Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Part 13

Chapter 133,690 wordsPublic domain

Jetzt reckte der Grazian den Hals und flüsterte eindringlich: »Leut, es ist an der Zeit, vergeßt nit, warum wir den weiten Weg gangen sind! Sagt es fein der Dornstaudnerin, warum wir heut ihren Freund, den Blaumantel, nit mittragen!«

Da murrte die Schar ein dumpfes, hartes Gebet wider den Erzschelmen und Landschaden Kasper Dullhäubel.

Die Ulla aber stahl sich mit bekümmertem Blick hinaus aus dem Glanz und irrte traurig und verlassen um die Kirche.

Da fand sie eine Kapelle, drin raunte und sprudelte es traulich, und über dem rinnenden Brunnen war die Gottesmutter auf ein Brett gemalt, die lächelte lieb und grüßte mit den schlichten Augen das Weib; auf dem Schoß zappelte ihr das Kind, es tappte gerad nach einem Gimpel, und der Vogel drehte den Kopf und biß den Buben in den Finger.

»Ei, da ist fröhlich hausen,« dachte die Ulla und kniete mit müden Knieen auf die Betstaffel hin vor das Bild und schaute sehnlich empor. Sie, die heimatlos war wie ein Fläumlein in den Lüften, das nicht fallen kann und nimmer steigen, hier fühlte sie sich daheim.

Sie ließ den bunten Weinfalter frei, den sie gefangen hatte. »Marienkind,« schmeichelte sie scheu zu dem jungen Herrgott hinauf, »dir bring ich ein schönes, ein wunderschönes Sommervöglein.«

Auf einmal dachte sie an ihr Herz, das sie voll Sünden wähnte, und sie betete still: »Maria, lichter als die Lilien hinterm Zaun, roter als die Nelken am Rain, ich grüß dich soviel tausendmal, als Sandkörner liegen auf den Straßen, als Laub wachst am Wald, als Sterne scheinen vom Himmelreich. Geweint hab ich viel, eine Zähre hat die andere gefeuchtet. Zu dir komm ich, dir vertrau ich, Maria. Durch deinen keuschen Namen bitt ich dich, du sollst mir sagen, ob ich eine Hex bin.«

Der Heiligen froher Blick fiel auf den alten Heilbrunn. Da beugte sich die Ulla drüber und schaute ins Wasser, bis sie die eigenen Augen drin sah, und diese schauten so fromm und gut heraus, daß ihr wunderfriedsam unter dem gespiegelten Blick wurde, und sie wußte, daß es keine Hexenaugen waren.

Hernach trank sie von dem fallenden Wasser. Der Marienbrunn sang vertraut, und draußen im Laub meldete sich ein Rotkröpfel.

Hier war gut sein.

Weit weg von der Welt kniete die Ulla und betete herzlich für Tote und Lebende, für alle, die sie kannte und die ihr Gutes getan oder Übles.

* * * * *

Am andern Tag gingen die Fuxloher heim. Sie wünschten sich herzlich wieder in die kleine Heimat zurück aus der Welt, die sie sich so weit und so breit gar nicht gedacht hatten.

Wieder kürzten sie sich den Weg mit Lied und Litanei und ergötzten sich an den geweihten Andenken, die sie mit trugen, meist Bildern des Gnadenortes, mit gereimten Sprüchen bedruckt. Den Kindern hatte man auf dem Schleckmarkt etwas Gezuckertes gekauft, der Spucht hatte eine wächserne Nepomukszunge erstanden, der Grazian gar einen gläsernen heiligen Geist, und er trug die Taube in der spiegelnden Kugel zaghaft an einem Schnürlein, wich vorsichtig jedem Stein am Weg aus, und niemand durfte ihm in die Nähe. Wenn sie rasteten, hängte er sein gläsernes Glück an eine Staude und ließ es an einem Schnürlein schaukeln und im Licht glitzern.

Allen, die da aus dem hochgoldenen Haus der Herrgottin heimkehrten in das dürftige Dorf, allen war, sie hätten als Gottes Gäste ein himmlisches Märlein erlebt, und jeder glaubte, daß jetzt die hohe Dornenstaudnerin seinen Wunsch auf einem wundergläsernen Teller in den himmlischen Saal tragen werde.

Die alte Ulla trabte frisch dahin, sie fühlte sich leicht und über Erde und Leben erhoben wie die weißen Wolken droben.

Der Schmied rief ihr zu: »Heut lachst du daher, Ulla, als ob du statt von der Muttergottes vom Altweibermüllner kämst.«

»Einmal werd ich wieder jung,« antwortete sie. »Im Himmel sind wir alle gleich alt, dreiunddreißig Jahr, wie der Herrgott beim Sterben.«

»Wer hat dir das erzählt?« zweifelte der Schmied. »Ist einer von Jenseits die Leiter wieder herab gestiegen?«

Sie schüttelte ernst den Kopf. »Es darf keiner zurück, daß nix ausgeredet wird von oben. Es muß geheim bleiben.«

Der Grazian seufzte: »Es muß ein harter Weg sein -- dorthin.«

Je näher sie gen Fuxloh kamen, desto eifriger betete der Meßner. Allweil wieder rief er aus: »Gott, schenk uns einen feuchten, warmen Regen über Schlösselwald, Hundshaberstift und Leimgrub!« In diesen Orten hatte er seine Töchter verheiratet.

Als die Kreuzschar auf der Bergschneide hielt, von wo der Blick wieder auf Fuxloh fiel, rief der Grazian: »Leut, kniet euch nieder, da seht ihr euer Vaterland wieder!«

Der Fleischhacker Luitel rannte ihnen entgegen. »Männer, schwingt den Hut in die Höh,« keuchte er, »der Dullhäubel ist gestorben.«

Da fuhr es den Kirchfahrern kalt durchs Hirn und eisig durch den ganzen Leib, und das Gewissen bäumte sich ihnen auf, weil ihre Bittfahrt so jähe Frucht gezeitigt hatte. Aber sie faßten sich bald wieder.

»Der Herrgott hat diesmal leicht begriffen,« lachte der Wirt, »wir haben ihm es auch deutlich genug gesagt. Gelobt seist du, Maria!«

»Er hat es verrichtet, der Dullhäubel,« seufzte die Iglin. »Hoffentlich ist er christlich entschlafen.«

Dem Meßner Grazian erschlaffte im ersten Freudenschreck die Hand, das gläserne Gut entfiel ihm und zersplitterte. Da rief er kläglich: »Jetzt hab ich den heiligen Geist den weiten Weg hergetragen wie ein krankes Kind, und jetzt ist er beim Teufel!«

Das Dorfglöckel läutete der Schar entgegen. Kinder kamen und erzählten von dem Leichnam des Dullhäubel.

»Ganz schwarz ist er im Gesicht,« sagten sie.

Der Grazian runzelte nachdenklich das Hirn. »O weh, das ist ein übles Vorzeichen! Ohne Weih und Segen, ohne Pfarrer und Meßner werden wir ihn begraben müssen. Lasset uns beten für die arme Seel!«

* * * * *

Die Ogath hatte den halben Tag über ihren Bauer gesucht und nirgends gefunden, schließlich stieg sie in schwerer Ahnung auf den Heuboden hinauf, dort griff sie blindlings ins Heu und spürte ein eiskaltes Knie.

Mit einem einzigen Sprung war sie wieder drunten auf der Tenne.

Sie schrie den Kindern: »Am Heuboden liegt er. Der Schlag hat ihn getroffen, er ist ein vollblütiger Mann gewesen. Die Leich ist schon kalt.«

»Jesmaria,« plärrte die Wabel, »jetzt ist er gestorben und hat heut noch das Gesott[1] nit geschnitten!«

[1] Häcksel.

Die Töchter flogen zu den Nachbarn und Befreundeten in die Dörfer und zum Pfarrer, die Leiche anzusagen. Die Bäurin selber fuhr mit dem Schubkarren zum Tischler, der Totentruhen vorrätig hatte.

Sie begegnete den Wallfahrern. »Der Bauer hat verlebt,« meldete sie, »übermorgen ist das Begräbnis.«

Als sie abends mit der Truhe heimkam, saß der Dullhäubel vorm Haus, kerngesund, die Wangen blührot, und schnupfte.

»Um Gottes willen, du lebst schon wieder?« stammelte sie.

»Ich bin kreuzwohlauf,« grinste er. »Du hast dich gefleißt mit der Truhe. Hast du auch um den Pfarrer geschickt, daß er mir lateinisch und schlapperteinisch redet und seine Blimblamblorium macht?«

»Aber du bist ja schon kalt gewesen, wie ich dich beim Knie erwischt hab?!«

Er nickte tiefsinnig. »Eine hirschlederne Hose greift sich halt allweil kalt an,« sagte er.

* * * * *

Weil der Dullhäubel den Seinen verboten hatte, die Leiche abzusagen, so wußten nur wenige, daß er noch lebte. Die Leute, die nun zu des Bauers Begräbnis angewandert kamen, lächelten säuerlich, als er selber sie treuherzig begrüßte und ihnen ein Schnüpflein antrug.

»Die Bosheit wuchert weiter, und die Gerechtigkeit ist übers Meer gefahren,« verzweifelte der Grazian.

Hernach saßen alle im »pfalzenden Hahn,« und weil sich dort gerade auch drei böhmische, drei österreichische und drei bayrische Musikanten zusammen fanden, ging es bald hoch her, und man söhnte sich leichter mit dem verhinderten Begräbnis aus.

Lange betrachtete der Dullhäubel seine Totentruhe. »Zweispännig wär sie mir lieber,« meinte er, »daß eine saubere Dirn mit mir drin übernachten könnt.«

Er nutzte die Truhe ans, indem er Schloß und Band dran nageln ließ und sich drin Selchfleisch und manchen Leckerbissen versperrte, den er vor seiner genäschigen Sippe nicht sicher wußte.

* * * * *

Der Dullhäubel kam zu Glück und hohen Jahren.

Seine Töchter misteten den Stall, schnitten das Gesott, rechelten die Streu, striegelten die Ochsen, ackerten, säten, ernteten, droschen. Er tat nichts.

Die Wabel, die Reigel, die Rosel, die Portiunkel, die Stasel, die Kathel und die Liesel verheiratete er Bauern, die Glöckelstühle auf dem Dach hatten.

Er ließ sich sein schelmisches Wesen nicht verkümmern, auch dann nicht, als er der Burgermeister von Fuxloh wurde, und die Leute starben nicht aus, die ihm den Galgen auf den Hals wünschten.

Einmal nach der Kirchweih, als er sich weidlich angegessen hatte, setzte er sich vors Haus, nahm das Rubinglas und schlug sich eine erkleckliche Menge Tabak auf die Hand. Zuerst füllte er sich in behaglicher Andacht das rechte Nasenloch, und als er das andere befriedigen wollte und dabei schon das linke Auge wollüstig zudrückte, fiel ihm der Tod sanft in den Arm. Die Hand sank still, ungenützt flatterte das braune Häuflein herab auf die hirschledernen Hosen. Der Kasper Dullhäubel war nimmer.

»Jetzt hat er den schönsten Tod auch noch, der Lump, der das Eingraben nit wert ist!« schalt der Meßner.

»Ja ja, so geht einer nach dem andern dahin,« sagte der Schmied und ließ einen groben Wind streichen.

Nur wenige gingen mit bedächtigem Bauernschritt hinter dem Sarg her; viele waren daheim geblieben, sie meinten, der Schelm sei unsterblich und könne nicht begraben werden.

Der Filzhut des Ähnels und das Rubinglas wurden ihm mitgegeben, das hatte er sich ausbedungen.

Als die Leiche in die Grube gelassen wurde, riß der Strick, die Truhe polterte hinunter und brach auf, und der Dullhäubel schaute noch einmal fröhlich die heulende Schar der Hinterlassenen an.

»Schaufelt zu, schaufelt zu!« schrie der Grazian. Und alle, wie sie ums Grab standen, warfen schnell mit Händen und Füßen Erde hinab, daß der Erzschelm nicht noch einmal an den Tag käme. --

Als der Grazian an dem nämlichen Abend am Dullhäubelhof vorüber ging, tat er einen harten Schrei. Er behauptete, der Verstorbene habe aus dem Dachfenster die Zunge auf ihn gereckt. Da zündete die Ogath eine Laterne an und durchsuchte alle Winkel des Bodens. »Dem schwänkischen Mann trau ich alles zu,« meinte sie.

* * * * *

Der Dullhäubel fuhr schnurgerade zum Himmelstor auf.

Der heilige Peter stand davor, am Gürtel die beinernen Schlüssel, und schrieb mit einer hohen Pfaufeder in einem Buch. Als er den Schelm mit dem breiten Filzhut durchs Gewölk daher waten sah, hakte er das silberne Schloß des Buches zu und fragte: »Wer bist du? Gib Auskunft!«

»Der Dullhäubel bin ich, Bauer aus Fuxloh«, antwortete der Himmelfahrer. »Gelobt sei Jesus Christus!«

»Dein Nam ist mir verdächtig. Reck her deine Seel!«

»Da wird halt der Blaumantel seine Sach fürgebracht haben. Es ist ihm aber nit alles zu glauben, dem Bruder, dem scheinheiligen.«

»Schilt nit!« brummte der Peter. »Und einen Blaumantel gibt es bei uns nit.«

»Es muß einer da sein,« bestand der Dullhäubel. »Schau nur gleich nach in dem dicken Buch!«

Der Torwärtel raunzte: »Es ist ja möglich, daß früher einmal einer da heroben gewesen ist, der sich so geschrieben hat. Vielleicht ist er hinuntergefallen. Ich müßt den Herrgott fragen, der hat ein scharfes Gedächtnis.«

Jetzt zog der Dullhäubel aus der hinteren Schößeltasche seine Seele heraus, blies ein Stäublein Tabak davon weg und zeigte sie ängstlich vor.

Der Heilige rückte die Brille, schnüffelte an der Seele und krauste die Stirn. »Mein Lieber, du hast dich ganz und gar verirrt. Du gehörst wo anders hin. Schab deinen Weg!«

Dem Dullhäubel stand der Schopf geberg. An des Kapuziners Cochem abscheuliches Bilderbuch erinnerte er sich, an den höllischen Ofen, wo die Zerknirschten heulten und Pech spieen und ihnen der siedende Geifer aus den Lefzen spritzte.

Der himmlische Torwärtel tat eine Falltür auf, da ging der Höllensteig hinunter hundert Klafter tief, und des Dullhäubels Vorväter saßen ohne Ausnahme tief drunten auf einer glühenden Bank, den Hosenlatz hinten abgeknöpft, mit nacktem Sitz nach altem Erdenbrauch, und der Schwefel, den sie saufen mußten, rauchte ihnen greulich wieder aus der Nase heraus. Der Teufel kletterte eine brennende Leiter herauf und bellte: »Wau, wau!«

»Mach die schwarze Tür zu, Peter!« hüstelte der Dullhäubel, der höllische Schwefel kitzelte ihn in der Nase.

Doch der heilige Mann antwortete: »Bind dir die Seel fest ins Schneuztuch und steig hinunter! Sie warten schon.«

Dem armen Schelm ward blau und grün vor den Augen. Aber er gab das Spiel nicht verloren. Das Rubinglas nahm er herfür. »Da schnupf, Peter, daß du einen andern Sinn kriegst!«

Der Torwärtel liebäugelte mit dem Glas. »Der Tabak tät mir wohl. Da heroben wird keiner verschleißt, und wenn nix zu schnupfen ist, so ist das eine kleine Krankheit.«

»Du solltest mich doch in den Himmel lassen, nur ein Vaterunser lang,« begehrte der Dullhäubel. »Vor dem Blaumantel will ich einen Fußfall tun.«

Der heilige Peter nahm sich seine mannbare Nase voll. »Wundersam schmeckt der Tabak, der fehlt mir noch zur Seligkeit. Ich hab ihn mein Lebtag gern gehabt. Hau mir noch einen her auf die Hand! Anlehnen muß man sich schier, wenn man den da schnupft, sonst reißt er einen um.« Er blinzelte schalkhaft. »Was für ein Tabak ist es denn? Ein königlich bayrischer? Ein gepaschter, he?«

»Nur hineinschauen laß mich ins Paradeis, Schlüsselmann!« bettelte der Dullhäubel.

Den Heiligen hatte der brasilische Tabak ganz verwirrt, die Augen glosten ihm, und er tat das Tor auf.

Jetzt stand der Dullhäubel im himmlischen Glanz.

Da saßen alle die heiligen Bauernfreunde beisammen, der Wendel, der Liendel, der Isidor und der Steffel, und dengelten silberne Sensen, daß es wie ein vierfaches Glöckelspiel lieblich anzuhören war, und die Magd Notburga jätete in einem Krautgärtlein. Der Märtel und der Jörg ritten auf Milchschimmeln, die fraßen an dem fetten Wasen, der auf den Wolken wuchs. Andere Heilige stolzierten in seidenen Meßgewändern mit hohen Krummstäben auf der Sternstraße auf und ab, ein nackter Martersmann, dem silberne Pfeile in Stirn und Brust und Knie staken, lustwandelte lachend unter ihnen. Alle waren bloßköpfig, nur der heilige Rochus und der Dullhäubel nicht, die hatten den Hut auf.

Engel rauschten mit schneeweißen Flügeln. Die himmlische Regenbogenfrau schaffte am Spinnrad, einen goldgrünen Käfer im Gefältel ihres Kittels, und daneben spielte das Herrgottsbüblein Ball mit dem Weltapfel.

Der Himmelsgarten war umzäunt, auf jedem Zaunstecken saß und sang ein bunter Vogel, und das waren lauter selige Seelen.

In der Mitte aber in wunderbarem, hohem Betstuhl saß Gottvater selber, in seinem Mantel war mit Perlen und Kleinoden der ganze Sternhimmel gestickt, auf seiner Brust zückte die Sonne ihre Strahlen.

Der Dullhäubel senkte die Augen, daß er nicht erblinde, und schaute sich auf den Fuß.

Über dem Herrgott war ein goldener Taubenkobel, der heilige Geist umflog ihn und gurrte wild herab.

»Ei tausend,« staunte der Herrgott, »da kommt ja der Dullhäubel daher aus meinem guten Dorf Fuxloh! Was begehrst denn du da heroben?«

Jetzt nahm der Schelm den Hut ab und stammelte: »Den Herrn Blaumantel such ich. Er soll sich auch Aurazian schreiben. Ich will ihn abbitten -- zu wegen meiner Schlechtigkeit.«

Der Herrgott sann nach. »Ich weiß alles. Aber einen Aurazian Blaumantel kenn ich im Himmel nit. Das ist ein Irrtum.«

»Alsdann, Eure Heiligkeit -- --.« Der Dullhäubel stockte, er wußte nicht, wie er den Herrn hätte richtig anreden sollen.

»Nenn mich nur Herr Gott!« meinte der Himmelvater. »Du bist dein Lebtag mit mir auf du und du gewesen (wenn du auch recht sparsam mit mir geplaudert hast), drum sag mir jetzt auch du!«

»Alsdann, wenn es keinen Blaumantel da heroben nit gibt, dann ist meine Schuld weitaus geringer,« seufzte der Dullhäubel auf.

»Und was begehrst du noch? Und was schaust du allweil auf deinen Fuß?«

»Er möcht halt auch selig werden,« sagte halblaut der heilige Peter.

Der Herrgott fuhr aus dem Betstuhl auf. »Was?! Der Spitzbub?!«

Doch das himmlische Fräulein am Spinnrocken faltete die Hände. »Geh, lieber Gott, verstoß ihn nit! Laß ihn abwiegen!«

Da schmunzelte der Gottvater, daß ihm der breite Bart auseinander ging, und winkte mit der Hand.

Den Kometen wie eine Straußfeder am Hut, sprang der Riese Michel zur Tür herein, er trug eine großmächtige Wage. Den Bauer lüpfte er beim Kragen und setzte ihn in die eine Wagschale, in die andere legte er große Steine und Gewichte, das waren die Sünden und Schalksstreiche des Dullhäubel, und darunter war auch der Mühlstein vor der Mußmühle.

Jetzt hob der Engel Michel die Wage. Die Schale mit dem Sünder schnellte hoch empor, und der Dullhäubel verzweifelte an seiner Seligkeit, zumal da sich an die andere Schale noch der Teufel mit kohlrackerschwarzen Rabenflügeln und einem langen, rauhen Schwanz gekrallt hielt.

»O weh, o weh,« winselte der Sünder, »jetzt muß ich in der Höll knirschen auf ewig.«

Aber auf einmal senkte sich die Schale, drin er hockte, langsam und stetig.

»Schau hinunter auf die Welt, Dullhäubel, wer dir hilft!« sagte die Jungfrau Maria.

Da sah er tief, tief drunten im grünen Fuxloh vor der Kapelle ein uraltes Weiblein hocken, das betete mit seinem Hagebuttenrosenkranz für die arme Seele des Dullhäubel. Es war die Ulla.

Nun stand die Wage auf gleich.

»Ich darf nit zu leicht befunden werden,« ächzte der Dullhäubel, der helle Schweiß rann ihm von der Stirn.

In seiner Not langte er hinüber nach des Teufels Schwanz, und ob der Satan ihn auch mit der gespaltenen Zunge anlechzte und die rotfeurigen Augen abscheulich glühen ließ, der Dullhäubel packte des höllischen Widersachers Schwanzquaste und legte sie in die eigene Schale, und sie senkte sich um eines Härleins Breite tiefer als die andere.

Da fing unser lieber Herrgott an, sich langsam den Bart zu streichen und auf einmal lachte er dröhnend auf, und der heilige Peter fiel wie besessen lachend auf die Pauke hin, worauf man sonst Gewitter und Donnerschlag wirbelt, und die Muttergottes und alle heiligen Leute konnten sich nicht helfen vor lauter Lachen, und nur der Teufel rupfte sich den rußigen Schopf, spie und ließ die Schale los und sprang in die Hölle.

Vor dem breiten Herrgottsgelächter aber sank die Schale des Schelmes völlig herab, und er stieg aus und war gerettet.

Doch der heilige Peter besann sich und murrte: »In der Welt drunten gibt es einen Spruch, und der ist wahr.

Je ärger der Schalk, je besser sein Glück, je größer der Dieb, je kleiner der Strick.

Herrgott, paßt denn der Bauerntrumpf da, der nixnutzige, der Tod und Teufel zum Narren gehalten hat, in deine lautere Seligkeit herein?«

Der Herrgott warnte mit dem Finger. »Peter, Peter, geh mit unserm Dullhäubel nit zu streng ins Gericht! Es müssen auch andere Leut um mich sein, nit nur lauter Heilige. Die Heiligen sind mir oft ein wenig peinlich gewesen.«

Und während der Herr mit seinem Knecht also sprach, trat einer auf den Dullhäubel zu und gab ihm derb die Hand. Der fremde Gesell trug einen altertümlich groben Bauernrock und Bundschuhe, und ein Spiegel hing ihm im Gurt; seine lichtblauen Augen funkelten mutwillig, sein Haar war gelb wie Stroh und darauf saß ihm statt des Hutes ein ruppiger, glotzender, krummschnabliger Ohrenvogel.

»Ich sollt dich kennen,« sagte der Dullhäubel und dachte nach.

»Du kennst mich,« kicherte der andere, »ich bin ja dein Bruder, der heilige Eulenspiegel.«

Er hielt dem Dullhäubel den blanken Spiegel vor. Der lugte hinein und sah sich drin rosig leuchten, und über seinem Scheitel hing ein runder, lustiger Heiligenschein.

Der Herrgott richtete jetzt die grauen, frohen Augen auf ihn. »Dullhäubel, was willst du im Himmel anfangen?«

Der schalkhafte Mann leckte sich die Lippen und hob den listigen Bauernblick. »O Herr, wenn ich es wünschen darf, will ich im Sommer Schnee schaufeln und im Winter das Vieh hüten.«

»Zu meiner Rechten darfst du nit sitzen,« lachte der Herrgott, »du bist heut noch nit viel wert. Jetzt führ dich gut auf und laß dir einen milden, süßen Most einschenken.«

Das war dem Dullhäubel recht. Und er sagte zu der Himmelsfrau: »Liebe Fürbitterin, du schnupfst nit? Für deine wehleidige Jungfernnase ist meine Mischung zu scharf. Aber uns schmeckt es, gelt, Gottvater!«

Er schüttelte das rubinene Glas und ließ den Tabak rieseln auf des Herrgotts strahlende Hand.

* * * * *

Also hat unser Herrgott an einem gelungenen Schelm mehr Freude als an neunundneunzig Gerechten. Und so findet die Geschichte vom Kasper Dullhäubel jetzt ihr

_Ende_.

Von demselben Verfasser erschienen vorher im gleichen Verlag:

Aus wilder Wurzel

Ein Roman

Einbandzeichnung von Oswald Weise. 10. Tausend

_Münchner Allgemeine Zeitung_: »Das vorliegende Buch ist des Dichters beste und reichste Schöpfung und läßt noch ausgereiftere, kostbarere Früchte erwarten. Hart, eisern, von knirschendem Willen durchzuckt ist dieser Bericht, der von den mutig-zagen Bauern zu erzählen weiß, die es auf sich genommen, die furchtbare Baumwildnis der Eisensteiner Berge im endlosen Böhmerwalde der Scholle dienstbar zu machen. Watzliks Buch wird zu den bleibenden unseres Literaturschatzes gehören.«

Der Alp

Ein Roman

Einbandzeichnung von Richard Birnstengel. 6. Tausend

_Paul Grabein_ im Düsseld. Generalanz.: »... Der Wert des Buches besteht in der ganz prachtvollen, realistischen und doch wieder poetisch überhauchten Schilderung der Natur und Menschen des Böhmerwaldes. Eine Fülle von Gestalten zieht an uns vorüber, jede scharf umrissen in ihrer Erscheinung. Die künstlerische Wirkung Watzliks wird noch gehoben durch die eigenartige Schönheit und Bildkraft seiner Sprache ...«

Im Ring des Ossers

Erzählungen aus der Vergangenheit des Böhmerwaldes

10. Tausend

_Die Wage_, Wien: »... In wohlgepflegter Sprache, die stellenweis wie wundervoll gestimmte Glocken klingt, läßt er des Urwalds Schimmer und geheimnisvoll durchbrauste, zauberische Wildnis farbengolden vor uns erstehn. In einigen Skizzen arbeitet er mit allen Kunststücken, Schönheiten und Klängen des Wortes, daß die Seele erschauert, beglückt und berauscht von der übertönenden und überstürzenden Kraft poesievoller Schilderung ...«

O Böhmen!

Roman. Einbandzeichnung von G. Gelbke. 11. Tausend

_Deutschnationales Jahrbuch 1919_: »Ein Heimatroman, der den Kampf der Deutschen Böhmens um ihre Heimatscholle, deutsches und slawisches Leben mit solcher Farbenpracht und so glutvoller Innigkeit schildert, wie kein zweites Buch. Jeder Satz darin ist Poesie, und wir dürfen den Dichter mit immer größerem Recht zu den ersten Deutschösterreichs zählen.«

Phönix

Ein Roman aus der Wiedergeburtszeit Böhmens

6. Tausend

_Kölnische Zeitung_: »Wildromantische Ereignisse werden mit großer Farbenpracht durchgeführt, daneben aber macht sich die zartere Romantik eines innigen Naturgefühles liebenswürdig geltend. Ein spannend erzählter, an starken Wirkungen reicher Roman, der auch große poetische Werte besitzt. Man hat es in dem Buch mit dem Erzeugnis einer hohen dichterischen Begabung zu tun.«

Ferner erschien im Verlag Gebr. Stiepel in Reichenberg:

Wermuter

Eine Novelle. Mit Bildern von Artur Ressel. 4. Tausend

=Schloß Weltfern.= Ein Roman. 5. Tausend

Der flammende Garten

Gedichte. Mit Bildern von Viktor Eichler. 2. Tausend

=Firleifanz.= Ein Bilderbuch

=Einöder.= Ein Novellenbuch

Die Abenteuer des Florian Regenbogner

Liebhaberausgabe mit Bildern von Ferdinand Staeger 2. Tausend

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Der Schmutztitel wurde entfernt.

Korrekturen:

S. 295 lustwandete → lustwandelte {lustwandelte} lachend unter ihnen