Gabriel Schillings Flucht: Drama
Part 4
Wirklich?
Mäurer:
Was hast du denn eigentlich, Lucie?
Lucie:
Nichts. (Sie sieht ihn mit großen, feuchten Augen grade an): Ich denke nur manchmal -- man sieht es zum Beispiel auch in der Sache mit Schilling -- daß wenn bei dir Liebe und Kunst in Konflikt kommen, daß dir dann die Kunst das vor allem Wichtige ist.
Mäurer:
Ja, aber bei uns gehen sie Hand in Hand, kleines Liebchen.
Lucie:
Hat diese Hanna nicht vor zwei Jahren noch einen Sohn gehabt?
Mäurer:
Sie behauptet sogar von Schilling.
Lucie:
Nun, und?
Mäurer:
Jawohl, es kann ganz gut möglich sein. Es ist ein entzückender blonder Strunk; nur leider, wie's scheint, nicht recht lebensfähig.
Lucie:
Na, und Schilling?
Mäurer
(zuckt mit den Achseln):
Er hat mir die Photographie gezeigt. -- Das Schicksal eines Kindes, Lucie, ist während der ersten Jahre die Mutter. Sie vernachlässigt es, weil sie lieber Tee trinkt und in Wiener Cafés mit verlumpten Studenten kannegießert. Wenn sie es braucht gegen Schilling, denkt sie daran. Ich wundre mich überhaupt, daß sie diesmal auf den Effekt, mit dem Kindchen im Arm als verlassene Mutter aufzutreten, verzichtet hat.
Lucie:
Eigentlich bist du sehr hart -- doch ich hab dich lieb, Ottfried.
Mäurer
(lacht):
Dafür bin ich dann auch ein Dauerspielzeug. -- Oder ist es nicht wahr, daß ihr, wie Kinder, was ihr liebt, am liebsten zunichte macht?
Lucie:
Pst, Ottfried! Sie kommen. Wir wollen ihnen um Schillings willen entgegengehn.
Mäurer:
Ungern, äußerst ungern, Schusterchen.
Auf dem Wege im Hintergrunde tauchen Köpfe auf. Schilling, Hanna Elias und Fräulein Majakin. Lucie ist elastisch aufgesprungen, Mäurer erhebt sich langsam und widerwillig, geht aber, nachdem er sich abgeklopft hat, mit Lucie den Ankommenden entgegen.
Schillings Stimme:
Kuui!
Mäurer antwortet nicht im Weiterschreiten. Im Hintergrund findet dann die Begegnung statt. Von der Begrüßung sieht man die Verbeugungen und hört undeutliche Stimmen. Wiederum fliegt eine Möve von links hinten nach rechts vorn durch das Dünental über den Kirchhof. Nach einiger Zeit lösen sich Mäurer und Fräulein Majakin aus der Gruppe und kommen nach vorn. Die übrigen bewegen sich in der Ferne die Hügel links hinauf, stehen einige Zeit in den Anblick des Meeres versunken und verschwinden dann aus dem Gesichtskreis.
Mäurer:
Sie kennen Frau Hanna Elias schon lange?
Fräulein Majakin
(langsam und überlegt redend, in der Aussprache die Russin verratend):
Oh nein! Ich kenne sie erst seit kurze Zeit. Wir trafen zusammen auf eine Sitzung in Berlin dieses Frühjahr von die letztverwichene große, internationale Frauenkongreß. Mein Vater ist Arzt, meine Mutter ist tot. Ich reise schon seit vier Jahren mit meinem Papa in Europa umher. Er hat seine ... wie man sagt? Praxis? -- er hat seine Praxis aufgegeben.
Mäurer:
Ich war der Meinung, Ihre Bekanntschaft mit Frau Hanna datiere sich schon von Rußland her.
Fräulein Majakin:
Oh nein! Wie gesagt, erst seit kurze Zeit. Aber ich bewundre sehr Frau Hanna, ich verehre ihr sehr, ich liebe ihr sehr. Ich finde, sie ist eine Frau von Bedeutung, sehr überraschend, sehr wunderbar interessant und klug.
Mäurer:
Worin sehen Sie ihre Bedeutung, mein Fräulein?
Fräulein Majakin:
Ich liebe nicht Frauen, die Sklavinnen sind, und die sich ihr Recht am Dasein verkümmern lassen. Ich verehre ihr sehr, ich verdanke sie viel. Ich kann beinah sagen, sie hat mir zu eine neue Religion ... zu die Religion von Schönheit verholfen.
Mäurer:
Haben Sie denn in Rußland nicht solche Frauen massenhaft?
Fräulein Majakin:
Nein. Wir haben Frauen, sie sprechen den ganzen Tag von die Politik und gar nicht von Kunst. Sie sind oberflächlich. Man sieht selten sie fasziniert von Kunst. Und es ist sehr schön zu bemerken, wie sehr fasziniert von die große Kunst von Professor Schilling Frau Hanna ist.
Mäurer
(mit einem sardonischen Lächeln, das liebenswürdig sein soll):
Tja! Das ist sehr hübsch, was soll man da sagen? -- Und Sie haben nun also die Religion von Frau Hanna auch in sich aufgenommen? Was?
Fräulein Majakin:
Nun, ich bin leider noch jung und sehr ungelehrt. Ich kann mir natürlich nur wenig von ihre Verständnis anmaßen. Sie müssen mit mir, wenn ich bitten darf, nachsichtig sein. Aber ich habe sogleich in die Nationalgalerie begriffen, daß Professor Schilling ein großer Künstler ist.
Mäurer:
Wo haben Sie das begriffen, mein Fräulein?
Fräulein Majakin:
In das Museum zu Berlin, wo mir Frau Hanna so freundlich war und hat mir vor die berühmte Werke von Professor Schilling geführt.
Mäurer:
Ich glaube, wenn Sie das mal dem guten Schilling sagen, daß er Professor ist und Werke in der Nationalgalerie hat, würden Sie ihm einen diebischen Spaß machen.
Fräulein Majakin:
Wie sagen Sie?
Mäurer:
Nichts. Es war weiter nichts.
Fräulein Majakin:
Es ist schade um diesen bedeutenden Menschen.
Mäurer
(nachdem er sie verdutzt eine Weile von der Seite angesehen hat):
Das stimmt vielleicht. Ich hoffe indes, daß es noch nicht zu spät mit ihm ist. Woher kommt Ihnen aber die Einsicht, mein Fräulein?
Fräulein Majakin:
Oh, es ist nicht so schwer, in seine fieberhaft peinvolle Augen zu lesen und in die Linie von sein schweres Leiden in seine schönen, verfallenen Gesicht.
Mäurer
(beinah erschrocken):
Meinen Sie, daß er körperlich leidend ist?
Fräulein Majakin:
Von seine psychische Leiden spreche ich begreiflicherweise nicht.
Mäurer:
Nun, es macht mir eigentlich jedesmal Spaß, wenn Leute über Schilling erschrecken. Es geschieht nämlich meistens, wenn sie ihn sehen, beim erstenmal. Schon vor achtzehn Jahren sah Schilling so aus. Er selbst pflegt immer den Witz zu machen, man könne durch dunkle Ringe um beide Augen die Welt viel genauer und gründlicher sehn.
Fräulein Majakin
(ohne darauf einzugehen):
Denken Sie, ich habe mir nach die Radierungen, die ich sehr liebe, in die Kupferstichkabinette zu Petersburg von Ihre Person, Herr Professor, auch eine solche Idee gemacht.
Mäurer:
Wieso? Sie kennen meine Radierungen?
Fräulein Majakin:
Oh, ich habe sie schon im zwölften, dreizehnten Jahr durch meinen Papa in die russischen Sammlungen kennen gelernt.
Mäurer:
Wenn Sie einen solchen Papa haben, brauchen Sie doch eine Hanna Elias nicht!
Fräulein Majakin:
Ich habe gedacht an eine lange, bleiche Gestalt mit kohlschwarze Augen und dünne Lippen, an einen Mensch, der vor die viele große und furchtbare Visionen wie von eine Fieber ausgehöhlt und gefoltert ist. Und nun sehe ich eine gesunde Gelehrten.
Mäurer
(zuckt mit den Achseln, lacht):
Ja, so geht's einem, Fräulein, wie das so ist. Man muß nie den unverzeihlichen Fehler begehn, seinen Idealen zu nah auf den Leib zu rücken.
Sie sind während der Unterhaltung, zuweilen stehend bleibend, zuweilen schreitend, zu der kleinen Bank an der Mauer gelangt.
Mäurer:
Aber, bitte, wenden Sie nun Ihren Blick von dem unschuldigen Gegenstand Ihrer Enttäuschung einmal ab und betrachten Sie unsre wundervolle Umgebung.
Fräulein Majakin:
Sie lieben, scheint es, über alles die Einsamkeit.
Mäurer
(lustig erregt):
Ich bin ein Gott, wenn ich sechs bis acht Stunden täglich ausschließlich mir überlassen bin. Ein Tag in Gesellschaft macht mich zu jenem geschlagenen, ausgeplünderten, armen Mann, der von Jerusalem nach Jericho zog und unter die Mörder fiel.
Fräulein Majakin:
Oh, ich liebe Gesellschaft, ich liebe die Menschen!
Mäurer:
Und also gefällt Ihnen höchst wahrscheinlich unsre Insel, wo es keine Wiener Cafés, keine Konzerte und keine Theater gibt, nicht?
Fräulein Majakin:
Oh nein, ich begreife wohl, wie dies alles von eine beängstigend kalte Größe und Schönheit ist. Nur ich leide in solche Umgebung an eine schwere Empfindung von die eigne Geringfügigkeit und Verlassenheit. Dagegen ich liebe, wie eine Gott: der Mensch! Mir sagen nichts diese tote Sandhügel, wo nichts auf die Schrei meines Herzens hört. Ich bin für ihr nicht, und sie sind für mir nicht, und nur der Mensch ist dem Menschen Gott, Himmel, Welt, Heimat und Zufluchtsort. Ich kann in die tote Natur keine Sinn bringen.
Mäurer
(verdutzt):
Wie alt sind Sie denn, Fräulein Majakin?
Fräulein Majakin:
Ich bin vor drei Tagen siebzehn geworden.
Mäurer:
Da gratulier ich nachträglich noch!
Lucie kommt in ihrer temperamentvollen Art über die Dünen nach vorn.
Lucie:
Du läßt uns ja auf hinterlistige Weise im Stich, lieber Ottfried!
Mäurer
(kühl):
Wieso?
Lucie:
Ich störe doch nicht hier ebenfalls?
Mäurer
(kurz trocken):
Wieso ebenfalls? -- Keineswegs doch, Lucie.
Lucie stutzt, lacht und nimmt mit einigem Abstand auf der Erde Platz. Sie zupft Halme aus und kaut sie, zugleich Mäurer und Fräulein Majakin unauffällig beobachtend.
Lucie:
Dein schnelles Abbiegen hat, glaub ich, den guten Schilling etwas gekränkt, Ottfried.
Mäurer
(antwortet Lucien durch einen Blick über die Augengläser, wobei er erstaunt und mit Mißbilligung ihrer Indiskretion den Kopf schüttelt, schließlich wendet er sich mit Achselzucken von ihr ab und zu Fräulein Majakin):
Wovon sprachen wir doch, Fräulein Majakin?
Fräulein Majakin:
Oh, verzeihen Sie, Herr Professor, was mögen dies wohl für alte Ruinen sein?
Mäurer:
Es sind Reste von einem Kloster einer alten, ehemaligen Franziskaneransiedlung. Hier hausten die grauen Mönche von Stralsund. Man findet noch alte Kellergewölbe, und ich weiß bestimmt, wer an Geister glaubt, der kann die Fratres und Patres noch sehen nachts ihre Messe zelebrieren und Umzug halten.
Lucie:
Kannst du mir eigentlich sagen, Ottfried, ob dort nach Westen zu in der See noch andre Inseln sind?
Mäurer:
Nein.
Lucie:
Ich höre den ganzen Tag, und zwar ununterbrochen, Glockenläuten.
Mäurer:
Ich auch. Es kann eine Glockenboje, aber noch wahrscheinlicher absolute Gehörstäuschung sein.
Fräulein Majakin:
Ich zweifle fast an die Wirklichkeit, wenn ich denke, daß mich der glühende Wunsch von meine unreife Mädchenjahre, Sie zu sehen, nun auf diese unbekannte, einsame Insel, in diese fremde, sonderbare Umgebung auf einmal ganz wunderbar erfüllt worden ist. (Sie blickt auf ihre Hände, die etwas zerpflücken.)
Schilling und Hanna Elias erscheinen im Hintergrund.
Schilling
(mit faxenhaften Gebärden, schreiend):
Ahoi! -- Kuckuck! Ahoi, Kuckuck!
Mäurer
(nervös beunruhigt):
Beinahe möchte ich gegen Sie ehrlich sein. Ich stimme nicht ... ich weiß nicht, woran es liegt ... ich sympathisiere mit Ihrer Freundin Hanna Elias nicht. Ich gerate in einen, wir Deutsche nennen das rappligen Zustand. Ich bin ungerecht, es reizt mich an dieser Persönlichkeit jede Miene, jede Bewegung, jedes Wort. Wenn es Ihnen recht ist und Sie meine Gesellschaft nicht lästig finden, so könnten wir ihnen vielleicht noch für einige Zeit, um die Kirchhofmauer herum, aus dem Wege gehn.
Lucie
(mit Entschlossenheit):
Damit würdest du Schilling bitter beleidigen!
Schilling
(wie vorher, etwas näher):
Ahoi, Kuckuck!
Der Kuckucksruf, den Schilling laut und ziemlich getreu nachmacht, wird vom Echo, aus der Gegend des Kirchhofs, jedesmal stark und deutlich wiederholt.
Mäurer
(zuckt mit den Achseln, wird vor Ärger rot und sagt scheinbar gleichgültig):
Wo werden Sie denn im kommenden Winter sein, Fräulein Majakin?
Fräulein Majakin:
In Berlin. Mein Vater gedenkt bis zu Ende März in die dortige Bibliothek zu arbeiten.
Schilling
(noch näher):
Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck!) -- Ahoi! -- (Echo: Ahoi!) Hört ihr den Kuckuck, Kinder?
Mäurer
(ruft dagegen):
Im Herbst einen Kuckuck? Botanik schwach!
Schilling
(äußerlich übertrieben forsch, in heimlich bettelnder Verlegenheit):
Ehrenwort, Ottfried! Kannst du nicht hören?
Lucie
(zu Ottfried):
Du kannst dich auch überzeugen, daß unter den toten Vögeln, die nachts an den Scheiben des Leuchtfeuers zugrunde gehn, und die um den Leuchtturm unten herum liegen, auch der Kuckuck ist.
Schilling
(wie vorher):
Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck) -- Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck).
Mäurer:
Du bist ja recht spaßhaft aufgelegt.
Schilling:
Ihr lacht, weil ihr nicht wißt, wer da eigentlich antwortet.
Mäurer:
Na, ich denke ein Kuckuck!
Schilling:
Ja Kuchen, Ottfried! Das ist der spaßhafte Anton mit der Sense, der hinter der Leichenhalle sitzt! -- Hört ihr ihn denn nicht dengeln, Kinder? (Man hört das Geräusch eines Dengelnden.) Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck! lauter, als vorher.) (Die Gesellschaft bricht in krampfhaftes Lachen aus.) Wer hat gute Augen von den Herrschaften? Der lese mal, was hinten auf dem Spritzenhaus, oder wollte sagen auf der Totenkapelle, geschrieben steht!
Lucie
(liest langsam und laut):
»Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Erster Corinther fünfundfünfzig.«
Schilling
(mit theatralischer Geste und Wildheit):
Kuckuck! -- (Echo: Kuckuck!) -- Kuckuck -- (Echo) -- Kuckuck -- (Echo).
Mäurer:
Nanu hör aber mal auf mit dem gruseligen Unsinn.
(Schilling ist mit Hanna Elias, die sehr bleich ist, herangekommen.)
Schilling
(krampfhaft unbefangen):
Ich gestatte mir, vorzustellen: Ottfried Mäurer, Frau Hanna Elias, langjährige, brave Freundin meinerseits. Ein Königreich für ein Glas Pilsener Bier, meine Herrschaften.
Mäurer:
Wieder verschwitzt -- Donnerwetter noch mal! Gleich, wenn wir zu Hause kommen, wird nach Stralsund telegraphiert, und morgen hast du ein ganzes Faß davon.
Hanna
(laut zu Fräulein Majakin):
Er war schrecklich niedergedrückt, wie er sagt, und nun ist ihm die heitere Laune wiedergekommen.
Schilling
(mit ironischer Begeisterung):
Das ist die unendliche Freude, Freude, Freude, mein liebes Kind!
Hanna
(finster):
Oh, ich nehme nicht an, daß etwa nur ich die einzige Ursache deiner Freude bin. Dennoch fühl ich sehr wohl, wie wichtig es war, hierher zu kommen.
Schilling
(mit ironischem Pathos):
Ich danke, du opferfreudiges Weib.
Mäurer:
Vielleicht interessiert es Sie, Fräulein Majakin, einen Blick auf die ärmlichen, namenlosen Gräber zu tun.
Schilling:
Willst du dich wieder drücken, Ottfried?
Mäurer:
Mich drücken? Wieso? Ich verstehe dich nicht.
Schilling:
Weil dir vielleicht die Gesellschaft eines Künstlers, der nicht so viel solides Sitzfleisch hat wie du, störend ist.
Mäurer
(schneidend):
Ich stehe bei meiner Arbeit meistens. -- Wir kommen gleich wieder; ich zeige der Dame nur mal einige der eigentümlichen Inschriften, die auf dem Kirchhof sind.
Schilling:
Ein toter Heuschreck hopst nicht mehr.
Mäurer:
Wie meinst du?
Schilling:
Das wäre auch so 'ne nette Inschrift. Dort oben liegen nämlich Leute, die ohne zu wissen wie auf diese Insel gekommen sind.
Mäurer:
Jawohl, es sind gestrandete Seeleute.
Schilling:
Sie sind sonst ziemlich mit heiler Haut, die Füße voran, hier angelangt. Nur mit etwas durchnäßten Unterhosen. Aber die trocknen schon wieder mit der Zeit. Manche ohne Hut, einige sogar ohne Strümpfe. Einem wackren Seemanne macht das nichts! Man kann ja pumpen, pumpen, pumpen sein Leben lang.
Mäurer:
Wenn das deine neuerworbene gute Laune sein soll, lieber Schilling, dann wünsch ich mir wirklich deine sogenannte schlechte Stimmung von heute morgen zurück! -- Entschuldige uns einen Augenblick.
Mäurer entfernt sich mit Fräulein Majakin, und man sieht ihn durch eine kleine Gitterpforte den Kirchhof betreten. Schilling blickt ihnen nach, zuckt die Achseln, lacht kurz in sich hinein, nimmt auf der Bank Platz und zieht Hanna neben sich, mit dem Blick immer noch das Paar auf dem Kirchhof verfolgend. Alsdann fährt er schnell herum und sieht mit einem verlorenen Lächeln Lucie an, die noch ruhig im Sande liegt.
Schilling:
Ja ja, so geht's in der Welt, Fräulein Lucie.
Lucie
(antwortet, in dem sie Thymian in der Handfläche reibt, mit Bedeutung):
Der Mensch denkt, und der Kutscher lenkt.
Hanna:
Gott sei Dank, ich habe es schon auf der Züricher Universität verlernt, mir von Männern, die unhöflich sind, imponieren zu lassen.
Schilling:
Und auch Leute, die auf ihren Erfolgen, wie auf Stelzen gehn, imponieren mir nicht.
Lucie:
Das kommt Ihnen nicht aus dem Herzen, Schilling. -- (Sie erhebt sich): -- Übrigens, Schilling, wenn Ottfried wiederkommt, und er etwa mich, was ich nicht glaube, vermissen sollte, sagen Sie, bitte, ich wäre zuhaus.
Schilling
(mit Beziehung auf Fräulein Majakin, Luciens Worte wiederholend):
Der Mensch denkt, und der Kutscher lenkt! Es ist kein Verlaß in solchen Sachen. Die Überraschungen hören nicht auf. -- (Mit Augenzwinkern): -- Wollen wir mal schlau nach dem Rechten sehn?
Schilling hat sich erhoben und schleicht mit komischer Vorsicht, als ob er Mäurer und Majakin belauschen wollte, gegen die Kirchhofmauer, die er erklettert.
Lucie
(unwillkürlich lachend):
Fallen Sie bloß nicht da runter, Schilling!
Schilling:
Und besonders nicht nach innen hinein!
Lucie:
Nein; lieber, wenn's geht, noch mal nach außen.
Schilling tut einen absichtlich komischen Fall von der Mauer nach außen. Lucie läuft lachend davon und verschwindet. Schilling steht da und putzt sich die Kleider ab.
Hanna:
Gabriel, hast du dir weh getan?
Schilling:
Keine Spur! Ich glaube, ich rutschte freiwillig runter. -- (Sie an sich ziehend, heiß, ihr ins Ohr): -- Woll'n wir nochmal in die Dünen gehn? -- Bernstein suchen, mein ich natürlich.
Hanna
(bleich und erregt):
Tu alles nach deinem Belieben mit mir.
Schilling:
Komisch, die wilden Schwäne, die über uns hinleierten! Bist du erschrocken?
Hanna:
Ein wenig!
Schilling:
Ich nicht. Meinethalben könnten es Viecher mit Klauen gewesen sein, ich hätte dich doch nicht losgelassen! Du Schwarze, du Schneekühle, du Braut von Korinth! -- (Er stutzt): Siehst du Mäurer?
Hanna:
Gott sei Dank, nein, ich sehe ihn nicht.
Schilling
(schadenfroh, geheimnisvoll):
Er hat auf die Majakin angebissen.
Hanna:
Nun, weder als Künstler, noch auch als Mensch, ich bewundere ihn nicht. Er kann nur wehrlose Frauen beleidigen.
Schilling
(mit spaßhafter Entrüstung):
Ja, es ist wahr, Hanna; soll ich ihn fordern?
Hanna:
Du scherzest; ich weiß. Du sollst es nicht tun und tust es auch nicht.
Schilling:
Durst. (Er läßt sich auf die Erde nieder, mit dem Munde über eine Lache, und trinkt.) -- Oh, schmeckst du prächtig! -- (Er gewahrt sein Spiegelbild in der Lache und erschrickt): -- Kruzitürken, bin denn das ich?!
Hanna:
Du trinkst doch aus dieser grünlichen Lache nicht?!
Eine Krähe schreit.
Schilling:
Verfluchte Krähe! Willst du dein Maul halten! -- Komm mal her. Hanna, sieh mich mal an -- -- ? Wie seh ich aus?
Hanna:
Ganz wie immer, Liebster!
Schilling:
Na, alsdann! Wozu soll ich nach Griechenland? -- (Er ist aufgestanden und starrt bewegungslos gegen das Meer hin.)
Hanna
(vermag ihre heimliche Beängstigung durch seinen eigentümlichen Zustand nicht mehr zu verbergen):
... Und wenn du mir diesen Augenblick die Weisung geben willst, Gabriel: reise ab, in derselben Stunde will ich noch abreisen. Befiehl mir! Ich weiß, daß du von diesem kalten, herzlosen Menschen abhängig bist. Ich will deine Hand küssen und will abreisen. Ich sehe wohl ein ... ich will nicht, daß du gepeinigt bist.
Schilling:
Horch mal, die See rauscht bis hier herauf. -- (Er horcht, erhebt plötzlich aus starrer Versonnenheit ekstatisch die Arme, als ob er eine überirdische Vision sähe): Oh! Oh!! Oh!!! Oh!!!! Das Element! Das Element! (Wie geblendet von einem überirdischen Glanz, in den er sich auflösen möchte, beginnt er zu wanken.)
Hanna:
Um Himmels willen, was ist dir denn, Gabriel?
Schilling:
Nichts! Gar nichts! Ruhn! Müde! Nur ausruhn, Liebchen!
Er hängt schwer in Hannas Armen, die ihn zur Erde niedergleiten läßt.
Hanna:
Gabriel! Gabriel! Gabriel!
Vierter Akt
Ein Zimmer im ersten Stock des Saalbaues von Klas Olfers Gasthaus; weiß getüncht mit zwei Fenstern in der Hinterwand. Der Blick durch diese Fenster geht frei auf die See, die wiederum wie eine blaue Wand die Rahmen so weit ausfüllt, daß nur ein kleines Stück Himmel oben sichtbar ist. Wiederum ist ein strahlend heller Herbsttag. Je eine Tür links und rechts verbindet den Raum mit anderen Gastzimmern. Er hat links an der Wand die einfache helle Holzbettstelle mit Strohsack usw. und bunter Decke. Rechts ein kleines Sofa mit Tisch davor. Eine primitive Wascheinrichtung mit Spiegel, einen Kleiderschrank, darin Mäurer, der das Zimmer inne hat, seine Garderobe unterbringt. An einigen Kleiderhaken hängen Mäurers Hut, Wettermantel, Stock usw. Auf dem Tisch, der mit einer grünlichen Decke bedeckt ist, steht eine Wasserflasche und Gläser. In einer Zimmerecke befindet sich Mäurers geschlossener Reisekoffer. Lucie sitzt am Tisch und schreibt Briefe. Hanna Elias kommt leise aus der Tür links.
Lucie:
Schläft Schilling wieder?
Hanna:
Jawohl, er schläft. Er ist eine Minute aufgewacht und hat gefragt noch Doktor Rasmussen. Wann kann Herr Rasmussen frühestens hier sein?
Lucie:
Mäurer hat gleich, noch bevor Schilling gestern den Wunsch äußerte ... gleich nach dem Anfall telegraphiert.
Hanna:
Und meinen Sie, daß er die weite Reise wird machen?
Lucie:
Aber ohne Zögern, ganz unbedingt.
Hanna
(nimmt am Tisch Platz):
Er verlangt sehr dringend nach Doktor Rasmussen. -- (Nach kurzem Stillschweigen fortfahrend): Ich werde nicht vergessen den gestrigen Tag und die heutige Nacht, die ich auf dieser Insel verlebt habe.
Lucie
(abwechselnd zuhörend, schreibend oder über den Brief nachdenkend):
Das glaube ich wohl.
Hanna:
Sie sehen, wie gut es war, Fräulein Lucie, daß ich gekommen bin.
Lucie
(verdutzt):
Das kann ich nicht recht verstehen, Frau Hanna.
Hanna:
Ich habe gefühlt in der letzten Zeit, daß mit Schilling vorgegangen ist eine tiefe Veränderung. Das hab ich gewußt und das hat mich beunruhigt.
Lucie:
Dann hätten Sie sich aber doch sagen sollen, daß es gut für ihn wäre, mal für einige Zeit von seinen Sorgen befreit zu sein.
Hanna:
Er ist so zerrüttet von die schreckliche Quälereien von seine echt deutsche Ehefrau, daß er hundertmal zu mir gesagt hat: »Hanna, nur wenn du bei mir bist, habe ich ein Gefühl von Geborgenheit.« Es ist ein Verbrechen, was eine solche Frau an dem Manne begeht, mit ihren Vorwürfe, ihre ewige Tränen und Anklagen, mit ihre täglichen Forderungen um Geld, wo er doch nicht, trotz aller Arbeit, verdienen kann, und sie könnte mit ihrem Klavierunterricht viel besser als er das Leben verdienen.
Lucie:
Mag sein, daß Frau Eveline nicht sehr besonders tatkräftig ist; sie soll es ja früher, als sie von England zurück als Gouvernante kam, reichlich gewesen sein.
Hanna:
Ich habe diesen Mann im Elend gefunden, im Elend geliebt! Weil er elend war, hab ich ihn geliebt. Ich wollte ihm helfen in seine Verzweiflung. Ich nahm nie einen Pfennig Geld von ihm. Eher sucht ich es, wo ich es finden konnte! Ich wollte ihn aus der Sorge reißen. Ich wollte nicht, wie Eveline, durch ihn versorgt und erhalten sein. Sie wirft auf den armen Schilling jede Verantwortung. Ich trage selbst die Verantwortung. Ich weiß, seine Kunst ist viel zu gut! Und er kann unmöglich damit viel Geld machen. Er braucht mich, ich bin ihm unentbehrlich, ich teile mein letztes Stück Brot mit ihm.
Lucie:
-- Ich würde mir jedenfalls niemals einreden können, daß irgendein Mensch nicht ohne mich existieren kann.
Hanna: