Gampe's Erzgebirge mit Einschluss der böhmischen Bäder Teplitz, Karlsbad, Franzensbad und Marienbad, des Voigtlandes und des Granulitgebietes an den unteren Mulden. Ein Reisehandbuch

Part 11

Chapter 113,385 wordsPublic domain

+Cafés.+ Pupps Café an der alten Wiese. Salle de Saxe. Sanssouci. Grosse Gartenwirthschaften sind der Posthof, Freundschaftssaal und Schweizersaal.

+Concerte+, früh am Sprudel sowie in der Kurhalle, Nachmittags in den Cafés und in den zahlreichen Sommergärten. Theatervorstellungen sowohl im Stadttheater als in Suttners Sommertheater.

Karlsbad würde auch, wenn es kein Weltbad wäre, schon durch seine einzig schöne Lage im engen, gekrümmten Thalzug der Tepl die Aufmerksamkeit der Touristen verdienen. Die ständige Einwohnerschaft mag sich auf 11000 belaufen.

+Geschichtliches.+ Der Begründer des Bades ist Kaiser Karl IV. Die Sage erzählt, er habe einen Hirsch verfolgt, dabei sei eine seiner Rüden in den heissen Sprudel gerathen und so sei die Quelle entdeckt worden. Die Entdeckung ist jedoch in viel frühere Zeiten zu verlegen. Karlsbad erfreute sich von Anfang an grossen Zuspruchs, seine alten Badelisten weisen viele weltberühmte Männer auf, darunter Schiller und Göthe. Der Letztere brauchte die Quellen 12 Jahre durch. 1819 wurden zu Karlsbad unter Metternich die vielangefeindeten Karlsbader Beschlüsse gefasst. In das Jahr 1858 fiel das 500 jähr. Jubiläum der Begründung. Seit dieser Zeit sind grossartige Bauten und Anlagen entstanden, darunter die monumentalen Mühlbrunnen- und Sprudelcolonaden. Gegen 20000 Badegäste und 50000 Passanten verkehren jährlich in Karlsbad, in dem sich gegenwärtig 52 Badeärzte niedergelassen haben. Karlsbad ist das frequentirteste Bad in Europa geworden.

=Der Sprudel.= Der mächtige, geyserartig aufstossende heisse Quell hat seinen natürlichen Ausfluss im Teplbett, eine grosse Quaderfassung zwingt ihn jedoch, neben der Tepl unter einer Halle zum Ausfluss; mehrfach hat er schon seine Fesseln durchbrochen und noch ist es nicht gelungen, ihn für die Dauer zu bändigen; er ist der Urquell aller übrigen, minder heissen Karlsbader Quellen. Schon von Weitem verräth er sich durch seine Dampfsäulen, die namentlich im Winter bei Frosttagen häuserhoch aufsteigen. Schmucke Egerländerinnen in Nationaltracht stehen dabei, halten lange Stäbe mit Bechern hinein und kredenzen das heisse Wasser den zahlreich Harrenden. Das Wasser mit einer natürlichen Wärme von 59° R., enthält schwefelsaure Salze und kohlensaures Natron, sein Geschmack erinnert an dünne Hühnerbrühe. Gegenstände, die man hineinhält, überziehen sich sehr bald mit einer harten Kalksinterkruste und auf diese Eigenschaft hin hat sich eine nicht unbedeutende Industrie entwickelt. Man bietet allerhand incrustierte Spielereien zum Verkauf aus und fertigt auch Schmuckgegenstände aus dem in allen Farben spielenden Sprudelstein.

Zur Gewinnung des Karlsbader Salzes benutzt man den Sprudel doppelt. Einmal liefert er das Wasser, aus dem dasselbe abgedampft wird und dann lässt man ihn durch seine Wärme den Abdampfungsprocess selbst besorgen, indem er, unter den Abdampfungsgefässen hinweggeleitet, dieselben heizen muss.

Die anderen Quellen kommen dem Sprudel mehr oder weniger nahe, sie wirken weniger intensiv und darum werden einige davon von den Aerzten mit Vorliebe empfohlen. Die Wärme stellt sich wie folgt: Bernhardsbrunnen 53, Neubrunnen 49, Felsenkeller 48, Mühlbrunnen 46, Marktbrunnen 36 und Schlossbrunnen 27° R. Während des Erdbebens zu Lissabon 1755 wurden auch die Karlsbader Quellen und besonders der Sprudel in Mitleidenschaft gezogen. Dieser blieb 3 Tage lang völlig aus, um dann mit verstärkter Kraft wieder hervorzubrechen. Die Quellen bewirken im Allgemeinen Regeneration der Säfte und erweisen sich bei Leberleiden besonders von unabschätzbarer hygienischer Bedeutung.

=Das Badeleben.= Am Besten lässt sich das Treiben der Gäste des Morgens an den Quellen (Sprudel und Mühlbrunnen) beobachten. Vertreter aller Nationen, darunter Orientalen in Nationaltrachten, schreiten in langen Reihen, den Becher am Riemen, den Quellen zu, trinken hier ihr vorgeschriebenes Mass und promeniren dann neben oder in den schönen säulengetragenen Colonaden, während Musikchöre heitere Weisen spielen. ½ Stunde nach der Trinkzeit beleben sich die Cafés und um Mittag die Speisehäuser, in denen der Speisezettel unter ärztlicher Controlle steht und auf die Kurdiät zugeschnitten wird; doch sei bemerkt, dass dieselbe auch für verwöhnte Gaumen noch ganz erträglich ist. Um 4 Uhr wiederholt sich das Schauspiel an den Quellen; im Uebrigen gehört der Nachmittag den geselligen Freuden an. In den schönen Sommergärten spielen wohlgeschulte Kapellen und locken die feine Welt dahin, oder diese unternimmt Ausflüge in die hochromantische Umgebung.

=Sehenswürdigkeiten.= Ausser den Quellen und Colonaden besichtige man die Kirchen. Russen, Anglikaner, Israeliten, Protestanten und natürlich auch die kath. Einwohner und Badegäste haben eigene Kirchen. Dem =Kaiser Karl IV.=, dem Begründer des Bades, sind zwei Denkmäler gewidmet, eins steht im Stadtpark, das andere am Rathhaus. Auf der Göthewiese das neue =Göthedenkmal= von Prof. Zumbusch. Eine Büste =David Bechers= (1792 verstorben, sehr verdient um Karlsbad), ferner der =Schwarzenberg-Obelisk=, die =König Otto-Säule= auf der König Otto-Höhe und die Erinnerungstafeln an =Schiller= und =Göthe= an den Häusern zum Weissen Schwan und Zum Mohren verdienen Beachtung. In der =Kapelle= des =Militärbadehauses= finden sich gute Freskomalereien, welche die Sage der Entdeckung des Sprudels darstellen. Im =grossartigen Kurhaus= luxuriöse Lese- und Restaurationszimmer und ein =geologisches= und =geognostisches Museum= von besonderem Interesse für lokale Studien.

=Spaziergänge.= Das Promenadennetz in der herrlichen Umgebung ist ein so dichtes und verschlungenes, dass für nur einigen Aufenthalt die Beschaffung eines Franeck'schen Promenadenplans dringend zu empfehlen ist. (10 Kr.) Die beliebtesten Punkte sind der =Hirschensprung= über der Stadt, die =Josephshöhe= mit Thurm und herrlicher Aussicht auf Karlsbad, Egerthal und Erzgebirge. Sodann ist der =Dreikreuzberg= zu nennen mit Camera obscura. Nicht weit davon liegt die 667 m hohe =König Ottos-Höhe= mit Säule, 1½ km weiter ganz auf dem Gipfel ist ein Punkt, das =Ewige Leben= genannt, der eine grossartige Rundsicht auf Erz- und Mittelgebirge und auf das Egerthal gewährt.

Diese sämmtlichen Punkte erfordern Steigung. Bequemer liegen die Spaziergänge Teplaufwärts bis nach =Pirkenhammer= (3½ km). Hotel Habsburg. Leipolds Garten. Omnibus bis Pirkhammer 50 Kr. Grosse Porzellanfabrik; in derselben Ausstellungssaal. Der Portier übernimmt die Führung. Von Pirkhammer aus ersteigt man die =Mecsery-Höhe= (616 m), von der man das Karlsbader- und Erzgebirge überschaut. Auf Ersterem dominirt besonders die Ruine Engelhaus.

=Kleine Ausflüge.= Nach dem =Aberg= und =Aich= (5½ km). Man kann über die Franz-Josephs-Höhe nach dem Aberg gehen. 609 m Seehöhe. Sommerrest. (Kein Bier.) Die Aussicht vom Thurm ist frei und grossartig. Man übersieht das Karlsbader Gebirge mit der Ruine Engelhaus, das Egerthal, in dem besonders Maria-Kulm auffällt, und Erz- und Fichtelgebirge. Nun hinab an die Eger zum =Hans Heilingfelsen=. Sommerrest. Die Felsengruppen am linken Egerufer nennen sich Heilingfelsen der Sage zu Ehren vom Hans Heiling, die durch Musik und Dichtung hinreichend bekannt sein dürfte. Zurück nach Karlsbad über Aich und Donitz 8 km.

Nach =Ruine Engelhaus=, 8 km. Man geht dahin auf der vielgewundenen Prager Strasse. Das Städtchen Engelhaus (zum Rathhaus) ist an sich klein und ärmlich. Die imposante Ruine liegt über dem Städtchen auf einem 612 m hohen Basaltfelsen; sie gehört dem Grafen Czerin, der auch die Herrschaft Giesshübel besitzt. Die Sage erzählt, ein englischer Edelmann habe die Tochter seines Königs verführt und sei mit dieser in das wilde Gebirge geflohen und habe hier für seinen »Engel« die Burg Engelhaus errichtet. 1448 erstürmten die Eger'schen Bürger die Veste, in der sich Raubritter eingenistet hatten. Die jetzigen Ruinen sind im 30jähr. Krieg durch die Schweden entstanden. Mächtige Ringmauern und verwitterte Thürme heben sich keck und höchst malerisch in die Lüfte. Herrliche Fernsicht auf Erz- und Mittelgebirge und auf das Egerthal. Man kann von hier über =Eichenhof= nach dem =Giesshübler Sauerbrunnen= bei Rodisfort gehen. 7 km.

Nach dem =Giesshübler Sauerbrunnen=. Ueber =Drahowitz=, =Satteles= und =Eichenhof=. 11 km. Herrliche Thalwanderung, die Eger in der Tiefe zur Linken. Täglich mehrere Omnibusse ab Karlsbad. Der Giesshübler Säuerling giebt mit Wein und Zucker vermischt, ein prickelndes und sehr erfrischendes Getränk. Hotel zum Sauerbrunnen. (Bett 1 fl.) Vom Thurm der =Weberhöhe= sehr schöne Thalbilder. Curhaus. Die Otto-Quelle nennt sich nach dem König Otto von Griechenland, welcher öfter hier verweilte.

36. =Chemnitz-Kommotau= (125 km). =Seestadtl= (12 km). =Brüx= (9 km). =Dux= (11 km). =Teplitz= (8 km).

Bis Kommotau siehe Tour 35. Wir überschreiten ab Kommotau die kleine Terrainwelle, die die Biela von der Eger fernhält und zum selbstständigen Lauf in die Elbe zwingt.

=Seestadtl.= Kleines Städtchen mit freiem Ueberblick auf Erz- und Mittelgebirge; zu seinen Füssen breitet sich eine grosse Ebene, die Seewiesen genannt, aus; die ganze Fläche war ehemals ein See.

Die Weiterfahrt zeigt uns rechts den =Rösselberg= und den =Brüxer Schlossberg=.

=Brüx.= Ross. Hotel Burkhardt. Gutes Rest. im Bahnhof. Am Schlossberg beim Felgenhauer. Brüx ist eines des reichsten Gemeinwesen, es liegt am Knotenpunkt von 3 Bahnen und zählt gegen 8000 Einw., Land-, Kohlenfelder- und Waldbesitz. Zahlreiche Kirchen überragen die Stadt, welche drei Klöster beherbergt. Schöne Märkte, anmuthige Promenaden. Inter. altes Rathhaus. 4 km von der Stadt auf städtischem Gebiet brach 1877 ein neuer, warmer (20° R.) Sprudel hervor, der den Emser Wässern nahe kommen soll, ohne dass er bis jetzt hygienisch sehr ausgenutzt worden wäre. Lohnende, aussichtreiche Ausflüge nach dem =Schloss-= und =Rösselberg= und auf die vulkanischen Bergkegel gegen Bilin hin. (Touristisch noch wenig beachtet.)

Auf der Weiterfahrt durchschneiden wir die grossen Kohlenfelder. Rechts zeigt sich der seltsame =Borcen=, links =Kloster Ossegg=. Weiteres siehe Routennetz.

37. =Chemnitz-Annaberg= (53 km). =Jöhstadt= (11 km). =Pressnitz= (6½ km). =Sonnenberg= (8 km). =Ruine Hassenstein= (4 km). =Kaaden= (7 km). =Klösterle= (7 km). =Schlackenwerth= (23 km). =Karlsbad= (12 km).

Bis Annaberg siehe Tour 35. Mit der Wanderung von hier ab nach Königswalde lässt sich ein Besuch des =Pöhlbergs= verbinden. Nachdem wir das lange =Königswalde= passirt, steigt die Strasse auf das Kammplateau hinauf. (Vor Jöhstadt am Schiesshaus liegt die Strasse 807 m hoch.)

=Jöhstadt.= Stadt Leipzig. Stadt Prag. 2300 Einw. 789 m ü. M. Die Stadt hiess eigentlich Josephsstadt, sie ist eine jener 4 Bergstädte, die ihre Namen der heiligen Familie entlehnten. (Marienberg, Annaberg, Joachimsthal und Josephsstadt; Anna und Joachim waren bekanntlich Christi Grosseltern.) Spitzenklöppelei. Posamenten. Weisswaaren. Fabrikation künstlicher Blumen. Jöhstadt ist Wohnsitz einer grossen Zahl Hausirer. Zu Jöhstadt ward der Theolog und Dichter frommer Lieder, =Johann Andreas Kramer= geboren, der 1788 als Kanzler der Universität Kiel verstarb. Die Stadt, fast neu erbaut, macht einen freundlichen Eindruck, liegt aber auf unwirthlicher Höhe.

Weiter führt der Weg über Dürrenberg und Hegerhaus nach Pressnitz am finsteren basaltischen =Hassberg= vorüber. Der Kegel erhebt sich 990 m ü. M. und gewährt, seit er mehr abgeholzt ist, umfassende Blicke auf das ganze Centralgebirge vom Keilberg herab bis zu der norddeutschen Tiefebene. Das Kammplateau liegt auf eine weite Strecke frei vor dem Beschauer, leider deckt es das nahe böhmische Tiefland. Zeitaufwand 1½ bis 2 Std. Führer unnöthig.

=Pressnitz.= Zum Herrenhaus. Rössel. Thierfelders Rest. Am Markt das grössere Gebäude heisst das Schlösschen und gehört zur Herrschaft Pressnitz. Die Stadt ist Wohnsitz jener fahrenden Völkchen, welche mit Geige, Harfe und Guitarre aller Herren Länder durchziehen und die ihre Volksgesänge ertönen lassen im weiten Morgenlande wie auch im fernen Westen, bis in die Minenregionen Nevadas hinaus. Am häufigsten gehen sie nach Russland und in die Türkei. Die Pressnitzer sind ein gar gewecktes Völkchen von vieler Weltkenntniss; sie bilden Gruppen und ziehen unter einem Führer, der bei der Theilung der ersungenen Kupferschätze gewöhnlich für zwei gilt, hinaus, sie halten fest zusammen, sind verträglich und rivalisiren auch in ihren Kunstleistungen nicht mit einander, was freilich ihrer Kunst nicht sonderlich förderlich ist.

Das nahe Reischdorf, das wir nun passiren, zählt 2500 Einw., darunter viele Handelsleute. Das ehemals bedeutende Grossfuhrwerk ist seit Einführung der Eisenbahnen sehr zurückgegangen. Man erzählt sich von den unternehmenden Reischdörfern im Gebirg viel lustige Schwänke. Am Weg nach Sonneberg liegt der 908 m hohe Reischberg. (Sonneberg s. oben.) Von hier gehen wir über =Dorf Platz= nach der

=Ruine Hassenstein=, die grossartigste Ruine im Erzgebirge; sie soll auf einer alten heidnischen Opferstätte liegen. Hassenstein gehörte im 14. Jahrh. einem sächs. Edelmanne aus dem Geschlecht der Schönberge, welcher durch eine Verschwörung gegen Wenzel IV., wie böhm. Chroniken berichten, des Besitzes verlustig ging. Ein Nicolaus von Lobkowitz, der mit Vertreibung Schönbergs beauftragt war, erhielt die Burg zu Lohn und Lehn. Colossale Mauern und Thürme, grosse verfallene Burghöfe, alte Architekturstücke in Fenstern und Thüren und eine reizende Lage machen Hassenstein zu einer höchst inter. Ruinenstätte im Böhmerland.

Der Weiterweg führt uns durch das 4 km lange =Brunnersdorf=. (An der Kirche Fischer's Gasth.) Bahnstat.

=Kaaden= an der Eger. Sonne. Grüner Baum. Zur Klosterbrauerei. 5000 Einw. Uralte Stadt von schönen Anlagen umgeben. Franziskaner- und Ursulinerinnenkloster. Man besichtige das alte Rathhaus mit seinen Lauben und das sehr alte Stadtthor. Reiche Ackerbaugegend, wohlhabende Bevölkerung.

Ein schöner Fussweg führt der Eger entlang hinauf nach Klösterle. Unterwegs liegt Roschwitz (Fähre. Ruine Leskau). Näheres siehe unter Klösterle.

38. =Chemnitz-Annaberg= (53 km). =Oberwiesenthal= (20 km). =Gottesgab= (4 km). =Joachimsthal= (6 km). =Schlackenwerth= (6 km). =Karlsbad= (12 km).

Bis Annaberg und Cranzahl s. Tour 35. Von hier an der Sehma aufwärts nach =Neudorf=. Gasth. unfern der Kirche. Bei der obersten Mühle geht der sogenannte =Vierensteig= ab. (Die Forstabtheilung ist Nr. 4.) Dunkle Waldungen nehmen uns auf. Starke Steigung. An der höchsten Stelle der Strasse treten wir plötzlich ins Freie. Hier links die =Rothe Vorwerk-Schenke=, rechts führt eine Waldschneusse direct hinauf zum Thurm des Fichtelberges. Wer sich noch frisch fühlt, benutze die einmal gewonnene Höhe, denn Wiesenthal liegt vom Fichtelbergthurm entfernter.

=Oberwiesenthal.= 918 m ü. M. Deutscher Kaiser. Rathhaus. Stadt Karlsbad. 2000 Einw. Unterwiesenthal 900 Einw. Böhmisch Wiesenthal 1000 Einw. Alle drei aneinander liegenden Orte besitzen Stadtgerechtigkeit. Oberwiesenthal, das 1851, 62 und 77 von starken Bränden heimgesucht wurde, ist fast neuerbaut. Stattliche Kirche. Posamenten. Stecknadelfabrikation. Klöppelei feiner Spitzen. Oberwiesenthal ist die höchste Stadt in Sachsen und im Reich. Näheres siehe des Verfassers Aufsatz Gartenlaube 1879 Nr. 11.

Der =Fichtelberg=. Sachsens höchster Berg erhebt sich 1213 m ü. M. (mit Thurm 1220 m), ist mithin 56 m höher wie der Brocken. Zu seinen Füssen liegt Wiesenthal im Pöhlthal und auf der anderen Seite das einsame Dorf Tellerhäuser. Der Thurm ist auch ohne Schlüssel besteigbar, da die Treppe dankenswerther Weise aussen angebracht ist. Die Ausschau auf die nördliche Abdachung des Gebirges ist fast unbeschränkt. Die Grenzen bilden das Fichtelgebirge bei Waldsassen, die Thüringer Vorberge, die Hohburger Schweiz bei Wurzen, im Nord-Osten liegen die Höhen des östl. Erzgebirgs und im Osten und Südosten taucht das Mittelgebirge mit dem Millischauer auf. Der Süden ist leider von dem mächtigen Rivalen Keilberg gedeckt. Frei aber liegt so ziemlich der ganze Kamm des Erzgebirgs mit seinen gewaltigen Bastionen. Der Doppelrücken des Berges, ehedem ganz kahl, ist mit ungeheueren Mühen wieder beforstet worden; freilich sind viele der kleinen Bäumchen schon über 20 Jahre alt. An den Gehängen des Berges entspringt die Zschopau, das Schwarzwasser, die Sehma und die Pöhl. Gasthaus mit meteorologischer Stat. wie auf dem Brocken wäre höchst wünschenswerth.

Wer nach Gottesgabe will, steigt am südlichen Gehäng nieder nach dem =Neuen Haus= an der Strasse Oberwiesenthal-Gottesgab. Dasselbe liegt 1092 m ü. M. und unfern der Grenze. Es nennt sich jetzt Gasthaus am Fichtelberg und sein Besitzer wurde dem König Albert gelegentlich einer Königsreise als »allerhöchster Unterthan« vorgestellt.

=Gottesgab.= Zum grünen Baum. 1700 Einw. Spitzenklöppelei. Tüllnäherei. Damenschuhstickerei auf Glanz- und Saffianleder. Gottesgabe entsendet viele der bekannten böhm. Musikanten auf Messen und Jahrmärkte, es ist die höchste Stadt Böhmens (erst seit 1547 böhmisch geworden) und liegt in überaus rauher Lage, welche selbst Hafer- und Kartoffelbau häufig unmöglich macht.

_+Anmerkung.+ Der höchste Berg des Erzgebirgs, der 1238 m hohe +Keilberg+, ist gegenwärtig verwachsen. Von dem Thurme, der sich einst hier erhoben, stehen nur noch die Grundmauern, der Holzbau ist von böswilliger Hand in Asche gelegt worden. Eine Besteigung lohnt sich mithin vorläufig +nicht+. Für den Fall, dass der grossartige Aussichtspunkt wieder der Touristik zu Diensten gestellt wird, sei folgende Tour in Vorschlag gebracht: Man geht vom Weissen Haus oder von Gottesgabe aus auf die Sonnenwirbelhäuser, welche 1134 m hoch liegen und die höchste Ansiedelung in Böhmen und im Erzgebirge sind. (Rothe Nasenspitzen sind hier selbst im Hochsommer nichts Seltenes.) Von hier zum Gipfel des Keilbergs 3½ km._

_Beide Berge, Fichtel- und Keilberg, ergänzten sich früher, als noch der Thurm auf letzterem nicht abgebrannt war. Der Norden ist zwar durch den Fichtelberg gedeckt, dafür liegt aber der Süden um so freier. Das Egerthal auf viele Meilen, das Fichtelgebirge, das Karlsbader und Duppauer Gebirge, der ferne Böhmerwald, das Teplitzer Mittelgebirge, die Ebene von Saaz, der lange Kammrücken des Gebirges selbst, die colossalen Waldregionen im Westen und das östl. Erzgebirge waren sichtbar. In südöstlicher Richtung sah man die +Hauensteine+, die als nächstes Ziel galten. Am Weg nach den Hauensteinen, die noch heute eine herrliche Fernsicht gewähren, liegt an der Strasse Gottesgabe-Kupferberg der sogen. +Reitförster+ mit einem +Mauthhaus+, in welchem auch Schank betrieben wird. (Man nennt die Hauensteine auch Wirbelsteine.) Die Felsengruppe ist unschwer zu finden; man besteige die südöstl. Ecke, welche die gleichen Gegenden wie der Keilberg zeigt, nur sind die Landschaftsbilder abgeschlossener, wenn auch bei Weitem nicht so umfassende. Man geht von hier über Hitmesgrün nach Schloss Hauenstein hinab (5 km). Mit Führer lässt sich von den Hauensteinen eine inter. Tour über +Bocksgrün+ nach der Ruine Himmelstein unternehmen. Man berührt dabei das sogenannte steinerne Meer. Groteske, subalpine Naturbilder._

_Zum Schluss sei der Keilberg, der vornehmste Aussichtspunkt des Erzgebirges, den sächsischen wie den böhmischen Gebirgsvereinen für das Erzgebirge zur erneuerten Aufschliessung dringend empfohlen!_[2]

Von Gottesgabe nach Joachimsthal senkt sich die Strasse rasch. Die Ebereschen, die Wahrzeichen rauher Höhen, werden schon hier und da von Rosskastanien abgelöst.

=Joachimsthal.= Stadt Dresden. Wilder Mann. 6000 Einw. 721 m ü. M. Die Stadt liegt trotz ihrer Höhe mild, da das Thal nach Süden offen ist. Nicht unbedeutender Bergbau auf Uran- und Silbererze, deren jährlicher Werth sich auf 80000 resp. 17000 fl. beläuft und die sämmtlich in Freiberg zur Verhüttung gelangen. Grosse k. k. Cigarrenfabrik, welche 700 Personen beschäftigt und gegen 10000 Ctr. Tabake verarbeitet. Klöppelei. Handschuhfabriken. Korkschneiderei.

Joachimsthal war einst ein Hort der Reformation. Mathesius lebte hier als Pfarrer, Melanchthon besuchte zum Oefteren die Bergstadt, wobei die Joachimsthaler Lateinschüler classische Komödien vor ihm aufführten. Die Thaler, die sich trotz der Mark hartnäckig behaupten, verdanken ihren Namen der Stadt; sie hiessen früher Jochimsthaler. In der Nähe der Stadt liegt die Burg Freudenstein, wo einst die Grafen Schlick »freudige Residenz« hielten. Am 31. März 1873 suchte ein furchtbarer Brand die Stadt heim, der auch die alte sehr inter. Bergkirche in Asche legte und werthvolle Gemälde von Kranach und Dürer mit verzehrte. Die Kirchenbibliothek mit künstlerisch ausgeführten Incunabeln wurde gerettet. Seit dieser Zeit ist die Stadt zum grössten Theile neu erstanden. Der böhm. Dichter Ritter von Hansgirg lebte hier als Bezirkshauptmann. (1877 verstorben.) Man besuche das idyllische Grab dieses edlen Humanisten und trefflichen Poeten.

Die Strasse verlässt das Gebirge unterhalb Joachimsthal, ohne umfassende Blicke auf Böhmen gewährt zu haben. Schlackenwerth und weiter s. S. 98.

39. =Chemnitz-Burkhardsdorf= (über Harthau 13 km, per Bahn 19½ km). =Thum= (8 km). =Greifenstein= (3½ km). =Geyer= (4 km). =Annaberg= (8½ km).

Bis Burkhardsdorf siehe Routennetz. Ab =Burkersdorf= steigt die Strasse energisch und erreicht am =Gelenauer Gasthof= 609 m Seehöhe. =Gelenau=, das wir nur im oberen Theile berühren, zählt 6000 Einw. Spitzenklöppelei, Strumpfwirkerei. Am =Forsthaus= an der Strasse schöne Fernsicht hinauf nach dem Obererzgebirge und auf den nahen Greifenstein.

=Thum.= Rathskeller. Thierfelders Rest. Schiesshaus. 3700 Einw. Am Pfarrhaus 512 m ü. M. Strumpfindustrie auf Strickmaschinen. Posamenten. Feldbau. Neben Arsenkies im Glimmer findet man hier ein Mineral, den Thumit, von dem ein zweiter Fundort bis jetzt nicht bekannt ist. In der Nähe der Stadt fand am 25. Jan. 1648 ein lebhaftes Gefecht statt, das letzte des 30-jähr. Krieges auf sächs. Erde. Ein Denkmal an der Strasse nach Ehrenfriedersdorf erinnert daran. Im Volksmund heisst der benachbarte Wiesenzug hinab nach Herold »das Elen«, eine Bezeichnung, die man mit jenem Gefecht in Verbindung bringt, doch scheint es nicht unmöglich, dass sie keltischen Ursprungs ist. Im sog. Hofbusch über dem »Elen« Felsgruppen, die durch Wege zugänglich gemacht sind.

Der directe Weg auf den Greifenstein führt an einigen Bergzechen vorüber, man kann auch die Strasse nach Geyer durch Jahnsbach gehen. Im Wald zeigt links ein Wegweiser hinauf.

Der =Greifenstein= oder die Greifensteine erheben sich 731 m ü. M., es sind bizarr geformte Granitkegel, die ziemlich unvermittelt auf einem Gneisrücken aufsitzen, sie nähern sich in ihrer Erscheinung den Sandsteinbildungen der Sächs. Schweiz, Quader ruht senkrecht auf Quader, einige hängen sogar über. Zwei sind ersteigbar und oben durch Brücke verbunden. Triangulirungsstat. Am Fuss Gasthaus. Die Aussicht ist auf dem Nordabhang des Erzgebirges die umfassendste. Wir überschauen den Kamm mit dem Fichtel-, Keil- und Hassberg. Näher liegen der Scheibenberg, der Pöhlberg und der Bärenstein. Im Norden liegt der Hohensteiner Kapellenberg, die Wüstenbrander Höhen mit der Kirche des Dorfes, der Rochlitzer Berg, der Kolmberg bei Oschatz und der Hengstberg, auch die Thürme von Oschatz sind sichtbar. Ferner sehen wir die Schlösser Frauenstein, Augustusburg und Sachsenburg, die Städte Oederan, Thum, Schlettau, Annaberg, Scheibenberg, Hohenstein und eine grosse Zahl Dörfer; von Sayda, Marienberg und dem nahen Geyer sind wenigstens die Thürme sichtbar. An den Felsen wächst Leparia Jolinthus, die Veilchenflechte, die durch Anfeuchten wohlriechend wird. In der Nähe Steinbrüche, in denen der Granit zu Werkstücken verarbeitet wird.