Gampe's Erzgebirge mit Einschluss der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden. Ein Reisehandbuch

Part 7

Chapter 73,196 wordsPublic domain

Die Chemnitzer =Werkzeugmaschinenfabrik=, gegründet von Joh. von Zimmermann (gleichfalls ein Selfmen). Hochrenomirt in der Werkzeugbranche. Holzbearbeitungsmaschinen sind eine Spezialität der Fabrik. Die =Schönherr'sche Webstuhlfabrik= gehört zu den grössten in ihrer Art. Der Schönherr'sche Webstuhl ist in der Weberei epochemachend gewesen. Grossartige Webfabriken sind: Robert Hösel, Lose, Marbach u. Weigel. Die =Actienspinnerei=, die grösste Spinnerei Sachsens, zählt 65000 Spindeln. Die grössten Strumpf- und Handschuhfabriken sind die von Esche, Hecker und Gulden. Strassendampfwagen baut Michaelis. Viele der grösseren Chemnitzer Firmen haben ihre Etablissements in der Umgebung, so die Firmen Clauss und Hauschild. Die =Permanente Industrieausstellung= von Hermann Findeisen an der Zschopauerstr. gewährt einen umfassenden Ueberblick über die Chemnitzer und erzgeb. Industrie.

=Sehenswerthe Bauten= besitzt die schnell aufgeschossene Stadt noch nicht sehr viele. Die goth. =Johanniskirche= stammt aus kath. Zeit und zeigt edle Formen, namentlich im Innern. Diese Kirche wurde in den jüngsten Jahren durch Baumeister Altendorf renovirt. Das =Rathhaus= neben der Kirche ist ein spätgoth. Bau. Auf der Klosterstrasse im Klosterhof befindet sich in einem Hintergebäude das intr. Portal des alten Chemnitzer Nonnenklosters eingemauert. Die =Adlerapotheke= am Markt verdient als ein mittelalterlicher Bau gleichfalls Beachtung. Für die prächtige Zimmermannsche Villa am Bahnhof lieferte ein Osnabrücker Bürgerhaus das Modell. Am Schillerplatz liegt die neue =Gewerbeschule= und die =Actienspinnerei=, die als industrieller Monumentalbau gelten kann. Gleich imposant durch seine Lage wie durch seine Grösse ist auch das neue =Justizgebäude= auf dem Kassberg.

Die =Schlosskirche= über dem Schlossteich besitzt ein originelles Architecturstück von kunsthistorischem Werth; es ist das ein Portal, bei welchem gemeisselte Baumstämme mit Zweigverschlingungen eine phantastische Architectur darstellen. Das ganze erscheint gefällig und leicht und ermangelt keineswegs der statischen Wirkung. Im Innern der restaurirten Kirche, die einst Klosterkirche des Benedictinerstiftes war, die Kreuzigung Christi, eine stark realistische Figurengruppe in Lebensgrösse aus +einem+ Eichstamm geschnitzt.

Die =Kunsthütte= an der Annaberger Strasse. Geöffnet Donnerstags und Sonntags von 10 bis 3 Uhr. (Donnerstags mit Ausschluss der Mittagsstunde.) Eintritt frei. Ausser der Zeit öffnet der Castellan. 50 Pf. Trinkgeld. Kunsthütte nennt sich ein Verein für Kunstpflege, der in genanntem Gebäude eine Ausstellung von eigenen und von verkäuflichen Gemälden unterhält. U. A. Harlekin von Gönne. (Bedeutendes Bild.)

Das =Museum des Geschichtsvereins= befindet sich gleichfalls im Gebäude der Kunsthütte. Geöffnet Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Von Kunstwerth ist eine Grablegung, ein grosses Schnitzwerk aus den Mittelalter, zu nennen. (Entstammt der Johanneskirche.) Ausserdem vieles von localgeschichtlichem Werth.

Das =Naturalienkabinet= ist ebenfalls im Gebäude der Kunsthütte untergebracht. Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Interessant durch viele Versteinerungen aus der geologisch merkwürdigen Chemnitzer Umgebung.

Die =Stadtbibliothek= im alten Rathhaus besitzt 15000 Bände, die meist durch Geschenke zusammengebracht worden sind. (Montag und Freitag von 5 bis 7 Uhr geöffnet. Bibliothekar Dr. König.)

Die =Gewerbe-= und =Bauschule= mit Baugewerken und Werkmeisterschule verbunden, besitzt intr. Modellsammlungen.

=Denkmäler.= Das =Beckerdenkmal= an der Poststrasse zeigt den Grossindustriellen Becker in Ueberlebensgrösse. Derselbe war ein Pfarrerssohn aus der Pulsnitzer Gegend und schwang sich vom vermögenslosen Kaufmannsdiener zum Fabrikbesitzer empor; er war ein edler Menschenfreund und nahm sich besonders in theueren Zeiten durch Brod- und Getreidevertheilung des Volkes warm an. Das =Kriegerdenkmal= am Theaterplatz ist von Händel modellirt. Schlanke Säule mit Victoria. Am Schaft die Medaillonportraits von Kaiser Wilhelm, König Albert, Bismarck und Moltke. Unfern davon in den Promenaden steht in Form eines Denkmals ein versteinerter Baumstamm, ein besonders schönes Exemplar einer Araucaria, wie sie sich in der Umgegend sehr häufig finden. Wurde 1862 beim Bau der Stiftstrasse ausgegraben. (Im Hof der Kunsthütte liegt ein noch grösseres Exemplar.) Das =Vater Augustdenkmal= am Schillerplatz ist eine sehr bescheidene Büste auf einem essenkopfartigen Granitwürfel, die dem imposanten Platz wenig angemessen erscheint. An der Webschule befindet sich das Standbild des Erfinders der Jaquardmaschine, Jaquard.

=Spaziergänge.= In der Stadt selbst verdient vor Allem der sehr grosse =Schillerplatz= mit seinen prächtigen Anlagen einen Besuch. Instructiver ist freilich ein Gang auf den =Katzberg=, der die Stadt in ihrer ganzen Ausdehnung zeigt. Am Fuss des Berges an der Bierbrücke Rest. Am beliebtesten ist der Spaziergang nach dem =Schlossteich=, auf die =Schlossteichinsel= und auf das =Schloss=. Hier liegen die Schlosskirche (s. S. 58.) und einige alte Bauten, die Ueberreste des alten Benedictinerklosters und zwei Restaurants mit höchst anmuthiger Aussicht auf den Schlossteich und auf die Stadt mit ihrer reichangebauten Umgebung. (Die Küche im Kesselgarten zeigt noch ein Stück von dem alten gothischen Kreuzgang des Klosters.) Ein ebenfalls beliebter Spaziergang in entgegengesetzter Richtung ist an der Chemnitz aufwärts durch =Sachsens Ruhe=. Der Weg führt später zum =Wind= (Rest.) empor und auf der aussichtsreichen Stollberger Strasse nach der Stadt zurück. Hübsche Blicke auf die Stadt gewähren auch noch die Zschopauer Strasse bis zu =Baums Rest.= und die Dresdner Strasse bis zum =Waldschlösschen=, welches letztere freilich 3 km von der Stadt entfernt liegt.

Kleinere Touren ab Chemnitz.

15. Nach der =Engelshalde= (4 km) und dem =Beutenberg= (1 km).

Die =Engelshalde= nennt sich ein Schuttberg neben der Dresdner Strasse hinter dem Waldschlösschen, der von dem Abraume der grossartigen Porphirbrüche (zu seinen Füssen) aufgethürmt worden ist. Diese Halde bietet eine treffliche Aussicht auf die dampfessengespickte Stadt und die umliegenden Anhöhen. Der =Beutenberg= ist eine 418 m hohe Triangulirungsstation im Südostost von der Engelshalde. Schöne Blicke über den Zeisigwald und die weitere Umgebung, in welcher die drei Schlösser Lichtenwalde, Augustusburg und Sachsenburg sichtbar sind.

16. Nach dem =Adelsberg= (7 km) und nach =Erdmannsdorf= (5½ km, Fusspartie).

Man geht durch das volkreiche Dorf Gablenz (Apfeldorf) auf aussichtsreicher Strasse nach dem Adelsberg hinauf (Schenke). Prächtige Aussicht auf Chemnitz und Umgebung (431 m ü. M.). Beim Weiterwandern wird Augustusburg sichtbar, ein überraschender Anblick. Kurz vor Erdmannsdorf anmuthige Landschaft, hoch oben die stolze Burg, zu ihren Füssen das idyllische Erdmannsdorf mit dem anmuthigen Schlösschen des Ministers von Könneritz. Näheres siehe unter Erdmannsdorf.

17. Nach =Einsiedel= (ab Altchemnitzer Bahnhof 8 km). =Dittersdorfer Höhe= (3 km).

Wer nicht mit Bahn fährt, geht über das Jägerschlösschen nach Erfenschlag und Einsiedel. Schöner ist der Fussweg nach Bernsdorf, Reichenhain und dann den Fussweg am 420 m hohen Pfaffenstein vorüber nach der Einsiedler Papierfabrik hinab.

=Einsiedel=, schönes Kirchdorf. 2000 Einw. Anmuthige Lage im Zwönitzthal. Staake's Gasthaus. Zum Kaiserhof. Im Oberdorf Rest. zum Schieferwinkel. Grosse Papierfabrik. Edelfischzucht, im Monat November während der Laichzeit und in den ersten Wintermonaten hochintr.

Hinter Staakes Gasthaus führt der Fussweg hinauf nach der =Dittersdorfer Höhe= (506 m). Triangulirungsstation. Umfassender Blick auf das Centralerzgebirge mit den Bärenstein, Pöhl- und Scheibenberg und dem Fichtel- und Keilberg. Das Rest. ist jetzt ohne Wirth. Zurück nach Chemnitz empfiehlt sich der Weg über den =Altenhahn=, an der Zschopauerstrasse. Guter Landgasthof. An derselben Strasse bei den neuen Schenken gute Aussicht auf Chemnitz und Umgebung.

_+Anmerkung.+ Von Altenhain intr. Partie durch Altenhain, Olbersdorf nach der Sternmühle und nach Erdmannsdorf. Sehr idyllischer Thalzug (8 km). Sternmühle ist Restaurant._

18. =Chemnitz-Klaffenbach= (10 km). =Burkhardsdorf= (3 km). =Dittersdorf= (4 km). =Einsiedel= (3 km). =Chemnitz= (8 km).

Mit Dampf bis Station Erfenschlag oder zu Fuss den Altchemnitzer Wiesenzug aufwärts. (Die Güter zur Linken lassend.) =Harthau=, Kirchdorf im engen Würschnitzthal. Grosse Kammgarnspinnerei. Die Strasse windet sich in Serpentinen, die sich durch Fusswege abschneiden lassen, den Berg hinauf nach der =Klaffenbacher Bergschenke=. Kurz vor der Schenke treffliche Aussicht auf Chemnitz und seine weitere Umgebung. Ein sehr altes Kreuz bei dem Dorfe Klaffenbach soll die Stelle bezeichnen, an der 892 Bischof Arno von Würzburg erschlagen wurde von den ergrimmten heidnischen Sorben. In der Nähe der Bergschenke erhebt sich der =Geyersberg= (493 m). Die erste Bergkuppe im Erzgebirge südlich von Chemnitz. Schöne Rundsicht besonders auf Chemnitz und das Zwönitzthal.

=Burkhardsdorf= ist ein Marktflecken mit 3300 Einw. Gasthof zur Gold. Aue. Bahnhofsrest. Strumpfwirkerei. Liegt im Thalzug der Zwönitz.

Zwönitz abwärts gelangen wir nach =Kemptau=. (Wahrscheinlich entstand der Name aus den slav. Camenowe, »Steinau«, von den Kemptauer Steinen, die oberhalb des Dorfes imposante Felsgruppen darstellen. 484 m). Eine Strasse führt am Thalgehäng hoch über dem Zwönitzfluss an einem Kalkofen vorüber in weitem Bogen nach Dittersdorf. Geräder, doch nicht so intr. ist der Weg im Thalzug. Dittersdorf ist Eisenbahnstation. Einsiedel, siehe Seite 61.

19. Von =Chemnitz= nach der =Pelzmühle= (9 km). =Oberrabenstein= (2 km).

Man fährt mit Dampf bis Stat. =Siegmar= oder wandert durch die Industriedörfer =Kappel= und =Schönau= dahin ununterbrochen in fast geschlossener Gasse. Die Pelzmühle am grossen Pelzteich ist ein vielbesuchtes Rest. mit schönem Garten und soll ihren seltsamen Namen schon den Kelten zu verdanken haben. Auf dem Teiche Kähne zu Wasserpartien. =Oberrabenstein= hat eine alte finstere Burgruine, welche früher Sitz der Kaiserlichen Voigte war, ehe die Rabensteiner Herrschaft an das Chemnitzer Benedictinerkloster verkauft wurde. Kalkbrüche mit vielen Feldspathkrystallen. In =Niederrabenstein= hübsche goth. Kirche. Von Städtern vielbesuchter Gasthof mit Tanzsaal (zu Fuss über Ruttlof nach Chemnitz zurück 7 km).

20. =Chemnitz-Limbach= (per Bahn 18 km, zu Fuss über Rabenstein 12 km). =Wüstenbrand= (7 km). =Chemnitz= (15 km).

Mit Dampf fährt man an dem grossen Strumpfwirkerdorfe =Wittgensdorf= vorüber. 3600 Einw. Zu Fuss geht man über =Ruttlof= und =Rabenstein= durch den =Rabensteiner Wald=. (Rechts der Strasse ein Denkstein, Näheres siehe Inschrift.) Ein schöner Waldweg führt von Rabenstein direct nach Wüstenbrand (6 km).

=Limbach.= Zum Hirsch. 7000 Einw. Städtisch angelegtes Dorf. Hier erbaute David Esche Anfang des 17. Jahrhunderts den ersten Strumpfwirkerstuhl und ward so nicht nur Begründer des grossen Strumpfhauses Esche, sondern führte die Strumpfwirkerei überhaupt in der Gegend ein. In Limbach besteht eine Strumpfwirkerschule.

Auf der Strasse nach Wüstenbrand freie Blicke über Limbachs Umgebung. In =Wüstenbrand= unfern der 482 m hoch gelegenen Kirche umfassender Blick auf das Obererzgebirge mit dem Auersberg und Fichtelberg. Näher her das Lugau-Oelsnitzer Kohlenschachtrevier. Am Bahnhof mündet die Lugauer Kohlenbahn. Bei der Rückfahrt nach Chemnitz passiren wir Stat. =Siegmar=, in deren Nähe die Eisenbahnbrücke 1866 von einer fliegenden preuss. Colonne gesprengt wurde. In einem offenen Schuppen am Bahnhof Rudera von der Sprengung.

21. =Chemnitz-Auerswalde= (9 km). =Schweizerthal= (5½ km). =Burgstädt= (4 km). =Chemnitz= (Bahn 15 km).

Man geht über Furth immer in der Nähe des in der Stadt arg getrübten Chemnitzflusses nach Blankenau-Glösa. In Blankenau stand ehemals am Fluss eine Burg, die =Blankenburg=, deren letzte Spuren leider vor wenigen Jahren völlig beseitigt worden sind. (Von dem hochgelegenen Kirchlein hübsche Thalblicke.) Die =Auerswalder Mühle= (Schenke) ist ein Thalidyll von höchst anmuthigem Charakter. =Schweizerthal= nennt sich die grosse Tetzner'sche Strickgarnfabrik. Schön gelegen.

_+Anmerkung.+ Passionirte Touristen suchen wohl in dem prächtigen Chemnitzthal bis an die Mündung in die Mulde vorzudringen. Die Thalbilder sind in hohem Grade anmuthend. In der Nähe der Mündung liegen sehr grosse Rollblöcke im Fluss, die ihm wahrscheinlich den Namen Camenice (Steinbach oder Steinfluss) verschafften. In vielen dieser Gneisblöcke finden sich sogenannte Strudellöcher (Riesentöpfe), durch die Kraft des Wassers mit Hilfe von Geröllen eingegraben._

=Burgstädt.= Deutsches Haus. 5296 Einw. Altes intr. Rathhaus mit Rest. Weberei. Schuhmacherei. Leicht zu ersteigen und sehr dankbar ist der nahe 340 m hohe =Taurastein=, eine Felsgruppe, die, ähnlich wie der Rochlitzer Berg, eine weite Rundschau über das Granulitgebiet bis hinauf nach der Augustusburg gewährt (zurück benutzt man die Bahn).

22. =Chemnitz-Lichtenwalde= (12 km). =Frankenberg= (5 km) und zurück per Dampf (17 km).

Am Besten benutzt man die Bahn nur bis =Wiesa=, da der Weg von hier durch den Wald an die Zschopau hinab und zum Schlosspark empor ein sehr anmuthiger ist (Weglänge ab Wiesa 2½ km). Die Station =Braunsdorf= liegt dicht unter dem Lichtenwalder Schloss.

Zu Fuss nach Lichtenwalde geht man über =Hilbersdorf= und =Ebersdorf=. Auf Hilbersdorfer Flur grosse Porphyrsteinbrüche. Versteinerte Coniferen. Höchst seltene Staarsteine. Die Ebersd. Kirche war ehedem Wallfahrtskirche. Friedrich der Sanftmüthige wallfahrtete nach dem vereitelten Prinzenraub hierher und liess die Kleider des Prinzen und die Köhlerkutte des Köhlers Triller hier aufhängen, die noch unter Glas zu sehen sind. Holzschnitzereien. Altes Altargemälde. In dieser Kirche liegt auch Ritter Harras, der kühne Springer, begraben. Ein grosses Hufeisen soll von seinem Ross herrühren (Weglänge von Chemnitz nach Lichtenwalde 9 km).

=Lichtenwalde.= Schloss mit herrlichen Parkanlagen, ein Majorat der gräfl. Familie Vitzthum von Eckstädt. Im Dörfchen Schlossschenke. An der Strasse nach Chemnitz steht das Denkmal des vorigen Majoratsherrn, der beim Ueberfall zu Etrepagny 1870 getödtet wurde. Im Park sehr schöne Anlagen mit Statuen, Gruppen etc. Die berühmten Wasserkünste, die von der Schlossmühle aus durch Druckwerk gespeist werden, locken zu Festzeiten grosse Menschenmengen hierher. Schelmisch unter Treppenstufen etc. verborgen, geben dieselben zuweilen zu grosser Heiterkeit Veranlassung. Sonntags öfter Concerte. Im Privatgarten der Herrschaft grosse Treibhäuser, Teppichbeete, Taxuswände etc. Im Schloss, das für gewöhnlich nicht zugänglich ist, gute Gemälde niederländischer Meister. In ein chines. ausgestattetes Zimmer hat man vom Söller aus Einblicke. Schöner Spaziergang an der Schlossmühle vorüber nach dem Harrasdenkmal, das am linken Ufer der Zschopau dem Harrasfelsen gegenüber steht. Wenige Schritte vom Denkmal eine wenig hohe aber sehr starke Eiche.

Nach Frankenberg gehen wir bei der Schlossmühle über den Mühlsteg und vor dem Harrasfelsen unter der Bahn weg am Bahnwärterhäuschen empor auf den =Hauenstein=, den =Harrasfelsen=. Zu Ehren der Sage oder wohl mehr des Körner'schen Gedichtes »Harras, der kühne Springer« steht ein eisernes Kreuz. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass ein Sprung in die Zschopau von hier aus ganz unmöglich ist; so schroff der Felsen auch erscheint, so ist doch das Wasser zu fern. Reiter und Pferd würde nicht im Wasser, wohl aber am Felshang zerschmettert sein. Ein Fusspfad gegen Osten führt an die Strasse nach Frankenberg.

=Frankenberg.= Schwarzes Ross. Deutsches Haus. Stadt Dresden. Rest. Rathskeller. Reichsseidelei. Bürgergarten. Hochwarte. In Cunnersdorf (1½ km) Nerge's vielbesuchtes Gartenrest. 11,000 Einw. Sehr gewerbthätige Stadt. Weberei in Halbwolle und Halbseide. Druckerei. Cigarrenfabrikation. 1½ km entfernt an der Bahn nach Hainichen in der Nähe des stattlichen Lützelthalviaductes liegen die höchst anmuthigen städtischen Anlagen.

_+Anmerkung.+ Zurück nach Chemnitz benutzt man am Besten die Bahn. Wer die Partie nach der Mittweidaer Schweiz ausdehnen will, geht auf schönem Wiesenpfad am rechten Zschopauufer nach +Sachsenburg+. Das hochgelegene Schloss ist jetzt Correctionsanstalt für jugendliche Verbrecher (60 Insassen). Gothische Kapelle. Das Schloss, 1488 von einem Herrn von Schönberg fertig gestellt, ist architektonisch nicht ohne Bedeutung. Das nahe +Dorf Sachsenburg+ war früher Wallfahrtsort. Von hier aus ersteigt man den 350 m hohen +Treppenhauer Berg+, der früher eine Burg Gozne getragen haben soll. An freien Stellen Blicke auf das Obererzgebirge mit dem Fichtel- und Keilberg. Am Fusse des Schlosses liegt die beliebte +Fischerschenke+. Man geht nun die Strasse im Thalzug fort nach +Krumbach+, fährt bei der Spinnerei über und verfolgt einen romantischen Fusspfad erst am Fluss fort und bei einem Bergwasserausfluss hinauf nach +Schönborn+. Grosses Bergwerk. Beim Obersteiger Erfrischungen. (Inter. Erzstufen.) Von hier die Strasse am Erzpochwerk und an der idyllisch gelegenen Flossschenke vorüber nach Neudörfchen und Mittweida. (Von Frankenberg bis Mittweida 10 km.) Mittweida s. S. 68._

23. =Chemnitz-Flöha= (12 km). =Erdmannsdorf= (6½ km). =Cunnersstein= (2½ km). =Augustusburg= (2 km) und zurück nach =Erdmannsdorf= (2 km).

Am Besten mit Dampf bis Flöha oder Erdmannsdorf (Flöha s. S. 55). =Erdmannsdorf= ist eine beliebte Sommerfrische der Chemnitzer. Bahnhofsrest. Gasthof an der Zschopaubrücke. Hübsche Prommenadenwege am Fluss aufwärts. Schlösschen und Rittergut des Ministers von Könneritz. Der =Vogelheerd= (1 km), 376 m hoch gelegene Baumgruppe, gewährt hübsche Blicke hinauf ins Centralerzgebirge. Schöne Waldwege (Wegweiser) führen nach dem =Cunnersstein=, einer imposanten Felsbastei über dem Zschopauthal mit beliebtem Bergrest. Die Fernsicht ist beschränkt, doch hat man sehr fesselnde Thalblicke. Nach Augustusburg sind die Wege gleichfalls markirt.

=Schellenberg.= Hirsch. Erbgericht. Schlossrest. auf dem Schloss. 1922 Einw. 503 m ü. M. Neuere Stadtkirche mit seltsamem Thurm. Altarbild von Gonne, »Die Jünger in Emmaus«. Dicht über der Stadt ragt auf steilem Porphyrfels die stolze Augustusburg empor, die weithin leuchtende Warte des Erzgebirges. Aeltere Abbildungen zeigen die jetzt ziemlich kahlen Aussenseiten mit hohem Dachstuhl und malerischen Erkern und Galerien. 1568--92 erbaut. Ehemals sah die Burg glänzende Hoffeste, jetzt sind in einigen Gebäuden Gerichtsbehörden untergebracht. August der Starke hielt Bären hier. Der Kopf des letzten Insassen des Bärenzwingers schmückt das Thorhaus: er hatte sich befreit und stattete dem nahen Städtchen einen sehr bedenklichen Besuch ab. In der Capelle befindet sich eine Silbermann'sche Orgel und ein Altargemälde von Kranach d. J., welches die zahlreiche Familie des Kurfürsten Vater August in der bekannten Orgelpfeifengruppirung darstellt. Vom nordöstl. Thurme, auf welchen der Castellan gegen ein kleines Trinkgeld die Fremden gewöhnlich führt, hat man umfassende Blicke auf das Centralerzgebirge und über das Granulitgebirge hinweg nach der norddeutschen Tiefebene, aus der der Oschatzer Colmberg hervorragt. Im Schlossgarten uralte Linde, die der Sage nach verkehrt eingepflanzt wurde, im hinteren Schlosshof liegt der 190 m tiefe Schlossbrunnen, welcher nicht mehr gezeigt wird, seit sich 1876 eine Dame hinabstürzte. (Hinabgegossenes Wasser hörte man nach 21 Secunden fallen.)

_+Anmerkung.+ Nach Erdmannsdorf hinab lassen sich die Krümmungen der Strasse durch Fusswege kürzen. Eine dankbare Variante ist folgender Weg: Man geht von Schellenberg hinab nach Hohenfichte (3 km), wo sich die grosse Hauschild'sche Strickgarnfabrik befindet. Von hier am rechten Ufer der Flöha nach der sogenannten +Hetzdorfer Schweiz+, einer Felsgruppe mit Aussicht auf den nahen Hetzdorfer Viaduct und auf das Flöhathal. Dann geht man über +Falkenau+ nach dem Flöhaer Bahnhof. (Von Hohenfichte ab bis Flöha 11 km.)_

_Ein stiller, einsamer, waldfrischer Thalzug ist der +Lössnitzgrund+. Von Hohenfichte bis zur reizend gelegenen +Hammermühle+ (Schenke) hinauf 4 km._

Grössere Touren ab Chemnitz.

24. =Chemnitz-Hohenstein= (19 km). =St. Egidien= (7 km). =Lichtenstein= (4 km). =Stollberg= (13 km). =Chemnitz= (im Würschnitzthal über Schloss Neukirchen 22 km).

Man fährt mit Dampf an den schon erwähnten Stationen Siegmar und Wüstenbrand vorüber zunächst nach

=Hohenstein-Ernstthal=. Schwesterstädte. In Hohenstein Drei Schwanen. Braunes Ross. Krauses Rest. zum Rathskeller. Haselhuhns Gartenrest. 6500 Einw. Das nahe Ernstthal zählt 4400 Einw. Die letztere Stadt wurde 1680 von Hohensteiner Bürgern gegründet, welche der grassirenden Pest entflohen. In Hohenstein erinnert ein Denkmal an den Naturforscher und Philosophen G. H. Schubert (geb. 26. April 1780 zu Hohenstein). Weberei von Bett- u. Möbeldecken. Beide Städte liegen am Fusse des =Kapellenberges=, der die südlichste Erhebung des Granulitgebietes darstellt. An der Strasse nach dem Gasthaus zum Wind liegt eine 470 m hohe Bergkuppe, welche freie Blicke nach dem Centralerzgebirge mit dem Auersberg, dem Keil- und dem Fichtelberg gewährt (2 km). Die von hier 1½ km entfernte =Langenberger Höhe=, 479 m hoch, liegt für einen Rundblick noch günstiger, man hat hier auch Aussicht auf die Muldenniederungen und die norddeutsche Ebene. Mineralogen finden in dem Glimmerschiefer des Kapellenberges manche Ausbeute. Der Bergbau auf Arsenkies ist noch nicht ganz eingestellt. An der Strasse nach Waldenburg (2½ km) liegt das jetzt vereinsamte =Hohensteiner Bad= mit Eisenquelle.

Die Weiterfahrt zeigt rechts einige Waldscenerien und links Dorfschaften. Im langen Dorf St. Egidien zweigt sich die Stollberger Linie ab. Zu Fuss geht man eine schöne Waldstrasse (4 km).

=Lichtenstein.= Sonne. Helm. 5200 Einw. Das anstossende Städtchen Callenberg zählt mit seinem Lehrerinnenseminar 3000 Einw. Die Schwesterstädte liegen anmuthig zu Füssen eines stolzen fürstl. Schönburg'schen Schlosses. In der Stadtkirche Lichtensteins ein Altarbild von Vogel, dem Kunstwerth zugeschrieben wird. Herrliche Spazierwege im Schlosspark und im Stadtwald. Ein beliebter Ausflug ist die Schwarze Allee und die sog. Kanzel, die freie Ausblicke nach dem Centralerzgebirge gewährt.

Man geht von Lichtenstein die Strasse oder durch das =Rödlitzthal= nach =Oelsnitz=. Oelsnitz mit Lugau und Würschnitz bedecken die Oberfläche eines Steinkohlengebirges von etwa 2000 Hectaren Ausdehnung. Die Flötze haben eine Mächtigkeit bis zu 14 m. 15 Schächte fördern im Jahr 3 Mill. Ctr. der besten Pechkohle, die meist nach Chemnitz verfrachtet werden. In Lugau im Gottessegenschacht wurden am 1. Juli 1867 102 Bergleute lebendig vergraben durch Schachteinsturz. Die Leichname sind später aufgefunden und beigesetzt worden.

=Stollberg.= Weisses Ross. 6326 Einw. 420 m ü. M. Stollberg ist Sitz des grössten Sächs. Strumpfexportgeschäftes. Woller, der Begründer, war ein schlichter Strumpfwirkermeister. =Hoheneck=, ein imposantes Schloss am Thalhang, beherbergt eine Weibercorrectionsanstalt. (Filiale von Waldheim.)