Gabriel Schillings Flucht: Drama

Part 3

Chapter 33,735 wordsPublic domain

Gott sei gedankt, getrommelt und gepfiffen, ich brauche ihn nicht.

Lucie

(legt die Gitarre weg und springt auf):

Kinder, ich werde mich jetzt ein bißchen umziehen und anziehn gehn; dann werde ich einige Kreutzeretüden herunterhaspeln, denn wenn ihr wirklich nach Griechenland reist, so laß ich mich unten in Athen doch natürlich vor der Königin hören.

Sie eilt durch den Flur die Treppe hinauf ab, gleich darauf hört man von oben Geigenspiel.

Schilling:

Nee, Hellas und Rasmussen vertragen sich nicht.

Mäurer:

Laß ihn, es handelt sich jetzt nicht um Rasmussen. Es handelt sich jetzt um dich und mich. Meine Idee wäre, daß wir vielleicht erst ein bißchen nach Kleinasien gehn, von da nach Athen, dann bleiben wir in Korfu zwei, drei Wochen lang; und im März sind wir unten in Florenz, wo ich ja Gott sei Dank meine Ateliermiete vor kurzem, und zwar noch im letzten Augenblick, für drei Jahre erneuert habe. Dort kannst du auch, von den Uffizien gar nicht zu reden, mal wieder nackte Modelle sehn.

Schilling:

Ich möchte dran glauben, wahrhaftig, Ottfried! Beinahe kann ich's, es geht aber nicht! -- Sieh mal, mir dreht sich die Galle im Leibe um, wenn ich denke, wieviel ich in den letzten fünf Jahren endgültig und unwiederbringlich verlumpt habe. Es ist zu spät, man holt's nicht mehr ein!

Mäurer:

Bis zum siebenunddreißigsten Jahr kommt niemand ohne Blessur durch die Welt. Wir haben alle ein verknotetes Schicksal als Aufgabe, und die Lösung kann immer wieder nichts anderes sein als die Tat.

Schilling:

Du stehst breit und fest und kraust dir den Bart. Dir gereicht eben alles zum Guten schließlich, und mir schlägt es zum Miserablen aus.

Mäurer:

Nein, ich habe nur immer den Grundsatz gehabt, den ich auch dich zu befolgen bitte und der: »Nimm Kraft aus deiner Schwäche« heißt.

Schilling:

Ich hab keinen Pfennig Geld in der Tasche.

Mäurer:

Daß du das immer wieder betonst, ist bei einer alten Freundschaft wie unserer lächerlich.

Schilling:

Das hab ich auch schon ... das klingt sehr verlockend!... das hab ich auch schon von Frauenzimmern gehört. Und dann ist es mir ziemlich übel bekommen.

Mäurer:

Frauenzimmer und Freund ist ein ander Ding. Muß ich dich dran erinnern, Schilling, daß ich in alten Zeiten als Hungerleider mal vor deiner Tür um fünfzig Pfennig bitten gewesen bin, um nur mal wieder zu mittag zu essen?

Schilling:

Es hält mich nichts, es hindert mich nichts. Ich bin bereit, und im Augenblick meinethalben, mit dir nach dem Monde zu reisen. Und doch glaub ich an die Geschichte nicht! -- Sieh mal, von meiner »Gattin« Eveline bekam ich noch gestern abend hier diesen Brief. Du weißt vielleicht nicht, daß sie über die neue Wendung der Dinge mit ... mit Hanna im siebenten Himmel ist. -- Ja, ich hatte ihr scherzweise etwas von deinen Absichten angedeutet. Ich hatte das Maul etwas vollgenommen, so etwa wie: meine ganze bisherige Tätigkeit wäre eigentlich lauter Vorarbeit und so weiter, und hoffte jetzt wirklich mit dem wirklichen Werk mal anzufangen; was man so, um Seiten zu füllen, schreibt. Und da lies mal gefälligst den Dithyrambus! (Er wirft Mäurer den Brief hin): Also! Was sollte mich also festhalten? -- vorausgesetzt, daß von dem Reisegeld etwas für die Mäuler zu Hause übrig bleibt.

Mäurer:

Was willst du mit siebenunddreißig Jahren, mein Junge, denn anders gemacht haben als die Vorarbeit? Der Japaner Hokusai sagt: alles, was er im Alter vor siebzig Jahren gemalt habe, sei nicht der Rede wert. Und du willst im Alter des Schülers verzweifeln.

Schilling:

Na, Teufel, da will ich mir noch eine anstecken! -- (Merkbar erregt, zündet er seine zweite Zigarre an): Weshalb auch nicht? -- Na, alsdann! Versuchen wirs eben noch mal. -- Schneid hätt ich eigentlich immer, bloß eigentlich keine Traute nicht. Es ist wahr, ich fühle mich hier etwas anders. Ich fühle mich hier -- ich finde wirklich, daß feste Entschlüsse ganz günstig wirken! -- ich fühle mich hier sogar aufgefrischt! Ich könnte beinahe glauben -- beinahe wieder glauben, es gibt außer dem jammerwürdigen Sackhupfen nach der Krume Brot und ähnlichen kläglichen Amüsements noch einen anderen Zustand in der Welt. Die Erinnerung an ... an ... an den Gestank fängt an zu verblassen in ... in der salzigen Inselluft. Man bildet sich ein ... ganz ohne Spaß, man bildet sich ein ... man fragt sich, ob man sich denn tatsächlich in diesen verdammten, rückwärtigen Trichter muß hineinziehen lassen? -- Warum denn? Nein! Ich glaube das nicht! Ich werde mal ganz entschieden nein sagen! Warum laß ich nicht alles mal sitzen und liegen und hocken und quetschen und stinken nach Herzenslust? Warum nicht? Denkst du vielleicht, ich kann das nicht? Was denn? Sie saugen sich an wie die Blutegel, sie binden einem Hände und Füße delilahaft, sie gießen einem Blei ins Hirn, sie knebeln einem das Maul mit Gemeinplätzen und pauken einem mit einem täglichen Hagel von faustdicken Dummheiten das letzte bißchen Ehrgefühl aus dem Tempel raus. Sucht mich im Peloponnes, meine Herrschaften! (Während seines halb ernsten, halb drolligen Ausbruchs hat Schilling sich erhoben und läuft umher. Gemeinsames Gelächter beider Freunde beschließt die Rede.)

Mäurer:

Bravo! Man muß sich die Leber mal freipulvern!

Schilling entdeckt plötzlich das Schirmchen der Hanna Elias. Er nimmt es auf und besieht es von allen Seiten.

Schilling

(immer noch in Betrachtung des Schirmchens vertieft):

Sage mal, wem gehört denn das?

Mäurer

(das Schirmchen prüfend):

Das wird 'n Schirmchen von Lucie sein! -- Aber nein: die trägt ja nie solche Dinger.

Schilling

(betrachtet das Schirmchen, blickt dann mit einem fragenden Ausdruck in Mäurers Augen, dann wieder auf den Schirm, den er aufspannt. Er untersucht den Griff, liest von einem Silberplättchen):

-- »Zum 13. Juni 99« -- (sieht wiederum Mäurer an, tut wie abwesend einige Schritte langsam und dumm lächelnd auf die Flurtür zu, bleibt stehen, schließt das Schirmchen, sagt halb abwesend, mit dem Ausdruck der Verlegenheit): -- Ganz unbegreiflich! -- (scheint dann aufzuwachen und geht mit den Worten): Entschuldige mich mal einen Augenblick! -- (durch den Flur in das Gastzimmer, um Klas Olfers zu suchen.)

Mäurer

(ergreift einen Spazierstock und stößt dreimal gegen die Zimmerdecke. Sogleich verstummt das Geigenspiel und Lucie kommt die Treppe heruntergepoltert und ins Zimmer.)

Lucie:

Ist Schilling hier?

Mäurer:

Nein. Was ist denn los?

Lucie:

Ich habe in diesem Augenblick oben auf dem engen Gange zwischen den Zimmern eine Dame getroffen, die sah wie Hanna Elias aus!

Mäurer:

Hanna Elias? Das ist ja unmöglich. Hast du sie angeredet?

Lucie:

Nein. Ich war so verdutzt, ich hätte kein Wort hervorgebracht. Und außerdem war ich auch nicht ganz sicher. Es ist in dem Gange nicht hell genug.

Mäurer:

Deshalb wirst du dich auch wahrscheinlich getäuscht haben; -- das heißt --: Schilling hat eben jetzt hier ein kleines grünes Schirmchen entdeckt! -- Sollte das Unheil doch in der Luft liegen? -- Na, jedenfalls red ich mit ihr kein Wort.

Lucie

(hält noch immer die Klinke der Tür, die sie hinter sich zugezogen hat, fest):

Fragen wir doch mal Olfers, Ottfried!

Mäurer:

Oder hole doch mal das Fremdenbuch! Ich sah vorhin schon den Olfers, der ja doch neugierig wie ein Rotschwanz ist, mit der fettigen Kladde um die Zimmertüren der Fremden herumschleichen.

Lucie eilt resolut in das Gastzimmer hinüber und ist sogleich mit dem Fremdenbuch wieder bei ihm.

Lucie

(hat das Fremdenbuch auf den Tisch gelegt, blättert hastig):

Also -- -- : Frau Hanna Elias! -- Hier stehts.

Mäurer

(er tritt heran, überzeugt sich, daß der Name wirklich dasteht, und Lucie und er blicken einander längere Zeit sprachlos an, dann sagt er):

Das ist doch tatsächlich ein -- Aas, dieses Frauenzimmer!

Lucie:

Pst. Ottfried! Ich glaube, sie kommen schon.

Mäurer:

Dann kriech ich durchs Fenster, liebes Kind. Ich kann diese blutleere Fratze nicht sehen. Diesen lemurischen Wechselbalg. Ich kriege das Grausen vor dieser Larve. Ich fürchte mich, wenn ich nachts unter einem Dache mit diesem Gespenste bin. Ich bin überzeugt, es springt ihr nachts eine weiße Maus oder was ähnliches aus dem offenen Mund und saugt sich einem im Schlaf an die Pulsader. Adieu: komm nur nach, ich kneife aus! -- (Er steigt, während man die Stimmen von Hanna Elias und Schilling laut auf der Treppe hört, eilig zum Fenster hinaus.)

Lucie:

Ottfried, Ottfried! Sei doch nicht unsinnig. -- (Sie ist allein und wird von lautlosem Lachen geschüttelt. Nachdem sie ein wenig die Fassung gewonnen hat, horcht sie an der Tür und wischt dann, diese aufstoßend, ebenfalls schnell hinaus.)

Hanna Elias und Schilling kommen jetzt die Treppe herunter, dieser voran ins Zimmer, sie folgt.

Schilling

(dessen Antlitz jäh von einer beängstigenden Blässe befallen ist):

Sie sind nicht mehr da. -- Sie sind schon fort. -- Wahrscheinlich schon an den Strand gegangen. -- Wart, ich häng deine Jacke auf, oder ... willst du den Hut aufbehalten? -- (Seine Bewegungen sind unsicher, seine Hände zittern vor Erregung. Er steckt den Kopf durchs Fenster hinaus und ruft): Ottfried! Ottfried! Fräulein Lucie! -- Nein! -- Nun setz dich, Hanna. Das ist unsere separate Klause hier. Olfers hat sie uns eingeräumt, damit wir nicht immerfort von den Gemeinplätzen der anderen Gäste belästigt werden. So! -- (Die Tür ist geschlossen, er schließt auch noch das Fenster.) Jetzt aber bitte ich dich, kläre mich auf.

Hanna

(nur auf dem Rande eines Stuhles sitzend, die Arme ausgestreckt auf dem Tisch ruhen lassend, zerpflückt ein Papier):

Du bist nicht sehr froh, daß ich bei dir bin?!

Schilling:

Ich bin zunächst mal überrascht, liebe Hanna. Das kann schlechterdings auch nicht anders sein, wie du zugeben wirst. Alles andere ist dabei Nebensache.

Hanna

(wie vorher):

Ja, das sagst du -- : für mich leider noch immer nicht.

Schilling:

Hanna, du sollst mich nicht falsch verstehen. Natürlich freu ich mich, daß du da bist, aber sag mal selbst -- erwarten konnt ich dich doch nach dem, was geschehen ist, nicht; und nun gar auf dieser entlegenen Insel. -- (Er reißt plötzlich wieder das Fenster auf und ruft): Ottfried! -- Es war mir, als ob ich seinen Schritt hörte.

Hanna

(wie vorher):

Das klang ja beinah wie ein Hilferuf!

Schilling:

Mich beunruhigt nur, wenn sie nicht Bescheid wissen. Wir pflegen nämlich fast jeden Morgen in die Gegend des Leuchtturms hinaufzugehn, oder treffen uns an der Kirchhofmauer im Kloster, wo man einen umfassenden Ausblick hat. Ich will nur, daß sie nicht auf mich warten.

Hanna:

Laß dich nicht stören, Gabriel, wenn du vielleicht eine Verabredung hast.

Schilling

(gutmütig aufbrausend):

Wie? Was? Du spaßest wahrscheinlich, Hanna.

Hanna

(nach längerem Stillschweigen):

Ja -- um dir nun doch die Aufklärung einigermaßen zu geben, die ich dir vielleicht schuldig bin: wir wohnen zur Kur in Breege auf Insel Rügen drüben. Und zwar war ich letzten Freitag beim Arzt und er also hat uns dorthin geschickt -- und da hörten wir auf dem Schiff ganz zufällig von Ottfried Mäurer, daß er auf Fischmeisters Oye ist. Und da ich schon in Berlin erfuhr, du bist mit Ottfried Mäurer zusammen, so wußt ich auch deinen Aufenthalt.

Schilling

(mißtrauisch):

Der Arzt hat dich nach Breege geschickt?

Hanna:

Ich hatte wieder drei Tage lang Bluthusten.

Schilling

(nervös, als habe er selbst diesen Husten):

Menschenkind! Daß du nicht einmal gründlich Wandel schaffst! Es ist ja horrend, was du armes, schwaches Geschöpf mußt durchmachen. (Er hat impulsiv ihre Hand ergriffen. Leise macht sie sich los und nestelt ihren Hut vom Kopfe.)

Hanna:

Und dabei kam ich eigentlich für den Arzt nicht einmal in Betracht. Ich hatte ihm gar nicht von mir gesprochen.

Schilling

(streicht über das nun freigelegte Haar):

Und also von wem?

Hanna:

Ach, es betraf nur, du weißt, meinen Kleinsten. Es betraf nur ...

Schilling:

Den kleinen Gabriel?

Hanna:

Er kann sich noch immer nicht recht grade aufrichten.

Schilling

(verfinstert sich plötzlich und geht mit düsterem und verbittertem Gesichtsausdruck auf und ab, nachdem er seine Hand von dem Scheitel Hannas genommen hat):

Liebe Hanna, ich habe die Welt nicht gemacht. Es tut mir leid: ich bin für die grausige Spaßhaftigkeit des Daseins nicht verantwortlich. Wenn ich könnte, so würd' ich den kleinen, erbärmlichen armen Schlucker von Jungen sofort gesund machen. Es ist mir unmöglich. Ich kann es nicht! -- Ich habe Tage und Nächte gehabt ... es geht nicht! -- Hanna, ich kann nicht mehr! -- Ich kann nur dem Fatum seinen Lauf lassen.

Hanna:

Es ist gut, daß das Fatum ist!

Schilling:

Wieso?

Hanna:

Man kann auf das Fatum vieles abwälzen.

Schilling

(schweigt, hält mit beiden Händen seine Schläfen und blickt, von Hanna, abgehetzt, verzweifelt, gegen die Zimmerdecke; so stehend, sagt er nach einer Weile):

Weshalb bist du gekommen, liebe Hanna?

Hanna

(wie vorher, ruhig, aber mit bebender Stimme):

Weil ich nicht ohne dich sein kann, Lieb.

Schilling

(aus gepeinigter Seele, wie unter einem neuen Peitschenschlag):

Das ist eine Lüge! Das glaub ich dir nicht!

Hanna

(sehr ruhig, sehr bleich):

Wieso ist das eine Lüge, Liebling?

Schilling

(nach einigem Stillschweigen, mit scheinbarer Festigkeit):

Hanna, dies alles liegt hinter mir. Ich bin soweit ... ich habe es hinter mich gebracht ... mit Gottes Hilfe nun überwunden. Ich habe es mit unendlicher Mühe, sag ich dir, endlich in den gehörigen Abstand von mir gebracht. Es ist nicht anders. Es ist zu Ende!

Hanna:

Gut! (Sie erhebt sich.) Du bist gegen mich eingenommen durch irgendwen. Irgendjemand, den ich nicht fassen kann, hat mich in deine Ohren verleumdet. Gut! Ich werde dir aus dem Wege gehen. Obgleich ich nicht weiß, womit ich gefehlt habe. Aber, Liebling, ich bitte dich, sofern es dir irgend genehm sein sollte: nimm mir den marternden Schmerz der nagenden Grübelei aus der Brust; gewähre mir, wenn es sein kann, die eine letzte Gelegenheit, den Schandfleck von meinem Leibe zu waschen, der ihn in deiner Erinnerung sonst für ewig entstellen wird: Wie habe ich dich belogen, Liebling?

Schilling:

Frage, wo du mich nicht belogen hast! Ich gebe ja zu, daß es für eine Frau, wie dich, für eine so geniale Frau nicht immer so absolut leicht ist, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Aber laß das! Erpresse mir diese bittren Bekenntnisse nicht! -- Es ist nicht schön, wenn die Leute abrücken; glaube mir, es war kein erhabener Moment, als mir der erste den Rücken kehrte -- dann der zweite, der dritte, der vierte Schlaukopf im Künstlerklub. Das ist keine spaßhafte Überraschung, die einem da widerfahren ist! Aber Teufel, was wäre mir schließlich das!? Auch daß ihr beide, dein Herr Gemahl und du, mich in eure östliche Schmutzfinkenwirtschaft eingewickelt habt, in eure kaltblütig vorher abgekartete Trennungskomödie, ist es nicht! Eure Vorurteilslosigkeit ließ das erwarten. Was aber hernach deine wunderbare Liberalität gegen deine Landsleute dir tatsächlich noch möglich machte, das zu berühren fehlt mir der Handschuh auf der Hand.

Hanna:

Verleumdung!

Schilling:

Richtig! (Er zündet die ausgegangene Zigarre wieder an und sagt kalt, mit verändertem Ton): Sag mal, Hanna, wann wirst du abreisen!

Ihn überkommt nun plötzlich eine auffallende Gleichgültigkeit. Er läßt sich auf das Sofa fallen, pafft, und scheint sich ausschließlich seiner Zigarre zu widmen. Hanna dagegen schreitet nun erregt im Zimmer umher.

Hanna:

Dies ist, wie mir scheint, hier ein Gasthaus für jedermann, der die Zeche nicht schuldig bleibt! -- Ich werde reisen, wann mir's beliebt. -- Ich werde keinesfalls vor dem morgenden Tage abreisen! -- Schon deshalb nicht; ich habe eine Freundin aus Rußland mit und kann mich unmöglich lächerlich machen.

Schilling:

Warum hast du die Freundin mitgebracht?

Hanna:

Warum lebst du denn hier mit deinen Freunden? -- Mir liegt nichts an ihr, ich brauche sie nicht. Nun also: Sie hat sich an mich gehangen, sie ist ohne Bekannte in Berlin; -- sie ist eine harmlose kleine Person; und ich bin ein Weib, von allen verlassen. (Sie steht am Fenster und weint leise.)

Schilling

(nach längerem Stillschweigen, leise):

Ich rate dir, wieder zu deinem Mann zu gehn.

Hanna

(fährt auf, mit leidenschaftlicher Heftigkeit):

Nie! Niemals! Warum sagst du das, Gabriel? Wo du doch weißt, wie bis ins Herz hinein mich das kränkt. Ich habe nichts mehr mit ihm zu tun. Ich werde mit meinem Kind trockenes Brot essen, aber niemals werd ich auch nur einen Pfennig bei ihm erbitten gehn. Viel lieber selbst nach Odessa zurück und von dort mit dem Kinde im Arm nach Sibirien.

Schilling

(erhebt sich, seufzt tief und geht umher.)

Hanna:

Ihr quält eine Frau, das vermag nur der Deutsche!

Schilling:

Gut, Hanna, nehmen wir das mal an! -- Jetzt sei so gut, Hanna, beruhige dich! Ja? Laß deinen bewährten Verstand mal aufleuchten! -- Laß mich! Verfolge mich einige Wochen, einige Monate lang nicht! Die Sache ist die: ich bin nicht mehr ich! Mein ganzes Wesen, meine ganze ursprüngliche Art zu sein, ist durch das Leben mit dir umgebildet; glaube mir, daß ich mir selber entfremdet bin. Ich bin alledem entrückt und entfremdet worden, womit und wozu ich geboren bin, und wodurch ich allein existiere und wachse. Das hab ich verloren, das suche ich nun. Und dazu muß ich allein sein, Hanna. Ich muß mich besinnen, ich muß blindlings fast wieder zum Kinde werden! Erst wieder neu gehen lernen, genau wie ein Kind!

Hanna:

O, ich weiß wohl; ich kenne die ganze Intrige. Ich kenne den Mann, der ihr Urheber ist. -- Er hat mich gemieden von Anfang an; schon als du uns das erstemal vorstelltest, wußte ich gleich, er ist mein Feind. -- Nun, ich verlange von ihm nicht Gerechtigkeit -- aber wenn er behauptet, und wenn er sagt, er wolle dein Bestes mehr als ich ... wenn Ottfried Mäurer das sagen will, Gabriel, so achte ich diese niedrige Lügen auch nur im allergeringsten nicht!

Schilling

(preßt ihr Handgelenk, wird von einer anderen Empfindung mehr und mehr überwältigt):

Verstehe! Begreife, geliebte Hanna! Ich möchte schreien ... ich möchte dir klar machen ...

Hanna:

Und ich wünschte, ich wäre weit fort von hier!

Schilling

(in heißer Umarmung):

Bleib! Bleib! Verzeih mir, geliebte Hanna!

Dritter Akt

Zwischen zwei Sandhügeln zieht sich ein breiter Feldweg nach dem Hintergrunde zu, zwischen anderen Hügeln, gegen das Meer hin verschwindend. In dem Winkel, den die ferneren Hügel bilden, steht die See als tiefblaue Wand. Darüber das hellere Blau des wolkenlosen Himmels. Rechts vom Wege, im Vordergrund, liegt ein wenig höher hinauf ein Kirchhof; ein Teil seiner niedrigen Umfassungsmauer ist sichtbar, über die Mauer ragt ein altes Kruzifix. Ziemlich weit vorn steht, in die Mauer eingebaut, die kleine alte, mit Schindeln bedeckte Leichenhalle. Außer einem zerzausten Hollunderstrauch an der oberen Ecke, außerhalb der Mauer, zeigt sich keine Vegetation. Nahe bei diesem Hollunderstrauch ist aus vier Pfählen und einem Brett vor Jahren eine Bank errichtet worden, die stark verwittert, noch steht. Links vom Wege liegt ein imposantes, aber stark verfallenes Mauerwerk, Reste eines alten Klosters. Das besterhaltene Stück ist ein Torbogen aus braun-rötlichen Ziegelsteinen. Einige sehr alte Pappeln und Eschen erheben sich dahinter. Etwas romantisch Düsteres liegt über diesem Gebiet.

Nicht mehr als zwei Stunden sind vergangen seit den Geschehnissen im zweiten Akt.

Lucie liegt unweit der kleinen Bank lesend im Thymian. Mäurer kommt vom Meer her den Weg hervor und zu ihr.

Mäurer:

Bravo! Du bist noch allein, Schusterchen. Puh! Ich fürchtete, es würde womöglich um dich her schon russisch gesprochen. Eine verfluchte Geschichte ist das!

Lucie:

Ich glaube, der arme Schilling mit seinen Damen kommt nicht, er fürchtet sich.

Mäurer:

Wie kann man um Gottes willen ein Weib so wenig im Kusch halten, daß sie einem wie eine Bracke überall auf der Fährte liegt! Die ganze Insel ist mir verleidet. Sie hat längst, kannst du mir glauben, die Witterung, daß wir mit Schilling etwas vorhaben. Das muß sie durchkreuzen. Davon hält sie kein Anstandsgefühl und nichts in der Welt überhaupt zurück. -- Aber sie kann ganz sicher sein, ich habe mir das jetzt auf meinem Gange alles durchüberlegt -- sie hat in mir einen zum letzten entschlossenen Gegner gefunden. Diese Beute jag ich ihr ab.

Lucie:

Vielleicht steht es gar nicht so schlimm, wie du denkst, Ottfried, und Schilling hat Energie genug für sich allein.

Mäurer:

Sobald sich's um Energie handelt, trau ich ihm nicht. Nein! Besonders jetzt nicht. Da dürfte doch ein sehr entschiedenes Nachhelfen unbedingt nötig sein; daran soll es nicht fehlen, ich werde schon nachhelfen. Aber, ob es gegenüber ihrer überlegenen weiblichen Strategie und ihrem Arsenal gegenüber was nützen kann, weiß ich nicht.

Lucie

(lacht):

Du wirst sie mir schließlich noch ganz interessant machen.

Mäurer:

Daß sie interessant ist, leugne ich nicht. Ich muß sogar manchmal an Goya denken. Ich kann mir ohne Schwierigkeit vorstellen, daß sie dort oben (er weist auf den Kirchhof) hinter der Mauer zu Hause ist, in Gräbern haust und in Ewigkeiten verurteilt sein könnte, sich durch heißgesogenes Männerblut für ein grausiges Scheindasein aufzuwärmen.

Lucie

(lachend):

Wenn das wahr wäre, müßte man ihr verzeihn.

Mäurer:

Durchaus nicht. Ich hätschele keine Gespenster.

Lucie:

Wenn ich dir nun aber sage, Ottfried: ich weiß nicht, wieso mir hier alles gespenstisch ist; das Meer am Tage, das ununterbrochene Wuchten und Brausen der Brandung die ganze Nacht! Die Sterne, die Milchstraße ist mir gespenstig! Und ich freue mich, daß alles hier so gespenstig ist! Deshalb lieg ich auch hier an der Mauer so gerne.

Mäurer:

Ich kann dir eine andre Empfindung zugeben, die den meisten Menschen abhanden gekommen ist: das klare Gefühl, das sich hier ununterbrochen meldet, daß hinter dieser sichtbaren Welt eine andre verborgen ist. Nahe mitunter, bis zum Anklopfen. Dieses Gefühl soll dir, wenn du das meinst, erlaubt sein, Schusterchen. Im übrigen aber bin ich für dich verantwortlich, und ich habe eigentlich, als ich dich mit hierher nahm, nicht den Gedanken gehabt, dich in trübe Vorstellungskreise zurückzuverwickeln.

Lucie:

Du meinst, daß mir das Träumen von Mutter was Trübes ist?

Mäurer:

Mit offenen Augen soll man nicht träumen; am hellichten Tage träumt man nicht. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, daß alle diese Gespenster Blut trinken. Und das auf die Dauer auszuhalten, haben wir alle nicht Blut genug.

Lucie:

Du irrst dich, wenn du meinst, daß mir der eigentümliche Zustand, dem ich so gern hier nachhänge, schädlich ist. Er wirkt angenehm; er ist mir wohltätig. Es ist ungefähr so, als wenn jemand durch eine Tür in unbekannte Räumlichkeiten gegangen ist, und während die Tür sich öffnet und schließt, folgt man ihm mit dem Blick und der Seele ein Stück ins Unbekannte hinein.

Mäurer:

Ich weiß, wie sehr dieser Zustand verlockend ist ... dieser Zwischenzustand, könnte man sagen, wo das Schemenhafte sich überall ins reale Leben mischt; wo man mit einem Fuß auf der Erde steht und mit dem andern im Übersinnlichen. Und doch schaudert der Mensch vor dem Eindruck von Todesfällen und den damit verknüpften aufwühlenden Folgezuständen ganz vernünftigerweise zurück.

Lucie:

Es ist mir heiter, es ist mir nicht aufwühlend. Ich wiege mich einfach in dem bestimmten Bewußtsein, daß ich mit Mutter verbunden bin. -- Es hat außerdem alles um mich etwas eigentümlich Interimistisches. Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß das alles: das Rauschen, das Licht, das Lerchengetriller endgültig ist.

Mäurer

(legt den Arm um Lucie):

Aber hoffentlich sind wir beide endgültig.

Lucie:

Meinst du, Liebster? Ich weiß es nicht! (Er küßt sie inbrünstig.)

Mäurer:

Dich nehm ich in alle Ewigkeit über alle Fixsterne und Planeten des Weltalls mit.

Lucie: