Fünf Erzählungen Mit 28 Holzschnitten von Frans Masereel
Part 2
Nun geschah es, es dürfte so zwanzig Jahre her sein -- und seither ist der Jahrmarkt wie verflucht --, da waren die neugewählten Pferde so ungestüm und unlenksam, daß sie das Dorf im Sturmlauf verließen. Sie rannten Buden und Gestelle um, und weiter draußen, auf der Landstraße, gingen sie, dank einer am Wegrand aufgepflanzten Vogelscheuche, durch. Die auf den Wagen Gekletterten bekamen Angst; einige sprangen, auf die Gefahr hin, sich zu erschlagen, auf Böschungen in die weiche Erde am Wege, andere wieder, aneinander gekauert, stießen so schreckliche Schreie aus, daß die Leute mit zum Himmel gerungenen Händen aus den Gehöften hervorkamen. Im vollen Sonnenschein, mit fliegenden Behängen, polternden Rädern, stürzte der Leichenwagen, ein lebendiges schwarzes Gerassel, vorbei. Die Laternen hüpften in ihren Untersätzen, das entwurzelte Kreuz wurde heftig von rechts nach links und von links nach rechts geschüttelt, die Silberfransen verwickelten sich in den Büschen, und an den Zweigen blieben schwarze Fetzen hängen.
Von den Wällen in Termonde sah man diesen Wirbel herankommen, und der Schrecken war groß. Man ängstigte sich hauptsächlich wegen der Kirchenvorsteher, dieser ehrbaren, gediegenen Würdenträger, deren Beine nicht mehr geschmeidig genug waren, um abzuspringen.
Der wildwütende Leichenwagen durchquerte die ganze Stadt. Das gab Schreien und Klagen. Das Entsetzen verbreitete sich von Haus zu Haus, von Stadtteil zu Stadtteil. Man sah Frauen, die die Hände nach ihren Knaben oder Mädchen ausstreckten, die der Wirbel mit fortführte. Ein Greis wurde über den Haufen gerannt. Die Straßen leerten sich . . . Bleiche Gesichter drückten sich an die Fensterscheiben. Leute liefen atemlos hinter dem Wagen her. Der Glöckner am Hauptplatz wollte die Sturmglocke läuten, aber der Tod lief zu rasch, und der Blitz seines Vorbeijagens traf schon das entgegengesetzte Ende der Vorstädte.
Die wahnsinnigen Pferde, weiß von schäumendem Schweiß, Blut an den Mäulern, hielten erst vor einer Friedhofsmauer an. Eines von ihnen schlug hin. Ein kleines Mädchen wurde getötet. Einem Kirchenvorsteher wurde das Bein zermalmt. Alle anderen hatten Verletzungen zu beklagen. Nur der Kutscher kam heil davon, ohne den kleinsten Riß, und da sich die Pferde ihrerseits von ihrem Schrecken erholt hatten, lachte er schließlich über das Abenteuer.
Aber die Menge ließ sich ihre Furcht nicht nehmen. Was für ein unseliges Geschehnis mochte dieser so sinnfällige Unglücksfall voraussagen? Sie verdoppelten ihre Gebete und Andachtsübungen. Es half nichts.
Während des endlosen Winters wurde die Stadt durch ein unbekanntes Fieber verwüstet, und die Schelde trat dreimal über die Ufer. Die Straßen, durch die der Leichenwagen gekommen war, wurden vor allen andern ergriffen. Die Trauer erstreckte sich bis Opdorp.
Wie sehr schwand aus dem reinen, netten Dorfe die Ruhe! Täglich gab es einen Todesfall. Dies dauerte Monate und Monate solchermaßen an, daß man den Friedhof vergrößern mußte. Noch heute hat sich die Erinnerung dieses schwarzen Ereignisses kaum abgeschwächt, ja man sagt, daß in wenigen Jahren der berühmte Jahrmarkt von Opdorp aus den Kalendern gestrichen sein wird.
DIE DREI FREUNDINNEN
DER Schullehrer nannte sie die drei Parzen. Jeden Donnerstag gegen vier Uhr trafen sie sich bei drei Tassen Kaffee. Wenn die Zusammenkunft bei Dietje Knickelbel stattfand, klapperte die magere Trien Pyck mit ihrem Krückstock durch die Klosterstraße, während Wanne Biebuick, die beweglicher, aber dafür ihrer Kurzsichtigkeit wegen unsicherer war, über die Flohecke daherkam. Von da an setzten sie den Weg zu zweien fort und beklagten sich gemeinsam über ihre Übel. Die eine sagte: »Meine armen Augen«, die andere: »Mein armes Bein«. Sie einigten sich aber schließlich zu einem »Gehen wir halt weiter«, indem sie solchermaßen, ohne es zu wissen, das ganze Ab und Auf der menschlichen Leiden zusammenfaßten.
Dietje wohnte in der Nähe eines Kalvarienberges. Die beiden Alten verharrten einen Augenblick im Gebete. Ein großer Christus wand sich hier am Kreuz. Eine riesige Dornenkrone war ihm von der Stirne auf die Augen herabgesunken, eine Lanzenspitze zwischen den Rippen stecken geblieben, und der schmerzverzerrte Ausdruck war so schrecklich wiedergegeben, daß man im Herbst, während der größten Stürme, sagte: »Horch, Gott selbst rüttelt an seinem Kreuz.«
Von ihrem Fenster aus spähte Dietje nach ihren zwei Freundinnen. Sobald diese ihr Gebet beendet hatten, öffnete sie die Türe und nahm ihnen die Mäntel ab. Der Kaffee rauchte auf dem Tische. Wanne und Trien brauchten eine gute Weile, um sich niederzusetzen. Sie sandten prüfende Blicke im Zimmer umher, betrachteten die Windungen des feinen Sandes um die Möbel herum und die Hortensien, die in Büschen die Vielfalt ihrer rosigen Augen öffneten. Dann ließen sie sich beide auf ihre gewohnten Sessel nieder; zwei Katzen sprangen in der Hoffnung auf Leckerbissen auf ihre Knie.
Und Trien Pyck streichelte ihnen den Kopf und erzählte (es war das hundertste Mal) die Geschichte ihrer Mutter, die, um sie dort drüben aus der Scheune des Fährmanns herüberzuholen, den Fluß inmitten der Strömung des Nachts durchquerte und abermals durchschwamm. Sie gab sich den Anschein, es selbst nicht zu glauben. Sie belebte ihre Erzählung mit dem Ausruf: »Ist es möglich, viermal schwimmend diesen Weg, zweimal hin, zweimal her!« Und als sie den Bericht beendete, fügte sie hinzu: »Der Pfarrer selbst hat es mir gesagt.«
Wanne zog daraus den Schluß: »Ein Kater hätte das niemals getan.« Und am Grunde ihrer Gedanken konnte man lesen: »Das ist einmal ausgemacht, die Männer sind lange nicht so viel wert wie die Frauen.« »Das ist wirklich wahr«, antwortete die alte Pyck mit den Augen.
Sie verstummten einen Augenblick. Aber Wanne Biebuick wußte eine noch viel sonderlichere Sache zu berichten. Vorigen Sommer, eines Sonntags, banden die aus Baesrode eine Menge weißer Fäden an die Füße von einigen hundert Fliegen. Man jagte diese mit Tüchern davon. Die Tiere entflogen: auf der andern Seite der Schelde fing man sie beinahe alle ein. Trien Pyck stellte sich ungläubig, nur um ihrer Freundin zu ermöglichen, sogleich hinzuzufügen: »Die Schwestern vom Kloster des heiligen Vinzenz bestätigen dieses Wunder.«
Es läutete zum Englischen Gruß. Alle drei erhoben sich und machten das Zeichen des Kreuzes. Als sie sich wieder gesetzt hatten, wurde eine neue Tasse herumgereicht, und Trien strich Sirup auf ihr Brötchen. Der Tag war verblaßt, die Magd ging hinaus, die Läden des Zimmers zu schließen, und die drei Freundinnen begannen auf die draußen Vorübergehenden zu horchen. Man hörte die Schritte vom Ende des Dorfes her sich nähern, gegenüber auf dem Bürgersteig vorbeiklappern, mählich verklingen, dann herrschte wieder Stille.
»Das ist der Uhrmacher Claes, der seine Uhr dem Schöffen zurückbringt. Und dies ist Jan Maes, der Kohlenmann, ich höre die Nägel seiner Schuhe auf dem Pflaster klirren.«
»Schweigt still, es ist der Vikar, der zu den Goddschaps geht: ihr Sohn wird die Nacht nicht überleben.«
»Ganz und gar nicht: es ist der Pfarrer. Er allein tritt so fest auf. Es kommt mir vor, als höre ich das Versehglöckchen . . .«
»Es ist die Glocke des Petroleumhändlers. Er rüttelt das Faß auf seinem Karren.«
Sie schwiegen. Ein großes unregelmäßiges Geräusch, eine Art Gestolper näherte sich ihnen vom Lande her. Trien, obwohl sie ahnte, daß nur ein Lastwagen all diesen Lärm verursachte, tat, als ob sie an eine Katastrophe glaube.
»Meint man nicht, die Welt geht unter?«
Die erschrockene Wanne antwortete nicht. Aber schon hörte man die Schritte der Pferde, den Klang von Ketten im Rhythmus des Trabs; es war der Bierwagen des Verschleißers Blaes, der diesen vermutlichen Weltuntergang verursachte.
Der Laternenanzünder ging heim und streifte dabei mit seiner Leiter die Mauern entlang. Er hinkte und sang:
»Die Mondfrau Anne In ihrer Pfanne Hat nen Dukaten aus Flandern; Wie weit er möcht wandern, Ob's ein Narr wär, ein Jud Fing ihn wohl ein, in seinem Hut.«
»Nun, ich weiß einen, der ihn stahl. Er fischte ihn am Grunde eines Brunnens, verkaufte ihn und wurde daran reich. Er nennt sich Klaes und ist mein Bruder.«
Wanne sprach plötzlich rasch. Sie war die Erbin des Klaes. Eines Tages würde sie sicherlich reich sein. In Gedanken berechnete sie Tod und Erbschaft, und ohne besonderen Übergang sprach sie weiter:
». . . Dann werde ich gute Werke tun. Ich werde der Kongregation eine herrliche Monstranz schenken, in der Kirche wird für mich ein Stuhl aus Mahagoni stehen und ein großer Teppich für meine armen Füße. Im Keller werde ich Wein haben, um ihn dem Vikar anzubieten. Ich werde euch, dir, Trien, und dir, Dietje, einen Rosenkranz aus Silber und Perlmutter schenken, der in Rom geweiht ist, und ich werde wirklich den Preis bezahlen, daß er die heilige Reise macht. Ich werde Präfektin des heiligen Rosenkranzordens sein und, wenn ich sterbe, der Kirche ein so bedeutendes Legat hinterlassen, daß man tausend Messen für meine Seele lesen wird.«
Während sie dies sagte, machte Wanne Biebuick eine Gebärde, die sie vollständig aus ihrem Sessel in die Höhe schnellte. Die Katze sprang, als wäre sie erschrocken, von ihren Knien. Eine Stille trat ein. Bisher hatte Dietje nicht mehr gesagt als ja und nein, einzig um ab und zu einen kleinen flüchtigen Ring an die Kette der wiedererweckten Erinnerungen zu reihen. Nun sprach auch sie. Und zwar vom alten Pier Thys, der vergangenen Sonntag allein während der Messe hinter seinem Fenster gestorben war. Das ganze Dorf konnte ihn, als es aus der Kirche kam, hinter seinen Scheiben sehen, blaß und steif wie ein Heiliger in einem Glaskasten. Man hatte ihm ein würdiges Begräbnis bereitet. Reichlich waren die Blumenspenden gewesen. Der Strauß, der sich in diesem Augenblick auf dem Tische befand, hatte sogar seinen Sarg berührt.
Dietje, die die Neugierde ihrer Freundinnen voraussah, gestand, daß ihn ihr der Totengräber nach dem Begräbnis gegeben hatte.
Man sprach noch über den Schullehrer, über den Kapuziner, der Weltabgeschiedenheit gepredigt hatte, über den Bettler mit dem Mausgesicht, der jede Woche an die Türen pochte. Aber bei all dem fehlte der Schwung. Eine heimliche, aber tiefe Bewegung beunruhigte die drei Freundinnen.
Da machte Dietje, die nicht vergessen hatte, daß sie einst alle drei bis zur Tollheit den hübschen Kerl, der Pier Thys gewesen war, geliebt hatten, ja daß sie, von heftiger Eifersucht gegeneinander erfüllt, sich zu allen Teufeln gewünscht hatten, jedoch verschweigend, daß sie die Bevorzugte gewesen war, machte nun drei Teile aus dem blassen Veilchenstrauß, behielt den kleinsten für sich und legte die zwei anderen in die armen alten Hände ihrer Gefährtinnen.
EIN ABEND
»ICH verlasse dich und komme wieder«, rief mir, als er sich entfernte, mein sehr eifriger Freund zu, mit dem ich eben in der riesigen Fremdenherberge am Ende einer der abgestorbenen Städte des alten Spaniens gelandet war.
Ich sah ihn rasch die Stiege herabsteigen, und sein letztes »Ich komme bald« vernahm ich nur noch zugleich mit dem Geräusch seiner die Stufen und Treppenabsätze hinabeilenden Schritte. Allein zurückgeblieben, lehnte ich mich über den Balkon. Leute, hochmütig in ihrer Schmierigkeit, stolzierten unter den Arkaden, unheimliche Bettler sperrten die Schwellen der Türen, Hunde heulten vor den Gittern der Klöster oder vor alten Kreuzen, die da und dort noch aufgepflanzt waren als Überreste einer Friedhofsruine. Die Dämmerstunde steigerte das Geheimnisvolle der Straßen, deren Häuser, im Blut der Abendsonne, von dunklen Menschen bewohnt zu sein schienen. Meine Blicke tauchten durch ein Fenster. Ich ward Zeuge großer heftiger Gebärden, einer Bewegung, die von Saal zu Saal lief, einer plötzlichen Vereinigung vor einem Bilde, das an einer Wand hing, sah den Kniefall vor zwei großen Füßen des Christus, der zwischen Kerzen und flackernden Votivbildern lebendiges Blut zu vergießen schien.
Plötzlich leuchtete dort am Ende einer Allee eine erste Laterne wie ein grüner Stein.
Ich sah auf meine Uhr. Eine Stunde war verronnen, seitdem mein Freund weggegangen war. Ein tiefes Angstgefühl regte sich in mir. Von dem Augenblick an, wo ich begonnen hatte hinauszusehen, den Körper gleichsam über diese ganze Stadt gebeugt, hatte eine langsame, aber sichere Furcht meine Gedanken erhitzt. Ich bildete mir ein, mein Freund wäre ins Verderben geraten, angefallen, bestohlen worden. Ich kannte nicht die Richtung, die er eingeschlagen, wußte nicht, wohin er sich begeben hatte, warum er ausgegangen war. Sein Weggehen schien mir unerklärlich, irgendwie zwingend befohlen und gewollt durch eine fremde und feindliche Kraft.
Ich durchforschte die Vorübergehenden, einzig um sie verdächtig zu finden. Es waren alte Frauen, die durch Verbrauchtheit und Krankheit ganz besonders ausgehöhlt waren, fast nackte Kinder, deren Schreien und Winseln die Mutter an ihrer Brust erstickte. Dann kamen Männer -- und recht rohe -- mit langen Stöcken, an deren Ende etwas leuchtete. Ein Gespann kam vorbei mit aufgeregten Pferden und wildem, eisenklapperndem Geräusch.
Die Nacht war nach und nach dichter geworden. Eine ganze Reihe von Lichtern leuchtete längs der Gehwege. Ein Glockenturm nach dem andern erwachte, die großen Glocken begannen zu läuten.
Nicht weit von mir verschluckte eine Kirche mit geöffneten Toren eine Menschenmenge. Ich sah sie ameisengleich in diesem riesigen Mund verschwinden, und dieses langsame und andauernde Aufsaugen bekam in meinen Augen eine beunruhigende Bedeutung. War mein armer Kamerad nicht dort zwischen der Menge zerrieben und, ohne daß er es wollte, gegen dies Unbekannte gedrängt, gegen die Tiefe jener Dunkelheit, aus der die Glocke mit hartnäckigem und leidenschaftlichem Knirschen und Aufschlagen zu kommen schien?
Ich mußte einen Schrei ausgestoßen haben, denn ein alter Mann, der seit einiger Zeit mir gegenüber auf der andern Seite der Straße stehen geblieben war, warf mir, als erwarte er nur einen Vorwand, mir zu antworten, unverständliche Worte zu und entfernte sich dann mit einer weitausladenden, vorwurfsvollen Gebärde.
Nun befiel mich ganz und gar heftigste Angst. Die Wohnung, in die wir eingezogen waren, bestand aus kleinen geheimnisvollen altertümlichen Räumen. In ihren Ecken hatte sich eine tragische Dunkelheit angehäuft. Ich kleidete mich eiligst an, und fiebernd begann ich die Stadt nach allen Richtungen zu durcheilen, anfangs mit Bedacht, dann laufend und schließlich außer Sinnen.
Ich glaubte meinen Freund bald unter den Spaziergängern zu sehen, die sich an das Geländer einer riesigen Steinbrücke lehnten, bald im Hintergrund eines Kellers, wo schreckliche Trinker sich in der Nähe eines Schanktisches stießen, bald unter einem riesigen Kandelaber, dessen plötzlicher flackernder Lichtschein einen auf die Mauer gemeißelten Kampf zwischen Schlangen und Adlern beleuchtete.
Jedesmal stieß ich geradaus gegen jede dieser Vorstellungen, in meinem Kopf wurde es immer wirrer, meine Augen waren gemartert und mein Herz wie in einen Schraubstock gespannt. Ich entschloß mich, zurückzukehren. Aber kaum hatte ich einige Schritte gemacht, so wechselte meine Angst ihren Inhalt. Ich dachte nicht mehr an meinen Freund, weder an seinen Verlust noch an seinen Tod. Ich war mir nun selbst der Gegenstand meiner Beunruhigung. Rasch heimkehren! Oh! dieses Laufen im Abend durch Straßen, deren Fassaden Schrecken bedeuteten. Türme ragten an den Ecken der Plätze auf wie aus dem Unbekannten bis zu den Sternen gebaut, Weinkeller von Schreien und Streit erfüllt, mächtige Häuser, deren Angeln und Türen wie Kanonen schallten.
Noch geheimnisvoller als vorhin und von noch unabwendbarerer Feindlichkeit erschienen mir die Vorübergehenden. Konnte ich sie fragen, um den rechten Weg wiederzufinden? Ich fühlte, daß sie alle Gauner waren, Messerstecher, unheimliche Briganten. Ich schritt mitten in der Straße, unausgesetzt mich umwendend, bleiern vor Schrecken und mehr als alles andere auf der Welt fürchtend, daß man meine Furcht ahnen könne. Ein kleiner Buckliger, der Zündhölzchen verkaufte, näherte sich mir. Ich sprang zurück, um ihm auszuweichen. Eine Dirne flüsterte mir dumme Worte zu. Lebhaft beschleunigte ich meinen Schritt, ich wagte nicht, sie mit roher Heftigkeit zurückzustoßen. In einer glasüberdeckten Galerie stand einer dieser entsetzlichen Bettler im Mantel, wie sie mich seit meiner Ankunft beunruhigt hatten, und versperrte mit seiner Geste den ganzen Durchgang. Ich machte kehrt. Und die Stunden schlugen über mir in den Kathedralen wie stählerne Schwerter, die miteinander kämpfen.
Plötzlich erblickte ich das Haus, in dem wir abgestiegen waren, gerade vor mir. Zitternd steckte ich den Schlüssel in die Türe. Was erwartete mich hinter ihr? Mein Freund war so sehr aus meinen Befürchtungen entschwunden, daß ich nicht einmal fragte, ob er heimgekehrt war. Ich durchsuchte alle Zimmer unserer Wohnung, eines nach dem andern, leuchtete mit meiner Kerze unter die Betten, in die geöffneten und rasch wieder geschlossenen Kästen, zwischen die Füße der Sofas und der Tische; ich verschloß die Türen, verschob die Möbel und war selbst erschrocken über diese Kühnheit, meine Furcht beruhigen zu wollen. Ich lud auch meinen Revolver. In meinem Zimmer wandte ich dann die größten Vorsichtsmaßregeln an. Weshalb? Ich hatte doch sicherlich nicht Lust zu schlafen. Ich begann zu lesen, meine Augen fest auf die Seiten gerichtet; aber dort gegen die Türe zu, gegen das Fenster, lag meine ganze Aufmerksamkeit auf der Lauer. Da das Haus stockweise vermietet wurde, hörte man auf der Stiege Schritte aufwärts kommen, die mir den Rhythmus meiner Angst vermittelten. Irgend jemand blieb auf meiner Flur stehen. Ich sprang aus dem Bett, da ich an einen Einbruch glaubte. Eine blendende Idee kam mir: die Polizei benachrichtigen. Ich zog mich halbwegs wieder an. Doch kaum war ich auf der Straße angelangt, packte mich all mein Fieber wieder. Sollte ich von neuem die Stadt durchqueren, auf diese wie Monumente dastehenden Bettler stoßen und in dieses Labyrinth von Nacht untertauchen, aus dem ich wie durch ein Wunder herausgeraten war? Würde ich wieder all meine Unrast erneuern und sie bis zum Wahne fortspinnen? Ich stieg neuerdings die Stiege hinauf, als ich, vor meiner Wohnung angelangt, bei dem Gedanken zu zittern begann, was sich in meinem Zimmer begeben haben könnte, seitdem ich es -- eben vor einem Augenblick -- verlassen hatte.
Ich erinnere mich, mich auf der Schwelle mit müden, schweren Armen niedergelassen zu haben, am Platze festgebannt und zu gleicher Zeit wie emporgehoben und wie davongejagt durch die tausend sinnlosen Hände, die mich hinausstießen. Ich hörte andere Mieter heraufsteigen. Ich horchte auf ihr lärmendes Sprechen, sie näherten sich. Über das Geländer gebeugt, glaubte ich ihnen Zeichen zu machen, sie zu rufen, ihnen irgend etwas zu sagen, und dennoch schnellte ich unwillkürlich gegen die Mauer zurück, hielt mich stumm, unterdrückte meinen Atem, verbarg mich abgeplattet, kleinwinzig, wie blutleer in einer dunklen Ecke. Sie streiften an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und begaben sich alle in ihre Wohnungen.
Ich zürnte mir, sie nicht gefragt zu haben; ja, ich stieg sogar einen Stock hinauf, um am Ende eines Ganges, in dem der letzte von ihnen verschwunden war, anzuläuten. Dort angelangt, stieg ich wieder herab.
Da plötzlich übersprang ich, vier Stufen zugleich nehmend, alle Treppenabsätze und gelangte auf die Straße, ohne zu wissen, was ich tat.
Ein Nachtwächter stellte sich vor mich hin.
»Ich komme,« sagte ich, »um Sie wegen eines Diebstahls, der sich eben bei mir abspielt, zu holen.«
Der Mann folgte mir, und die wenigen Worte, die er sprach, bedeuteten mir Erlösung. Ich war mir in diesem Augenblick der Komödie, die ich spielte, nicht bewußt.
Als wir an der Schwelle meiner Türe angelangt waren, hätte ich es gewiß gewagt, allein in mein Zimmer einzutreten und in aller Ruhe die Winkel und Ecken zu untersuchen, mein Bett aufzufinden und zu schlafen. Der Wächter durchforschte sorgfältig den Salon, das Waschkabinett, zündete seine Blendlaterne an und machte die Runde durch alle Räume. Um meinen Worten Gewicht zu geben -- was mir ganz leicht fiel --, gab ich vor, daß ein Schrein auf jenem Tischchen, zwischen diesen und jenen Leuchtern und meinem Reisenecessaire, sich befunden hatte, und daß dieser Schrein verschwunden war. Mit wachsender Kühnheit begann ich gegen die Gauner zu eifern, die den Reisenden auflauern, ihnen in die Hotels folgen, und gegen die Behörde, der es niemals gelinge, wie sie es auch anstelle, die Schuldigen ausfindig zu machen. In diesem Augenblick mußte ich wohl einige etwas allzu übertriebene Worte gebraucht haben, denn der Nachtwächter lächelte, und ich sah einen leichten Zug von Ungläubigkeit in seinen Augen. Ich ärgerte mich.
»Es ist sicher,« erklärte ich ihm, »daß vor einer Stunde ein Schmuckstück da in einem blauen Schrein sich befunden hatte, daß dieses Schmuckstück -- ein Medaillon -- mit Perlen verziert war und daß es Haare enthielt, die in Arabesken eingelegt waren.«
Und als mich der Mann unterbrach, um mich zu versichern, daß das Haus verläßlich sei und der Bezirk der stillste der Stadt, erwiderte ich, daß ich im Bett gewesen wäre, als ich plötzlich durch ein Kratzen -- gleichsam als wenn ein Diamant über eine Glasscheibe geführt würde oder ein Gegenstand über eine marmorne Tischplatte -- geweckt worden war; als ich rasch hinzugelaufen war, sei vor mir ein Mann verschwunden, die Türe hinter sich zuwerfend. Was den Schrein betrifft, so hatte er auf seiner Unterseite vier kupferne Nägel, und einer dieser kreischenden und knirschenden Nägel war es, der mich aus dem Schlaf geweckt hatte. Der Wächter sah mir gerade ins Gesicht.
»Folgen Sie mir,« befahl er, »und bringen Sie Ihre Klage anderswo vor.«
Aber darauf wollte ich nicht eingehen. Ich widersetzte mich, da mein Freund heimkehren würde -- mein Freund, er war nur mehr Vorwand -- und daß ich nicht einen Augenblick in diesem verdächtigen Hause die Papiere und die andern Andenken, die uns gehörten, verlassen wollte.
Neuerlich erschien ein Lächeln in den Augen des Nachtwächters. Ich hatte Lust, ihn zu schlagen.
Plötzlich öffnete sich die Türe, und er, der die Quelle meiner Angst gewesen war, er, den ich vergebens sehnsüchtig, ja wahnsinnig in der ganzen Stadt gesucht hatte, trat ein.
Ich warf mich an seinen Hals und fragte ihn weder woher er komme, noch warum er sich bis zu dieser Stunde verspätet habe. Rasch zog ich ihn beiseite, und mit vollkommener Klarheit machte ich ihm von dem Abenteuer Mitteilung.
Der Wächter ließ es gewähren. Er hatte verstanden.
Ganz ernsthaft -- denn die geringste Anspielung auf meinen Wahn hätte alles verdorben -- kamen mein Freund und er überein, daß man am nächsten Morgen die Klage einbringen würde, und daß man, um mir Recht zu verschaffen und den Schuldigen zu entdecken, systematisch die schmutzigen Viertel des Hafens und der Kasernen durchsuchen würde.
Aber im Morgenlicht erschien mir die Stadt so friedlich, so klösterlich, so geruhsam, daß ich an nichts anderes mehr dachte, als den Reiz der altertümlichen Kunstwerke und den schwermütigen Glanz seiner verwitterten Reliquien zu genießen.
INHALT
DER GASTHOF »ZUM SANFTEN TOD« 9 IM DORFE 33 DER JAHRMARKT ZU OPDORP 45 DIE DREI FREUNDINNEN 61 EIN ABEND 79
DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG