Gampe's Erzgebirge mit Einschluss der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden. Ein Reisehandbuch

Part 14

Chapter 143,298 wordsPublic domain

_+Anmerkung.+ Ein lohnender Ausflug ab Schönheide ist auch nach dem +Laubberg+. 708 m ü. M. Vom Gasthof 5½ km. Auch +Schnarrtanne+, ein weitzerstreutes Dorf, in der Nähe des Laubbergs, gewährt von den oberen Häusern aus ein herrliches Panorama auf das Voigtland mit seinen Städten, Dörfern, Flussthälern und Riesenbrücken. Vom Laubberg schöner Weg nach Bad Reiboldsgrün 2 km. (Siehe Seite 135.)_

Haben wir den Kuhberg besucht, schreiten wir direct hinab nach =Rothenkirchen=, =Bärenwalde= und =Hartmannsdorf=. Die Weglänge bis Kirchberg beträgt 13½ km. Davon sind 9 km ununterbrochen mit Häusern besetzt.

=Kirchberg.= Zum Rathhaus. Deutsches Haus. Zum Brühl. Restaurant zur Post. 6600 Einw. 355 m ü. M. Anmuthig am Berghang gelegene Industriestadt. Tuchfabriken. Lebhafter Verkehr. Auf den Höhen in der Nähe gefällige Umschau auf Stadt und Umgebung.

Von hier am =Kippenberger Bach= abwärts nach Station =Wilkau= und zurück nach Zwickau.

53. =Zwickau-Schneeberg= (per Bahn 32½ km, von Wiesenburg ab zu Fuss 10 km). =Aue= (5 km). =Flossgrabentour-Blauenthal= (12 km). =Eibenstock= (neue Strasse 4½, alte 3 km). =Schönheide= (5 km). =Rautenkranz= (8 km). =Reiboldsgrün= (4½ km). =Auerbach= (5 km). =Lengenfeld= (8 km). =Zwickau= (23 km).

Mit Bahn nach Schneeberg oder doch bis =Wiesenburg=. Von hier führt die =Silberstrasse= nach Schneeberg. Von =Oberweissbach= lohnt sich ein Abstecher nach den =Hirschenstein=. Man geht von Oberweissbach durch den =Wiesenburger Wald=; eine schnurgerade Schneusse führt auf den 605 m hohen Gipfel (3 km). Sehr schöne Aussicht auf die Abdachung, wie auf das Centralgebirge des Erzgebirges.

Vom Gipfel des Berges nach =Lindenau= und über =Neustädtl= nach =Schneeberg=.

_+Anmerkung.+ Eine andere Version ist Eisenbahnfahrt von Zwickau nach +Stein+. Von hier nach den Ruinen der +Isenburg+ (2½ km) und durch den +Poppenwald+ nach +Niederschlema+ 2 km. (Aussichtsreicher Arminiatempel.) Von hier am grossen +Blaufarbenwerk+ vorüber nach Oberschlema und Schneeberg._

=Schneeberg.= Sächs. Haus. Fürstenhaus. Stadt Leipzig. Sonne. Rest. zur Himmelsleiter. Siegels Rest. Rathskeller. Grüne Laube. Petersens Gartenrest. 7642 Einw. Am Rathhaus 466 m ü. M. Die Stadt verdankt ihren Namen dem Schneeberg, auf dessen Rücken sie äusserst malerisch ausgebreitet liegt. Spitzenhandel und Klöppelei. Weisswaarenfabrikation und Stickerei. Für feinste Stickerei und für Klöppelei bestehen Fachschulen. Fabrikation von Puppen und Tuchschuhen. Der =Bergbau=, einst der reichste im Lande, begnügt sich, seit die reichen Silberadern erschöpft sind, mit Kobalt und Wismuth, doch ist er noch immer nicht unbedeutend. In der Georgenzeche speiste Albrecht der Beherzte am 23. April 1477 auf einer Erzstufe, welche 80,000 Mark im Werth hatte; Reste davon zeigt man noch heut im mineralogischen Museum zu Dresden.

Schneeberg ist Vorort des Vereins für Touristik im Erzgebirge, der seit seinem kurzen Bestehen durch Erschliessung neuer Aussichtspunkte und anderer touristisch-werthvoller Neuerungen alle Freunde des Erzgebirges sich zu Dank verpflichtete. Derselbe zählt 21 Zweigvereine mit 1418 Mitgliedern. Vorsitzender Seminaroberlehrer Dr. Köhler.

Die =Schneeberger Kirche=, die umfänglichste Kirche Sachsens, wurde von 1516 bis 1540 in spätgothischem Style erbaut. Den Hauptaltar verschleppten 1633 kaiserliche Soldaten nach Prag, doch erlangte ihn Kurfürst Johann Georg 1649 durch den westphälischen Frieden wieder zurück.

In einer künstlerisch sterilen Zeit (1705) wurde dieser Altar, der schon nach der Reformation manches Schmuckes beraubt worden war, durch den »Kunstmaler« Böhm erneuert, nur das Mittelbild blieb damals erhalten; eine historisch-treue Renovation ist projectirt, stösst aber auf Hindernisse. Ausserdem alte Gemälde, Fresken, Schnitzwerke. Inter. Begräbnisskapellen um den Altar. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor gemeisselt. Auf dem Thurm 159 Ctr. schwere Glocke, die Donnerglocke genannt; schöne Aussicht von hier auf Stadt und Umgebung.

Sehenswerth sind das =Kriegerdenkmal= auf dem Markt und ferner das Simon'sche Haus, auf dessen Dach eine Bildsäule, ein Mann, der unter jedem Arm ein Brod trägt. Während einer Theurung (1771--73) soll das ansehnliche Gebäude um 2 Brode verkauft worden sein. In der =Realschule= naturhistorisches Museum, Sonntags von 11 bis 12 Uhr geöffnet. Von dem schlossähnlichen Seminar prächtige Aussicht auf die weite, äusserst bewegte Umgebung Schneebergs.

=Neustädtl=, die angrenzende Schwesterstadt Schneebergs, zählt 3549 Einw. und betreibt Bergbau und dieselben Industrien wie Schneeberg.

=Kleine Ausflüge von Schneeberg.= Nach dem =Gleesberg= (mit Aussichtsthurm). 570 m ü. M. Thurm 13 m. Man geht vom Markt den Stangenberg hinab, wo Wegweiser die weitere Führung übernehmen. Sehr schöne Rundschau, in welcher Sehma-, Schwarzwasser- und Muldenthal, das ganze Centralerzgebirge, die Abdachung nach Zwickau hinab und die Bergwerksregion mit dem Filzteich und die Waldgegenden nach Eibenstock und Schönheide hinauf einbegriffen sind.

_+Anmerkung.+ 2 km von Thurm entfernt liegt im Süd-Süd-Ost der »+Gemauerte Stein+«. Man kann von diesem Punkte aus direct hinab nach Auerhammer oder an den Flossgraben gehen und die Flossgrabentour beginnen. (S. S. 134.)_

Ferner lohnt sich ein Gang durch das =Schneeberger Schachtrevier= nach dem =Filzteich=. Der Teich mit seinem klaren Bergwasser gleicht einem anmuthigen Bergsee, wenn auch die Ufer nicht steil sind. 1785 brach der Damm, die Wasser ergossen sich mit einem Male in die Thäler hinab und richteten namentlich in Zschorlau viel Unheil an. Er dient zum Bergwerksbetrieb. Einen hübschen Ueberblick über den Teich gewährt schon die Halde am Schacht Siebenschlehen.

Wer nicht über den Gleesberg nach Aue geht, benutzt die aussichtsreiche Strasse dahin. Von der =Brünnlasschenke= anmuthige Rückblicke auf Schneeberg mit seinem stolzen Seminarbau. Hinter dieser Schenke thut sich das Auer Thalbild auf.

=Aue= s. S. 120.

=Flossgrabentour.= An der Mulde aufwärts bei =Auerhammer= beginnt die Granitregion, wenigstens liegt hier viel Granitgeröll. In =Auerhammer= Geitners Argentanfabrik, in der man das glänzende Metall nicht nur in den Schmelzöfen herstellt, sondern auch zu Draht und zu Blechen verarbeitet. Den =Flossgraben=, der vor uns hoch oben am Berge fliesst, erreichen wir auf einem der vielen Wege, die aufwärts führen. (Am sichersten an der Lange'schen Villa vorüber.) Sobald der Graben erreicht, haben wir an ihm einen sicheren Führer durch das wildromantische Muldenthal, durch das auch die Eisenbahn sich ihre Wege gebrochen. Rechts fliesst der Graben und hohe Berghänge mit Felsgruppen erheben sich über uns, links rauscht in der Tiefe die Mulde und dicht am Wege erheben sich alte Baumcolosse und beschatten den schönen Pfad. Den grossen Bogen des Thales, den die Eisenbahn durch einen Tunnel abschneidet, können auch wir durch einen Pfad über die vorspringende Bergnase abkürzen. Unser Pfad senkt sich dann scheinbar allmählig und erreicht am Rechenhaus das Niveau der Mulde. Hier liegt der =Bahnhof Bockau=.

=Bockau= (vom Bahnhof bis zur Kirche 3½ km). Zur Sonne, 2100 Einw. Die Einwohner betreiben noch heute den Bau medicinischer Kräuter. (Angelicawurzel, Baldrian, Rhabarber, Huflattig.) Von dem sogenannten Schneeberger Schnupftabak (in Frankreich bekannt unter dem Namen: Tabacco de Montblanc) gehen noch alljährlich 20000 Schachteln von Bockau in die Welt hinaus; man fertigt ihn aus Veilchen, Niesswurz und Wiesenkräutern. Die alten geheimnisskrämerischen Arzneihändler aus Bockau mit ihren »Buckelapotheken« haben den modernen medicinal-polizeilichen Bestimmungen weichen müssen. Jetzt werden viel Glacehandschuhe hier gefertigt.

_+Anmerkung.+ 3½ km oberhalb Bockau liegt die +Morgenleithe+ (s. S. 121). Wer nach Schwarzenberg will, kann den schönen Aussichtspunkt ohne sonderlichen Umweg mit aufsuchen._

Von Bockau ab Eisenbahnfahrt oder auch Fusstour am rechten Muldenufer (Mulde zur Linken) über =Blauenthal=, wo man das Thal verlässt und die alte Strasse hinauf nach Eibenstock wandert.

Eibenstock s. S. 126. Schönheide s. S. 130.

Von Schönheide ab empfiehlt sich Bahnbenutzung. Die Mulde wird wasserärmer und das Thal ist weniger tiefeingeschnitten, daher landschaftlich weniger ausgiebig.

=Rautenkranz.= Zum Pflug. 616 m ü. M. Echtes Walddorf. Die männliche Bevölkerung findet zumeist ihr Brod durch die grossen Staatsforsten. Die Mädchen und Frauen betreiben die gleichen Industrien, wie Eibenstock.

_+Anmerkung.+ +Morgenröthe+ (s. S. 130) liegt nur 3 km von hier im schönen Thale der Pyra. 3 km weiter hinauf gelangt man nach dem einsamen +Sachsengrund+. (7 Häuser.) Von hier führen Waldwege auf den breiten Rücken des 965 m hohen grossen +Rammelsberges+, dem höchsten Berge des westlichen Erzgebirges, der gleichsam den Grenzstein zwischen Erzgebirge und Voigtland darstellt; sein Gipfel trägt selbst grosse Forsten und er überragt ein unabsehbares Waldgebiet, das die Auerbacher, die Eibenstocker, die Sauersacker und Schönecker Forsten einschliesst. Von Sachsengrund über den Gr. Rammelsberg nach dem aussichtsreichen Aschberg in Böhmen 4 km. Nur mit Führer oder Specialkarte. Aschberg s. Routennetz._

Der Tour treu gehen wir im anmuthigen =Zinsbachthale= aufwärts nach Bad =Reiboldsgrün=.

=Bad Reiboldsgrün=, 678 m hoch, liegt inmitten grosser Forsten. Dr. Driever, der selbst einst Heilung an Ort und Stelle gefunden, leitet hier ein Bad für Lungenkranke nach denselben Principien, nach denen die Bäder Davos und Göbersdorf geleitet werden. Die Reiboldsgrüner Quelle ist ein starker Eisensäuerling (ausserdem Moor- und Stahlbäder). Schöne Waldpromenaden, idyllisches Badeleben. Im Restaurant finden auch Touristen Verpflegung. Eine herrliche Aussicht gewährt die nahe =Goldene Höhe=, 734 m ü. M., mit Aussichtsthurm. Umfassende Ueberschau über das reich angebaute thälerdurchzogene Voigtland mit seinen Riesenviaducten und Aussicht auf die fränkischen Berge und thüringischen Vorberge, die das Voigtland einfassen. In der Nähe grossartige Forsten. (Der Thurm erhebt sich auf dem langen Höhenzug, der das Erzgebirge vom Voigtlande scheidet und zwar an einer für Touristik höchst bevorzugten Stelle.)

Nun hinab auf der Strasse nach Auerbach. Unterwegs hübsche Ausblicke auf das Voigtland.

=Auerbach.= Hotel Becker. Braunes Ross. Zum Kronprinzen. Rest. zur Centralhalle. Rathskeller. Kasino. 6300 Einw. Am Gerichtsamt 468 m ü. M. Am Bahnhof 542 m ü. M. Weberei. Buntstickerei. Auerbach war einst Centrale des voigtländischen Pech- und Russhandels. Pechhütten befinden sich noch bei Schönheide, in Tannbergsthal und Schnarrtanne. Die Pechsieder sind meist aus den Dörfern Beerheide und Brunn gebürtig. Das Pechreissen geschieht im Frühjahr, wird aber nur an solchen Bäumen ausgeführt, welche zum Abtrieb gelangen sollen und auch an diesen immer seltener.

In Auerbach befindet sich auch ein Seminar; ferner ein Rittergut, an welchem ein uralter Schlossthurm zu besichtigen ist; von seinen Zinnen hübsche Blicke auf Stadt und Umgebung.

Nach Lengefeld auch Eisenbahn. Die Strasse führt über das grosse Dorf =Rodewisch= und über =Niederauerbach=. In Rodewisch werden meist Einsätze für Herrenhemden fabricirt.

=Lengenfeld.= Sächsischer Hof. Zum Löwen. Rest. zur Post. Hofmanns Rest. Zur Quetsche. Schiesshaus. 5200 Einw. Am Bahnhof 496 m ü. M. Tuchweberei. Die anmuthig an der Göltzsch gelegene Stadt ist nach dem Brande 1865 fast neuerbaut worden. Gefällige Kirche.

Nach Zwickau zurück benutzt man von hier die directe Bahn.

54. =Zwickau-Rautenkranz= (57 km). =Jägersgrün= (2 km). =Tannbergsthal= (2 km). =Sachsenberg= (7½ km). =Grasslitz= (6½ km). =Klingenthal= (5 km). =Hoher Stein= (9 km). =Markneukirchen= (7 km). =Adorf= (5 km). =Elster= (5 km).

Bis Rautenkranz s. Routennetz. Bei Stat. =Jägersgrün= verlassen wir die Bahn. (Am Gasthof 634 m ü. M.) und gehen nach =Tannbergsthal=.

_+Anmerkung.+ Wer den +Topasfelsen+, vulgo +Schneckenstein+, besuchen will, geht von Tannbergsthal, die grosse Fabrik links lassend, nach dem Weiler +Boda+ und von hier mit Führer oder Specialkarte hinauf nach dem Felsen, der sich ziemlich unvermittelt etwa in der Höhe eines Tannenbaumes von einem Waldplateau abhebt. Seehöhe 874 m. Ein schneckenförmiger Felspfad führt auf den Gipfel, von dem man eine eigenartige Aussicht auf die grossen Grenzforsten geniesst, in denen man die Einsenkung der jugendlichen Mulde weithin wahrnehmen kann. Man findet in dem Gestein unzählige rostbraune Topaskrystalle, die weingelben, reinen sind freilich nur selten. Am Fusse des Felsens ein kleines Prebischthor mit Inschrift. (Bergleute drangen hier ohne Erfolg in die Tiefe.) Mit Specialkarte oder Führer auf einer der grossen Waldschneussen nach dem Tannenhaus und nach Schöneck (10 km) oder auf einem Fusspfad hinab nach +Brunndöbra+. 5 km._

Der Tour treu lassen wir die Tannbergsthaler Fabrik rechts und verfolgen die Strasse, die, an einem einsamen Flossteich vorüber, bis 860 m ansteigt. Dann auf den Südabhang hinab nach =Steindöbra=. (Inter. Holzhäuser echtes Gebirgsdorf von tyrolischem Anstrich.) Am Gasthof zum Stern hinauf nach =Obersachsenberg=. Gasthaus. Weitzerstreutes, armseliges aber herrlich gelegenes Dorf. Weissstickerei. Man besuche eine der Hütten. Im Fenster hängt der unvermeidliche »Grünitz« (Kreuzschnabel), die Frauen sticken an den feinsten Arbeiten und singen und lachen dabei und ein grosser Kindersegen belebt die blankgescheuerte Stubendiele. Grosse Armuth und helles Vergnügen wohnen kaum wieder so eng beisammen wie hier. Nun an den Grenzsteinen hinauf nach dem

=Aschberg=. 925 m ü. M. Triangulirungsstat. Herrliche Fernsicht auf das böhmische Mittelgebirge, das Egerland, auf die Höhen des Voigtlandes und auf die Waldregionen des Gebirgskammes. Aber auch die nahen Thalbilder nach Sachsenberg, Brunndöbra, Zwota, Klingenthal und Grasslitz hin sind sehr anmuthige.

_+Anmerkung.+ Mit Verzicht auf Grasslitz gehe man den +Staffelweg+ hinab an die Strasse +Jägersgrün-Klingenthal+ und durch einen reizenden Thalgrund nach Klingenthal._

Nach Grasslitz führt der Weg von Obersachsenberg durch =Schwaderbach= und durch ein ödes verlassenes Thal, in dem man früher auf Kupfer bedeutenden Bergbau getrieben, dessen Hinterlassenschaft die traurigsten Trümmerhaufen und Schutthalden bilden. Der felderbedeckte Berg mit dem scharfgratigen Rücken zur Linken ist der Hausberg.

=Grasslitz.= Kaiser von Oesterreich. Zum Herrenhaus. 490 m hoch an der Zwota gelegen. 6500 Einw. Industriereiche Stadt mit grossen Spinnereien und Webereien; auch betreibt man die Fabrikation musikalischer Instrumente wie zu Klingenthal und Markneukirchen (Näheres S. 139). Die alte Pfarrkirche besitzt einen inter. Hochaltar und alte Holzschnitzereien.

Die Stadt liegt dicht unter dem =Hausberg=, der mit seinem schmalgratigen Rücken wie ein Hausdach geformt ist und davon seinen Namen erhalten hat. Oben prächtige Ausblicke auf die reichgeformte Umgebung. Spuren eines alten Schlosses. An das Regierungsjubiläum des öster. Kaisers Franz Joseph (18. Aug. 1873) erinnert ein Denkmal auf dem Berge. Den eisernen Pavillon, von dem man besonders schöne Ausblicke geniessen kann, errichtete der berühmte Industrielle Joseph Ritter von Dozauer, der zu Grasslitz geboren ward. Im Thalgrund am Fusse des Hausberges 1 km von Grasslitz liegt die idyllische =Reimermühle=, ein Sommerrestaurant.

Nach Klingenthal führt die Strasse im Zwotathal entlang. Die Eisenbahn, die hier nur eine Lücke von wenigen Kilometern aufweist, hat leider noch keinen Anschluss finden können, so dass die Verbindung Klingenthals mit Mariakulm und Eger oder nach Karlsbad hin durch die kurze Strecke schon seit Jahren unterbrochen geblieben ist.

=Klingenthal.= Zum Hirsch. Altes Schloss. Rest. zur Post. Ueber der Grenze auf böhmischer Seite liegt »Die Hacke«, ein vielbesuchtes Rest. 3000 Einw. Am Schulhaus 576 m ü. M. Die Stadt, sehr anmuthig im Zwotathal gelegen, ist ein Hauptort der Instrumentenfabrikation und baut vorzugsweise Akordions, Concertinos, Mund- und Ziehharmonikas. Man besuche eines der Lager der Firmen Herold oder Dörfel und Steinfelser. Man sieht hier die Ausstattung ganz dem Geschmack der verschiedensten Völkerrassen angepasst, für welche die Instrumente berechnet sind. Man malt hier chinesisch und malaiisch, und wenn es sein muss, auch tumpuktunisch. Die Herstellung wird durch strengste Arbeitsteilung verbilligt und vereinfacht, man trifft z. B. alte Männer, die ihr Leben lang nichts als Geigenwirbel gedreht haben. Man baut Geigen bis herab zu 2 Mark das Stück und Dudelsäcke bis zu 18 Pfg. Die Industrie ist durch böhmische Exulanten nach dem 30-jähr. Kriege hier eingeführt worden. Weissstickerei wird in Klingenthal gleichfalls betrieben.

Nun durch einsame Waldgegend am 800 m hohen =Ursprungberg= vorüber nach =Ursprung= und =Stein= und nach dem

=Hohen Stein=. 767 m ü. M. Im Sommer fliegendes Restaurant. Den Gipfel bildet ein sehr harter, zerrissener, pittoresker Schieferfels. Man übersieht das weite, reiche Egerland mit Eger und Franzensbad, das böhmische Mittelgebirge, das hier mächtig, wie ein geschlossener Jurawall, aufsteigt, und das Fichtelgebirge. Besonders anmuthig und malerisch ist der Ausblick nach Erlbach und Markneukirchen hin.

Jetzt stark bergab nach =Erlbach=, wo man ebenfalls, wie in Markneukirchen, Musikinstrumente fabricirt, und dann nach

=Markneukirchen.= Rathskeller. Krone. Post. Rest. zum Schützenhaus. Paradies. Die Stadt liegt freundlich im muldenförmigen Schwarzbachthale. 5400 Einw. 504 m ü. M. Die Industrie Markneukirchens ist einzig und grossartig in ihrer Art, man fertigt alle nur erdenkbaren Musikinstrumente und Darmsaiten. Die grössten Firmen sind R. Schuster und Paulus & Schuster. Diese Industrie, die nur an wenigen Orten der Erde ihre sang- und klangfröhlichen Werkstätten aufgeschlagen, ist im hohen Grade sehenswerth, sie beruht auf strenger Arbeitsteilung, wodurch Billigkeit und Accuratesse zugleich erzielt wird.

Unter den Klängen der Markneukirchner Posaunen, Pauken, Trompeten, Schellenbäume, Hörner und Trommeln schlugen unsere Armeen die grossen Schlachten in Frankreich, verzweiflungsvoll warfen sich unter denselben Tönen die gallischen Volksheere dem eisernen und ruhig vordringenden Sieger entgegen, völkerverschlingend marschirten die russischen Colonnen unter ihnen nach Innerasien und vor Constantinopel, sie umrauschen das Sternenbanner der Union, und in allen Welttheilen lässt der englische Musikus sein mächtiges, feierliches »God save the Queen« aus Markneukirchner Instrumenten ertönen, gleichviel, ob der Frosthauch von Canada die glänzenden Flächen trübt oder ob die indische Sonne sich brennend in ihnen widerspiegelt.

Die Markneukirchener Violinen, Bassgeigen, Trompetinen, Violoncellos, Banjos, Philomelen, Metronomen, Becken, Cinellen, Triangeln, Glockenspiele, Lyras, Bratschen, Clarinetten, Oboeen, Fagotts, Flöten, Piccolos, Flageolets und Concerthörner erfreuen die Concertliebhaber aller Nationen oder fordern diese zu ihren Nationaltänzen auf. Die indische Bajadere bewegt den geschmeidigen Körper nach dem weissgaren Fell eines Kalbes, das in der Nähe Markneukirchens das Licht der Welt erblickte, und nach den süssen Klängen der Guitarren, Zithern, Lauten, Mandolinen und Harfen girrt das verliebte junge Volk aller Rassen. Wie ein ungarischer Wald von Singvögeln, so ist Markneukirchen von Musikern belebt. In allen Häusern und in allen Tonarten wird probirt und musicirt.

Als Rohmaterial werden so ziemlich alle feinen Holzarten verbraucht, welche die Erde zu erzeugen vermag. Die Pferdehaare zu den Fiedelbogen liefern Russland und die Laplatastaaten, die Schafdärme zu den grossen Massen von Saiten, die hier fabricirt werden, kommen aus Dänemark und Südrussland, da man dort die meisten Lämmer schlachtet.

Nun im =Schwarzbachthal= abwärts nach Adorf und Elster, s. Routennetz. Ein directer Weg führt über =Mühlhausen= mit Umgehung von Adorf nach Bad Elster (8 km).

55. =Zwickau-Rautenkranz= (57 km). =Schöneck= (17 km). =Markneukirchen= (per Bahn 13½, zu Fuss 9½ km).

Bis Rautenkranz s. Routennetz. Von hier verfolgt die Eisenbahn die geringen Einsenkungen des Thales der jugendlichen Mulde, durchschneidet die grossen =Kottenheider Forsten= und gewinnt über der Stadt Schöneck den Höhenzug, der wie ein Steinwall über das Voigtland aufragt. Hier liegt der höchste Bahntract in Sachsen (791 m ü. M.). Der Bahnhof liegt 754 m ü. M. Von hier herrliche Aussicht auf das weite, thälerdurchzogene Voigtland.

=Schöneck.= Rathskeller. Keils Gasthof. Restaurant Renner. Müllers Garten. Meyers Rest. 3300 Einw. Fabrikation von Musikinstrumenten. Weisswaarenstickerei. Feldbau. Waldarbeit.

»Das ist ein goor schie Eckel« soll der erste Ansiedler gerufen haben, als er die Axt zu einer Blockhütte ansetzte, und in der That, er hat recht gesprochen. »Schieeckel«, jetzt Schöneck, liegt frei und schön über dem Land auf luftiger Höhe. Die beste Aussicht hat man vom Friedrich-Auguststein, mitten in der Stadt gelegen (747 m ü. M.). Triangulirungsstation. Das ganze Voigtland liegt uns so ziemlich zu Füssen. Man sieht den Aschberg bei Obersachsenfeld, den Kapellenberg bei Voitersreuth, den Ascherberg bei Asch, die Berge um Rehau und Hof und die Thüringer Vorberge. Durch die Mitte der weiten Landschaft zieht sich das Elsterthal, aus welchem die Thürme von Oelsnitz, Schloss Voigtsberg und der obere Theil von Bad Elster hervorschauen. Ein gefälliges Schauspiel gewähren die Züge mehrerer Eisenbahnlinien, die das Voigtland durchziehen; oft verschwinden sie zwischen Bergen und Wäldern, um dann an Orten wieder aufzutauchen, wo man sie am allerwenigsten vermuthete.

Nach =Markneukirchen= windet sich die Bahn in grossen Curven über die Stat. =Zwota=, wo sich die Linie nach =Klingenthal= abzweigt. Fall 1 zu 40. Die 4½ km kürzere Fusstour berührt die Dörfer =Eschenbach=, =Wohlbach= und =Breitenfeld=. Markneukirchen s. S. 139.

_+Anmerkung.+ Von Schöneck nach +Marieney+ 6 km. Hier wurde 1803 der Dichter Julius Mosen geboren, dem durch ein Comité in Schöneck ein Denkmal errichtet werden soll. Man geht dann über die Eisenleithe direct nach Adorf (6 km) oder über das Dorf Würschnitz nach Oelsnitz (10 km). In Würschnitz pflanzte ein Zimmergesell Ausgang des 17. Jahrh. die ersten Kartoffeln in Deutschland an._

56. =Zwickau-Reichenbach= (22 km). =Mylau= (3 km). =Netzschkau= (2 km). =Jokeda= (13 km). =Elsterberg= (7 km). =Greiz= (6½ km). =Zwickau= (27 km).

Die Eisenbahnfahrt nach Reichenbach zeigt uns rechts Schloss =Steinpleis= und links Schloss =Schönfels=. Hinter Steinpleis Blick rechts auf =Werdau= (12000 Einw. Wollenwebereien, Tuchfabriken, Vicognespinnerei).

=Reichenbach.= Zum Lamm. Engel. Deutscher Kaiser. Turnhalle mit Concertgarten. Rathskeller. Bellevue. Kesslers Rest. 16500 Einw. Am Bahnhof 401 m ü. M. Reichenbach zählt zu den gewerbthätigsten Städten des industriellen Voigtlandes. Wollenspinnerei, Weberei von Merinos, Thibets, Flanellen und mit Fransen umsäumten Wollentüchern. 1697 ward hier Caroline Neuberin geboren, welche den Hanswurst von der deutschen Bühne austrieb, der jetzt, wenn auch in modernisirter Auflage, wieder eingezogen ist. Neuer schöner Centralbahnhof. In der =Peter-Paulkirche= Silbermannsche Orgel. An der Realschule stattliches Kriegerdenkmal, eine Victoria mit Siegeskranz und Friedenspalme. Der voigtländische Verein für Naturkunde hat im alten Gerichtsgebäude ein sehenswerthes =naturhistorisches Museum= aufgestellt.

Reichenbachs an sich schon hübsche Umgebung ist besonders interessant durch die Göltzschthalbrücke, einem der grossartigsten Eisenbahnviaducte auf dem Continent. Man geht dahin direct über Mylau (3 km).