Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman
Part 12
Doch der Teufel äffte ihn nicht, sondern munkelte ihm ins Ohr. Da schaute der Schelm sich pfiffig um, und als er nichts Lebendiges merkte als einen Vogel, der auf einem Tannenspitz rastete, und nichts hörte, als ein paar Dompfaffen und Teufelsmeßner im Wald, nahm er den Heiligen beim Genick und schleifte ihn auf heimlichem Steig zu dem alten Backofen, dort schob er ihn hinein und zündete ihm höllisch unter, und der Blaumantel fing an zu prasseln und zu knallen und sang wie die drei Jünglinge im Feuerofen.
Mit leichtem Gewissen ging der Dullhäubel zum »pfalzenden Hahn«.
Wirt und Wirtin waren auf der Wallfahrt. Das Dorf war wie ausgestorben, nur das Vieh hörte man glöckeln auf den Hutweiden.
Da stieg der Dullhäubel durchs Fenster in die Stube, legte ein paar Guldenzettel auf den Tisch und stach sich ein Faß an. »Jetzt, Seel, spring aufs Geripp, sonst ersaufst du!« lachte er und zechte gewaltig und ebenbürtig den Vorfahrern, die im Jahr nur zwölfmal aus dem Wirtshaus heimgekommen waren.
Erst als das Abendglöckel läutete und der Fuchs im Steinriegel den Hühnersegen betete, taumelte er heim vom Leichentrunk des Blaumantels und stieg, der Ogath nicht in die Hände zu fallen, ganz sacht auf den Heuboden und wühlte sich dort ein. --
Der Spucht schwenkte die schleißige Fahne, darauf die Notburg gemalt war, wie sie die Sichel an den Lichtstrahl hängte.
»Ewig leid ist mir um den Blaumantel,« seufzte der Grazian, »der ist auch ein starker Himmelsfreund gewesen, hat einen Nagel in den Nebel geschlagen und die Stiefel dran gehängt.«
Er lugte durch die messingenen Brillen, die er aufgesetzt hatte, die Wallfahrt zu verschönern, ins Gebetbuch; die Wangen glühten ihm, weil er sich heute wichtiger wußte als die andern Fuxloher, den Burgermeister mit einbegriffen, eine Litanei nach der andern näselte er der Kreuzschar vor und hörte nimmer auf. Er hatte sich gelobt, den Dullhäubel tot zu wallfahren.
Bergan ging es, alle stapften stumm, der Berg nahm ihnen den Atem. Nur als sie zu einem hochgelegenen, wenig ergiebigen Acker kamen, der zum »pfalzenden Hahn« gehörte, da hielt der Wirt das Kreuz, das er trug, darüber, schüttelte es zornig und schrie: »Da schau dir ihn an, Herrgott! Ist das ein Hafer?«
Oben auf der Schneide, wo man den letzten Blick über Fuxloh genießt, ehe es hinter Berg und Baum versinkt, da kehrten die vier Weiber mit der Walburga um, und der Grazian rief seiner Schar zu: »Da schaut hin, da seht ihr noch einmal euer liebes Vaterland!«
Sie wallfahrteten von Staude zu Staude, talnieder und bergauf durch den blauen Sommer, wateten durch die seichten, felsklaren Bäche, die krumm und weitläufig daher rannen, schritten über wackelnde Stege und feste Brücken; übermütig flatterten die Fahnen. Helle und dumpfe, reine und krähende Stimmen sangen dem Vorsänger die Weise nach und beteten aus morschen Büchern, daß die Wälder erschollen, die Scheuern widerhallten und die Dörfer, die sie durchwallten.
Die Ulla, die ihr Lebtag noch nicht viel weiter als über die Dachtropfen ihrer Hütte hinausgekommen war, wunderte sich ein über das andere Mal: »Leut und Kinder, ist die Welt aber groß! Jetzt steht dort droben auch noch ein Haus!«
Barfuß ging sie dahin, die Schuhe am Stecken über die Achsel gehängt.
Und der alte Didelmann hüpfte hin und wieder behend in eine Einschicht, um sich den Ziegel wärmen zu lassen, den er am Bauch trug.
Wie an einem weißen Band waren die Dörfer an der Straße aufgereiht, und wo die Kreuzschar zog, schwangen sich die Glocken in den kropfigen Türmen und schlanken Dachreitern, lenkten und schwenkten und senkten der Brunnkreßner und der Spucht die Fahnen, trug der Hahnenwirt den Herrgott und der Igel seinen Stangenkölbel um die Kirchen und traten singend hinein, dem heiligen Wolfgangi und dem Isidori und dem Prokopi einen kurzen Gruß zu bieten, und hernach wanderten sie den Weg weiter, der hübsch krumm talein, talaus sich schlängelte gen Maria-Dorn.
Stauden grünten am Steig, es hingen rote Blumen drin, der Tau flocht Rosenkränze, ein zarter Wind rührte scheu an Korn und Wald, Vögel schwätzten und wirbelten, der Specht, der Holzknecht, hackte lustig den Tann an, und über dem allen gewölbt hing der muttergottesblaue Himmel.
Bäche schossen daher aus Klüften und Gründen, verborgene Mühlen murmelten in den Schluchten, und vom Turm des heiligen Bartholomä, der das dreieckige Fenster hatte, das die Kinder das Auge Gottes hießen, von dem Turm rief neckisch die Glocke immer wieder: »Klingeleisen, Bügeleisen!«
An einer zerfallenen Burg wallten sie vorbei, drin nach der Sage ein verwunschener Schnapphahn geisterte. Die Buben riefen in den Keller hinein: »Zinnspanner, komm heraus!« und huschten wie gescheuchte Hirschlein davon.
Mit leisem Schauder schritt die Schar an dem Pesthügel vorbei. Und manch sonderbarer Heiliger wartete am Weg und wollte lobsungen sein und ein blaues oder buntes Kränzel empfangen. Die Muttergottesfahrer kannten meist den Namen und die Geschichte dieser Heiligen nicht, sie deuteten und benannten sie aus ihrer Einfallt heraus, wie sie es verstanden oder einmal hatten erzählen hören.
Im Schatten seiner rostigen Strahlenscheibe stand auf einem Bein ein solch namenloser Himmelsmann; das andere Bein, das er an sich gezogen hielt, mochte ihn schon schmerzen. Doch schnitt er trotz seiner Marter ein vergnügliches Gesicht. Dreißig Jahre soll er nicht gesessen noch gelegen sein und habe mit dieser Peinigung das Himmelreich an sich gerissen.
»Nehmt euch ein Beispiel an ihm, Fuxloher!« sagte der Grazian und versuchte ein wenig auf einem seiner spandünnen Beine zu stehen. Und alle drängten zu dem steinernen Weihbrunn hin und besprengten sich eifrig.
Vor dem Wermutdörflein -- so hießen sie den Ort, weil im Wiesental rings soviel Wermut blühte -- vor dem Dörflein stand das Hasenmarterl. Darauf freuten sich die Kinder schon den ganzen Weg, und die Mütter trösteten die müden Kleinen damit.
Der Grazian erzählte, ein Bauer habe einmal Sonntags so hitzig einen Hasen gejagt, daß er die Messe versäumte, und drum habe er zur Sühne die winzige Kapelle gestiftet.
Drin saß nun das heilige Kind mitten unter tanzenden Hasen, und die Kreuzschar lachte hinein und ergötzte sich an dem drolligen Tanz, und die Kinder wollten schier nimmer weiter und wollten immer wieder die Hasen sehen.
Doch der Meßner drängte, und sie folgten ihm. Er betete ein Gebet nach dem andern und rief immer aus, wem es gelte. »Wollen wir ein Vaterunser beten für unsere schwertragenden Weiber!« forderte er, und sie beteten mit klaren und hohlen Stimmen. Und weiter rief er: »Ein Vaterunser für solche, die auf hohen Wassern fahren! Und noch eins, daß Kraut und Hafer gedeihen in der Gemeinde Fuxloh!«
Hernach zog er einen pfiffigen Mund und sprach: »Jetzt wollen wir ein Vaterunser aufopfern für alle, die gern mitgegangen wären! -- Und eins für die, die nit haben mitgehen können! -- Und eins für die, die nit haben mitgehen wollen!«
Er goß einen Schluck kornenen Branntwein in sich, und da eben ein urwinziges, weißes Wölklein aufstieg, rief er: »Jetzt wollen wir beten, daß wir in einem trockenen Regen gehen!«
Doch oft hob er stark und geheimnisvoll die Stimme: »Aber jetzt beten wir recht inbrünstig und herzhaft für den guten Ausgang einer gewissen Sache!« Da sah er schon vor dem gesammelten Stoß der Gebete den verruchten Dullhäubel hintaumeln auf den Totenschragen und überliefert den gespreizten Krallen der Hölle.
Da setzte die Gemeinde gewaltig ein, und es klang wie eine sonderbar wirre Orgel. Doch galt alle Inbrunst dieses namenlosen Gebetes nicht dem Tod des Schelmen, sondern jeglichem glühte ein anderes Anliegen im Herzen.
Der Brunnkressenhannes wünschte sich den Wurm weg, der ihm im Finger tobte; der Didelmann wollte sein inneres Leiden erleichtern, und die Glöckelbäurin wollte ihren Zopf aufhängen am Arm der Muttergottes, die Haare waren ihr ausgefallen in schwerer Krankheit; der Lukas Schellnober trug seinen Stockzahn gen Maria-Dorn, und die Mechel wollte dort um einen Mann bitten, nur um keinen rotköpfigen. Der eine wallfahrtete wegen des Mausfraßes, der andere seinem kranken Roß, der dritte seiner trächtigen Kuh zulieb. Die Ulla schleppte ihr schweres Herz mit, das sie in verfluchtem Hexentum verloren wähnte.
Der Lippenlix ging auch mit, weil ihm der Dullhäubel den Bart geschändet hatte. Er war ein solcher Spielteufel, daß er selbst im Gehen mit seinesgleichen Karten spielte, und nicht eher ließ er davon ab, bis ihm der Lukas Schellnober die Eichelsau aus der Hand schlug.
Weiter ging es.
Sankt Peter, der Wettermacher, grüßte aus seinem blauesten Fenster. Auf den Blockhalden glühten schlanke Weidenröslein, Stauden einsiedelten auf traulicher Heide, die Wiesen lagen rot und weiß und gelb gesprenkelt, und ihre tausend Tauäuglein glühten. Lerchenträchtig war der Himmel. Hasen reckten die Löffel aus Klee und Ginster, Spechte spähten, die Eichkatze staunte aus dem föhrenen Wald, der Grill lauschte im Gras auf, wenn die Bittfahrer vorübersangen. Bienen und schöne goldige Fliegen sumsten heimlich die Marienweisen mit.
Gar als der Kuckuck vom Berg jauchzte, da rief die Ulla, der sich die Welt auf einmal gar so unheimlich weit auftat, freudvoll aus: »Der Fuxloher Guckauf ist mit auf der Wallfahrt, ich kenn ihn am Schrei!«
An einem Hang voll gelber Rainblumen hoch oben auf einer Säule stand ein Steinmann, mit den Füßen mitten drin in einem Strahlenkranz. Ihn hießen sie den heiligen Grobian, weil er der Straße und ihren Wandersleuten den Rücken kehrte.
»Das ist eine Wundersäule,« sagte der Grazian, »sie dreht sich langsam.«
Der Didelmann, der der älteste Mann von Fuxloh war, erzählte: »Vor fünfzig Jahren, ich denk es noch, hat der heilige Grobian mit dem Gesicht noch auf die Straße geschaut. Ganz langsam dreht er sich, alle Jahr gibt es ihm einen geringen Ruck. Merkt auf, Kinder, wenn ihr in fünfzig Jahren wieder da vorüber geht!«
Die Ulla aber redete: »Ihr sollt ihn nit den Grobian schelten! Wer weiß, ob derselbige nit durch sein Blut hat ins Himmelreich schwimmen müssen? Wer weiß, ob die schlimmen Heiden ihn nit mit Blei, Öl und Pech begossen haben?«
Da graute allen, und sie knieten reuig vor dem gescholtenen Heiligen hin. Nur der Brunnkressenhannes nicht, denn seine Filzhosen waren so dick, daß er drin die Kniee nicht biegen konnte.
Der Spucht schneuzte sich gerührt in den Hut.
Durch Drosselwälder und über Kuckucksberge wallend, stießen sie auf eine abgebrannte Florianikapelle; sie war nimmer aufgebaut worden, weil man den heiligen Feuerherrn nicht mehr traute, der das eigene Haus nicht beschützt hatte.
Vor mancher Bildsäule warf sich die Kreuzschar in die Kniee.
Da war der selige Simandel. Der hieß so, weil er gar erbärmlich geduckt stand, als fürchte er eines scharfen Weibes Angriff. Vielleicht hatte er in einem demütigen Ehestand die Marterpalme errungen.
Einmal führte der Grazian seine Herde zu einem Felsen und zeigte ihnen darauf ein Loch, das hatte der Bischof Wolfgang auf der Reise mit seinen Füßen hinein getreten.
Er wies ihnen einen hohlen Stein, der war der Sessel der glorreichen Frau gewesen auf der Flucht, bis sie ein Geißhirt davon vertrieb mit rauhem Schelten und Geißelknall.
Er führte sie zu einem wunderbar riechenden Dornbusch. Dort hatte einst ein Bittfahrer ein geweihtes Gottesbrot erbrochen, und an selbem Fleck war hernach die Staude gewachsen. Jetzt steckten die Fuxloher andächtig schnüffelnd die Nasen darein, stumpfe und spitze, weiße, rote und blaue.
Einen Heiligen trafen sie, der rastete mit durchbohrtem Leib mitten in hohen Disteln drin, verzückt in sein Leid. Ein Stieglitz wiegte sich auf einem der vielen Distelköpfe und letzte sich dran.
Die Kinder wollten wissen, warum der Marterer den Spieß im Bauch habe; niemand konnte es ihnen deuten.
Ein Hirt lagerte unter einem nahen Haselnußbaum, der rief: »Der Herrgott hat unserm Heiligen zwei Zungen gegeben, daß er ihn besser loben kann.«
Den Grazian verdroß die Prahlerei arg, und er knurrte: »Unser Blaumantel hat drei Zungen gehabt. Ich bin ein steifgläubiger Mann, aber gegen unsern Heiligen gilt euer Distelbub einen Pfifferling.«
Der Hirt raffte sich neugierig auf. »So seid ihr die Fuxloher, die die Heiligen stehlen? Bei euch sollen ja mehr Spitzbuben als gestutzte Hund sein.«
Das ergrimmte den Hahnenwirt, und er schlug mit dem gekreuzigten Herrgott auf den Spötter los, der aber wehrte sich verbissen mit seinem krummen Stecken. Der Lukas Schellnober tat schließlich die zwei auseinander.
»Dazuland sind die Hirten grob, das ist wahr,« schimpfte der Grazian, als sie schon weit von dem Distelgarten waren. »Kein Wunder, wenn die Muttergottes davon rennt! Setzt dem Teufel eine Säul her!«
Mit hellen Augen sah die Ulla all die fremden Kapellen und Bilder der Heiligen, die auch nach dem Tod nicht ermüdeten, Wunder zu wirken, und sie konnte sich vor lauter Ehrfurcht nicht genug tun, und als vor einem jähen Straßenabsturz eine Säule stand, die Fuhrleute zu erinnern, daß sie hier den eisernen Schuh unter das Rad zwängen sollten, da ließ sich das Weiblein es nicht nehmen, sie kniete hin und betete gläubig hinauf zur Gibachtsäule.
»Heiliger Radschuh, das sollt der Dullhäubel sehen!« lachte der rauhe Schmied.
Unter einer breiten Linde, in deren Laub es sommerlich summte, rastete die Schar.
Der Longinus Spucht lehnte das Notburgisfähnlein an den Baum und setzte sich auf eine Wurzel. Er hatte himmelblaue Hosen an und rote Strümpfe, er starrte auf die brennenden Waden und dachte zurück an die wilden Nächte am Lusen, während sein Weib am nahen Feld viereckigen Klee suchte, daß sie Glück habe.
Die Kirchfahrer holten ihr Brot hervor, schmierten Schmalz darauf oder häuteten eine Wurst. Die Mütter zöpften die Dirnlein, die sich das Haar an den Stauden zerrauft hatten.
Die Ulla fand ein paar Silberdisteln, sie schnitt den fleischigen Boden davon ab und aß ihn. »Das ist kein schlechtes Obst,« dachte sie.
Sie strich wunderlich erregt in der Nähe der Raststatt herum. Sie fing einen bunten Weinfalter, der gar nicht scheu war und der Menschen Arglist nicht ahnte, und tat ihn in ein Schächtlein; sie zupfte Dornblumen ab und zierte sich den verrunzelten Kopf. Und als sie eine dichte Staude auseinander bog, erschrak sie bis ins innerste Herz: da lag verborgen der Marterheiland, kraftlos niedergesunken an der Geißelsäule, ein grauer Stein. Und halblaut sang die Uralte:
»Unser Herrgott liegt im Moos gepeinigt und zerschunden, zählt die fünf bittern Wunden, und sein Schmerz ist groß. Kann nit sitzen, kann nit stehn, kann nit auf und weiter gehn, liegt in Dorn und Schleh, die fünf Wunden tun ihm weh.«
Hernach ließ sie die Staude wieder sanft zusammenschlagen und schlich weg. Sie verriet keinem den heimlichen Herrgott.
»Lüpft euch auf!« rief der Grazian. »Wir müssen weiter.«
Verschollene, bemooste Gebete klangen wieder, oft ein Gemisch von Frömmigkeit und Unsinn, in alten halbvergessenen Formeln, den Betern selber unverständlich. Doch sie zerbrachen sich darüber das Hirn nicht und glaubten, Gott werde es sich schon auszudeutschen wissen. Wenn die Wellen der Gebete gar zu hoch schwollen, da reckte der Grazian den Finger auf: »Gebt nit alle Kraft her! Spart sie der Maria auf im Dorn!«
Sie traten aus dem Gebirg heraus in ein freundliches Liebfrauenland voll sanfter Hügel, deren einige grüne Wälderhauben aufhatten; gelbe Felder wogten, Wiesenhalden lachten.
Sie wanderten bald auf breiten, ebenen Straßen, bald gingen sie eines hinter dem andern einen dünnen Steig durch hohes Korn, sie verschwanden drin, und nur die Fahnen ragten drüber hinaus und kündeten von ihrer Wanderung.
Ob des endlosen Getreides verzagten die Kinder, sie fürchteten, das Kornweib greife aus den Halmen und verschleppe sie in die knisternde Wildnis.
Der Mittag flirrte über dem Land, immer glüher ward die Sonne, immer müder die Kreuzschar. Sie spannten die roten und grünen Schirme wider das ungestüme Licht. Staub stieg. Die Kinder trippelten an den Händen der Mütter, greinten und weinten oder begehrten ungeduldig heim. Viele ließen sich tragen.
Der Didelmann seufzte: »Der Ziegel ist noch hübsch warm, aber die Nägel hab ich mir von den Zehen gerannt.«
»Steinmüd bin ich,« klagte der Igel. »Der Sommer haut heuer über die Schnur. Für den Kornschnitt ist es recht.«
»Der Weg wird sauer,« flüsterte der Grazian, »aber nachlassen dürfen wir nit.«
Der Burgermeister lugte auf die Sackuhr und sagte: »Der Weg zieht sich, wir haben noch eine harte Stund vor uns.«
»Hör auf mit deiner Uhr,« neckte ihn der Sulpiz, »sie geht nach dem Fuxloher Mondschein.«
Und der Brunnkressenhannes seufzte: »Wenn nur der afrikanische Wind nit wehen tät!«
Glänzte irgendwo ein Wiesenbrunn auf, so stürzten sie darüber her und tranken. An den Bächen wuschen sie sich die staubigen Stirnen. Erlöst atmeten sie, wenn ein Hain seine Kühle über die Straße warf.
Einmal bildete sich der Grazian ein, er habe sich die Füße ausgekegelt. Er legte sich ins Gras, streckte die dünnen Beine in die Höhe und flehte: »Spucht, zieh an, aus Leibeskräften zieh an!«
Der Spucht ließ sich nicht bitten und rüttelte ihm die Gliedmaßen.
»Weh, du reißt mir den Fuß aus!« jammerte der Meßner. Er sprang auf und hinkte weiter.
Die Ulla aber hatte ihre Traurigkeit vergessen. Sie hub ein helles Lied an, das sonst niemand kannte, und drum blieb ihre spinnwebfeine Stimme einsam. Vor den halbgeschlossenen Augen schaute sie die heilige Frau, der ihr Kittel war aus Sonnenschein, und gegürtet war sie mit dem Regenbogen. Und die Ulla fügte lustige Triller und jähe Jodler in ihre Weise, sie konnte nicht anders als fröhlich singen, verstummt war die Qual des Gewissens, und das Herz schlug ihr hellauf vor glücklicher Erwartung.
»Wer hat denn nur das Lied erdacht? Droben aus der Höh es habens drei Engel vom Himmel gebracht. Mariafrau, juchhe!«
»Hört der Ulla zu!« brummte der Schmied. »Ja, wenn die alten Weiber tanzen, hernach fliegt der Staub hoch.«
Sie trabten eine kühle Waldstraße hin. Örterweise warteten Kapellen, drin des gebundenen Heilands Leidensrast und Weg zur Schädelstätte gar wild und lebendig abgebildet war.
Die Sonne ermüdete und senkte sich aus der Höhe.
»Leut, verzagt nit!« feuerte der Grazian seine Schar an. »Wir haben nimmer weit zum goldenen Haus.«
Er fing eine Litanei an und betete sie genau mit derselben singenden und nachhallenden Stimme wie sein verstorbener Pfarrer Sebastian Knaupler, so daß mancher erschrocken auffuhr und meinte, den Verewigten selber zu hören.
Der Meßner betete vor: »Von der heimlichen Nachstellung des bösen Feindes --.«
Die Kreuzschar fiel ein: »Erlöse uns, o Herr!«
»Von Pestilenz und Krankheit --.«
»Erlöse uns, o Herr!«
»Von Blitz und Ungewitter --.«
»Erlöse uns, o Herr!«
»Von den bösen Werken und Anschlägen des Kasper Dullhäubel --.«
Da jauchzte die Ulla auf und deutete.
Über den Wald stiegen die Turmspitzen der Muttergottes, die in den Dornstauden gefunden worden war, und funkelten mit blanken Knöpfen, und die Bittfahrer jubelten, und der Meßner schwenkte den Gupfhut.
»Die Turmknöpf sind großmächtig,« sagte der Hahnenwirt, »ein jeder faßt einen ganzen Eimer Wein. Und das Uhrgewicht im Turm ist ein versteinerter Laib Brot.«
Aus hohem Kreisfenster lugten die Glöcknerbuben, und schon läutete eine Glocke voll und schwer und himmlisch aus dem Getürm, es war ein Klang, als grüße die Herrgottin selber mit goldener Troststimme das Häuflein, das mit irdisch kläglichem Anliegen zu ihr kam, zur Muttergottes, die alle Gebresten wandelt in eitel Gesundheit, alle Schwäche verkehrt in blanke Kraft, alle Verzagtheit und Angst stillt, zur gewaltigen Frau, aus deren Schoß das Heil in die Welt gedrungen.
Andere Glocken gesellten sich der goldenen Hochfrauenstimme, und ein Glöckel war darunter aus lauterem Silber, vor vielen Jahren hatten es die Fuxloher gestiftet, aus den silbernen Knöpfen der Bauern war es gegossen, und die Burgermeisterin selber hatte eine Schürze voll Laubtaler in die kochende Glockenspeise geschüttet. Nun klang das Glöckel lieb und herzlich, als sänge eine junge Bauerndirne, und als wüßte es, wer jetzt zu Besuch käme.
»Die Fuxloherin läutet,« freuten sich alle, das Wasser zitterte ihnen in den Augen ob der Heimatstimme, die rosenkranzumstrickten Hände hoben sich.
Der Wald tat sich auf: da lag die Gnadenstätte vor ihnen, hoch und mächtig.
Ein Rausch ergriff die Kreuzschar, die Fahnen bauschten sich, die Quasten baumelten.
Der Ulla war, jetzt müßten die Heiligen in der Kirche von den Simsen springen und ihnen entgegengehen, und sie selber trat einher gleich einer Hochzeiterin, das aufgelöste, bekränzte Haar wehte ihr wie ein silberner Schleier, ihre Augen waren heiß und selig aufgetan. Da schauten alle Wallfahrer die Ulla an und wurden von dunkler Ehrfurcht bewegt.
Dann wurden die Fahnen geschwenkt und geneigt, Gesang stieg aus dem Wegstaub, die zarten und die groben Stimmen griffen ineinander.
»Über Berg und über Tal und mit freudenreichem Schall, über Wald und grüne Au reisen wir zur Lieben Frau.«
Immer brünstiger, gläubiger, wilder sangen sie, vergessen war der müde Leib, die Herzen schlugen, die Stirnen brannten, die Kinder taten die Augen wundergroß auf.
Funkelnd trat der Pfarrherr aus dem Tor, die Sonne gleißte in der erhobenen Monstranz. Die Altarbuben schwangen die Schellen.
Alles warf sich vor der Blendnis nieder, schüttete sich hin vor dem Segen, der sie grüßte, jeder schlug an die Brust und wagte vor Unwürdigkeit nicht, seinen Gott zu schauen, der aus der Monstranz glühte.
Die Kirche empfing sie mit feierlicher Kühle.
Die Orgel donnerte. Weiße Säulen, wie Schlangen gewunden, trugen den Hochaltar, und dort, umflattert von blauem Weihrauch, umkränzt mit schimmernden Heiligen, herrschte Maria, die Fürbitterin, die erste Frau im Himmel und auf Erden. Perlenstarrend, in gelben Locken, mit goldnen Ketten behangen, im Arm das Krönleinkind, erwartete sie die Menschen. Ihres blauen Sternenkleides Falten flossen hin wie ein geackertes Feld. Engel hielten eine Krone über sie. Große, gewundene Wachskerzen flackerten, und hoch droben glitzerte das gestirnte Gewölb tausendmal schöner als der Himmel der Nacht.
Gestalten in verzückten Gebärden leuchteten an der Wand, ganze Kitten himmlischen Geflügels gaukelten wie Falter im Himmelsgarten. Kanzel, Altar, Rahmen, Leuchter, Lampen, alles funkelte, wie es sich für das Schloß der Königin ziemt, die die höllische Schlange überwunden und unter ihre Ferse gebracht hat. Rings lehnten Krücken und Stecken, die die Geheilten abgelegt hatten, die vormals so erbärmlich lahm gewesen, daß sie hatten weder kriechen noch gehen können. Eine wächserne Zunge hing dort, von einer Frau gestiftet, der die Zunge ans Zahnfleisch gewachsen war und sich hernach gelöst hatte. Auf Tafeln und Widmungen war geschrieben und gemalt, wie die göttliche Dornstaudnerin den Stummen die Rede geschenkt und den Rasenden die Vernunft, wie dem Blinden der Schein, dem Tauben das Ohr offen wurde, wie Geschwulst und Rotlauf vergingen, Wunden sich schlossen, Menschen wunderbar errettet wurden aus wilder Gefahr.
Die Fuxloher bestaunten alles, nickten der Göttlichen zu und warfen ihr kupfernes Geld in den Opferstock.
Die Kerzen knisterten am Altar, die Ulla starrte darein und staunte: »Reiche Welt!« Sie sah die Perlen glühen an der Gnadenfrau, Perlen größer als die Haselnüsse am Vogeltänd, hellblaue, pechschwarze, veilchenfarbne Perlen. Alles gloste von Gold und Silber und wunderschönem Glas.
Doch der flimmernde Muttergottestand ängstigte die Alte, sie wagte kaum den hochlobpreislichen Namen zu wispeln, und hätte doch gar zu gern ihren weißen Kopf gelegt in Marias Schoß. Die droben am Altar war ihr zu stolz und zu reich. »Sie wird die armen Leut nit kennen wollen,« seufzte die Ulla.