Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Part 11

Chapter 113,720 wordsPublic domain

Am andern Abend, der Mond hing dürr und krumm und armselig überm Vogeltänd, da kam die Wabel aus dem Dorf herunter gelechzt: »Bauer, ein ganzer Schober Leut rennt daher, den Blaumantel begehren sie von dir, Gabeln und Drischeln tragen sie und wollen dich erschlagen.«

»Du hast in ein Wespennest gestriegelt, Bauer,« sagte die Ogath.

Dem Dullhäubel rann es kalt über die Haut. »Verrammelt das Tor!« rief er.

Seine Leute schleppten Eggen und Pflüge herbei und sperrten das Tor mit Ketten, Wagen und Wiesbäumen. Die Fenster waren durch eiserne Gitter gesichert.

Der Bauer selber stand am Dachboden und hielt zum Guckloch den Schießprügel hinaus, womit die Erzväter gewildert hatten. Sein Weib betete drunten, betete um einen glücklichen Ausgang, die Kinder knieten totenblaß um sie.

Schon trampelten die Feinde den Waldweg daher, wie die Wölfe im Winter kamen sie. Sie läuteten mit Kuhglocken, bliesen und lärmten.

Dreschflegel ragten über sie hinaus, Sensen, Hellebarden und abgedankte Spieße. Die Gesichter waren berußt oder mit Moosbärten verhüllt, ein tückischer Mummenschanz. Immer stärker wurde ihr Geschrei: »Hin muß er werden! Haar und Kopf muß er lassen, der Schelmenbub!«

Jetzt stauten sie sich vor dem Gehöft, und der Dullhäubel sah sie genauer. Es wimmelte und wibelte drunten. Die Hüte hatten sie mit Reisig besteckt, die Röcke verkehrt, Männer hatten Weiberkittel an. Einer hatte ein Hirschgeweih vor die Stirn gebunden, andere deckten sich hinter hölzernen Larven oder trugen alte Kriegshelme oder stülpten sich Körbe über den Kopf. Einer trug sogar einen Schnabel, die eiserne Unzier, wie sie böse Weiber vorzeiten hatten tragen müssen am Pranger.

Der Dullhäubel meldete sich, ehe sie ihm das Haus stürmten. Vom Guckloch rief er hinab: »Guten Abend miteinander!«

Da hoben sich die verlarvten Gesichter, uralte Faustbüchsen zielten herauf, sie schrieen, pfiffen, läuteten mit eisernen Töpfen, und einer blies wahnwitzig in ein Kuhhorn.

Auf einmal war es still. Ein kurzer Mann trat vor, Maul und Kinn gedeckt mit einem wüsten Baumbart, und forderte aus verstelltem Hals: »Gib uns den Blaumantel zurück, du hast ihn im Moos versenkt!«

»Meiner Seel, ich hab ihn nit!«

»Wo ist er dann? Du weißt es.«

»Der Blaumantel? Der schalanzt wo im Land herum. Traut ihm nit, Fuxloher! Er kann sich nit ausweisen, nit einmal in der römischen Kanzlei kennen sie ihn.«

»Wo der Heilige ist?« klang es wilder.

»Er ist zum Himmel aufgeflogen. Oder hat er sich eine bessere Kapelle ausgesucht. Was weiß ich? Laßt mich in Ruh!«

Stimmen gellten: »Er spottet noch, der Schlechtling! Bis ins Schienbein hinein ist er verwahrlost! Stecht ihm eine Lucke! Erstechen soll man ihn! Erstechen!« Ein Spieß erhob sich steif aus dem Haufen.

»Wollt ihr mich auch verkrüppeln wie meinen liebsten Freund, Gott hab ihn selig, den Müllner?« klagte der Dullhäubel. »Oder wollt ihr mich umbringen? Leut, vergeßt euch nit! Geht hin, woher ihr gekommen seid! Eure Weiber haben euch aufgehetzt.«

»Röhr nit, Fuchs! Uns kriegst du nimmer dran. Heut rechnen wir ab,« stieg es aus der Tiefe.

»Was kommt ihr mit den Waffen daher? Ich bin ein friedlicher Mann.«

»Einen Igel fangt man mit eisernen Handschuhen,« antwortete es.

»Hütet euch!« beschwor er sie. »Ich hab den Erdspiegel, der ist im Zeichen des Skorpions gegossen worden.«

»Den Spiegel zerschlagen wir dir. Abrechnen müssen wir!« scholl es wirr durcheinander. »Wem von uns hast du noch nix angetan, du Schnittlauch auf allen Suppen?«

»Liebe Landsleut, hört mir zu! Habt ihr schon einen Galgen gesehen? In der Kriminalstube ist einer aufgemalt, zwanzig Schuh hoch, eine Leiter dran, ganz blutig. Liebe Landsleut, habt ihr schon einen nacketen Sabel gesehen? Der Scherg hat einen umgebunden, der Herr Anton Zinkinker, ihr kennt ihn alle. Wie wird euch ums Herz sein, wenn er euch ins Haus kommt mit dem Spieß am Gewehr, mit dem Federbusch am Hut, wenn er euch die Hand auflegt und schreit« -- der Dullhäubel brüllte -- »wenn er schreit: Im Namen des Gesetzes!!?«

»Wir fürchten uns nit. Es weiß keiner, wer wir sind,« scholl es. »Du tanzt uns nimmer lang am Buckel. Wir legen dich kalt.«

Einer schrie: »Teufel, halt den Sack auf, diesmal ist der Kasper zeitig.«

»Du bist der abgedankte Meßner.« Der Dullhäubel deutete hinab. »Deine Stimme kenn ich. Und deine schelchen Achseln.«

»Du irrst dich,« antwortete der drunten, »ich bin heut gar nit da.«

Drunten wurden sie still, sie reckten die Köpfe zusammen und hielten Rat. Es war die unheimliche Ruhe vor dem Donnerschlag. Dem Dullhäubel rann der kalte Schweiß. Er wußte, jetzt müsse er den Fuxlohern anders kommen, ehe es zu spät war.

»Der Kalender ist mir gebrochen,« kicherte er hinunter. »Ich weiß nit, ist heut aller Narren Kirchfahrt oder der blinde Irtag. Geht heim und legt euch ein ehrliches Gewand an, ihr verzweifelten Buben!«

Da rüttelten sie schon am Tor, daß das Haus bebte.

Der Dullhäubel reckte eine brennende Kerze zum Guckloch hinaus. Verdutzt hielten die drunten ein.

»Sippschaft,« schrie er mit seiner grellen Stimme, »das ist eine Kaiserkerze!«

»Blas sie aus! Sie geht uns nix an,« erwiderte ein Männlein, das die Nase in einem Wetzsteinkumpf stecken hatte, so daß sie gespenstisch lang erschien.

»Mein Ähnel hat sie am Schlachtfeld gekriegt, die Kerze,« sagte der Bauer, »der Kaiser selber hat sie geweiht.«

Der Mann mit dem Kumpf aber rief hitzig: »Der Kaiser soll uns -- -- --!« Kurzum, er tat, mit Ehren zu melden, eine landläufige Rede, die sonst gar niemanden Wunder genommen hätte und die ihm auch von keinem verübelt worden wäre. Aber der Dullhäubel fischte sie auf.

»Leut,« schrie er, »jetzt hat einer von euch den Kaiser beleidigt. Drauf steht die härteste Straf, der Tod durch Pulver und Blei. Der mit dem langen Schnabel dort und mit dem dicken Bart, der Longinus Spucht ist es gewesen, der dem Kaiser die Arbeit geschafft hat. Und du, Glöckelbauer, Burgermeister von Fuxloh, hast dazu mit dem Kopf beifällig genickt, hast ihm Recht gegeben. Wenn der Kaiser das erfahrt?! Und ihr andern, ihr steht da und habt es gehört und schlagt den nit gleich auf dem Fleck nieder, der das kaiserliche Erzhaus derartig beleidigt?«

Die Fuxloher wichen vor dem Spucht zurück wie vor einem Gezeichneten. Ihnen hingen zerknirscht die Köpfe, die wilden Vorsätze waren aus dem Geleis gesprungen. Ratlos schielten sie nach dem Burgermeister.

Der Schelm droben schmiedete sein Eisen. »Spucht, du weißt, was dir bevorsteht: Pulver und Blei! Du tust mir leid.«

»Du wirst doch den Spucht nit dem Schergen angeben?!« sagte der Glöckelbauer kleinlaut. »Das Angeben ist eine Schand, der Angeber steht gleich hinter dem Totschläger.«

Eine kleine Gestalt mit langer Nase löste sich von dem Schwarm und rannte in den Wald hinein.

Der Burgermeister meinte, er habe mit der Sache nichts mehr zu schaffen, und verschwand. Einer nach dem andern verzog sich, und bald war der Anger vor dem Hof leer, und die Dullhäubelleute räumten die Verschanzung weg.

»Die Bockmelker, die Nebelschieber, die Heiligenfresser! Mit der Feuerspritze gehen sie gegen den Mond los,« lachte der Schelm aus dem Guckloch. »Meiner Seel, wenn ein Narr vom Himmel fallt, soll er auf Fuxloh fallen, bei uns findet er die richtige Gemeinde.«

* * * * *

Der Longinus Spucht rannte so scharf und rastlos durch den Vogeltänd, daß ihm das Herz unbändig schlug und er fürchtete, es springe ihm aus dem Maul heraus.

Seither wurde er nimmer gesehen. Sein Weib suchte ihn eine Woche lang umsonst.

In wenigen Tagen umspannen wilde Gerüchte den verschwundenen Mann. Sein schwarzer, zottiger Bart, die unruhigen, stechenden Augen und besonders die verwegenen Räuberlieder, die er immer gesungen, verschafften ihm, der ansonst ein wohlberüchtigter Mann gewesen, bald den Ruf eines Weglauerers und Räuberhauptmanns.

Uralte Waldgeschichten vom Räuber Schierling tauchten wieder auf, der den Leuten den Geldbeutel abgeschreckt und sie auf die Bäume hinaufgejagt und schließlich heruntergeschossen hatte wie Kranwitvögel, und vom bayrischen Hiesel, der von den Wanderern die Zunge als Maut genommen und hernach sich das Messer gestrichen hatte an den Hosen. Gar bald war auch der Spucht der Mittelkern solch gefährlicher Sagen, die von einigen zufälligen Geschehnissen genährt wurden.

So gingen einmal die Dirnlein des Dullhäubel um Beeren und kamen weit in die Wälder hinein. Da ward der kleinen Luzel bang vor der lautlosen Öde, sie weinte, und um sie zu stillen, erzählte ihr die Stasel ein Märlein. Ach, es fiel ihr gerade ein gar schauriges ein, daß ihr selbst davor angst wurde!

Sie erzählte: »Und die zwei Kinder sind in einen Wald kommen, und allweil tiefer und tiefer sind sie hinein, und der Wald ist stockfinster worden vor lauter wildem Laub und krummen Ästen, und noch immer hat der Wald kein End genommen. Auf einmal steht vor ihnen -- -- -- das Räuberhaus.« Sie flüsterte dieses Wort, ins Herz davor erschaudernd.

Im gleichen Augenblick standen die Kinder vor einer verwurzelten Höhle, drin schlief der Spucht, eine Pistole in der Hand. Die Kleinen rannten über Rain und Stein davon und sprengten hernach schreckliche Geschichten im Dorf aus.

Bald darauf fand der Burgermeister, als er in aller Frühe vors Haus trat, einen Zettel auf dem Zaun stecken. Es war ein Brandbrief.

Am Dorfanger berieten sich die Fuxloher. Sie sahen sich schon als Abbrändler mit einem Bittgesuch von Haus zu Haus gehen. Der Brunnkressenhannes, der am schönsten lesen konnte, las den in bauchiger, derber Schrift geschriebenen Brief mit schauriger Stimme vor.

»Ihr Fuxloher Haderlumpen, Am Tag Medardi Brennt Dem Igelbauer Sein Stadel. Wer Löschen Hilft, Dem Zünd Ich Auch Unter. Willst Du Wissen, Wer Ich Bin? Schmecks.«

»Den Brief hinterlegen wir beim Gericht,« entschied der Burgermeister.

»Was hilft mir das?« klagte der Igel. »Wenn es lichterloh aus dem Dach schlagt, was nutzt das Gericht? Der Nachtwächter muß die ganze Nacht um meine Scheuer herum gehen.«

»Da müssen ein paar tapfere Leut bei mir sein,« wehrte sich der Nachtwächter, »ich setz das Leben nit allein aufs Spiel.«

Der Grazian rief auf einmal: »Der Teufel schickt seinen Vorreiter daher, der weiß euch Rat.«

Schon von fern winkte der Dullhäubel. »Leut, brennen wird es! Unsere rote Henne hat gekräht.«

»Da habt ihr es,« greinte der Igel.

Der Dullhäubel zog die Nase hoch. »Brändelt es nit schon?«

Alle Augen richteten sich gen den Berghang, wo des Igelbauers Wirtschaft war. Aber sie lagerte friedlich, und nur ein linder Qualm hing über dem Rauchfang.

»Dullhäubel, spaß nit!« mahnte der Glöckelbauer. »Der Schrecken ist mir ins Knie gefahren.«

Der Brunnkreßner legte den Brandbrief zusammen. »Der Schreiber ist in keine gute Schul gangen,« sagte er mißbilligend, »jedes Wort hat er mit einem großen Buchstaben angefangen. Das ist falsch.«

»Ganz recht ist es,« stritt der Dullhäubel. »In einem Brief schreibt man alles groß, daß keine Beleidigung geschieht.« --

Die Fuxloher forschten nicht nach, wer den Zettel geschrieben. Aber die Brandwächter, die nachts um des Igels Scheuer lungerten, hielten die Schießprügel fest und warteten, und der Nachtwächter sagte halblaut: »Der Spucht, der rennt einem ohne weiters das Messer hinein. Er hat ein kaltes Herz.« --

Der verrufene Mann irrte indes auf Diebssteigen in den Wäldern des Lusens, fraß Krauselbeeren und hauste in einem umwurzelten, umknorrten Loch, eine Eiche hatte dort die Fänge eingeschlagen. Er spürte hinter jeder Staude Schergen und kaiserliche Reiter und sah den Himmel voller Galgen.

Nur wenn ihn der Hunger gar zu hart peinigte, traute er sich an eine Einschicht heran und half den Leuten, die den Mann mit dem wilden Bart nicht kannten, das Gras mähen und verlangte dafür Suppe und Brot. »O weh,« seufzte er oft, »wenn die einöden Leut hören, daß ich den Kaiser geschändet hab, sie werden mir nix mehr geben, und ich kann Holzobst fressen wie die wilden Säu!«

Er führte eine ungeladene, zerbrochene Pistole bei sich und wäre arg verlegen gewesen, wenn er damit ein wildes Tier hätte abwehren müssen.

Er ward schwermütig. Er dachte, jetzt käme er nimmer heim zu seinem Weib und nach Fuxloh. Und Eisen und Zuchthaus warteten auf ihn. Pulver und Blei!

Am schlimmsten war ihm in der Nacht, wenn die Eulen wimmerten, finstere Bäche unheimlich für sich hin redeten, schwarze Bügel flogen und Gespenster schwärmten. Da nahm der Spucht oft vor der eigenen Angst Reißaus und geriet in fremde, abseitige Schluchten und fremdes Gestrüpp und Gesträuß und fand lange nicht zurück in die bekannte Gegend.

Einmal ging er nachts auf einem fremden Holzsteig, der war so unheimlich, als ob der Teufel dort herumstinke. Der feurige Mond leuchtete, hinter finstern Stauden brummte ein Hirsch, verzagte Wacholderstöcke standen karg und schaudernd im Wind. Und wie der Spucht so einschichtig durch die Wildnis strich, sah er auf einmal am Weg einen Mann, der schien zu lauern.

»Halt, Longinus, das gilt dir!« dachte der Spucht. Die Ohren sausten ihm.

Der Mond verkappte sich hinter einer dicken Wolke. Die Moosgeiß rief gespenstisch wie eine verirrte Kuh, und entsetzt rannte ein Bach aus dem finstern Wald. Fern leuchtete eine Einschicht auf.

Der Spucht nahm sein Herz in die Hand, ging auf den scheulichen Kerl los, nahm den Hut ab und sagte gar erbärmlich: »Ich bitt um Verzeihung, Herr, ich hab mich verirrt. Wie heißt denn der Wald da?«

»Totenkopf.«

»Und der Bach da?«

»Mörderbach.«

Nach der Einschicht fragte er nimmer, denn der Bösewicht hätte gewiß geschrieen, sie heiße »Stichzu!« und wäre mit einem langen Messer hergesprungen.

Der Spucht kehrte sich um und stotterte ein Schutzgebet: »Gott, steure mich ins Himmelreich!« Die Zähne schepperten ihm, er meinte, jetzt pfeife ihm eine Kugel in den Rücken. Er rannte, bis er mit dem Bart in einer Dornstaude hängen blieb.

Die Einöd ist des Menschen Feind. In der Einöd ist alles zu fürchten.

Dort steht ein Wald, brandig und dürr bis in den letzten Wipfel hinauf, geisterhaft rieseln die roten Nadeln nieder. Das Gespenst eines Holzknechtes, den ein stürzender Baum erschlagen, erwürgt diesen Wald.

Dort ist ein Gehölz, und geht man nächtens dort, da fragt vom Wipfel ein Unbekannter herunter: »Wohin?«

Dort in der Schlucht ist ein Jäger für immer verschollen. Oft schreit sein Geist drin auf.

Der Spucht starb jede Nacht vor Furcht. Und mancher Baum reckte ihm die festen Äste hin und knarrte: »Häng dich auf, Spucht!«

Von Heimweh getrieben, schlotterte er schließlich gen Fuxloh.

Die Bäume verdüsterten sich schon, als er durch den Vogeltänd huschte. Es wurde wieder unheimlich. Eine Unke läutete im Moor, sie rief wie eine verlassene Wittib. Ein Dämmervogel strich. »Es ist eine Schneiderseel,« flüsterte der Spucht und bekreuzte sich.

Mitten im zerfahrenen Hohlweg lauerte ein Mann genau so wie der im Totenkopfwald am Mörderbach bei der Einschicht Stichzu. Oder war es gar ein Spießwächter? Wird er nicht jetzt wie ein brennender Löwe herspringen, den Scheuchhund neben sich?

Alles war karthäuserisch still. Der Wind rührte nur einen einzigen Ast, und der knarrte. Ein Klagweiblein schwang sich in die Luft, flatterte und schrie.

Der Spucht faßte Mut und schrie: »Ich schieß dich nieder, Hund, daß du meckerst! Ich laß dir das Messer hinein, daß es dir hinten wieder hinaus steht!«

Der im Hohlweg aber lachte grausig.

Da schrie der Spucht: »Bist du geheuer oder nit?«

Der Dullhäubel stand wie der Teufel da. »Wo nebelst du herum, Longinus? Zieht dich das Gewissen her?«

»Bauer, Gnad und Erbarmen! Verrat mich nit!« flehte der Spucht.

»Die Soldaten suchen dich, Longinus, zwölfhundert Mann mit einer Kanon, der Feldmarschall Laudon führt sie an. Der Kaiser darf sich den Schimpf nit gefallen lassen.«

»Ich renn über die bayrische Grenz,« stöhnte der Spucht.

»Dann wird ein Kriegsfall draus; der Laudon verlangt, daß du ausgeliefert wirst.«

»Mein Gott, soll unschuldiges Blut auch noch rinnen! Und ich hab es ja nit bös gemeint. Was soll ich tun? Bauer, sag mir einen Ausweg!«

»Stell dich reumütig dem Richter!«

Und der Dullhäubel stolperte davon und jodelte:

»Ich bin mit dem Kaiser von Östreich in Stritt, der Scherg will mich fangen, er hat mich noch nit.« --

* * * * *

Frühtags stand der Spucht wie ein Schlottergeist in der Amtsstube des Landschergen Anton Zinkinker in Blaustauden.

Der Scherge legte sich gerade in der Kammer daneben das kaiserlich-königliche Gewand an. Inzwischen schaute sich der Spucht in der Stube um.

Verweisend blickte das Bild des Kaisers von der Mauer herab, und darunter drohten ein Schleppsäbel und eine Doppelflinte. Über dem Schreibtisch in geschnitztem Rahmen hing ein Schriftstück, darauf waren Gewehre und Säbel, gekreuzte Pistolen und kriegerisch gefiederte Hüte aufgemalt, und es flog den Spucht geradezu ein Frost an, als er die blutgierigen Dinge so hart bei einander sah. Und über all dem wilden Werkzeug stand geschrieben:

Belobungszeugniß

Uiber Antrag der k. k. Bezirkshauptmannschaft Hirschenbrunn wird dem Landschergen Anton Zinkinker für die mit unermüdlichem Eifer und besonderer Ausdauer bewirkte Zustandebringung des flüchtigen Dieben Franz Netachlo hiermit die belobende Anerkennung ausgesprochen.

Die Unterschrift war nicht zu lesen, aber so dick und so groß durfte sich gewiß nur der Kaiser unterschreiben. Der Spucht knickte zusammen, und seine Schuld erschien ihm bodenlos.

Der Landscherge trat herein. Er hatte denselben Bart wie der Kaiser am Bild. Den Säbel riß er von der Wand, gürtete ihn um und fuhr den Spucht grob und kurz an: »Was wollen Sie?«

»Die Waffen liefer ich aus,« stotterte der und legte seine Pistole auf den Tisch. »Und ich bitt, führen Sie mich vors Kriegsgericht. Sonst erdruckt mich das Gewissen.«

Der Anton Zinkinker rollte ihn an: »Was haben Sie verbrochen?«

»Ich bin der Longinus Spucht aus Fuxloh. Ist denn in der Zeitung nix von mir gestanden? Wegen der kaiserlichen Beleidigung?«

»Ich weiß nix«, brummte der Scherge. »Wenn Sie aber durchaus im Zuchthaus Spinnen und Fliegen fangen wollen, so kommen Sie mit. Ich hab sowieso in der Stadt zu tun. Reden Sie dort mit dem Richter!«

Er schulterte das Gewehr, auf seinem Hut nickte der kriegerische Hahnenschwanz, und er ging stolz und steif, die Brust heraus, und schaute nicht rechts und nicht links. Neben ihm trippelte der Armesünder mit geknickten Knieen, als führe sein Weg schnurstracks zum Galgen.

Die Leute, die ihnen begegneten, freuten sich. Sie sagten: »Es ist gut, daß sie den Raubmörder einführen. An dem Bart sieht man es ihm an, was er Blutiges imstand ist.« Oder: »Dem Spucht hab ich es oft gesagt, daß wir uns im Zuchthaus sehen werden. Ein verwogener Raufer ist er gewesen, überall dabei.«

Er nahm alles zerknirscht hin.

In Hirschenbrunn rannten ihm die Kinder nach und deuteten auf seinen wildmächtigen Bart.

Als er ins Gerichtshaus trat, war ihm, er müsse tot umfallen. Er sah sich noch einmal um und wisperte: »Blaue Luft und grünes Gras, behüt euch Gott! Berg und Wald und Hirsch und Reh und Weib und Kind, ich seh euch nimmer. Mein Lohn ist Pulver und Blei.«

In einer Kanzlei empfing ihn ein alter Herr, sein Bart war weiß wie Rauhfrost, doch die Augen funkelten ihm scharf und jung.

Er ließ ihn hart an: »Sie sind also der berüchtigte Räuberhauptmann Spucht?«

»Taglöhner und Holzhacker bin ich, sonst nix, Euer Gnaden,« stammelte der Spucht.

»Wieviel Menschen haben Sie ermordet?«

»Keinen, um Gotteschristi willen, keinen!« schwur er entsetzt.

»Warum haben Sie den türkischen Kaiser beleidigt, Sie Grobian? Hat er Ihnen etwas getan?«

»Ei, gibt es einen zweiten Kaiser auch noch?« Der Spucht ließ das Maul offen vor Verwunderung.

»Weh Ihnen, wenn ich noch einmal etwas Ähnliches von Ihnen erfahre! Dann kenn ich keine Gnade mehr,« drohte der Richter. »Und nun kehren Sie in den Schoß der Gemeinde Fuxloh zurück! Vorerst aber lassen Sie sich vom Balbierer nebenan auf meine Kosten den Bart stutzen. Verstanden? Hinaus!!«

* * * * *

Die Fuxloher wollten wallfahrten gehen.

Sühnen wollten sie, daß einer von ihnen sich an dem Heiligen vergriffen; sie wollten verhindern, daß ob dieses Frevels der Himmel mit schwarzen Wettern auf Saat und Frucht niederschlage, die der verschollene Blaumantel nimmer schützte. Und weil die Not kein Gesetz kennt, wollten sie an überheiligem Ort bitten, daß der Erzschelm Kasper Dullhäubel bald von der Erde weggeräumt und der Hölle überliefert werde, die er sich reichlich verdient hatte.

Der Meßner Grazian wurde frühzeitlich von dem Uhrgewicht geweckt, das von der Höhe herab mählich auf seine Stirn gesunken war. Er lugte zum Fenster hinaus, wie der Wind gehe und ob kein gefährliches Gewölk hänge zwischen den Bergen Rachel und Lusen. Doch stand der Himmel hell gespannt über dem Land, und das Wetterglas stieg. Da stiefelte er sich festlich, knüpfte sich ein rotes Halstuch unter dem Adamsapfel, band grobes Geld ins Schneuztuch und weckte den Brunnkressenhannes.

Der Hannes blies gewaltig ins Kuhhorn, und droben im Dachreiter des Glöckelbauern rührte sich das Geläut. Jedes Gehöft sandte seine Leute zur Wallfahrt aus; Alte und Kinder, die ansehnlichsten und die mindesten Fuxloher kamen daher, denn es gab schier keinen im Ort, dem der Dullhäubel nicht einmal eine Schalkheit angetan hätte.

Bald waren sie wegfertig.

Vier schwangere Bäurinnen holten aus der Kammer des Grazian eine geschnitzte heilige Walburga. Der Igelbauer trug auf einer Stange den heiligen Kölbel, der die Wallfahrer schützt auf ihrer staubigen Reise; der Brunnkressenhannes schwenkte die Männerfahne, der Spucht lenkte die Weiberfahne, und der Hahnenwirt ging mit dem gekreuzigten Herrgott.

Die Dirnen hatten die Zöpfe mit Myrten und holden Zaunblumen geziert, und auch die uralte Ulla ging mit, das silberne Haar hatte sie gelöst und sie durfte es so tragen, weil sie eine Jungfrau war.

Sie trugen Zehrung in Zwilchsäcken mit und in Bündeln, mancher hatte sich weislich mit einem Regenschirm versehen.

Als die Kreuzschar singend auszog, lag der Dullhäubel auf einem Bühel. »Ich kann nit mitgehen,« schrie er ihnen nach, »auf der Ferse wachst mir ein Hühneraug, so groß wie eine wallische Nuß.«

Der Grazian schüttelte den Schirm. »Spott zu! Du hast bald ausgespottet!«

»Wie meinst du das, du Vaterunsermühl? Willst du vielleicht gar bitten, daß ich bald hin werd, du Weihbrunnkrug? Haltest du unsern Herrgott für einen Schuft, der sich kaufen laßt, du augendreherischer Meßner? Geh zu und verricht dein kniebeuglerisches Geschäft!«

»Rennen wir, sonst wirft er uns ein paar unschöne Wörter nach!« drängte der Hannes.

Der Schelm am Bühel näselte, den Grazian nachahmend, der eilenden Kreuzschar seinen Spott nach.

»Die schönste Zeit ist eingetroffen, die Einkehrhäuser stehen offen, singt, Wallfahrer, sauft nur zu, schnürt euch die Schuh mit dem Strohhalm zu!«

Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf wollte gegen den Sänger losgehen, doch der Grazian hielt ihn beim Rock. »Herr, vergib ihm!« seufzte er mit dem Blick nach oben.

Der Dullhäubel lachte und schalt: »Ihr Nothälse, ihr habt alle nix, müßt euch die Schuh mit Rotz schmieren! Ihr Zipfelhaubenbauern, ihr Waldesel, stehlt euch nur wieder einen buchsbaumenen Heiligen!«

Knirschend zog die Kreuzschar davon. --

Der schwänkische Mann schlenderte vergnügt heim, weil er den Wallfahrern den rechten Segen mit auf den Weg gegeben hatte.

Aber als er zur Kapelle kam, war ihm, der helle Donnerstrahl schlage vor ihm nieder: der Blaumantel stand wieder drin, mit hellen Farben neu bemalt, den Kinnbart reichlich vermehrt und verlängert, den Blick weit greller und stechender als früher.

»Der Teufel blendet mich!« krächzte der Dullhäubel.