Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman
Part 10
Der Kranke deutete auf den Magen. »Da in der Herzgrube tut es weh.«
»Hast du den Stuhl offen?« forschte der Arzt. »Hast du dich nit überfressen, Schlauch? Ja, der Fraß wühlt sich mit dem eigenen Rüssel das Grab auf. Die Runstadern sind dir geschwollen. Tu das Maul auf und zeig her deinen Schlung!«
»Im Bauch rumpelt es mir,« flüsterte der Bauer.
Der Bader entschied: »Du hast es auf der Leber. Eine jede Krankheit rührt von der Leber her. Du hast wohl einen kalten Trunk getan, he?«
»Bader, gib mir was ein, ein Pulver, einen Saft, daß ich am Leben bleib!« klagte der Dullhäubel.
»Halt das Maul, Wehdarm! Ich muß auch einmal sterben,« antwortete der Gottfried Mehlstäubl.
»Da schau meine unversorgten Kinder an und hilf!« Der Bauer deutete mit Kinn und Bart auf die zwölf Dirnlein.
»Kinder hast du in allen Größen wie eine Bodenstiege. Aber was nutzt das alles, wenn sich eine giftige Sucht einschleicht. Ich schätz, du überlebst die Stund nimmer.«
»Herr Pfarrer,« lallte der Dullhäubel, »richt mich her -- für die Ewigkeit!«
Da drückte ihm der Grazian einen geweihten Rosenkranz in die Hand, die Ogath wischte mit dem Fürtuch über die Augen, die Kinder weinten.
»Gottlob, daß du dich nit in Halsstörrigkeit verhärtest, Dullhäubel,« begann der Pfarrer. »So tu Reu und Leid, mein lieber Christ!«
Des Baders Neugier war noch nicht gestillt. »Und wo fehlt es denn sonst noch, Bauer? Plagen dich die Würmer? Bläht dich der Wind?«
Doch der Dullhäubel räusperte und rächste sich, fuhr jäh auf, gurgelte, und wieder schoß das Blut heraus. Alle wichen zurück, die Bäurin scheuchte die Kinder hinaus. Blaß und matt sank der Bauer zurück.
Der Gottfried Mehlstäubl krauste die Stirn. »Seltsam! Seltsam! Vetter, die Reih ist an dir. Hättest du mir alle Jahr deinen Brunn schauen lassen, wie der Grazian da, tät ich mich in deinem Leib besser auskennen.«
»Der Tod zeichnet ihn,« sagte der Pfarrer. »Laßt uns allein, daß ich ihn geschwind noch auströste!«
Da gingen alle hinaus.
»Öl mich ein, Hochwürden, öl mich! Richt mich zusamm -- fein sauber -- für den Weg!« drängte der Bauer.
»Jetzt, Dullhäubel, häut dich!« begann der Herr Nonatus Hurneyßl. »Tu ab das Gewand deiner Sünden! Wann und wo bist du das letztemal beichten gewesen? Bei mir nit.«
»Den zweiten Sonntag nach Ostern -- hab ich gebeichtigt -- in Bärnloh.«
»So, so, in einer fremden Pfarre, bei dem schwerhörigen Pater, und an dem Tag, wo die Roßdieb beichten gehen? Eine saubere Seel! Aber jetzt her mit deinen Sünden!«
Der Dullhäubel bekannte: »Öfter hab ich mich versündigt als Steine im Bach sind und Bäume im Wald.«
»Sieben Straßen laufen zur Höll, das sind die Todsünden. Hast du eine begangen?« forschte der Pfarrer.
Der Sünder sprudelte: »Gefressen hab ich, gesoffen, gerauft, gescholten, geschworen, gelogen und betrogen, die Weiber nit in ihren Ehren lassen, mit den Jungfern gescherzt, am Freitag bin ich fensterln gangen, den Leumund hab ich den Leuten genommen, verfrevelt hab ich mich gegen den heiligen Blaumantel. Jetzt weiß ich nix mehr.«
Dem Pfarrer wirbelte das Hirn. »Ein Gewissen magst du haben wie ein Scheuertor,« staunte er.
»Der Teufel hat mich im Schlund, reiß mich heraus, Hochwürden!« zeterte der Dullhäubel. »Bind mich los, bind mir die Sünden ab und öl mich!«
»Nur langsam, Dullhäubel, und hübsch eins nach dem andern. Hast du nit gejuchzt und gejodelt und gegalmt zur Unzeit und unzüchtige Rockenlieder gesungen?«
»Das hab ich alles getan, Pfarrer. Bind mich los!«
»Ich will dich nit dem Teufel zuteil werden lassen. Aber sag mir, hast du ein einzigesmal im Leben ein gutes Werk verrichtet?«
»Freilich, Pfarrer. Die Feiertage hab ich emsig gehalten, die abgeschafften auch. Und zwölf Christen hab ich in die Welt gesetzt.«
Der rüstige Beichtvater sah ihn verdutzt an. »Ah, so bist du gesotten? Du willst unsern Gott und unsern Teufel überlisten?« Und er holte aus und reichte dem Sünder eins auf den Schädel. »Dafür erlaß ich dir die Bußgebete, du alter Spaßvogel.«
»Das ist mir lieb,« sagte der Dullhäubel erleichtert.
»Jetzt geratest du halt ins Fegfeuer, Bauer, und das ist eine scharfe Lauge. Wasch dich drin, reib dir die Seel unverdrossen ab! Und fahrst du hernach in den Himmel, so führ dich gut auf, daß du meinem Pfarrsprengel keine Schand antust.«
»Ich werd mich doch nit zu dem höllischen Bären verirren?« verzagte der Kranke. »Ist es drunten wirklich so heiß?«
Der Pfarrer schaute den Dullhäubel ernsthaft an. »In der Höll ist es so heiß, daß die gepeinigte Seel, die den Kniffen und Kunstgriffen des Satans erlegen ist, gar kläglich herausschreit: ›Gebt mir ein Schmiedfeuer, daß ich mich dran kühl!‹ So kalt ist das irdische Feuer dagegen.«
»Ich riech schon lauter Brand,« wimmerte der Bauer. »O wär ich gesund, ich wollt anders leben! Einen Sack tät ich anziehen und wallfahren gen Maria-Dorn. Sterb ich aber,« seine Stimme versiegte schier, »so stift ich eine ewige Meß meiner Seel zum Trost, und dem Blaumantel, meinem Fürbitter, soll ein Wachsstock brennen hundert Jahr. O weh, wie schlecht wird mir jetzt!«
»Was ist, Dullhäubel, was ist?«
»Der Schleim steigt mir im Hals, ich erstick, ich krieg den Schleimschlag! O weh, von der Welt scheid ich, in die Höll spring ich.« Er rülpste, und das Blut sprudelte ihm wieder gräßlich aus dem Hals.
»Leut, er stirbt!« schrie der Pfarrer.
Der Bader, der Grazian, der Knecht und die Kinder liefen herein.
Schrecklich schaute der Bauer aus, weiß wie Kalk lag er dort, die Lippen voller Blut.
Die Ogath trug die brennende Sterbekerze daher und drückte sie ihm in die Hand. Er aber verdrehte die Augen grausam und fluchte: »Sakerment, bin ich noch nit hin?!« Er röchelte.
»Bäurin,« meinte er auf einmal, »es ist wunderlich, jetzt mitten im Sterben lüstet mich nach einem Schnupftabak. Geh, tu mir die Lieb an! Es ist das Letzte, was ich von dir begehr.«
»Jetzt ist ausgeschnupft,« sagte sie kurz. »Jetzt halt die Herren nit auf und schau zu, daß du einmal stirbst!«
»Ich sterb, und keines tut einen Schrei,« sprach er wehmütig, »keins weint einen Tropfen, keinen Seufziger druckt es euch aus.«
Der Kopf sank ihm auf die Seite, das Kinn hing ihm.
»Jetzt erklenkt ihn der Satan,« rief der Grazian.
»Macht Tür und Fenster auf, sonst reißt seine Seel ein Loch durchs Dach!«
»Ihm stehen schon die Augen,« nickte der Bader.
»Er ist am Weg,« flüsterte der Pfarrer.
Der Sterbende hauchte noch einmal: »Mein letzter Wille! Meine Töchter -- dürfen nur auf einen Hof -- hinheiraten, wo ein Glöckelturm drauf ist. Ich bin ein großer Bauer -- gewesen.«
Jetzt lag er blaß und still.
Die kleinen Dirnlein klammerten sich weinend an den Kittel der Mutter, und sie zog tief Atem: »Jetzt bin ich wieder eine Wittfrau.«
Plötzlich erhob sich im Keller ein großes Geschrei. Die Wabel, die älteste Tochter, kam die Staffeln herauf, einen leeren Topf in der Hand.
»Mutter, ich weiß, was dem Bauer fehlt!« Sie lachte, daß ihr die Zähren rannen, sie lachte, daß sie den Atem verlor und schier in einem Husten erstickte.
Der Gottfried Mehlstäubl nickte. »Sie ist närrisch worden.«
»Was lachst du jetzt, wo dein Vater vor das ewige Gericht hintritt?« verwies sie der Pfarrer streng.
Die Wabel schwenkte den Topf. »Blut hat er gespieben,« brüllte sie vor Lachen, »Blut, aber nit sein eigenes. Gestern haben wir eine Sau getötet, das Blut haben wir ihr abgelassen, in den Keller haben wir es gestellt. Der Vater hat in seinem Rausch -- das ganze Saublut ausgesoffen.«
»Herrgott von Blaustauden,« schrie die Bäurin, »das ganze Saublut? Heut hab ich es backen wollen.«
Leben und Röte kehrten in die Wangen des Dullhäubel zurück, er tat die Augen ganz schmal auf und lallte: »Liebe Freunde, es ist nit unmöglich.«
Des Pfarrers Hals verfiel in einen Krampf.
Der Bader hielt sich den Bauch. »Gespieben hast du wie ein Hochzeitshund, Dullhäubel. Du könntest die Wissenschaft irr führen! Du hast aber auch einen sauberen Hinfahrtsfraß genossen. Gelt, die Suppe ist dir zu feist gewesen? Jetzt steh auf, nimm dein Bett und geh!«
Der Herr Nonatus Hurneyßl hatte sich wieder beruhigt. »Bauer,« sagte er, »der Herrgott hat dir heut einen Spiegel vorgehalten. Fang ein neues Leben an!«
Der Dullhäubel drückte pfiffig ein Auge zu. »Bader, ich bin allweil schnell gesund worden. Einmal hab ich mir beim Holzhacken eine Hand wurzweg abgehaut. In vierzehn Tagen ist sie mir wieder sauber nachgewachsen. Heut weiß ich nimmer, ist es die linke gewesen oder die rechte. Und jetzt, Ogath, gib den Tabak her! Das ist die beste Arznei.«
Er schnupfte, legte sich dann zurück, schnarchte wie eine Brettmühle und überließ die um sein Sterbebett Versammelten ihren Betrachtungen.
* * * * *
Blitzblau lugten die Schlehstauden drein, und die letzte Bauernrose brannte im Gärtlein. Die Luft hing voll zarter Fäden, die alten Weiber hatten ihren Sommertag.
Im Stadel drosch die Ogath mit ihren ältesten Töchtern das Rüttstroh, sie wollte damit die Betten frisch füllen. Fröhlich klangen die drei prallenden Flegel, und der Dullhäubel legte dem Dreischlag die Worte unter: »Schind die Katz!« und schlich sich hinter den Stauden davon, um der Tenne auszuweichen.
Die Kapelle umging er in einem Bogen: des Blaumantels Blick vertrug er nimmer, weil er ihm die Kerze nicht opferte, die er ihm in der Sterbensangst gelobt hatte.
Vom Dorf klingelte der Schmiedhammer.
Beim Sulpiz gab es immer Gesellschaft, Köhler brachten die hölzerne Kohle, Fuhrleute ließen die Rösser beschlagen, die Bauern ließen sich die Axt schärfen, Kundschaft kam mit zerbrochenem Eisengerät, und manchen trieb andere Not hin.
Heute suchte der Lukas Schellnober in dem rußigen Gewölbe Hilfe. »Schmied,« redete er, »du bist die letzte Zuflucht. Der Zahn tut mir arg weh, ich könnt mir das Kinnbein vom Schädel reißen.«
»Sieh ihm den Zahn, Sulpiz!« meinte der Dullhäubel. »Speib in die Händ, der riesige Mann hat Zähne wie eine Wildsau.«
Der Sulpiz Schlagendrauf beeilte sich nicht. Er trug eine glühende Stange zum Amboß. Bevor er drauf schlug, reckte er sie jeden von seinen drei Weibern hin, die er an die Wand gerußt hatte, und gröhlte: »Leck! Leck! Leck!« und dann fuhr er jäh und heimtückisch damit dem Dullhäubel unter die Nase: »Schmeck! Schmeck!«
Der Bauer fuhr zurück bis zur Tür.
Zornig hämmerte der Meister auf das Eisen los. Es war nicht zu verwundern, daß die Kinder von Fuxloh den wilden Mann mit dem verworrenen Rußbart für den Teufel hielten.
»Hau zu, Schwarzer,« neckte der Dullhäubel aus wohlabgemessener Ferne, »hau zu und denk, du hast dein viertes Weib unter dir!«
Der Sulpiz schüttelte den Hammer. »Halt das Maul oder ich zerschmied dich! Was stehst du da wie eine Martersäul? Hast du daheim keine Arbeit? Was begehrst du?«
»Die Feuerzang sollst du mir leihen, daß ich meine Bäurin wieder einmal angreifen kann.«
Das gefiel dem Schmied. Er tauchte die Stange ins Wasser, daß sie zischte, und deutete auf eines von den Rußbildern. »Die erste dort, die Luzel ist es. Einmal fahrt sie zur Kirchweih nach Bärnloh, ich bin allein im Haus. Um Mitternacht klopft es an die Tür, steht ein Kohlschwarzer draußen, die Augen glosen ihm. Ich soll ihm den Rappen beschlagen. Ich schau das Roß an. Es hat zwei schwarze Zöpf geflochten wie die Luzel. Die zwei wilden Augen schauen mich an wie die Luzel, wann sie mit mir gerauft hat. Ich beschlag das Roß auf allen vier Hufen. Der Kerl springt drauf, sagt kein Geltsgott, und reitet dahin. In der Früh liegt mein Weib neben mir im Bett mit Hufeisen an Händen und Füßen.«
Der Sulpiz lachte, daß das Eisen in der Werkstatt klirrte.
»Du kannst leicht lachen, Schmied, dich martert nix,« sagte der Zahnwehmann und hielt sich den verbundenen Kopf.
»Schäm dich, Musikant,« tadelte der Rußige. »Du bist so stark wie ein Felsenbaum und dabei so ungesund.«
»Wer ist heutigentags gesund?« greinte der Lukas. »Ja, vormals haben die Leut mehr ausgehalten. Mein Vater zum Beispiel hat Glas gefressen, das Blut ist ihm aus dem Maul geronnen, er hat Bier darüber gegossen, und gut ist es gewesen. Bis er einmal so ein neuartiges Lampenglas gegessen hat, da ist er magenkrank worden. Das neumodische Teufelswerk ist nix nutz, das altwäldlerische Glas ist viel milder gewesen.« Und er wimmerte auf: »Weh und weh, mein Zahn!«
Der Schmied ließ sich auf den Amboß hin: »Duck dich her, Lukas!«
Da kauerte der Musikant auf die Erde, der Sulpiz klemmte den verbundenen Kopf zwischen seine Kniee und zog einen Schlüssel aus der Tasche.
»Tu das Maul auf! Welcher Zahn ist es?«
Ächzend deutete der Leidensmann in sich hinein. Der Schmied griff zu und drehte, daß ihm die Adern am Arm schwollen, indes der Geklemmte die vierzehn Nothelfer anschrie.
»Der Stockzahn rührt sich nit, der Teufel!« schalt der Sulpiz. Er fuhr dem Gepeinigten noch einmal ins Gebiß, und mit einem Ruck, daß schier der Amboß wankte, riß er einen mächtigen Zahn heraus.
»Du hast den falschen erwischt,« rief der Lukas, »das gilt nit!«
»Die Hauptsach ist, daß das böse Blut abgeht,« tröstete der Zahnbrecher. »Jetzt geh zum Misthaufen und speib das Blut aus!«
Der Musikant legte ein Sechserlein auf den Amboß. »Wenn es besser wird, trag ich den Zahn nach Maria-Dorn und häng ihn der Muttergottes mit einem seidenen Band um den Hals,« gelobte er.
»Und du lümmelst noch allweil da?« schnauzte der Schmied den Dullhäubel an. »Ich verdien Geld, und du versäumst dein Geschäft.«
»Ich kann nix versäumen, Meister.«
»Eine junge Dirn ist da gewesen und hat nach deinem Hof gefragt. Sie will in den Erdspiegel schauen.«
Hastig nahm der Dullhäubel den Weg unter die Füße.
Es war zum erstenmal, daß ihn jemand um den Erdspiegel anging. Die Leute waren schon zu klug. Zu des Ähnels Zeiten trug der Spiegel viel mehr ein als der Opferstock in der Kirche, die Bittsteller kamen aus aller Weite; wer ihnen das Roß gestohlen oder den Stall verhext, wollten sie wissen und wollten allerhand Heimliches ausfindig machen. Das war vorbei.
Der Bauer sann nach, wie er den Erdspiegel wieder in Schwang und Ruf bringen könne. Heute schien sich eine gute Gelegenheit zu bieten. Er nahm sich vor, die Dirne erst um ihr Anliegen zu fragen, dann wollte er sich in den Keller sperren, als ob er Hokuspokus triebe, und dort würde ihm schon die rechte Antwort einfallen.
In seinem Hof droschen die drei immer noch, und die kleinen Dirnlein spielten vor der Scheuer, eines kitzelte die andern auf die nackten Sohlen und rief: »Wer schmunzt, wer lacht, wer die Zähn für reckt, der gibt ein Pfand.«
Als der Dullhäubel die Stube leer fand, schwante ihm Schlimmes, und er lief in den Keller.
Die Tür zum Erdspiegel war aufgerissen.
Ins Halbdämmer des Raumes brach durch ein Guckloch ein Strahl und traf den runden Spiegel, der auf einem Felsblock lag. Eine junge Dirne beugte sich drüber und rätselte an den Zeichen, die auf das Wunderglas gemalt waren: eines glich der Ziffer vier, ein anderes führte drei Zinken wie eine Mistgabel, das dritte trug einen Ring mit zwei Hörnlein.
Der Bauer erkannte im Halblicht die Fremde nicht. »Was sprengst du mir die Tür?« schalt er. »Bist du eine Räuberin?«
»In meiner Verzagtheit hab ich es getan,« antwortete sie. »Verzeih mir, Spiegelmann!«
Er schob sie weg und schaute lange und ernst hinein in das Glas. Dann sagte er geheimnisvoll: »Ich seh es, du kommst wegen einer Liebschaft.«
»Siehst du meinen Schatz auch?« rief sie heftig. »Er ist mir verloren gegangen. Wo find ich ihn?«
Er starrte in den Spiegel und sann auf eine hübsche Lüge.
»Merkst du was?« fragte sie voll Neugier. »Ich hab nur den Dreizahn gesehen und den Hörnerbock und den Vierer.«
»Das sind die Zeichen der drei Heidengötter,« flüsterte er. »Weiberleut sehen nur das im Erdspiegel. Und dann, bist du noch eine Jungfer, he? Bist du nit schon einmal über das sechste Gebot gestolpert?«
»Aber hingefallen bin ich noch nit.« Sie kehrte sich verschämt ab.
»Es ist, als ob heut der Spiegel rauchig wär,« redete der Dullhäubel in das Glas hinein. »Hätt ich nur das Zauberbuch nit verlegt, ich könnt dir gleich verraten, wo sich dein Liebhaber herumtreibt.«
Da versuchte auch sie hineinzuspähen, und da sich ihr junger Leib dabei derb an den Bauer schmiegte, ließ er sie gewähren.
Plötzlich schrie sie hell auf: »Da schaut er heraus, der Tischler Franz, der mit mir hat Adam und Eva spielen wollen!« Und jäh sich besinnend, starrte sie den Dullhäubel neben sich an und packte ihn beim Bart. »Du bist es gewesen, Erdspiegler, der mir die Heirat versprochen hat!«
Es war die Mechel Schellnober.
Er begehrte auf. »So kommst du mir? Mir, dem Dullhäubel? Ich kenn dich nit. Ich bin ein verheirateter Mann. Willst du Unfried stiften in meinem Haus? Gleich fahr ab, du Lügenwachtel, sonst schrei ich um den Schergen!«
»Lügst du aber keck!« staunte sie. »Und du bist es gewesen, und wenn du auch leugnest wie ein Spitzbub. Ich kenn dich an dem kugelrunden Schädel, an dem roten Bart, an dem kurzen Hals. Denselben Filzhut mit derselben Schnalle hast du aufgehabt. Komm einmal ans Licht hinauf! Du willst dich weiß brennen, willst tun, als ob du die nackete Unschuld selber wärst.«
»Das bin ich auch. Und den Hut hab ich mir erst gestern gekauft, du zottige Gretel. Beweisen kann mir keiner nix. Und ans Licht geh ich just nit, mir ist warm, und im Keller ist es schön kühl.«
»So steig ich allein hinauf, Erdspiegler, und klag es deinem Weib.«
Da stieß er sie zurück und sprang ihr voran die Stiege hinauf, lief vors Haus und schrie: »Bäurin! Wabel, Reigel, Rosel! Kinder, kommt schnell! Stasel, Kathel, Liesel! Sakerment, mir fallen die Namen nit ein!«
Die Mechel erschrak, als sie auf einmal mitten in einem Ring von Jungfern und Dirnlein stand.
Mit dem Finger deutete der Dullhäubel auf sie. »Weib, Kinder, die mannsleutnärrische Schnudel da ist mir in den Keller nach, ganz putipharisch hat sie nach meiner Unschuld begehrt. Aber ich bin ihr nit ins Eisen gegangen.«
»Gibt es denn keine Wahrheit mehr auf der Welt? Hat der Schauer alle guten Leut erschlagen?« weinte die Mechel. »Erdspiegler, du stellst mich her, daß kein Hund mehr ein Bröckel Brot von mir frißt. Und du hast mir versprochen --.«
Er ließ sie nicht ausreden. »Sie hat die Bubensucht; sie lügt, ich hätt ihr die Heirat versprochen. Kinder, den Vater will sie euch nehmen, und dir, liebes Weib, den Ehmann!«
»Sie soll dich nur mitnehmen,« sagte die Ogath.
»Was? Das wollt ihr euch gefallen lassen?« Seine Stimme verstieg sich. »Und ihr jagt sie nit aus dem Hof?«
»Ich zeig dir schon, was es heißt, einen neuen Trieb kriegen,« lachte die Bäurin wunderlich. Und sie fiel mit den Töchtern über den Dullhäubel her wie Hündinnen über einen Bären, im Hui wälzte er sich, die Hiebe fielen wie ein Schlossenschauer über ihn, er konnte sich ihrer nicht erwehren.
»Blaumantel, hilf! Die Mannsleut müssen zusamm halten,« rief er.
»So, jetzt nimm dir ihn mit,« sagte die Bäurin zur Mechel, »wir schenken dir ihn herzlich gern.«
»Ich mag ihn nit,« antwortete die Fremde. »Und zu wegen seiner wird aus mir keine Klosterfrau. Die Welt ist kein Krautgarten, mein Glück wachst überall.«
Mit trotzigen Schritten ging sie davon. --
Der Dullhäubel wurde durch die Schläge nicht gebessert. Am selben Abend noch tat er dem Grazian Schande und Spott an.
Er spielte mit einem fremden Sautreiber im Wirtshaus bis spät in die Nacht Karten. Der Meßner trank ihnen eifrig zu, denn der Sautreiber zahlte ihm die Zeche, aber auf einmal lag er mit der Stirn auf dem Tisch und schlief. Da löschte der Dullhäubel die Lampe, versperrte die Fensterladen und tat mit seinem Spießgesellen in der stichdunkeln Stube, als spielten sie weiter. Als die zwei immer wilder schrieen und immer fester mit der Faust in den Tisch schlugen, erwachte der Grazian. Er hörte sie die Trümpfe ausschreien und Farbe bekennen, und als er nichts sah, stammelte er mit zitternder Stimme: »Leut, ich bin blind. Ich hab mich blind gesoffen.«
Der Dullhäubel ließ ihn eine ganze Stunde in der entsetzlichen Meinung, und am nächsten Tag lachte ganz Fuxloh über den blinden Grazian.
* * * * *
Der Mai blühte aus.
Die Fuxloher hielten am Pfingstmontag abends vor der Kapelle eine Andacht. Der abgedankte Meßner Grazian hatte den Weibern ein neues Lied beigebracht, und sie sangen es, und der Bach sauste darein, der geschwollen war, weil ein Wetter niedergegangen übers Gebirg.
»Der Tag ist vergangen, der Abend ist hier, gute Nacht, o Maria, bleib ewig bei mir!«
Wie das Lied so herzerheblich hinüberflog über die Wiesen zum Wald, daß alle, die da sangen, ihre Freude hatten, watete der Dullhäubel durchs Gras daher, brachte einen Schemel mit und setzte sich abseits den andern darauf. Und als die frommen Stimmen der Weiber sich in die höchsten Höhen erflogen, stimmte er überlaut sein eigenes Lied an.
»Wer will mit mir wallfahrten gehn, muß tragen ein Paar Schuh, muß Käs und Brot mitnehmen, muß aufstehn in der Fruh.«
Da wurden die andern in ihrem Lied langsam irr, eine Stimme nach der andern verzagte und hörte auf, bis zuletzt nur des Dullhäubel traurig gezogene Weise sich behauptete.
»Was irrst du uns?« schalt der Grazian betrübt.
Die Weiber redeten erbost auf den Störenfried ein. Der aber sagte: »Ich sitz auf meiner Wies, und auf meinem Grund sing ich, was mir gefallt. Ihr habt wie die Nattern gesungen. Was braucht ihr das neumodische Schnaderhüpfel? Mein Lied ist allweil gesungen worden, seit die Kapelle steht, und bleiben soll es, wie es bräuchlich gewesen ist.«
Da konnten die Fuxloher nichts dawider reden, sie verzichteten auf den neuen Gesang, und der Grazian hub eine Litanei an. Doch auch sie stockte bald, und besonders die Weiber wurden verwirrt und des Betens überdrüssig, weil der Dullhäubel mit starrem Blick sie anschaute, als wolle er sie verzaubern. Es wurde ihnen angst.
Schließlich begehrte der Grazian auf, dem die ganze Andacht verdorben war: »Was schaust du so unsinnig her?«
»Mein Schemel ist aus neunerlei Holz,« sagte der Schelm.
»Ist das eine Antwort auf meine Frag? Wie steht es mit deinem Hirn?«
»Wer auf einem Schemel aus neunerlei Holz sitzt, sieht alle Hexen.«
Die Weiber fuhren auf wie gestörte Wespen. »Er beleidigt uns alle!« schrie die Burgermeisterin.
»Du sei still,« warnte der Dullhäubel, »ich schau auf deinem Kopf ein Krähennest.«
»Dem Kaiser soll man schreiben, daß er den Böswicht abschafft,« sagte die Iglin.
»An deiner Nase hängt eine Fledermaus, Iglin. Grins nur her und zahn mich an! Ich fürcht mich nit.«
Jetzt wagte keine mehr zu schimpfen, um des Dullhäubel Bosheit nicht auf sich zu ziehen. Nur die Spuchtin rief: »Ist denn keiner unter euch Mannsleuten, der sich unser annimmt und ihm den Herrn zeigt?«
Der Longinus Spucht duckte sich hinter dem breiten Schmied, und der Schmied seufzte schwermütig: »Ach ja, alte Weiber gibt es genug auf der Welt!«
Der Dullhäubel frohlockte: »Mein Guckähnel hat sieben Weiber gehabt, und alle sieben hat er erschlagen. Zuletzt haben ihn tausend Engel in den Himmel gehoben.«
Die Weiber standen auf und gingen, die Männer verliefen sich, und den Grazian hörte man noch fern im Wald schimpfen.
Jetzt war der Dullhäubel mit dem Heiligen allein.
Dem hatten sie den welken Kranz aus Hagebutten, Silberdisteln und Heide mit frischen Maiblumen ersetzt.
Der Wald nachtete ein, Mondlicht flunkerte in den Stauden, in der Wiese knarrte der Wachtelkönig.
Der Dullhäubel riß den Heiligen aus der Kapelle. »Eine Kerze hab ich dir versprochen, so lang wie eine Deichsel. Der Wachszieher aber bietet solche nit feil, und so kann ich mein Wort nit lösen. Und du verdienst es auch nit, Blaumantel. Wie oft ich dich anruf, du hilfst mir nit. Da rinn den alten Weibern nach!« Er warf ihn in den Wolfsbach.
Da war ihm, der Blaumantel werde in dem angeschwollenen Bach lebendig und drehe teuflisch den Kopf nach ihm zurück, rühre die Arme und schlage Räder im Wasser.
* * * * *