Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Part 9

Chapter 93,997 wordsPublic domain

Er setzte seine Uhr ein samt der Kette. Unwillig tickte sie am Tisch. Das Kalb plärrte, der Dullhäubel gewann.

Der Lix ließ das Maul hangen. Auf einmal starrte er wild unter den Tisch. »Hast du nit einen Roßfuß? Du gewinnst ja wie der Teufel selberst. Und noch einmal spielen wir. Meinen Bart setz ich ein, es ist niemanden in der Pfarre ein schönerer gewachsen.«

Mit zitternden Fingern mischte er. Herz war Trumpf.

Der Dullhäubel hielt alle Trümpfe in den Händen und warf sie kichernd auf den Tisch. Dann griff er in das Nähzeug der Wirtin um die Schere.

Der Lix riß die Augen auf wie eine gestochene Geiß. »He, willst du meinen Leib schänden, jetzt, wo du mich ausgeraubt hast?«

Der Dullhäubel ergriff den schönen Schnurrbart. »Halt dich, Lix! Zahl deine Schuld! Zahlen bringt Frieden.« Und ehe sich der Lix aus seiner Versteinerung erholte, hatte er ihm den Bart links und rechts weggeschnitten und ins Kerzenlicht gehalten, wo das Haar mit übelm Geruch verbrannte.

Jetzt heulte der Verstümmelte auf und ward inne, was er verloren hatte.

Der Dullhäubel war mit dem Kalb schon an der Luft, und weil er ein wenig schwankte, riß er einen Stecken aus dem Zaun und stützte sich darauf.

Hoher Sommer war es. Der Hundsstern ging auf, verschlafen schaute der Mond in die Welt.

Im Wald drin rastete der Bauer, er stieß den Stecken in den Grund und band das Zöpfel dran. Dann warf er sich neben dem Weg ins Moos.

Er mochte wohl ein wenig eingenickt sein, als er aufschrak. Eine Dirne kam daher, jung und flink wie ein Wiesenwasser.

»Wohin denn in aller Nacht, du Allerschönste?« fragte er.

»Zum Bader um einen Blutegel,« erwiderte sie. »Ist das der richtige Weg?«

»Schleun dich nit so! Wer ist denn krank?«

»Dem Vater schwärt der Zahn. Du wirst ihn ja kennen, den Lukas. Ein Musikant ist er. Er haltet es nimmer aus vor Weh.«

»Der Lukas soll zum Fuxloher Schmied gehen, der reißt ihm zwei Zähne mit einem Griff,« riet der Bauer.

»Mein Vater hat schon alles versucht. Mit einem glühenden Nagel hat er sich den Zahn ausgebrannt. Es hat nit genutzt. Den Bart hat er sich wachsen lassen gegen das Weh. Mit einem Strick hat er den Zahn dem Stier an den Schweif gebunden; der Zahn hat sich nicht geruckt, eher wär dem Vieh der Schweif abgerissen.«

»Setz dich her, Dirn!« lud er sie ein. »Wie heißt du denn?«

Sie ließ sich zu ihm ins Moos hin, sittsam deckte sie die Füße mit dem Kittel zu. Der Mond lugte ihr in das derbe, frische Gesicht.

»Müd bin ich,« sagte sie, »übers Gebirg hab ich müssen. Mechel heißen sie mich daheim, der Schulmeister hat mich Mathilde Schellnober geschrieben. Und wer bist denn du?«

Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er unschuldig: »Aus Blaustauden bin ich. Ein Tischlergesell. Franz bin ich getauft. Nach dem heiligen Franziskus.«

Er tastete nach ihrer Hand, sie zuckte nicht zurück.

»Bist du brav, Tischler?« fragte sie.

»Freilich. Bei Tag und Nacht bin ich brav. Nur mit den Weibern bin ich ungeschickt. Ich kann nit lügen, drum mag mich keine.« So redete er sanft und traurig.

»Das ist kein Fehler,« tröstete sie.

»Mein Geschäft braucht ein Weib, ich möcht mich selbständig machen. Weißt du mir keine, Mechel?«

»Ich wüßt genug, aber ich sag dir sie nit.«

»Warum denn nit, Mechel?« Er drehte den Kopf wie ein girrender Tauber und schmeichelte: »Du bist so sauber, dein Bild will ich auf alle Truhen malen.«

»Es sind schon noch schönere Dirnen im Wald,« antwortete sie kurz. Unruhig rückte sie hin und her.

Schnell legte er ihr den Arm um die Hüfte.

Sie stieß ihn von sich. »Ich muß zum Bader. Sonst verzieht sich der Weg hoch in die Nacht. Und das hab ich von der Mutter sagen hören, daß die Mannsleut alle falsch sind. Du drehst dich um und liebst eine andere.«

Er legte die Hand auf den Brustfleck. »O, du kennst mich nit. Ich bin treu wie der Tauber der Tauberin.«

Sie musterte ihn scharf. »Ganz jung bist du nimmer,« sprach sie.

»Im besten Saft steh ich, Mechel. Schön bin ich nit, aber heikel.«

»Mein Heiratsgut ist gering, Tischler,« meinte sie zaghaft. »Der Vater ist ein Musikant; was er verdient, vertut er.«

»Wenn du nur eine buchsbaumene Bettstatt mitbringst!« spaßte er. Das Kopftuch zog er ihr herab und krauelte ihr lind das krause Haar.

»Meine Zöpfe sind gelb,« lächelte sie, »ich wasch sie jedes Frühjahr mit Märzenschnee.«

Er packte das baumfrische Kind fester. »Mechel, spreiz dich nit!« bettelte er.

»Du bist aber hitzig, Franz,« lispelte sie verschämt.

Schneidiger griff er nach ihr. Da blitzte das Mondlicht an seinem Finger.

Sie schnellte schreiend auf. »Tischler du tragst einen Ehring!«

Er wurde demütig, seine Stirne krauste sich. »Im Witstand bin ich, Mechel, im Witstand. Der Herrgott hat sie mir hingenommen. Niemand kocht mir, niemand macht mir das Bett.« Die Stimme knickte ihm.

Sie wurde neugierig. »Woran ist sie gestorben?«

»Ich hab gehört, am Rotlauf.«

»Hast du gut mit ihr gelebt?«

»Ich hab nit bei ihr liegen wollen, sie hat kalte Füße gehabt. Ja, ein Wittiber bin ich, und das ist mein einziger Tadel.«

Die lieben, dummbraunen Augen der Mechel glänzten voll Mitleid. Und er merkte es und riß sie zu sich hin und herzte und halste sie, bis sie ganz wirr bat: »Tischler, hör auf! Du bringst mich in die Lieb, und ich bin noch zu jung dazu.«

Droben schoß ein Stern über den Himmel, Johanniskühlein flogen glimmend.

»Laß ab, Tischler! Die Buben werden mir einen ströhernen Mann aufs Dach setzen. Die Schand begehr ich nit. -- Und wenn einer daherkommt!«

»Wer wird denn gerad jetzt unterwegs sein!« tröstete er. »Es rührt und reibt sich nix.«

Sie rang mit versagender Kraft gegen ihn.

»Ich heirat dich ja. Und wenn du mich gern hast, der Himmel fallt nit ein,« zischte er.

Da stapfte es den mondverdämmerten Weg daher, Steine rollten, ein Stecken klang an einen Fels.

Die Mechel sprang auf und rauschte wie eine gehetzte Hirschkuh ins Gebüsch.

Die alte Ulla humpelte mit der Geiß daher.

»Verdammte Nachthex!« brauste der Dullhäubel sie an.

»Verspätet hab ich mich. Die Geiß hab ich zum Bock geführt,« sagte sie bang.

»Geh geschwind heim, dein Kater will gemolken sein. Er gibt dir täglich zwölf Seidel Milch, dir Nachthex.«

»Bauer, du machst mich schwarz,« flehte sie. »Die Kinder spotten mir schon nach ›Hex! Hex!‹ Die Leut speuzen aus vor mir und verriegeln die Tür, wenn ich betteln komm. Und ich bin doch nur ein überständiges Weib und kann nimmer essen, nimmer schlafen.«

»Aber hexen kannst du,« rief er unbarmherzig.

»O du gar schlimmer Mann, was feindest du mich an? Unschuldig bin ich, der Blaumantel kann es mir bezeugen. O die Welt ist voller Angst und Nöten! Und man kann sich kaum aufrecken bei der teuern Zeit, kaum schnaufen kann man.«

Ein toller Schwank war dem Dullhäubel durch den Kopf geschossen. »Hexen kannst du,« bestand er. »Du verzauberst den heiligen Blaumantel selber. Ruf ihn um die Mitternacht. Dann stürzt er dir ins Haus. Versuch es!«

Er rannte in das mondscheinige Gebüsch der Mechel nach. Sie war nimmer zu finden. --

Als er zur Kapelle kam, räusperte es sich droben im Föhrenbaum. Zwei dürre Beine schlotterten vom Ast.

Der Dullhäubel schlug ein Kreuz. »Wer sitzt da droben?«

»Ein Schlaghäusel richt ich auf für den Mondschein,« erwiderte es. Es war der Narr.

Der Bauer atmete auf. »Gehustet hast du wie ein krowatischer Schuster, Zusch.«

»Ich bin Rudolf von Habsburg, der Sohn Josefs des Zweiten,« sagte der Narr feierlich.

»Steig herunter, Zusch, du erschlagst dich!«

»Ich sterb nit. Ich werd hundertfünfundzwanzig Jahr alt und fahr dann gleich ins Himmelreich, weil ich eine reine Jungfrau blieben bin.«

»Die Nacht ist nit warm,« hub der Dullhäubel listig an, »sogar dem Blaumantel scheppern die Zähne vor Kälte.«

Der Narr fuhr wie ein Eichkater von der Föhre herab. »Ich zünd ihm die Kapelle an, dem Heiligen, daß er sich die Händ wärmt,« murmelte er. Stumpf lagerte der Blödsinn auf seiner Stirn, doch seine Augen zündelten.

»Große Hitz tut dem Blaumantel nit gut,« lenkte der Schelm ein. »Trag ihn lieber, wenn der Nachtwächter zwölf schreit, der Ulla in die Hütte und leg ihn zu ihr ins Bett, dort erwärmt er sich gewiß.«

Der Besessene nickte und kletterte in die Kapelle.

Da lachte sich der Bauer in die Faust und ging ins Dorf hinauf und klopfte den Wirt wach. Der tat ihm mürrisch auf, stellte ihm einen gesalzenen Fisch und ein paar Flaschen Bier hin und legte sich wieder ins Stroh.

Der Dullhäubel trank allein im Mondschein. --

Indessen hatte die Ulla ihr armseliges Bett bereitet. Sie lag ohne Ruhe, die Reden des Bauern hatten ihr das kleine Hirn ganz gar und verwirrt. War sie vielleicht doch, ohne es zu wissen, eine Gabelreiterin?

Sie dachte mühselig nach, ob ihr nie etwas zugestoßen, was nicht geheuer gewesen. Aber ihr enges Leben lag schlicht und ohne Rätsel vor ihr.

Lang quälte sie sich ab und flüchtete schließlich vor sich selber in den Schlaf.

Da träumt ihr, sie flöge über das Land hin. Tief unten lagen Kirchturm und Freithof, Häuser und grasendes Vieh. Über den Wald flog sie und hob die Knie hoch, daß sie sich nicht an den Tannenspitzen stoße. An den Nestern streifte sie vorbei, drin die Rabenhennen gluckten, einem hohen Berg zu, und der trug ein Feuer. Mitten im Wald drunten stand ein zerbrochenes Häusel, aus seinem Rauchfang ritt ein rußiges Weib auf einem Schürhaken heraus und ritt neben ihr her, und als die Ulla die andere scharf anschaute, so war sie es selber. Schaudernd schlug sie ein Kreuz. Da stürzte sie strahlenschnell in die Tiefe, schlug auf und erwachte.

Sie besann sich des Traumes. Es war doch lustig gewesen, so ohne Beschwernis zu fliegen und so weit in die Welt hinein zu schauen. Könnte man nur ganz kleinwunderwenig die Hexenkunst treiben, wie viel leichter würde doch das bittere Leben! Ach, sie wollte ja nur der Geiß eine Raufe voll Futter hexen und ein paar Scheiter Holz in den Ofen, wenn der harte Winter draußen stürmt und die Hohlwege zudeckt!

Ein fernes Wachthorn blies vom Dorf her Mitternacht.

Da lüstete es die Ulla, jetzt schnell einmal, nur einmal die Kunst und die Kraft zu versuchen, die ihr der Dullhäubel andichtete, und weil ihr in der Eile nichts anderes einfiel, rief sie einen Spruch, den sie vorzeiten vergeblich gebetet: »Heiliger Antoni, schick mir den Bräutigam in die Kammer!«

Und schon trampelte es draußen. Und ob sie es auch entsetzt mit den Händen abwehrte und den freveln Spruch widerrief, die Tür ward aufgestoßen, ein schwarzer Kerl sprang herein, wälzte ihr etwas Schweres ins Bett und verschwand.

Der Ulla setzte der Herzschlag aus.

Der Teufel hatte sie beschenkt. Also war sie doch eine Hexe. So viele Jahre hatte sie fromm gelebt, und jetzt verfiel sie der Hölle. O was hatte sie getan?!

Ein Schuhu höhnte draußen, der Wind murmelte unheimlich ums Haus.

In ihr schrie es um Hilfe. Ihre Seele hatte ein dünnes, verzagtes, windverwehtes Stimmlein und führte eine unbeholfene Rede.

Alter Leute Seele ist so matt wie ihre Hände. Und das Gebet der Ulla hatte gebrochene Flügel. Ihr war, es dringe nicht zu Gott, es steige nicht über die Tannen hinaus, es falle wie ein Stein schwer und schmerzhaft zurück in ihr Herz.

Neben ihr lag das Sündige, Schreckhafte, Unbekannte, der Zeuge ihres Hexentums. Das Fieber glühte in ihren Fingern, doch sie wagte nicht hinzugreifen.

Der Mond rückte und spiegelte in dem weißen Haar der Greisin. Auf einmal leuchtete er voll über das Bett.

Der heilige Blaumantel lag mit wachen, weit offenen Augen neben ihr.

»O weh, der Dullhäubel hat nit gelogen,« seufzte sie, »Ich bin eine Hex!«

Schwerfällig tickte die Uhr, und da ihr Zeiger immer wieder zurücksank, wußte das Weib nicht, ob der Morgen schon nahe sei. Furchtsam schaute sie den an, der ihr Bett teilte.

Als es graute, spannte sie die Geiß vor ein Wägelein, lud den Heiligen auf und schaffte ihn zurück in die Kapelle. -- -- --

Der Mond grinste.

Um den Dullhäubel drehte sich die Welt wie ein Rad. Er lehnte sich an einen Baum und horchte. Irgendwo quackten die Frösche.

»Ihr Grillnöder, was singt ihr?« schrie er. »Ihr könnt es ja nit.« Er fing an zu quacken, die Frösche ein Besseres zu lehren. Doch sie ließen sich nicht schulmeistern.

Dann heulte er auf wie ein Mondscheinhund und weckte alle Kläffer und Köter rings in den Einschichten, daß sie zornig bellten oder in gezogenem Geheul klagten und die Leute in den Betten ängstigten.

Die Kapelle war leer. Da johlte der Trunkene: »Herrgott, schau herunter! Dein Heiliger schlaft bei einem alten Weib.«

Der Wendehals auf der Fähre drehte den Kopf nach dem kreisenden Himmel. Ein Schuhu kreischte. Ohne Rast gurgelte der Wolfsbach.

Wie der Dullhäubel neben dem Wasser dahintaumelte, rutschte er aus und plumpste hinein. Die kühle Flut wusch ihm den Kopf und ernüchterte ihn. Er blies, ächzte und schnaubte und kroch ans Ufer, den Blaumantel verwünschend, dem er das Unglück zuschrieb.

Als er sich wieder auf den Füßen fühlte, war sein erster Gedanke: »Heut hau ich einmal mein Weib!«

Er kam heim und tappte durch den Hof ins Vorhaus. Die Stubentür aber war versperrt; ein Strohsack lag davor, der schien für ihn bereitet.

Der Dullhäubel rüttelte. »Ogath, ich sag dir es im guten, tu auf!«

Drin rührte sich nichts.

»Bäurin, tu auf! Tu auf, Bäurin! Ich bin es. Der Dullhäubel ist es. Dein Kasper,« schmeichelte er. »Weib, laß dir sagen, riegel auf!«

Er drängte das Ohr ans Schlüsselloch. Kein Hauch war zu hören.

Da kam ihm die Hitze. »Tu auf, Weib, sonst hol ich die Hacke und spreng die Tür auf!«

Drin meldete es sich ruhig: »Wag es! Den Kittel schlag ich dir um den Schädel, solang ein Fetzen dran ist. Draußen hast du den Strohsack.«

»Laß mich doch nit zugrund gehen!« schluchzte er. »In den Bach bin ich gefallen, waschelnaß bin ich.«

»Warum bist du nit ersoffen?« sagte sie aufgebracht. »O mein gottseliger Mann, der Gid, ist tausendmal besser gewesen als du! Das ganze Geld versäst du im Saufhaus.«

»Herr, erbarm dich meiner!« murmelte er wie bei einer Litanei.

»Den Hof versaufst du, deine Kinder werden einmal nacket gehen!«

»Herr, erbarm dich meiner!« antwortete er dumpf.

»Die Kellnerinnen reißt und rumpfst du herum.«

»Herr, erbarm dich meiner!«

»Nacht für Nacht reitest du die Zung in die Schwemm,« eiferte sie. »Vertu nit alles, daß du einmal ein anständiges Begräbnis kriegst!«

»Begraben muß ich werden. Das hab ich noch nie gehört, daß einer eingeackert worden ist.«

»Schäm dich! Der Dunst und Dampf redet aus deinem Hirn.«

»Ich schäm mich in den Kniebug hinein, da sieht es niemand.«

»Hast du das Kalb in den Stall eingestellt? Hast du es nit verjuxt?«

»Jesmaria, das Kalb hab ich im Wald vergessen!« rief er erschrocken. »An den Zaunstecken steht es gebunden.«

»Himmlischer Vater, da haben wir wieder den Schaden! O wenn das mein Gottseliger erlebt hätt!«

Die häufige Mahnung an den Gottseligen verdroß ihn. Er wollte überhaupt für heute die Zwiesprache enden. Drum sagte er: »Weib, ich bet jetzt. Stör mich nit! Du begehst eine Todsünd.«

»Du und beten?!« spottete sie. »Ja sausen und brausen laßt du es, dein Gut verstreust du. Und ich muß mich mit den zwölf Menschern durchfretten.«

Er richtete sich auf. »Weib, reiz mich nit! Wenn ich wild bin, ist der Zorn auch gleich da. Wer macht uns arm? Du mit deiner Fruchtbarkeit. Was du treibst, ist zuviel. Und nit einen einzigen Buben, lauter Menscher! Die kannst du dir nit genug kriegen, zu Dreikönig eins, zu Allerheiligen wieder eins.«

»Du Schandvogel!« schalt und schelmte sie. »Du Rabenseel!«

Er blieb nichts schuldig. »Du Truchtel, sei still!«

Ein Schimpf rankte sich in den andern.

»Du Flank du, du Schlank du!«

»Du Runzel, du Schlunzel!«

»Du Sauftümpel, du Galgenbraten!«

»Du Zahnraffel, du Schürhaken!«

»Du Abfaum, du alter Schepperer!«

»Du Schebrelle, du Rabatsche!«

»Du lasterhaftes Bockfell!«

Er gab nach. »Weib, wie einen Pudelhund beutelt es mich vor Kälte. Erbarm ich dir nit? O an dir erleb ich keine Freud, jeden Schluck in die Gurgel zählst du mir!«

Murrend warf er sich auf den Strohsack.

Der reichliche Trunk wirkte, und der Dullhäubel schlief ein.

Kaum hatte er die Augen zu, so beugte sich der Blaumantel über sein Bett, daß ihm der hölzerne Leib krachte.

»Dullhäubel,« wispelte er, »ich bleib nimmer in der Einöd. Es sind mir zu viel Narren und Diebe da.«

»Ich trag dich nach Blaustauden,« stöhnte dienstwillig der Träumer.

»Zu den hochnasigen Heiligen in die Kirche will ich nit,« erwiderte der Blaumantel, »die Goldenen und Silbernen verachten meine hölzerne Kutte. Schieb mich ins Dorf! Neben dem ›pfalzenden Hahn‹ will ich sein.«

Gleich stand der Dullhäubel hinter der Kapelle und schob an und stemmte sich daran, es war eine schwere Plage, aber die Kapelle rückte nicht vom Ort, und der Bauer schnaufte und ein scharfer Durst peinigte ihm Zunge und Gaumen und brannte ihm tief in den Schlund hinab, und sogar Magen und Gedärme dürsteten ihm und lechzten nach einem Trunk. Und wieder warf sich der Dullhäubel gegen die Mauer, drängte und schob. Den Schweiß, der ihm von den Brauen tropfte, fing er mit dem Maul auf, um sich zu erquicken. Doch die Kapelle saß wie ein Fels in der Erde. Da bleckte der Blaumantel wild lachend die Zähne, schwang sich aufs Dach und ritt droben wie ein Reiter auf dem Roß und schrie: »Wieh!« Jetzt rührte sich die Kapelle und fuhr wie ein schneller Wagen bergan.

Der Dullhäubel erwachte, staunend und blöd hockte er auf dem Strohsack.

Den peinigenden Durst zu löschen, richtete er sich auf und tappte in den Keller, wo auf einer Bank die Milchtöpfe standen, ergriff einen davon und soff. Er mußte saufen, süß oder sauer, Kuhmilch oder Geißmilch, es galt ihm gleich. Er soff wie ein glühender Stein. In endlosem Zug schlampte er den Ton bis auf das Neiglein aus, wischte sich schnaufend den Bart und taumelte satt hin aufs Stroh. --

Der Hahn krähte, der Tag graute an. Schon rumorte die Bäurin in der Stube.

Mit einem schrecklichen Druck im Magen erwachte der Dullhäubel. Er stützte sich ächzend, riß das Maul auf, und ein wilder Blutguß schoß auf das Pflaster des Vorhauses.

»Bäurin! Bäurin!« winselte er. »Zu Hilf, schnell! Aus ist es! Dahin geht es!«

Als sie aus der Stube kam, brach ihm wieder das Blut in dickem Strahl aus dem Hals. Sein Auge stierte, Bart und Brust und Hände, Strohsack und Estrich, alles war rot besudelt.

Die Ogath rang die Hände über dem Kopf. »Himmlischer Vater, er hat den Blutsturz!«

»Rühr dich!« stöhnte er. »Den Pfarrer hol, den Bader! O mir ist hundselend! Den Pfarrer schickt mir, ich bin ein großer Sünder. O, daß ich gar so viel Blut hab!«

»Den Bauch reib ich dir mit Kampferöl,« rief sie. »Ich koch dir ein Helfkräutel, einen Tausendguldenkrauttee, der hilft.«

»Nix hilft,« schrie er ungeduldig, »den Geistlichen hol!«

Sie rannte die Bodenstiege hinauf und weckte die Kinder. »Wabel, Reigel, Rosel, Portiunkel, Stasel, Kathel, Liesel, Urschel, Mariandel, Kundel, Luzel, Stanzel! Geschwind, der Bauer geht ein!«

Die zwei ältesten Töchter liefen nach Blaustauden.

Die Wabel klopfte das Pfarrhaus wach. »Hochwürden, der Vater hat Blut lassen. Die Mutter laßt bitten, Ihr sollt ihm die Seel aussegnen. Den Flederwisch nehmt auch gleich mit, daß Ihr den Bauer besprengt!«

»Wenn es den letzten Schnapper giebt, kommen sie daher,« zürnte der Geistliche. »Sonst sieht man manchen nit in der Kirche. Es stehen in der Meß oft mehr Heilige als Leut umeinander.«

»Rennt, Pfarrer! Das Blut schießt ihm heraus wie gestern der abgestochenen Sau.«

Der Herr Nonatus war ein seeleneifriger Mann. Er sagte: »Ich geh gleich mit. Der größte Sünder ist mir am allerliebsten, und der Dullhäubel zahlt sich aus. Meßner, läut das Speisglöckel!«

Die Reigel weckte den Bader.

Der bärbeißige Wundarzt Gottfried Mehlstäubl nahm gleich eine Flasche Blutegel mit.

»Was ist denn los mit dem Dullhäubel?« fragte er. »Hat er wieder einen Kapuzinerrausch heimgebracht? Hat er sich die Wampe überfressen? Ist ihm der Darm auseinander gesprungen?«

»Blutkrank ist er,« weinte die Reigel. »Einen ganzen Zuber voll Blut hat er gespieben. Jetzt lechzt er.«

»Heul nit, Dirndel, ich helf ihm. Ich hab schon andern Leuten geholfen. Unserm Burgermeister hab ich den Bandwurm abgetrieben, fünfzig Ellen lang.« --

Derweilen lag der Dullhäubel blutig im Stroh. Er hörte in der Ferne das Glöckel, dessen Geläut den Weg des Pfarrers begleitete. Er betete: »Heiliger Blaumantel, liebreicher Fürbitter im Himmel, steh zu mir! Wenn ich wieder gesund bin, stift ich dir eine Kerze, so lang wie eine Deichsel, vor deiner Kapelle soll sie brennen Sommer und Winter, Tag und Nacht.«

Der Grazian, der wegen seines Alters als Meßner abgedankt worden war, fand sich ein, und nicht ungern sah er die letzte Stunde des Schelmen nahe. Denn die verweste Geiß stank ihm noch immer aus dem Magen, und er hatte den Streich nie verwinden können.

»Schau, schau, Dullhäubel,« sagte er, »gestern hast du noch heimgejodelt von der Siebenkittelwirtin, und heut gehst du auf dem letzten Gras. ›Gestern im Trab, heut ins Grab‹, heißt es. Du schaust aus wie der linke Schächer.«

Der Bauer griff an die Brust, die Zunge schlotterte ihm. »Mir wird ganz herzschlächtig.«

»Zieh die Strumpf und die Schuh aus, Dullhäubel, und renn der Höll zu! Wart nit auf die heilige Wegzehrung, sie hilft dir nimmer. Ja, den Tod betrügst du nit, du Sündenbock, du Leutfopper, du Bauchbruder, du Trost dem Teufel! Dahin mußt du mit deinen Rieben und Ränken. Ich seh dich schon schneeweiß in der Truhe.«

»Ich sterb nit,« kreischte der Dullhäubel auf.

»Rümpf dich und wind dich, du kommst ihm nit aus, dem Sensenwetzer. Im Sündenstank fahrst du hin.«

»Jedes Haar wirft seinen Schatten,« wehrte sich der Bauer. »Warum soll denn gerad ich keinen Fehler haben?!«

Unbarmherzig predigte der Meßner: »Jetzt liegst du auf der Streu, jetzt schießt das Blut heraus, das wilde Dullhäubelblut, das kein gut getan hat sein Lebtag. In einer kurzen Weil tümmelt der Teufel vor der Tür und zerrt dich davon bei den Füßen. In die Höll strudelst du hinab.«

»Laß mich aus, Grazian, verschon meine Sterbensnot!«

»Ja, mein lieber Freund, jedem wird gelohnt nach seinen Werken. Wenn der Teufel herwürgt mit offenem Schlund und hernach deine Seel zwischen den Zähnen hintragt, ich trau mir es gar nit zu sagen, wohin! Ja, mein lieber Freund, wenn der ganze Himmel papieren wär, und auf jedem Stern säß ein Schreibersknecht, sie könnten allsamt gar nit beschreiben, was eine Seel leidet im ewigen Pech.«

»Meßner, das weiß ich. Ich dank dir.« Der Schweiß brach dem Bauer aus.

Die Ogath trat aus der Stalltür. »Der Didelmann hat uns das Kalb daher gebracht, gottlob,« sagte sie, »es ist ganz wild.«

Wieder hub der Grazian an: »Es ist schad, Dullhäubel, daß Gott dich mit so einem guten, wirtschaftlichen Weib versorgt hat!«

»Bäurin, ich will gut tun, wenn ich wieder aufkomm,« gelobte der Dullhäubel.

»Ja, wenn die Zaunstecken blühen,« sprach sie unwirsch. »Du tätst es wieder treiben wie ehmals, die Händ schonen, die Weiber verfolgen, Vieh und Leut foppen. Ausgestanden hab ich genug mit dir. Ein Selbstler bist du gewesen, hast an Weib und Kind nit gedacht und an die Gemeinde nit, nur an dich und allweil nur an dich. Und eine lederne Röhre hast du im Hals, die brennt und muß feucht gehalten werden. So, jetzt hab ich dir es gesagt.«

»Gelts Gott, Bäurin, gelts Gott! Du hast die Wahrheit geredet,« wispelte er. Die Augen fielen ihm zu.

»Heilige Mutter Anna,« schrie der Grazian, »er wird schon blau! Der Teufel schreit juchhe.« Er stieß ein Gebet aus. »Lasset uns beten zu den heiligen drei Königen, sie sollen ihm den Weg weisen, er muß in die Ewigkeit wandern.«

Jetzt kam der Pfarrer mit dem Bader daher, und die Dirnlein drängten nach, neugierig und furchtsam.

Der Bauer tat die glasigen Augen auf und röchelte: »Pfarrer, Bader, der Tod geht mir zu.«

Der Wundarzt Gottfried Mehlstäubl staunte: »Sakerlot, du hast unglaublich viel Blut gekotzt! Mensch, mußt du vollblütig sein! Wo fehlt es denn? Hast du ein kaltes Fieber oder ein glosendes? Schüttelt es dich? Reißt es dich? Kratzt dich der Hals? Ist dir das Zäpflein gefallen?«