Gampe's Erzgebirge mit Einschluss der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden. Ein Reisehandbuch

Part 2

Chapter 23,306 wordsPublic domain

Dass die Sorben im Besitz des +ganzen+ Gebirges waren, ist zweifellos. Sie mögen auf dem Kamm nur sehr dünn oder auf Strecken gar nicht angesiedelt gewesen sein, sie haben aber sicher die Pässe schon benutzt. Ueber Eibenstock haben alle Bergbäche auf dem Kamm slavische Namen, auch bei Wiesenthal fliesst, wie bei Raschau, eine Biela (Weisswasser, jetzt Pöhla), ein »Kretscham« steht zwischen Neudorf und Unterwiesenthal, auf der Kammhöhe liegt Pressnitz, Saydowa (Saida) liegt an einer uralten Heerstrasse zwischen Prag und Leipzig, Purschenstein dürfte eine Tautologie und mit dem Böhmischen Borzen (spr. Borschen) verwandt sein, und so liessen sich noch eine Menge solcher natürlicher Urkunden und Beweisstücke aufzählen, welche die bekannte Annahme hinfällig machen, die Sorben seien erst, durch die Deutschen bedrängt, bis höchstens in die Gegend von Zöblitz und Eibenstock verschlagen worden.

Mit der Gründung der Mark Meissen (928) begann die gewaltsame Germanisirung der Slaven auch im Erzgebirge und mit ihr jedenfalls eine grössere germanische Einwanderung, um aber den unwirthlichen Miriquidiwald dicht zu bevölkern, brauchte es noch eines gewaltigen Anstosses und das war das Fündigwerden des Erzreichthums im grossen Massstabe. Zwar hatten die Sorben schon Bergbau getrieben, wie aus vielen technisch-bergmännischen Ausdrücken, die dem Slavischen entstammen, hervorgeht, aber die Deutschen bemächtigten sich der für die damalige Zeit ungeheuren Bodenschätze mit ganz anderer Energie. Die Sage erzählt, ein Halle'scher Salzfuhrmann habe eine Erzstufe in den Gleisen in der Gegend, wo jetzt Freiberg steht, gefunden, habe sie in Goslar untersuchen lassen und darauf hin habe sich denn eine ganze Völkerwanderung nach dem Erzgebirge vollzogen. Wie noch heut bei ähnlichen Auffindungen im Westen mag die Sage von Erzschätzen mit allen den Uebertreibungen, wie sie noch immer im Schwange sind, in die Welt hinausgegangen sein. Intelligente Abenteurer (wohl auch Proletariat) strömten aus weiten Ländern herbei; den grössten Antheil an der Einwanderung scheinen die Niedersachsen, die Franken und die Böhmen zu haben. Actiengesellschaften traten ins Leben, grossartige Wasserbauten wurden ausgeführt, so bei Freiberg und bei Schneeberg, Städte schossen auf wie die Pilze, imposante Bergkirchen wuchsen über die Dachfirsten empor, zahllose Kauen und Berghütten belebten die sonst so stillen Gehänge, in den Wäldern fiel Stamm um Stamm dem Bergbau zum Opfer, die Erzhütten qualmten und die Bergglöcklein schallten allerorts, kurz, es mag ein Leben gewesen sein, wie es heut zu Tage nur noch die Minenregionen Amerikas überbieten. Diese überaus rührigen Miners sind die Urväter der heutigen Bevölkerung und sie haben ihren Fleiss, ihre Verträglichheit, ihren vergnügten Sinn ungeschmälert hinterlassen, während der Drang nach reichem Erwerb in eine oft rührende Genügsamkeit umgeschlagen scheint.

Die Tiefländer, die auf reicheren Ackergründen sitzen, sind stets abgeschlossener, unzugänglicher und stolzer während eine kargere und rauhere Gebirgsnatur die Menschen enger zusammendrängt und darauf ist die ausgeprägte Geselligkeit der Gebirgler wohl zurückzuführen. Freilich, so gemüthlich und gesellig, wie das Erzgebirgische ist selten ein Bergvolk und dabei ist es von einer tiefen Liebe zu seiner Scholle durchwärmt. Man muss die Herzenstöne selbst hören, die ein Erzgebirger in die Worte legt »Mei Arzgebirg, mei Haemeth.«

Mit dem Zurückgehen der Erzwerthe und der Erschöpfung vieler Gruben kehrte auch die Nahrungssorge im Erzgebirge ein. Die Landwirthschaft war nicht sehr ausgiebig und so griff die Bergbevölkerung zur Industrie, welche heut in unserem Gebirge die grossartigsten Formen angenommen. Eine statistische Zusammenstellung vom Reg.-Rath Dr. Victor Böhnert wirft die glänzendsten Schlaglichter auf den Sächsischen Gewerbfleiss, an dem das Erzgebirge am stärksten participirt.

Sachsens Bevölkerung beträgt dem Reich gegenüber 6,46%. Zu den 925457 Personen, welche 1875 in Deutschland in der Textilbranche beschäftigt waren, stellte Sachsen 203780 Personen, also 22,02%. In einzelnen der Textilindustrien beschäftigt Sachsen allein mehr Personen als das übrige Deutsche Reich. In der Strumpf- und Strickwaarenindustrie waren im Reich 60620 Personen thätig, davon gehörten 35166, also 58% dem Königreich Sachsen an. In der Spitzen- und Weisszeugfabrikation arbeiteten im Reich 12904 Personen, in Sachsen davon 7696, mithin 59,6%, in den Webereien von gemischten Waaren sind im Reich thätig 11055 Personen, in Sachsen davon 10709, mithin 96,9%. In den Appreturanstalten für Strumpfwaaren im Reich: 3701 Person, davon in Sachsen 3632, also 98,1%.

Auch in anderen Gewerbzweigen liefert Sachsen einen auffällig grossen Procentsatz, so z. B. im Metallbergbau, wenn wir Eisen und Stahl ausschliessen, 15%, in der Fabrikation von Musikinstrumenten 31,7%, in der Papier- und Pappenfabrikation 18,5%, in der Wachstuch- und Lederfabrikation 49,2%. In Preussen leben auf den Quadratkilometer nur 10,4 Erwerbstätige, in Sachsen dagegen 42. Nur Reuss ä. L. reicht mit 37,2 in Deutschland an diese Ziffer heran.

Nach einigen Schriftstellern soll die erzgebirgische Gemüthlichkeit die Thatkraft lähmen -- nun, die vorstehenden Zahlen geben die beste Antwort darauf. Im Gegentheil, ein permanent fröhlicher, nie übermüthiger Gemüthszustand hat die Unverdrossenheit im Gefolge und diese ist eine Grundbedingung des Gewerbfleisses. Stünde das Gebirge +allein+ dem Reich gegenüber, dann würden die Procentsätze noch überraschender ausgefallen sein und jene Schriftsteller würden die Mütze noch tiefer ziehen müssen, vor der »durch das Gemüth lahmgelegten Thatkraft« und der »Energielosigkeit«, die auf den verlassenen Bergzechen so colossale Blüthen emportrieb. Landschaftlich hat das Erzgebirge bedeutende Rivalen, für industrielle Excursionen aber steht es ausser Concurrenz. Wer sich nicht nur über Berg und Thal, wer sich auch über fleissige Menschen in ihren mannigfaltigen Werkstätten freuen kann, dem sei die »Industrielle Excursion« in ihrer Zusammenstellung angelegentlichst empfohlen. Siehe dieses Register.

Der Menschenschlag ist keineswegs degenerirt wie im Ausland oft behauptet wird, wir finden unter den Hammerschmieden, Bauern und Holzknechten sogar herculische Gestalten, nur in den Weber-, Posamenten- und Strumpfwirkerdistricten haben die Stubenluft und die zeitweilig geringe Nahrung in verdienstlosen Zeiten ihre Wirkungen unverkennbar hinterlassen. Auffällig sind die durchgängig intelligenten Gesichtszüge; selbst unter dem landwirthschaftlichen Gesinde begegnen wir nur selten einem stumpfen, nichtssagenden Gesicht. Die Frauen sind meist geschmeidige Gestalten, zierlich, gazellenartig und selbst bei der Arbeit nicht ungefällig gekleidet. Befremdlich für einen germanischen Stamm sind die vielen braungrauen, braunen und schwarzen Augen. Leider heirathen die Frauen sehr früh und altern früh. Der Tanz ist äusserst beliebt und wird meist ohne Tanzlehrer in höchst vollendeter Weise geübt.

Practische Winke für den Umgang.

Der Erzgebirger aus dem Volke erwartet bei seiner offenen, munteren Gemüthsart, dass der Fremde sich auch so zeige und dieser kann sich ohne alle Gefahr in vertraulicher Weise nähern, er bleibt trotzdem stets eine Respectsperson. Ueberaus freut sich der Erzgebirger, wenn sich der Fremde für seine Heimath und vor Allem für seine Arbeit und Erwerbsverhältnisse interessirt, er lässt ihn mit vieler Treuherzigkeit in seine innersten Angelegenheiten blicken. Mit kalter Vornehmthuerei imponirt dem Erzgebirger Niemand, der Hochmuth ist ihm etwas Lächerliches. Neidlos blickt er auf den besseren Rock, lernend blickt er zu der höheren Intelligenz auf, der Standesunterschied ist ihm anerkannte Thatsache, nur will er diesen am Liebsten selbst markiren.

Es darf nicht auffallen, wenn sich der Fremde schon nach einer einzigen Frage an den Wirth mit allen übrigen Gästen in ein Gespräch verwickelt sieht. Man drängt sich ein, man überbietet sich, um dem Fremden zu dienen. Die Neugier spielt dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Für Scherzworte ist der Erzgebirger äusserst empfänglich und meist reagirt er sofort. Man kann in erzgebirgischen Schenken scherzhafte, schlagkräftige Wortgefechte sehr oft zu Gehör bekommen. Die Frauen und Mädchen singen gern. Leider sind sie schwer zu bewegen, ihre Volksgesänge vor dem Fremden anzustimmen, sie lachen der Aufforderung und achten ihre Kunst wirklich für zu gering.

Aus den oft sehr ungenirten Scherz-Reden zwischen beiden Geschlechtern wolle der Fremde ja nicht auf sittliche Missstände schliessen, er würde irren, wenigstens stellt sich der anzügliche Procentsatz nicht höher, als anderswo. Gefälligkeiten erweist der Erzgebirger sehr gern und er kennt dabei keinen egoistischen Hintergrund; Trinkgelder werden zwar nicht verschmäht, doch nimmt er sie selten ohne einige Verlegenheit. Knaben, die uns stundenweit begleiten, freuen sich über wenige Groschen von Herzen, Erwachsene übernehmen Führungen mit Vergnügen für 2 bis 3 Mark per Tag.

Desselben Stammes ist die Bevölkerung auf böhmischer Seite, sie lebt unter gleichen Verhältnissen, treibt vielfach dieselben Gewerbe, nur bekennt sie sich zu einer anderen Kirche. Doch herrscht an der Grenze der tiefste Religionsfriede unter den Gebirglern; gegen Fremde ist der Böhme neuerdings etwas misstrauischer. Der Grund hiervon mag sein, dass viele Reisende über den Kamm herüber kommen und ohne bösliche Absichten, nur aufgeregt durch Freiheit, Natur und Wanderlust in übermüthiger Stimmung den alten Spruch nicht beachten:

Landesbrauch ist Landesehr'. -- Fall nicht grob darüber her.

Noch sei hier erwähnt, dass in stillen Thälern, auf einsamen Höhen, in Gehöften und Mühlen oft seltsame Käuze zu finden sind, die mit gutem Erzähltalent haarsträubende Geschichten zum Besten geben. Die Einsamkeit, die Wildheit der Natur, die Unbill des stürmischen Winters, die Waldgeheimnisse der unabsehbaren Forsten haben die Phantasie dieser schlichten Leute angeregt und eigenthümliche Blüthen gezeitigt. Man kann sich durch treuherzige Annäherung einen unerschöpflichen Sagenborn erschliessen, freilich sind diese Sagen zuweilen wild und unheimlich, oft aber auch von frischer Anmuth, sie gleichen ganz der erzgebirgischen Natur -- sie sind ja selbst ein Product der Natur.

Wie bereist man am Besten das Erzgebirge.

Grosse touristische Heerstrassen hat das Gebirge nicht; aber ein dichtes Strassennetz, sechs grosse Eisenbahnen und zwei Sekundärbahnen ermöglichen immer neue Varianten. Auch eine Menge Passrouten durchziehen das Gebirge, ja, man kann es in allen seinen Theilen bereisen, ohne auch nur eine Meile Weges gehen zu müssen. Doch das Buch soll dem Touristen dienen und darum ist auf diese Art zu reisen, weniger Rücksicht genommen, es schmiegt sich vielmehr der natürlichen Entwicklung der erzgebirgischen Touristik völlig an. Die meisten Touristen gehen (von der Nordgrenze her) in den Stromthälern den Eisenbahnen nach oder fahren mit denselben bis unter den Kamm, geniessen vom Kamm aus einen oder mehrere Aussichtspunkte und wandern dann dem böhmischen Tiefland zu, um in einem der grossen böhmischen Bäder Rasttag zu halten. Die Rückkehr geschieht zumeist wieder durch Fusswanderung auf einem anderen Gebirgspass und später per Bahn. Passionirtere Touristen verlassen den Kamm nicht sobald, sie geniessen die jungfräuliche Berg- und Waldnatur längere Zeit. Merkwürdiger Weise hat die natürliche Entwickelung der Touristik zwei der herrlichsten Touren, wie sie am Schluss des Buches in Anregung gebracht werden, bisher vollständig ignorirt. Die erstere führt von Osten her, von der Nollendorfer Höhe auf den 130 km langen Kamm hin bis in die Gegend, wo sich das Gebirge nach dem Voigtland hinabsenkt; sie ist nur zu Fuss zu machen, dafür ist es eine echte und gerechte Gebirgspartie mit einer Kette herrlicher Aussichtspunkte inmitten der grossartigsten Forsten. Zur Rechten hat man die Sächsische Abdachung, zur Linken erst das Teplitzer Mittelgebirge, dann die Saazer Ebene und zuletzt das Karlsbader Gebirge und das Egerland. Die zweite Tour führt auf böhmischer Seite am Abhang oder am Fuss des Gebirgs hin, sie beginnt bei Kulm und endigt bei Grasslitz. Eisenbahnen laufen mit ihr parallel, so dass man mit Fahrt und Fusswanderung nach Belieben wechseln kann. Die Aussicht, welche diese Partie ununterbrochen gewährt, gleicht einem Wandelpanorama von überaus fesselnder Schönheit. Dabei liegen die grossen böhmischen Bäder nur wenige km abseits, lassen sich also bequem in die Tour hereinziehen.

Der Sommerfrischler wird sich in einem der kleinen Badeorte unter dem Kamme niederlassen und wird von hier aus das Gebirg durchkreuzen. Empfehlenswerth sind Gottleuba, Berggiesshübel, Kreischa, Tharandt, Bad Einsiedel, Georgenthal mit Georgensdorf, Erdmannsdorf, Olbernhau, Reitzenhain, Warmbad Wolkenstein, Wiesenbad, Schwarzenberg, Wildenthal, Reiboldsgrün und vor Allem Bad Elster.

Soviel über die erzgebirgische Touristik im Allgemeinen; einen persönlichen zusagenden Reiseplan wird Jeder unter der reichen Auswahl leicht ausfindig machen können. Zur Empfehlung der Touren sei hier bemerkt, dass sie nicht willkürlich, sondern mit Sorgfalt und mancher Mühe zusammengestellt sind.

Wann bereist man am Besten das Erzgebirge.

Es soll hier der Leser nicht mit der Neuigkeit überrascht werden, dass die Sommermonate am geeignetsten zum Reisen sind, ich möchte hier nur eine Lanze für Winterpartien brechen. Zum Ersten sind sie sehr gesund und wohlthuend für Geist und Körper, vorausgesetzt, dass wirklicher Winter herrscht, sodann zeigen sie uns die Natur in unvergleichlichen Reizen. Die winterlichen Herrlichkeiten mit ihren Rauhfrösten, Eisduft, lustigen Schneetreiben, Schneewehen, Schlittenbahnen und krystallisirten Wäldern treten in Mitteldeutschland nirgends mit so echt nordischem Charakter auf, wie auf dem Erzgebirge. Wer Winterscenerien liebt, dem kann ich dieses Gebirge aus reicher Erfahrung dringend anempfehlen. Uebrigens erstrecken sich die Schlittenpartien in neuerer Zeit von Dresden, Freiberg, Chemnitz und Zwickau aus öfter bis auf den Kamm. Von besonderem Interesse sind auch die winterlichen Wildfütterungen auf dem Nassauer und Fleyer Revier. Bei Fley finden sich bis zu 300 Stück Hochwild bei der täglichen Fütterung zusammen. Wer übrigens Land und Leute studieren will, der muss das +Land+ im Sommer und die +Leute+ im Winter nehmen, nur im Winter drängen sich diese eng zusammen.

Um eine practische Tageseintheilung zu ermöglichen, sei auf nachstehende Tabelle verwiesen.

Sonnen- Sonnen- Aufg. Unterg. Aufg. Unterg. +----+--------+--------+ +----+--------+--------+ Juni 1. | 3. 53. | 8. Juli 1. | 3. 53. | 8. 13. 16. | 3. 49. | 8. 11. 16. | 4. 6. | 8. 5. 26. | 3. 51. | 8. 14. 26. | 4. 18. | 7. 53.

Sonnen- Sonnen- Aufg. Unterg. Aufg. Unterg. +----+--------+--------+ +----+--------+--------+ August 1. | 4. 27. | 7. 45. Septbr. 1. | 5. 16. | 6. 45. 16. | 4. 49. | 7. 18. 16. | 5. 37. | 6. 12. 26. | 5. 5. | 6. 58. 26. | 5. 53. | 5. 50.

Einiges über Reisemärsche.

Der Tourist marschirt zwar unter günstigeren Verhältnissen, wie der Soldat, doch als Massstab dürfte ein kleiner Auszug aus einem Aufsatz des Ober-Stabsarztes Dr. Leo über Militärmärsche dem Touristen nicht unwillkommen sein. Das deutsche Exercirreglement schreibt 8--10 m Schrittgrösse und eine Schrittzahl von 112 per Minute vor. Dabei wird 1 km in 12 Minuten und die Meile in 1½ Stunde zurückgelegt. Ein bequemer Reiseschritt veranlasst eine Schrittzahl von 90 per Minute. Die gewöhnliche Marschlänge beträgt für den Tag 23 bis 30 km. Der vierte Tag ist stets ein Rasttag. 1 Stunde nach Abmarsch wird ein kürzerer Halt empfohlen, sodann jede zweite Stunde. Der Haupthalt wird nach Zurücklegung der grösseren Hälfte des Marschzieles gemacht und ist auf ½ bis ¾ Stunde auszudehnen. Im Krieg steigern sich diese Marschleistungen um ein Bedeutendes, doch könnte mit näheren Angaben der Touristik wenig gedient sein.

Bei grosser Hitze empfiehlt die Erfahrung weisse Tücher um Haupt und Nacken, auch soll ein Stück angefeuchtetes Papier in die Kopfbedeckung gelegt, Hitzschlag und Sonnenstich hintanhalten, Trinken von kalten Wasser wird empfohlen, nur darf keine Ruhe nach dem Trinken eintreten. Essig und Wasser mit Zuckerzusatz wird als besonders erfrischend gerühmt. Bei nicht zu heisser Temperatur ist mässiger Branntweingenuss nicht nur gestattet, sondern empfohlen. Bei grosser Hitze ist Branntwein zu meiden. Die Füsse sind am Abend in kühlem Wasser zu waschen und mit Talg und Sprit einzureihen. Bei 20° R. im Schatten soll der Soldat mit Marschieren um die Mittagszeit verschont werden. Sind die Märsche unumgänglich, soll er reichlich Wasser zu sich nehmen. Der Gebrauch der Soldaten, grüne Blätter und Zweige in die Kopfbedeckung zu legen oder auf derselben zu befestigen, wird als nützlich anerkannt.

Hieran sei noch folgendes geknüpft: Aerzte und Apotheker sind allerorts im Erzgebirge nicht weit. Die Taschenapotheke kann sich auf etwas engl. Pflaster für wunde Füsse und ein wenig Talg beschränken. Sind Fusswaschungen am Abend mit Schwierigkeiten verknüpft, so befreie man wenigstens den Fuss zeitig vom Schuhwerk. Zu warnen ist vor dem programmmässigen Abhetzen einer Tour, wie es namentlich unter den jüngeren Touristen gebräuchlich; es beeinträchtigt den Reisegenuss, hinterlässt nur dürftige Eindrücke und ist nicht ohne Gefahren. Im Ganzen sollte der Marschetat 8 Stunden oder 30 km nicht überschreiten. Am ersten Tag genügen oft schon 5 Stunden die Kräfte zu erschöpfen. In der Kleidung richtet sich Jeder am Besten nach seiner Gewohnheit. Der Schuh sei vor Allem bequem, hohe Absätze taugen nicht zum Wandern, sie drängen den Fuss nach vorn und verursachen Schmerzen in den Zehen. Wer an Rindlederschuhe nicht gewöhnt ist, wird im Anfang bittere Erfahrungen damit machen. Drei- und vierfache Sohlen sind ebenfalls nicht zu empfehlen, sie treten sich nur schwer nach dem Fuss und schmiegen sich zu wenig seinen Bewegungen an. Vorzüglich wandert sichs auf einer einzigen Kernledersohle. Für Winterpartien empfehlen sich Stiefel mit Korkeinlage, sie halten den Fuss warm und gewähren vor Nässe Schutz.

Gastronomisches.

Die Hotels der grösseren Gebirgsstädte unterscheiden sich nicht von denen des Niederlandes. Die ehemals sehr kleinen Betten verschwinden mehr und mehr. In Böhmen sind diese meist luxuriöser, wie auf sächsischer Seite, selbst in oft unansehnlichen Gasthäusern. Sehr zu wünschen ist, dass die Wirthe im Sommer statt für Federbetten für überzogene Wattdecken Sorge tragen.

In kleineren Städten und Dörfern hüte man sich im Allgemeinen vor Rindfleischgerichten; die besseren erzgebirgischen Mastrinder kommen hier selten zum Schlachten, anders ist es im Voigtland und in Böhmen. In kleineren Gasthöfen, wo hie und da die alte erzgebirgische herzlich schlechte Küche noch nicht aufgegeben ist, wird das Fleisch leider oft nur angebraten (damit die Portionen nicht zu klein erscheinen) und mit einer geschmacklosen, hellgelben Sauce aufgetragen, wenn man nicht extra auf scharfgebratenes Fleisch dringt. Erzgebirgische Butter ist meist vorzüglich, der erzgebirgische Käse dagegen häufig ungeniessbar. In neuerer Zeit haben die Rittergüter bessere Käsereien angelegt. Nur der Aberthamer Ziegenkäse genoss früher Ruf und ging selbst nach Dresden in die Hofküche. Eigenartige Speisen, wie Böhmen und Bayern, kennt das Erzgebirge nicht.

Die einheimischen Biere sind zumeist trefflich und bekommen gut. Auf böhmischer Seite trifft man zuweilen selbst in unansehnlichen Schenken einen köstlichen Trank, auch in den kleinen Weinschenken verzapft man sehr oft treffliche böhmische, österreichische und ungarische Weine für billiges Geld. Man wird immer wohl thun, nach jener Sorte zu greifen, welche von den Einheimischen am Meisten begehrt ist. Der ehemals gefürchtete Kaffee ist auf sächsischer Seite besser geworden, in Böhmen herrscht die Unsitte, denselben durch Feigenwurzel »seimig«, d. h. schlechter zu machen; auch reicht man oft schlecht raffinirten Runkelrübenzucker dazu, oder verdickt ihn gleich zu einer Art von braunen Zuckerschleim.

Pass und Zoll.

Passkarte oder Reisepass wird weder an der Grenze noch in den Gasthäusern gefordert. Indess sind sie keineswegs überflüssig. Wer Gelder von der Post zu beheben hat oder die Behörden in Anspruch nehmen muss, wird ohne sie lästige Scheerereien haben.

Die Zollvisitation wird seit den jüngsten Zollerhöhungen weit strenger gehandhabt. Frei sind Kleidungsstücke, Wäsche, 10 Stück Cigarren, 2 Loth Rauchtabak. Cigarren kosten das Pfund 3 fl., Tabak 1 fl. Steuer. Streng verpönt sind Lotterieloose und Spielkarten.

Reisekosten.

Die Reisekosten stellen sich für den Fusswanderer auf 4 bis 6 M. täglich; Das Zimmer berechnet man in kleineren Orten zumeist mit 1 M., auf Dörfern wohl auch nur mit 50 Pf., in comfortable eingerichteten Gasthöfen steigt der Preis bis 2 M., in den böhmischen Bädern bis zu 3 fl., doch sind auch hier in guten Mittelgasthäusern Zimmer für 1 fl. zu haben. Uebervortheilungen hat man im ganzen Gebirge nicht zu fürchten. Selbst ein anspruchsvoller Reisender wird Mühe haben, täglich 20 M. an den Mann zu bringen, wenn er sich nicht gerade in den Bädern befindet oder exclusiven Dingen nachgeht.

Geldvaluta.

An der sächsischen Grenze, die ja zugleich Reichsgrenze ist, raint auch die deutsche Reichswährung mit der österreichischen Währung, doch sind beide Währungen im Volke populär, namentlich ist der böhmische Gastwirth an beide gewöhnt und er berechnet auf Verlangen bald in dieser bald in jener. Der Cours findet sich in allen Grenzblättern, wie in jeder grösseren Zeitung. Sind z. B. in Sachsen österreichische Banknoten mit 177 notirt, so bedeutet das einen Werth per fl. von 1 Mk. 77 Pf. In Oestreich findet sich dagegen das Reichsgeld in den Coursnotizen. Ist derselbe z. B. mit 55 verzeichnet, dann hat der Wirth die Mark mit 55 kr. zu berechnen. Reisende, die nur Böhmen flüchtig an der Grenze berühren, erhalten auf Verlangen im Wechsel auf Reichsgeld auch Reichsgeld zurück.

Touren ab Dresden.

1. =Dresden-Pirna= (17 km, Bahn). =Berggiesshübel= (15 km, Sekundärbahn). =Nollendorf= (15 km). =Kulm= (6 km). =Teplitz= (11 km, auch Bahn).

Nach Pirna benutzt man am Besten Eisenbahn oder Dampfschiff. Die Fahrt zeigt rechts die letzten Ausläufer des Erzgebirges, links den villenbedeckten Höhenzug, an dessen Fuss Loschwitz-Wachwitz-Pillnitz liegen. Die Dampfschifffahrt ist landschaftlich weit dankbarer.

=Pirna.= Gasthöfe: Schwarzer Adler. Forsthaus. Schwan am Markt. Sächs. Hof. Goldner Stern am Bahnhof. Beliebte Rest.: Stadtrest. und Dampfschiffwartehalle an der Elbe. Grundig und Rathskeller am Markt. Schlossrest. am Sonnenstein mit umfassender Aussicht auf das Elbthal gegen Dresden. Café Schilling an der Promenade.

Pirna liegt 114 m hoch an der Elbe. Unfern der Stadt rainen Erz- und Sandsteingebirge. 12000 Einw.