch Gottesdienst abhält.
_+Anmerkung.+ Beim Dorfe +Wendishain+ auf dem +Staupen+ und bei +Minkwitz+ auf dem +Burgstall+ finden sich altslavische Rundwälle. Man geht dahin auf der Waldheimer Strasse bis nach Minkwitz, dann links ab nach Lauschka und Wendishain (6 km)._
Ab Leisnig berührt die Bahn bei =Schweta= (Schloss und Park) die Gegend, wo die klare, wasserreiche Zschopau mit der trüben, wasserärmeren Freiberger Mulde zusammenströmt. Döbeln und weiter siehe Routennetz.
28. =Chemnitz-Cossen= (22 km). =Lunzenau= (3 km). =Rochsburg= (1½ km). =Penig= (6 km). =Wolkenburg= (5 km). =Waldenburg= (7 km). =Hohenstein= (12 km). =Chemnitz= (19 km).
Zu Fuss im Chemnitzthal entlang. (Näheres siehe Tour 21.) Mit Dampf über Burgstädt (siehe Seite 63). Die Göhrener Brücke siehe Seite 72.
_+Anmerkung.+ Wer auf die Göhrener Brücke und Lunzenau verzichtet, fährt nur bis Burgstädt und geht von hier direct nach Rochsburg (3 km)._
=Lunzenau.= Sonne. Deutsches Haus. 3500 Einw. Wollenweberei. Schuhmacherei. Schöne Muldenbrücke. Sophie Apitzsch, vulgo Prinz Lieschen, war eine Lunzenauer Zeugmacherstochter.
Der Weg nach Rochsburg führt an der reizend gelegenen Villa Friedheim, einem Chemnitzer Kaufmann Namens Eben gehörig, vorüber.
=Rochsburg.= Rest. Göckeritz. Fischers Gasthof. Das mehrfach gethürmte stolze Schloss liegt auf isolirtem Bergkegel über der Mulde, es gehört seit 1548 dem Hause Schönburg. Drei Schlosshöfe, zu einem ist das Thor in den Felsen gehauen. 100 m tiefer Brunnen. Der Thurm, der das Burgverliess enthielt, hat 3½ m starke Mauern. Der Zutritt ins Innere ist nur bedingungsweise gestattet. Im Schlossgarten sehr alter Epheu. Fesselnde Blicke hinab auf die Mulde. In der Kirche des Dörfchens Rochsburg beachtenswerthe Skulpturen. =Pfarrlaube= und =Röhrensteige= sind inter. Aussichtspunkte. Die =Amtmannskluft= und das =Brauseloch= liegen am Thalhang des Hufeisens, das die Mulde um den Schlossfelsen bildet.
Das herrlichste Stück Muldenthal liegt zwischen Rochsburg und Penig. Die Felswände erheben sich bis zu 100 m Höhe, tiefschluchtige Seitenthäler thuen sich auf und Felsschroffen wechseln mit Waldgehängen. Der Fluss bleibt zur Rechten. Bei der grossen Spinnerei =Amerika= Gastwirthschaft, die zur Arbeitercolonie gehört.
=Penig.= Stadt Leipzig. Hirsch. Deutsches Haus. Rest. zum Rathskeller. Zum Schützenhaus. 5800 Einw. Grossartige Papierfabrik. Zwei Schönberg'sche Schlösser. Die alte intr. Stadtkirche besitzt einen Lukas Kranach, welcher Luthern als Junker Jörge auf der Wartburg darstellt. Anstossende Begräbnisskapelle der gräfl. Schönburg'schen Familie. Das älteste Grabmonument entstammt dem Jahr 1411. Bemerkenswerther Altar und Taufstein.
Der Peniger Bahnhof und der Hühnerberg bieten für Spaziergänger hübsche Ziele dar. Der =Zeisig= (2 km) ist eine Schenke an der Strasse nach Leipzig, von wo aus man prächtige Aussicht auf Stadt und Umgebung geniessen kann.
Ein empfehlenswerther Fussweg führt von Penig über =Thierbach= und =Zinnberg= nach =Wolkenburg=. Gräfl. Einsiedel'sches Schloss mit trefflicher Gärtnerei, in der besonders auch Ananaszucht betrieben wird. Im Park Büste des Ministers Detlef von Einsiedel, der den Park umgeschaffen. Schöne Aussichtspunkte. Die Wolkenburger Kirche mit ihrem zierlichen Thurm wurde 1794 gleichfalls von demselben errichtet; sie hat geschmackvolle Reliefs von Eisenguss und ein eisernes Taufbecken. Das Altargemälde »Jesus der Kinderfreund« malte Oeser, der väterliche Freund Goethe's. Das Schloss ist zum Theil in den Felsen gehauen; es besitzt eine werthvolle Bibliothek und einige gute Gemälde. Im nahen Dorf Kauffungen, dessen Burg zerstört ist, war der Familiensitz des Ritters Kunz von Kauffungen, der den romantischen Putsch im Schlosse zu Altenburg ausführte. Das Familiengut Kunz's gehört jetzt zu Wolkenburg.
Auch unser fernerer Pfad bleibt dem schönen Muldenthal treu und führt über =Herrnsdorf= und =Niederwinkel= nach
=Waldenburg=. Gold. Löwe. Bär. Zur Ente. Rest. Rathskeller. In Altstadt-Waldenburg: Zum Hirsch. 3000 Einw. Ofenfabrikation und Töpferei, die von einer grossen Töpferinnung betrieben wird. Das fürstl. Schönburg'sche Schloss ist neuerbaut, nachdem es 1848 von der aufgeregten Bevölkerung eingeäschert worden war. Die goth. Stadtkirche ist nach dem Brand 1580 erneuert worden. Im Innern ein 7 m hohes Denkmal Hugo von Schönburgs, der 1596 hier beigesetzt wurde.
Der grosse fürstl. =Park Greenfield=, im Volke einfach =Grünefeld= genannt, liegt auf einem Berg oberhalb Altstadt-Waldenburg. Malerische Baumgruppen und Blumenrabatten. Mausoleum des Fürsten Otto von Waldenburg.