Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen

Part 8

Chapter 82,848 wordsPublic domain

In der Stunde freilich, wo Sabine in grausiger Selbstanklage gerade diesen Teil ihrer Geschichte über das Haupt ihres toten Richters hinschrie, in der Beichte am Bette des Geopferten, gab sie anderen Motiven schuld an diesem letzten törichten Schritte. In Selbstzerfleischung und Reue so maßlos, wie sonst in Selbstüberhebung und Eitelkeit, suchte sie hervor, was sie verdammen konnte, und verschmähte, was irgend zu ihren Gunsten sprechen mochte. »Nichts wollte ich,« so rief sie in ihrer Verzweiflung, »als den Weihrauch atmen, den er mir streute! Nichts, als ihn wiederholen hören, was, wie ich wußte, die Fama ihm zugeflüstert, wie groß und gut ich sei. Um das zu hören, habe ich in der zitternden Seele vor mir alle Stadien der Glut zu erregen gesucht und mich, ohne eigenes Verlangen, am Gefühle der Meisterschaft berauscht, mit welcher ich das Element dämpfte und wieder schürte: denn jedes neue Emporlodern der Flamme stellte eine neue Verherrlichung meines Selbst dar, und immer schöner und erhabener schien er mich zu sehen, je mehr ich ihn quälte. Sein armes, von sehnsuchtsvoll durchwachten Nächten blasser und blasser werdendes Gesicht war das Reklamebild meiner Tugend, und im letzten Grunde, wenn ich's recht bedenke, habe ich ihn auch in den Tod getrieben, damit nur einmal meine Unbesiegbarkeit durch einen öffentlichen Akt dargelegt werden möchte.« Es liegt mir fern, der unglücklichen Frau in dieser traurigen Übertreibung zu folgen. Vielmehr glaube ich, daß, ihr selber unbewußt, ein neuer Trieb sie beherrscht habe, der zwar nicht minder sträflich, aber weitaus natürlicher und menschlicher war; und diesem möchte ich gern alle weiteren Torheiten der Armen zuschreiben. Freilich denke ich nicht an ein solches Gefühl, das dem Sylvas auch nur im entferntesten die Wage halten konnte: dessen war Sabine nicht fähig. Aber ein leiser Widerhall davon muß doch vorhanden gewesen sein. Keine Frau kann eine solche Liebe sehen, dieses Himmelsfeuer von Gottes eigenstem Altare, ohne einen Schimmer davon mit sich herumzutragen, wie Marienkind, als es die innerste Himmelskammer geöffnet und die heilige Dreieinigkeit im Goldglanze erblickt hatte. Und dieser Abglanz, wenn schon nicht mehr, mußte in Sabinens Seele gefallen sein, ein erstes, wahrscheinlich unverstandenes Regen zarter Neigung, das sich nur noch nicht zum Erscheinen durchgekämpft hatte. Diesen Schluß zu ziehen, berechtigt mich Sabinens Gebaren an der Leiche Sylvas, das sonst unbegreiflich gewesen wäre. --

Und so geschah alles, wie es geschehen mußte. Wieder lag dämmriger Abendschein über Lauben und Büschen des stillen Gartens. Die Allee schien ein goldenes Gewölbe, wie schimmernde Schätze lag rötliches Laub über den Boden gestreut. Ein scharfes gelbes Licht, von Westen her geworfen, prallte an den Stämmen der schönen alten Bäume ab und zeichnete ihre Schatten quer über den flimmernden Grund, daß es aussah, als hemmten schwarze Balken das Wandeln über die kostbaren Fliesen. Mit jeder Elle, die Sabine im frühherbstlichen Blätterfall vorwärtseilte, überschritt sie eine dieser dunklen Schicksalsschwellen, mit jedem solchen Überschreiten stand sie tiefer in ihrem Verhängnisse. Am Ende des Ganges lag die Laube, wo Sylva sie erwartete.

Als die Nacht sank und die Frau durch die Allee zurückhuschte, waren die finsteren Schattenschwellen verschwunden. Auf den Weg zur Sünde hin hatte das Schicksal ihr die warnenden Zeichen gelegt; jetzt war alles bleiches Grau; den Weg zurück wies keine Hand von oben. --

Sabine glaubte einen Teil ihres Selbst zu retten, als sie in ihre wilde Beichte die scheue Bemerkung einschob, Ehebruch im landläufigen Sinne des Wortes habe sie immerhin nicht begangen. Mein Gott, das glaubte ich ihr nur zu sehr! Wollte ich doch, um des armen Jungen willen, diese Armseligkeit wäre weniger glaubhaft gewesen! Wie mag sie ihn hingehalten haben, wie seine Sehnsucht gefoppt! Das sehe ich, ohne daß sie es zu schildern brauchte, das sehe ich, wie sie spärliche Liebkosungen sich mühsam abringen ließ, als wäre es königliche Gunst, ihre kalten Fingerspitzen zu berühren; wie sie den äußersten Rand ihres Kleidersaumes erst nach tausend Bitten preisgab, eine welke Blume für hundert treue und gute Worte, und einen lauen Kuß auf die Stirne erst dann, wenn sie fürchten mußte, den allzu Geduldigen für immer zu entmutigen. Ich sehe sie! Und ich hätte nicht selbst einmal ein armer junger Narr sein müssen, hätte es mich wundern sollen, daß diese Kargheit, die den Schein der Ehre für sich hatte, den gläubigen Knaben nur fester an seine Göttin band.

Sabinens Kunst, diese Sprödigkeit, die zum Teile in ihrem hochfahrenden Charakter begründet lag, für das Ergebnis schwerer Seelenkämpfe, für einen Sieg ihres Entsagungsmutes auszugeben, muß indes bis zur höchsten Vollendung gewaltet haben. Denn nicht nur das gute fromme Kind war betrogen -- auch der Klatsch, der alles zu entstellen geneigt ist, der Klatsch im Kaffeekranz und der weitaus schlimmere am Biertisch -- der Klatsch, der natürlich in den treulichen Berichten der emsig lauschenden Gartenbesitzerin seine Quelle hatte -- auch der nahm die Sache ohne weiteres von derselben Seite. Alle Sympathien galten der Frau, den Jüngling bedauerte man kaum, Ricchiari hätte mancher vielleicht eine Schlappe vergönnt. Ich glaube fest, daß es Wetten gab um den Ausgang der Sache; war dem so, so setzte die Mehrheit auf Sabine Ricchiaris Tugend.

Der einzige Mensch, der nicht betrogen war, war Ricchiari selbst. Ihm, dem Menschenkundigen, mußte vor allen Dingen die sonderbare Erregung auffallen, in welcher er seine Frau jetzt öfters sah, ihre heimlichen Gänge, ein häufiges Kommen und Gehen von Freundinnen, die stets über Gebühr zärtlich Abschied zu nehmen pflegten -- und dergleichen wohlbekannte Anzeichen mehr. Und da er ein Mann am Platze war, so beherrschte er die eigene Unruhe, forschte gewandt umher, spähte, folgerte, kombinierte -- und erriet endlich, was zu erraten war. Noch immer freilich kannte er die ganze Hohlheit des Wesens nicht, auf das er einst so viel gebaut; doch überraschte ihn an Sabinen, daß sie heimlicher Leidenschaft sollte fähig sein. Er grübelte unter heftigen Schmerzen über diese neue Wendung der Dinge nach, versuchte seine Frau bald durch Laune, bald durch Zärtlichkeit, fand sie aber in ihrem Verhalten gegen ihn unverändert; er wurde irrer und wirrer an ihr, als er je gewesen, und das Rätselhafte der Erscheinung quälte ihn fast mehr, als seine immerhin nicht geringe Eifersucht. Endlich verfiel er auf eine List von so lächerlicher Art, daß er sich fast schämte, sie anzuwenden, eine Niedrigkeit, die nur seinem äußerst gereizten Zustande zugute gehalten werden muß: und siehe, da fing er die Törin! Er brachte nämlich mehrfach das Gespräch, und zwar in Gegenwart möglichst zahlreicher Zeugen, auf das Recht freier Liebe und auf einzelne Beispiele hypermoderner Ansichten über diesen Punkt, wie jede Gesellschaft sie liefert; und zwar vertrat er listig herausfordernd die Sache der frevelhaftesten Ungebundenheit. Wie er es erwartet, so nahm Sabine höchst eifrig die Partei der strengsten Ehemoral und rasselte förmlich mit Tugendsprüchen. Ricchiari redete von Tag zu Tag ketzerhafter, schien sich in die Sache zu verbeißen, nannte die Ehe ein Kulturübel und wollte jeden vernunftbegabten Menschen sich über die erniedrigende Fessel erheben sehen; seine Zuhörer saßen ordentlich entgeistert, denn in diesem Tone hatte man im Städtchen bislang noch nicht reden hören, wenigstens keinen Familienvater; das aber schien den Doktor nicht anzufechten, oder auch: er mochte wissen, daß er in der Achtung seiner Mitbürger ohnedies als Mensch nicht mehr viel zu verlieren hatte. Sabine dagegen nahm in der sonderbaren Sache wieder nur die Gelegenheit wahr, sich in Szene zu setzen, und genoß das unheimliche Geplänkel ordentlich, ohne auch nur zu ahnen, daß eine Absicht dahinterstecken konnte. Sie sagte Dinge, die so rührend und schön waren, daß man einen Ehestandskatechismus davon zusammenstellen konnte, und deren schlagende Wirkung sie wahrscheinlich vorher an dem armen Sylva erprobt hatte. So setzte sie zum Beispiel auseinander, daß die wahre Liebe -- im edelsten Sinne Liebe! -- zwischen Mann und Weib erst dann beginnen könne, wenn die Leidenschaft dahingegangen; denn im Jugendrausch das Geliebte anzubeten, sei keine Kunst und kein Verdienst; wohl aber sei es edler Naturen würdig, Schwächen und Torheiten des Gefährten geduldig und verstehend zu ertragen, und erst, wo dieses göttliche Allesverzeihen eingetreten sei, da könne sie, Sabine Ricchiari, von Liebe reden. Sie blickte dabei ihren Gatten in hinreißender Weise an, und das gute Publikum war natürlich überzeugt, daß Sabine dieses schöne Dulden nach eigener täglicher Übung geschildert habe. Wer hätte ahnen sollen, daß sich die Sache gerade umgekehrt verhielt? Ricchiari knirschte mit den Zähnen, aber nicht nur ob der nun zu lang gewohnten Falschheit seiner Frau. Sein feines Ohr unterschied in ihrer Beredsamkeit etwas mehr als den gewöhnlichen Eifer für das Wohlanständige, aber auch etwas mehr als gewöhnliche Erfahrung. Was für Situationen wußte Sabine plötzlich zu schildern, und wie wußte sie in die Seelenregungen einer schwer angefochtenen und tapfer widerstehenden Frau einzugehen! »Wirklich?« fragte sich Ricchiari erschrocken, »hat sie solche Kämpfe durchlebt?« Es schien ihm, daß hier nicht mehr _alles_ Phrase sein konnte; und, wie ich bereits gesagt, ich für mein Teil möchte das am liebsten glauben und bin dankbar, daß auch der kluge Doktor etwas von der neuen Unterströmung in dem Gemüte seiner Frau bemerkte. Immerhin, als Ricchiari so weit gekommen war, dachte er, nun sei es genug. Und nun begann er, die Auseinandersetzung mit seiner Frau unter vier Augen zu führen. Die ganze Behandlung bis hierher hatte ungefähr drei Wochen gedauert, und Sabine war in eine Leidenschaftlichkeit der Parteinahme hineingesteigert worden, die sie alle Vorsicht vergessen ließ. Nun brauchte der Doktor nur noch eine Frage zu tun: »Willst du mich wirklich glauben machen, daß du unter so und so gegebenen Umständen nach deinen Worten handeln würdest?« Sabine rief entrüstet: »Zweifelst du an meiner Festigkeit? Liebe ich dich schon nicht, so sollst du mir doch nichts vorzuwerfen haben!« und sprudelte in höchster Erregung die ganze Geschichte ihrer Versuchung und musterhaften Abwehr hervor. Nach dieser Erleichterung wandelte sie mit höchst zufriedener Miene im Zimmer auf und ab, den schönen Kopf hoch auf steifem Nacken tragend, als wolle sie jede beliebige Kritik gegen ihr Tun herausfordern und entwaffnen. Ich glaube wahrhaftig, sie kam sich in dieser Stunde sehr verdienstreich vor.

Ricchiari, ob er schon alle erdenkliche Herrschaft über sich besaß, mußte während dieses Vorganges die Hände in den nächsten Vorhang krallen, um nicht in Gefahr zu kommen, seine Frau zu schlagen. Ekel und Verachtung stiegen ihm bis zum Halse, sprechen hätte er nicht können, und er dankte Gott, daß er's nicht konnte -- denn was hätte er dieser Frau sagen sollen? Daß er einen Fehltritt, in spontaner Leidenschaft begangen, leichter verziehen hätte, als _diese_ Tugend? Des unglücklichen Mannes Gehirn, von einem Wirbel häßlicher Vorstellungen ergriffen und betäubt, vermochte in dieser Verwirrung die Anklage nicht zu formen, die sein ganzes Selbst in rasender Empörung gegen das armselige Weib zu schreien schien. Er fühlte nur dunkel und peinigend, daß er sie verdammen müsse, weil sie _nicht_ schuldig geworden sei, und der Wahnwitz dieses Gedankens erfüllte ihn mit Schrecken vor sich selbst. Er glaubte verrückt geworden zu sein, und es dauerte mehrere Stunden, bis er soweit mit sich zurechtgekommen war, um mit seiner Frau über den Fall zu sprechen. Er stellte ihr eindringlich und mit wahrer Himmelsmilde die Schändlichkeit, aber auch die Gefahr eines solchen Verhaltens vor, wie sie Sylva gegenüber an den Tag gelegt, und gab ihr zugleich noch einmal in großmütiger Weise Freiheit, dem jungen Manne zu folgen, wenn sie etwa Neigung für ihn empfände. »Verzeihe mir, wenn ich dir zu nahe trete,« sagte er sanft, »aber es dünkt mich doch, der Mann könne dir nicht ganz gleichgültig sein. Hättest du ihn solange hingehalten und gefesselt, wenn seine Gegenwart dir nicht einen gewissen Reiz böte? Täuscht man sich doch selbst über solche Empfindungen, und vielleicht entspringt auch dein gedankenloses Spiel einer solchen Selbsttäuschung, die wiederum auf deinen maßlosen Stolz gebaut ist. Ich würde es als Segen empfangen, wenn es so wäre, wenn ich schon dabei der Verlierende bin. Besser, es sei einer unglücklich, als drei!« Sabine rief: »Wer sagt, daß ich unglücklich bin?« und ihr Gesicht überzog sich mit Purpur. Ricchiari antwortete: »Mich liebst du nicht, aber ihn liebst du vielleicht!« -- »Und wenn schon,« rief sie mit geballten Fäusten, »so will ich doch nicht zum Kinderspott werden! Leidenschaften treten wie Krankheiten an uns alle heran, aber ich möchte mich lieber aus dem Fenster werfen, als so läppisch erliegen wie andere Frauen. Ich werde mich durchkämpfen.« -- »Du bist zu klug,« sagte der Mann traurig. »Ich weiß nicht, soll ich dich bewundern oder verachten.« Sie erwiderte finster: »Ich dächte doch, das letztere hätte ich nicht verdient,« worauf er voll Schmerz zurückgab: »Das ist es ja gerade, was mich wirbelsinnig macht, daß ich das nicht weiß. Du mußt Geduld mit mir haben.« Sie gingen auseinander, ohne daß Ricchiari um vieles klüger geworden wäre.

Aber für Sabine war die Sache nun doch nicht so glatt abgetan. Daß sie sich durch ihr ruhmrediges Geständnis die Möglichkeit abgeschnitten habe, sich ferner zu den absonderlichen Stelldicheins zu begeben, das leuchtete ihr natürlich sofort ein. Doch fiel ihr diese gezwungene Entsagung durchaus nicht leicht, und sie bereute heftig ihre unzeitige Offenheit, die sie nun unerbittlich vor eine endgültige Entschließung stellte: entweder mußte sie Sylva aufgeben, oder sich vor Gott und der ganzen Welt die Seine nennen. Und eines kostete sie soviel wie das andere. Immerhin war der Kampf in ihr verhältnismäßig rasch entschieden. Sie setzte sich hin und verfaßte ein Schreiben an Sylva, worin sie ihm endgültig absagte. Den Brief hat niemand gesehen; Sylva muß ihn sofort vernichtet haben. Er ging alsbald hin und erschoß sich.

Ricchiari war es, der zuerst an das Lager des Toten gerufen wurde und der zuerst auch den rührenden kleinen Zettel las, den jener hinterlassen. Diesen zu eskamotieren, dazu fühlte sich der Arzt indes zu sehr beobachtet, bereits lief das verräterische Dokument durch die Hände hilfeleistender Frauen. In begreiflicher Erregung kehrte Ricchiari heim, und schonungslos, kopflos, zitternd und hastig teilte er Sabinen das Grauenhafte mit. Sie blickte ihn anfangs geringschätzig an, mit einem Schürzen der Oberlippe, als spräche er von dem Fremdesten der Fremden. Nach drei Sekunden etwa wurde ihr Gesicht weiß und ihr Auge starr. Sie fragte heiser: »Was sagtest du?« und als er schreiend wiederholte: »Sylva hat sich erschossen!« schritt sie langsam, wie geistesabwesend, durch das Gemach und begann mit nervösen Fingern ein Wollknäuel abzurollen. Nach einer weiteren Minute drehte sie sich rasch um, faßte nach der Lehne eines Stuhles, setzte sich hin und legte das Gesicht auf die Arme. Der Mann sah ihren Körper schauern, vernahm jedoch kein Schluchzen. Er wagte, da er nun sah, daß sie äußerst erschüttert war, kein Wort weiter zu sagen, und nach einer Weile zog er sich still zurück. Eine Stunde später trat Sabine, sehr blaß, aber anscheinend wieder ruhig, in sein Zimmer und fragte kurz und hart: »Weiß man, warum er es tat?« Der Doktor, da er sie gefaßt sah, erwiderte ebenso kurz: »Er hat einen Brief hinterlassen.« -- »So? und was steht darin?« -- Ricchiari, von ihrem Blicke, der wie Feuer brannte, gemeistert, sagte mechanisch die ersten zwei Zeilen des Zettels her, die er im Gedächtnis behalten hatte. Sie zog dabei die Schultern hoch, als ob Schläge darauffielen, und bewegte sich mit gesenktem Haupte gegen die Türe, durch welche sie verschwand, ohne das Ende des Berichtes abzuwarten. Gleich darauf stand sie in Sylvas Totenzimmer. --

Es wurde nun dem Doktor an Sabinens Seite besser denn je. Wenn ein Menschenkind allen Halt und allen Glauben an sich selbst verloren hat, so streckt es naturgemäß die Hände dem entgegen, der sich in Güte und Verzeihung seiner annimmt. Dazu war nun kein Mann so geschaffen, wie Ricchiari, der jeden Winkel im Herzen der Frau mit seinem stillen Erbarmen durchleuchtete und nichts als Friedensworte für sie hatte, selbst da, wo er zu strafen berechtigt war. Sein Mitleid für sie war grenzenlos, und nicht geringer war allerdings das meine. Weit entfernt, die unglückliche Frau noch tiefer zu beugen, tat Ricchiari, und ich mit ihm, das Äußerste, um ihr wieder einen Teil ihres Lebensmutes zurückzugeben. Sie nahm, wie ein krankes Kind, was der unermüdliche Gatte für sie tat; dabei war sie klug genug, das Unverdiente seiner Großmut ganz zu empfinden, und eine innige Dankbarkeit ihrerseits mußte naturgemäß dieser Erkenntnis folgen. Bald stellte sich zwischen den Gatten ein ganz erträgliches Verhältnis her, und Sabine lernte ihre unerhörte Meisterschaft über sich selbst nun in einer würdigeren Sache anwenden. Daß sie eine Natur war, die alles konnte, was sie ernstlich erstrebte, hatte sie bewiesen, und jetzt ging ihr Wollen dahin, ihren Gatten für manche erlittene Kränkung, die sie reuevoll einsah, zu entschädigen. In gewissem Maße gelang ihr auch das; wenigstens erfuhr Ricchiari nichts mehr als Liebes und Gutes von ihr, und war schlau genug, nicht ergründen zu wollen, ob dieses Liebe und Gute einem spontanen Herzenstriebe entsprang oder ob eiserne Willenskraft es aus dem Bewußtsein einer nie gutzumachenden Schuld erzeugt hatte. Er begnügte sich mit der Wirkung, und daran tat er wohl. Denn wer nach Ursachen forscht, wird irre an Gott und Welt. Die _Menschenseele_ ist das verschleierte Bild von Sais -- und vielleicht ist uns wohler, solange keiner kommt, den geheimnisvollen Flor zu heben.

Druck von F. E. Haag, Melle i. H.

Curt Hamel'sche Druckerei u. Verlagsanstalt, Charlottenburg, Spreestr. 43/44

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