Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman
Part 8
»Und noch eins, Kasper. Du bist jetzt ein gestandener Mann. Ein Weib tut dir not. Mit Schmerzen hab ich dir im Sommer zugeschaut, wie du den Graserinnen keine Ruh gegeben hast. Leugn es nit! Ich rat dir, nimm dir ein gutes Weib, die hausen kann! Wähl nit zu lang! Wer gar zu lang unter den Schaffen umgreift, erwischt zuletzt das Dreckschaff. Heirat nit so eine Flankin, die sich aufputzt und aufstutzt und sich am Werktag Löcklein und Schnecklein dreht! Nimm dir eine wie dem Mußmüller seine Wittib! Versprich mir es um des Hofes willen!«
Er reichte ihr die Hand, und dicke Zähren rollten nieder auf seine hirschledernen Hosen. »Ich versprech es dir. Alles Gute versprech ich dir.«
»Was heunst du denn?« beschwichtigte sie ihn. »Ich hab mir mit drei Dullhäubeln genug ausgestanden. Vergönn es mir, daß ich abgestandenes Weib aus Zeit und Leid in die ewige Freud hinfahr!«
An einem glasheitern Herbsttag, die elftausend Jungfern spannen im Himmel die Altsommerseide, und gelbes Laub mengte sich in das müde Grün, da legte man die Altbäurin ins Grab.
* * * * *
Jetzt ging es auf dem Hof nimmer schön zu. Der Dullhäubel sorgte sich um nichts und führte seinen schlechten Wandel weiter. Knechte und Dirnen wurden säumig, da sie die Augen der Altbäurin unterm Rasen wußten. Das Vieh röhrte vergeblich um Futter, der Stall wurde nicht ausgemistet, das Korn nicht gedroschen, das Haus war voll Schmutz.
Die Sanna, die Mutter des Bauern, wärmte sich den Rücken an dem grünen Kachelofen, schlief und aß und schlief wieder ein. Das Schicksal des Hofes rührte nicht an ihre schläfrige Seele.
An einem Wintertag sagte sie zum Dullhäubel: »Bub, jetzt bin ich vierzig Jahr in der Fremd, jetzt verlang ich wieder heim zu meinen Leuten.«
»Warum, Mutter? Es fehlt dir ja nix bei mir.«
»Ich hab mich in euer Leben da nie recht eingewöhnt. Und ich will mich von der Fremd ausrasten. Am Sonntag führst du mich heim.«
Sie ließ sich nicht halten, und er hielt sie nicht. --
Am Tag Pauli Bekehrung zog sich der Dullhäubel die Pelzhaube über die Ohren und schirrte das Roß vor den Schlitten. Darauf packte er Gewand und Federbett der Mutter und setzte sie warm darein. Nun fuhren sie bergan.
Hoch noch über dem hochgelegenen Grillenöd mitten in Geröllhalden und struppigen Wäldern war die Heimat der Sanna, das Siebenschläferhaus geheißen, die einsamste Einschicht im Gebirg.
Der Dullhäubel deutete mit der Peitsche hinauf. »Wird es dir nit zu rauh droben sein, Mutter? Droben ist es so kalt, daß sie am Tag vor der Sonnwend zum letztenmal und am Tag nach der Sonnwend zum erstenmal heizen.«
Der Hagbutzdorn brannte im blanken Schnee, schlohweißer Nebel wob in den Tälern drunten. In den Ebereschen schnabulierten bunte Pestvögel, und Elstern schätterten durch die gläserne Stille.
An einem Bildstock war zu lesen, daß an selber Stelle im Hochsommer ein Kohlenbrenner erfroren war. --
Der Siebenschläferhof war schwer verschneit. Keine Menschenspur führte hin, nur hie und da eine Hasenfährte oder ein Fuchsentritt. Die Fenster waren unter den angeflogenen Flocken erblindet.
»Der Hof ist ausgestorben,« murmelte der Dullhäubel. »Kehren wir um!«
Doch die Sanna deutete auf den Rauchfang. Ein ganz dünner, schier luftblauer Rauch stieg gleich schüchternem Atem auf und meldete Leben.
Der Bauer klopfte an die Tür, an die Fenster. »Auf, der Dullhäubel ist da!«
Es rührte sich nichts.
Schließlich trommelte er mit einem Prügel an die Tür, daß der Wald rings hallte.
Endlich schlurfte es drinnen im Flur.
Die Tür wurde aufgeriegelt. Ein zottiger, graubärtiger Mann, die Augen voll Schlaf, trat auf die Schwelle und fragte: »Was -- was kommst du daher in dem stumpfen Wetter? Was -- was willst du mitten im Winter?«
»Darf man dich nur im Sommer heimsuchen, Vetter?«
Der Alte gähnte: »Schlaft der Igel, -- schlaft der Bär, - schlaft der Ratz. Die rechten Leut -- schlafen -- im Winter.«
Drin in der Stube schliefen sie im Bett, auf dem Ofen, auf Bank und Truhe, die Bäurin und die Kinder.
»Grüß dich Gott, Bruder!« sagte die Sanna.
»Dich -- dich auch!« antwortete er und legte sich auf die Ofenbank. Die Erinnerung arbeitete schwerfällig in seinem Hirn.
»Vierzig Jahr haben wir uns nimmer gesehen,« meinte sie, »das ist lang.«
»Das -- das ist lang,« wiederholte er träumerisch.
»Mein Bauer ist gestorben. Der da ist mein Bub, der Kasper.«
»Der -- der Kasper,« kam der Widerhall.
»Jetzt frag ich, ob ihr mich daheim laßt bei euch,« sagte die Sanna.
Der Alte wies auf eine leere Truhe. »Leg -- leg dich nur nieder!«
Der Dullhäubel wurde ungeduldig und schrie: »Ihr habt einen seltsamen Hausbrauch. Steht auf, Freundschaft! Kocht auf! Uns hungert. Und schlafen wollen wir nit.«
Da regten sich die Schläfer, sie hoben die wirrhaarigen Köpfe und sperrten tölpisch den Mund auf.
»Ist -- ist der Sommer da, weil -- weil der Star so hell pfigerzt?« lallte einer der Buben.
Die Muhme kroch aus dem Bett und schob einige Knorren ins Feuer, da wachte auch der Ofen auf und murmelte in sich hinein.
»Schlafen sie denn den ganzen Winter, Mutter?« staunte der Dullhäubel.
»Was sollen sie Schöneres tun, wenn das Dreschen vorbei ist und sie die andere Arbeit vollbracht haben?« antwortete die Sanna.
Die Muhme schob einen Topf auf die Platte und nickte. »Jetzt -- jetzt ist die ruhsame Zeit.«
Die aufgeschossenen Burschen und die stämmigen Dirnen fletschten lachend die Zähne, stießen sich an und deuteten mit den Fingern auf den Dullhäubel.
Er fragte die zwei Jungfern nach den Namen.
»Bi -- bi -- bibiana,« stammelte die eine.
»Ju -- ju -- juliana,« die andere.
»Und wie schreibt ihr euch, Buben?«
»Zy -- zy -- Zyprian.«
»Bartholo -- mä -- mä.«
»Ihr -- ihr -- habt eure schönen Namen noch nit gut eingelernt,« spottete der Vetter aus Fuxloh.
Die Muhme entschuldigte ihre Brut. »Es -- es handelt sich alleweil nur ums erste Wörtel, um -- um den Anlauf. Magst -- magst du keine heiraten, Kasper, von -- von meinen Menschern?«
Das Gewölk der heißen Suppe flatterte über den Tisch, daran die Siebenschläferleute mit breiten Ellbogen lümmelten. Sie holten die Blechlöffel hervor, die unter der Tischplatte an Riemen hingen, und dann lallte die ganze stotternde Sippe den Engelgruß. Die Alte fuhr mit einer zweizinkigen Gabel in die Schüssel und rührte um, während die andern die Suppe so ungestüm kalt bliesen, daß sie über den Rand wallte.
Dem Dullhäubel kam ein zorniges Grausen an, er stand vom Tisch auf und ging zu seinem Schimmel hinaus und schaute ihm zu, wie artig er sein Heu fraß.
Erst als er meinte, daß drinnen die Mahlzeit verschlungen sei, traute er sich wieder hinein.
Die Siebenschläferleute leckten eben die Löffel ab, trockneten sie am Ärmel und hängten sie wieder unter den Tisch.
»Jetzt -- jetzt schlafen wir weiter,« murmelte der Vetter.
»Mutter, bleibst du wirklich da?« fragte der Dullhäubel.
Sie nickte gähnend.
Er griff nach der Tür. »Also gute Nacht, Freundschaft! Schlaft euch gut aus! In vierzig Jahren such ich euch wieder heim.«
Und er sprang in den Schlitten und schnalzte mit der Geißel. »Renn, Schimmel, renn zu!«
* * * * *
Es war Feierabend.
Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf hämmerte noch dreimal auf den leeren Amboß, hernach räumte er sein Werkzeug auf, blies die Laterne aus, die von der gewölbten Decke hing, und reckte wohlig die langen, ausgearbeiteten Arme.
Da stand der Dullhäubel im Mondschein an der Tür.
Der Schmied mochte ihn nicht leiden. Als er einmal mit seinem Weib gestritten hatte, war der Dullhäubel wetterläuten gerannt.
»Du könntest auch bei Taglicht kommen,« greinte der Sulpiz, »Soll ich dir den Schimmel beschlagen? Oder das Hirn?«
»Plaudern möcht ich mit dir.« Der Bauer redete süß wie eine Flöte. »Nur plaudern. Die Zeit wird mir zu lang in der Finsterweil. Und von dir lernt man was. Du bist ein gewitzigter Mann, hast schon drei Weiber begraben.«
»An die Wand hab ich sie gemalt, die Gespenster, zum ewigen Andenken,« lachte der Schmied und trat den Blasbalg. In der Esse loderte es auf und erhellte das Gewölb. Drei greuliche Weiber waren mit Ruß an die Mauer gezeichnet: sie hatten Krallen an den Fingern und Fangzähne im Maul, glotzende, schlimme Augen und zerstrüpptes Haar. Es war ein übler Anblick.
»Mit welcher von den dreien hast du es am schönsten gehabt?« fragte der Dullhäubel.
Der Sulpiz Schlagendrauf griff auf ein Mäuerlein und brachte drei Holzäpfel.
»Beiß in den hinein!«
Der Bauer kostete. »Pfui Teufel, ist der sauer! Den Atem nimmt es mir.«
Der Schmied hielt den zweiten Apfel hin. »Versuch den!«
»Das Maul reißt es mir auseinander, den Schlund zerschneidet es mir!« fluchte der Dullhäubel.
»Friß den dritten!«
»Gelts Gott tausendmal, Sulpiz! Ich kann nimmer. Ich mag mich nit vergiften.«
»Verstehst du jetzt, Junggesell, wie es mir notgedrungenem Ehemann dreimal ergangen ist? Die erste ist lang und hager gewesen, die zweite kurz und dick, die dritte nit klein, nit groß, nit dick, nit dünn. Es ist aber ein Teufel wie der andere gewesen. Das bravste Weib heißt Luder, den andern ihre Namen darf ich nit verraten, sonst zerreißen sie mich.«
Ein altes Männlein schlüpfte in die Werkstatt herein.
»Grüß Gott, Hammer und Amboß! Ich hab gerad jetzt dein Feuer aufleuchten sehen. Eine Bitt hab ich.« Er knöpfte den Brustfleck auf und zog einen Ziegel herfür. »Wärme mir ihn, Schmied! Ich trag allweil den lauwarmen Ziegel am Bauch, das tut mir so gut für mein inwendiges Leiden.«
Der Sulpiz Schlagendrauf legte den Ziegel an die Glut. Und wieder in die alten Zeiten versunken, brummte er: »Das größte Leiden ist ein Weib. Es ist ein Höllhaken, es zischt wie das Fegfeuer.«
Das Männlein luchste hin. »Willst du wieder heiraten, Meister Ruß? Oder du, Dullhäubel?«
»Ich nit,« ächzte der Schmied.
»Ich schon gar nit, Didelmann!« rief der Dullhäubel.
»Kasper, dich juckt es,« redete der Sulpiz. »Aber hör auf mich! Es gibt keinen Mann, der das Heiraten nit tausendmal bereut. Der Pfarrer Hurneyßl selber hat gepredigt, daß so mancher bei seiner Hochzeit glaubt, er greift nach der Zuckerbüchse, aber derweil erwischt er die Pfefferbüchse.«
»Der Pfarrer hat leicht schelten,« antwortete der Dullhäubel, »der hat eine steinrabenalte Köchin bei sich.«
»Kasper, du bist ein lediger Bursch, du kennst die Weiberleut nit. Die kennst du erst, wenn du mit ihnen verheiratet bist. Vor der Hochzeit ist eine jede wie eine zugedeckte Schüssel.«
Der Didelmann nahm den Ziegel vom Feuer, schob ihn wieder unter den Brustfleck und erzählte dabei: »Anno eins, wie der große Wind gegangen ist, haben wir einen Bären gefangen. Der hat uns viel Schaden getan, drum haben wir uns beraten, was die grausamste Straf für das Vieh wär. Da ist ein uralter Mann aufgestanden, Irg Kolroß hat er sich geheißen, und der hat gesagt: ›Laßt den Bären heiraten!‹ Der Alte ist nit der Dümmere gewesen.«
Kichernd schlüpfte der Didelmann aus dem Gewölb.
»Der eine redet hü, der andere hott,« seufzte der Dullhäubel, »ich kenn mich nit aus mit dem Heiraten.« --
Das Frühjahr kam, die Bauern legten die Fäustlinge ab und schnitten das Moos von den Bäumen. Das Gras nahm zu. Da rannen die Maibrünnlein, der Hahn balzte und krugelte, der Wendehals rief schmachtend »woid, woid« und verrenkte sich vor Verliebtheit schier den Kragen. Der Guckauf raufte und hochzeitete. Lau wurden die Nächte, und der Mond schaute scheinheilig drein.
Wenn der Dullhäubel nachts auf den Schemel stieg, das hochgerüstete Bett zu erklettern, seufzte er: »Das Himmelbett ist mir viel zu breit.« Er wälzte sich ohne Schlaf, und das Blut zuckte ihm. --
Einmal ging die Spuchtin an seinem Hof vorbei, sie schleppte einen Korb Klaubholz aus dem Vogeltänd.
Der Dullhäubel stürzte ihr nach, den Atem verschlug es ihm schier. »Holzhackerin, komm heut noch einmal in den Wald, ich schenk dir einen dürren Baum. Komm aber allein! Ich helf dir ihn abschneiden.«
Sie sah ihn mitleidig an. »Bauer, ich dank schön für den Baum. Ich hol ihn morgen mit meinem Mann. Aber du, Bauer, brauchst eine, die dir das Bett schön macht und emsig und zutätig deine Wirtschaft zusammen haltet. Heirat bald! Dann wachst dir ein nagelneues Herz.«
»Ich weiß mir keine,« sprach er betrübt.
»Nimm die Ogath!« --
Der Dullhäubel träumte wieder schwer. Ein sagenhafter Urvater erschien ihm, auf dem Kopf eine kleine rote Haube mit einer baumelnden Dulle daran, und der gebot ihm, das Geschlecht der Dullhäubel schleunig fortzupflanzen.
Und wenn der Bauer nächtens heimkam und der Mond im Vollschein stand, da war ihm, es stünden auf dem Lichtboden des Gehöftes die verstorbenen Vorfahrer Pankraz, Servaz und Bonifaz, die Bärte bereift wie die Eismänner, und der Isidor mit der kupfernen Nase, und sie drohten herab auf den unfruchtbaren Nachkömmling.
* * * * *
Die Ogath verlebte trübe Zeiten.
Der alte Müller war jetzt Herr im Haus. Mit kalten Augen, mürrischem Maul schlich er durch die Mühle und raunzte den lieben Tag über Wind und Wetter, es mochte heiter sein oder trüb. Und immer härter geizte er, sie und ihr Kind sollten nur Erdäpfel essen und sauere Milch, und wenn sie im Winter die eisige Stube heizen wollte, riß er ihr das Scheitlein Brennholz aus der Hand.
Die Mühle ging immer öder und grämlicher, ewig gleich hob sich das Geschäufel aus der Tiefe, mühselig, in schwerfälliger Gewalt, grünlich triefend, und versank wieder.
Immer öder kamen und sanken der Ogath die Tage. Sie wurde des Lebens verdrossen.
Als sie dem Alten einmal vorwarf, er lasse sie und das Kind hungern, lachte er hämisch. »Seltsam, seltsam, wie malefizblond dein Dirnlein ist! Schier wie dem Dullhäubel sein Bart.«
Da ward sie still und schaute das Kind lange in Gedanken an.
Am selben Tag noch machte sie sich gegen Kaltenherberg auf, sie wollte sich mit den Eltern beraten. In der Mühle hielt sie es nimmer aus.
Am Weg begegnete ihr der Narr. Eine bunte Schürze, die er um den Hals gebunden hatte, hing ihm am Rücken nieder. Er breitete die Arme aus wie der Pfarrer am Altar und sang lateinisch.
Die Ogath duckte sich hinter einer Kranwitstaude. Sie wußte, daß er kürzlich seine Mutter gezwungen hatte, in den Kleiderkasten zu steigen, den Kasten hatte er dann umgeworfen und die Frau drin besungen wie eine Leiche im Sarg.
Doch seine gefährlichen Augen hatten die Ogath schon erspäht. Mit ein paar lächerlichwilden Sprüngen stand er vor ihr und krächzte: »Knie dich hinein in den Dorn, Maria!«
Zitternd folgte sie ihm. Sie fürchtete die flackernde Unruhe in seinem Blick. Und als sie mitten im stechenden Busch kniete, raunte er: »Jetzt bin ich der Erzengel. Ich will dich segnen unter den Weibern. Aber zuerst schneid ich dir das sündhafte Haar ab.«
Er wetzte sein Messer am Knie.
Furchtbar schrie sie auf vor Angst. Was mochte der irre Mensch vorhaben?
Da kam der Dullhäubel den Hang vom Vogeltänd herunter gelaufen. Von weitem schrie er: »Stocknarr, ich erschlag dich!«
Der Zusch warf sich ihm zu Füßen und winselte, er möge ihn leben lassen.
Totenblaß kroch das Weib aus dem Strauch. »Händ und Knie sind mir wund, der Kittel ist zerrissen,« weinte sie. »Alle Bitternis muß man sich gefallen lassen, wenn man keinen Mann mehr hat. Fallt ein Stein vom Himmel, so fallt er auf eine Wittibin.«
Der Dullhäubel senkte die Augen. »Wie geht es dir, Ogath? Ich hab dich schon lang nimmer gesehen.«
»Es ist redlich drei Jahr her, daß ich im Wittibstuhl sitz,« erzählte sie. »Dem Alten muß ich den Mühlknecht machen, und in der Nacht kann ich nit schlafen, so arg treiben es die Ratzen. Ich will davon, mit Zähren feucht ich meinen Weg. Zu meinem Bruder will ich, will das Herrgottelschnitzen lernen.«
Verlegen striegelte sich der Bauer durchs Haar, er schrumpfte fast zusammen vor dem großen, ernsten Weib. Er stammelte: »Heut wär mir schier die Scheuer abgebrannt, die Dirn hat die glühende Asche hinausgeworfen. Ogath, mein Hof braucht eine Bäurin.«
»Willst du wieder einen Heiratsbrief schreiben?« antwortete sie herb.
Sie kehrte zur Mühle zurück, in zerrissenem Gewand wollte sie nicht vor die Ihren treten. Der Bauer schlich neben ihr her und redete nichts.
Über den Steg kam ihr das Dirnlein entgegen.
Die Ogath atmete schwer auf, als sie den roten Zopf ihres Kindes glänzen sah. »Dullhäubel,« sagte sie, »nur einmal in deinem Leben red die Wahrheit! Ist das dein Kind?«
»Ja!« wisperte er zerknirscht.
»Die Schand muß zugedeckt werden,« sprach sie. »In drei Wochen heiraten wir.«
Der graue Sünder.
Der Dullhäubel hatte die Ogath heimgeführt. Sie war fleißig und ernst, hielt den Hof fest in der Hand und gebar ihm zu dem ersten Dirnlein noch elf andere, allesamt rothaarig.
Er war ein Mann in den besten Jahren worden. Das Haar hing ihm tief in die pfiffig gerunzelte Stirn, über den kleinen Augen hafteten die Brauen wie rote, borstige Raupen, der Fuchsbart deckte ihm Kinn und Lippen. Die Nase war ein wenig schief gebogen. Denn er schnupfte weit eifriger als früher, und der Tabak, wie er ihn vormals genossen, schmeckte ihm nimmer, er war ihm zu mild. Drum mischte er ihn jetzt nicht nur mit Schmalz, daß er sich binde und nicht so leicht zerstäube, sondern er rieb auch Glasscherben drein, daß er die Nase schärfer angreife und das Hirn aufrüttle.
Der also verstärkte Schmalzler scheuchte ihm die Sorgen, die ihm seine Schelmenstücke eintrugen, und tröstete ihn, wenn ihm die Bäurin das Gewissen riegelte, oder wenn ihn der Blaumantel mit seinem höllischen Blick durchbohrte.
Denn trotz seiner Jahre kam der Dullhäubel nicht aus der Bubenhaut heraus, sein Kopf wimmelte voll schabernackischer Pläne, und die Lust, dem lieben Nächsten ein Schwänklein und Schwänzlein anzubinden, verringerte sich ihm nicht.
* * * * *
Einmal schlachteten sie im Dullhäubelhof eine Sau. Da wollte sich der Bauer von der Arbeit wegschrauben und meinte, er habe in der Stadt zu tun, er müsse dort in die Steuerstube schauen und dem Marktpreis nachfragen, und am Heimweg wolle er das Kalb mitbringen, das die Bäurin in Blaustauden gekauft hatte.
In Hirschenbrunn kehrte er in jedem Haus ein, wo der Herrgott den Arm herausstreckte, horchte scheinheilig den Reden der Stadtleute zu und ließ sich erzählen, was in den Zeitungen gedruckt war.
Eine hübsche Weile stand er vor einem Arzneiladen und überlegte. Hernach trat er ein, den Schmalzler auf dem Handrücken, schaute sich lange um, starrte einfältig das Krokodil an, das, an die Decke gekettet, scheußlich nach ihm herabfletschte, schnupfte ausgiebig, schaute sich wieder um und wackelte tölpisch mit dem Kopf.
Geschäftig fragte der Apotheker: »Was begehrt Ihr? Dachsschmalz? Regenwurmöl? Mausohrsaft? Pfefferminz?«
»Du hast es wohl nit, Wurzelkrämer,« sagte der Bauer schüchtern und drehte den Hut in der Hand.
»Wollt Ihr Schwefel? Kupferwasser? Ein Quintel Weinsteinöl? Salniter? Salarmoniak? Eine Wagenschmiere? Eine Handsalbe?«
Der Dullhäubel sah den Apotheker tiefsinnig an. »Ich krieg es wohl nit da herin,« murmelte er.
»Besinnt Euch, Vetter! Hat Euch der Doktor einen Giftzettel geschrieben? Braucht Ihr eine Kropfschmiere? Eine Laussalbe? Ein Windsäftlein fürs Kind?« sprudelte der Mann hinterm Ladentisch.
Der Dullhäubel horchte ihm ehrfürchtig zu, und als dem Apotheker der Atem ausging, faßte er die Klinke, schnitt ein Koboldsgesicht und sagte: »Also behüt dich Gott, Wurzler! Einen Peitschenstecken hätt ich gebraucht.« --
Gemächlich ging er heim.
In Blaustauden suchte er den Burgermeister auf, von dem hatte die Ogath ein Kalb, dessen braunscheckiges Fell ihr wohl gefiel, zur Aufzucht erstanden.
Als der Mittag ausgeläutet ward, zog der Dullhäubel, den Burgermeister am Arm und das Kalb leitend, durchs Dorf. Auf der Brücke hielt er an und begann grell zu singen:
»Die Blaustaudner läuten, sie läuten vor Not, sie fangen den Bettelmann und nehmen ihm 's Brot.«
Der Burgermeister vermahnte ihn: »Sing das nit, Freund! Sing ein anderes! Und überleg dir, mit wem du gehst! Ist dir nix heilig?«
Dem Dullhäubel war nichts heilig. Er packte das Kalb am Ohr und redete ihm hinein: »Merk auf, Burgermeisterlein! Wie der Teufel den Heiland versucht hat, hat er ihn auf den Lusen geführt, und von dem Berg aus hat er ihm die ganze Welt gezeigt. Aber Blaustauden ist ihm zu rußig gewesen, das hat er verstecken wollen und hat geschwind seinen Schweif darauf gelegt.«
Da schellte der Burgermeister dem Spottvogel eins hinter die Ohren, daß dem der Hut in den Bach flog, und lief schleunig davon. Der Dullhäubel stand da, das Kalb am Strick, und mußte den Widersacher rennen und den Hut schwimmen lassen.
Als er am Freithof vorüber trieb, stieg gerade der Totengräber aus einem Grab. Der versuchte, einen breitkrempigen Filzhut auf den Kopf zu setzen, aber der Hut war ihm zu weit und sank ihm bis zum Maul herunter.
»Staches, zu dem Hut mußt du dir einen größern Schädel anschaffen!« riet der Dullhäubel.
»Ich hab den Filz jetzt gefunden,« sagte der Staches, »in deinem Ähnel seiner Grube ist er gelegen. Ja, der Bonifaz muß heraus, er hat lang genug gerastet. Unserm Rauchfangkehrer muß er Platz machen.«
Der Bauer band das Kalb an einen Stein, darein das Bild einer Pfarrersköchin gemeißelt war, den Kochlöffel in der Hand.
Aus dem geöffneten Grab grinste der Schädel des Bonifaz herauf, die Pfeife war ihm noch unverwest ins falsche Gebiß geklemmt, das der Ähnel selber sich aus einem Rindsknochen geschnitzt hatte.
Der Dullhäubel setzte den Hut auf, der der Verwesung so tapfer widerstanden, und er paßte ihm wie angemessen. »Der Alte braucht ihn nimmer,« sagte er, »ich nehm ihn mit. Die Pfeife drunten aber kannst du dir nehmen, Staches.«
Dem Totengräber grauste. »Vergelts Gott, ich trag kein Verlangen darnach.«
Der Bauer zerrte das Kalb weiter, und oft tappte er nach dem Hut, den ihm der Ähnel zur gelegenen Zeit aus der Ewigkeit geschickt hatte.
Ein Haus sperrte ihm den Weg, das trug den einladenden Spruch überm Tor:
Das ist das Wirtshaus an der Straßen; wer einen Durst hat, kann hier einen lassen.
Und weil der Dullhäubel himmelblau gelaunt war, zog er das Kalb mit sich in die Stube und band es an den Tischfuß.
Die Wirtin saß gerade beim Nähzeug und riß die Augen auf ob der seltsamen Gäste.
»Siebenkittelwirtin, schenk ein! Dem Zöpfel da,« der Bauer deutete auf das Kalb, »gibst du einen Kirschgeist!«
Auf der Bank unter dem schräg vorhängenden Spiegel lungerte der Lippenlix und strich sich den stolzen Schnurrbart. »Sitz her, Kasper!« sagte er. »Geld hab ich wie ein Sautreiber. Spiel mir es ab!«
»Ich mag nit, Schönbart.«
»Wirtin, schaff Karten her!« begehrte der Lix. »Spielen wir Grünoberfangen um drei Zündhölzer! Oder willst du färbeln? Oder lampeln?«
Er fuhr ganz wild über die Karten her, mischte sie, ließ abheben und gab aus.
Sie trumpften auf den Tisch. »Und da hast du eine Eichel!« »Und da friß den König!« »Und heraus mit der Schellensau!« So flog es hin und zurück.
Die Karten aber, die der Lix wie einen Fächer in der Hand faltete, malten sich in dem Spiegel ab, der über ihm sanft geneigt hing, und der Dullhäubel luchste heimlich empor und sah droben alle Trümpfe, die der andere in der Hand hielt, und gewann darum Spiel auf Spiel.
»Wie geht das heut zu?« staunte der Lix. »Aber ich hör nit auf, und wenn ich meine hundshäutenen Hosen ausziehen und nacket heimrennen muß.«
Es wurde finster. Die Wirtin zündete die Kerze an. Das Kalb wurde unruhig und blökte.
Der Lix setzte das letzte Sechserlein dran und verlor. Er schalt Gott und alle Heiligen. »Du Raubersknecht, keinen zerbrochenen Groschen hast du mir lassen, das ganze Geld schatzt du mir ab. Der Teufel soll dich vom Abtritt wegholen! Es ist Zauberei dahinter. Gib das Kalb weg, oder ich erstech es!«
»Dem Zöpfel tust du nix, Schönbart,« sagte der Dullhäubel und strich den Gewinst ein. »Ich bin satt. Ich geh heim.«
»Oho, weil ich jetzt gewinnen könnt, gehst du davon, du Fuchs aus Fuxloh? Noch einmal spiel mit mir! Die Haut zieh mir auch noch ab! Wirtin, streck Geld für!«
»Dir nit,« schnippte sie.