Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen
Part 7
Den ganzen Tag wandelte sie in stumpfer Gleichgültigkeit umher. Daß sie die Großstadt und ihren Vasallenkreis vermißte, daß Haushalt und Kinderstube sie langweilten, daß sie hungerte nach rauschenden Festen, wo ihre Schönheit Siege gefeiert hätte, daß der schlichte, stäte und zuverlässige Gatte ihrem phantasievollen Köpfchen nichts zu denken gab -- Ricchiari mußte es täglich aus kalten Mienen und lässigem Gebaren erkennen. Da er die Frau liebte, tat das ihm weh. Aber man vergegenwärtige sich das Leiden, das für ihn anhub, sobald ein fremder Fuß das Gemach betrat: wie durch Zauberschlag verwandelt, huschte die plötzlich erblühende Frau als rühriges Hausmütterchen durch alle Räume; Heiterkeit strahlte ihr von rosigen Wangen, Liebe aus leuchtenden Augen; sie herzte ihre Kinder, sie nickte dem Gatten zu; sie redete wirtschaftlich, prahlte mit kleinen häuslichen Kenntnissen, pries die pastoralen Freuden ihres bescheidenen Lebens, scherzte anmutig und überlegen über leicht verschmerzte Entbehrungen -- kurz: zeigte sich so ganz als das, was sie nicht war und doch hätte sein sollen, daß die Klügsten betrogen hinweggingen. Laut und leise pries alle Welt Ricchiari als den glücklichsten Gatten; und der Doktor hörte es mit finsterem Gesichte und verbiß seine Martern: wußte er doch aus wiederholter Erfahrung, daß Licht und Lächeln in den Augen seiner Frau erlöschen würden mit den letzten Lampen des Mahles, bei dem sie durch horazische Tugenden eine Anzahl leichtgläubiger Gäste berückt hatte.
Diese sichere und stets eintreffende Voraussicht machte, daß Ricchiari in Gesellschaft nicht eben leidenschaftlich auf die Liebenswürdigkeiten seiner Frau einging; dazu war er eine zu gerade Natur. Ja, er begegnete in der Regel ihren holden Koketterien mit abweisenden Blicken und erreichte dadurch, was er eben hatte vermeiden wollen, daß alle Leute die herrliche Frau, die an solch einen Bären gebunden war, erst recht bewunderten und bedauerten. Dieses Bedauern, das der unglückliche Mann in allen Mienen lesen mußte, war seine schärfste Qual. Es war ihm unmöglich, auf die unedle Pose einzugehen, die Sabine vor der Welt aufrechterhielt und mit welcher sie ihm seine tiefe und wahrhafte Liebe so übel vergalt. Jeder Versuch aber, die Komödie zu durchbrechen, prallte an Sabinens unerschöpflicher Sanftmut und Holdheit ab, und immer blieb das gewandte Weib im Vorteil, immer mehr vergab sich der von Leidenschaft gepeinigte Mann in den Augen der Kurzsichtigen, die nach dem Schein urteilten. Bald war Sabine nah und fern als eine neue Griseldis gerühmt, der Doktor als ein Tyrann verschrien; und das ruchlose Geschöpf war wirklich erbärmlich genug, sich an dieser Rolle zu ergötzen. Die Art und Weise, wie sie Mitleid von sich wies und ihren Gatten zu entschuldigen suchte, war mit Feinheit so berechnet, daß auch wieder niemand als sie selbst dabei gewann: denn nun prunkte sie noch mit einem Edelmute, der ihr sehr ferne lag, da sie genau wußte, daß in Wirklichkeit ihr Gatte der still Duldende und Vergebende war. Daß ich selbst von diesem Spiele fast gefangen worden wäre, habe ich wohl schon angedeutet. Sabinens Geständnisse am Bette des Selbstmörders ließen mich klar in dies fürchterliche Verhältnis blicken. Die Unselige erzählte mir selbst, daß ihr Mann sie einmal mit Tränen in den Augen gebeten habe, ihm in Gegenwart von Leuten nicht mehr so zärtlich zuzunicken, da sie es doch in Stunden des Alleinseins mit ihm nicht wolle oder nicht könne. Dies habe ihr ins Herz geschnitten, und sie habe eine Zeitlang wieder ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden geglaubt, ein solches auch mit ängstlicher Deutlichkeit an den Tag gelegt. Ricchiaris trauriges Lächeln habe sie wohl belehrt, daß sie ihn nicht täuschen könne, und diese Erkenntnis habe sie selbst mit Bitterkeit erfüllt. Nach kaum einer Woche sei ihr machtloser Wille wieder erlahmt, Leben und Umgebung hätte sie gelangweilt, das tägliche Einerlei von Kleinem und Kleinstem die alte Verstimmung wieder wachgerufen. Vor Zeugen aber habe sie nach wie vor ihr äußeres Scheinleben weiterführen müssen und sich dabei selbst wie behext gefühlt; denn sie sei sich ihrer Falschheit wohl bewußt gewesen, ohne sich ihrer jedoch erwehren zu können.
Ich fragte Sabinen, ob sie sich über die Empfindungen Rechenschaft geben könne, die sie beherrschten, während sie dies verräterische und für ihren Gatten so grausame Spiel trieb. Sie gestand mir nach einigem Sinnen, daß sie sich immer durch das Verhalten der Leute selbst gleichsam dazu gereizt gefühlt habe. Denn wie ein offenes Buch habe jedes Herz vor ihr sich aufgetan, und was sie da zu lesen geglaubt, war eben die Erwartung dessen, was mittlerweile wirklich schon eingetreten war. Jeder Blick schien sie zu fragen: hast du die übereilte Verbindung noch nicht bereut? hält die Romantik dem wirklichen Leben stand? sehnst du dich nicht zurück nach dem Kreise, für den du geboren bist? Bereits glaubte sie zu hören, wie triumphierend Nachbarin zu Nachbarin flüsterte: wir haben es vorausgesagt! Bereits war ihr, als spitze sich jeder Beau, der huldigend ihre Hand küßte, schon im stillen darauf, der Hausfreund der schönen Doktorsfrau zu werden. Daß aller Augen auf ihren Fall warteten, hatte sie richtig erraten, und sie hätte sich, wie sie sagte, lieber in Stücke reißen lassen, als dem Volke die Freude des Rechthabens zu gönnen.
Die Spannung zwischen den Gatten kam endlich so weit, daß Ricchiari die Scheidung vorschlug. Ihm schien es leichter, sich der begehrten Frau ganz und gar zu entwöhnen, als fürder unter ihren Lieblosigkeiten zu schmachten. Dennoch mußte ihn der Vorschlag schwere Überwindung gekostet haben, und Sabine, die es verstand, war von seinem Leiden einigermaßen erschüttert. Aber als sie dies Anerbieten zurückwies, tat sie es dennoch erst in _zweiter_ Linie aus Mitleid mit dem Manne; ihr erster Gedanke war auch hier wieder: »wie würden die Leute sich freuen!« und deshalb willigte sie nicht in die Scheidung.
Ricchiari, der mit weißen Lippen seinen Antrag gestellt hatte, errötete ein wenig, als sie rasch und heftig »Nein!« sprach. »Darf ich hoffen,« fragte er mit unsicherer Stimme, »daß es dir doch ein wenig leid tun würde, mich zu entbehren?« Sie schaute ihn an und hätte Welten darum gegeben, hätte sie jetzt ihr Verstellungstalent zur Hand gehabt, das ihr vor Fremden doch nie versagte. Aber vor den ehrlichen Augen dieses Mannes war sie gelähmt, sie fand das falsche Lächeln nicht, oder vielmehr, sie wußte, daß es ihn nicht würde betrügen können. Sie sah zur Seite, zitterte und stammelte endlich: »Um der Kinder willen laß uns beisammen bleiben!« und das war das einzige, was sie antworten konnte ohne direkte Unwahrheit. Wirklich war das ein Grund, dem Ricchiari sich beugen mußte; und wenn es für ihn irgendeinen Trost gab, so mußte es der Gedanke sein, daß Sabine in diesem einen Punkte wenigstens durch ein braves und natürliches Gefühl geleitet worden sei.
So also standen die Dinge in Ricchiaris anscheinend so tadelloser Häuslichkeit. Eine Frau von unfehlbarer Lebensführung und wertvollen Eigenschaften verstand die bescheidene Kunst nicht, einen schlichten Mann glücklich zu machen; und ein Mann, der jede andere Frau durch die Fülle und Tiefe seines Empfindens hoch beglückt hätte, mußte seine köstliche Flamme vor einem Götzenbilde von Erz verlodern sehen, und kein Zeichen belehrte ihn, ob sein Opfer Gnade gefunden.
4.
Sylva stammte aus guter, alter Familie. Er war wohlhabend und hatte Ansehen. Aber er war auch brav, tüchtig, ernsthaft und seelenrein, wie wenige Menschen in dieser verderbten Zeit und in den Kreisen, aus denen er stammte. Er war dreiundzwanzig Jahre alt.
Sabine Ricchiari war eine zu blendende Erscheinung, um von dem neuen Ankömmling nicht alsbald bemerkt zu werden, und entzückt erkundigte er sich sofort nach Namen und Geschichte der schönen Frau. Der Bescheid, den er erhielt, entsprang der falschen Meinung, die Sabinens ruchloses Spiel in den Köpfen der Leute gezeitigt hatte. Die Frau, so hieß es, sei ein vornehmes und mit allen holden Gaben geschmücktes Wesen, an einen Mann gekettet, der nicht wert sei, ihr die Schuhriemen zu lösen, und der das Gotteswunder nicht zu schätzen wisse, das mit solch einem Weibe über sein Haus gekommen. Vielmehr behandle er sie höchst lieblos, sie aber ertrage mit engelgleicher Geduld all seine Launen, und nie habe jemand sie ein Wort der Klage äußern hören. Ja, selbst den Mangel all des Glanzes, zu welchem ihre Geburt sie berechtigte, habe sie mit solcher Anmut und Heiterkeit auf sich genommen, daß alt und jung vor einem so seltenen Frauencharakter in Bewunderung vergehe. Niemand könne an dem herrlichen Bilde die leiseste Trübung nachweisen, und allgemein werde nur bedauert, daß nicht ein würdiges Eheglück ihr beschieden sei.
Solche Kunde war natürlich dazu angetan, ein Jünglingsherz zu rühren. Sie aber ahnte nicht, welchen Quellen die scheue Verehrung entsprang, die sie alsobald in den Augen des jungen Mannes zu lesen begann; seicht wie sie selbst war, schloß sie nur auf seichte Leidenschaft, wie ein blühender Frauenleib sie wohl zu wecken vermag, und wandte sich mit einem spröden Gesichte zur Seite, so oft sie dem stillen Minnewerber begegnete. Sie selbst gestand, daß sie damals nichts als Groll empfand, jenen alten Groll gegen angenehme und sogenannte unwiderstehliche Männer, die jede Frau als leichte Beute behandeln.
Es hatte nämlich bereits die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf Blicke und Mienen des schmachtenden Jünglings gerichtet, und eine Schar von solchen Geistern, die nie das Unheil zu bemessen verstehen, das sie anrichten, ergriff sofort diese wahrlich ernste Sache als ein neues und willkommenes Spielzeug. Keine der Freundinnen und Nachbarinnen konnte sich das Vergnügen versagen, Sabinen die Beobachtungen zu hinterbringen, die sie an Sylva gemacht hatten, und jene bekannten neckenden Bemerkungen daran zu knüpfen, die bei solch kurz denkenden Wesen besseren Gesprächstoff ersetzen. Und diese Gefühllosigkeit gab leider der gefühllosesten unter den törichten Frauen den Anstoß, um aufs neue und tiefer als jemals in ihr altes Laster des Posierens zu verfallen.
Sabine wies die Neckereien der Freundinnen anscheinend mit Ernst und Würde zurück, dabei aber verfehlte sie nicht, mit feiner Wahl des Ausdruckes soviel Teilnahme für den stillen Anbeter zu verraten, als eine anständige Frau ohne Furcht vor Mißdeutungen an den Tag legen darf. Noch eine Nuance mehr Interesse, so gab sie, dessen war sie sich wohl bewußt, falschen Vermutungen Raum. Und dennoch -- so unglaublich es scheint! -- überschritt sie diese Linie, überschritt sie, während ihr selbst die Erkenntnis dessen, was sie tat, kalte Schauer über den Rücken jagte. Warum sie es tat -- Gott weiß es! Sie wollte eben wieder einmal ihre Tugend zu allgemeiner Betrachtung aushängen. Sie arbeitete ihre Komödie mit gewohntem Raffinement aus, und die Freundinnen gingen mit der Gewißheit hinweg: »Sabine Ricchiari liebt den jungen Sylva. Aber mit eiserner Hand wird sie ihre Wünsche ersticken. Ihre Tugend ist über jede Versuchung erhaben.«
Alles dieses wäre noch kein Verhängnis gewesen. Aber nun gingen die schwatzenden Elstern hin und bearbeiteten den Jüngling. Sylva hatte das Unglück, jene sanfte und weiche Schönheit zu besitzen, auf welche ältliche Weiber besonders toll sind. Jede einzelne der müßigen Redespinnerinnen suchte aus der eben gemachten Entdeckung einen Vorwand zu konstruieren, um sich dem jungen Manne zu nähern, sein Vertrauen zu gewinnen, als sympathetische Seele seinen Schmerz zu teilen und -- aber dieser Gedanke lauerte nur ganz verborgen im Hintergrunde! -- womöglich zu heilen. Sylva, jung und nicht übermäßig erfahren, war schnell umgarnt. Bald hatte er drei oder vier »mütterliche Freundinnen«, die sich darin überboten, ihm zu sagen, was er zu hören brannte. Und bald war auch er von der Überzeugung durchdrungen, daß Sabine ihn im stillen liebe. Jetzt erst stiegen seine Hoffnungen zu äußerster Kühnheit empor, und jetzt erst lag sein Herz zu tiefst im Staube vor dieser Frau, die er unglücklich glaubte und doch von siegreicher Reinheit in ihrem Unglücke. Hatte er sie vorher schon mit heißester Glut begehrt, so betete er jetzt geradezu die Spur ihrer Füße im Sande an, überwältigt von ihrer unantastbaren Tugend.
Und seine Trösterinnen sorgten dafür, daß ihm der Mut nicht sank. Jedes Wort Sabinens wurde ihm hinterbracht; und da es die Frau in entsetzlicher Verblendung nicht lassen konnte, ihre Rolle weiter und weiter zu verfeinern und auszugestalten, so gab es bald ordentlich was zu hinterbringen. Die Phantasie der Zwischenträgerinnen tat das ihre.
Sylva schien zu glauben, daß dieser Frau gegenüber, die es verschmähte, sich um ihr Glück zu wehren, gewaltsamere Schritte erlaubt wären. Er suchte eine Zusammenkunft mit ihr, und die Trösterinnen rangen um den Vorzug, sie ihm zu verschaffen. Diejenige, der in dieser edlen Konkurrenz der Sieg zufiel, besaß einen schattigen und abgelegenen Garten, dahin lud sie Sabinen zu einem Plauderstündchen, und Sylva erschien wie zufällig. Nun verschwand die hilfsbereite Freundin, und das Paar stand sich gegenüber.
Sabinens Augen funkelten. Sie begriff sofort das Beabsichtigte der Situation, und neben einem kleinen Ärger über die niedrige Kuppelsucht ihrer Vertrauten, die ihr jetzt klar zum Bewußtsein kam, regte sich sofort und übermächtig auch die Freude darüber, daß endlich für sie der Augenblick gekommen sei, ihre sittliche Größe ganz zu zeigen. Sie bedauerte nur die Abwesenheit der Freundin, die ihr eine willkommene Zeugin gewesen wäre. Daß diese Freundin in sicherem Verstecke die ganze Szene belauschte, konnte sie freilich nicht ahnen.
Der Jüngling, ehrlich und geradeaus in seiner Liebe, ergriff alsbald das Wort und erklärte freimütig, daß er keineswegs zufällig gekommen sei, sondern in der bestimmten Hoffnung, Sabine allein zu sehen und zu sprechen. Sie habe ihm diese Möglichkeit bisher versagt, obgleich sie wissen müsse, was er für sie empfinde; doch sei er sich seines Unwertes vor ihr bewußt, wie seiner Vermessenheit, vor sie zu treten. Dies habe er nun gewagt, weil er den Zustand der Dinge unmöglich länger ertragen könne und lieber ein verdammendes Urteil für alle Zeit auf sich nehmen wolle, als fürder zwischen Hoffen und Verzweiflung zu schweben. »Und warum Hoffen?« unterbrach ihn Sabine voll Hochmut. »Habe ich Ihnen je ein Recht dazu gegeben?« -- »Nicht Sie,« antwortete Sylva in einiger Verwirrung, »aber die schlimmen Verhältnisse, in denen Sie leben, und die, verzeihen Sie mir! leider genugsam bekannt sind.« Sabinens Antlitz flammte auf, und jetzt stand sie im Begriffe, das Lügengespinst zu zerreißen. »Was sagen Sie?« rief sie in echter Entrüstung. »Welche Verhältnisse? Ich bitte, sich deutlicher zu erklären!« Sie rang, von Scham eine Sekunde lang überwältigt, nach Worten, den verhängnisvollen Irrtum zu heben, wußte nicht, wo beginnen, wurde aufgeregt und ängstlich. Unterdessen sprach Sylva, der ihren Zorn nach seiner Art deutete, auf sie ein, schilderte mit Farben, die er aus der Tiefe seines gläubigen Herzens holte, ihr Bild, wie es ihm erschien, in all der Heiligkeit entsagungsvoller Treue, in all der Größe, Reinheit und süßen Trauer, die er ihr andichtete, und bemerkte beglückt, daß sie ruhiger wurde und endlich in augenscheinlicher Ergriffenheit ihm zuhörte. Wirklich dämmerte ihr etwas von dem bitteren Ernste der Lage. War bei ihrer plötzlichen Besänftigung auch vielleicht in erster Linie wieder das kindische Wohlgefallen an sich selbst im Spiele gewesen, das Sylvas Worte so angenehm streichelten, so möchte ich doch annehmen, daß der Anblick der unschuldigen, heiß flehenden Augen, die köstlich reine Verehrung des armen Jungen etwas von ihren weiblichen Empfindungen wachriefen und vibrieren machten. Denn von hier an kann ich Sabinens Verhalten nicht mehr ganz als Pose auffassen.
»Der Anblick Ihres Jammers«, so sprach Sabine, »zerreißt mir das Herz. Wollte Gott, ich dürfte milder sein, denn Strenge wird mir schwer, wo ich an ein echtes Gefühl glauben muß. Nicht oft im Leben ist mir ein solches begegnet, und ich wünschte, ich müßte nicht zurückweisen, was manche andere Frau mit Stolz und Freude annehmen würde. Aber bedenken Sie, daß diese Liebe, die Sie mir entgegenbringen und die in ihrer hohen und edlen Natur das Wertvollste ist, was eine Frau auf ihrem Lebenspfade finden kann, zugleich eine erniedrigende Zumutung an mich enthält. Nein, erschrecken Sie nicht -- ich zürne nicht, denn ich weiß, was Sie leiden! Dennoch haben Sie es sich allzu leicht vorgestellt, das Pflichtbewußtsein einer Frau zu überwinden. Vergaßen Sie, daß ich Kinder habe? Wenn ich unterliege, so trifft mich kein Verlust, den eine Liebe wie die Ihre mir nicht ersetzen könnte; aber die ganze Härte der Konsequenzen fällt auf die unschuldigsten Häupter, die somit mein und Ihr Vergehen zu büßen haben werden. Welches Glück könnte auf solchem Grunde aufgebaut werden? Lassen Sie mich, um Ihrer selbst willen, an Ihr besseres Selbst appellieren! Sie werden überwinden, Sie können es! Es gibt unfehlbare Tröster: die Arbeit, die Kunst -- zu diesen flüchten Sie! Erhalten Sie Ihr Leben rein, bessere Menschen als ich bin haben noch Rechte an Ihre Zukunft. Diese erhalten Sie unbefleckt, diese opfern Sie nicht einer vielleicht flüchtigen Leidenschaft! Seien Sie stark -- Sie sind ein Mann: muß ich es doch sein, die ich nur ein schwaches Weib bin!«
Sylva hatte von Sabinens Rede nichts gehört, als daß sie an seine Liebe glaubte, und das war mehr, als er geträumt hatte. Zitternd vor Seligkeit warf er sich vor ihr nieder, mächtig hinströmend ergoß sich sein Gefühl, so daß es der erschrockenen Frau wohl scheinen mochte, als wankte der Boden und die alten Stämme gewaltiger Bäume rings um sie vor dem Anprall einer Flut, die sich rauschend und klingend durch das All verbreitete. Wieder, wie schon einmal im Leben, stand sie dem Elemente gegenüber und hatte die Kraft nicht, sich darüber zu erheben. Wieder ließ sie sich hinreißen. Über solche Wellen hatte der flache Kiel ihres Seelenschiffleins keine Gewalt. Es trieb, es schwankte und wäre zerschellt, wenn nicht Sylva selbst in seiner Redlichkeit den Sturm gemeistert hätte. Mehr auf die Geliebte als auf sich selbst bedacht, kam es ihm durchaus nicht zu Sinn, ihre Verwirrung zu nützen, und bereits hatte seine fromme Phantasie Mittel und Wege einer rechtlichen Verbindung zwischen ihm und der angebeteten Frau gefunden. »Kein Unrecht!« so rief er aus, »keine Schmach auf dir, du einzig Geliebte! Ich trete vor deinen Gatten, ich stelle ihm deine Entsagung, deinen Opfermut vor, ich zeige ihm, wie du um deiner Pflicht willen dein Herz ersticken wolltest! Ist etwas Menschliches in ihm, so muß er dich freigeben!«
Ernüchtert und entsetzt riß Sabine sich los. Ihr Verstand, der einige Minuten lang geschwärmt hatte, stand plötzlich wieder auf festen Füßen, und sie überblickte nun mit ziemlichem Schrecken den Schaden, den sie angerichtet. Nichts konnte dieser Frau, deren Abgott das »=Qu'en dira-t-on?=« war, unwillkommener sein, als die Aussicht, daß Sylva in seinem Eifer bis zur ernsthaften Forderung einer Scheidung gehen könnte. Hunderte von Fällen ähnlicher Art, an denen ja heutzutage Wirklichkeit und Dichtung so Artiges liefern, fielen ihr ein: immer und unter allen Umständen haftete der Frau, die einen gesicherten und geachteten Hausstand preisgab, um sich der abenteuerlichen Liebe eines weit jüngeren Mannes anzuvertrauen, mindestens Lächerlichkeit an. Und was fürchtete Sabine mehr als Lächerlichkeit? Und allen Grund hatte sie, diese zu fürchten, denn gerade _sie_ fiel furchtbar, wenn sie fiel. »_Das_ war die Tugend Sabinens?« schallte ihr's im Ohr, hundert lachende Stimmen, hämisch, triumphierend, fröhlich und harmlos spottend, aber _alle lachend_ schienen aus allen Ecken des Gartens den lustig erstaunten Ruf zurückzugeben. Flammen der Scham loderten ihr im Antlitz. Sie stieß den Jüngling von sich, stammelte in höchster Ratlosigkeit ein paar Worte von Überlegung und Zeit zum Sammeln und enteilte.
Sylva, trunken und träumerisch, mag ihr nachgeblickt haben, wie ihr helles und in seiner Flucht anmutig bewegtes Bild in der violetten Tiefe des abenddämmrigen Gartens unterging. Dann mag es in jedem Laubengange vor ihm hingewandelt sein, in tausend holden Erscheinungen wechselnd, bald mit kummervollen Augen ihn abwehrend, dann wieder lockend und verheißend mit solchem Lächeln, wie er nun bald in Wahrheit von Sabinen zu verdienen hoffte. Der junge Mann verweilte bis tief in die Nacht im dunklen Garten, und ich sehe ihn heute noch in Gedanken, wie er mit Sternen und Blumen sprach, die Zweige küßte, die das Haar der fliehenden Göttin gestreift hatten, und aufgelöst in demütiger Seligkeit vor der Rasenbank kniete, auf der sie gesessen. Wer von uns, der jung war, sieht ihn nicht so?
Am Tage darauf erhielt Sabine ein Briefchen, worin Sylva um eine neue Zusammenkunft bat. Hätte die leiseste Spur von Selbstbewußtsein sich in dem Schreiben verraten, so hätte die leichtverletzliche Schöne ohne Zweifel eine schroffe Antwort gefunden, die alles abgeschnitten hätte. Aber der liebende Jüngling ehrte so sehr den Kampf, den, wie er glauben mußte, eine edle Frau zwischen Pflicht und Liebe führte, daß er kaum in bescheidenster Weise anzudeuten wagte, zu welchen Hoffnungen ihn Sabinens Verhalten berechtigte. Die Fassung des Briefchens rührte Sabinen, und die Verantwortung, die diesem jungen Herzen gegenüber auf ihr lag, stellte sich ihr drohend vor. Sie beschloß, dem Bittenden das verlangte Wiedersehen zu gewähren, und glaubte in lauterer Absicht zu handeln: wollte sie ihm doch nur zur Vernunft reden! Und sie antwortete in freundlich gewährendem Sinne. --