Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Part 3

Chapter 33,892 wordsPublic domain

Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der biblischen Geschichte, drum rührten sie sich nicht, warteten und staunten. Schließlich kam der Hannes mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.

Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, für heut ist es genug. Habt ihr alles begriffen?«

Der Kasper hob die Finger in die Höhe. »Ich begreif nit alles.«

»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«

Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd ist das, die Unkeuschheit?«

»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das ist, wenn einer die Hosen verkehrt anzieht. Und frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem Schutzengel, er soll dich nit verlassen!«

»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der Kasper keck.

»Warum nit?«

»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er mir helfen raufen, wie mich der Schmied in der Beiz gehabt hat.«

Da fiel der Pfarrer über den Buben her und rüttelte ihn beim Kragen. »Du frevelhafter Teufel, wirst du gleich an deinen Schutzengel glauben!« --

In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete der Kasper zum erstenmal. Der Pfarrer spitzte seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein Nest, sind fünf Eierlein drin, fliegt allweil eine Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es aber niemanden sagst, Pfarrer!«

Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch heraus und schneuzte sich lange. Dann schlug er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und segnete. »Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«

* * * * *

Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich zu einem stämmigen Burschen aus, stark und gelenkig. Sein Kopf war noch größer geworden, nur die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und dünn und kichernd, wie er sie als Kind gehabt hatte.

Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er sich kaum das tägliche Brot verdient. Viel lieber schlüffelte er im Dorf umher und lauschte überall hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und wog und warf die Scheibkugel, daß es donnerte.

Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm vor, wie Müßiggang bösen Ausgang nehme, besonders bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich ein Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut schief und sang:

»Und ein bissel bin ich bucklet, und ein bissel bin ich krump, und ein bissel bin ich tilltapp, und ein bissel bin ich Lump.«

Weil er in der Rede gut beschlagen war und keinem die rechte Antwort schuldig blieb, und weil er schier aus lauter schönen Spitzbübereien zusammengesetzt war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching vermummt durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, und in diesem Amt trug er einen strohenen Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus hundert bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt wie seine Seele.

Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, ein gefranstes Handtuch als Schärpe vor der Brust, auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem Speck bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen der lachenden Bauern heimste.

Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die Hände auf und schrie kläglich: »Ihr lieben Daxloher, ich bitt euch um Gottes willen, gebt her ein Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig habt ihr den Teufel abgestochen und in den Rauch gehängt. Und ich bitt euch gar schön um eine kuhwarme Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln laßt und dreimal um eure Bürgermeisterin.«

Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug sich mit dem Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer, und während seine Gesellen am Dorfanger tanzten und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf die Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die Hinterlandschaft maß, durchstöberte der Kasper die Speckkammern und Ofenröhren der unbewachten Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu seiner Bande und jauchzte: »Die ganze Welt ist ein Fasching, juchu!«

In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten Geißbock auf. Sein Gesindel grub hinterm Dorf ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der Kasper hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr Burgermeister ist tot.« Und einer kniete neben ihm, als Wittib verkleidet und jammerte, daß es einem das Herz zerspaltete und den Weibern rings das Wasser aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater ist dahin,« hub der Kasper wieder an, »ein braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, ich wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«

Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten stand, begehrte auf. »Ich laß den Blaustaudner Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und drängte sich scharf zu dem Redner hin.

Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte sich zusammen, Fäuste reckten sich, und der Meßner lag auf einmal in der Grube auf dem Geißbock.

Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, wenn nicht der neue Pfarrer Nonatus Hurneyßl eingegriffen hätte, ein aufrichtiger und entschlossener Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich mit dem Strohflegel nur schwach wehren konnte, zum Ort hinaus und half schließlich mit dem nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.

In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte es dem Grazian ans Fenster. Der Grazian, in der Meinung, es gelte, einen Kranken zu versehen, tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas Gehörntes, Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes in die Stube gestoßen, und das roch abscheulich.

»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« schrie die Meßnerin und fiel aus einer Schwäche in die andere.

Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt und kroch plärrend unters Bett.

Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube leuchteten, fanden sie einen halbverwesten Geißbock.

Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und den daran hängenden Spott nicht gefallen lassen und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter aber kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den Fingern auf ihn hätte weisen können.

Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig die Wahrheit, und es schien, als ginge der Bursch in sich und verabscheue seinen Wandel, der die Leute ärgerte.

Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte damit und redete von nichts mehr als von Schopf- und Kropf- und Trommeltauben, von rotgesudelten und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten Tauben und pfiff den Vögeln den ganzen Tag und lockte sie, die über den First des väterlichen Hauses trippelten.

Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen Pfiffe, und während er die Spiele und Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte und sie am Schnabel zog, und wie die beiden beleidigt und dann wieder schön mit einander taten, da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, und er konnte sich selber nicht begreifen.

Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, wo Bauer und Bäurin in dem breiten Himmelbett schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf und sah den Burschen schleichen.

»Wohin denn, Bub?«

»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper halb im Schlaf.

»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, Bub. Und jetzt leg dich nur wieder!«

Folgsam kehrte der Kasper um und schlief weiter. --

Seit jener Mondscheinnacht lachte der junge Dullhäubel den Dirnen in die Augen. Und um sich vor ihnen ein Ansehen zu geben, handelte er sich vom Krämer eine Tabakspfeife mit buntem Kopf ein, die steckte er in die einwendige Brusttasche, daß das Mundstück herausguckte. Auch putzte er sich mit einem blauen Hut, grasgrünen Hosenträgern und einer breiten Uhrkette auf und ließ sich unter der Nase einen fuchsfeuerroten Schnurz wachsen. Und seine Schultern wurden breiter, seine Hände fester und griffiger. Nur die Stimme blieb ihm hoch und kindisch schrill.

Einmal saß die Sodonia nachts im Bett auf, weil sie sich den Schlaf nicht erzwingen konnte. Da hörte sie es wie mit Diebestritten das Haus umspüren und bald hernach den Kasper draußen halblaut singen:

»Dirndel, tu auf und laß mich zu dir, bin ein armer Kaplan, sollst beten mit mir!«

Die Alte witterte neuen Unfug, und sie wollte die Hand über des Burschen Unschuld halten. Denn seine Mutter, die Sanna, kümmerte sich nicht um ihn, sie lag den halben Tag hinter der Scheuer unter der Hollerstaude, und die Stalldirn fing ihr die Läuse.

Die Sodonia wurde wachsam, und bald darnach merkte sie, wie sich der Kasper nach dem Essen davon zog und auch die Geißdirn verschwunden war. Schleunig suchte sie Dachboden, Stall und Stadel durch, bis sie schließlich zu einem alten, von Brombeergebüsch verwucherten Backofen kam, dort sah sie vier Füße heraus stehen. Sie packte das eine Paar kräftig an und zog den Kasper heraus.

Scheltend führte sie ihn zum Bauer. Aber der lachte unbändig und freute sich über den Ort, wo die Verliebten ihre Zuflucht gefunden hatten.

Es war zum letztenmal, daß der Isidor Dullhäubel sich freute. Er verfiel auf einmal, sein Gesicht wurde käsweiß, die kupferne Nase überzog sich mit Grünspan, und er behauptete, sie täte ihm weh. Die Kraft ging ihm aus.

Zu Mariä Geburt rief er den Kasper zu sich in die Stube. Er zog sich die hirschlederne Hose aus, die von den Vorfahrern überkommen war, warf sie dem Burschen hin und murrte: »Da!« Auf dem Tisch schillerten sieben Tabakgläser, darin die Namen der Wochentage geschliffen waren, und das Sonntagsglas glühte rot wie ein brennendes Herz. Der Bauer deutete darauf und ächzte: »Da!« Hernach ließ er sich matt ins Himmelbett fallen und starrte zu dem Spiegel hinauf, der darüber als Decke hing, und sah droben das kalkige Gesicht und die grüne Nase und seufzte.

So wich der alte Bauer dem jungen. --

Am Kirchweihsonntag schleppte sich der Isidor Dullhäubel zum letztenmal in den »pfalzenden Hahn«. Und als er mitternachts toll und voll heimkehrte, weckte er seine Bäurin und sagte fröhlich: »Heut hab ich die Krankheit versoffen.«

Der Kasper schwenkte noch am grauen Morgen die Dirnen im Tanz, als sein Knecht ganz außer Atem daher kam. »Kasper, heimgehen sollst du. Der Bauer ist gestorben.«

»Hast du mich erschreckt!« antwortete der Kasper. »Ich hab schon gemeint, der rotblassete Tauber wär hin.«

* * * * *

Der neue Bauer schaffte dem Toten ein schönes Begräbnis an. Die kupferne Nase nahm er ihm, als er in der Truhe lag, weg, sie konnte dem Isidor beim Jüngsten Gericht mehr schaden als nützen. Der Kasper band sie an den Senkel der Stubenuhr, die schon längst ein stärkeres Gewicht gebraucht hatte. So hing ihm allzeit ein Andenken an den Verewigten vor Augen.

Die Musikanten bliesen, der Pfarrer spritzte den Weihbrunn über die Truhe und betete um das immerwährende Licht und um die ewige Rast, und der Kasper heulte am Grab des Isidor Dullhäubel und begehrte, man solle ihn gleich mit dem Alten einscharren.

Hernach ließ er sich nach ewigem Dorfbrauch ins Wirtshaus spielen, und dort ging es feucht und lustig her, daß der junge Dullhäubel beim Abschied schluchzend zu den Musikanten sagte: »Mein Vater hat jetzt eine schöne Leich gehabt. Wenn wir leben und gesund sind, müßt ihr mir bei meinem Begräbnis auch so schön aufspielen.« --

Der Mond war schon schlohweiß unterwegs, als sich der Trunkene heimtrollte.

In der Blaumantelkapelle war es hellicht. Der Kasper Dullhäubel stierte hinein. Ihm schien es, der Heilige beutle unwillig den Kopf und hebe die Handteller gegen ihn, als greine er: »Fahr ab, du Sündenlümmel!«

»Du bist ein Lümmel, nit ich!« antwortete der Bauer. »Und meine Nase nimmst du mir nit, die ist kerngesund. Schau nit so scheinheilig drein! Wer weiß, wer du gewesen bist bei Lebzeiten.«

Der Heilige glotzte mit offenem Mund, der Mond verlieh ihm Leben.

»Dir verdank ich meinen roten Bart,« knurrte der Dullhäubel. »In dich hat sich meine Mutter verschaut, wie sie mich getragen hat. Wir zwei rechnen noch einmal ab miteinander. Und red nit so grob mit mir! Jetzt bin ich der Dullhäubel.« --

Tags darauf bat er die Altbäurin, sie möge ihm ein altes Heiligenbuch leihen, das er einmal in ihrer Truhe gesehen hatte.

Die Sodonia freute sich. »Das Buch schenk ich dir, Bauer. Das ist recht, daß du jetzt einkehrst bei dir und das Leben der Heiligen lesen willst, daß du ein Beispiel vor dir hast. Und so wachst in deiner Frömmigkeit ein gutes Blümel aus deinem Vater seinem Grab.«

»Sind alle Heiligen drin?« fragte er kurz.

»Alle! Alle!« Sie nickte feierlich.

Eine Woche lang buchstabierte er sich durch das andächtige Buch, daß er das Leben des Blaumantels kennen lerne. Er hoffte, in der Erdenwallfahrt des heiligen Nachbarn einen schwarzen Fleck zu finden, wie ja die stolzesten Heiligen oft die größten Sünder gewesen sind. Vielleicht hat der Blaumantel einen Bauer im Roßhandel betrogen oder es mit einem leichtfertigen Weibsbild gehalten oder gar irgendwo auf der Straße einen Wegfahrer abgegurgelt. Es gibt gar wunderliche Brüder unter den Heiligen. Und wenn der Dullhäubel den Fleck des hochfährtigen Heiligen aufgedeckt hat, wird er ihm ein paar schöne Strahlen aus dem Heiligenschein zupfen und ihm gehörig heimgeigen, wenn der Blaumantel ihm noch einmal ins Gewissen reden sollte.

Doch wie scharf der Bauer auch die Buchstaben ins Auge nahm und wie mißtrauisch sein Finger über die Zeilen tappte, daß ihm nichts entwische, er fand in dem Buch nicht einmal den Namen des Heiligen.

»O du Duckmauser, wer weiß, was für einer du bist?« grinste der Kasper Dullhäubel. »Jetzt will ich dir erst recht nachspüren.«

Er suchte den hochwürdigen Herrn Nonatus Hurneyßl heim.

Der Pfarrer lehnte gerad im Predigtstuhl, der ein großes, nach oben offenes Schneckenhaus war, und erzählte die Marter des heiligen Sebastian.

»Was gilt es, du kriegst den Pfeil in die Gurgel!« rief er. »Was gilt es, du kriegst den Schuß in den Nabel! Bums, sitzt dir der Pfeil im Schienbein! Ja, meine lieben Seelen, da sperrt ihr euer Maul auf und loset. He, du alte Zipfelhaube im dritten Stuhl am Eck, schlaf nit! Greift dich denn die Marter gar nit an? He, du Bürgermeister von Grillenöd, räusper dich nit so laut! He, Mausfallenwirt, lach nit so mit den Stockzähnen! Versuch es, laß du dir einmal von einem gottschändlichen Buben mit der Schindelbüchse einen Nagel in den geschwollenen Magen schießen!«

Da knarrte das Kirchtor, der Kasper Dullhäubel stand da und tappte demütig in den Weihbrunnkessel.

»Gehorsamster Diener, Dullhäubel!« grüßte der Herr Nonatus Hurneyßl grimmig. »Hast du den Weg verfehlt? Oder regnet es draußen, weil du da herein kommst? Kannst du nit zur Zeit da sein? Mußt du mich in den schönsten Martergeschichten stören? Hast du vielleicht einem Geißbock die letzte Ölung geben müssen? Das möcht ich wissen, was du heut von unserm Herrgott verlangst. Herrgott im Altar, trau dem Dullhäubel nit! Ja ja, schnupf nur, und tröst deine Nase! Der Teufel wartet auf dich, er bekränzt schon die große Bratröhre, wo er dich dünsten wird. Amen.«

Die Gemeinde murmelte: »Vergelts Gott!« und der Pfarrer stieg schwerfällig von der Schneckenkanzel herab.

Nach der Messe schob sich der Dullhäubel in die Kanzlei des geistlichen Herrn.

Der rief leutselig: »Ei, was für ein Wind tragt den Dullhäubel daher? Willst du gar schon heiraten? Das wär ratsam. Deine Wirtschaft braucht ein Weib.«

»Mich druckt ein besonderes Anliegen,« entgegnete der Bauer. »Sag mir, Hochwürden, woher stammt denn unser guter Schutzheiliger, der Blaumantel? Und was für Martern hat er erlitten, eh die Fuxloher ihn in die Kapelle gesperrt haben?«

»Meine liebe Seele, ich kann dir darüber nit viel Auskunft geben. Euer Heiliger schreibt sich eigentlich Sankt Aurazian, so steht es in unserm Kirchenbuch zu lesen. Sonst ist über ihn nirgends ein Wort zu lesen, so viel ich auch die Heiligengeschichte nachgeblättert hab. Mein Vorgänger, der Pfarrer Sebastian Knaupler, hat in selbiger Sache einen Brief an die päpstliche Kanzlei in Rom geschrieben, aber auch die haben nix gewußt vom heiligen Aurazian. Er muß ein gar bescheidener Mann gewesen sein, weil er nix von sich hinterlassen hat als seinen Namen.«

Der Dullhäubel dankte und ging. Bei der Siebenkittelwirtin kehrte er ein und trank, bis er strotzte, und erst, als er keinen Trunk mehr vermochte, besann er sich auf den Heimweg.

Die Nacht war schwarz, kalter Regen schlug durch den Wald. Der Steig war voll Gerill und Geröll und voll lauernder, tückischer, schlüpfriger Wurzeln, so daß der Bauer oft hinstürzte.

Vor der Kapelle zündete er sich die Pfeife an und beleuchtete den Heiligen. Der wehrte mit den Armen ab, als wolle er keinen Teil haben an dem Dullhäubel und als grause ihm vor dessen trunkenen Wandel.

»Herr Auraz Blaumantel, jetzt red du selber, wer du bist,« gröhlte der Bauer. »Gelt, du staunst, daß ich deinen Taufnamen weiß? Ich komm dir schon hinter die Schliche. Red, wer du bist! Du hast das Maul allweil offen und kannst nit giges und nit goges sagen.«

Schärfer schlug der Regen nieder, der Wind bog die Bäume, der Wolfsbach sauste.

»Von dir weiß nit einmal der Papst in Rom, woher du bist, du zugereister Heiliger. Aber ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«

Und er kroch in die Kapelle, rollte den Blaumantel in den Regen hinaus, legte sich an seine Statt und schlief ein. --

In aller Frühe stapfte der Holzhacker Longinus Spucht mit seinem Weib daher, zwei Leute, eines kleiner als das andre. Sie wollten weit in den Lusenwald hinein, Bäume schneiden, und hörten es jetzt in der Kapelle drin schnaufen und rasseln und gurgeln.

»Um teufelswillen, Weib, der Blaumantel schlaft hart,« wisperte der Spucht.

»O du Batzenlippel,« spottete sie, »wie kann denn ein Hölzerner so schnaufen?!«

»Also ist es ein Bär,« stammelte er.

»Schau hin, ob niemand in der Kapelle liegt!« befahl sie.

Er tat ein paar verzagte Schritte und rief: »Ist niemand in der Kapelle?«

Da kreischte drin eine greuliche Stimme: »Was, bin ich jetzt auf einmal der Niemand? Ein großer Herr bin ich, auf der Welt gibt es keinen größern. Ich bin der -- --«

Weiter hörten die zwei nichts, sie rannten in einem Saus dem Wald zu. --

Die alte Ulla hob hernach den obdachlosen Heiligen wieder in seine alte Heimstatt und wusch ihm den blauen Mantel, der arg beschmutzt war.

Im Gau des Lusens ging bald das Gerücht um, der Heilige habe mit zwei armen Holzhackern ein frommes Gespräch geführt.

Der Dullhäubel aber prahlte sich, er habe die ganze Nacht mit dem Blaumantel im »pfalzenden Hahn« gesoffen und Karten gespielt und habe schließlich den trunkenen Heiligen heimschaffen müssen.

* * * * *

Das Frühjahr kam, die Tage nahmen auf.

Da tändelten die Vögel, der Birkhahn krudelte, der Kiebitz tanzte um seine Frau, der Fuchs lief der Füchsin nach und der Has der Häsin.

Und wie die Sterne so zierlich leuchteten und der breite Bauernmond über den Fuxloher Heustadeln hing, stieg der Dullhäubel auf halsbrecherischen Waldsteigen übers Gebirg hinüber ins Bayernland der Einöd Kaltenherberg zu. Der Lugausbauer dort hatte eine mächtige Tochter.

Das Gehöft lag schon finster.

Der Dullhäubel klopfte an.

Drin meldete sich der alte Lugaus. Er trat ans Fenster und spähte in die weiße Nacht heraus.

»Bist du der Bauer?« fragte der Dullhäubel.

»Der bin ich.«

»Tu auf! Heiraten möcht ich. Deine Tochter möcht ich.«

»Hoho, wer bist denn du? Der Lugaus gibt sein Mensch nit dem ersten besten, der in der Nacht daher reitet. Wir Bauern auf der Einöd sind dumm, aber zum Narren haltet uns keiner.«

»Dem Mußmüllner aus Fuxloh sein Bub bin ich. Hast du noch nie nix gehört von der Mußmühl?«

»Ei freilich! Komm nur herein! Bist herzlich gern gesehen.«

Der Alte riegelte die Tür auf, dann stieg er im Vorhaus die Stiege ein paar Staffeln hinauf und rief in die Bodenluke hinein: »Ogath, heb dich! Heb dich schleunig! Der Mußmüllnerbub ist da. Schlupf in den Kittel! Leg an dein seidenes Gewand!«

Der Dullhäubel setzte sich auf eine mit Rosenstöcken reichlich bemalte Truhe und ließ die Füße baumeln.

Die alte Bäurin gab ihm die Hand und kicherte und nickte unablässig. Der Lugaus brannte einen Span an und steckte ihn in den Leuchter am Ofen, hernach ließ er sich am Tisch nieder und schmunzelte übers ganze stoppelige, faltige Gesicht.

»Gesehen hab ich dich noch nit, Müllnerbub,« sagte er. »Ich bin nur ein einziges Mal drüben gewesen in Fuxloh. Der Weg her ist gar wild, voller Steinfelsen und Gewurz. Dazumal bin ich mit dem Leiterwagen herübergefahren von Fuxloh. Den Weg hab ich dersider verschworen und verredet. Wie ich die Ochsen so antreib, verlier ich zuerst die Leitern, hernach das linke Hinterrad, hernach das rechte, hernach das linke Vorderrad, hernach das rechte, schließlich den Hinterwagen, und wie ich daheim war, waren nur mehr die Ochsen da mit der Deichsel.«

Die Ogath trat herein, eine starke, große Dirne. Über Achsel und Brust hing ihr ein haselbrauner Zopf; ein ganz kleines, feines Bärtlein wuchs ihr über der Lippe, es stand ihr gar nicht schlecht.

»Da setz dich zu ihm hin,« sagte der Lugaus. »Heiraten sollst du!«

Halb schläfrig, halb verschämt ließ sie sich auf die Truhe nieder und schmiegte sich an den Dullhäubel. Die alte Schwieger nickte und kicherte.

»Die Ogath ist für dich, Müllnerbub, die kriegst du,« fing der Lugaus wieder an. »Schau sie nur an, wie sie gestellt ist! Wie hochbrüstig sie ist! Ja, meine Menscher haben Schmalz. Drei hab ich schon ausgeheiratet, leicht hab ich sie angebracht. Die Ogath ist jetzt die letzte.«

»Schön ist sie wie ein Nägleinstock,« kicherte die Lugausin.

Der Bursch tat den Arm um das volle, noch von Bett und Schlaf warme Weib, und sie schielte heimlich zu ihm hinüber.

»So red ihm doch schön zu, Ogath!« drängte die Alte. »Bist denn du eine Stummin?«

»Nach Fuxloh geb ich das Mensch gern, Fuxloh ist ein schönes Ort,« sagte der Lugaus.

Die Junge erwiderte mit tiefer, lachender Stimme: »Herzlich gern geh ich fort aus der Einöd.«

Der Dullhäubel gab ihr recht. »Eure Einöd gilt bei uns nit viel. Der Isidor Dullhäubel, Gott schenk ihm das ewige Licht, hat gespottet, bei euch täten sie den Mittag mit dem Kleiensack ausläuten.«

»Der Dullhäubel hätt über seinen kupfernen Kumpf spotten sollen!« fuhr der Alte auf. »Wie man hört, hat den Hof jetzt wieder genau so ein Spitzbub wie alle seine Vorfahrer.«

»Ich bin aber der Mußmüllnerbub,« redete der Dullhäubel flugs darein.

»Ein Müllner ist mir recht. Den nimmst du, Ogath! In einer Mühl staubt es das ganze Jahr ein kleines Geld und ein großes auch. Freilich« -- dabei kniff der Lugaus listig ein Auge zu -- »Diebe sind die Müllner alle.«

Die Schwieger rieb sich die hageren Hände, sie huschte emsig hin und her, zupfte an der Ogath ihren Kittel, brachte dann einen Laib Brot und nötigte den Hochzeitswerber zum Tisch.

»Du kommst in eine gute Freundschaft, Müllner,« sprach der Einöder. »Mein Bub ist auch recht, der ist ein Herrgottelschnitzer in Straubing. Den Kopf hat er von mir, die Füße sind wie Stangen, und einen Hund hat er auch.«

»Sei nit so verstockt, Ogath! Red mit ihm!« riet die Alte.

Und die Dirne sprach: »Rot solltest du nit sein, Müllner! Ein roter Bart steht selten auf einem guten Ort. Aber für sein Auswendiges kann der Mensch nix. Sonst gefallst du mir.«

Der Lugaus und die Lugausin zischelten eifrig aufeinander ein und winkten und lächelten sich zu. Die zwei Leute glichen sich sehr, die breiten, runzlichen Stirnen, die kleinen, wackelnden Kinne, die langen Nasen, dünnen Lippen und gutmütigen Augen ähnelten einander derart, daß man nicht gewußt hätte, wer der Bauer und wer die Bäurin sei, wenn er nicht die Hosen und sie nicht den Kittel angehabt hätte.

»Lugaus, wie hast du denn dein Weib kennen gelernt?« fragte der Dullhäubel lustig.

»Ich bin zum Häusel hinein, und sie zum Häusel heraus, da haben wir uns begegnet,« lachte der Alte. »Und zwischen Sommer und Winter ist es gewesen: wie ich zu ihr gangen bin, ist die Welt grün gewesen, und wie ich von ihr heim bin, hat es geschneit, alles in einer Nacht.«