Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Part 4

Chapter 43,937 wordsPublic domain

»Und was ist es mit dem Heiratsgut, Bauer?«

»Ich laß mich nit lumpen. Einen Strumpf voller Silber kriegt meine Tochter mit, zwei Küh und eine funkelneue Bettstatt. Und ein schönes Spinnrad laß ich ihr drechseln.«

»Sie taugt überall hin, die Ogath,« eiferte die Alte, »in jeder Kuchel kann sie stehen. Sie kann zwei Brühen kochen, eine süß, die andre sauer. Und gerichtet ist sie auch gut, sie hat zwei Schürzen, eine schwarztibetene und eine rottibene.«

»Bauer, Bäurin, das alles müßt ihr mir verschreiben,« begehrte der Dullhäubel.

»Du sollst es schriftlich haben. Gleich setzen wir miteinander den Heiratsbrief auf. Bäurin, bring Tinte, Feder und Papier, daß wir die Sach in Gang und Schwang bringen.«

Die Alte stellte ein Fläschlein rußiges Wasser hin. Aber weil sie die Gänse im Stall nicht aufstören wollte, gebrach es an einer Feder, und Papier fand sie nicht vor.

Da wandte der Lugaus die Tischplatte um. »Das ist jetzt das Papier.« Er reichte dem Dullhäubel einem Halm Kümmelstroh. »Da tauch ein, Müllner, in die Tinte und schreib! Ich und mein Weib sind keine Schriftgelehrten, zu unserer Zeit ist weit und breit keine Schul gewesen.«

Der Alte schaffte jetzt an, und der Dullhäubel kratzte emsig mit dem Stroh seine hagebuchenen Buchstaben auf den Tisch.

»Schreib hin, Müllner! ›Und die Ogath kriegt tausend Taler mit und einen Kammerwagen voll Zeug und unsere Küh Köpfel und Prinzel. Der Name des Herrn sein gelobt!‹« Hernach setzte der Lugaus drei Kreuze unter den Heiratsbrief und drehte die Tischplatte wieder auf die alte Seite, daß die Schrift nicht verwischt werde.

»Jetzt knie dich nieder, Ogath, daß ich dir den väterlichen Segen geb!«

Sie zierte sich ein wenig, dann fiel sie polternd auf ihre starken Kniescheiben hin, die Bäurin schneuzte sich in den Unterkittel, der Lugaus breitete wie ein Pfarrer über sie die Hände aus und sagte: »Sei froh, Ogath, daß du keine alte Jungfer wirst, du brauchst nach dem Tod nit im Moos die Kiebitze hüten!«

»Hör zu, Schwäher! Die zwei Küh tät ich mir gern anschauen,« bat der Dullhäubel.

Der Lugaus leuchtete mit dem Span in den Stall, wo das Vieh lag und atmete. Mit gekrümmtem Fuß trieb er die verbrieften Kühe auf. Sie schauten sich mürrisch um und zogen das Maul scheel.

»He, Köpfel, auf, du mußt nach Fuxloh! Prinzel, du auch. Fuxloh ist ein schönes Ort. Du kannst sie dir gleich mitnehmen, Müllner, die Küh.«

»Heut ist der Weg zu finster, Schwäher. Aber wann soll uns der Pfarrer zusamm binden?«

»Meinetwegen heut noch,« kicherte der Lugaus.

»Schwäher, ich hätt der Ogath noch was heimlich zu sagen.«

Der Alte blinzelte schelmisch: »Geh nur zu mit ihr, Müllner, und sag ihr es deutlich!«

Da ging der Dullhäubel mit der Ogath aus dem Gehöft in den Wald hinein. Ein mondsüchtiges Füchslein gellte, lau strich die Luft durch die Stämme, und Nacht und Himmel waren spiegelheiter.

Mit seinen läppischen Händen tappte er nach ihr.

»Laß mich aus!« schalt sie und entrang sich ihm.

Als er sie dennoch mit zangenden Fingern packte, kerbte sie ihm die Nägel ins Gesicht.

Er ließ murrend ab. »Stutzig und trutzig bist du wie eine Kranwitstaude!«

»Du kannst mich einmal genug anrühren,« tröstete sie, »heut wär es noch zu früh. Aber jetzt geh ich mit dir, ich will die Mühl rauschen hören, wo ich einmal die Müllnerin bin.«

Dem Dullhäubel schoß das Blut bis zum Schopf hinauf. Da hatte er sich eine saubere Suppe eingebrockt! Wie die Dirne so ruhig und fest wie ein Felsen vor ihm stand! Die gibt nimmer nach.

»Ich kann dich nit mitnehmen,« stotterte er. »Es paßt sich nit. Was täten die Leut dazu sagen?«

»Die Leut sollen reden! In drei Wochen sind wir Mann und Weib.«

Sie faßte mit festem Griff seine Hand und schlug mit ihm den Weg über die Grenze ein.

Es war still worden, der Fuchs klagte nimmer. Der Mond stand im Vollschein.

»Bist du allweil so einsilbig?« fragte sie.

»Ich red oft ein ganzes Jahr nit,« stieß er heraus. Er stolperte unwirsch dahin und dachte, wie er sie vertreiben und die Gefahr abwenden könnte, die gäh wie ein Waldgewitter über ihn aufdrohte.

Im dicksten Tann blieb er plötzlich stehen und schaute sich ratlos um. »Jetzt haben wir uns vergangen. Ich weiß keinen Weg.«

Sie lachte. »Wir steigen ins Tal. Drunten in den Schluchten hebt der Bach an, der leitet uns gewiß zu deiner Mühl.«

Sie zog ihn den Waldsteig hinab; es war, sie rieche den rechten Weg. Dem Dullhäubel ward unheimlich.

Wenn der Gid den Streich erfährt, dann weh!

Der Kasper Dullhäubel nahm sich vor, sich närrisch zu stellen, daß er die felsenfeste Braut verscheuche.

Droben am Ast schrie ein Schuhu.

Der Bursch hielt an und zischte hastig: »Horch, wie schön der Vigelvogel pfeift!«

»Du spassiger Bub du!« sagte sie ruhig.

Er langte nach einem Ast und wollte sich daran hinauf schwingen. Sie hielt ihn zurück.

»Willst du hinauf, deinem Vigelvogel singen helfen?«

»Ich bin gefährlich«, knurrte er. »Der Mond zieht mich alle Nacht in die Höh. Gestern bin ich aufgewacht, wie der Mond schwarz worden ist, da bin ich in Blaustauden auf dem Turmknopf gesessen.«

»Der Mond nimmt mir dich nit, mein Müllner. Zieht er dich an, so häng ich mich dran. Und ich bin gewichtig.«

»Ich bin gefährlich,« murmelte er. »Ich hab schon mehr als einen umgebracht.«

»Das glaub ich nit,« sprach sie.

Er stierte sie finster an, lange, lange, bis ihr schauerlich zu Mut wurde. Er fing auf einmal ohne Ursache grausig zu lachen an und sang unverständliches Zeug: »Schön knieweit, schön dachslet, unten lauter Leut, oben wie eine Tirolerin!«

»Müllnersbub, ist dir das Rädel laufend worden?« rief die Ogath erschrocken.

»Weh, weh, weh! Das Mühlrad dreht sich mir im Kopf!« flüsterte er, duckte sich und schlug einen Purzelbaum.

»Du hast ein Fieber, Bub.«

»Die Liebe zerwirrt mich, Dirn.« Er jauchzte hellauf, kniete dann vor eine Rotkröpfelstaude hin und betete ein Vaterunser.

Sie riß ihn stark in die Höhe. »Entweder bist du unrichtig im Hirn, oder feindet dich der höllische Geist an,« sagte sie. »Jetzt darf ich dich nit verlassen, ich muß dich in die Mühl bringen und deinen Leuten übergeben.«

Der Dullhäubel verzweifelte an seinem Glück, dumm und stumm ließ er sich führen, und sie redete ihm tröstlich zu und betete still vor sich hin, Gott möge seinen Verstand wieder hell werden lassen.

Je näher sie Fuxloh kamen, desto glühender ward dem Schelm der Weg unter den Fersen. Er mußte die Ogath verscheuchen, sonst fiel ein Berg von Unheil und Spott über ihn.

Er schluchzte auf einmal kläglich auf. »Ogath, ich verdien dich gar nit. Kehr um, kehr um beizeiten! Ich könnt dein Unglück sein.«

»Ja warum denn?«

»O die Leut reden schlecht von mir! Aber es ist alles, alles nit wahr. Die Ehr schneiden sie mir ab ellenlang. O die Welt ist grundverdorben!«

»Gar so schlimm werden sie dir doch nit nachreden, Bub. Und ein wenig verzeih ich dir schon.«

»Ich schäm mich soviel,« plärrte er, und die Tränen rollten ihm übers Gesicht. »Die Leut sagen, daß ich -- daß ich -- schwanger bin.«

Er riß blitzschnell das Messer heraus, stieß es in eine Fichte, hängte den Hut daran und sprang in hohen Sätzen davon.

Ihr war um das schöne blaue Hütlein und um das blanke Messer leid, sie raffte die Sachen an sich und rannte ihm nach, und weil sie gar flink auf ihren rüstigen Beinen war, holte sie ihn ein, als er keuchend bei der Blaumantelkapelle rastete und bei dem Heiligen Hilfe zu suchen schien wie ein gehetzter Hirsch beim Einsiedel.

»Bub, Bub,« beschwor sie ihn, »wenn du so arg heuchelst, soll dich der Herrgott strafen. Schwör mir bei dem Heiligen da, daß du mich nit narrst. Der Heilige hat das Maul offen, steck die Hand hinein. Wenn du falsch schwörst, beißt er sie dir ab.«

Aber der Dullhäubel entriß ihr das Messer und fuchtelte damit irrsinnig im Wind herum. Taub gegen ihren Jammer, kniete er am Weg hin zu einem dürren Kuhfladen, zerschnitt ihn und reichte ihr schluchzend die Hälfte. »Ogath, nimm es an und trag es um den Hals zum Andenken!«

»Mein Herr und mein Gott!« rief sie aus und kehrte traurig um. Denn da war nimmer zu helfen. --

Daheim drehte sie die Tischplatte um, zu sehen, was der Bräutigam geschrieben hatte. Anstatt des Heiratsbriefes las sie einen Reim.

Drunt im wilden Moos liegt ein totes Roß, vorn und hint offen, ist der Schwäher draus gschloffen.

Die Ogath rieb den Schandspruch mit einer Bürste ab. In ihrem Hirn blieb er brennen.

Sie schluckte den Zorn hinunter und schwieg Vater und Mutter gegenüber. Doch den falschen Buben wollte sie heimsuchen und ihm ein schweres Donnerwetter anheben.

* * * * *

Am Aller-Wetter-Herrentag ging die Ogath übers Gebirg nach Fuxloh, wo sie sich den Weg zur Mußmühle weisen ließ.

Dort vor der Tür auf einem eingegrabenen Mühlstein stand der Gid und zündete sich die Pfeife an. Zuerst rieb er das blauköpfige Zündholz hinten am Sitzfleck, hernach am Knie und an der Schuhsohle, schließlich spreizte er die Beine, bückte sich zu dem Mühlsteinpflaster und streifte daran, und als auch das kein Feuer gab, schleuderte er fluchend das Hölzlein weg.

Da stand die Ogath vor ihm. »Das Glöckel läutet, Mühlbursch. Schütt Korn zu, statt daß du da so langweilig spielst.«

Der Gid staunte die starke fremde Dirne an, dann meinte er spöttisch: »Hoho, da kommt eine daher gelaufen und will mir was schaffen.«

Sie antwortete stolz: »Ich reit nit auf der Geiß daher. Ich weiß, wer ich bin und was ich hab, und ich weiß, wem ich angehör.«

Der junge Müller lachte. »Du kannst die Kaiserin selber sein, mir hast du nix zu sagen. In der Mußmühl bin allweil ich der Herr.«

Da fühlte die Ogath einen brennenden Stich im Herzen und merkte, daß sie von dem bösen Nachtbuben zwiefach betrogen worden war. Aber sie ließ die Zähren, die ihr die Augen schwimmen machten, nicht übers Ufer treten, und weil sie sich einmal die Mühle in den Kopf gesetzt hatte und ihr der staubige, finsteräugige Bursch auf dem Mühlstein besser gefiel als der fuchsbärtige Freier, und weil sie es daheim in der Einöd nimmer freute, so wollte sie versuchen, ob sie da in dem brausenden Haus ihr Bleiben könnte haben.

Und das Blut schlug ihr auf einmal so hart in der Ader, als sie sagte: »Wenn du der Müllner bist, so frag ich dich, ob dein Weib keine Dirn braucht?«

»Ich bin ledig,« antwortete er, »aber die Mutter hätt eine Hilf not, sie ist nit gesund.«

Sie trat näher. »So ding mich auf. Stark bin ich. Da greif mir den Arm an. Deine Mehlsäck heb ich leicht.« Und jäh umschlang sie den jungen Müller bei den Knieen, und ehe er sich ihrer erwehren konnte, hob sie ihn in die Höhe.

Als er verwirrt und schier taumelnd wieder Boden faßte, stammelte er: »Du hebst einen Mühlstein. Du hast Kraft wie ein stürzendes Wasser. Du bist zu brauchen.«

Er dingte sie auf, und sie half ihm in der Mühle, rannte die bestäubten Stiegen auf und ab, goß das Korn in den Trichter und warf sich spielend die Mehlsäcke über die Schulter, als wären sie mit Federn gefüllt. Sie lernte die Schleusen öffnen und die Mühlsteine schärfen mit dem Kieshammer und die Pfannen der Räder schmieren und besorgte das Vieh im Stall und den Mittag am Tisch und die gichtische Müllerin im Bett. So gewann sie bald das Herz der Alten, und die schwarzen Augen des Gid flogen ihren schnellen und kräftigen Bewegungen allzeit nach.

Einmal abends saßen sie beisammen. Der Alte hatte die Stirn gerunzelt, er starrte in die Milchsuppe wie in einen Spiegel und vergaß zu essen.

»Die Suppe kühlt dir aus,« mahnte die Müllerin. »Ärger dich nit über das, was nit zu ändern ist!«

Der Alte drehte die trübe Stirn der Ogath zu. »Ja, Ogath, vormals hat es eine schöne Gerechtigkeit für uns gegeben: meine Vorfahrer haben von jedem Sack Getreid einen Zins einheben dürfen, und wenn ihn auch die Fuxloher in der Kuckucksmühl, in der Grillenmühl oder in der Samstagmühl haben mahlen lassen.«

»Heut sind die guten Gesetze abgeschafft,« tadelte der Gid. »Alle Ordnung ist zerfallen. Das wurmt mich.«

Die Ogath redete wie ein tröstlicher Geist. »Männer, den Stein, den man nit heben kann, laßt man liegen. Die Mußmühl wirft genug Geld ab und hat genug zu mahlen; sie könnt sich noch einmal so geschwind drehen, die Arbeit tät nit abreißen.«

»Es ist nit das allein, was mich betrübt,« raunte der Alte. »Aber jetzt rührt sich der Mühlteufel wieder. Bei jeder vierten Brut meldet er sich. Zuletzt ist er bei meinem Ähnel gewesen, -- jetzt kommt er zu dir, Gid.«

Die Gichtische erhob sich ängstlich im Bett. »Hast du ihn gehört?«

»Jeden Samstag hör ich ihn, Weib, da plätschert er im Wasser unterm Mühlrad.«

»Du irrst dich, Vater,« sprach der Gid. »Es rauscht und saust nur der Bach so seltsam.«

»Ich hör ihn schon seit drei Samstagen,« beharrte der Alte.

Die Angst schüttelte die Bettlägrige wie ein Frost. »Hast du ihm am letzten Nikolaitag was zu essen in die Radstube hinunter geschüttet?«

»Das hab ich besorgt, Weib. Und einen Filzhut hab ich ihm auch hinunter geworfen, daß er sich ihn auf das grüne Haar setzt und uns den Frieden laßt fürs ganze Jahr. Und jetzt ist er trotzdem da.«

»Wie schaut er denn aus?« lächelte die Ogath.

»Zwischen den Fingern hat er Häute wie ein Fischotter, und im Wasser wird er nit naß. Im Wasser ist er stark wie neun Rösser, man kann ihn nit überwinden; am Land ist er nit kräftiger als neun Fliegen. Wie der Ähnel noch auf der Mühl gewesen ist, hat der Wassermann häufig in der Nacht geklagt wie eine Seel, die die Seligkeit nit findet.«

»Ich leid ihn nit im Haus,« grollte der Gid, »ich richt ihm die Otterfalle auf.« --

Von jetzt an blieb es in den Samstagnächten immer still unter dem Mühlrad, wie atemlos auch die zwei Müller hinunterlosten.

Doch einmal, als der Gid den Vater aus dem Haus und die Ogath bei der siechen Mutter wußte, da hörte er es durch das Brausen des Mühlrades seltsam planschen und rauschen.

Der junge Mensch lauschte fieberisch.

Badet wirklich einer drunten mit schilfgrünem Schopf und spitzem Gebiß und langen Krallen? Zählt er die Seelen der Ertrunkenen, die er unter gläsernen Töpfen drunten gefangen hält?

Den Gid übermannte es, mit dem Unhold, der ihm die Werkstatt unheimlich machte, auf Leben und Sterben zu raufen. Wild riß er die Tür zur Radstube auf. In der schäumenden Traufe des Mühlrades, in wirbelnden, stoßenden Wassern, im Dämmer sah er es schneeweiß leuchten, er hörte einen weichen, entsetzten Schrei und stürzte sich hinab ins Wasser und hielt den wunderkühlen, starken Leib seiner Magd Ogath in den Armen.

* * * * *

Ehe der Mond sich wieder füllte, hielten die zwei Hochzeit.

Die ganze Freundschaft von Fuxloh und Grillenöd und jenhalb des Gebirges rückte an, die Männer mit Myrtensträußen in den schwarzen Röcklein, die Bäurinnen schwarzseiden vom Kopftuch bis zum Kittel, die Jungfern schillernd in braunen und rötlichen Kleidern.

Der Hochzeitslader jauchzte und wünschte dem Bräutigam einen Stall voller Ochsen und viel Körner im Kasten und einen Beutel voller Geld, der schickt sich in die Welt. Der Braut herentgegen wünschte er den Stall voller Kühe, davon eine mehr Milch gibt als dem Nachbarn seine neun Stiere, und wünschte ihr in sechs Jahren sieben Kinder und zuletzt einen rotschädligen Buben.

Da wies der Gid in die Weite: »Dort kommt endlich der Brautführer daher, und der ist mein bester Freund, der Kasper Dullhäubel.«

Die Ogath war nicht wenig verdutzt, als sie den falschen Burschen daher schlendern sah, der in der Nacht um sie gefreit. Er hatte sich zwar den roten Schnurrbart weggeschabt, doch sie erkannte ihn an dem großen, runden Kopf und den winzigen Zwinkeraugen gleich wieder. Sie tat aber, als wäre er ihr fremd.

Der Dullhäubel hatte sich mit Maschen und Sträußlein fein herausgeputzt, sein Brustfleck war mit doppelt aufgereihten Silberzwanzigern verknöpfelt, und an der geschmiedeten Silberkette klingelte ein silbernes Rössel und ein halbes Dutzend Frauentaler. Und als die Brautschar gen Blaustauden ging und die Bauern jauchzend die runden Hütlein schwangen, da warf der Dullhäubel seinen Hut am höchsten und er schnackelte mit den Fingern und schnalzte mit der Zunge, und keiner tat es ihm gleich.

Über den Wald herauf winkte der Turm mit dem Schindeldach, der Wildtauber ruchzte im Tann, gelbe Schnäbel schwätzten, das Laub spielte, Blumen liebäugelten auf der Wiese.

In ihren knisternden Schuhen trat die Braut stolz daher, ihr lichtgrauer Seidenrock hatte tausend Falten und stand über die vielen Unterkittel also breit gesträubt, daß sie kaum zur Kirchtür hinein konnte. Im Haar saß ihr ein künstlicher Myrtenkranz, der vorn über der stattlichen, ernsten Stirn wie eine Krone geflochten war und, sich über dem Scheitel teilend, weit über den Nacken herabhing.

Mitten durch die in langhalsiger Neugier erstarrten Blaustaudner führte der Dullhäubel die Braut zum Altar, und er konnte es sich nicht versagen und wisperte ihr zu: »He, tragst du den Kranz mit Recht?«

Sie sah ihm groß in die fuchsschiefen Augen und antwortete: »O du hundsschlechter Kerl!«

»Du hast mich also nit vergessen, Ogath. Schau, das freut mich.«

»Verschwunden bist du wie der Teufel, wenn man ihn mit Weihwasser abspritzt,« murmelte sie zornig und kehrte sich ab.

Er zog sein Rubinglas aus dem Sack und tröstete sich mit brasilianischem Tabak.

»Pfui Teufel,« sagte sie laut, »jetzt hab ich einen schnupfenden Brautführer!«

Er schaute scheinheilig zur Orgel hinauf. »Ich freue mich schon auf die schöne Musik,« flüsterte er. »Du wirst schauen, Ogath, wie zärtlich unser Schulmeister orgelt. Das Wasser wird dir in die Augen schießen.«

Der Pfarrer Nonatus Hurneyßl schritt zum Altar und gab die Brautleute zusammen. Es war ein Paar, wie es die Blaustaudner Kirche noch nie überwölbt hatte, der starke, finsterschauende Mann Gid und die große, schöne und stille Ogath.

Doch als der Orgler das Brautamt begann, hub ein derart wüster Mißklang an, daß die Leute erschraken, der Schulmeister mußte einhalten, er sprang wie besessen von der Orgelbank und fluchte, der Balgentreter horchte in die Windkammer hinein, ob nicht der Leibhafte drin knotze, und endlich kamen die Musikanten dahinter, daß ein verwogener Schelm in der Nacht vorher die Orgelpfeifen unter einander vertauscht hatte.

* * * * *

Das Hochzeitsmahl war im »pfalzenden Hahn« gerüstet.

Die Ogath saß schweigsam und blaß zwischen dem Gid und der Igelbäurin, die als erfahrene Brautmutter sorgte, daß die alten Bräuche geübt wurden.

Auf den Tellern dampfte Rindssuppe und Kuttelfleck und Bäuschel; mit Zuckersachen besteckter Reis ward aufgetragen und Kaffee in ansehnlichen, bunten Töpfen und dazu Gugelhupf und leckerer Kuchen. Die Gäste packten sich Schweinsbraten und fette Würste in Bündel zum Heimtragen ein. Als die Ehstandsbrühe, drinnen Rindfleisch schwamm, auf den langen Tisch gesetzt wurde, sagte die Brautmutter mit bedächtiger Würde zu den Brautleuten: »Nit süß und nit sauer, gerade recht, so wie der Ehstand ist.«

Der Dullhäubel spießte einen Knödel auf, biß hinein und sprach kauend über den Tisch hinüber zur Ogath: »Ob du schon weißt, warum bei eurer Mühl keine Scheuer ist?«

Sie merkte, wie sich ihres Mannes Stirn verfinsterte, und wich der Frage aus: »Ich weiß nix und will nix wissen.«

Der Dullhäubel aber kröpfte den Knödel hinunter und erzählte: »Da ist in der Mühl einmal der Korbflicker auf der Stör, und die Müllnerin stellt ihm eine Eierbrüh hin mit Knödeln. Der Mann will mit dem Löffel einen Knödel auseinander zwingen, aber es geht nit. Jetzt setzt er gewaltig an. Der Knödel weicht ab, haut das Fenster durch, doppelt durch, springt draußen an einen Stein, daß das Licht davon fliegt, schlagt an die Scheuer, die Scheuer fallt um. Da hat der Korbflicker drein geschaut!«

Der Gid reckte sich und zückte die Gabel. »Kasper, du willst mich heut an meinem Ehrentag spotten?!«

Die Ogath zog ihn auf die Bank zurück. »Du sollst doch einen Spaß verstehen, Gid!«

Der junge Müller stocherte wütend ins Kraut hinein.

Der Dullhäubel grinste. »Selbigesmal, wie die Müllnerin, die die steinernen Knödel hat kochen können, geheiratet hat, da ist es weit gemütlicher gewesen als heut. Damals haben sie so kräftig getanzt, daß der Fußboden durchgebrochen ist, und allsamt sind sie in den Stall hinuntergepurzelt. Die Braut ist zwiespältig auf den Stier zu sitzen kommen.«

Der Gid schlug auf den Tisch, daß die Ehstandsbrühe aushüpfte. »Du lügst mehr, als ein roter Hund rennen kann, Kasper.«

Der alte Müller beugte sich zum Dullhäubel hin. »Du plauderst allerhand Dummes über unsere Mühl, du Springinges mit deinem gelben Schnabel, und ist doch die Mußmühl weitaus die fürnehmste Mühl gewesen. Die Fuxloher Bauern haben bei uns mahlen müssen. Das Recht hab ich noch schriftlich daheim, du kannst es lesen. Die alten Fürsten haben ihren Namen drunter gesetzt. Heut haltet sich keiner mehr darnach, es ist eine untreue Zeit. Jeder fahrt mit seinem Malter, wohin er will. Der Mühlzwang hätt nit abgeschafft werden sollen. Das ist nit recht.«

Der Gid ward rot wie ein Feuer. »Die alte Pflicht muß wieder aufkommen,« sagte er heiser. »Ich leid es nit anders. Allsamt wie ihr da sitzt, Fuxloher, müßt ihr das Korn bei mir aufschütten. Ich setz es durch.«

»Meinem Vater haben sie das Recht abgezwungen,« rief der Alte, »ins fürstliche Schloß haben sie ihn geladen und haben ihn dort so lange gehaut, bis er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Jetzt gehen viele Gaukelmühlen an unserem Bach, hat aber kein Müller ein rechtes Geschäft und keiner recht zu fressen.«

»Das riegelt mir die Galle,« schrie der Gid.

»Am Papier haben wir es schwarz auf weiß, der Fürst hat es bestätigt. Und was geschrieben ist, bleibt geschrieben. Ganz Fuxloh muß in die Mußmühl!«

»Ich nit,« trotzte der Dullhäubel.

Mit einem Blick wie ein Stichmesser tappte der Gid über den Tisch, und der alte Müller hielt den Dullhäubel schon an der Gurgel.

Im rechten Augenblick noch fuhr der Meßner Grazian darein, die schneidende Stimme erhob er: »Lasset uns ein andächtiges Vaterunser beten für die verstorbene Freundschaft des Bräutigams und der Braut!«

Da verstummte die Zwietracht, und alle Stimmen vermischten sich in einem eintönigen Gebet für die verschollenen Seelen der Vorfahren.

Hernach spielten die Musikanten hellauf, daß in allen das Waldblut zu zucken und zu springen anhub, und der Hochzeitslader schrie: »Das Brautpaar soll vivat leben!«

Der Dullhäubel trat vor die Igelbäurin hin und begehrte als Brautführer von ihr als sein Recht den ersten Tanz mit der Braut.

Die Brautmutter richtete sich hoch auf. »Erst bring mir eine Kerze, die Tag und Nacht brennt!«

Jauchzend schwang sich der Dullhäubel zum Fenster in den Garten hinaus, rannte um den Zaun herum und kam mit einer Brennessel wieder, und die steckte er der Iglin in das Bierglas.

»Brenn dich nit an der Kerze, Brautmutter. Und jetzt laß mich mit ihr landlerisch tanzen!«

»Brautweiser, erst bring mir sechs Lichter, ein jedes muß anders brennen.«

Der Dullhäubel verschwand in der Kuchel und trug nach kurzer Weile ein Brett daher, darauf glühten sechs kleine Stengelgläser mit Kirschgeist und Kümmel und anderen roten, gelben und lichten Schnäpsen.

»Kostet den goldnen, Brautmutter!« lockte er und bot ihr ein Stämplein dar, »das ist ein süßer Trunk, wie ihn die Weiber gern mögen. Du bist ja genäschig wie eine Geiß.«

Die Iglin zierte sich ein wenig, griff dann schämig nach dem gelben Schnaps, spitzte den Mund und kostete lächelnd. Im Hui ward ihr Gesicht sauer, und es schüttelte sie am ganzen Leib. »Der Spitzbub hat mir einen Essig gegeben,« schalt sie.

Hernach begehrte sie: »Eh ich dich tanzen laß mit der Jungfer Braut, zeig mir ein Bett, drin neun Jungfern schlafen, keine in der Mitte, keine am End!«

Der Dullhäubel kratzte sich hinterm Ohr und meinte, das errate der Kuckuck. Aber er stieg auf den Dachboden und brachte ein Spinnrad daher und drehte es, daß die neun Speichen lustig wirbelten.

»Du kannst gut raten,« lobte die Iglin. »Jetzt trag mir noch einen lebendigen Braten auf!«