Führer durch das böhmische Erzgebirge, das Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete
Part 6
=Maria-Kulm= liegt am linken Ufer der Eger, auf einem der südlichsten Ausläufer des Erzgebirges. Nur 3 Weges-Stunden von Eger entfernt, erhebt sich der Berg wie zu einer natürlichen Veste, welche schirmend über den grössten Theil des lieblichen Egerlandes hinwegschaut. Maria Kulm ist ein Marktflecken mit über hundert Häusern, welcher als Wallfahrtsort mit seiner imposanten, weithin sichtbaren Kirche alljährlich zur Sommerszeit von Tausenden von Andächtigen besucht wird. Aus allen Gegenden, aus Böhmen und aus Baiern, strömen Processionen herbei, und die weiten Räume der Kirche und der für das Gnadenbild Mariens eigens erbauten, an die Kirche anstossenden Kapelle vermögen oft, namentlich zur Pfingstzeit, die ungeheuren Massen kaum zu fassen. Die Kirche, von einem grossen Kreuzgange umgeben, ist ein Meisterwerk bizantinischer Baukunst. Zahlreiche Thürme, welche gigantisch zum Himmel streben, zieren den colossalen Bau und das harmonische Geläute[1] ihrer Glocken dringt volltönend, wehmüthig und selig erhebend zugleich fernhin und hinab in's herrliche Thal, das im reichen Segensgewande an den Fuss des Berges sich anschmiegt.
[1] Als Ferdinand II. am Fusse des Kulmer Berges sein Heer ordnete und von der Höhe herab den Klang der Glocken vernahm, soll er ausgerufen haben: »Jede freie deutsche Reichsstadt könnte stolz sein, ein solches Geläute zu besitzen.« -- In die Glocken sind zahlreiche Namen von Wallfahrern und Reisenden eingegraben.
Mehrere Sagen gehen über den Ort. Abgesehen von der Sage (zu haben bei dem dortigen Messner Ferd. Ehmer) über das wunderthätige Gnadenbild Mariens erzählt man sich auch noch von Räubern, die in grauen Zeiten in der Umgebung gehaust. (Gleichfalls bei Ferd. Ehmer zu haben.) Die Sage von den »Räubern auf Maria Kulm« ist ja übrigens auch dramatisirt worden als »vaterländisches Ritterschauspiel«. Dasselbe, ehedem auch auf grösseren Bühnen aufgeführt, wird gegenwärtig nur noch von herumziehenden Schauspieltruppen in jener Gegend zur Belustigung der »Räuber-Epigonen« aufgeführt. Eine Scene aus diesem vaterländischen Ritterschauspiel ist auch aufgenommen in das Decorationsspiel »Tausend und eine Nacht«! Der »Kulmer Berg« war der Zufluchtsort dieser höllischen Brüder. Von der »grossen Glocke« mit den reinen Tönen erzählt man, dass sie, so wie sie ist, auf einer nahen Hutweide von -- Schweinen ausgewühlt worden sei.
Herrlich ist die Aussicht, welche man vom Kulmer Berge und namentlich vom Thurme aus geniesst, der nach allen vier Weltgegenden den Ausblick ermöglicht. Auf der einen Seite erscheint dem nach Westen gewandten Blicke, über das schöne Egerthal hinweg, mit dem schwarzen Fichtelgebirge im Hintergrunde (von den Egerländern kurzweg »d'Stod« d. i. die Stadt genannt), die Stadt Eger, welche mit ihren finsteren, altersgrauen Thürmen den Mittelpunkt des Egerlandes bildet, während zur Rechten der schwarze Wall des Erzgebirges als Grenzdamm Böhmens gegen Sachsen hin nebelfarbig sich hinzieht, und zur Linken das reich bewaldete Tepler Gebirge und die hohen Rücken des Kaiser-Waldes romantisch sich abheben. Auf der anderen Seite reicht des Beschauers nach Osten gewandter Blick weithin durch das gleichfalls von Bergen umschlossene, sogenannte »Unterland«, das Falkenau zum Mittelpunkte hat. Und in dunkler Ferne erscheinen im Hintergrunde, den Abschluss des Gesichtskreises bildend, die hohen Kämme, aus deren Schoosse die weltberühmten Thermen Karls IV. hervorquellen. (An klaren Tagen kann man auch von dem als Ausflugsort Karlsbads bekannten »Aberge« die Thürme der Maria Kulmer Kirche noch genau unterscheiden.)
Am Südfusse des Berges führt zum grossen Theile dem linken Egerufer entlang die Buštěhrader Eisenbahn aus der Richtung von Karlsbad nach Eger. Von zwei Stationen aus kann man Maria Kulm erreichen, beide Stationen sind ungefähr ½ Stunde von der Höhe entfernt. Der für Fussgänger bequemere Weg führt von der Station Dassnitz aus den Berg hinauf, beschwerlicher hingegen ist der Aufstieg von der Station Königsberg-Maria Kulm. (Name der am rechten Egerufer, Maria Kulm gegenüberliegenden Stadt. Diese Station enthält auch eine grössere Restauration, die wir auf der ersteren Station ganz vermissen). Will man von letzterer Station mittelst Fahrgelegenheit den Berg erreichen, muss man einen kleinen Umweg auf der längs des Westfusses des Berges nach Katzengrün (Dorf mit einem prächtigen Schlosse, das in der Sage von den »Kulmer Räubern« vielfach genannt wird; auch befindet sich hier ein zum Schlosse gehöriges grösseres Bräuhaus) hinführenden Chaussee machen, von welchem Orte aus eine breit angelegte, überdiess von einer für Fussgänger bestimmten Allee begleitete Strasse nach Maria Kulm hinauf führt. Ausserdem führen noch auf der dem Erzgebirge zugewendeten Seite mehrere Strassen den Berg hinauf, unter welchen diejenige die bedeutendste ist, welche Maria Kulm mit Falkenau verbindet. Hier vereint sich alles, um dem Besucher des Ortes den Aufenthalt so angenehm als nur möglich zu machen. Und wer immer, auch nur einmal, selbst wenige Stunden auf des Kulmer Berges luftiger Höhe verlebt, der wird die verbrachten Stunden sicherlich nicht zu den verlorenen seines Lebens zählen, er wird immer wieder sich zurücksehnen oder wenigstens in froher Erinnerung und voll innerer Befriedigung denken der segensvollen, von alten Sagen geheimnisvoll umrauschten Stätte. (Entweder retour mit der Bahn nach Franzensbad oder Fortsetzung der Tour mit der Bahn oder zu Fuss (herrliche Wanderung auf der durch Waldungen führenden Kaiserstrasse) nach Falkenau -- siehe dieses).
Franzensbad-Schönbach.
=Schönbach= nord-nordöstlich von Franzensbad gelegen.
=Gasthof=: Meyer's, Sander's Gasthof, Herrenhaus.
=Postverbindung= über Gossengrün mit Bahnstation Hartenberg und über Wildstein mit Bahnhof Voitersreuth.
=Musikschule=, die Vorzügliches leistet und auf die Hebung der Musikinstrumentenfabrikation von grösstem Einflusse ist.
=Schönbach= verdankt seine Entstehung dem Bergbau und wurde die erste Besiedelung des Sconenbaches, eines klaren Trinkwassers, mit Erbauung eines Wartthurmes ausgeführt. Dieser Wartthurm, gebaut (ein Lug in's Land) an der Grenze Böhmens, welcher durch Anbau der Kirche im J. 1188 zum Kirchthurm umgeschaffen wurde, zeigt noch heute im Innern den Charakter deutscher Wartburgen. Beachtenswerth ist das gute Altarblatt, den gekreuzigten Erlöser darstellend.
Die Stadt ist heute einer der gewerbthätigsten Orte des böhmischen Nordwestens, Haupterzeugungsplatz für Saitenmusikinstrumente, besonders Violinen. Dieser Industriezweig, welcher heute mehr als dreiviertel der Bevölkerung beschäftigt, gelangte die letzten 25 Jahre hier zu früher nie geahnter Entwicklung, und es dürfte diese Hausindustrie jeden Fremden lebhaft interessiren.
Schönbach ist im streng geografischen Sinne der Scheidepunkt zwischen dem Erz- und Fichtelgebirge; denn westlich sehen wir die als Elstergebirge benannten letzten Ausläufer des Fichtelgebirges, während im Osten das Erzgebirge aufzusteigen beginnt; es ist auch zugleich die Scheidegrenze des egerländer und des sächsischen Dialekts. Die Stadt zeigt noch vielfach ihren alterthümlichen Charakter und hatte früher Mauern, von denen heute jedoch wenige Spuren mehr aufzudecken sind. Als Merkwürdigkeit aus alter Zeit gelten die Mauerreste der gräflich Schlick'schen Schlossgebäude, heute nur noch im Hause NC. 140 vorhanden, während dieselben den Raum umfassten, wo jetzt die Häuser NC. 139, 140, 141 stehen; Nr. 139 soll die Münzstätte gewesen sein. Bei der Pfarrkirche ist ein in Stein gehauenes Schlick'sches Wappen eingemauert.
=Ausflüge=: Zum »_*hohen Stein_«. Derselbe hat eine Höhe von 767 m über der See, liegt noch auf böhmischer Seite und gehört zu den wunderlichsten Felsbildungen nicht bloss des Vogtlandes, sondern des gesammten Erzgebirges. Während diese Thonschiefergebilde auf dem bewaldeten Höhenrücken von der Ferne den Ruinen einer mächtigen Burg oder Bergfeste gleichen, nehmen die einzelnen Theile in der Nähe bestimmte Gestalten an, und die Phantasie hat leichtes Spiel, diesen passende Namen zu geben: das Schiff, das Gesicht (eine höchst charakteristische Figur), der Schnabel, das Thor (zwei sehr nahe stehende Felsen, die das Ansehen zweier Thorpfeiler haben). Der höchste Punkt des Felsens ist durch eine Stange bezeichnet; nach dem alten Markstein zu urtheilen, der auf der einen Seite die Inschrift trägt: »Regn. Imp. Franc. Pr.«, auf der anderen: »Oper. Astr. Trigo. 1808« muss der hohe Stein Vermessungsstation gewesen sein.
Die Aussicht ist eine vortreffliche, nur wird sie durch den Umstand beeinträchtigt, dass der hohe Stein nicht unmittelbar zum Egerthale abfällt, wie diess beispielsweise bei dem Kapellenberg der Fall ist. Hinter den nahen böhmischen Dörfern _Ursprung_, _Stein_ und _Kirchberg_ erheben sich die steilen Höhen der böhmischen Terrasse und weiter nach Süden zu öffnet sich das gesegnete Egerland mit seinen zahlreichen Ortschaften, Kirchen und Kapellen. Gegen Südwesten und Westen schliessen die Berge des Fichtelgebirges den Horizont ab; vorzüglich präsentirt sich der Kapellenberg. Nach Nordwesten zu sehen wir einen grossen Theil des Vogtlandes, in geringer Entfernung _Landwüst_ und _Wernitzgrün_, in nächster Nähe aber _Cubabrunn_ mit Rittergut, tief unten _Markneukirchen_, _Siebenbrunn_ und _Adorf_ und zu unseren Füssen _Erlbach_.
An der Ostseite des Felsens, wo Steine gebrochen werden, ist eine »fliegende Restauration.«
Werfen wir vor unserem Abstieg nach Erlbach nochmals einen Blick auf die interessante Landschaft, die lebhaft an das Hochgebirge erinnert, namentlich auf die interessanten Felszacken und auf die in einsam stiller Höhe errichtete Gebetsstätte (Kapelle), so kann sich das empfängliche Gemüth eines tiefen Eindruckes nicht erwehren, und wir finden es begreiflich, dass die Phantasie des Volkes mächtig angeregt wurde und verschiedene Sagen der wunderlichsten Art bildete. Neben den Sagen von einer verwünschten und versunkenen Ritterburg, von Gespenster- und Spukgestalten sind es namentlich solche von unterirdischen Schätzen, mit denen das arme Volk sich über die Mühsale des Lebens hinwegträumt. Von Erlbach gehen wir nach _Markneukirchen_ (1 St. siehe Besuch des Erzgebirges von Falkenau aus), fahren dann mit der Bahn nach Adorf und zurück über Elster, Voitersreuth nach Franzensbad.
Nennenswerth ist eine zweite Tour in das _romantische_ Leibitschthal, von Schönbach nach Leibitschgrund (1 St.), wo sich eine aufstrebende Spinnfabrik in schöner Waldgegend befindet. Weiter im Leibitschthale kommt _Glashütte_ mit Hohlglaserzeugung und Leopoldshammer. Von dort rechts ab, die Strasse meidend, gelangen wir längs des Leibitschbaches in ein schönes Waldthal, dessen südlicher Punkt Nonnengrün ist. Die Waldthalschänken bieten frisches Bier. (Retour-Weg nach Schönbach.)
Franzensbad-Asch
(mit der Bahn).
=Asch=: =Gasthöfe=: zur Post, zum goldenen Adler; als Belustigungsort gilt das =Schiesshaus=.
=Post-Telegrafenamt=; =k. k. Bezirkshauptmannschaft=; =Eisenbahnverbindung= nach Franzensbad und über Oberkotzau: 1. nach Hof, Plauen; 2. nach Neuenmarkt, Bamberg; 3. Neuenmarkt, Baireuth.
Die Stadt liegt 637 m über dem Meeresspiegel und hat über 10.000 Einwohner. Asch ist zu beiden Seiten des Aschbaches gebaut und Hauptort des 2·5 Quad.-Meil. oder 3·16 Quad.-Myriameter grossen Bezirkes mit 27.911 (1870 Volkszählung) meist protestantischen Einwohnern. Hauptbeschäftigung ist die Weberei. Im ganzen Bezirke mit dem Mittelpunkte Asch herrscht ein reges, industrielles Leben. Die protestantische und katholische Kirche sehenswerth.
»Alle urkundlichen Nachweise über Geschichte und frühere Zustände des Ortes Asch und Umgebung sind zufolge der Brände 1683 und 1814 verloren gegangen.«
Die bis in die neueste Zeit erhalten gewesene Sonderstellung des Bezirkes, der übrigens zu wiederholten Malen Bestandtheil des Vogtlandes war, datirt vom J. 1331, als nämlich der damalige Besitzer Albert von Neydberg sein Besitzthum dem Könige Johann von Böhmen zu Lehen antrug; der Lehensherr bestimmte, dass Asch für immer der Entrichtung von Steuern entbunden sein solle und somit auch durch kein Majestätsgebot zur Steuerzahlung verhalten werden könne.
Auffallend ist es jedenfalls, dass die Bewohner dieses nordwestlichen Theiles von Böhmen bei dem protestantischen Glauben belassen wurden. Mit der Einführung der Reformation in Sachsen fand nämlich diese auch im Gebiete von Asch Eingang. Wohl wurden die Bewohner bei Durchführung der Gegenreformation in Böhmen durch Ferdinand den II. bedrängt, aber zufolge des kräftigen Schutzes, den der Markgraf Albrecht von Brandenburg-Bayreuth, sowie auch der Kurfürst Johann Georg von Sachsen, der damals noch das jus circa sacra des Gebietes ausübte, weil die sächsischen Kurfürsten das Vogtland und die Rechte der Vögte desselben erworben hatten, dem Gebiete angedeihen liessen, wie auch ferner zufolge des zähen Widerstandes der Bevölkerung gegen das Aufdringen des Katholicismus wurde eine Gegenreformation des Gebietes unmöglich. Im J. 1771 wurden durch Cabinetsordre von der Kaiserin Maria Theresia die Rechte und Freiheiten des Gebietes bestätigt.
Franzensbad-*Königswart-Sangerberg-*Marienbad.
(Von Franzensbad mit der Bahn über Eger nach Königswart Stationen: Sandau-Königswart.)
Vom Bahnhofe aus statten wir dem in der Nähe gelegenen _*Schlosse_ und _Parke_ des Fürsten Metternich einen Besuch ab. Die Parkanlagen sind schön, die Museen des Schlosses reichhaltig. Im Parke erblicken wir auf der Strasse gegen Sandau einen schönen Obelisk mit einem ruhenden Löwen. Etwa 20 Minuten vom Schlosse befindet sich auf dem Mailberge gegen Altwasser zu die Wallfahrtskirche zum hl. Kreuz. Wir verweilen mit Vergnügen bei der interessanten _Münz-_, _Waffen-_, _Gemälde-_, _Mineralien-_ und _Geweih-Sammlung_, _Bibliothek_. Wir finden hier historische Raritäten, wie einen _Degen_ Ludwig's XVI., ein _Waschbecken_ Napoleons I., einen _Schreibtisch_ des berühmten österreichischen Staatskanzlers Metternich, einen Ring der Agnes Sorel, das Portrait des Herzogs von Reichsstadt, Locken Lamartine's und Duma's, ein Autograf des dritten Napoleon, eine von diesem selbst verfasste Uebersetzung der Verse Göthe's: »Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer, ach nimmermehr«, u. s. w. Es ist ein Genuss, die Sammlungen zu besichtigen. Die Fauna und Flora der nächsten Umgebung sind da ebenso vollzählig vertreten, wie die Münzen und Banknoten aus aller Herren Ländern. Das Prachtstück der Bibliothek ist ein in rothen Sammt gebundener, 1542 in Venedig auf Pergament gedruckter, reich mit Prachtfarbenbildern ausgestatteter, auf 16.000 Francs geschätzter »_Rasender Roland_.« Ein Curiosum von noch grösserem Werthe ist der erste Chronometer, für welchen Ludwig XVI. 24.000 Francs bezahlt hat.
Als Custos fungirte hier zuerst ein gewisser Huss. Diesen Namen führte eine weitverzweigte Scharfrichter-Familie in Eger und Brüx. Der Brüxer Huss liess seinen Sohn Carl studiren; doch die Söhne der Brüxer Bürger wollten nicht mit ihm auf einer Bank sitzen und wurden sogar von ihrem Lehrer unterstützt. Carl Huss konnte die ihm angethanen Unbilden nicht länger ertragen und sah sich genöthigt, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten. Er assistirte im J. 1776 zum ersten Male bei einer Hinrichtung und fungirte bei einer solchen zwei Jahre später in Teplitz, worauf er behufs weiterer Vervollkommnung nach Dresden ging und nach seiner Rückkehr sein Meisterstück in Eger ablegte. Er übernahm daselbst den Posten nach seinem Oheim, betrieb daneben die Quacksalberei und erwarb sich so viel Vertrauen, dass er oft nach Sachsen und Bayern gerufen wurde. Bis zum J. 1788, wo Kaiser Josef II. die Todesstrafe aufhob, und worauf Huss als Scharfrichter entbehrlich wurde, fing man an, ihn zu verfolgen. Man confiscirte einmal alles, was man bei ihm an Utensilien für die Quacksalberei vorfand, und verbot ihm die Praxis. Er half sich aus der Klemme, indem er die Kranken scheinbar unentgeltlich zu behandeln begann. Huss liess sich als Honorar alte Münzen verabreichen und brachte in einigen Jahren eine Sammlung zusammen, die einen Werth von mehr als zwölftausend Gulden hatte. Dann sammelte er alles, was ihm unter die Hände kam, stopfte Vögel aus und brandmarkte verurtheilte Uebelthäter auf der sogenannten Schandbühne, da er indessen vom Magistrat mit diesem Geschäfte betraut wurde. Jetzt kam er in den Ruf eines wohlhabenden Mannes und practicirte fort. Fremde traten bei ihm zur Besichtigung seiner reichhaltigen Sammlung ein, Gelehrte correspondirten mit ihm und besuchten ihn. Als sogar Göthe einst zu ihm gekommen, stieg sein Ansehen und verbreitete sich dessen Ruf immer mehr. Fürst Metternich leitete eine Unterhandlung durch den Egerer Magistratsrath Grüner wegen Verkaufes der Sammlung mit ihm ein, erwarb sie auch und liess sie im Schlosse Königswart aufstellen. Huss erhielt eine Leibrente von 300 fl. und wurde Custos derselben. Auf diese Weise wurde der Grund zu der reichhaltigen und werthvollen Sammlung im Königswarter Schlosse gelegt. Erwähnung verdient auch die *Schlosskapelle mit ihrem schönen Marmoraltar. Der hiezu verwendete Marmor entstammt der durch den Brand vernichteten Pauluskirche zu Rom und wurde vom Papste Gregor XVI. dem Fürsten Metternich geschenkt. Von da begeben wir uns zu dem etwa 20 Minuten nordöstlich gelegenen Städtchen _Königswart_ am Fusse des Glatzberges.
=Gasthöfe=: »Kaiser von Oesterreich«, »schwarzer Bär«. _Casino_ Fremden zugänglich.
Der junge, aufstrebende Curort
*Königswart
liegt auf der Südwestseite eines weitgestreckten, über 948 m hohen, mit Nadel- und Laubholz leicht bewaldeten Gebirgszuges, des sogenannten Königswarter Gebirges, das sich halbmondförmig fünf Stunden lang von Südost gegen Norden und Nordwest ausdehnt.
=Gasthöfe=: »Hôtel Buberl«, »Hôtel Ott«. Während der Saison: Brunnen-Musik.
=Post- und Telegrafen-Amt.=
=Eisenbahn.=
Um den Curort ziehen sich, zum grossen Theile in schattige Waldpromenaden auslaufende Anlagen; sie sind durchaus mit Geschmack und Geschick arrangirt. Der Ort liegt in einer Höhe, in der Lungenschwindsucht zu den Seltenheiten gehört, ist also auch als klimatischer Curort zu empfehlen. Die 6 Quellen gehören mit Ausnahme der metallfreien _Richards-Quelle_ zur Gruppe der eisenhaltigen Natronsäuerlinge, beziehungsweise zur Unterabtheilung der sog. Stahlquellen, unter welchen sie unmittelbar neben Schwalbach und Pyrmont zu setzen sind. Die Königswarter Quellen liegen 680 m über dem Meeresspiegel der Nordsee, sie sind demnach die höchst gelegenen Stahlquellen nicht bloss in Böhmen, sondern auch in Deutschland, indem sie die von Steben in Oberfranken, welche bisher bei ihrer Höhe von 633 m als die höchsten daselbst angesehen wurden, noch um ein Bedeutendes überragen.
Das Firmament ist in den Sommer- und Herbstmonaten gewöhnlich heiter, Gewitter kommen verhältnissmässig selten und Nebel nur im Spätherbste vor.
_Stahl-_, _Moor-_, _Fichtennadel-_, _Douche-_ und _Dampfbäder_, Eigenthum des Fürsten Metternich. _Curhaus_, von dem aus man die herrlichste Fernsicht geniesst. Man sieht links den Arber und den Osser, rechts bis Eger. Der etwa 3 Stunden entfernte Dillenberg, äusserster Ausläufer des Böhmerwaldes, sei hier wegen seiner Granaten und Egerane erwähnt. Das Curhaus bildet den Ausgangspunct mehrerer, sehr schöner und gut erhaltener, mit Ruhebänken und Wegweisern versehener Spaziergänge, die nach den verschiedensten Richtungen hinführen und allenthalben die schönste Aussicht gewähren. Etwa eine viertel Stunde davon liegt die Ruine _Würschengrün_.
=Königswart-*Sangerberg= (1½ Stunde). In nordöstlicher Richtung von Königswart gelangen wir auf einer guten Strasse nach Bad Sangerberg, das, nur einige hundert Schritte von dem gleichnamigen, durch seinen Hopfenhandel bekannten Städtchen gelegen, sich als das jüngste aller nordwestböhmischen Bäder zu entwickeln beginnt. Dasselbe liegt auf dem Plateau des »_Kaiserwaldes_«, eines von Marienbad bis Schlaggenwald sich erstreckenden, reich bewaldeten Höhenzuges. Ausgiebige Eisensäuerlinge -- salinische Moorlager. -- Elegantes Curhaus mit hübschen Veranden. -- Das Klima des Kurortes ist besonders in den Sommermonaten ein verwaltend mildes und angenehmes, da der Curort in einem von Nord und Ost durch sanft aufsteigende Berge vollkommen gegen rauhere Luftströmungen geschützten Thalkessel liegt. Wegen seiner Gebirgslage, seiner gesunden, reinen, von harziger Waldluft gewürzten Atmosphäre hat Sangerberg auch den Charakter eines klimatischen Gebirgscurortes.
Sangerberg liegt im Gerichtsbezirke Petschau, in der Bezirkshauptmannschaft Karlsbad, und ist Sitz eines Telegrafen- und Postamtes, welch letzteres täglich eine zweimalige Verbindung mit der zwei Stunden entfernten Eisenbahnstation Königswart unterhält.
=Königswart-*Marienbad.= Von Königswart gehen wir dem Thiergarten zu und erreichen vom Parkgitter an nach einem einstündigen Spaziergange auf der sich durch den Thiergarten hinziehenden Hauptstrasse den Curort Marienbad, »das Schmuckkästchen unter den böhmischen Badeorten.«
Marienbad liegt 605 m über der Nordsee in einer von herrlichen Wäldern eingeschlossenen Thalmulde. Die Luft ist hier immer frisch, sauerstoffreich, würzig, daher der Gesundheitszustand im ganzen Orte immer ungemein günstig.
=Gasthöfe=: Hôtel Klinger. -- Englischer Hof. -- Neptun. -- Stadt Hamburg. -- Stadt Weimar. -- Stadt Leipzig. -- Stadt Warschau. -- Hôtel Stern.
Ausser der Stadt: Pensionat »Casino«, herrliche Lage. Für israelitische Badegäste sind die Koscher-Restaurationen: Hôtel Newyork, Delphin, Erhart's Restauration, Blauer Schlüssel.
=Restaurationen und Café's= in der Stadt: Kursaal, Schloss Windsor, Tepler Haus, Stadt München, Café zur Waldschlucht.
=Post- und Telegrafenamt= -- Eisenbahnstation 20 Minuten entfernt. --
=Theater.= Brunnenmusik (Morgens 6 Uhr und Abends 6 Uhr beim Kreuzbrunnen, Mittags 11½ Uhr bei der Waldquelle, Concerte und Tanzreunionen im Cursaal; Zeitungslesecabinet, offener Eintritt gegen Erlag von fl. 2.80 kr. für die Saison. -- 2 Buchhandlungen mit Leihbibliotheken. -- 2 Wochenblätter.
=Quellen=: Kreuzbrunnen und noch intensiver wirkend Ferdinandsbrunnen -- beide sind reich an Natronsalzen (an schwefelsaurem Natron, Chlornatrium und doppelkohlensaurem Natron), dazu Eisengehalt als blutbildender Faktor. Ihnen zunächst steht die Waldquelle. Bei der Rudolphs- und der Wiesenquelle treten kohlensaurer Kalk und kohlensaure Magnesia in den Vordergrund; der Ambrosius- und Carolinenbrunnen zeichnen sich dagegen durch ihren Gehalt an kohlensaurem Eisenoxydul aus. Die _Marienquelle_ ist ein Säuerling. Ausser diesen Quellen gibt es noch mehr als hundert in der Umgegend Marienbads.