Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman
Part 2
Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den heilsamen Tabak aber begehrte er, und bald wußte er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat den bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so lieblich kitzelt und erfrischt und das ganze Blut riegelt, wenn der Niesreiz von inwendig her an die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.
Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig aufwuchs und von den Wipfeln schier nimmer herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels leibliches Wohl und Seelenheil und fürchtete, er schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer am Dullhäubelhof.
Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, wir müssen den Daumen mehr auf den Buben halten, daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, wie aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. Er zerreißt zu viel Hosen.«
Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der Schneider bittet auch ums tägliche Brot.«
Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein gutes Gemerk, wir sollten ihm einen Schulmeister halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter Mann.« --
Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.
Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der den Bauern gegen einen Jahrlohn das Vieh hütete. Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde ein neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis brauche er keine Musikanten, da würden alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf den Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu Grabe blasen.
Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: »Hannes, kannst du schreiben und lesen und rechnen?«
»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.
»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf bringen. Triffst du das?«
Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl. Ich hätt schier selber in der Stadt die Schulmeisterprüfung hingelegt.«
»Warum hast du es nit getan?«
»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul gefragt, was ich vom Specht wüßt. Ich hab langmächtig hin und her gedacht, und zuletzt hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht ganz unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix davon erzählen kann, und wenn sie mich erschlagen. Da hat mich einer erschrecklich scharf durch die Augengläser angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. ›Behüt Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich glücklich draußen bin, steht einer dort, der ist aus der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag ich, ›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn das -- ein Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ schreit der, ›du wirst doch schon einmal einen Baumhackel gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn ich gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt sich Specht schreiben laßt, den ganzen Tag hätt ich den studierten Herren davon erzählen können.«
Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender vom Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt will ich mich überzeugen, ob du gut lesen kannst.«
Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche eine Brille herfür, rüstete sich damit und setzte ein gelehrtes Gesicht auf.
»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der Bauer. »Das trifft ein jeder.«
Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam und gewichtig: »Sankt Kilian stellt die Mäher an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, dann geht sie im Regen wieder zurück.«
Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, die auf der andern Seite stand. »Ob du die Schrift auch verstehst?«
Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über die Nase und las: »Am Montag nach Mariä Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. Den Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die Docke, beim Stier gewesen.«
»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, »meine Mutter hat das geschrieben. Die Zeit stimmt.«
Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt ihn lauernd dem Hirten hin.
Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu Georgi, am Tag vor Peter und Pauli, zu Ägidi und zu Martini.«
Der Isidor wunderte sich über die Maßen. »Sakerment, wahr ist es, vorn und hinten kann er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr versuchen.«
Er rannte davon und kam nach einer hübschen Weile mit einem andern Kalender zurück.
»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist ein Linzer Stadtkalender. Ob du den auch verstehst?«
»Das wär nit schlecht.«
Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber Finger zeigte: »Ein Bauer begehrte einen Viehpaß. Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ -- ›Auf Zwei‹. -- ›Und der dritte treibt sie‹, lachte der Schreiber. -- ›Und der vierte schreibt sie‹, lachte der Bauer.«
»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. Und ist sie auch wahr? Und steht das wirklich so drin?« staunte der Dullhäubel.
»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend Schwüre leg ich darauf ab in einer Viertelstund!«
»So kannst du also einen jeden Kalender lesen vorn und hinten?«
»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« sagte der Hirt.
»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr zupfen könntest, du könntest um die größte Schul einreichen,« meinte der Bauer.
Damit war der Brunnkressenhannes als Schulmeister aufgenommen. --
Am andern Tag hütete der Hannes auf der Weide vor dem Vogeltänd das Vieh. Das Kuhhorn im Gürtel, saß er auf einem Stein, und vor seinen Zehen brannten die feurigen Nägelblumen. Rings graste das Vieh, ein rotblümetes Stierlein scherzte, ein Heuschreck hüpfte aus dem Gras auf. Am Himmel glänzte eine linde Wolke.
Da brachte der Isidor Dullhäubel seinen Schüler daher.
»Er wird bei mir Zucht lernen,« rief der Brunnkressenhannes. »Gute Zucht tragt gute Frucht. Da setz dich her zu meinen Füßen, Kasper!«
Er räusperte sich und fing an: »Zuerst müssen wir von der Welt lernen. Drum merk auf, und sag es mir dreimal nach: Die Welt ist eine Kugel.«
»Oha!« schrie der Bauer, der zuhörte. »Weitaus gefehlt! Die Welt ist ein Teller.«
Der Hannes bog den krummen Hals und sah den Dullhäubel scheel an. Nachher begann er wieder: »Du kannst es mir glauben, Kasper! Die Welt ist so rund wie dein Schädel.«
Betroffen tastete der Bub seinen Kopf ab, als wolle er den rechten Begriff von der Gestalt der Erde gewinnen.
Derweil widerstritt der Bauer: »Alles ist gerad und eben. Wo sieht man es denn, daß die Welt kugelrund ist? Wenn es so wär, müßt man ja auf der Seite hinunterfallen. Bucklet ist die Welt, aber rund nit.«
»Die Welt ist rund wie eine Kegelkugel und dreht sich,« sagte der Brunnkressenhannes scharf und unwillig. »Schwätz mir nix drein, Bauer!«
Der Isidor erwiderte: »Wenn die Welt sich dreht, müßt einmal das Wasser aus dem Brunn fallen, du Aff du! Und mit dem Kopf nach unten müßt man zeitweilig gehen, du Aff du! Stell dich einmal auf die Stubendecke hinauf, du Aff du, und fall nit herunter!«
Der Hirt ward hitzig. »Und dennoch dreht sich die Erde um die Sonne!«
Da holte der Bauer weit aus und reichte dem Hannes einen schallenden Hieb. »Ich vertrag viel, aber so arg laß ich mich nit narren, du falscher Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen, wie die Sonn aus der Erd heraus gerodelt ist! Und die Sonn steht nit, sie geht; doppelt so geschwind geht sie wie ein Mensch.«
Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist ein grobes Wetter, Bauer. Aber es hilft dir nix. Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir seltsam ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst die Stund genau ansagen, wo sich der Mondschein verfinstert?«
»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner Kalender, du Narr!«
»Und wer macht denn den Kalender, he?«
»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. Hör mir auf mit deinen neugescheiten Gelehrten! Die wissen am End gar, wann Gott die Welt erschaffen hat.«
»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«
Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, daß er sich dabei schier die kupferne Nase aus dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ den Kasper seinem Schulmeister.
Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du einen Spruch lernen. Sag mir ihn nach!
Kind, horch, was dein Gewissen spricht und handle so, dann fehlst du nicht! Die innre Stimme ruft uns zu: Böses meide! Gutes tu!«
Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und der konnte es bald auswendig.
»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«
Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras und begann mit meckernden, hohen Lauten:
»Morgens, wenn die Sonn aufgeht und der Tau im Gras da steht, treib ich mit verliebtem Schall meine Viehlein aus dem Stall auf die grüne Hutweid hin, ob ich gleich ein Hirt nur bin.«
»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es hat eine recht sittsame Weis.«
»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.
»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« tadelte gekränkt der Hannes. »Du wirst auch einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag und alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, als an den Zäunen lehnen. Weißt du vielleicht ein schöneres Lied?«
Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte aus höchstem Hals:
»Ich schrei hü, ich schrei ho, ich schrei allweil hüstaho!«
»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht keinen Schulmeister nimmer,« sagte der Hirt bissig.
Er kramte einen messingenen Ring heraus, das war seine Sonnenuhr, stellte sie gegen das Licht und sah nach der Stunde.
»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich schläfert. Nimm derweil das Vieh in acht!«
Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als Hirt zu halten habe, verblümelte dabei seine Rede mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank dann auf einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras zurück und schlief.
Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, sondern kitzelte die Grillen aus ihren Nestern, und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte sie in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten sie Honig melken. Dann grub er ein tiefes Hummelnest aus. Eine Hummel entkam ihm und irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine andere aber ertappte er und steckte sie zu den Bienen, denen sollte sie der Weisel sein. Auch die Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.
Bald war sein unruhiger Sinn des stillen Spieles überdrüssig, und er schlich sich zu zwei weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die Schwänze zusammen, und als er hernach böse zu summen anhob wie eine Blutfliege, wurden die zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und konnten nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und es gelang nicht, das eine zerrte hin, das andere zog her, sie sprangen immer närrischer.
Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine Lust noch höher steige, stahl er dem Hirten das Horn und stieß mit aller Wut seines Atems darein.
Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, wie die Kühe mit verknüpften Schwänzen, die eine rechts, die andere links, einen jungen Ahorn schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, das so karg stand wie der armen Leute Hafer.
»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze nit reißen!« Mit diesem und noch manch anderem Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.
Da tauchte der Meßner Grazian aus einer Staude, ein spitzköpfiger, einseitiger Mann; die eine Achsel stand ihm höher als die andere. Er deutete mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein liederlicher Bursche. Der wird es zu nix bringen.«
Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel einer Ringelblume und schaute, kalt bis ins mittelste Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen Kühe auseinander tat.
»Dem liederlichen Burschen wird es einmal schlecht gehen,« weissagte der Meßner Grazian, »der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«
Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt vollbracht und fiel nun mit einem heimtückischen Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf und riß ihm eine dicken Schübel Haare aus. Dabei keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch wiederholen. Der aber stampfte und strodelte unter den Krallen seines Meisters und krähte wie ein junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.
Der Grazian hingegen predigte aus der Staude heraus: »Der liederliche Bursche rennt dem Galgen zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu, Hannes! Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem Joch wachsen!« --
Damals endete das kurze Schulmeistertum des Brunnkreßners.
Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. »Kasper, du wirst ein großer Bauer wie ich. Du wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben. Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal stolz den Kopf heben, und die andern Fuxloher Bauern werden nur Notleider gegen dich sein. Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer viel weiß, wird nit feist.«
»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.
»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung über die Welt bring ich dir bei, und lesen und schreiben lernst du von der Altbäurin.«
Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper bei seinem Vater verlebte. Weil der Bauer glaubte, das Gedächtnis sei die wichtigste Arbeit des Gehirns, so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein auswendig lernen, davon die Geschichte vom brennenden Wasser, das mit Feuer gelöscht worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin der hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch am glaubwürdigsten war. Hernach brachte der Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie ein Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und manchen spitzigen Stichelschwank bei und erzählte ihm die Streiche, derer die Dörfer diesseits und jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald wußte der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel anzuhängen, und er spottete über die Bärnloher, denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen war, und über die Daxloher, wo die Kühe so bitterlich hungern, daß eine der andern den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, so lachte der Kasper: »Die Grillnöder singen!« Und wenn die Blaustaudner Glocken über den Wald herauf klangen, sang er:
»Die Blaustaudner läuten, sie läuten vor Not, sie fangen den Bettelmann und nehmen ihm's Brot.«
Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der Peitsche schnalzen wie ein alter Fuhrknecht. Er schob die Finger ins Maul und pfiff schrill, daß es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und die Krähen in den Nestern sich duckten.
Weil er den Großen und den Kleinen seine Sprüche und Stichelnamen anhängte, traute sich schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger Enterich. Drum fand er auch zu seinen Spielen keinen Gesellen.
Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter Bub, vertrug sich mit ihm, und die zwei bauten Wasserräder in den Wolfsbach, durchstöberten die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und die Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und Kranwitvögel, brieten und fraßen sie, fischten und krebsten, schopften und prügelten sich weidlich und söhnten sich wieder aus.
Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu trennen. Und kam einmal der Gid nicht früh genug aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle durchs Schlüsselloch hinein: »Müllnerin, wenn du den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater laßt dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«
Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle der einzige Ort auf der Welt war, der ihm unheimlich schien. Denn der Müller Gori drohte oft den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann los, er liegt in der Kuchel im Ofenloch an der Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund Zikan, den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen hatten, hinter dem Ofen hervor und fletschte den Kasper an, da verzog er sich schnell und blieb eine kleine Weile artig.
Aber das Blut der Buben verlangte allmählich nach verwegeneren Dingen, und die vererbte Rauflust regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher heraus.
»Salz in der Butten, Mehl in der Gruben, die Grillnöder sind Hagbutzelbuben.«
Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, und sie trauten sich über die Schmäher, und so kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten Schädeln und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist gesund davonging, denn er hielt sich zur rechten Zeit zurück und überließ den Hauptanteil an dem Streit dem Gid.
Der Müllerbub war auch weitaus stärker als Kasper. Nur im Gedächtnis fehlte es ihm.
Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum Schuster, und dort richtete der Bub den Auftrag ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus Christus, Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein paar Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß du ihn bitten tätst, und daß du ihm morgen die Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«
Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte Rede gleich auswendig, und er schonte den eigenen Freund nicht und sagte sie ihm allweil wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede wurde zwischen den Buben und zwischen den Vätern, denn keiner, der Dullhäubel nicht und der Mußmüller nicht, ließ etwas über seinen Sprößling kommen.
Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken an die großen Leute.
So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen beim Mittag, die Suppe rauchte, und das Weib schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der Kasper in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, euer Brunn brennt!« Hurtig rannten Meister und Meisterin und Gesell hinaus zum Brunnen, und als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter schalten, stand ein Ochs in der Stube, der hatte die Suppe ausgesoffen und leckte sich noch die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren vor seine Werkstatt genagelt, wenn es nicht gar so entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.
Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles und auch das Unglaublichste glauben, man braucht es ihnen nur zu sagen.
Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer litt es und nahm lachend den Missetäter in Schutz. Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.
Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper einen seltsamen Schimpf auf. »Erdspiegelbub! Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. Er konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete.
Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß im Dullhäubelhof in einem schauerlichen Loch neben dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt sei, drin alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder Dieb und Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn es der Bauer verlange.
Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel einmal durchs Gehölz gefahren. Plötzlich geht der Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen sich ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen rinnt wie ein Bach, der Ähnel haut mit dem Geißelstecken auf das arme Vieh los, umsonst, der Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor lauter Zorn die Axt und haut sie ins Hinterrad. Gleich rollt der Wagen wieder fort, als ob nix gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof kommt, hört er es drin ächzen. Er schaut nach. Da liegt der Servaz Dullhäubel blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß abgehackt neben ihm. Der Servaz hat in dem Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat ihm einen Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad in den Spiegel gestellt. Und wie mein Vorfahr dreingehaut hat, hat er dem Servaz den Fuß abgehackt. Er soll hernach krumm gegangen sein, der Servaz.«
Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in den Keller. Aber die Tür zum Erdspiegel war vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte, ertappte der Bauer den neugierigen Buben und legte ihn übers Knie.
Das war das erste und letzte Mal, daß der Kasper des Vaters Faust spürte.
Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken und Schwänken aufwachsen sah, kränkte sie sich arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper sei ein Wechselbalg und in der Wiege vertauscht worden, und darum habe er auch einen gar so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, und sie bereute, daß sie ihm nicht gleich nach der Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt hatte, den höllischen Tausch zu hindern.
Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem sie ihm die ewigen Leiden vorhielt. Sie blätterte mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, wie die Sünder am Bratspieß des Teufels gespickt wurden und ihnen der Leibhafte mit feuriger Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das Glied aus dem Gelenk riß, wie Nattern mit giftigen Zungen die Verdammten mitten ins Herz stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul krochen, und wie ein derart gepeinigter Mensch sich nicht helfen und nicht wehren konnte, zumal da er durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.
In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten dürre, duftende Nußblätter. Die Sodonia ließ den Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig: »Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen in einem Land, wo die Leut milder sind.« Die Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland des Gebirges herauf geheiratet.
Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch fürchtete, am lichten Tag schreckte ihn der Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal in den Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und braten müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, die marterlichsten und verwickeltsten Peinen des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das merkte die Sodonia mit blutendem Herzen, und sie hakte bald den Höllenspiegel zu und malte den Teufel nimmer an die Mauer.
Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn er nachts aufkam, sagte sie mit ihm das Einmaleins auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten, und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte sie ihm bei, und beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, dabei aber geschah der große Fehler, daß das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die lustigen Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.
Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß der mißratene Mensch sich schon geraderecken werde, wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus berufenem Mund hören werde.
Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer Sebastian Knaupler die Fuxloher Kinder vor der Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die himmelschreienden und die lässigen Sünden hersagen, erzählte ihnen die biblischen Geschichten und münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, in fröhlichen und handgreiflichen Augenschein um.
Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, die Kutte immer höher und höher, damit das steigende Wasser recht anschaulich den Kindern ans Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben gehoben, auf die Kapelle, das wachsende Meer zu verdeutschen, und rang droben die Hände. Dem Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen schauten sie zu dem geistlichen Herrn auf und in ihren Hirnen dämmerte der Umfang des Strafgerichtes.
Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den Schauernder Sündflut in das alltägliche Fuxloh zurück.
Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian Knaupler das schulmeisterliche Amt neidete, sah von der Viehweide nieder, tutete und näselte:
»Auf der Wies und auch am Klee ich so lange umher geh, bis sich laßt ein Brünnlein finden, daß mein Vieh daraus kann trinken, allda setz ich mich in Ruh, nehm die Schwegel, pfeif dazu.«
Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die Hälse und lauschten dem Störer. Der Pfarrer drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon einmal das Maul!«
Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu reißen und die bergüberschwellende Flut in einem verwogenen Bild auszulegen, packte er den Ast über sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er sich mit den Füßen in eine Astgabel, die Kutte sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und entblößte zwei dünne, borstige Beine, die von einem kurzen Lederhöslein nur spärlich bedeckt waren. Aus der Kutte heraus flehte er gedämpft um Hilfe.