Gabriel Schillings Flucht: Drama

Part 5

Chapter 53,642 wordsPublic domain

Das ist bei Ihnen und Mäurer ein anderer Fall. (Lucie lacht kurz und leicht auf.) Aber ich habe zu ihm gesagt: ich will deine Arbeit, ich will dein Glück. Ich werde gehen und nicht wieder auftauchen, wenn du mit deine Frau glücklicher bist. Ich dachte, er schläft auf einer elenden Feldbettstelle in eine feuchten und eisigen Atelier. Soll er lieber bei seine Frau schlafen, hab ich gesagt, wenn es gut für ihn ist. Nun, er antwortet mir: nur das nicht! Er hat gestanden vor meine Haustür, wo ich habe russische Herren gehabt zu Besuch in meine Wohnung, bei achtzehn Grad Kälte stundenlang. Um elf Uhr ist er fortgegangen darnach, weil ich nicht habe bemerkt, daß er da ist, und ist nachts halb ein Uhr, wo alles still war, wiedergekehrt und hat mich geweckt mit Steinchen am Fenster. So habe ich ihn glücklicherweise entdeckt.

Lucie

(trocken):

Da wird der gute Schilling wohl etwas verfroren gewesen sein.

Hanna:

Er war halbtot, als er zu mir kam, und hat sich erst gegen Morgen erwärmt.

Lucie:

Hat er denn solche Anfälle, wie den gestrigen, schon früher gehabt?

Hanna:

Ich weiß, seine Frau hat ihm aufgeregt. Sie hat ihm gedroht, sie wird sich töten, wenn er nicht aufgibt seine Liebe zu mir. Wie kann er denn diese Liebe aufgeben? Wo sie ihm doch der einzige Sinn seines Lebens ist, die Rettung von ihre Banalität. Soll er denn seine Kunst aufgeben, wo er sagt, daß seine Liebe zu mir von seine Kunst die innerste Seele ist?

Lucie:

Leider hat er in den letzten Jahren nichts mehr gearbeitet.

Hanna:

Oh, er hat ein süßes Kinderporträt gemacht von meine kleinen Sohn Gabriel.

Lucie:

Wenn man aber bedenkt, daß in mehreren Jahren nur dieses Bildnis entstanden ist, so kann man doch wohl nicht anders sagen, als daß seine Kraft darniederliegt.

Hanna:

Sie liegt durchaus nicht darnieder gänzlich. Er bewundert wie nichts in der Welt meine Akt. Nun, ich bin selber viele Monate krank gewesen und habe nicht können in seinem ungesunden und kalten Atelier und ohne Bekleidung stehn, und in eine sehr verbogene Stellung für seine Geburt der Venus, als Modell. Ich habe es aber mit Anstrengung meiner letzten Kräfte getan, bis ich bin von der Kiste, auf die ich stand, mit eine Ohnmacht zusammengebrochen.

Lucie:

Ich setze voraus, daß es an Ihrem guten Willen nicht liegt; das Resultat ist doch aber klar. Und Sie sollten doch verständigerweise die Absichten Mäurers unterstützen.

Hanna

(steht auf):

Er sagt, daß Mäurer ihn deprimiert; er sagt mir, daß Mäurer ihn entmutigt.

Lucie

(lacht herzlich, mit einem Anflug von Bitterkeit):

Nun, was die Menschen alles Widersprechende durcheinander schwatzen, unter einen Hut zu bringen, verstehe ich nicht.

Schillings Stimme:

Hanna!

Hanna:

Sie sehen, er ruft mich, Fräulein Lucie. --

(Sie geht zu Schilling hinein, ab.)

Kaum, daß Hanna Elias verschwunden ist, als ziemlich geräuschvoll Rasmussen eintritt. Er ist als Typus den Fischern der Insel verwandt. Sein Scheitelhaar ist ergraut, der rötlich blonde Bart noch ohne weiße Fäden. Seine Kleidung ist schlecht und recht. Sein Schuhwerk massiv. Er hat eine Ledertasche umgehängt, einen Sommerpaletot überm Arm, einen weichen schwarzen Hut in der Hand, in der Rechten einen kräftigen Stock.

Rasmussen

(mit einem großen Schritt über die Schwelle, laut):

Na, da bist du ja, Lucie; na, was gibt's? Was habt ihr denn wieder ausgefressen? Guten Tag! Wo ist denn Ottfried? Wie gehts euch denn?

Lucie

(beschwichtigend):

Pst! Stille! Schilling liegt nebenan.

Rasmussen:

Pst! Ach so. Entschuldige, Lucie.

Lucie

(in halbem Humor):

Für einen Arzt, der nicht praktiziert, hast du eine ziemlich lebhafte Praxis, Rasmussen.

Rasmussen:

Nächstens erheb ich Honorar. Ihr macht mir wirklich ein bißchen viel Umstände. Übrigens muß irgendein böser Stern in diesen Jahren über uns Freunden wirksam sein; vor noch nicht dreizehn Monaten habe ich meinen Vater verloren, letzten Dezember den Bruder, gleich darauf rieft ihr mich, und ich habe das nahe Ende deiner Mutter prognostiziert; dann liegt noch der Tod einer alten Wohltäterin dazwischen, und nun ist womöglich hier wieder was los. Übrigens kannst du mir glauben, daß die Reise mit Eveline keine angenehme Zugabe gewesen ist.

Lucie:

Die Reise mit wem?

Rasmussen:

Mit Eveline. Sie kann übrigens noch nicht unten sein. Ich habe mich gleich auf der Färinsel, wo wir gelandet sind, losgemacht und bin zu Fuß durch die Dünen gelaufen. Eh der Wagen sich durch die Sandwege mahlt, vergeht sicher noch gut eine halbe Stunde. -- Denk mal, ich habe jetzt über drei Jahre die See nicht gesehn, obwohl ich geborner Wolliner bin.

Lucie:

Erlaube mal, Rasmussen, das ist nicht gut möglich, was du da sagst; denn Hanna Elias ist drin bei Schilling.

Rasmussen:

Ja, um Gottes willen, ich denke, die Sache ist abgetan?!

Lucie:

Das ist leicht gesagt, und schwer durchgeführt bei einer Natur wie Hanna Elias.

Rasmussen:

Du kannst mir glauben, daß Eveline ebenfalls dieser Überzeugung ist, die Sache sei aus. -- Das ist ja aber ein Unglück, Herrschaften! -- Warum habt ihr mir eigentlich nicht ein Sterbenswort in eurer Depesche angedeutet?

Lucie:

Ich wundre mich auch, daß Ottfried, der mir sonst immer wegen meiner Gedankenlosigkeit Vorwürfe macht, in diesem Falle nicht überlegter handelt.

Rasmussen:

Was soll ich denn tun? Ich lese: Herkommen, Schilling erkrankt! -- Natürlich lauf ich zu seiner Frau Eveline. Ich nahm doch an und mußte doch annehmen, daß sie besser als ich unterrichtet ist. Und wenn man als Arzt auf eine weltabgeschiedene Hallig berufen wird, so muß man doch irgend 'n Anhalt haben! Apotheke und sonstige Hilfsmittel gibt's doch hier nicht. -- Du siehst übrigens auch nicht besonders aus!

Lucie

(ausweichend):

Wir haben alle wenig geschlafen.

Rasmussen:

Donnerwetter nochmal, was machen wir nu!? Ich kann mir an dieser fatalen Geschichte eine Schuld unter keiner Bedingung beimessen. Sogar ... ich habe sogar noch versucht, als ich merkte, daß Eveline nicht unterrichtet war, sie von der Reise zurückzuhalten. Schließlich und endlich: ich wußte nicht, was geschehen war, und also, da sie partout doch mitwollte, was konnte ich ernstlich dagegen tun? Ich hatte im Grunde kein Recht dazu.

Lucie:

Dem armen Schilling soll gar nichts erspart bleiben! --

Schillings Stimme

(singend):

Am Woasser, am Woasser, Am Woasser bin i z' Haus.

Rasmussen

(horcht und lacht):

Na, da wird's ja so schlimm noch nicht sein, Kinder. -- Was ist denn also mit Schilling passiert?

Lucie:

Ach, wir waren eigentlich sehr froh und vergnügt, bevor diese Fledermäuse hier auftauchten. Wir hatten Reisepläne und große Ideen. Jetzt hab ich dafür nur einen Plan, irgendwie unabhängig tätig zu sein.

Rasmussen:

Wo ist denn Ottfried?

Lucie:

Er wandelt auf Pfaden höheren Lebens mit einer Verehrerin, Fräulein Majakin.

Rasmussen:

Kinder, seid ihr denn alle verdreht geworden? Ich hätte nun wirklich drauf geschworen, daß ein strammer, kurznackiger Kerl wie Mäurer, in seinem Alter, nach dem, was er alles erfahren hat und mit -- ich bin kein Schmeichler, Lucie! -- dem unverdienten Glück in der Hand, von Experimenten kuriert sein würde. Aber obgleich er das ganze Gegenteil von dem armen Schilling ist, so kriegt er zuweilen doch einen Raptus, der ihn auf einmal eigensinnig und unzuverlässig macht -- kurz nachdem man vielleicht zehn Eide auf seine Verläßlichkeit geschworen hätte.

Schillings Stimme:

Ist das nicht Rasmussen?

Rasmussen

(laut):

Jawohl!

Schillings Stimme:

Immer rein!

Rasmussen

(öffnet die Tür zu Schillings Zimmer ein bißchen und ruft hinein):

Na, mein Junge, werd ich nu wieder zu Gnaden angenommen?

Schillings Stimme:

Rede bloß keinen Unsinn, Rasmussen!

Rasmussen:

Nee, das muß ich erst wissen, sonst schmeißt du den Kunstbarbaren womöglich zur Türe hinaus. -- Nu sag mal, was heißt denn das, Gabriel?

Er geht zu Schilling hinein und schließt die Tür hinter sich. Lucie legt ihre Schreibutensilien zusammen, nachdem sie ihren Brief adressiert und mit einer Marke beklebt hat. Darnach tritt Ottfried Mäurer ein, sogleich ohne weiteres Hut und Stock an den Kleiderhaken hängend.

Mäurer:

Herrliches Wetter! Man hört auch wieder den ganzen Morgen deine Glockenboje oder was es ist; als ob die Fische im Wasser Sonntag feierten. Das Inselchen gefällt sogar jetzt Fräulein Majakin. Wir haben den Leuchtturmwärter besucht. Ich habe dir sogar einen wirklichen toten Kuckuck mitgebracht, den wir am Fuße des Turms unter einem wahren Massenmordfeld aller unserer Vogelarten gefunden haben.

Lucie:

Einen toten Vogel bringst du mir mit, Ottfried?

Mäurer:

Bewundere meinen Edelmut, Schusterchen. Da du neulich behauptet hattest, der Kuckuck beehre auch Fischmeisters Oye auf seiner Wanderschaft -- du weißt ja, als Schilling so gruselig das Echo herausforderte -- so wollte ich dir das noch extra bestätigen.

Lucie

(beziehungsreich):

Da bringst du mir also einen Vogel, der die Dummheit beging, im Stockfinstern gegen ein »großes Licht« zu fliegen, und der sich bei dieser Gelegenheit den Schädel zerschmettert hat.

Mäurer:

Jawohl: der betrogene Idealist liegt unten auf dem Tisch in der Gaststube. Ich gebe dir zu, daß dieser eigentümliche Mißbrauch gläubiger Sehnsucht der Kreatur ohne einen zehnfach eingeteufelten Teufel, einen gesteinigten, höllischen Satan, schwer zu erklären ist.

Lucie:

Hat Fräulein Majakin sich an die schreckliche Sprache der Fischer einigermaßen gewöhnt?

Mäurer:

Sie sagt, wenn die Fischerweiber und -männer sich unterhielten, das klänge wie eine Versammlung von Seemöwen. Dann hat sie noch eine andere, äußerst nette Bemerkung gemacht: das Geräusch der Brandung erzeuge aus einiger Ferne die Vorstellung eines gewaltigen Stiers, der eifrig Gras rupft und dann wieder ausschnauft. Genau so klingt es, beobachte das mal! Und nun ist sie der Meinung, daß dadurch die Sage von Zeus als Stier und von der Europa entstanden ist.

Lucie:

Ich glaube, daß diese Idee, die du vor zwei Jahren mal hier improvisiert hast, den Weg über mich zu Schilling, von Schilling zu Hanna, von Hanna zu Fräulein Majakin genommen hat.

Mäurer:

Von mir soll das stammen? Das glaub ich nicht!

Lucie:

Übrigens, Rasmussen ist bei Schilling.

Mäurer:

Rasmussen ist angekommen?

Lucie:

Er wundert sich, daß du ihm gar kein Wort von Hanna Elias gedrahtet hast.

Mäurer:

Inwiefern denn, Lucie, von Hanna Elias?

Lucie:

Wenn du ihn unterrichtet hättest, daß sie hier ist, dann hätte er Eveline Schilling nicht mitgebracht.

Mäurer:

Eveline ist hier? (Er wird bleich, zuckt aber, etwas verstockt, die Achsel.) Ja, das tut mir leid! Man soll eigentlich überhaupt seine Hände nicht in fremde Angelegenheiten hineinstecken; aber man will immer wieder Herrgott spielen und Schicksal sein. (Er rafft sich zusammen und tut einige Schritt gegen Schillings Tür.) Na, man muß doch mal Rasmussen guten Tag sagen.

Lucie:

Hast du also die Idee ganz aufgegeben mit Griechenland?

Mäurer:

Es geht nicht, glaub ich; die Sachen machen sich nicht; ich muß diesen Winter in Berlin bleiben.

Lucie:

Wann hast du denn diesen Entschluß gefaßt?

Mäurer:

Ich hab ihn nach Durchsicht meiner Verträge leider fassen müssen, Schusterchen.

Lucie

(beziehungsreich):

Der alten, oder neuer Verträge?

Mäurer:

Der alten natürlich! Neue schließt man auf Fischmeisters Oye doch nicht! (Er ist zu ihr getreten und streichelt sie.)

Lucie:

Warum nicht? -- -- Du bist ja so zärtlich, Ottfried!

Mäurer:

Wie immer, Schusterchen.

Lucie

(sieht ihn groß und ruhig an):

Na, geh nur zu deinem armen, verunglückten Griechenlandfahrer hinein!

Mäurer:

Bist du verstimmt, Lucie?

Lucie:

Nein, nur etwas nachdenklich.

Sie blickt vor sich nieder und tippt mit dem Finger der rechten Hand auf den Tisch. Mäurer küßt ihre herabhängende Linke und begibt sich zu Schilling hinein ab. Lucie stößt einen resignierten Seufzer aus und will sich durch die Tür rechts hinausbegeben, wird aber durch Klopfen an dieser Tür zurückgehalten.

Lucie:

Herein! Bitte eintreten!

Die Tür wird geöffnet und Klas Olfers bedeutet einer mageren, dürftig gekleideten, tief verschleierten Frau einzutreten. Es ist Gabriel Schillings Frau, Eveline Schilling.

Klas Olfers:

Ich denke, et würd det Beste sin, wi fragen bei det gnädige Freilein mal nach.

Lucie, schnell gefaßt, hält Frau Schilling unauffällig im Türrahmen zurück.

Lucie:

Herr Olfers, das muß wohl ein Irrtum sein. Die Dame will wahrscheinlich zu Herrn Rasmussen.

Eveline

(ohne den Schleier zu öffnen):

Ist Rasmussen nicht hier?

Lucie

(tief errötend):

Sie sehen, nein!

Eveline:

Sie sind Fräulein Lucie Heil, meine Dame.

Lucie

(wie vorher):

So heiße ich. Woher kennen Sie mich?

Eveline:

Sie haben mal bei einer Matinee in der Singakademie eine Sonate von Schubert gespielt.

(Klas Olfers entfernt sich achselzuckend.)

Darf ich bei Ihnen etwas ablegen? Sie werden vielleicht schon erraten haben, daß ich die unglückselige Frau von Gabriel Schilling bin. (Sie nimmt Schleier und Hut ab, ohne Luciens Erlaubnis abzuwarten.)

Lucie

(sehr unruhig):

Dies ist hier Professor Mäurers Zimmer. Wenn es Ihnen recht wäre, gnädige Frau, könnten wir lieber in mein Bereich hinübergehn.

Eveline:

Vor allen Dingen, wo ist mein Mann?

Frau Schilling enthüllt sich nun als eine verhärmte, gealterte Frau mit tiefliegenden Augen, hervorstehenden Backenknochen und hektischer Röte auf den Wangen. Sie ist über das fünfunddreißigste Jahr hinaus, erscheint aber älter und ohne weiblichen Reiz.

Lucie:

Sie werden den Wunsch haben, sich etwas zu restaurieren, gnädige Frau? Ich nehme an, Sie sind die Nacht durchgereist; vielleicht ruhen Sie auch erst eine halbe Stunde? Herr Schilling schläft, und jedenfalls dürfte ein Grund zu unmittelbarer Besorgnis nicht vorhanden sein.

Eveline

(läßt sich auf einen Stuhl nieder):

Heiraten Sie niemals, liebes Fräulein! (Sie weint still in sich hinein.)

Lucie

(in peinlicher Verlegenheit):

Sie sind übermüdet, gnädige Frau! Sie sind von der Nachtfahrt nervös überreizt und abgespannt. Wollen Sie sich bitte in meine Hand geben. Sie brauchen Ruhe, ich kenne das. Ich habe eine lange Pflege bei meiner armen Mutter hinter mir. Mit Denken und Grübeln ist gegen nervöse Depressionen nicht anzukämpfen.

Eveline

(mit dem Versuch, sich zu raffen):

Es geht schon vorüber, lassen Sie mich!

Lucie:

Ich möchte Sie aber wirklich gern dazu bewegen, mit mir auf mein Zimmer zu gehn!

Eveline:

Wissen Sie, wie mir mein Leben vorkommt, Fräulein? -- Sie sind eine Frau, warum soll ich nicht offen zu Ihnen sein? -- Man baut mit unendlicher Mühe, mit blutigem Mörtel und schweren Steinen ein festes Gebäude, und wenn es fertig ist, ist es ein Kartenhaus.

Lucie:

Sie sehen in diesem Augenblick die Welt in einem zu trüben Lichte.

Eveline:

Ja, ich sehe sie wie etwas vollkommen Fremdes, etwas vollkommen Uninteressantes, abschreckend Gleichgültiges an. Trostlos ist sie, leer und stockfinster. -- Sie glauben, ich übertreibe, Fräulein! Aber ich habe wahrhaftig keine unbescheidnen Wünsche gehegt! Ein Familienleben! Ein bescheidnes Auskommen! Selbst das wenige hat mir der Himmel in seiner unergründlichen Güte versagt. Ja, er hat sich erschlichen, was ich mir verdient habe. Ich war jung wie Sie und vielleicht unternehmender, als Sie sind. Ich weiß es nicht. Ich ging nach England, ich machte Ersparnisse. Ich war gut gekleidet. In meinen Ferien konnte ich reisen. Meine Freundin und ich, wir besuchten Holland, die Normandie, wir brauchten nicht knausern, wir speisten in den ersten Hotels an der Table d'hôte! Und nun kam Schilling! Ich dachte, er ist ein redlicher Mensch! Ich dachte, er wird seine Pflichten achten und mein bißchen Erspartes ist bei ihm, dacht ich, in guter Hand. Ja freilich! Sehen Sie mich nur an. (Sie zeigt die großen Flicken in ihrem Rock und das zerrissene Futter ihres schäbigen Jacketts.) Ich habe alles hingegeben, alles umsonst zum Opfer gebracht.

Lucie

(mit Überwindung):

Es werden bessere Zeiten kommen!

Eveline:

Immer morgen, morgen, heute nicht. Heute borg ich mir, was sag ich, erbettle ich mir zwanzig Mark zur Reise von Doktor Rasmussen, und morgen zahl ich vielleicht ein Billett erster Klasse rund um die Welt. Heute leb ich mit meiner Tochter von einer altbacknen Schrippe und etwas abgelassener Milch, und morgen werd ich bei Dressel und Uhl essen. Das ist mir nichts Neues, ich kenne das! Von diesem »morgen« wird man nicht satt. Das ist höchstens für arme, hungrige Säuglinge der mit Essig und Galle getränkte Lutschpfropfen. Man denkt: dein Mann hat dich heute verlassen und morgen kommt er wieder zu dir zurück. Jawohl. Aber wie? Von vier Männern getragen, vielleicht auf dem Sterbebette. -- Ich muß ihn sehn! Wo ist Gabriel?

Lucie:

Sie werden sich jedenfalls erst beruhigen! Vielleicht sehen Sie ein, daß eine Begegnung in diesem Zustand für beide Teile nicht ratsam ist!

Eveline:

Was heißt das? Was tut ihr alle mit mir? Warum laßt ihr mich nicht zu Gabriel? Warum sagt ihr mir nicht, was geschehen ist? Es ist mir alles hier so unheimlich! Was sind das für Stimmen hier nebenan?

Lucie

(lügt):

Fremde! Vater und Sohn aus Stralsund!

Hanna Elias tritt aus Schillings Zimmer. Die Frauen betrachten sich einige Sekunden lang mit grenzenlosem Staunen.

Eveline

(in einem Tone des Erstaunens, in dem keine Spur der eben noch vorherrschenden, angstvoll weinerlichen Erregung mehr ist):

Hanna, du bist es? -- Was treibst du hier?

Hanna:

Laß uns vor allen Dingen, Eveline, da wir nun einmal unbegreiflicherweise hier zusammengetroffen sind, wie zwei vernünftige Menschen sein.

Eveline:

Unbegreiflicherweise zusammengetroffen?

Hanna:

Zufälligerweise jedenfalls!

Eveline:

Also ist deine Anwesenheit hier zufällig!? Oder meinst du, daß es unbegreiflicherweise und zufällig ist, wenn sich eine Frau zu ihrem angetrauten Manne begibt, nachdem sie erfahren hat, daß er vielleicht lebensgefährlich krank geworden ist? Wie kommst du hierher, was willst du hier?

Hanna:

Es handelt sich nicht um uns augenblicklich, sondern meinethalben um deines Mannes Wohlergehen. Also bitt ich dich, frage mich jetzt nicht weiter. Jedenfalls nicht hier, denn ich sage dir, daß es Schilling erspart werden muß, einen Zank zwischen uns zu sehn. Ich gehe mit dir an den Strand hinunter. Dort will ich dir Rede und Antwort stehn.

Eveline:

Bitte, bitte, Hanna, ganz ohne Umschweife: wie kommst du hierher, was suchst du hier? Das Rätsel möcht ich gerne gelöst wissen. Wie kommt's, daß ihr auseinander seid, und ich betrogener, armer Esel von einer Frau glaube daran, daß es aus mit euch ist, und ihr lacht mich aus hinter meinem Rücken! -- Hast du ihn wieder rumgekriegt? -- Hast du ihm wieder weisgemacht, daß du keine Allerweltsdame bist? Oder muß man vielleicht Allerweltsdame sein, um dem eigenen Gatten zu gefallen?

Hanna

(für einen Augenblick ohne Selbstbeherrschung):

Eher bist du eine Allerweltsdame! -- Und ich bitte dich, höre jetzt auf damit! -- Wenn du ein Gefühl von weibliche Würde hast, so höre jetzt auf mit diesen Ton und solche Beleidigungen, in diesen Augenblick.

Eveline

(zu Lucie):

Diese Dame spricht von weiblicher Würde!

Hanna:

Ich spreche von weiblicher Würde, gewiß!

Lucie:

Meine Damen, Sie sind hier in einem kleinen Gasthause, bedenken Sie das! Wir dürfen kein solches Aufsehen machen. Es ist unmöglich, daß Sie so fortfahren. Schon allein um des Kranken willen nicht.

Eveline

(zu Lucie):

Lassen Sie sich mal von dieser Dame erzählen, Fräulein, mit welchen Mitteln, welchen Schlichen sie hinter Gabriel her gewesen ist, bis sie ihn so weit bekommen hat. Wie sie mir erst hat Freundschaft geheuchelt: »Du bist zu geduldig! Du mußt mehr beanspruchen! Du mußt ihm klar machen, daß du ein gleichberechtigter Mensch und nicht eine Sklavin bist. Ihr deutschen Frauen seid alle Sklavinnen.« So hieß es, so ging es in einem fort, und ich bin auch zuerst drauf reingefallen, bis ich dann merkte, worauf es hinauslief, und daß sie sich Gabriel kapern wollte, weil der eigene Mann ihr überdrüssig war. Eine schöne Gesellschaft! Eine brave Familie! Erzähle doch! Immer erzähle doch! Da hast du Gesprächsstoff, beste Hanna! Da hast du für deine Suade genug!

Hanna:

Solche fantastische, krankhafte Märchen, ausgebrütet von einer sich beleidigt glaubenden Frau, berühren mich nicht.

Rasmussen fährt wild aus Schillings Tür heraus, die er hinter sich sorgfältig ins Schloß klinkt, ehe er spricht.

Rasmussen:

Donnerwetter, was ist hier los, Herrschaften?! Was macht ihr euch eigentlich von Schillings Zustand für eine Vorstellung? Er wird unruhig, er fragt; was soll ich ihm antworten? Verlegt euren Kampfplatz wo anders hin!

Eveline vergißt Hanna und starrt Rasmussen an. Hanna weicht mit Entschluß und geht zur Tür rechts hinaus.

Eveline

(will an Rasmussen vorüber zu Schilling hinein):

Wo ist mein Mann?

Rasmussen

(sie zurückhaltend):

Immer erst hübsch abwarten!

Schillings Stimme:

Rasmussen!

Rasmussen

(Eveline energisch festhaltend, die bestrebt ist, sich loszumachen):

Ich sage dir, wenn du noch einen Funken Besinnung hast, wenn du noch einen Funken Liebe aufbringen kannst für deinen Mann, wenn dir daran liegt, ihn noch einige Zeit zu behalten, am Leben überhaupt zu erhalten, mein ich, so geh jetzt nicht zu ihm hinein.

Eveline

(mit einem unwillkürlich hervorbrechenden, hilferufartigen und eigensinnigen Schrei):

Gabriel!

Schillings Stimme

(schnell und erschrocken):

Der bin ich! (Schilling erscheint in der Tür. In dem edlen, aber furchtbar veränderten Gesicht liegt Bestürzung und Staunen): Was ist denn passiert??

Rasmussen:

Nichts! Es ist gar nichts weiter passiert! Es hat sich nur wieder herausgestellt, daß eine Frau und gesunde Vernunft nicht vereinbar sind.

Eveline

(die Worte mühsam hervorwürgend):

Du hast mich belogen, Gabriel! Warum hast du mich hintergangen, gerade in einem Augenblick, wo ich wieder in meinem Innern Hoffnung schöpfte? Du sagtest, du habest dich freigemacht. Du sagtest, du habest mit Hanna gebrochen, und gerade in diesem Augenblick entdecke ich, daß du ein kalter, grausamer, hartgesottener Betrüger bist. Gabriel, warum tatest du das? Warum zerstörst du in mir den letzten erbärmlichen Rest von Achtung für dich? -- Nein, ich kann einen Menschen wie dich nicht mehr achten!

Schilling

(hat abwechselnd errötend und erblassend mit einem gespannten, fast blöde fragenden Ausdruck zugehört. Er läßt seinen Blick, wie um Auskunft bittend, von Lucie zu Rasmussen wandern und sagt dann mit einem erstickten kurzen Auflachen):

-- So! Diese Ansicht teile ich. -- -- -- Was führt dich eigentlich her, Eveline?

Eveline:

Frage lieber, was Hanna hierher führt, Gabriel.

Rasmussen:

Und nun ist die Kontroverse geschlossen. -- Ich bin Arzt, Eveline, dein Mann ist krank ...

Schilling:

Red keinen Unsinn, ich bin nicht krank! -- Du hast doch nicht am Ende gedacht, Eveline, es ist Matthäi am letzten mit mir? -- Den Gefallen tu' ich der Welt noch nicht! -- Wenn du's nicht glauben willst, frage mal Rasmussen! -- Die ganze Geschichte, Eveline, läuft einfach auf einen etwas geschmacklosen Spaß hinaus, den ich mir leider gestern gemacht habe.

Eveline

(faßt sich an den Kopf, wie besinnungslos):

Fort, fort, sonst verliere ich meinen Verband! -- (Sie will hinaus.)

Schilling:

Eveline, du wirst jetzt hierbleiben!

Eveline:

Ich kann nicht bei einem Menschen bleiben, der mein Mann, mein angetrauter Ehemann, Vater meines Kindes und dabei willenloser Sklave einer gemeinen Dirne ist.

Rasmussen:

Na, na, na, na! Jetzt aber Schluß, Eveline!

Schilling

(nach kurzem Schweigen, mit demselben hilflos fragenden Ausdruck wie vorher):

Ja, woran liegt das alles? Ich weiß es nicht. Ich habe nach etwas ... wie soll ich sagen? Ich habe nie bewußt nach dem Schlechten gestrebt! Ich hatte wirklich nie böse Absichten!

Eveline: