Gampe's Erzgebirge mit Einschluss der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden. Ein Reisehandbuch

Part 6

Chapter 63,167 wordsPublic domain

Der Bergmannsstand hat durch seine genossenschaftliche Organisation, seinen conservativen Sinn und seinen Berufsgeist vieles aus alter Zeit herübergerettet, so dass sich der Bergmann von seinen »überirdischen« Standesgenossen, den Fabrikarbeitern unterscheidet. Schon seine Sprache hat Eigenartiges, so sind Kux, Zeche, Zubusse, Wetter, Hund, Teufe etc. ihm ureigene Begriffe. Als Scheidejunge tritt der jugendliche Bergmann seinen Beruf an, er sortirt zunächst die ausgebrachten Erze nach ihren Gehalt, sodann steigt er zum Grubenjungen empor oder vielmehr, er steigt hinab und vermittelt den Verkehr zwischen den Abbauörtern und den Förderschächten, indem er die Hunde (Fahrzeuge) mit den Erzen hin- und hertreibt, oder er räumt Gesteinstrümmer bei Seite. Als Lehrhäuer hat er sieben lange Jahre zu dienen, ehe er zum Probegeding zugelassen wird; ist dieses gemacht, dann erst gilt er als ein vollbürtiger Bergknappe. Eine ähnliche Stufenleiter haben die Zimmerlinge zu durchlaufen. Obersteiger müssen eine Bergschule absolvirt haben. Die Kleidung besteht in einem Grubenkittel, einem Bergleder und einem Berghut ohne Krämpe mit einer Kokarde von gekreuzten Fäusteln gebildet. Bergaufzüge mit Fackeln und Grubenlichtern sind leider seltener geworden. Der grösste neuere Bergaufzug dürfte der 1878 zu Dresden gewesen sein, der zu Ehren der Silbernen Hochzeit des Königspaares stattfand. Die hohen Bergbeamten tragen glänzende Uniformen. Alt wird der Bergmann selten, nahe den Fünfzigen siegt er an der sogenannten Bergkatze, einer Art Schwindsucht dahin, den Hüttenleuten ergehts fast schlimmer, sie erliegen meist noch früher der Hüttenkatze, einer ähnlichen Krankheit. Am gefährlichsten ist die Arbeit in den Arsenhütten. Die Silberbrenner leiden häufig an der Bleikolik. Die reichste Grube ist gegenwärtig Himmelfahrt, sodann folgt Himmelsfürst. Neuerdings werden auch von mehreren andern Schächten reiche Anbrüche gemeldet.

Die =Muldenhütten= (3½ km) an der Mulde sind hochintressant. Eintritt 1 Mk. Die gepochten Erze werden zunächst in Röstöfen geröstet, d. h. vom Schwefelgehalt befreit, sodann geschmolzen, wobei sich das Werkblei ausscheidet. Dieses geht nun durch viele Oefen, ehe es zum Silberbrenner gelangt, der mit Feuer und glühenden Sauerstoffströmen den Bleigehalt zum Oxidiren zwingt, bis der Rückstand den sogenannten Silberblick zeigt und damit sich als reines Silber ausweisst. (Näheres siehe des Verfassers Aufsatz Gartenlaube 1879 No. 34.) Nebenher sind Bleirohrfabriken, Arsenhütten, Schwefelsäurefabriken, Zinköfen, Goldscheidewerkstätten zu besichtigen. Auch 2 kleine Platinkessel sind intressant, sie kosten zusammen 36000 Thlr.

_+Anmerkung.+ Wer die Grabentour machen will, besucht anstatt der Muldenhütten die am Wege gelegenen Halsbrücker Hütten, die ganz ähnlich eingerichtet sind._

Die =Bergacademie= geniesst Weltruf. 15 acad. Lehrer unterrichten gegen 150 Bergstudenten unter denen alle Welttheile vertreten sind. Grossartige Mineraliensammlung. Fachbibliothek von circa 40000 Bänden. Alexander von Humboldt und Theodor Körner studirten hier. (Neben der Bergacademie sei das Gymnasium genannt, das schon seit 4 Jahrh. besteht und neuerdings in einen stattlichen Neubau übergesiedelt ist.) =Alterthumsmuseum= im Kaufhaus. Sonn- und Feiertags von früh 11 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 5 Uhr, 10 Pf. Eintritt, Mittwoch und Sonnabend Nachmittag 20 Pf. Ausser der Zeit Führung 1 bis 4 Personen 1 Mk. Katalog 20 Pf. 1861 gegründet. Von localem Interesse sind besonders alte Berggeräthe, die man in verlassenen Bauen aufgefunden. Ferner kirchliche Alterthümer, Innungsladen, Trinkgefässe etc.

Interessante =Gebäude= sind das alte Rathhaus, in dem auch ein Stück der Strickleiter aufbewahrt wird, auf welcher Kunz von Kauffungen den Prinzenraub ausführte, ferner das Kaufhaus, das alte Gymnasium, sonst Domherrenwohnung, und viele hochgegiebelte alte Bürgerhäuser.

Der =Freiberger Dom= ist weniger berühmt geworden durch seinen Gesammteindruck, wie durch seine =Goldene Pforte= und seine =Grabmäler=. 1484 abgebrannt, wurde er bald darauf in spätgoth. Styl wieder errichtet, doch hat man den kostbarsten Ueberrest von dem alten romanischen Bau wohlerhalten. Diese goldene Pforte ist von den älteren Werken der Steinplastik zweifellos das hervorragendste in sächs. Landen und überhaupt einzig in ihrer Art. Figurenreiche Gruppen, darunter die Dreieinigkeit, die Anbetung der heil. drei Könige, Madonna, Engel, Apostel, Abraham, Josua, David, auferstehende Todte etc. beleben das geniale Bildwerk, dessen Schöpfer eine hohe künstlerische Anmuth bei reicher Phantasie und strenger Anordnung bekundet. Bemerkenswerth sind noch der Kreuzgang in edler Gothik. Im Innern des Domes eine ältere Kanzel, die eine Riesentulpe darstellt; im Kelch befindet sich der Predigtstuhl. Die zweite Kanzel, gestützt durch zwei bergmännische Statuen, liess der Freiberger Bürgermeister Schönleben 1638 errichten; man schätzt sie als eines der besten Werke altdeutscher Renaissance. In der anstossenden =Begräbnisscapelle= liegen die Fürsten Sachsens von Heinrich dem Frommen bis auf Johann Georg IV. Das künstl. bedeutendste Grabmal ist das des Kurfürsten Moritz, der bei Sievershausen gefallen. Die Zeichnung stammt von zwei Italienern, den Gebrüdern Tola, die Ausführung in Marmor geschah durch den Antwerpener Bildhauer van Zerun. Die Orgel zählt zu Silbermanns Meisterwerken. Auf dem eingezogenen Domkirchhof ist das Grab des grossen Geologen Werner erhalten worden.

=Spaziergänge.= In der Stadt besichtige man den blauen Stein auf dem Obermarkt, der die Stelle bezeichnet, wo Kunz von Kauffungen, der Prinzenräuber, seinen Putsch mit dem Leben büsste. An einer Ecke des Rathhauses ist ein Kreuz von besonders reichen Silbererzen eingemauert. Ein Rundgang um die in Promenaden verwandelten Ringwälle ist höchst empfehlenswerth. Wir berühren dabei am Kreuzthor das =Denkmal= des =Mineralogen Werner=, vor dem Petersthor steht das renovirte =Schwedendenkmal=. An den Bürgermeister =Horn= erinnert vor dem Erbischen Thor ein =goth. Brunnen=. Zwischen dem =Schloss Freudenstein=, wo einst Heinrich der Fromme fröhlichen Hof hielt, und den idyllischen Kreuzteichen steht das =Kriegerdenkmal= auf einer alten Schanze.

Wer eine echt bergmännische Landschaft mit Zechenhäusern und grossen Berghalten sehen will, gehe nach der Sächsstadt und in das Schachtrevier von Himmelfahrt. Ein Besuch von =Herders Ruhe=, ein Denkmal unfern der Strasse nach Halsbrücke kann damit verbunden werden. Schöner Blick auf die alte Bergstadt, der in Deutschland wohl einzig in seiner Art sein dürfte. Grössere beliebte Spaziergänge sind die nach =Fernesiehen=, ein Gasthaus an der Chemnitzer Strasse, nach dem =Rosinenhäuschen= an der Frauensteiner Strasse und nach =Heedens Rest.= an der Meissner Strasse.

Touren ab Freiberg.

9. =Freiberg-Halsbrücke= (5 km). =Krummhennersdorfer Mühle= (4 km). =Oberreinsberg= (4 km). =Zollhaus= (1½ km). =Bergwerk Kurprinz= (über Burkersdorf 4 km). Ueber Altväterwasserleitung nach =Freiberg= (8 km).

Wir wandern, Herders Ruhe und später Tuttendorf zur Rechten, hinab ins Muldenthal nach =Halsbrücke=. Grossartige fiscalische Hüttenwerke, Silberschmelzen, ganzähnlich eingerichtet, wie die Muldenhütten. Führung 1 Mk. Bei Halsbrücke befinden sich auch grosse Bingen. Die Einbrüche geschahen 1662 und 1691. Das Muldenthal wieder verlassend, wandern wir über die Höhe, dann durch =Krummhennersdorf=, wo einst Markgraf Albrecht der Stolze an Gift starb, hinab nach der stattlichen Mühle an der Bobritzsch. Dieser Fluss ist der stärkste Nebenfluss der Mulde und hat prächtige Thalpartien. Bei der Mühle beginnt die =Grabentour=, so nennt sich der schöne Prommenadenweg im romantischen Thalzug, der allen Krümmungen des Berggrabens folgt. Hier stossen wir auch auf Lichtlöcher des =Rothschönberger Stollens=, einer der grössten Bergstollen. Sein Bau begann 1840, seine Vollendung fällt ins Jahr 1879. Die Länge beträgt 15 km, erreicht also die des St. Gotthardtunnels.

Am 6. Lichtloch vorüber, verlässt der Pfad bald das Thalgehäng und führt nach =Oberreinsberg= hinauf, dessen Schloss mit Kirche schon lange sichtbar ist. Nun hinab an das =Zollhaus=, ein romantisch gelegenes Gartenrestaurant unfern des Einflusses der Bobritzsch in die Mulde (von hier nach Nossen im schönen Thalzug Über die Steier- und die Beiermühle 6 km. Nossen s. unten.). Der Rückweg führt uns zunächst nach =Bieberstein=, schöner Schlosspark mit Ruine der alten Burg Bieberstein. Ueber Burkersdorf und Teichhäuser gelangen wir wieder hinab ins Muldengebiet und zum =Kurprinzen=, einem der beliebtesten Ausflugsorte der Freiberger. Im Huthaus Schenke. Schöne Gartenanlagen vom Oberberghauptmann Frhrn. von Herder herrührend. Die =Altväterwasserleitung=, die einst einen Bergwerkscanal über das Muldenthal leitete, liegt etwas abseit des Weges nach Freiberg. Die ganze Anlage erinnert an römische Aquaducte und in einiger Entfernung giebt sie ein imposantes, bei uns seltenes Ruinenbild.

10. =Freiberg-Nossen-Altzella.= Bahnausflug (25 km).

Die Bahn durchschneidet den Freiberger Spitalwald und gelangt später in den grossen Zellaer Waldcomplex.

=Nossen= (slav. Nozzin). Stadt Dresden. Blauer Stern. Deutsches Haus. 258 m. 3700 Einw. Anmuthig auf einer Höhe über der Mulde gelegenes sauberes Städtchen. Das besonders vom Thal aus imposante Schloss ist gegenwärtig Sitz der Gerichtsbehörden. Den ältesten Theil, die sogenannte Dechantei, hat das Zwickauer Arbeitshaus in Beschlag genommen als Zellengefängniss. Beim Neubau der Nossener Stadtkirche 1563 erhielten die Bürger die landesherrliche Erlaubniss, von den Ruinen des nahen Klosters Zella Mauertheile abtragen und verwenden zu dürfen, daher die romanischen Seitenportale in dem sonst nüchternen Bau. Im südl. Portal ist die sogenannte Rose von grösserem kunsthistorischen Werth. Die darüber hängende Riesenrippe soll einer lustigen Sage nach einem Fräulein von Neudeck zugehören.

=Altzella= (2 km von Nossen). Ausgedehnte, freilich schwer beraubte Ruinenstätte des 1545 säcularisirten Cistercienserklosters Altenzella. Ehedem markgräfl. Begräbnissstätte und mächtigstes Kloster des Meissn. Markgrafenthums. Begraben liegen hier nach den Inschriften: Otto der Reiche, Albrecht der Stolze, Dietrich der Bedrängte, Heinrich der Erlauchte, Friedrich der Ernsthafte und Friedrich der Strenge und die Gemahlinnen dieser Fürsten. Die Fürstengruft, 1787 restaurirt, erfreut sich einer gewaltigen Akustik, die der Führer durch Gesänge weckt. Auf einigen Grabsteinen finden sich die Bildnisse mehrerer Fürsten in ziemlich kunstloser Weise dargestellt. Im Park liegen verstreut viele Ueberreste des alten Klosters und seiner Begräbnisskapellen, die von alten meissnischen Adelsgeschlechtern benutzt wurden. In der Umfassungsmauer gegen Westen ein Thor in romanischem Styl. In den Wirthschaftsgebäuden des jetzigen Kammergutes finden sich gleichfalls noch viele Ueberreste des einst so mächtigen Klosters. Wie belebt die Stätte war, das möge eine Notiz aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts illustriren, wonach im Jahre durchschnittlich 6000 Fremde zu Fuss und 5000 zu Pferd im Kloster einsprachen.

11. =Freiberg-Mulda= (15 km). =Bienenmühle= (12 km). =Georgensdorf= (5½ km). =Fley= (7 km). =Langewiese= (5½ km). =Ossegg= (über Riesenburg 5 km). =Teplitz= (10 km).

Bis Bienenmühle ist Eisenbahnfahrt zu empfehlen, doch ist der Weg im Muldenthal aufwärts oder über =Lichtenberg= keineswegs ohne Anmuth. (Das gilt auch von der directen Strasse nach Frauenstein. Bequemer erreicht man freilich die inter. Stadt mit ihrer Ruine von Station =Mulda= aus. 10 km. Man geht am 615 m hohen Burgberg vorüber und berührt kurz vor Frauenstein den Weissen Stein und das Buttertöpfchen, intr. Quarzfelsen. Frauenstein s. S. 43.)

Hinter Mulda wird das Muldenthal einsamer und romantischer. Bei =Bienenmühle= findet die Eisenbahn ihre vorläufige Endstation. Gasthaus zu Bienenmühle gut und billig. Anmuthige Thallage des im Entstehen begriffenen Ortes. Ein schöner Fussweg geht von hier nach =Neuclaussnitz= und an der sogenannten =Säueck= vorüber nach =Georgenthal= und =Georgensdorf=. Die Strasse, Klötzerweg genannt, führt gleichfalls durch herrliche Waldungen. Auf der Höhe beim Wegweiser nach Cämmerswalde einige Hundert Schritt links gehen, wo sich ein Wegweiser nach Georgenthal findet. Georgenthal-Georgensdorf und weiter siehe Routennetz.

12. =Freiberg-Bienenmühle= (15 km). =Cämmerswalde= (5 km). =Purschenstein= (5 km). =Bad Einsiedel= (5 km). =Böhmisch Einsiedel= (2 km). =Dorf Kreuzweg= (5½ km). =Oberleitersdorf= (6 km). =Ossegg= (8 km). =Teplitz= (10 km).

Von Freiberg bis Bienenmühle s. Tour 11. Von hier gleichfalls den Fussweg über Neuclaussnitz und die Säueck oder die Strasse (Klötzerweg) nach Cämmerswalde und an der Flöha hinab nach Purschenstein.

=Purschenstein.= Auf einem Felsen an der Flöha gelegenes Schloss, der Familie von Schönberg gehörig, war ehemals ein böhmisches Krongut. Ahnensaal mit Bildnissen Schönberg'scher Familienmitgliedern. Kostbare Uhr, mehrfach prämiirt. Im Winterhaus tropische Nadelhölzer. Im Park ein goth. Thorhaus und eine hölzerne Einsiedelei, unter welcher sich die Familiengruft eingemauert befindet. Purschenstein mit seinen finsteren Thürmen ist eines der imposantesten Schlösser des Erzgebirges. Das nahe =Neuhausen= mit schöner, neuerbauter gothischer Kirche gehört zu den sieben Spielwaarendörfern des Seiffener Bezirks (siehe unter Seiffen). Erbgericht, gutes Landgasthaus.

In Windungen führt die Strasse aufwärts nach Bad Einsiedel. (Das Bad steht etwas links der Strasse, die auf der Höhe schöne Ausblicke auf den Olbernhauer Grund und die benachbarten Wälder gewährt.) Bei einem Strassenknie geht ein angenehmer Fussweg durch den Wald an das Bad.

=Bad Einsiedel.= Zur Herrschaft Purschenstein gehörig, vom Forstwirth Ueberschaar bewirthet. 751 m hoch gelegen. Schwefelhaltiger Eisenquell. Gegen 200 Badegäste. Beliebte Sommerfrische. Viel Passanten. Ausflüge nach dem Schwartenberg (s. unter Seiffen) und dem 833 m hohen =Ahornberg= (nach Böhmen beschränkt). Herrlich ist die Aussicht bei =Göhren= (4 km von Bad Einsiedel entfernt) auf Böhmen hinab. Touristen gehen dann von Göhren direct den =Rauschengrund= hinab nach Oberleitersdorf.

In Dorf =Einsiedel= auf böhm. Seite das grosse Dietel'sche Gasthaus. Die Strasse windet sich auf den Kamm hinauf und fällt dann rasch ab nach =Dorf Kreuzweg=. Gasth. zur Waldburg. Herrliche Fernsicht auf das eisenbahndurchzogene Eger- und Bielathal und auf das böhm. Mittelgebirge. Die schönste Aussicht bietet die Waldblösse unfern der Waldburg. Ein directer Weg führt durch den Hammergrund nach Hammer. Johnsdorf ist Bahnstat. der Kommotau-Dux-Bodenbacher Bahn. In Hammer herrlich gelegenes Rest. zur »=Deutschen Bruderhalle=« mit ebenso schattigem als aussichtsreichem Garten. Hammer eignet sich zur Sommerfrische.

=Oberleitersdorf.= Drei Linden. 5300 Einw. Industrielles Städtchen, das Centrum der böhm. Spielwaarenindustrie. Vom Schiesshaus schöne Ausblicke auf Thalbecken und Mittelgebirge.

Von hier mit Dampf oder die aussichtsreiche Strasse über =Ladung= nach Ossegg und Teplitz. S. S. 40 und 21.

13. =Freiberg-Sayda= (mit Bahn bis Nassau 21, von hier über Claussnitz 10½ km, oder die Strasse über Brand und Grosshartsmannsdorf 28 km). =Purschenstein= (5 km). =Bad Einsiedel= und weiter nach Oberleitensdorf, Ossegg, Teplitz. S. Routennetz.

Nach der ersten Variante geht man von Stat. Nassau nach Claussnitz und über Friedebach nach Sayda. Wer auf Sayda verzichtet, geht von Claussnitz direct über den 730 m hohen Meiseberg nach Purschenstein (12 km). Im anderen Falle wandert man von Freiberg durch das dichteste Schachtrevier nach =Brand= (6 km). Am Wege viel bergmännisches Leben und links und rechts ertönen Bergglöckchen.

=Brand.= Zum Kronprinz. Goldner Stern. Rest. Rathskeller. Bergstädtchen, 2818 Einw., die einzige Stadt Sachsens ohne Kirche (ist nach Erbisdorf eingepfarrt). Von hier nach =Grosshartmannsdorf= (8 km). Langes Dorf, an dessen Ende ein 60 hectaren grosser Bergteich liegt. 1880 entnahm man demselben 380 Ctr. Fische. Weiter führt uns der Weg an dem 711 m hohen =Saydenberg= vorüber, ein Berg mit breitem, flachem Gipfel. Die Ersteigung ist mühelos und verschafft einen umfassenden Blick hinauf in das Centralerzgebirge und auf die Olbernhauer Gegend. Bald berühren wir =Dörnthal=. 3½ km von der Strasse abseits liegt der seeartige =Dörnthaler Bergteich=, von welchem aus der 28 km lange Dörnthaler Kunstgraben beginnt, der dem Freiberger Bergbau dient. Unfern des Teiches liegt die Mündung des ehemals berühmten =Friedrich-Bennostollens=, der für Kähne schiffbar und so hoch ist, dass ein Reiter passiren könnte. Früher wurde der noch heute imposante Bau öfter illuminirt, wenn fürstl. Personen anwesend waren.

=Sayda.= Löwe. Stern. Ross. Rest. zum Rathskeller. 1612 Einw. 677 m. ü. M. Das freundliche Städtchen ist nach dem Brande 1842 fast neuerbaut. Sayda war im frühesten Mittelalter eine wichtige Handelsetappe zwischen Böhmen und dem Norden Deutschlands. Eine Judenstadt ist verschwunden, auch von der alten Sorbenburg Saydowa ist kein Stein mehr zu sehen. In der Kirche Grabmäler vom Bildhauer Nosseni, der Familie von Schönberg zugehörig. Von der Thurmgallerie grosse Umschau über die Olbernhauer Gegend und über das Centralerzgebirge bis zur Augustusburg.

Nach Purschenstein hinab geht man den angenehmeren Fussweg am Wald, die Strasse zur Linken lassend. Purschenstein und weiter siehe Routennetz.

14. =Freiberg-Oederan= (17 km). =Flöha= (10 km). =Chemnitz= (12½ km).

Die Bahn überwindet mit geringen Curven die kleinen Terrainfalten der Freiberger Hochebene, bis sie vor Oederan in eine bewegtere Gegend gelangt, deren Mittelpunkt die stattliche Augustusburg bildet.

=Oederan.= Hirsch. Deutsches Haus. Bellevue. Garküche. Rest.: Rathskeller. Kögel. Günther. 5850 Einw. 383 m ü. M. Flanell- und Tuchfabriken. Anmuthige Lage. Nur 3 km entfernt über das hochgelegene Rittergut Börnichen liegt die 482 m hohe =Schönerstädter Höhe=, welche ihrer prächtigen Aussicht wegen neuerdings viel besucht wird.

Die Bahn windet sich hinab an die Gehänge des Flöhathals, überschreitet bei =Hetzdorf= auf dem imposanten =Hetzdorfer Viaduct= die Flöha und zugleich die Flöhathalbahn. Die Brücke zeigt sich am Besten kurz nach Passierung derselben am rechten Waggonfenster.

=Flöha=, ein weitgebautes Dorf im prächtigen Thalkessel am Zusammenfluss der Flöha und Zschopau. Sitz einer Amtshauptmannschaft. Die Kirche wurde vom Prof. Arnold restaurirt. Goth. Kreuzgewölbe. Herrlicher Altarschrein und schöne Kanzelverzierung. Flöha mit dem nahen Plaue ist ein bedeutender Bahnknotenpunkt für die Annaberger, Flöhathal und Chemnitz-Freiberger Linie.

Bei der Weiterfahrt zeigt sich links Augustusburg und rechts Schloss Lichtenwalde. In Wiesa zweigt die Linie Frankenberg-Hainichen ab.

=Chemnitz.= Droschken: 1 Pers. 50 Pf., 2 Pers. 60 Pf. Pferdebahn nach dem Innern der Stadt wie auch nach der Zwickauer Vorstadt.

+Gasthöfe+: Römischer Kaiser, Marktplatz. Stadt Gotha, Johannisplatz. Stadt Berlin, Langestrasse. Hotel Reichold, am Bahnhof. Drei Schwäne, Langestr. Hotel de Saxe, Klosterstr. Hirsch, Langestr. Stadt Nürnberg, Neustädter Markt. Küttners Hotel, Wiesenstrasse. Anker, neue Dresdner Strasse. Stadt Wien, Klosterstrasse. Helm, Klosterstrasse. Centralherberge, Zschopauerstrasse.

+Wirthschaften+: Mosellasaa. (Grösseres Vergnügungslocal in orient. Styl.) Kaisersaal, Langestrasse. Alicke in Stadt Wien. Barthel, Langestrasse (auch Café und Conditorei). Ewald, Johannisgasse. Johannisgarten, Königstrasse. Starkbesuchte Sommerrestaurants: Letzter Seufzer, Stollberger Strasse. Tivoligarten, am Tivolitheater. Kesselgarten, auf dem Schloss, nebenan Schlossrestaurant. Baums Restaurant an der Zschopauerstrasse. Renom. Weinstube, Hartenstein, Bretgasse.

+Cafés+: Barthel, Langestrasse. Lincke, Königstrasse. Pick, Poststrasse. Jakob, Zwickauerstrasse. Kretschmar, Klosterstrasse.

+Bäder+: Hedwigbad an der Klostermühle. (Dampf- u. Wannenbäder. Irisch-röm. Bäder. Rest.) Peters Bad, Nicolaistr. (Wannenbäder.) Helenenbad, Zschopauerstrasse.

Chemnitz (von Camennicze, zu deutsch Steinbach) liegt im weiten Chemnitzthal, 294 m hoch. Die Einwohnerzahl ist seit Einbezirkung von Schlosschemnitz auf 96000 gestiegen, zudem ist die Stadt die Centrale einer sehr stark bevölkerten Umgegend. Die Gewerbthätigkeit ist eine ganz ausserordentliche; hauptsächlich florirt der Fabrikbetrieb, doch ist die Hausindustrie gleichfalls bedeutend. Die reichliche Hälfte wird für den Export erzeugt, namentlich sind es Russland, Oestreich, die Türkei, die skandinavischen Länder und Nord- und Südamerika, welche die bedeutendsten Absatzmärkte für Chemnitz und die Chemnitzer Gegend darstellen. Das nordamerikanische Consulat in Chemnitz weist den stärksten Verkehr unter allen Consulaten der Union im Deutschen Reiche auf. Der Güterverkehr in den Ladehallen, weitaus der stärkste Sachsens, hat einen wahrhaft cosmopolitischen Charakter. Gegen 80 Güterzüge täglich schleppen das Rohmaterial aus allen Winkeln Europas und allen Erdtheilen herbei und führen die Waaren dahin zurück. Chemnitz nennt mehr schwimmende Güter sein Eigen, wie so manche mittelgrosse Seestadt. Unter den deutschen Industriestädten, welche der englischen Industrie auf dem Weltmarkt Parole geboten, steht zweifellos Chemnitz obenan.

+Geschichtliches.+ Das Kloster Chemnitz wurde im 12. Jahrhundert durch König Lothar begründet und dieses auf dem nahen Schlossberg gelegene Benedictinerstift mag auch die Begründung der Stadt veranlasst haben. Das Marktrecht datirt vom Jahre 1143 und ward ertheilt durch Konrad III. Dauernd unter die Wettiner kam die Stadt 1410, womit die Reichsunmittelbarkeit ihr Ende fand. In den Hussitenkriegen ward sie zweimal, 1429 und 1430 vergeblich belagert. Chemnitz, unbetheiligt an dem ausgedehnten erzgeb. Bergbau, mag schon früh der Industrie zugedrängt worden sein, boten doch die Bergstädte selbst ein dankbares Absatzfeld. Im 30jähr. Krieg verfiel auch Chemnitz dem allgemeinen Ruin, vor welchem sie selbst ein wirthschaftlich höchst wichtiges Bleichprivileg, das sie vor ihren Nachbarstädten voraus hatte, nicht schützen konnte. Die Periode der Grossindustrie begann mit der Einführung der Baumwollspinnmaschiene; auf diese stützte sich die Weberei und Strumpfwirkerei, auch für die Zeugdruckerei bildete die Spinnerei den Lebensnerv. Die weitere Folge war ein vielseitiger Maschinenbau, der nothwendig entstehen musste. Die bürgerlichen Gewerbe hoben sich natürlich mit den Hauptbranchen und zu diesen gesellen sich eine zahllose Menge Nebenbranchen.

Im Anfang dieses Jahrhunderts zählte Chemnitz 9000 Einw., heute hausen nahezu 11 mal mehr Menschen auf derselben Scholle und finden ein reichlicheres Brod wie die 9000 von damals. Chemnitz ist übrigens der Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, eine Zahl, die nur von wenigen Grossstädten im Reich übertroffen wird.

Sehenswürdigkeiten.

=Industrien.= Voran ist hier die =Sächs. Maschinenfabrik= zu stellen, von dem genialen Richard Hartmann gegründet, einem Selfmen von grossem wirthschaftlichen Scharfblick und Talenten († 1879). Gegen 3000 Arbeiter. Locomotivenbau, Werkzeugmaschinenbau und Maschinenbau für fast alle Textilbranchen. Gewöhnliche Dampfmaschinen, Schiffs- und Bergdampfmaschinen.