Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen
Part 4
Sie konnte sich indes nicht verhehlen, daß in der Tat eine Rückveränderung zu ihrem alten Selbst mit ihr vorging. Wenn sie sich den ganzen Morgen in der Tiefe ihres Herzens auf die kommende Stunde freute, so freute sie sich den ganzen Abend über das, was sie in dieser Stunde fertiggebracht hatte, und kam so einfach aus dem Freuen nicht heraus. Sie trug es mit sich herum wie eine liebliche Melodie, die einem auf Schritt und Tritt nachgeht. Ja, auch diese Empfindung mußte Gabriele sich eingestehen: es glitt ihr nur so unter den Händen weg, was sie sonst mit Unlust getan hatte; wenn ihr sonst der Tag zu kurz geschienen hatte für alles, was er erheischte, so war er jetzt mit einem Male um vieles länger, seit die bewußten zwei Stunden daran fehlten. Es war ihr Klarheit gekommen über das Wesen ihrer Krankheit, als sie begriff, daß die gewohnte und geliebte Tätigkeit ihr bisher an ihrem Glück gefehlt habe. Und wenn sie sich auch verwunderte, wie es hatte sein können, daß eine solche Albernheit, wie sie es nannte, ihr fast das Leben zerstört hätte, so wußte sie doch, daß dem wirklich so war. Tief dankbar empfand sie, wie Ruhe und Frohsinn sich täglich mehr in ihr und um sie verbreiteten, wie ein sanftes Licht auf ihren ganzen Lebensweg fiel.
Sie hätte gern das Wundersame und Unbegreifliche des ganzen Vorganges verstehen mögen, und es drängte sie oft, zu ihrem Gatten zu eilen und ihm ihr Gefühl zu äußern, ihn zu fragen, ob er eine Erklärung oder ein Beispiel dafür kenne. Es tat ihr weh, dies Unverstandene mit sich herumzutragen, ohne es mit ihm zu teilen, der es vielleicht verstanden hätte. Aber sie fürchtete zu sehr das Geständnis ihres Betruges. Wenn sie bedachte, mit welch rührender Treue er immer dafür gesorgt hatte, daß in jenen ihrer Ruhe geweihten zwei Stunden kein Schritt ihrer Türe sich nahe, so fand sie es unmöglich, ihm zu sagen, daß diese Sorgfalt verschwendet, seine liebende Aufmerksamkeit mißbraucht worden war. »Wenn er hört, daß ich ihn monatelang betrogen habe,« so dachte Gabriele oft mit leisem Kummer, »so wird seine Liebe zu mir verlöschen. Er ist die Wahrhaftigkeit selbst!« Und sie schwur sich zu, daß er nie um das Geheimnis wissen sollte.
Der Ratsherr küßte seiner alten Freundin die Hände und nannte sie gerührt die gütige Vorsehung seines Lebens. Die gute Matrone freute sich des Erfolges, den ihre einfache Verordnung gehabt, und Gabriele, wenn sie es hörte, lächelte beklommen und dachte bei sich: »Auch diese darf nie erfahren, daß ihr Rat unbefolgt geblieben ist. Wie würde sie sich kränken!« Und ebenso schwieg sie dem Arzte gegenüber, mit weiblicher Feinheit daran bedacht, ihm das Gefühl der Lächerlichkeit zu ersparen.
Je weiter die Arbeit fortschritt, je köstlicher und reicher die zarte Kunstfertigkeit der neugeübten Finger sich kundtat, desto stiller und seliger wurde Gabriele. Alles Irdische erschien ihr klein. Denn wahre schöpferische Kunstliebe ist nicht anders als wahrer Gottesglaube, sie leiht der Seele schöne lichte Flügel, mit denen sie über die Erde schwebt.
Zwei Stunden täglich sind eine knappe Zeit, um ein großes und allerfeinstes Werk zu Ende zu führen, und Gabriele arbeitete weit über ein Jahr an ihrer Spitze. Es kamen natürlich auch Wochen der Unterbrechung, sei es, daß ein Kind erkrankt war, sei es, daß unruhige Zeiten in Stadt und Land jede Ordnung auflösten. Dann unterwarf sich Gabriele ohne einen Schatten von Verstimmung der Entbehrung.
Endlich war das Werk vollendet. Und wie es nun so dalag, die feste und zarte Gestaltung des schönen Traumbildes, da ging die Freude, die Gabrielens ganzes Wesen verklärt hatte, in einen Sturm neuer Empfindungen auf. Mit einem heftigen Erschrecken kam es Gabrielen zum Bewußtsein, daß es jetzt um ihr Geheimnis geschehen sei: diese Arbeit ließ sich nicht verbergen! Wie ein Hammer pochte die Angst vor dem schmählichen Geständnis einer monatelang durchgeführten Unredlichkeit in Gabrielens Herzen; aber Schlag um Schlag traf einen Gegenschlag. Wie Gabriele als Mädchen gelechzt hatte nach dem verstehenden Worte, das ihrer Arbeit die Krone aufsetze, so brannte sie jetzt töricht und wild auf eine Möglichkeit der Verwendung ihres Geschaffenen. Sie versuchte die Spitze zu vergessen, aber es war ihr, als habe sie ein Kind lebendig begraben. Sie haderte mit ihrer Natur, die sie erst zu Heimlichkeiten trieb und dann zum Geständnis zwang; sie begriff nicht, welche Dämonen in ihr tätig sein konnten, hielt sich vor, daß ihr Lebensglück auf dem Spiel stehe, und gewann es über sich, vierundzwanzig Stunden nicht an die Spitze zu denken. Dann kam der Augenblick der Mittagsruhe, des Alleinseins -- und da saß sie, hielt die Spitze in der Hand, saugte sich mit Blick und Geist ordentlich in jede Masche fest und fühlte, daß die Arbeit nicht fertig sei, solange sie hier in der Verborgenheit begraben liege. Und nach einigen Tagen aufreibenden Kampfes gab Gabriele ihn auf und sann nun nur noch auf die erträglichste Form, ihr Schuldgeständnis darzulegen.
Sie holte aus einem Schrank, der Abgelegtes und Ungebrauchtes barg, das Kleid hervor, das sie in den letzten Jahren ihrer Mädchenzeit getragen, das Kleid, in dem sie ihre Liebe und ihr Glück gefunden, das schlichte, dünne, ärmliche braune Kleid mit dem zierlichen Halstuch und dem reinlich gefältelten Häubchen. Sie hatte es nie übers Herz gebracht, sich von diesem Kleide zu trennen, hatte es oft mit heimlicher Rührung betrachtet, es sauber gehalten und vor dem Verfall bewahrt. Jetzt probierte sie es an und änderte flugs mit geschickten, leichten Stichen Sitz und Weite. Sie lachte ein bißchen, als sie es anzog, und freute sich, daß sie ihrem früheren Selbst darinnen gar nicht so unähnlich sah, wie man es nach sechsjähriger Ehe hätte meinen sollen. Ein schwarzer Sammetfleck fand sich auch, den spannte sie fein über ein Kissen, nadelte ihre Spitze recht anschaulich und kokett darauf und betrat, so gerüstet, ihres Mannes Zimmer.
An der Türe packte sie noch einmal die Angst, daß sie fast wieder umgekehrt wäre. Sie wagte kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen; es schien ihr, als müsse der Boden vor ihr nachgeben und sie hinuntergleiten lassen in höllische Schlünde. Und so, in ihrer Zaghaftigkeit, mit den gesenkten Wimpern und den von brennender Scham geröteten Wangen, glich sie so sehr der demütigen kleinen Arbeiterin von einst, daß dem Ratsherrn, der zuerst mit ungeduldigem Staunen auf die Verkleidung geblickt hatte, das Herz weit wurde. »Gabriele,« rief er zwischen Rührung und Lachen, »was soll diese Schelmerei? Willst du mir damit sagen, daß ich meine alte Gabriele wiederhabe, die ich mir aus dem Winkelgäßchen geholt?« Sie aber antwortete nicht, sondern kam langsam auf ihn zu, ohne ihn anzusehen und immer das Kissen mit der Spitze ein wenig vor sich herstreckend, als solle das Kunstwerk ihr Fürbitter sein. So mußte der Ratsherr es ins Auge fassen, und als er es tat, stutzte er und erkannte sofort, daß es eine neue und selten schöne Arbeit war; zugleich aber mußte er auch den verworrenen und gequälten Ausdruck im Gesichte seiner Frau bemerken, und es dämmerte ihm, daß da ein Geheimnis sich enthüllen sollte. »Hast du diese Spitze gemacht, Gabriele?« fragte er sanft. »Du große Künstlerin, es ist deine schönste! Aber wann und wo hast du diese Riesenarbeit schaffen können?«
Gabriele rang eine Weile mit ihrer erstickenden Angst, dann brachte sie fast tonlos die Antwort hervor: »In den zwei Stunden, in denen ihr alle dachtet, daß ich schliefe!« Dann legte sie ihr Kissen auf den nächsten Tisch, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann zu weinen. Sie dachte: jetzt kommt der Wetterstrahl, der all dein Glück zerschlägt!
Aber der Ratsherr stand selber da, wie vom Wetter getroffen. Ein so schneller, klarer Denker er auch sein mochte -- _diese_ Offenbarung nach allem Vorhergegangenen verwirrte ihn. Daß Gabriele an der Überlast eines großen Haushaltes, einer stets belebten Kinderstube und vielen neuen Kenntnissen, in die sie erst hineinwachsen mußte, erkrankt war, hatte er begriffen; daß ein täglicher, regelmäßiger Schlaf sie geheilt, war natürlich. Aber jetzt --? Da sie nicht geschlafen hatte und doch geheilt war, stand das Rätsel ihrer früheren Krankheit wieder ungelöst da, vermehrt um ein neues, noch verwirrenderes! Es bedurfte der ganzen weiblich-schönen Herzensgüte und auch der ganzen Selbstbeherrschung des Mannes, um hier nicht, was er für eine äußerst verworrene und dunkle Sache hielt, durch ein hartes Wort für immer um seine Aufklärung zu bringen. Er wagte fürs erste überhaupt nicht zu sprechen, sondern betrachtete nur immer mit neuem Staunen die wunderbare Spitze. Aber die Frau, als sie nach einer langen Weile es endlich wagte, zu ihm aufzublicken, konnte unschwer erkennen, daß er keineswegs zürnte, sondern bloß sehr angestrengt nachdachte. Da trat sie an ihn heran, legte leise die Hand auf seinen Arm und flüsterte: »Ich glaube es wohl, daß ich dir verrückt erscheinen muß!«
Er nahm ihre Hand und sagte lächelnd: »Ich will nicht leugnen, daß ich dich nicht ganz begreife. Wie kamst du darauf, eine solche Arbeit zu beginnen, da du doch sonst genug zu tragen hattest?« Da erzählte ihm Gabriele, so gut sie es eben verstand, von der zwingenden Lust, die sie dazu getrieben, und wie sie mit schlechtem Gewissen, aber doch mit Seligkeit an dem Werke geschafft hätte und es nicht hätte lassen können. Sie beschrieb auch ein wenig, wie ihr jede Arbeit verklärt und verschönt erschienen sei im Freudenschimmer eines schöpferischen Siegbewußtseins, und auch von ihrer Angst erzählte sie und wie sie schließlich gegen ihren Willen, gleichsam durch die Macht ihres Geschaffenen selbst zum Bekenntnis gezwungen worden sei. Es war alles ein wenig verworren und unzusammenhängend, denn es war das erste- und wohl auch das letztemal im Leben, daß Gabriele über sich selbst zu sprechen hatte, und es fiel ihr gewaltig schwer. Aber der Ratsherr schien doch etwas davon zu verstehen, wenigstens ging es wie Wechselspiel von allerlei Lichtern über sein Gesicht. Dann fragte er sehr ernst und sehr eindringlich: »Nun sage mir eines, Gabriele, was mir wichtiger zu wissen ist als alles übrige: bist du mir nun tatsächlich genesen, oder ist das nur ein frommer Betrug vor dir selbst, der deinen Ungehorsam rechtfertigen sollte, und fühlst du dich am Ende noch kränker, als du es zeigen willst?«
Da mußte Gabriele lachen in all ihrer Bangigkeit. »Siehst du mir das nicht an, Liebster? Mußt du nicht glauben, daß das Rot meiner Wangen echt ist, da es diesen Tränen widerstanden hat?«
»Man sollte es meinen,« sagte er mit humorvoller Grimmigkeit. »Aber ihr Weiber würdet den Teufel zum Narren machen mit eurer Verschlagenheit.« Dann nahm er sein Weib in den Arm, liebkoste es innig und fuhr fort: »Es war gut, daß du dieses Kleid angezogen hast, du Dreimalkluge! Denn dieses Kleid hat mir die Augen geöffnet, wer du eigentlich bist, und jetzt weiß ich auch, woran du erkrankt warst und wodurch du genesen bist. Nun sollst du mir auch nicht mehr darben.« Und er küßte sie nur noch herzlicher, so daß sie beglückt seine Güte und sein volles Verstehen empfand. --
Der Ratsherr hielt Wort. Wie er mit eiserner Strenge dafür zu sorgen gewußt hatte, daß inmitten all der unberechenbaren Zufälligkeiten eines großen Haushaltes der Schlaf seines Weibes nie ohne zwingende Not gestört wurde, so sorgte er jetzt dafür, daß Gabriele die einmal eingeführte Ruhestunde festhielt und sich ganz ihrer stillen Lust darin ergab. Gabriele selbst hatte sich anfangs dagegen gewehrt, aber die einmal aufgedämmerte Erkenntnis brach von Tag zu Tag zu neuer Klarheit durch, und bald war Gabriele dem Gatten dankbar. Und weder er selbst, noch der Haushalt, noch Kinder, noch Gäste kamen zu kurz durch diese Erweiterung von Gabrielens Tätigkeit. Wie ein Gebet oder ein frommes altes Lied labte und reinigte diese Stunde ihre Seele, stärkte sie zu neuem Lebenskampfe, machte sie hellsehend und gütig. Alles Schwere, was an sie herantrat -- und es wurde dessen mehr, wie die Kinder heranwuchsen und eigene Wege suchten -- löste sich in sanfte Harmonie, sobald der leise Tanzschritt der Klöppelelfen erklang. Die guten Gedanken tauchten aus den lichten Gebilden empor, die Gabrielens Hand entwarf: nicht einzeln kamen sie, sondern in langen freundlichen Reihen, und sie umschlossen Gabrielens ganzes Leben und ihr ganzes Haus.
Die Tugend der Sabine Ricchiari
1.
Ich war, als ich Sabine Ricchiari verstehen lernte -- _gekannt_ hatte ich sie schon seit zehn oder zwölf Jahren! -- Seelsorger in einer kleinen süddeutschen Stadt, hatte die Fünfzig überschritten und war also in eine Lebensperiode getreten, wo man keinen mehr um seiner Sünde willen haßt, keinen um seiner Tugend willen preist, sondern alle liebt, weil man alle bedauert. Ist man einmal so weit, so fliegt einem das Vertrauen von selbst entgegen, man darf dann nur den scheuen Vogel nicht durch eine hastige Bewegung schrecken. Ich hörte manche Lebensgeschichte, dazu bedurfte ich keines Beichtstuhles. Über die nun folgende habe ich heißer gegrübelt als über sonst eine.
Sabine Ricchiari brachte durch ihre Erscheinung schon Aufruhr in unsere kleine Stadt. Sie war die Gattin eines Arztes, dessen Familie aus dem Veltlin stammte, die aber, seit mehreren Generationen in Deutschland ansässig, jede Erbschaft ihrer stolzen Abkunft verloren hatte, bis auf den klingenden Namen. Dessen gegenwärtiger Träger nun war ein so bescheidener, schlicht und nüchtern aussehender Mann, daß auch dieses karge Erbe an ihm noch wie Verschwendung erschien; denn der schöne Name wollte zu dem unscheinbaren Wesen übel passen. Er lebte einige Jahre in einer größeren Stadt, lernte dort Sabine kennen und führte sie uns zu, als er eine neue Praxis unter uns eröffnete. Nun, da ich die Frau erblickte, freute ich mich, und zwar um ihretwillen, daß der Mann nicht Schulze hieß. Denn Sabine saß der Name wie angeschaffen; sie trug das trompetenhelle Wort vor sich her, wie eine kriegerische Jungfrau eine silberne Tuba trägt; und wenn man ihre hohe Schönheit betrachtete, so genoß man es doppelt, daß man dies seltsame und bedeutende Geschöpf nicht mit einem gewöhnlichen oder gar übellautenden Worte benennen mußte.
Durch die engen und gewundenen Gassen unseres Städtchens, in denen damals noch Handwerker- und Markttreiben sich stieß und drängte wie vor hundert Jahren, war noch nicht zweimal Sabine Ricchiaris hohe Gestalt gewandelt, als schon Neugier und Tadelsucht sich an ihre Fersen hefteten. Der stille stolze Gang, womit sie die übelgepflasterten und bergigen Gäßchen beschritt, als wären es Treppen einer Königshalle und mit den weichsten Purpurteppichen belegt; der freie, klare Blick, den sie die Häuserreihen hinabgleiten ließ bis an das altersgraue Stadttor, über welches Berg und Himmel hold hereinlugten; die kecke Haltung des wohlgeformten Hauptes; nicht zuletzt auch das helle Kleid, das alles Licht der Sonne, welches die graue Umgebung so mürrisch hinweg wies, in sich allein gesammelt zu haben schien -- ja, der Klang ihrer zuversichtlichen, frischen und lauten Stimme selbst irritierte dies trippelnde, kichernde, hustende und knicksende Geschlecht bis zum Haß. Sabine wirkte verfassungstörend. Die Frau mit den Großstadtsitten machte die Kleinstadtgehirne toll. Alles Überkommene drohte zu stürzen. Frauen, die dreißig Jahre lang unangefochten und sorglos den Pantoffel geschwungen hatten, wurden plötzlich eifersüchtig und -- aus Eifersucht -- zahm; Männer, die dreißig Jahre lang geduldig ihr Joch getragen hatten, wurden plötzlich rebellisch. Putzmacherinnen wurden erfinderisch und phantasiekühn. Ladendiener und Schreiberlein salbten ihr Haar und trugen Nelken im Knopfloch. Offiziere a. D., die längst in Biertischgemütlichkeit versunken waren, hielten plötzlich wieder auf Taille, und Referendare wurden stumpf gegen die Reize zierlicher Krawattenverkäuferinnen. Und weil Sabinens Schönheit es war, die also demoralisierend wirkte, so wurde mit promptem Schlusse die Schönheit selbst für unmoralisch erklärt, so wurde, wie auch sonst wohl geschieht, das Unnachahmliche und Unerreichbare als nicht nachahmenswert beiseitegeschoben. Sabine war ein Jahr lang oder zwei höchst unpopulär. Dennoch war sie Gegenstand der Gespräche in Gasse und Kemenate: denn männiglich wartete auf den Augenblick, wo die lästerlich schöne Fremde zu Fall kommen würde, und sieben- bis achthundert Paar Nächstenaugen paßten haßgeschärft auf die Vorzeichen eines solchen Falles. Aber sie paßten umsonst. Klar wie ein Wiesenbach floß Sabinens schlichtes Leben dahin. Stets an der Seite ihres Gatten, immer im Kreise ihrer Kinder, sah man sie laute Vergnügungen meiden und keinen anderen Umgang pflegen, als den so tugendhafter Frauen, wie nur kleine Städte sie aufweisen können. Die Huldigungen der Männer wies sie lächelnd, aber nachdrucksvoll in solche Grenzen, daß auch die bitterste Eifersucht ihr keinen Vorwurf allzuschneller Geneigtheit machen konnte. Erregte sie Aufmerksamkeit durch Gewandung und Erscheinung, so schien es doch, als beabsichtige sie nur, diese Aufmerksamkeit, einmal gefesselt, auf ihr musterhaftes Betragen zu ziehen: man sollte sie sehen, um zu sehen, daß es nichts zu sehen gäbe. Keine kokette Gebärde, kein noch so leises Augenspiel war ihr nachzusagen. Dazu war ihr Haushalt tadellos geführt mit geringen Mitteln; ihre Kinder blühten. Gegen Arme war sie äußerst freigebig, sonst jedoch sparsam, wenn auch stets auf vornehmes Auftreten bedacht. Und kurz und gut: Sabine Ricchiari erwies sich als ein solcher Ausbund trefflicher weiblicher Eigenschaften, daß langsam die neidischen Gemüter ihrer Mitbürger und Mitbürgerinnen sich wandten, zur Duldung erst, dann zur Achtung, schließlich aber zu grenzenloser und unbedingter Bewunderung. Im dritten Jahre ihres Aufenthaltes war Sabine der Liebling unseres Städtchens, wie sie in ihrer Heimat der Stolz des Kreises gewesen war, in welchem sie sich bewegt hatte. Man sprach von ihrer Tugend als von etwas Heiligem, von ihrer Treue gegen den wenig bestechenden und meist mürrischen Gatten als von einem Wunder. Um diese Zeit geschah es nun, daß eine zufällige Gesprächswendung mich darauf führte, Sabinen in Gegenwart ihres Gatten von dieser verblüffenden Wandlung der öffentlichen Meinung zu reden und ein kleines und -- wie ich glaubte -- wohlverdientes Kompliment daran zu knüpfen. Alsobald erschrak ich jedoch über die Miene des Doktors, die sich noch mehr als gewöhnlich verfinsterte. Von ihm hinweg zu Sabinen mich wendend, erstaunte ich noch mehr über den Ausdruck höchsten Triumphes in ihren Zügen. Mitten im Zimmer stehend, von der Lampe über ihrem Haupte in einen Mantel von Licht gehüllt, strahlte ihr hochgehobenes Antlitz wie das einer Fürstin, der man eben eine Krone zu Füßen gelegt hätte. Arglos wie ich war, verwunderte ich mich nur darüber, daß eine so kluge Frau so hohen Wert auf das Urteil der Menge legen mochte, denn offenbar war sie über die Maßen geschmeichelt und erfreut. Indes mochte ich ihr diese Schwäche wohl verzeihen; mußte aber, sechs oder acht Jahre später, mit Schmerz an diese stumme Szene denken, deren Bedeutung ich im Augenblicke nur halb verstanden hatte.
Es sei hier nun gleich betont, daß ich kein so unbedingter Bewunderer der tugendhaften Sabine Ricchiari war, wie der Chor der Basen und Nachbarinnen; wie ich denn auch anfangs kein Verdammer ihrer Anmut gewesen war. Ich hatte zwar -- leider hatten mich schlimme Erfahrungen dazu berechtigt -- die auffallende Ungleichheit zwischen Mann und Frau nicht ohne Unruhe sehen können. Denn war auch der Doktor tüchtig in seiner Kunst, pflichttreu, redlich und von beherrschtem, würdigem Wesen, so habe ich es doch nie erlebt, daß Frauen vor solchen Eigenschaften sonderlichen Respekt haben; und die, denen ein Weib gerne erliegt, besaß Ricchiari nicht. Aber ich hatte doch das gesetzte Wesen der Frau erkannt, das leidenschaftliche Verirrungen ausschloß. Dieselbe Eigenschaft der Sabine aber, die mich ihr zu Anfang nichts Schlechtes zutrauen ließ, hinderte mich nun daran, ihr nur Gutes zuzutrauen: denn ganz ohne Zweifel war Sabine eine kalte Natur, und ihre Vortrefflichkeit baute sich mehr auf Überlegung als auf irgendwelche Herzenseigenschaften. Und wenn ich nun auch um so mehr eine mit Ausdauer geübte Willensbeherrschung in dieser Frau bewundern mußte, so konnte mir doch diese ganze starr festgehaltene Unfehlbarkeit im Grunde nicht recht gefallen. Man wird mir zugeben, daß wir Männer in diesem Punkte unlogisch sind; aber ich wette, man wird mir nachfühlen: lieben wir es schon, daß Frauen, die wir verehren sollen, rein und stark in ihrer Tugend seien, so lieben wir es doch auch, sie gegebenenfalls einer Schwäche mindestens _fähig_ zu wissen. Und eben diese Fähigkeit schien Sabinen zu fehlen. Ich hatte Gelegenheit, sie ziemlich genau zu beobachten; war ich doch, dank meines Priesteramtes und dank der -- Korrektheit, die Sabinens Verkehrswahl bedingte, ein vertrauter Gast im Hause des Doktors. Und daß ich es nur gleich sage: nie habe ich Sabinen gereizt, nie eigensinnig, nie vergnügungssüchtig, nie begehrlich nach Tand oder Schmuck gesehen; aber auch nie in weicher Stimmung, nie in Tränen, nie in überschwenglicher, voller, jugendlicher Freude. Ihr ganzes Wesen stellte eine bis zum äußersten geglättete Fläche dar; aber, wenn ich das Bild vollenden darf: nicht Marmor, der unter dem Schliff das köstliche Geäder, sein inneres Leben, erst recht schön entfaltet, sondern irgendeinen Kunstguß von Metall, der nur glänzt und seine reinliche Außenseite in Wind und Wetter blank erhält; sonst aber nichts von eigener, in seiner _Struktur_ begründeter Schönheit besitzt. Um Schillers hohe Forderung gegen diesen seltsamen Frauencharakter auszuspielen: Sabine Ricchiari war eine Natur, die eben unausgesetzt nötig hatte, »_edel zu wollen_«, weil sie ganz und gar nicht imstande war, »_schön zu empfinden_«. Freilich hatte sie es in der Anwendung dieses Wollens zu unerhörter Fertigkeit gebracht -- das sollte mir später noch klar werden.