Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman
Part 7
Und die Geiß daheim, die wird die Ulla nimmer erkennen, wenn sie jung und fremd dahertanzt. Die gute Geiß wird den Bart traurig hangen lassen.
Sie schrak auf. In dem Gebraus hatte sie den Müller vergessen.
Der packte sie grob und schwang sie über den Mühltrichter. »Soll ich dich fallen lassen?«
Sie schrie auf. Sie fühlte sich verschlungen, zermalmt unter den harten Steinen. Wild krampfte sie sich in des Müllers Rock. »Heilige Muttergottes, hilf! Breit deinen Reifrock aus! Ich will nimmer jung werden.«
Die Sinne vergingen ihr. --
Als sie wieder zu sich kam, lag sie am Weiher. Die Mühle brauste gedämpft, Mücken schwirrten.
Sie besann sich lange. Hernach wisperte sie: »Gott, wie geht es zu in deiner Welt!«
Voller Angst und Neugier kroch sie zum Teich hin, schlupfte durch die Felberstauden und schaute in den stillen, grünen Spiegel: da nickte ein altes, verschrumpftes Schwesterlein herauf.
Die Ulla hüpfte vor Freuden auf und bat die im Wasser um Verzeihung, daß sie sie schier um ihre grauen Haare und vertrauten Runzeln und ehrwürdigen Hände gebracht hätte. Ein Muttergotteswunder, so glaubte sie, habe den Frevel verhütet.
Als sie heim ging, lag der Dullhäubel vor seinem Hof am Wasen und reckte die Arme faul von sich.
»Der Müllner hat grob gemahlen,« spottete er. »Jetzt mußt du halt Wolkenschieben gehen auf den Hötschenberg in Tirol.«
* * * * *
Im »pfalzenden Hahn« ging es hoch und hell her. Der Kirchweihtanz dauerte schon die zweite Nacht.
Enganeinander hockten die Musikanten auf ihrer Bühne. Der starke Lukas Schellnober blies den Baß, der Aumichel griff die Klarinette, der Spielmannfranz und seine Buben geigten. Und wenn die Musikanten rasteten, zirpte der Kanari, der aus dem Vogelhaus dem Treiben zuschaute.
Die Bauernsohlen stampften die altbairischen Tänze. Der Glöckelbauer schwang die Iglin, der Igelbauer die Glöckelbäurin; der Holzhacker Longinus Spucht drehte wie besessen des Meßners Weib, derweil der Grazian gottergeben und mit niedergeschlagenen Augen die Spuchtin weit von sich hielt. Der Burgermeister tanzte mit der Burgermeisterin, der Müller mit der Müllerin. Der Dorfnarr sprang in Holzschuhen durch die Stube; zuweilen schlug er eine Blechstürze schallend an die Wand und schrie: »Ich bin ein Steirer!«
Der Dullhäubel drängte eine junge Dirne in die Ecke.
»Deine Zähne glanzen, Stasel,« schmeichelte er.
»Mit Zinnkraut hab ich sie geputzt, Kasper.«
»Du bist süß wie ein Zuckerstock, Stasel. Komm mit mir vors Haus und laß mich schlecken!«
»Nein, nein, Bauer, draußen ist es mir zu finster, ich könnt mich wo anstoßen. Und du bist mir zu wenig treu.«
»Ich hab ein kugelrundes Herz, es rollt von einer zur andern, Stasel. Heut zu dir.«
»Ich dank schön,« sagte sie schnippisch, »ich bin kein Apfelbaum an der Straße, wo ein jeder Bub hinaufsteigt.«
Die Fuxloher hatten ihre Bäurinnen ausgeführt, und auch aus Blaustauden und Grillenöd waren Gäste da, und sie sprangen und trampelten, schleiften und jauchzten und sangen grell durcheinander.
»Musikanten, spielt die ›Sommerblume‹!« schaffte der Müller an.
»Nein, das ›Wintergrün‹ will ich tanzen,« begehrte der Dullhäubel.
Die Ausgedingler mischten in der Kuchel die Karten und spielten ein Spiel, das kroch so faul und endlos um den Tisch, daß die Sage recht haben mochte, einmal seien dabei vier Männer erfroren.
Neben der Bodenstiege im Vorhaus schenkte der Wirt aus, vor ihm auf einem langen Tisch standen die Krüge der Tänzer.
Alles drehte sich eben, niemand war im Vorhaus. Mit eiligen Augen nahm der Wirt den Vorteil wahr: er packte einen Maßkrug nach dem andern und goß das Bier durch den Trichter ins Faß zurück. Hernach lehnte er sich träumerisch mit überschlagenen Beinen und verschränkten Armen an die Stiege und wartete.
Die Tänzer kamen mit den erhitzten Tänzerinnen und wollten trinken.
Der Müller schrie:» Verflucht, da hat mir schon wieder einer das Bier ausgesoffen!«
Der Lippenlix aus Blaustauden murrte bös: »Gerad ist mein Krug voll gewesen, und jetzt ist er leer. Wirt, das geht nit mit rechten Dingen zu.«
Der Dullhäubel ließ sich frisch einschenken. Er kostete und spie aus: »Wirt, dein Bier ist abscheulich warm. Pfui Teufel!«
»Geduldet euch,« tröstete der Wirt, »gleich wird frisch angezapft. Jetzt kommt das Faß, wo die schwarze Katz drauf sitzt.«
Der Longinus Spucht stimmte das Rinaldinilied an. Er hatte einen rauhen, grimmigen Hals. Sein stockfinsterer Bart deckte die Brust weit hinunter, so daß er keinen Brustfleck brauchte. Wegen des finsteren Bartes war schon mancher Wandersmann umgekehrt, der den Spucht von weitem im Wald sah.
Der Brunnkressenhannes setzte sich zum Dullhäubel hin. »Mein lieber Freund,« sagte er, »in der guten alten Zeit ist es anders gewesen. Ich wünsch mir nix mehr, als daß wieder ein so kräftiges Bier gebraut wird wie vormals. Wenn man das Glas ausgetrunken hat, ist der Boden noch schneeweiß gewesen vor lauter Faum. So kräftig ist es gewesen. Heut bringt kein Bräuer mehr einen rechten Faum zusammen.«
Der Dullhäubel tat, als höre er nicht und kehrte sich ab. Da stupfte ihn der Hannes mit dem Ellbogen an. »Bauer, tu her ein Schnüpflein. Der Tabak ist ein magnetisches Pulver, das zieht die Nase an.«
»Setz dich nit an meinen Tisch,« antwortete der Bauer grob. »Du bist nur ein Häuselmann mit einer Kuh.«
»Lausig bin ich nit, daß du wegruckst von mir.« Der Hannes stand auf und trug beleidigt seinen Krug davon. »Freilich muß einer stolz sein, wenn er einen so großen Hof hat wie der Dullhäubel. Der Ofen allein ist dort so groß, daß der Bauer drei Paar Ochsen einspannen muß, wenn er die Bratschüssel aus der Röhre ziehen will.«
»Ihr werdet wieder solang wörteln, bis ihr rauft,« mahnte der Wirt scharf.
Der Longinus Spucht hub ein anderes Räuberlied an.
»'s gibt kein schönres Leben auf Erden in der weit und breiten Welt, als ein Straßenrauber werden, morden um das liebe Geld.«
Die Musikanten setzten an, und Jauchzen und Gepolter verdeckten seine grobe Stimme. Alles drängte zum Tanz.
Als sich der Wirt wieder allein spürte, hob er gemächlich den Holzschlägel, womit er sonst die Piepe in die Fässer trieb, und schlug ihn dreimal dröhnend an die Bodenstiege. Dann gellte er in die Stube: »Leut, frisch angezapft hab ich!« und schenkte wieder aus dem alten Faß.
Der Grazian huschte heran und trank. »Jetzt ist das Bier viel besser.«
Der Spucht wischte sich erquickt den feuchten Bart. »Das Bier hat Kraft,« lobte er, »es raucht einem zur Nase heraus.«
»Wirt, bring eine Zange her!« begehrte der Igelbauer. »Am Türstock steht ein Nagel heraus, die Burgermeisterin hat sich dran den Kittel zerrissen.«
Doch der Lukas Schellnober hüpfte von seinem hohen Sitz herab und riß den Nagel mit den blanken Zähnen so gründlich heraus, daß schier der Türstock mitging.
Alle staunten über die Gewalt, und der Lukas Schellnober stand da, stark wie ein Hebebaum.
Nur der Dullhäubel winkte geringschätzig. »Mein Ähnel hat eine Pflugschar auseinander gebrochen und einen eisernen Haken mit dem kleinen Finger in die Mauer getrieben.«
Da packte der starke Bläser den Prahler samt seinem Stuhl und hob ihn auf den Tisch, daß er zappelnd droben saß, und alle lachten und gönnten es ihm.
Wütend kroch er herunter. Doch wußte er sich gleich wieder ein Ansehen zu schaffen, er zündete sich die Pfeife mit einem Guldenzettel an, schob sich den Hut ins Genick und schloß hochmütig die Augen. »Soll mir das einer nachtun in Fuxloh!«
Die Leute hatten nicht lange Zeit, über den verbrannten Gulden zu staunen, denn der Spucht und der Grazian waren wegen ihrer Weiber in Streit geraten, und alles scharte sich um die zwei.
Der Spucht war eifersüchtig worden und behauptete, der Meßner stoße beim Tanz häufig mit dem Knie an das Knie der Spuchtin. »Ich hau dich, Grazian, daß dir das Maul auf die Seite hängt,« drohte er und spickte die Drohung mit seinen finsteren Blicken.
»Hau her!« trotzte der Grazian.
»Hau erst du her!« begehrte der Spucht und wich einen Schritt zurück. Sein Bart sträubte sich.
Dem Meßner schwoll das Herz. »Hast du eine Schneid, so wag dich an mich!« Er hob einen Stuhl auf und brüllte. Der Spucht duckte sich.
Vom Faß her rief der Wirt: »Grazian, wenn du raufen willst, räum ich dich hinaus.«
Der Narr tanzte täppisch zwischen die Streiter und sang die Worte: »Hofacker, Krautacker!« Ein anderes Lied konnte er nicht.
»Recht hast du, Zusch, stift Frieden!« lobte ihn der Burgermeister.
»Komm her, Narr, trink!« Der Dullhäubel hob das abgestandene Traufbier unter dem Faß weg und schwenkte es. Der Zusch trank mit stieren Augen.
Dann spreizte der Dullhäubel die Beine auseinander. »Jetzt bedank dich, Narr, und schlief durch.«
Da ließ sich der Zusch auf alle vier nieder und kroch durch.
Seine Mutter kam in die Stube. »Wo mag denn mein armer Narr sein?« fragte sie betrübt. »Ich such ihn schon die halbe Nacht.«
Als sie ihn dem Bauer durch die Beine kriechen sah, weinte sie in die Schürze und zog den Narren mit sich fort.
»Den Kasper soll man hauen, bis er nach Feuer stinkt,« schalt der Müller.
Der Dullhäubel aber mischte sich keck in den Tanz. Dabei sprang er wie ein Heuschreck, schaffte sich unbekümmert Platz und stieß die andern aus dem Weg.
Den Lippenlix aus Blaustauden faßte er beim Knopf. »Du Schönbart bist mir auf die Zehen getreten, das Weh schießt mir bis zum Ellbogen herauf.«
Mit einem Schlag stand eine Rotte Blaustaudner Burschen hinter dem Lippenlix bereit. Der zwirbelte sich den langmächtigen Schnurrbart und lauerte, er war ein stößiger Mensch, mit dem keiner gern anband.
Der Dullhäubel schmeckte die Gefahr. »Nix für ungut!« schmeichelte er. »Was stellt ihr euch gegen mich? Reibt euch an dem Müllner! Der sagt allweil, in Blaustauden sind lauter rotaugige Menscher.«
»Traut dem Kasper nit, er hat zwei Zungen in der Gosche,« warnte der Öchseltreiber Mathes aus Grillenöd.
»Die Grillnöder rühren sich,« spottete der Dullhäubel. »Ist das wahr, Mathes, daß bei euch alle stehlen, nur der heilige Sebastian in der Kapelle nit? Der ist angebunden.«
Der Bauer hatte die Lacher auf seiner Seite. Und der Lippenlix zwirbelte den schönen Bart und bekräftigte: »Die Grillnöder sind bekannt. Wenn sie Kirchweih haben, müssen sie in den andern Dörfern den Stall zusperren.«
»Der Kasper setzt den Hut auf, wie der Wind hergeht, einmal so, einmal anders,« greinte der Öchseltreiber, fand aber kein Gehör.
»Sing uns das Fuxloher Lied, Kasper!« verlangten die aus Blaustauden.
Da krähte der Dullhäubel den Spott über sein Dorf.
»Von hint bin ich fürher, vom schwarzen Laib Brot, kein weißes Brot eß ich nit, da brennt mich der Sod.«
Dem Burgermeister schlug die Röte in den Kopf. »Du bist wie der Wiedehopf, Kasper, der beschmeißt auch das eigene Nest.«
»Dreiunddreißig Menscher hab ich,« rief der Dullhäubel, »alle Jungfern von Fuxloh gehören mir, und alle Weiber sind mein gewesen.«
»Jetzt haltst du das Maul!« schnarchte ihn der Igelbauer an.
»Du willst mir was schaffen?« höhnte der Dullhäubel. »Wer bist du, und wer bin ich? Du treibst dreizehn Mäus auf den Markt. Einen Fleck Grund hast du, nit größer als ein Hosentürlein, und schon laßt du dich einen Bauer heißen.«
Die Musikanten fingen schnell einen Ländler an und überlärmten die Schandrede des Dullhäubel.
Den Ländler hatte der Müller bestellt und bezahlt, und er und die Ogath tanzten ihn allein, derweil die andern im Ring herum standen und zuschauten.
»Der Gid reckt sich auf über uns alle,« stichelte der Dullhäubel. »Das ist keine Kunst, er hat das Geld, er stiehlt uns alle ab, uns Bauern.«
»Dein Tanz hat keinen Schmiß, Müllner,« nörgelte der Lippenlix.
»Er kann leicht das Geld ausstreuen,« spottete der Dullhäubel. »Seine Vorfahrer sind klug gewesen, sie haben ihren Kühen den vordern Leib abgehackt, der nur gefressen hat; den hintern Teil haben sie weiter leben lassen. Wegen der Milch und dem Dung.«
»Hör nit auf seine Lügen und sein Plauderwerk, Gid!« bat die Ogath. »Und gehen wir heim!«
Er schnitt ein Gesicht wie ein Gewitter und schwieg.
Der Spucht saß im Flur beim Wirt, sein Deckelglas hinter dem dicken Bart versteckt, daß es die Spuchtin nicht merke. »Jetzt wird es erst schön,« freute er sich, »jetzt streiten sie gewiß.« Die kohlfinsteren Augen glühten ihm.
»O die Jähköpfe!« klagte der Wirt. »Heut setzt es ein Unglück.«
Drin in der Stube fing der Lippenlix an, dem Müller in den Weg zu tanzen, er taumelte plump vor ihm her, der Messergriff stand ihm zum Sack hinaus.
Der Gid stellte ihn. »Begehrst du was?«
»Von dir am letzten!«
Da rief der Müller laut: »Wirt, die Halbe Bier sollt einen Zwanziger kosten, daß nit ein jeder Lauser sich eins kaufen kann, der es nit vertragt.«
»Ich stürz dich um, Gid,« krächzte der Lippenlix.
Der Wirt sprang zwischen die Männer. »Du Blaustaudner Schurimuri, braus nit so daher. Rauf dich daheim aus, wenn dich die Kraft juckt! Du unbändiger Stier du!«
Der Lippenlix schob sich mürrisch zur Tür hinaus. Seine Spießgesellen rückten an einem Tisch zusammen und brüllten grobe, rauflustige Lieder.
»Jetzt gehst du heim!« herrschte der Müller sein Weib an.
»Du gehst mit, Gid!«
Er zog die schweren Brauen zusammen. Da ging sie allein. --
Draußen vorm Wirtshaus zischelte einer auf den Lippenlix ein. »Da steigt er drin auf und ab wie der Hahn in den Gerstenhalmen, der Gid. Und uns laßt er nix gelten. Nur nix gefallen lassen, nur nit langmütig sein, Lix! Der Langmut zieht den Übermut ins Haus.«
»Die Gall gießt sich mir aus,« stöhnte der andere.
»Sei nit verzagt, Lix, und geh den stolzen Müllner an! Steif dich nur auf mich! Ich verlaß dich nit. Da schnupf einmal! Das ist ein Tabak aus den heißen Ländern, der hitzt und kräftigt. He, Bruder, wie heißt der Spruch? Erst schnupfen, dann hupfen, erst saufen, dann raufen.«
Der Brunnkressenhannes wankte aus dem Haus und besang sich mit hoher Hirtenstimme schwermütig den Heimweg.
»Wird mir dann die Zeit zu lang, sing ich einen Waldgesang, und verkriech mich in den Hecken, lehn mich an den Hirtenstecken und ergreif die Feldschalmei, dieses macht mich sorgenfrei.« --
Drin in der Stube rief der Dullhäubel: »Spielt auf, Spielleut, daß es schnalzt! Ihr dürft euch dafür den höchsten Baum in meinem Wald umschneiden. Aber der Herr Ägid Wilfinger darf nimmer mittun, der hat schon genug allein getanzt. Andre Leut sind auch noch da.«
Da stoben die Weiber türaus, der Wirbel ordnete sich, und augenblicklich standen sich die Männer mit feurigen Augen und fertiger Faust in zwei Haufen gegenüber. Um den Dullhäubel sammelten sich die Blaustaudner und ein paar Fuxloher, die der Gid wegen des Mühlzwanges beleidigt hatte.
Alles lauerte. Alles erwartete den ersten Wetterschlag.
Nur die Musikanten blieben gleichgültig. Die Geiger tranken und schmierten den Fiedelbogen, der Klarinetter dudelte tiefsinnig für sich hin, und der starke Lukas Schellnober war schnarchend auf seinen Stuhl zurückgesunken.
Der Lippenlix hub an. »Müllner, du bist rauschig, du kannst die Zung nimmer heben. Geh heim, leg dich nieder zu deinem Weib!« Und fauchend stieß er sein Messer durch den Tisch.
»Müllner, du bist der Gescheitere, ich bitt dich, gib nach!« bettelte der Wirt.
Der Gid vergilbte, als hätte er die Gallensucht. »Das ist noch nie geschehen, seit die Welt steht, daß sich hätt ein Mußmüllner heimschicken lassen wie ein Hütbub. Da grab ich mich eher lebendig ein.«
»Er schneidet ein Gesicht wie neun Pfund Teufel,« hetzte der Dullhäubel. »Lix, laß ihm den Darm heraus!«
Da klingelte es. Ein Stein flog aus der Nacht splitternd zum Fenster herein, er traf die Klarinette, und sie fuhr dem Aumichel in das Maul und stieß ihm einen Zahn aus.
Das war das Zeichen. Jäh hoben sich die Fäuste. Der Burgermeister stürzte sich keifend zwischen die Raufer.
Das Vogelhaus fiel von der Wand und zerbrach. Eilig tappte der Wirt nach dem Kanari und verwahrte ihn in der Bratröhre des Ofens. Über ihn schlug es wie ein wildes Wasser zusammen.
Die Wirtin stieg auf einen Tisch und sprengte jammernd Weihwasser über den Kampf; aber die Tropfen halfen nichts, es hätte einer Feuerspritze bedurft. Alles packte zu. Worte flogen hin und zurück, spitz und scharf, wie wenn Stahl in den Stein beißt. Die Kartenspieler hatten ihre Trümpfe weggeworfen und tauchten in dem Wirbel unter.
Der Dullhäubel trank indes im Vorhaus ruhig seinen Krug aus, wischte sich den Schnauzbart und ging, ohne zu zahlen, heim.
Der Müller faßte den Lippenlix und drückte ihn ins Knie. »Ich schwing dich, ich lupf dich!« keuchte er.
»Blut mußt du rotzen!« trotzte der Lix.
Ein Stuhl krachte auf einen Schädel. Krüge wurden geschwungen, flogen, trafen, splitterten. Aus den Knäueln, die sich auf der Erde wälzten, tauchten Beine auf und strampelten. Einer schrie immer wieder: »Das ist heut eine Hetz! Das ist eine Hetz!«
»Alle miteinander jag ich euch auf den Baum hinauf!« drohte der Spucht und floh zum Haus hinaus.
»Ich hol den Schergen,« weinte, kreischte, brüllte, winselte der Wirt. Seine heiseren Schreie gingen unter.
Die Spielleute sprangen von der Bühne in die Schlacht hinab und taten mit. Nur der riesige Baßbläser schlief seelenruhig und entrückt auf seiner Höhe.
Das Getümmel wälzte sich hin und her, die Streiter redeten nimmer. Auf einmal wuchs der Lippenlix aus dem Wirrwarr heraus, mit dem Bierschlägel schlug er die Lampe von der Decke. Da war es stockhimmelfinster.
Der Streit ging in der Finsternis weiter. Niemand suchte mehr einen Feind, jeder nahm den, der ihm in den Griff kam. Alles tobte. Keiner feierte.
Der Longinus Spucht schrie zu dem zerbrochenen Fenster herein: »Himmelsakerment, wenn ihr nit bald aufhört, rauf ich auch noch mit! Das müßt mit schlechten Dingen zugehen, wenn ich nit ein paar umbrächt!«
In höchster Not tappte sich der Wirt an der Bühne hinauf, er rüttelte den schlafenden Bläser. »Lukas! Still die Leut ab! Stift Frieden! Hau zu!«
Der Lukas Schellnober fuhr schwerschlachtig auf, trunken vom Schlaf. »Wohin soll ich denn hauen?«
»Hau gradaus! Hau, wohin du willst! Du triffst keinen Unrechten.«
Der Riese riß das Mundstück von seinem Baßhorn und ließ sich in die tümmelnde Finsternis hinab. Er teilte mit dem Mundstück Hiebe nach links und rechts aus und schrie: »Hui aus! Hui aus!«
Es war als käme eine Mauer daher. Heulend meldete sich, wen der Lukas mit seiner greulichen Kraft traf. Täumlig und toll suchten sie die Tür, fluchend, wimmernd quetschten sie sich hinaus. Bald war der untümliche Mann allein in der Stube.
Der Wirt kam und leuchtete mit einer Kerze die Verwüstung an. Scherben und Blutlachen spiegelten, Bänke und Stühle lagen zertrümmert oder mit ausgerissenen Füßen, Öl stank. Durch die zerschlagenen Fenster stieß der Nachtwind herein.
Die Musikanten fanden sich wieder ein. Der Lukas Schellnober saß ruhig droben auf der Bühne und putzte mit einem Holz das Blut und die Haare aus dem Mundstück. Dann schraubte er es wieder an den Baß, führte es zu den Lippen, und seine Gesellen stimmten ein und machten wieder zum Tanz lüstern.
Zerschrammt und blutrünstig, struppig und zerfetzt, doch auch abgekühlt von der Nachtluft, befreit und friedsam kamen die Raufer wieder, die Weiber und die Dirnen blieben nicht aus, die Wirtin fegte die Stube rein, und bald drehten sich wieder alle in schönster Eintracht. --
Draußen kroch der Müller auf Händen und Füßen heim, mit zornzerrissenen Lippen, qualvoll, ohne Laut. Er hörte fern die Geigen und die Klarinette summen und den Baß stoßweise murren.
Der Mond verschien, der Wald ward grau. Das Wichtel rief, der Totenvogel.
Drei fürchterliche Stunden kroch er.
Frühgeläut erklang. Die Sonne ging auf, sie schwamm wie ein gräßlicher Blutfleck im Dunst.
Die Ogath kam aus der Mühle. Die Zunge ward ihr steif vor Schreck, als sie den Mann vor sich liegen sah, das Gesicht verfallen, die Stirn aschfahl, blutig.
»Den Fuß hat mir einer mit dem Bierschlägel abgeschlagen,« raunte er.
»Wer?«
»Ich verrat ihn nit.«
»O wärst du heimgangen mit mir, Gid! Reut dich denn deine Gesundheit nit?« schluchzte sie.
»Ich reu mich um nix.«
»O das ist ein Wehtag! O mein lieber Müllner, was haben sie mit dir angefangen?!«
»Das tut nix,« sagte er gleichmütig. »Hätt ich den Bierschlägel gehabt, ich hätt ihm dasselbe getan.«
* * * * *
Nach langem Krankenlager ward der Gid vom Wundarzt wieder hergestellt. Aber er ging krumm.
Auch sein Herz war verdüstert. Immer eigenköpfiger, immer wunderlicher wurde er, mürrisch hinkte er durch die Mühle. Dem rothaarigen Dirnlein, das um ihn aufwuchs, sah er mit argen Augen nach. Sein Weib redete er kaum mehr an. Es war schwer, mit ihm zu hausen.
Den Gerechtigkeitsbrief hatte er sich ans Tor genagelt: alle Welt sollte sehen, daß er in seinem Recht gekränkt wurde. Aber die Welt kehrte sich nicht daran und schaffte ihr Malter zum Grillenmüller, der war ein lachender Mann.
Im Wirtshaus kam es zu einem wilden Streit zwischen den Müllern.
Der Grill schrie: »Fahrt ihm die alten Weiber hin, dem Gid! Das soll erzwungen werden, eine solche Zwangmühl brauchen wir.«
»Dein Weib mahl ich zuerst, die hat es am nötigsten,« antwortete der Gid.
»Die Ulla hat deine Mühl verhext, Gid,« spottete der Teufelmüller, »es fallt lauter Ratzendreck aus den Steinen heraus.«,
Der Mußmüller grollte: »Red nur du nix von Zauberei! Deine Mühl hat der Teufel am Buckel daher gebracht. Kein guter Christ soll drin mahlen lassen. Und eure Mühlen sind nur Gaukelmühlen gegen die meine, mit einer Hand halt ich sie auf. Mit einer Hand, alle zwei auf einmal!«
»Versuch es!« schrien die andern. --
In jener Nacht blieb die Grillenmühle stehen. Unterm Mühlrad lag der Gid mit zermalmtem Arm und zerdrückter Brust. Er hatte sein Wort gehalten.
Sie legten den Leichnam auf eine Stubentür und trugen ihn heim zu seinem Weib.
* * * * *
Die Altbäurin Sodonia konnte nimmer.
Man mußte sie speisen wie ein kleines Kind. Das Fleisch ward ihr offen vor lauter Liegen. Und weil sie nimmer schaffen und nimmer den Dienstboten nachgehen konnte, so wartete sie ungeduldig auf die Erlösung.
Als ihre Stunde kam, stand der Dullhäubel demütig an dem Bettfuß.
»Kasper, ich sterb,« seufzte sie. »Was wird aus dem Hof, wenn ich nimmer bin? Ich hab gespart. Wenn der Geier mir eine Henne erstoßen hat, bin ich ihm bis in den Wald nach. Ich bin geizig gewesen, keine Nuß hat man mir von unsern Haselstauden brechen dürfen. Ich bin ein Weib gewesen wie ein Sporn. Den Hof hab ich gehalten.«
»Das weiß ich, Altbäurin,« wisperte er, »und ich dank dir dafür.«
»Aber deine Mutter taugt nix,« tadelte die Alte. »Sie kann nur so weit zählen und rechnen, als ihr die Finger zu Hilf kommen. Am liebsten schlaft sie. Ordnung kennt sie nit. Mein Gott, wo soll sie denn die Ordnung gelernt haben?! Sie stammt aus einem Haus her, das ist mit Kuhfladen gedeckt. Ich bin allweil gegen die Heirat gewesen, aber der Isidor hat mir nit gefolgt. In der Seligkeit drüben werf ich ihm es noch vor, wenn ich ihn dort find. O es ist mir leid um den schönen Hof!«
»Ich werd mich schon kümmern,« schluchzte er, »ich versprech es dir.«
»Ach du!« winkte sie verächtlich. »Du hast die Faulheit von deiner Mutter geerbt. Allweil lehnst du in der Sonn umher und tust keinen Handstreich. Die Gurgel taufen und die Leut narren, das triffst du. Dein Leben stößt dich in Schulden. Schämst du dich nit vor den Leuten?«
»Mich gehen die Leut nix an,« trotzte er.
»So fürcht unsern Herrgott!«
»Nach Fuxloh sieht er nit. Fuxloh liegt hinter dem Herrgott seinem Buckel.«
»Du irrst dich, Kasper. Der Teufel äugt wie ein Stoßvogel. Hüt dich! Und tracht, daß du einmal am Himmelstisch essen darfst und trinken und des höllischen Feindes spottest. Ich will dich droben in der Seligkeit erwarten, und du mußt mir Rechenschaft legen über den Hof. Aber was nutzt meine Red? Du beutelst dich ab wie ein nasser Hund.«
»Ich will mich verbessern,« sprach er zerknirscht.