Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Part 5

Chapter 53,871 wordsPublic domain

Während der Dullhäubel den Braten holte, kroch der Lukas Schellnober, der bei der Musik den Baß blies und als der stärkste Mann in der Gegend galt, unbemerkt unter den Tisch und packte die Ogath beim Fuß. Sie kreischte und strampelte, und die Brautmutter half ihr und raufte den Mann unbarmherzig bei den Haaren, und schließlich gab ihm die Braut selber einen Schlag auf die Wange, daß es wie ein Schuß knallte. Doch der Riese zog ihr, unbekümmert um alles, was da über ihn niederging, den Schuh aus, kroch schnaufend unter dem Tisch herfür und trottete zur Tür hinaus. Als er wiederkam, stellte er den Schuh mit Nelken und Rosen und Stiefmütterlein gefüllt vor die Braut hin.

»Wirt, gib dem Grobian einen Krug Wein!« befahl die Iglin. »Den Fuß hätt er ihr schier ausgerissen.«

Der Schuhräuber setzte sich auf ein Faß. »Die Ogath hat Kraft,« staunte er, »die hat mir einen feinen Hieb gegeben. Einen Hieb, den Gemeindestier schlaget er nieder. Einen Hieb, als wenn das Wetter einschlaget.«

Vor lauter Freude an dieser Kraft vergaß er den Schmerz, der ihm im Schädel summte.

Der Dullhäubel stellte derweil eine verdeckte Schüssel auf den Tisch. »So, da wär der lebendige Braten.« Er hob den Deckel, und eine Maus schlüpfte heraus, die hatte eine blaue Masche um den Hals.

Die Weiber kreischten, rafften die Kittel zusammen und stiegen auf die Stühle und Bänke. Verwirrt jagte das Tierlein auf dem Tisch hin und her, warf die Stengelgläser um, daß es ein feines Geklingel gab, und wagte endlich den Sprung auf den Fußboden.

Die Iglin wurde jetzt feierlich. »Brautweiser, jetzt bau der Braut eine silberne Brücke und nimm sie zum Tanz!«

Der Dullhäubel holte einen Geldstrumpf und legte zwei Reihen Silbergulden von einem Tischeck zum andern, und die Ogath trat zaghaft darauf und schwankte den silbernen Steig dahin und sank hinab in die Arme des Dullhäubel, die Spielleute setzten an, und die zwei tanzten so wild, daß der lange lose Myrtenkranz vom Haar der Braut weithin wehte.

Draußen vorm Wirtshaus saß die alte Ulla auf einem Stein. »Sie werden doch drin nit auf mich vergessen,« raunte sie.

Eine Hand schob sich zur Tür heraus und warf ihr einen Kuchen in den Schoß.

Sie lächelte. »Mir ist es ganz ein Ding, ob ich ein schwarzes Brot krieg oder ein weißes. Das weiße eß ich lieber, nur wegen der Farbe.«

Drin am Tisch saß die Braut, der Ernst ihrer Stirn verging nicht, und kein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wie arge Späße auch der Dullhäubel trieb.

Am meisten zielte sein Übermut nach dem Bräutigam.

»Zeig her, Gid, den Arm,« rief er, »ob dir das Haar dran bergan wachst!«

»Warum bergan?« fragte der Gid mißtrauisch.

»Weil ihr Müllner den andern Leuten in den Mehlsack greift.«

»Du heißt mich also ins Gesicht einen Dieb?« brauste der junge Müller.

Die Ogath beschwichtigte ihn. »Scher dich nit um solche Reden! Du brauchst viel Mehl, wenn du alle bösen Mäuler verkleiben wolltest.«

»Ein jeder Sack raucht, wenn man drauf schlagt,« schrie der Gid. »Soll ich allein mir alles gefallen lassen?«

Die Gäste murrten, daß der Dullhäubel Unfried stifte, und als dieser merkte, daß sich der Groll wie ein dumpfes Gewölk um ihn zusammen zog, da lenkte er ein und fing an, lustige Lügen zu erzählen über Leute, die nicht da waren, und unterhaltliche Lieder zu singen, darin er sich selbst ein Klämpflein anhängte, oder er streute sich Tabak auf die linke und die rechte Achsel, drehte den Kopf wie ein Wendehals darnach und schnupfte ihn mit der ausgiebigen Nase links und rechts weg.

Ob solcher Schnacken söhnten sich die Gäste wieder mit ihm aus. »Man kann ihm nit feind sein, dem Faxenmacher,« lachten sie.

Als der Gid und die Ogath hernach zum erstenmal in der Brautkammer lagen und die Mühle rastete, hörten die zwei die halbe Nacht draußen im Garten die Pumpe ächzen.

Der Dullhäubel pumpte vor lauter Eifersucht den Brunnen aus.

* * * * *

Die Jahre verwichen.

Der Dullhäubel wirtschaftete mit der Altbäurin und mit Knecht und Magd auf seinem Hof. Die Mutter zählte nicht mit, die schlief stehend und gehend ein.

Er selber mühte sich auch nicht sonderlich, es behagte ihm viel mehr, den Fuxlohern allerhand Possen zu spielen, Land und Leute gen einander zu hetzen, auf den Wirtstisch fest aufzutrumpfen und ein Leben zu führen wie seine Vorfahrer.

Immer mehr wandte sich der Blaumantel hinter seinem Gitter von der Welt ab, immer saurer sah er darein, wenn der Dullhäubel vorübertrollte, und schließlich bildete sich der Bauer ein, der Heilige wisse um all seine Schwänke und verrate sie vor Gottes Stuhl im Himmel. Drum besann er sich viel, wie er den unliebsamen Widersacher wegschaffen könnte.

Einmal, am Simonjudastag, als das Kraut gehobelt und im Faß eingetreten war, schleppte er den Heiligen heimlich in den Keller, und stellte ihn statt eines Steines auf das Krautfaß, um es zu beschweren. »Jetzt bist du beschäftigt, du Müßiggänger,« spottete er.

Doch seit der Hölzerne unterirdisch als Krautheiliger waltete, plagten den Dullhäubel bergschwere Träume und vergällten ihm den Schlaf.

Ihm träumte, dem Blaumantel wüchsen Haar und Bart, und er, der Bauer, müsse ihn scheren und stutzen. Zunächst setzte er ihm einen Topf auf den Schädel, und was darunter an Haar hervorkringelte, schnitt er ab. Es war aber steif wie Eisendraht und kaum zu bewältigen. Hernach striegelte er ihn mit einem Igel, ein Kamm hätte den abscheulich verfilzten Schopf nicht durchrütten können. Er schnitt ihm den Bart vom Kinn und aus den Wangengruben und Nasenlöchern, schob ihm einen Löffel in das Maul, daß sich die Haut daran straffe, seifte und schäumte ihn ein und balbierte die Stoppeln mit einer Dachschindel. Der Bart aber wuchs augenblicklich wieder nach, und so wurde das Balbieren zu einer schrecklichen Mühe ohne Ende. Dabei glotzte der Blaumantel seinen Schaber höllisch an, und der Löffelstiel stand ihm gräßlich aus den grellroten Lefzen. Hundsmüd und zerknirscht fuhr der Dullhäubel aus dem Schlaf, an seinem Hemd war kein trockener Faden.

Noch mehr quälte ein anderer Traum, der allnächtlich wiederkehrte. Der Heilige im Krautkeller wuchs, wuchs durchs Gewölb in die Schlafkammer des entsetzten Dullhäubel, wuchs durch den Boden zum Dach hinaus, daß die Balken sich bogen und die Schindeln flogen und das Haus wankte und schier stürzte. Nur die Kutte wuchs ihm nicht, und der Dullhäubel mußte ihm hinten und vorn Schürzen und Leintücher vorhängen von wegen der Schamhaftigkeit. Droben überm Dach zuckte und flammte der Heiligenschein und drohte, Wald und Korn zu zünden. Da preßte der Bauer einen Schrei aus der Brust, er schrie den Fuxlohern um Hilfe, aber alle Fuxloher Männer vermochten den verwilderten Blaumantel nicht zu überwinden, den sonst zwei zarte Jungfern stundenweit getragen auf der Wallfahrt nach Maria Dorn.

Der Dullhäubel hörte aus diesen Träumen sein zerrissenes Gewissen schreien, und als ihn der Blaumantel einmal wieder wie eine Trud drückte, keuchte er aus dem Bett in den Keller hinab, stürzte den Quälgeist kopfüber in einen Buckelkorb und schleppte ihn zur Kapelle.

Der Mond ging eben ab. Etwas Gespenstisches meckerte im finstern Moor. Ein Hund schrie Mord über ein blaues Irrlicht. Ein griesgrämiger Rabe hüstelte im Schlaf.

Der im Buckelkorb schien sich zu rühren und ward immer schwerer und schwerer; der Dullhäubel meinte, Himmel und Erde müsse er tragen. Vielleicht war das Schnitzbild überhaupt kein Heiliger, vielleicht funkelte es hinter seinem Genick im Korb und war ein Bild des Gottseibeiuns selber, das sich ein Zauberer und Götzenknecht geschnitzt hatte in böser Absicht, und vielleicht springt der heidnische Kerl gar aus dem Korb und schleudert den Bauer selber hinein und schleppt ihn -- Gott verhüt es! -- zum höllischen Backofen.

Dem Dullhäubel schnürte sich die Gurgel zu, sein Atem klemmte sich. Vor Angst betete er laut und untertänig, und er stellte seinen blauen Feind unter Bittreimen und Stoßseufzern wieder in die Nische.

Nach diesem Nachtgang lebte er gottesfürchtig und eingezogen, und das um so lieber, als ihm die Fuxloher auflauerten, deren Heiligen er mißbraucht hatte. Auch nahm er sich fest vor, jeden Gottestag die Predigt zu hören und seinen Groschen zu opfern zur Ehre der Kirche und zum eigenen irdischen und himmlischen Vorteil.

Doch der Teufel wacht und zieht dem bußfertigen Sünder gern eine Sperrkette über den Weg. Also geschah es auch dem Dullhäubel, als er sich wieder einmal dem Herrgott von Blaustauden zeigen und in aller Bescheidenheit ganz hinten am Kirchtor hatte lehnen wollen.

Er stieg in die hirschledernen Hosen hinein, legte den Sonntagsrock an und steckte das rubinene Glas zu sich. Im Hof trat er noch einmal zum Saustall, den er sich ganz klein hatte zimmern lassen und redete durch das Futtertürlein dem Vieh gütlich zu: »Friß nur, Sau, daß du einen Leib aufnimmst! Oder hast du keine Ehr in dir?«

Wie er jetzt so treuherzig und in der besten Absicht bergab trabte und der Wind über die Zäune strich und die Wiesen rauchten, sprang ihm ein hitziger Mensch in den Weg, packte wie ein Straßenräuber ihn beim Brustfleck und schrie: »Gerad will ich dich heimsuchen. Ich hab gehört, du verkaufst eine Sau.«

»Meine Sau ist speckfeist. Ob ich sie dir geb, ist nit gewiß.« Und der Dullhäubel vergaß schnöd des Herrgotts und kehrte mit dem Fleischhacker schnurstracks um.

Die Sau wog gering. Weil sie aber kläglich in den winzigen Stall gestellt war, so füllte sie ihn aus und erschien gar mächtig.

»Um wieviel ist sie dir feil, Bauer?«

»Um dreißig Gulden, Fleischhacker.«

Der Sauhändler prallte erschrocken zurück, machte Augen wie Pflugräder und drohte, ins Knie zu fallen. »Dreißig Gulden?! Du bist närrisch worden, Kasper.«

»Dreißig Gulden,« sagte der Bauer eintönig.

»Was wiegt die Sau?«

»Schätz sie ab, Luitel!«

»Dreißig Pfund wiegt sie. Kein Lot mehr.«

»Dreißig Pfund?! O du Raubersbub! Jetzt willst du mich betrügen, wo ich dir so weit entgegen kommen bin mit dem Preis? Dreißig Pfund wiegt eine ausgezogene Katz. Schau sie genau an, die Sau, sie geht schier nit in den Stall hinein. Dreimal so viel wiegt sie zum mindesten!«

»Daß ich nit lach, Kasper! Neunzig Pfund hat sie nit einmal samt dem Saustall.«

»Luitel, greif meine Ehr nit an!« drohte der Dullhäubel.

Der Händler sparte nicht mit seiner Verachtung. »He, das soll eine Sau sein?« rief er empört. »Gib sie her um zwanzig Gulden!«

»Dreißig kostet sie. Das ist schandenwohlfeil.«

»Was tust du mir an?« stöhnte der Luitel. »So manches Jahr sind wir treue Freunde gewesen. Und jetzt willst du mir das Blut aussaugen? Dullhäubel, laß nach! Dullhäubel!! Dullhäubel!!!«

»Dreißig Gulden.«

»Hinwerden soll ich in fünf Minuten, wenn du von mir einen Kreuzer mehr kriegst als zwanzig Gulden,« schwor der Fleischhacker.

Der Dullhäubel zog die Sackuhr. »In fünf Minuten? O Freund, da mußt du dich hübsch fleißen!«

»Du spottest noch? Kasper, denk an deine letzte Stund! So ein elendes Krepierlein! Die Knochen stehen ihm hinten und vorn heraus. Dem Schinder hast du die Sau gestohlen. Gib sie her um fünfundzwanzig Gulden!«

»Dreißig.«

»Lauter rothaarige Menscher soll dein Weib einmal kriegen!« fluchte der Luitel. »Die Sau soll dir die Nase abfressen, daß du nimmer schnupfen kannst!«

Der Dullhäubel ward blaß, tastete nach der Nase und trat einen Schritt zurück. Die Verwünschung griff ihn an, und schier hätte er nachlassen. Aber er erfing sich wieder und sagte sanft: »Dreißig Gulden.«

Der Luitel heulte auf. »Er treibt mich in die Verzweiflung Hast du ein Herz im Leib, Kasper? Bist du ein Christ? Gib her die Sau um achtundzwanzig Gulden! Reck her die Hand! Schlag ein!«

Er versuchte immer wieder in die Hand des Bauern einzuschlagen, die wie tot hing. Er winselte, beschwor, fluchte, verwünschte.

Der Dullhäubel blieb kalt. »Geh heim, Fleischhacker! Du bist ja nit verheiratet mit meiner Sau.«

»Tu sie her um achtundzwanzig Gulden fünfzig Kreuzer,« schluchzte der Luitel, »und nimm dir die Sünd mit in die Ewigkeit!«

Jetzt seufzte der Dullhäubel wehmütig auf: »Ich will dich nit unglücklich machen, und weil du mein Freund bist seit jeher, so gehört dir die Sau um den Preis, den du jetzt selber geboten hast. Aber nit gern laß ich dir sie. Sie ist meine einzige Freud gewesen; ich hab sie aufgefüttert und wachsen sehen und zunehmen --.« Er wischte sich über die Augen, seine Stimme erstickte.

Da schlugen die zwei ein. Der Handel war geschlossen.

Der Luitel blätterte die schmierige Brieftasche auf und zahlte. Bedächtig zählte der Bauer das Geld nach, und als er es verwahrt hatte, half er dem Händler das widerspenstige Tier bei den Ohren aus dem Stall ziehen.

»O verflucht, ist die Sau gering!« stammelte der Luitel, als er sie im hellen Taglicht sah.

Und als er sie gar durch das große Hoftor zerrte, wurde es ihm durch den Vergleich recht augenscheinlich, wie winzig die Sau war. Vor Wut ächzte er auf und drohte mit der Faust zurück.

Der Dullhäubel aber schüttelte das Geld und frohlockte laut: »Den hab ich angeschmiert, daß ihm die Augen tropfen.« --

So übervorteilte er jeden, der sich mit ihm im Handel messen wollte.

Trieb er eine Kuh auf den Markt, so rührte er ihr im letzten Wirtshaus, wo er einkehrte, eine kräftig gesalzene Mehlsuppe an, darauf durstete das Vieh gar sehr und es soff wie ein dürrer Rasen Wasser in sich, bis es die Wampe voll hatte. Dann stand es stattlich da und freute sich eines guten Gewichtes, und der Dullhäubel schlug sie mit erklecklichem Gewinn los.

Derlei Kniffe und Pfiffe hatte er einen ganzen Heuwagen voll.

Ein ganz besonderer Segen lag auf seinem Hof, trotzdem daß er seine Hände schonte und die schönste Zeit beim Bier verlümmelte. Mit glänzenden Fellen stand ihm das Vieh im Stall, seine Kühe kälberten eifrig, seine Geißen kitzten dreifach und vierfach, seine Hennen legten Eier mit zwei Dottern. Kein Reif sengte ihm die Erdäpfelblühe, kein Schauer knickte sein Korn, sein Heu kam räuspendürr unters Dach.

Und mancher Fuxloher ward deswegen in dem gerechten Herrgott irr.

* * * * *

Dem jungen Mußmüller wich der Dullhäubel aus, er scheute ihn. Der Gid wurde immer hitziger und rauflustiger und stritt mit allen Leuten, weil er das altverbriefte Recht wieder durchsetzen wollte. Auch sonst störte ihm mancherlei das Glück, besonders aber, daß in der Mühle die Wiege leer blieb.

Einmal stach den Dullhäubel der Kitzel, und er schlich sich den Bach entlang, den mürrischen Nachbar ein wenig aus dem Häuslein zu bringen.

Die Vögel wuschen sich, am Zaun blühten die Hollerstauden. Die Mühle rumpelte verschlafen, und das Rad knarrte verdrießlich: »Soll -- ich -- denn -- noch einmal -- umgehn?«

Mit unwirscher Stirn lehnte der Gid am Türstock. Es hatte schon lange nicht geregnet, und wenig Wasser fiel aufs Rad. Die Ogath saß auf der Sonnenbank und flickte.

Da rief der Dullhäubel hinter einer Erlenstaude: »Wie die sieben dürren Jahr schaust du drein, Gid. Geht dir die staubige Mühl zu langsam?«

Die Eheleute schraken auf wie Hennen, wenn der Fuchs durch den Zaun blinzt.

Der Nachbar setzte sich gemächlich auf einen Grenzstein jenseits des Baches und fragte: »Strickst du den Geiferlatz für den neuen Müllnerbuben, Ogath? Wann wirft der Krähvogel ihn euch in den Rauchfang? Er laßt sich Zeit.«

»Du Daunderlaun, wir sind ohne Kinder auch lustig,« speiste sie ihn ab.

Er höhnte weiter: »Wer ist denn schuld daran, du oder der Mann? Müllner, du mußt sie über neun Zäune tragen und schreien, die Nachbarn sollen dir helfen.«

Er achtete nicht des Mühlrades, das bedächtig und schier drohend brummte: »Juckt -- dich -- der -- Buckel? Juckt -- dich -- der -- Buckel?«

»Ich helf mir selbst,« grollte der Gid, »und dich brauch ich am wenigsten. Du bist derselbe Lump wie deine Ähnel.«

»Der Apfel fallt nit weit vom Birnbaum,« entgegnete der Dullhäubel. »Wenn ich ihr nur meine Pudelhaube hinwerfet, gleich krieget sie einen Buben, die Ogath.«

»Ja, weil du der rotbartet Kasper bist,« knirschte der Gid. »Das muß ich mir ins Gesicht sagen lassen, Ogath. Dran bist du schuld.«

»Ich geh wallfahrten gen Maria-Dorn,« seufzte sie bang. »Vielleicht nutzt es.«

»Geh hin, wohin du willst! Ein Bub muß her.«

»Geh nacket in die Kindelkapelle, Ogath!« kicherte der Dullhäubel.

Der Müller wurde schneeweiß und packte einen Hammer, der auf der Türschwelle lag. »Ich erschlag dich, ich bin Gott einen Toten schuldig,« zischte er und sprang über den Bach.

Er war flinker als der Nachbar, und als er ihn gestellt hatte, schlug er mit dem Hammer blind auf ihn los und traf ihn auf die Achsel, daß er hin in die Binsen fiel.

Das Mühlrad ging auf einmal viel lustiger und spottete: »Hat dich der Buckel gejuckt? Hat dich der Buckel gejuckt?«

Beruhigten Blutes kehrte der Gid zu seinem Weib zurück. »Den Grenzstein will ich heut noch mit Kalk frisch überweißen, weil ein schlechter Kerl drauf gesessen ist. Und ein Bub muß her, und wenn wir zwei solange drum wallfahren müssen, daß uns bei jedem Schritt ein Blutstropfen von der Ferse fällt!«

Indes raffte sich der Dullhäubel mit allerhand Gedanken an Schergen, Gericht und Zuchthaus aus der Wiese auf, tappte nach der wehen Achsel und schielte bös zur Mühle hinüber. »Blut ich, so klag ich; blut ich nit, so klag ich nit.«

* * * * *

Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz wegen in der Mußmühle kein Weib habe hausen dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß unter jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. Während es in den Bauernstuben wimmelte, zogen die jeweiligen Müllersleute immer nur einen einschichtigen, vertrotzten Buben als Samenstengel auf.

Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, daß sie Jahr für Jahr galt ging. Sie hätte alles drum gegeben, und nicht nur ihres verfinsterten Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, und weil alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit fruchtlos blieb, so dachte sie immer heißer an Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.

Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit geraten, ging ihr nimmer aus dem Sinn.

Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die Kindelkapelle. Dort hat schon manches Mutterverlangen sich hingekehrt und ist erhört worden. Doch die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer herbei gelenkt werden: nackt muß das Weib wallfahren zu jenem Gnadenursprung, in letzter Blöße muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das Wunder zuteil wird.

Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die seltsame Wallfahrt vor, doch immer wieder schrak sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.

Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die Stadt ins Schloß, dort wollte er noch einmal wegen des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.

Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, das war der Wald, der hinter der Mühle aufstieg und den Steig beschattete, der zur Kindelkapelle führte.

Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust ging hoch, angstvoll flog ihr Blick durch die Bäume, sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen Schatten einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie sich die blaue Schürze los und legte sie in den Steinriß, sie tat die Joppe ab und den Rock und die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. Jetzt stand sie im Hemd und lauschte todängstlich hinein in das Vogeltänd.

Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.

Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. Dann warf sie das Hemd ab und war nackt.

Ihr schauderte.

Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren begann sie die leidvolle Wallfahrt.

Anfangs schien es ihr öfters, es halle der dumpfe Tritt eines Wandrers ihr entgegen, und sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude und lauschte lange und traurig.

Das Blut brannte ihr in den Wangen den weiten Weg. Sie schämte sich vor den lustigen, spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten mußte, sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, das sie zu beschwätzen schien, und vor den rauhen Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht und Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am Hang, alles, alles kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit zu.

Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel glotzte vom Ast, spöttisch knickste das Rotschwänzel. Das Hirngrillein, der Guckauf, der Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am Weg, der verzagte Has, der Hirsch, der unter der Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie alle schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen Keuschheit dahin wallte.

»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat sie. »Wend ab die Augen, Wendehals! Ihr Blumen, verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig mir mein Bild nit, du stiller Bach!«

Immer älter und verworrener wurde der Wald, schreckhaft verbogene Bäume schickten die Wurzeln wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten schreiend über den finster geschlossenen Wipfeln.

Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein auf.

Es lag so mutterseligallein, so verhuscht und verborgen vor aller Welt, so recht geeignet, daß ein armes Mutterherz oder eine betrübte Magd oder ein reuiger Sünder oder, wer immer den Herzwurm hat, sich in aller Geheime ausweinen konnte.

Die Ogath trat in das wetterverschlissene Bethäuslein. Das Herz ward ihr sonnenlicht, als sie den Altar sah.

Da saß die Maria, die heilige Kindelbetterin, weiß wie ein Lilienblatt, schlicht und einfältig, und neben ihr beugte sich der Zimmermann mit dem eisgrauen Bart, ein uralter Tattel, über die Krippe, darin ganz nackt und bloß das Himmelskind schlief, und zwei Eheleute schauten furchtsam drein, denn die Könige waren gekommen, den Heiland im kalten Stroh zu grüßen, der Kasper, schwarz wie ein Kohlenbrenner, der Melcher, der Weihrauchkönig, reitend auf dem Kameltier, und der Balthauser, der mit dem silbernen Stern tanzte. Ganz hinten, durch zierliche Heiligenscheine aus ihrer Demut erhöht, knieten das Öchsel und der ägyptische Esel.

Vor dem Altar stand eine große, leere Wiege.

Die Ogath aber redete mit der hohen Gnadenfrau: »Die Mußmüllnerin bin ich, und es ist eine Sünd und eine Schand, wie ich da vor dir steh. Aber deine Augen sind so still, und du schaust mir ins Herz bis auf den Grund. Du siehst nix Schlechtes drin. Und ich bitt dich, trag meinen Wunsch hin, wo man ihn hört. Mit gesegnetem Leib möcht ich gehen wie die anderen Weiber, und so bitter gern tät ich am Anger vor der Mühl Windeln bleichen, tät Hosen flicken für ein schlimmes Büblein, oder wenn es ein Dirnlein sein sollt, wollt ich es gern zöpfeln und es hegen und pflegen, und alles Herzleid tät ich willig tragen, was so ein Kind bringt.«

Weiter fand sie keine Worte.

Sie kniete zur Wiege hin, legte ihren schmerzlichen Wunsch hinein und wiegte still und versunken in den Anblick der heiligen Leute und gläubig, daß das Wunder geschehe an der Frau, die es wagt, nackt zu wallfahren.

Sie wiegte, bis die Sonne tief im Bergwald versunken war und die Kapelle sich mit grauen Schatten füllte.

Im Dämmer ging sie heim, erbangend, wenn das Gras zischte oder der Wind flüsterte, verzagend vor jedem Gebüsch. Denn selten gibt es eine Staude, drin nicht ein Auge ist.

Die Raben kehrten in den Fichten ein zur nächtlichen Rast. Wie stockende Geister leuchteten die weißen Grenzsteine. Droben tat sich der Sternhimmel auf und funkelte durch die Wipfel nieder und silberte Zweig und Laub.

Lichter aber schimmerte der Leib der Wallfahrerin, und die Blendnis ihres Fleisches lockte und schrie durch die Nacht.

»Ich bin wie eine Latern,« klagte sie.

Der Wald ward sanfter, gangbarer der Weg. Durch die Stille hörte sie schon die Mühle. Fern über den Bäumen sah sie hin und wieder das Gebirg in schwarzen Klumpen dunkeln. Sie wanderte und wanderte im Glanz ihres Leibes hin.

Als sie den Steinriß erreichte, wo sie das Gewand versteckt hatte, huschte ein Mann aus den Felsen herfür und griff nach ihr.

Sie schloß die Augen und ließ willenlos alles geschehen.

Es mußte so sein.

* * * * *