Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen
Part 2
Aber schnell faßte der Ratsherr sie an der Hand und bat sie, zu verweilen und als sein Gast dem Feste, in das sie nun einmal geraten sei, ein Weilchen beizuwohnen. Auf Gabrielens erschrockene Abwehr hin mischten sich auch die würdigen Damen ein, und jede hatte ein liebes Wort für das geängstigte Kind. Die Matrone, in deren Haus jene erste kleine Begegnung zwischen Gabrielen und dem Ratsherrn stattgefunden hatte, sprach besonders gütig zu ihr; sie berichtete der langsam Auftauenden, es wäre zwischen den Gästen bereits verabredet worden, Gabrielen zum Bleiben aufzufordern, falls sie, wie erwartet, mit ihrer Spitze erscheinen sollte; und da sei niemand so hochmütig, einer so braven und fleißigen kleinen Person den fröhlichen Abend zu mißgönnen. Sie möge nur bleiben und sich an allem Gebotenen gütlich tun und sich einmal recht ansehen, wie es bei den reichen Leuten zugehe. Wenn sie sich aber dabei auch ein bißchen freuen könne, so statte sie ihrem Gastgeber dadurch den allerliebsten Dank ab, denn ihm sei daran gelegen, ihr für die besonders tüchtige und geduldige Arbeit eine kleine Ehrung widerfahren zu lassen.
Gabriele war sprachlos, aber der überglückliche Ausdruck ihres Gesichtchens antwortete deutlich genug, daß ihr der eigentümliche Extralohn, den der vornehme Mann ihr zugedacht, keineswegs zuwider war. Sie stammelte nur noch etwas Undeutliches von armseliger Gewandung -- aber der Ratsherr rief alsbald ein paar jüngere Frauen heran und bat sie, seinen kleinen Gast nach Möglichkeit zu schmücken.
»Nach Möglichkeit, Bruder?« rief eine große blonde Frau von heiterem Wesen, »nach Möglichkeit ist mehr verlangt, als du von unseren Frauenherzen billig erwarten kannst! Denn sie würde uns alle ausstechen, wenn wir mehr als das Nötigste täten!« Gabriele wurde flammendrot und schlug die Augen zu Boden, weil sie dachte, man spotte ihrer. Aber als sie den Ratsherrn die wohlwollende Necklust der blonden Frau durch ein scharf verweisendes: »Laß die Torheiten!« bestrafen hörte, tat es ihr leid, und sie lächelte mit einer sanften Bitte um Verzeihung im Blick den Personen zu, die sich nun an ihr zu schaffen machten.
Die Männer wurden von den munteren Frauen ins Vorgemach gewiesen, und alsbald sah Gabriele sich der Haube und des Busentuches beraubt. Während eine Hand ihr Haar löste, wieder flocht und durch funkelnde Spangen in ganz anderer, vornehmer Weise feststeckte, legte eine andere ihr die eben vollendete, köstliche Spitze um die Schultern. Es bedurfte weiter nichts, um die kleine Klöpplerin in eine allen anderen durchaus ebenbürtige Erscheinung zu verwandeln; die artige Haltung ihrer feinen Figur und das schöne Maß ihrer Bewegungen taten das übrige.
Als Gabriele vor dem Ratsherrn stand, entschuldigte sie sich zaghaft, daß man gewagt habe, ihr die kostbare Spitze umzulegen; er aber erwiderte freundlich, dies sei durchaus in seinem Sinne geschehen; an ihrem Leib sei ihm die Spitze so sicher, als läge sie in einem Reliquienschreine. Sie versicherte eifrig und beruhigt, sie wolle die Spitze fein hüten, und wandte sich nun der Unterhaltung zu, die das fröhliche jüngere Volk sich schaffte. --
Es war tatsächlich ein Zufall gewesen, was Gabrielen in die hochansehnliche Gesellschaft geführt hatte. Als nämlich die kleine Künstlerin den nahen Ablieferungstermin für ihr Werk festgesetzt hatte, war dem Mann die Antwort entglitten: »Wohl, ich werde dich erwarten, da ich weiß, daß du deine Arbeit nur dem Besteller zu übergeben pflegst.« Eine Minute darauf war ihm das Fest eingefallen, das am gleichen Abend in seinem Hause stattfinden sollte: er fühlte, daß das liebe Mädchen vor der geputzten Schar erschrecken würde, und daß der kleine Akt der Übergabe, der ihr sonst zum Ereignis zu werden pflegte, ihr durch Befangenheit und Scheu getrübt werden würde. Ihr -- und ihm! Er hatte alles auf diesen Augenblick verschoben, er erwartete alles von ihm. Aber gerade in tiefem Vorgefühl einer bedeutungsvollen Wendung verwirrte und bedrückte ihn das unerwünschte Zusammentreffen aufs heftigste. Ihn bedrängte die Frage, die ein Unbefangener leicht gelöst hätte: unter welchem Vorwande er Gabrielens Kommen verschieben solle -- bedrängte ihn heißer als manche schicksalsschwere Frage in Völkerhändeln. Es erschien ihm hart, ihr schlechtweg zu sagen: »Du kommst mir ungelegen, denn ich habe Gäste!« und es erschien ihm beleidigend und töricht, sie geradezu aufzufordern: »Komme, wenn ich allein bin!« So ging der Ratsherr an diesem Tage unentschlossen heim, und nachdem er eine unruhige Nacht voll nutzloser Grübeleien verbracht, verfiel er auf den Ausweg, seine alte Freundin, die auch Gabrielen wohlgesinnt war, um Rat zu fragen.
Die würdige Frau fand gleich die natürlichste Lösung. Gabriele sei ein Wesen, dem man wohl eine seltene Auszeichnung zuteil werden lassen dürfe. Sie sei klug genug, um die Sache zu würdigen, wie sie gemeint sei, und nicht Wünsche und Begierden in sich aufkommen zu lassen, die ihrem Stande nicht angemessen wären. Sie selbst wolle Gabrielen die Sache erklären. Jedermann sei Gabrielen gut und würde ihr die Ehre und Freude dieser Einladung gönnen.
Das Gesicht des Ratsherrn, als er diesen Vorschlag anhörte, verriet der weisen Freundin, wie sehr sie das Richtige getroffen habe. Mit einem Lächeln voll feinen Verstehens reichte sie ihm die Hand.
Den Ratsherrn hatte zuerst nur die edle Billigkeit des Gedankens gewonnen, und ihm gefiel die Vorurteilslosigkeit, mit der die vornehme Frau die Sache vorbrachte. Dann aber tauchte leise eine andre Vorstellung in ihm auf, bei der es ihm erst klar wurde, was er in Gabrielen sah. Daß die Geliebte in seinem Hause umhergehen sollte, daß er ihr seinen Reichtum und sein ganzes Ansehen gleichsam zu Füßen legen wollte, ja, daß am Ende gar die ungewöhnliche Stimmung des Vorganges das Wort lösen würde, das seit langem in seiner Seele schlummerte -- diese Möglichkeiten stiegen in schönen, triumphierenden Bildern langsam in der Seele des Mannes auf. Der Ratsherr sah dem Tage dieses Festes als dem entscheidendsten entgegen.
Schöner, als er gehofft, erfüllten sich seine Erwartungen. Mit einem Anstand ohnegleichen bewegte sich Gabriele in dem vornehmen Hause; ohne im geringsten von ihrer Natürlichkeit abzuweichen, wußte sie Sprache und Benehmen so sehr dem gehaltenen Tone dieser Gesellschaft anzupassen, daß ein Uneingeweihter sie ohne Zweifel als dazugehörig eingeschätzt haben würde. Dazu verhalf ihr in erster Linie ihre Bescheidenheit, die sie mit einer Art religiöser Dankbarkeit über dies unverhoffte Glück erfüllte. Nicht nur der Ratsherr selbst, sondern auch jeder Gast des Hauses anerkannte erstaunt diese Vollkommenheit der Form. Was vorher gönnerhafte Herablassung war, wurde wirkliches Wohlwollen, und es verging wenig mehr als eine Stunde, so ward Gabrielen gehuldigt wie einer kleinen Königin.
Es erschien sonderbar, daß die so unerwartet Gefeierte sich ihres Erfolges nur lau zu freuen schien. Bei den artigsten Worten, die verzückte Bewunderer ihr zuflüsterten, sah man sie mit gespannter Aufmerksamkeit einem Gespräche lauschen, das zehn Schritte von ihr geführt wurde, und ihre Erwiderung bestand meist in einer Frage, die große Lernbegier, aber sehr geringes Verständnis der Situation des Augenblicks verriet. Einige der Schwärmer wurden von dieser augenscheinlichen Kälte abgeschreckt; andre um so tiefer angezogen; aber keiner verstand den Vorgang.
Es verhielt sich mit Gabrielens Nachdenklichkeit etwas anders, als der liebende Mann sich vorstellte. Zu wiederholten Malen im Verlauf dieses Abends war es geschehen, daß Gabriele auf irgendeinen Gegenstand aufmerksam gemacht wurde, der zu besonderer Ehre und Zierde des vornehmen Hauses gehörte. Sie hörte auch von nichts anderem so oft und so eingehend sprechen, wie von dem Wert und der Schönheit eines Gemäldes, einer Schale, einer Figur, der Geschichte seines Erwerbes, der Art seiner Herstellung. Die kleine Gabriele, die sich bisher nur an dem zarten Kunstgedanken einer Spitze hatte berauschen können, bekam nun manches zu sehen, was ihr den Atem nahm: an Goldfiligran, Holzwerk, Glas und Silber, an Gewebtem und Gesticktem, an Leder und Pergament, an Bildnissen in Farbe und Marmor, mehr als nach ihrer Ansicht der prunkvollste Dom aufzuweisen hatte. Und sie, die alles, was sie sah, in Beziehung zum wirklichen Leben bringen mußte, sie empfand wie einen Alp die Vielgestaltigkeit der Bedürfnisse. Sie verstand, daß diese Menschen mit anderen Sinnen empfanden als sie; daß das, was Gabriele bisher als Mittel zum Leben angesehen: Kleidung, Nahrung und Hausgerät, ihnen als Zweck des Lebens erschien. Und es erfaßte sie etwas wie Angst vor dem Aufwand an Zeit, den so ein Dasein verschlang, ohne etwas anderes davonzutragen als wachsende Fähigkeit des Verbrauches. Sie hatte sich einen Haushalt vorgestellt, wo sie durch Fleiß und Ordnungssinn eine nennenswerte Dienstleistung bieten konnte, und sie sah mit Schrecken, daß in diesem Betriebe der einzelne kaum zählte. Und ihr schöner Zukunftstraum zerfiel.
Während der Mahlzeit, wo funkelnde Schüsseln sie blendeten, ging es ihr übel. Kaum daß noch zu erkennen war, was Fisch, was Vogel war. Und trotzdem sah keiner von den Gästen überrascht aus, ja, wenn Gabriele auf ihre Unterhaltung lauschte, so schien es ihr, als wäre der oder jener nicht einmal sonderlich zufrieden. Gabriele war es, als müsse sie sich über diesen Undank kränken; wie viele Hände mochten an dem geschaffen haben, was da genußlos verbraucht wurde! »Sie wissen nicht, was Arbeit ist!« fuhr es ihr durch den Sinn, und ihr Gesichtchen ward kummervoll.
Des Ratsherrn würdige Freundin versuchte auch, sobald das Mahl zu Ende war, mit mütterlicher List den Grund dieser unzeitigen Trauer zu ermitteln. Gabriele war zu schlicht für diplomatische Ränke; sobald sie nur erraten hatte, was ihre Beschützerin wollte, legte sie ihre ganze Seele vor sie hin. Sie habe oft, so erklärte sie, in ernsten Stunden darüber nachgedacht, was sie einmal beginnen würde, wenn ihre Augen, wie die so vieler Genossinnen, zum Klöppeln und Ausnähen zu schwach würden. Und wenn man Zukunftsgedanken spinne, so sei es natürlich, daß man das Erwünschteste zuerst in Betracht ziehe. Da habe sie denn geglaubt, nichts könne für eine arme Dirne schöner sein, denn als Magd in solch einem Hause zu dienen; sie habe auch den festen Glauben gehabt, sie könne backen, kochen, flicken und waschen so gut wie jede, und was sie noch nicht könne, würde sie mit Geduld und Fleiß wohl noch gelernt haben. Aber o Jesus! wie seien ihr heute die Schuppen von den Augen gefallen! Kaum zur untersten Scheuermagd lange ihr Können.
»So gering schätzest du dich ein, Gabriele?« erwiderte lächelnd die alte Dame. »Aber mir scheint, daß du immerhin als Scheuermagd beginnen könntest, denn du würdest es schnell genug bis zur Schaffnerin bringen. Du brauchst ein Ding nicht mehr als einmal zu sehen, um es zu begreifen.«
Gabriele, in ihrer Eigenliebe geschmeichelt, lächelte ein wenig vor sich hin. »Es freut mich, daß Ihr das denkt,« sagte sie, »aber da ist noch ein andrer Grund, warum ich traurig bin. Meine zwei Hände wären in diesem Hause nur ein Paar unter zehn anderen Paaren, und so ist Dienen keine Freude! Der Herr würde es nicht merken, wenn morgen ein andrer die Arbeit täte, die heute _ich_ getan habe, und das wäre Arbeit ohne Gotteslohn, nur um Geld.« Die Matrone ging, den Ratsherrn aufzusuchen, und berichtete ihm unter Lachen, was Gabriele ihr soeben gestanden habe. »Ich weiß ihr wohl eine Antwort,« sagte der Ratsherr, und sein schönes Gesicht wurde flammend rot. Er ging, Gabrielen aufzusuchen, die nachdenklich noch immer an der Stelle stand, wo die alte Dame sie verlassen hatte, und da er mit Recht schloß, daß ihr Sinnen auch noch nicht wesentlich von seinem Gegenstande verrückt sein würde, so fing er geradezu an und sprach: »Gabriele, es gibt in diesem Hause eine Stelle, die so ist, wie du sie dir eben gewünscht hast.« Sie blickte erschrocken auf, wollte etwas sagen, verstummte aber vor dem strahlenden und eindringlichen Blick seiner Augen. Er fuhr fort: »Niemandem als mir sollst du verantwortlich sein für die Arbeit, die du tust, und da wo du stehst, kann keiner je stehen und dich ersetzen. Dem Gesinde sollst du gebieten, aber dennoch wirst du die letzte Magd sein, denn aller Arbeit muß in deinen Gedanken sein, und du sollst dich nicht frei fühlen, als bis alle ihre Arbeit getan haben. Würde dir ein solcher Dienst gefallen, Gabriele?« Dem Mädchen brauste es vor den Ohren. Sie versuchte, wie gegen einen Wirbelwind kämpfend, auf dem Boden stehenzubleiben, wo sie sich sicher fühlte, deshalb sagte sie leise und mühsam: »Herr, ein solcher Dienst würde mir wohl gefallen!« »Überlege es wohl,« fuhr der Ratsherr fort, und seine Stimme zitterte ein wenig. »Es handelt sich um dein ganzes Selbst mit allen seinen Kräften. Du sollst geizig sein mit Weizenkörnern und freigebig mit Talern. Die Motte im Speicher soll dich ärgern, aber Krieg und Brand soll dich gefaßt und stark finden. Du sollst Magd sein unter Mägden und Edelfrau unter Edelfrauen. Du sollst jeden hören, für alle Rat haben, deine Zeit darf dir nicht zu kostbar sein, wenn es sich um eine Kunkel voll Flachs oder einen Korb Äpfel handelt; du mußt sechs Dinge zu gleicher Zeit vollbringen können, und du darfst nie so aussehen, als ob du Eile hättest. Ich frage noch einmal, würde ein solcher Dienst dir gefallen?« Gabriele vermochte nur zu nicken. Ihre Augen standen voll Tränen. »Dann frage ich dich also hiermit, Gabriele,« schloß der Ratsherr -- er ergriff die Hand der Klöpplerin und küßte sie sehr inbrünstig -- »dann frage ich dich also: willst du in diesem Hause als Hausfrau eintreten?« -- -- Die Antwort auf diese Frage ließ sehr lange auf sich warten. Sie erfolgte überhaupt nicht mehr an diesem denkwürdigen Abend, denn Schicksalswendungen, wie diese, finden nur langsam Eingang in die Vorstellung einfacher Menschen, und Gabriele mußte erst eine lange, bange Nacht voll seliger und demütiger Gebete verbringen, ehe sie glauben konnte, daß sie recht gehört. Am andern Tage hielt der Ratsherr förmlich um Gabrielens Hand an und erhielt ein schluchzendes »Ja« zur Antwort. Dann erst begann er mit der Zartheit eines Gärtners, der eine Blume in fremdes Erdreich verpflanzt, die Betäubte in seiner Liebe und ihrem Glück heimisch werden zu lassen. Als er Gabrielen nach zwei Monaten zum Altar führte, war sie seiner Liebe gewiß und er der ihren.
Wenn ich bisher ein guter Erzähler war: wenn es mir gelungen ist, das Charakterbild zweier Menschen klar zu überliefern, so müßte mein Leser jetzt imstande sein, nach einer einfachen logischen Gesetzmäßigkeit das Rechenexempel zu lösen, das sich aus dem Plus und Minus ihrer Eigenschaften ergibt. Das Resultat dieser Gleichung war ein Schicksal, ein kleines, stilles, das wenig Aufsehen machte; und doch ein Schicksal, das erzählt zu werden verdient, weil es vielleicht das Schicksal mancher Frau ist.
Ich habe Gabriele geschildert als einen Menschen, der zugleich bescheiden und seines Wertes bewußt ist. Also wird sie nicht in den Fehler verfallen sein, an dem Frauen, die durch Heirat emporgekommen sind, so leicht kranken! Sie wird nicht abgewogen haben, was ihrem Rang an Ehrungen zukam, sie wird nicht eifersüchtig gewacht haben, daß ihr nicht weniger geschähe als der Base, der Schwägerin, der Freundin. Sie wird das Gefühl, das ihr unmittelbar entgegenkam, ebenso erwidert haben, und wo es ausblieb, keinen Versuch gemacht haben, es zu erzwingen.
Ich habe auch die Sippe des Ratsherrn als eine weitherzige und redlich gesinnte gekennzeichnet. Die treue Gesinnung der blonden Schwester des Ratsherrn und die offenkundige Gunst der vornehmsten Matrone der Stadt unterstützten Gabriele in jedem Falle, und das Ansehen des Gatten half vollenden, was die Anmut der jungen Frau etwa nicht allein zu bewirken vermocht hätte.
Es war auch nicht das Verhältnis zu ihrer eigenen Familie, das einen Mißklang in Gabrielens Eheharmonie hätte tragen können. Fleißig, gesund und glücklich, wie diese einfachen Menschen waren, fühlten sie auch insgesamt zu stolz, um irgendeinen unbilligen Vorteil aus der Heirat ihrer Schwester ziehen zu wollen. Wo der Ratsherr zu ihren Gunsten wirken konnte, tat er es gern, denn es war ein tüchtiges Geschlecht, das seiner Fürsprache Ehre machte. Sie hielten sich aber immer ein wenig abseits und riefen seine Hilfe nur da an, wo sie sagen konnten, daß Zusammenhalten im Nutzen beider Teile läge, zum Beispiel, wenn sie sich an irgendeiner öffentlichen Arbeit zu beteiligen wünschten, wo sie als Gegenwert die Wahrung der Gemeindevorteils hoch hielten, den der Handwerker sonst nicht gern anerkennt.
Was endlich den Ratsherrn selbst betrifft, so ist er wohl als ein Mann zu schätzen, der sein Wort an einer Frau _ganz_ erfüllt. Wie er sich durch den Unterschied zwischen seiner und Gabrielens Erziehung nicht hatte anfechten lassen, so wird er auch zu ihr gestanden sein, wo etwa dieser Unterschied sich fühlbar gemacht haben mag. Er wird ihre Unwissenheit vor anderen gedeckt, er wird ihren hellen, empfänglichen Geist gebildet haben. Und die Saat, die er in ihre weiche Seele legte, wird Blumen stillen Glücks für ihn und sie getragen haben.
Und doch hatte diese Ehe ein Schicksal.
Gabrielens Leben war zunächst ein Lernen auf jedem Gebiete. Sie war eine redliche Frau, die das, was sie war, auch bis zur Vollkommenheit sein wollte, und wenn sie denken mußte, sie habe es in irgendeinem Punkte an Willen oder Fähigkeit fehlen lassen, so grämte sie sich schwer. Sie ward in allen Punkten das, was der Ratsherr von ihr erwartet hatte, das Herz, der Fels, das lebendige Licht des Hauses, und sie ward es nach verhältnismäßig kurzer Zeit. Glaube nicht, daß das ein leichtes für sie gewesen sei! Gabriele hatte zunächst die Abneigung einer alteingesessenen Gesindeschar zu überwinden. Dann hatte sie die Arbeit nicht mehr nach der eigenen Klugheit allein, sondern nach Zeit, Willen und Fähigkeiten von einem Dutzend Untergebener einzuteilen. Gabriele mußte das Tagewerk jeder Magd und jedes Knechtes im Kopfe haben, und, wenn sie nicht Mißstimmung und ewig erneuten Widerstand erregen wollte, auch die persönlichen Eigenheiten jedes einzelnen. Sie mußte vorsichtig und gerecht sein in ihren Forderungen, denn verlangte sie zu viel, so riß Unzufriedenheit, verlangte sie zu wenig, so riß Unordnung und Trägheit ein. Sie mußte ihren Leuten schlechte Laune und Krankheit ansehen, mußte ein scherzendes Wort gegen die eine, ein Heilmittel für die andere bereit halten, durfte sich nicht erst bitten lassen, sollte aber auch nicht zu rasch damit kommen und jedenfalls immer den Abstand wahren zwischen sich und jenen Übelgesinnten. Sie durfte sich von der Schaffnerin nicht mahnen lassen, daß die Birnen zum Mosten reif seien, vom Knecht nicht an das Schwefeln der Fässer, und sie mußte doch beiden den Ruhm gönnen, den Zeitpunkt der Arbeit selbst zu bestimmen. Sie mußte Jahreszeiten und Elemente verstehen lernen, wie die Launen ihres Gesindes. Bei jedem Brot, bei jedem Lichte, bei jeder Elle Leinwand, die sie aus Keller und Speicher holte, mußte sie wissen, wieviel noch vorhanden war, die Würste im Rauchfang und das Mus im Bottich, der Sirup, die Kienspäne und die kleinen Büschelchen Schachtelhalme zum Scheuern der Zinngefäße: alles mußte registriert sein in Gabrielens Köpfchen, und sie mußte merken lassen, daß es das war, und durfte doch den Anschein geizigen Nachzählens nicht haben.
Doch war dies der bei weitem leichtere Teil ihrer Aufgabe. Weit ernster und verantwortungsreicher erschien das Amt, das sie an ihrem Gatten zu üben hatte. Scherzen und kosen, wenn er zum Kosen bereit war, und beiseitestehen, wenn Wichtigeres ihn beschäftigte, ist nichts; das lernt jede Frau über Nacht. Aber der Ratsherr stand mitten im öffentlichen Leben, und jeder seiner Schritte hatte eine Bedeutung für viele, wurde getadelt oder gebilligt. Und Segen wie Fluch schlug zuerst an das Ohr seines Weibes. Da hatte Gabriele denn zu lernen, was sie verraten und was sie verschweigen mußte; was sie auf eigene Gefahr hin schlichten oder in rechtes Licht rücken durfte, und was sie still bei sich herumtragen mußte, um es im gegebenen Augenblick vorzubringen und zu befürworten. Sie hatte zu lernen, wo man horchen und wo man sich abwenden mußte; sie, die Arglose, mußte unterscheiden können zwischen Übelwollenden, Gleißnern, schwachen Gutwilligen und fest Erprobten; mußte wissen, wen der Ratsherr zu Recht oder Unrecht liebte, wen er verkannte, wen er fürchtete. Sie hatte auch zu lernen, wann sie selbst ein Anliegen vorbringen durfte, wann ein teilnahmsvolles Fragen von ihrer Seite erwartet ward, und wann sie sich gedulden mußte, bis des Gatten Herz und Mund sich von selber auftat zu seiner Erleichterung. Sie mußte Wolken auf seiner Stirn sehen, die ihr bange machten, und durfte nicht fragen: »bin _ich_ schuld?« und sie mußte Teilnahme und oft gar Rat in Dingen finden, die sie nur halb verstand.
So war es zu jener Zeit, in welcher die Frauen das Wort »Bedeutung« noch nicht kannten und doch _alles bedeuteten_ für den Kreis, in dem sie standen: da durfte jeder Brave all diese Dinge und noch viel mehr von seiner Frau verlangen. Es ist damals nicht leicht einem Manne eingefallen, Rücksicht auf die Anlage einer Frau zu nehmen, und noch viel weniger einer Frau, es zu beanspruchen. Ich glaube nicht, daß die Männer sich höher fühlten als heute; aber sie vertraten die eiserne Notwendigkeit des Lebens, den Kampf, die Ehre der Gemeinde, die Sicherheit des Vaterlandes. Und dieser Notwendigkeit allein ordneten die Frauen sich unter, waren ganz Beobachtung, ganz Anpassung, ganz Entsagung. So töricht waren wenige Frauen, daß sie _das_ nicht begriffen hätten: des Mannes Arbeit konnte nur gesegnet sein, wenn die aufreibenden Nichtigkeiten des täglichen Lebens ihm erspart blieben. Die Frau war noch nicht zur Krone der Schöpfung proklamiert, ach! aber sie war die unentbehrliche Lebenskraft des Einzelnen wie des Ganzen.
Und so war auch Gabriele in ihrem kleinen Reiche. Ihr Gatte fühlte wohl, was sie ihm und dem Hause war. Hatte er sie vorher geliebt, so betete er sie jetzt an. Er schätzte ihren Rat; die leiseste Wolke der Mißbilligung auf ihrer klaren Stirn war ihm wie ein schwerer Tadel; eine Träne in ihren Augen machte die seinen hellsehend und milde. Er wußte, daß ihm nichts Unnützes, Eitles, Spielerisches von ihr kam; die Frau, der einst die eigene Arbeit heilig war, hielt wie eine Priesterin die Arbeit ihres Gatten hoch.
Es kamen Kinder. Sie vermehrten Gabrielens Lasten, sie kürzten ihr den Schlaf. Sie brachten aber auch wieder liebliche Ruhestunden, in denen die Gatten, Hand in Hand sitzend, sich sorglos dem Anschauen ihrer Spiele hingaben. Und jetzt hätte beider Glück vollkommen sein müssen -- wenn nicht in Gabrielen langsam, aber stetig um sich greifend, eine heimliche und geheimnisvolle Krankheit am Werke gewesen wäre.