Fünf Erzählungen Mit 28 Holzschnitten von Frans Masereel
Part 1
ZWEITE AUFLAGE
EMILE VERHAEREN
FÜNF ERZÄHLUNGEN
MIT 28 HOLZSCHNITTEN VON FRANS MASEREEL
IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1922
ÜBERTRAGEN VON FRIDERIKE MARIA ZWEIG
FÜNF ERZÄHLUNGEN
DER GASTHOF ZUM SANFTEN TOD
SIE starben am selben Tage, ganz plötzlich, der eine im Keller, der andere auf dem Dachboden des Gasthofes »Zum sanften Tod«. Das alte Haus hatte seinerzeit alle Pilger beherbergt, die aus Flandern herbeizogen, »Unsere liebe Frau zur Letzten Stund« anzuflehen. Während zweier Jahrhunderte ward die Jungfrau hier beschworen. Kriege stürzten ihr Standbild. Ihre Kapelle wurde zerstört, der Gasthof blieb bestehen.
Die Leute aus Weerd, aus Tibrode und Tamise kamen des Sonntags hin, ihren Schoppen zu trinken.
Große kupferne Töpfe verbreiteten helle Reinlichkeit, und dieser Anblick von Sauberkeit und Kälte wurde noch erhöht durch die Schweigsamkeit einiger spärlicher Trinker, die wortlos und ernst einander anpafften. Sie hielten ihre holländischen Pfeifen zwischen den Fingern und spuckten in hölzerne Eimer. Wenn einer von ihnen mit dem Pfeifenkopf auf seinen Krug klopfte, stand Saft, der jüngere der beiden Brüder, auf und stieg in den Keller hinab, um das geleerte Glas wieder zu füllen. Hatte er es zurückgebracht, so setzte er sich hin und wurde wieder ganz starr und stumm. Die massive, sargartige Uhr, hinter deren Glasscheibe das bezifferte Antlitz der Stunden hervorlugte, tickte unentwegt ihre gleichmäßigen Silben.
Die Sonntage ausgenommen, kam niemand hierher außer der alten unverwüstlichen Mie Bergman, deren geräuschvolle Geschäftigkeit das Haus um und um stöberte und räumte.
Ach, dieser Gasthof »Zum sanften Tod«: im Winter brütete er im Nebel, dicht an den Dämmen, die so klebrig waren wie Schmierseife; im Sommer lagerte vor seinem grauen Tor der beständige Schatten einer Taxusallee, die zur ehemaligen Kapelle führte.
Zu Lebzeiten der Eltern wollte der ältere der beiden Brüder, Adriaen, fortziehen, um Priester zu werden. Er besaß einen nüchternen und zielbewußten Willen, dabei war er von schnüfflerischer und strenger Frömmigkeit. Eine Befürchtung aber hatte ihn zurückgehalten: der jüngere würde sich den Vater langsam erobert haben, Tag um Tag, Stunde für Stunde, und hätte schließlich ihn verdrängt, ihn, der unbedingt der zukünftige Besitzer sein wollte. Saft war übrigens ein Fels von Eigensinn. Wenn er so dastand, schien er an die Erde festgenagelt. Seine Augen? Waren sie nicht stumpf wie Holz!
Nach dem Leichenbegängnis des Vaters, als sie sich zum erstenmal allein zu Tische setzten, machte Adriaen, der den Platz des Verstorbenen eingenommen hatte, das Zeichen des Kreuzes und sagte das Vaterunser; Saft fügte das Ave-Maria hinzu. Dann sprachen sie nichts mehr. Nach beendeter Mahlzeit enteilte Adriaen zum Mesner. Saft, einen Korb auf der Schulter, begab sich in den Gemüsegarten, den sie an der Landstraße besaßen. Sie änderten in keiner Weise ihre eintönigen Gewohnheiten. Zu gleich früher Stunde ging ein jeder von ihnen auf verschiedenen Wegen zur Kirche. Gesondert kamen sie zurück. Zu Mittag setzten sie sich stumm und einsilbig an den selben Tisch, dann trennten sie sich, erleichtert, nicht mehr zusammen sein zu müssen.
In Safts Garten sprossen Pflanzen und Früchte willkürlich durcheinander, obwohl er, den Sonntag ausgenommen, all seine Nachmittagsstunden dort verbrachte. Das Grundstück war breit und von wilden Hecken umzäunt. Zuweilen sah man den Kopf des riesigen und ungeschlachten Gärtners aus einem Bündel trockenen Laubes auftauchen, das er auf seine Schultern geladen und quer auf den Weg trug, um damit eine rote und riesige Glut zu entfachen. Wenn er mit der Schaufel hantierte, machte es den Eindruck, als wollte er totschlagen oder begraben. In der Nähe des Düngerhaufens hatte er einen Verschlag eingerichtet. Auf den Brettern reihte sich ehrsam eine ganze Familie von Zwiebeln und Linsen. Unter einer Falltüre verbarg er Wacholderschnaps, den er gelegentlich von Schmugglern kaufte. Dies war sein Laster: sich hier fern von allen im Versteck zu betrinken. Sobald die Sonne untergegangen war, strich er durchs Land. Er hieb längs der Wege die jungen Bäume ab, riß Bretter aus den Stegen. Eines Nachts warf er einen ganzen Haufen Tollkirschen in einen Ziehbrunnen.
Adriaen lehrte die Chorknaben Hymnen und Psalmen. Seine steifen Finger bearbeiteten das alte Klavier der Pfarre. Er zwang sie, die hohen Noten so lang anzuhalten, bis ihnen der Atem verging. Oh! Qual und Krampf aus den Kehlen der kleinen Jungen zu pressen! Er peinigte sie im Namen der Heiligen und der Jungfrau bis zu dem Augenblick, wo er sie zur Belohnung mit unsanften Liebkosungen berührte. Sein schiefklaffender Mund und seine gelben viereckigen Zähne flößten Furcht ein.
Manches Mal begab er sich ans Ende des Dorfes zu einer widerlichen, eigensinnigen Betschwester, deren Reize vorsündflutlich waren und die er mit seinem Liebeseifer belästigte. Er hatte ihr eine Verkaufsbude für Wallfahrtsandenken eingerichtet. In Gesellschaft der kleinen Heiligen aus bemaltem Biskuit besprachen sie nebeneinander sitzend ihre Andachtsübungen, bis der Abend hereinbrach. Ihre Abschiedsbezeugungen im Dunkeln erschienen ungeheuerlich.
Eines Tages kehrte Saft zu Mittag nicht heim. Adriaen kam allein nach Hause. Sie nahmen die Gewohnheit an, einander während der Mahlzeiten zu fliehen und jeder für sich Küche zu führen.
Die alte Mie Bergman regte sich darüber nicht wenig auf. Adriaen gebrauchte die Ausrede, andere Gerichte zu lieben.
Bald vermieden sie auch, einander im Flur zu begegnen. Sie belauerten, bewachten einander hinter den Türen. Bevor sie ausgingen, wartete der eine, bis der andere verschwunden war. Sie richteten sich zwei Speisekammern ein. Saft hinterlegte in einem gemeinsamen Kasten die Gemüse, Adriaen das Pökelfleisch. Danach nahm jeder seinen Teil und versteckte ihn.
Eines Abends kollerte Saft, als er im trunkenen Zustand heimkam, in den Schlamm der Schelde. Er geriet so tief hinein, daß die Fischer, die nachts auswärts waren, zu seiner Hilfe herbeiruderten. Man zog ihn, völlig mit Lehm überkrustet, die Hände beschmutzt, den Mund voll Schlamm, heraus. Beinahe wäre er erstickt.
Adriaen wurde benachrichtigt. Er beschloß einzugreifen. Aber das Schweigen zwischen ihnen, und sei es auch nur durch ein Schimpfwort, zu brechen, hätte einen Sieg für seinen Bruder bedeutet. Sie hatten außerdem zwischen sich so große Flächen des Schweigens gebreitet, daß, wenn sie sich so von einem Ende zum anderen herüber beschimpft hätten, ihre Worte nicht hinübergedrungen wären.
Als Mie Bergman am Sonntag kam, das Kupfer zu putzen, übergab ihr Adriaen ein Schriftstück, sie möge es Saft in den Garten hintragen. Saft las es mit zusammengepreßten Lippen. Er wurde wütend, fluchte, wollte zu seinem Bruder stürzen, ihn erwürgen und ihm gleichzeitig seinen Zorn ins Gesicht speien. Plötzlich hielt er inne: auch er wollte nicht derjenige sein, der die harten Wände von Eis und Stahl zwischen ihnen zerbrach. Er steckte den Brief zu sich. Er würde schriftlich antworten.
So schrieben sie einander Monate hindurch ihren Groll und Zorn, jeder die Worte suchend, die schließlich am sichersten die Geduld und den Starrsinn des anderen brechen würden.
Auch Adriaen ward mit Schande gezeichnet. Die Reliquienverkäuferin warf ihn hinaus, hetzte die Leute auf, bezichtigte ihn der Unverschämtheit, schrie ihm am hellichten Tage ihre Verachtung durch das Fenster nach. Man vertraute die Chorknaben dem Mesner an. Im Dorf begann man sich zu entrüsten. Die Briefe Safts wurden immer verächtlicher. Als Adriaen einen von ihnen öffnete, wurden seine Finger übelriechend von der Unreinlichkeit, die er enthielt.
Mie Bergman beobachtete die beiden erschreckt. Unendlich lange Nachmittage hindurch hatte sich Adriaen aufs Holzspalten verlegt. Nach einer bestimmten Methode arbeitete er düster vor sich hin. Wenn die Dienerin vorbeikam, sah er sie mit so kaltem, scharfem Blicke an, daß sie -- die einzige Seele auf Erden, die ihn noch ein wenig liebhatte -- plötzlich ein Schrecken durchfuhr, er könne ihr, lediglich aus Grausamkeit, die armen alten Arbeiterinnenhände abhacken. Abends, bei Kerzenschein am Herde sitzend, gedachte sie der glanzvollen Vergangenheit des Gasthauses »Zum sanften Tod«. Kaum fünfzehnjährig war sie da eingetreten. Vier Mägde füllten die Küche; sie salzten Würste und Speck, sie schnitten belegte Brote für ein Heer von Pilgern. Damals lebte die Mutter Gottes blumengeschmückt in ihrer silbernen Nische. Ihr Mantel war mit der Geschichte des heiligen Amandus und des heiligen Georg bestickt. In einem Jahr heimste damals Adriaens und Safts Vater tausend Taler und dreihundert Brabanter ein. Sie hatte sie eines Abends wie goldene Makronen auf dem Tische aufgereiht gesehen.
War es möglich, o Gott, daß jetzt sie allein und nur einmal in der Woche in dem alten Herd das Feuer entzündete? An den Wänden der Küche schimmelten feuchte Flecke. Leer gähnten die Kästen. Die Steinfliesen hoben sich und borsten. Die Löcher der zerbrochenen Fensterscheiben waren mit firnisbestrichenem Papier verstopft, das den Wind einließ. Und im riesigen, ausgestorbenen Hause irrten Adriaen und Saft, die Herren, wie zwei wütende Hunde umher.
Eines Sonntags stellten die altgewohnten Gäste des »Sanften Tod« ihr Kommen ein. Sie ließen ihre Pfeifen abholen. Das Kupfer der Geräte wurde matt, und die Pendeluhr tickte fortan nur für die verlassenen einfarbig weißen Mauern. Der letzte Zwang, der sie genötigt hatte einander gegenüber zu sitzen, war nun den beiden Brüdern erspart.
Es kam so weit, daß sie das Geräusch, das der andere im Hause verursachte, haßten. Wenn Adriaen sein Holz spaltete, begann Saft, nur um den Lärm der Hacke zu übertönen, Nägel in die Wände zu schlagen. Es regte sie auf, ihre Schritte, ihr Husten zu hören, ihre Anwesenheit, die sich bald da, bald dort regte, zu fühlen, besonders des Nachts, wenn sie in den benachbarten Zimmern schnarchten. Der eine floh auf den Dachboden, der andere in den Keller, um dort zu schlafen.
Eines Morgens vergaß Adriaen die Läden zu öffnen. Als Saft ausging, dachte er: So wird das Haus sich ausnehmen, wenn Adriaen nicht mehr darin sein wird. Adriaen hatte, als er heimkehrte, denselben Gedanken in bezug auf seinen Bruder.
Die alte Mie Bergman wurde krank und kauerte in einem Lehnstuhl. Nun wurden sie gewahr, daß sie allein noch die Reste ihrer Wirtschaft zusammenhielt. Ihr Haß verlor den Zuschauer, seinen notwendigen Zeugen. Sie mußten miteinander sprechen oder einander töten.
Saft mengte dem Gemüse einige Schierlingblätter bei; Adriaen verbarg am Grunde des Zuckerstreuers Arsenik.
Dies geschah am selben Tage, zur selben Mahlzeit. Dann, irgendwie ihr gegenseitiges Verbrechen ahnend, und dennoch hartnäckig in ihrem endgültigen Schweigen verharrend, zog jeder von ihnen sich zurück, um zu verrecken, der eine oben, der andere unten in den entgegengesetzten Enden des Gasthauses »Zum sanften Tod«.
IM DORFE
IN nächtlicher Stille schlug um Mitternacht ein Blitz so entsetzlich ein, daß man hätte schwören können, er bräche das Dorf entzwei. Jeder hielt sein Dach für durchbrochen. An den Fenstern erschienen Köpfe. Gust Laer, der Schreiner, und Thys Blokkar, der Sesselflechter, sahen als erste den Feuerschein am Gipfel des Kirchturms. Lange blieb das ihr Stolz.
Der Glöckner drang barfuß, im Hemde, in die Kirche ein. Er kletterte, in beiden Händen zwei riesige Eimer, die Steintreppe hinauf. Als er am Flur des Glockengestühls angelangt war, konnte er im Dunkel die ansteigenden Leitern nicht finden. Sein ganzes Leben war er auf halbem Wege stehen geblieben. Der Totengräber folgte ihm. Er warf die Eimer um. Sie stritten im Dunkel. Plötzlich vereinte sie die Furcht vor der Feuersbrunst, die über ihnen lohte und die sie allein nicht sehen konnten, zur Flucht. Sie kollerten herab und verrammten dabei den Heraufkommenden den Weg.
Auf dem Friedhof sammelte sich das Volk an. Man zertrat die Hügel, stieß Kreuze um. Ganze Familien kamen längs der Straßen dahergelaufen: Frauen, ihre Kinder in die Arme gepreßt, Männer mit geschwungenen Mistgabeln und Schaufeln, als wollten sie das Tier, das sich da oben bewegte, töten.
Man rollte leere Fässer zum Flusse, aber das Wasser war zu weit entfernt, die Flut niedrig. Die Fischer gebärdeten sich schier verzweifelt, indes der Lehrer auf der Schwelle der Sakristei in aller Ruhe das Wesen des Blitzes zu erklären suchte.
Der Kirchturm? Der stammte aus undenklichen Zeiten her. Niemand hatte ihn bauen sehen. Die östlichen Regen hatten ihn mit feinem Moos bedeckt, das grünem Reif ähnelte. Seine vier Zifferblätter strahlten in ihrer Rundung, unverwüstlich schienen seine Grundsteine. Der Blitz, der ihn traf, beging gewiß Gottesfrevel.
»Man eile um Hilfe nach Tamise und Termonde«, schrie der Bürgermeister. Und der Totengräber begann, als die Glocken noch lebendig waren, die Sturmglocke zu läuten.
Die Klänge schwebten davon, die armen atemlosen Klänge, mit Hü und Ho, ewig gleich in ihren Tönen; jeder hatte sie seit seiner Kindheit her gehört, und manchen bedeuteten sie alle Musik, die sie kannten. Das Feuer aber strebte teilnahmslos abwärts. Der ganze Schieferpanzer splitterte ab und zerstreute sich in die Ferne, wie ein Schwarm roter Schnepfen. Mächtige Stücke der Pfeiler und des Gebälks gaben nach. Krähen entflohen mit lautem, wildem Schreien. Eulen, blind im Licht, fielen mit versengten Flügeln in die Flammen zurück. Seit langem schon war der goldene Hahn des Gipfels geschmolzen.
Zwei riesige Pferde, die unsanft geweckt worden waren, durchquerten, von zwei festen Burschen geritten, wiehernd die Menge. Es waren die Alarmboten, die nach den Städten ritten, wo Hilfe zu erhoffen war.
Vergebens suchte man den Priester; der Schullehrer dachte, er stünde dort neben dem Bürgermeister; der Glöckner glaubte, ihn mit dem Schullehrer sprechend gesehen zu haben, und der Bürgermeister, mit dem Glöckner. Welche Hilfe hätte er übrigens bringen können, da auch seine Vernunft vom Feuer ergriffen schien?
Der Schmied und der Zimmermann waren auf das Dach der Kirche gestiegen. Man reichte ihnen an Leitern das Wasser hinauf. Um nur ja nicht unnütz zu erscheinen, warfen sie es von weitem auf gut Glück gegen die Flammen, die zuweilen erreicht wurden.
Frauen, nur halb bekleidet, Buben und Greise bildeten die Kette. Man füllte die Eimer in faulenden Zisternen, in schlammigen Teichen, ja selbst in der Jauche der Düngergruben. Und all dies ging von Hand zu Hand zum Turm hinauf.
Die Glut höhlte sich trichterförmig. Die Zeiger des Zifferblattes waren stehen geblieben. Jemand schrie: Die Glocken werden fallen! Eine Minute wahnwitziger Angst setzte ein. Krachend mit Stoß und Prall, im Sprung sich aufbäumend, erfolgte der erste Sturz. Sie lag schon auf der Erde, da man meinte, sie hänge noch. Ein riesiges Loch gähnte und spie Staub aus. Einige näherten sich. Die zweite Glocke sauste eben herab und tötete sie.
Nun gab es Weinen und Schreien. Alle wollten die beiden Glocken und die Menschen sehen, die nur noch ein einziger Leichenhaufen waren. Man mußte die Menge mit Faustschlägen zurückdrängen: die Kirche selbst war ja bedroht.
Steile, heftige Flammen rissen sich wie schrille Schreie vom Turm empor. Sie stoben hin wie Haare aus Glut, wie Fetzen von Blut. Zuweilen flammte es jenseits des Flusses auf, und entfernte Bäume ragten plötzlich rot empor. Es war ein beständiges Schnauben, ein fliegendes, springendes Rasen zum Himmel auf.
Man mußte den Pfarrer suchen, daß er die Hostien und Reliquien rette. Man lief ins Pfarrhaus. Die Tür war verschlossen. Alles schien still darin; nur ein erhelltes Fenster bezeugte, daß man wach war.
»Der Herr Pfarrer betet und will allein bleiben«, antwortete die Magd.
Der Bürgermeister und der Schullehrer trauten ihren Ohren nicht und sahen einander achselzuckend an. Einige murrten und wollten mit Gewalt eindringen. Sie wagten es nicht. Der Schmied und der Zimmermann hatten das Dach verlassen, überzeugt, daß die Scheidewand, die den Turm von der Kirche und ihrem Schiff trennte, gleichfalls in Brand geraten würde. Schon züngelte das Feuer mit seinen tausend Flammenzungen an der Wand empor, und die Balken knisterten.
Plötzlich aber erfolgte ein völliger Zusammenbruch. Aus dem ausgehöhlten Turm stieg eine fette, träge Rauchsäule auf, man sah die Mauern glühen, die Wände und ganze Stücke Mauerwerks, eines nach dem andern, in die Glut stürzen. Der Glockenturm war dahin. Gegen Osten stieg der Tag auf.
Erst jetzt erblickte man das ganze Elend dieses Schauspiels. Das Dorf sah aus, als wenn es geplündert worden wäre: die Häuser standen da mit offenen Türen und Fenstern, verwüstet, in Unordnung, stumm in ihrer Verlassenheit; auf dem Friedhof war der Rasen zerstampft, die Gitter und Kreuze zerbrochen, als wäre Leichenschändung begangen worden; Holzeimer, Kübel und Fässer waren in Haufen durcheinandergeworfen, und längs der Wege konnte man die Spuren der Abfälle und des Kots erblicken, mit denen man die Feuersbrunst zu löschen gehofft hatte.
Endlich sah man auf der Landstraße die erwartete Hilfe auftauchen, das galoppierende Gespann, die Kupferpumpen, die Helme und die Hacken.
DER JAHRMARKT ZU OPDORP
ALLJÄHRLICH im Juni findet in dem kleinen Dorfe Opdorp, dicht an der Grenze von Flandern und Brabant, ein berühmter Jahrmarkt von bunt und heiter aufgeputzten Pferden statt. Um ein weites, rasengeschmücktes und von Ulmen, Eschen und Weiden geziertes Viereck reihen sich die Häuser -- ihre Mauern gleichen weißen Röcken, ihre Dächer roten Kappen --, und sie bewachen einander mit den frisch gewaschenen und sauberen Augen ihrer Fenster. Am Ende steht die Kirche mit dem Turm und seinem goldstrahlenden Hahn; um sie der armselige, ungezäunte Friedhof.
Das Dörfchen ist still, traurig, unscheinbar. Die Arbeit geht dort in Regelmäßigkeit, ohne Eile, mit langsamen Händen vor sich, als wollte man, ohne je es zu verwirren, das nützliche und kostbare Gewebe der Zeit abhaspeln.
An Werktagen entströmt den Kellern ein Duft von Butter und Milch. Langsam hinziehende Kuhherden kommen des Abends von der Tränke und den Wiesen heim; hinter ihnen pfeift der Kuhhirt sein Lied. Ein Brüllen wird laut, ein Tor knarrt, ehe es sich schließt. Nur der Turm verbreitet mit seinem Geläute des Sonntags ein wenig frommes und wärmeres Leben. Man drängt sich zur Messe, zur Vesper, zum Schlußgebet. Vom Montag an wird alles Leben wieder still und tritt in seine geregelte und eintönige Ordnung.
Der Jahrmarkt von Opdorp aber ist berühmt. Da finden sich beim ersten Morgengrauen die linkischen Füllen ein, die neben ihren Müttern mit kindlichem Trab daherhüpfen; die ungeheuren Hengste, die von Bauernburschen am Halfter geführt werden; dann Arbeitstiere, eine Art von eigensinnigen und noch kräftigen Dienstboten nach weiß Gott wie viel erbrachten Saaten und Ernten, weiß Gott wie vielen Mühen im weichen, fetten Boden der flandrischen Herbsterde.
Sie ziehen längs der Buden hin, und die Hanswurste erschrecken sie durch ihren Lärm, schlagen sie mit ihren hölzernen Degen auf die Kruppe, schimpfen auf ihre tölpelhafte Art und machen sich über ihre wolligen Schwänze und die durch ihre Zottigkeit noch schwerfälliger aussehenden Hufe lustig, die groß und rund sind wie riesige Schwämme. Zwischen Bauern und Clowns entsteht Streit; die einen bekräftigen ihren Zorn mit Faustschlägen, die andern schütteln flink und lachend ihre Beschimpfungen gleichsam aus dem Ärmel und bekräftigen sie mit einem Nasenstüber. Schreie ertönen, streifen an den Anschlagzetteln vorbei, verlaufen sich in den Gassen und Gäßchen aus Zelttuch und vermengen sich mit dem Wiehern der Pferde, den Hufschlägen, dem Klang des stolpernden Galopps auf dem Pflaster. Sobald die Trompeten und Posaunen und die große Trommel sich hören lassen, wird der Spektakel zur Raserei. Es ist, als ob das ganze Dorf sich in einen riesigen Strauß von Getöse verwandelt hätte, in dem schrille Töne, freche Pfiffe und furchtbare Laute die derben, düsteren und roten Blumen darstellten.
Trotzdem aber finden sich die Leute aus der Umgebung, obwohl es noch jährlich bei diesem Feste sehr übermütig zugeht, immer spärlicher ein. Sie haben ihre guten Gründe.
Seinerzeit sandten die Bischöfe von Gent und Tournay ihre Stallmeister hin, die großen Abteien von Aberbode und Perck trafen dort die Auswahl ihrer Tiere, und hauptsächlich schickte die Leichenbestattung der kleinen Stadt Termonde alle fünf Jahre ihre prunkvollsten Totenwagen, gezogen von vier schwarzen, abgenützten mageren Mähren, die man nach einigen Dienstjahren ersetzen mußte, damit der Pomp der wohlbestallten Leichenbegängnisse keine Kritik zu fürchten habe.
Sobald die Ankunft des Wagens angezeigt war, bestiegen die Hanswurste wieder die Bühne und überboten sich in närrischen Reden. Vier vergoldete Skelette hingen zur Seite des Gefährtes, ein Clown kniff sie ins Kinn, ein anderer steckte Blumen in ihre Knochenhöhlen. Die Musikanten bliesen mit geschwollenen Backen heftige Trauermärsche, aufgeregte Affen verrenkten sich in Sprüngen längs der Budenplanken, und die Schlangenbändigerin, ihre Riesenschlange um den Leib gewunden, packte den Kopf des Tieres und streckte ihn mit offenem Rachen dem nahenden finsteren Gefährt entgegen.
Das Gespann fuhr langsam an dem zynischen und grotesken Mummenschanz vorbei, streifte mit seinen Federbüschen und schwarzen Behängen den gemeinen, grellen Aufputz, die kreuz und quer aufgeklebten Anschlagzettel und die gehißten Fahnen und Wimpel. Der Wagen war voll nichtsnutziger Gassenjungen und -mädchen, die auf den Brettern, die sonst zum Tragen der Särge dienten, herumtanzten und sich hin und her stießen. Neben dem Glockenturm hatten sich ein oder zwei Küster aufgestellt. Und damit der Frevel vollständig sei, brannten düster und zwecklos die Lichter der vier Laternen.
Der Kutscher stellte im Gasthof »Zu den drei Königen« ein. Sobald er ausgespannt hatte, verkaufte er seine Tiere, die den Abdecker schielenden Auges betrachteten. Rasch handelte er andere ein, ohne den Preis besonders zu drücken; die Leichenbestattung von Termonde war reich.
Und kaum war die Wirtin bezahlt, das Glas in Eile geleert, die Harnische und das Sattelzeug gebürstet, die Riemen verkürzt oder verlängert . . . je nach dem Maß der neuen und diesmal munteren Rosse, setzte sich das verjüngte Gespann mit den Kirchenvorstehern und Gassenjungen, die auf den Sitzen und Brettern thronten, wieder in Bewegung. Es schlug denselben Weg ein, den es gekommen war, aber diesmal stellten die Jahrmarktsleute, die jetzt vor seinem anständigen Aussehen ernster und fast ehrfurchtsvoll verharrten, alle Possen ein. Ein wenig Staunen, wenn nicht gar ein wenig Furcht, hatte sie ergriffen, und man sah, wie ihre Frauen sich bekreuzten. Der Tod, der des Morgens zerschlagen, hinkend, abgebraucht, zu nichts mehr nütz geschienen hatte, trabte nun, herausgeputzt wie zum Kampfe, wieder munter von dannen.