Führer durch das böhmische Erzgebirge, das Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete

Part 25

Chapter 253,338 wordsPublic domain

Der innere Weg zeigt die mannigfaltigen, oft untereinander verbundenen Höhlungen und Grotten, wie das Schneiderloch, die Raschhöhle u. s. w. Auch der malerische Hintergrund, wo ein ganzes Feld kleinerer und grösserer Steinmassen sich befindet, wird den Blick des Beschauers fesseln.

Jeder Besucher wird sich durch diese hoch interessanten Felsenformationen befriedigt fühlen, und es ist wohl nicht Recht, dass sich die Touristenliteratur mit ihnen nur wenig beschäftigt oder sie gar nicht erwähnt.

Der Schneeberg (auch hoher Schneeberg genannt) ist die höchste Erhebung des Elbesandsteingebirges, 725 m, er überragt alle Höhen der sogenannten sächsischen Schweiz. Es ist das ein etwa 1 Stunde langer und ¼ breiter Bergrücken, der steil nach Süden abfällt. Es dehnen sich die Wälder hier nach Norden und Westen viele Stunden weit aus. Unweit der guten Restauration hat der Tetschner Graf Thun 1864 einen 104 Fuss hohen festen Aussichtsthurm erbauen lassen, der sich bequem ersteigen lässt. Die Aussicht von hier ist eine solche, dass sie sich den grossartigsten an die Seite stellen kann. Man übersieht im Süden und theilweise im Osten die bedeutendsten Höhen des ganzen Mittelgebirges -- die Hasenburg, den zweispitzigen Lobosch, den Milleschauer, den Kletschen (kleinen Milleschauer), den Biliner Stein, den kleinsten unter dieser Gesellschaft -- Schlossberg, dann näher die Berge jenseits des Eulauthales, den Hut-, Hopfen- (auch Koppen-) und Pfaffenberg. Gegen Nordost tritt scharf hervor der Rosenberg, ferner überblickt man die Berge bei Kamnitz -- den Tannen- und Kaltenberg, dahinter die Tafelfichte bei Friedland. Bei klarer Aussicht in grauer Ferne den Jeschken und die Schneekoppe. Gegen Norden alle Höhen der sächsischen Schweiz und zwar rechts vom Königstein in folgender Ordnung: den Pfaffenstein, den Lilienstein, Gorisch, Papststein, die Kuppelberge und endlich den grossen und kleinen Winterberg. Ausserdem die Nollendorfer Höhe, den Sattel- oder Spitzberg und den Geisinger Berg. Nicht zu vergessen sind die Thürme von Dresden, die sich deutlich erkennen lassen. Man übersieht hier ein an sich schon bunt und wundersam gestaltetes Stück Erde, wie es sich in diesem weiten Umfange nur selten dem Beschauer darbietet. Die Ersteigung ist viel leichter, als man erwarten sollte. Man kann ihn von Tyssa (Ort) in 2½ St. auf der Strasse über den Ort Schneeberg am besten beim Wirthshause zur Vintzin (Bänke vor dem Hause), den man in nordöstlicher Richtung, in den Wald hinein, quer passirt -- der eigentliche Ort liegt südlicher -- dann auf dem mit Ruhe- und Aussichtsbänken versehenen Promenadenwege erreichen.

Von Bodenbach aus geht man entweder über Peiperz (nördlich von der Tetschner Brücke einige Schritte, dann über die Bahn bei dem Badehôtel hinauf) und Kalmswiese (eine Wirthschaft an der Strasse), dann geradeaus fort, dann bei der Wegtheilung im Walde links ab gegen Alt-Biela, aber vor dem Friedhofe wieder links ab, so dass das Dorf rechts bleibt, dann passirt man das Dörfchen Tscheche, auf einer steilen Berghöhe, links unten sieht man Neudorf und die Dux-Bodenbacher Bahnlinien. Nach einigen Minuten betritt man den Hochwald und nun heisst es auf die Kalkstriche achten, die an Bäumen und Steinen zahlreich angebracht sind und bis hinauf führen.

Ein zweiter Weg führt von Bodenbach aus auf der Teplitzer Strasse, rechts geht dann eine Strasse ab vor den ersten Häusern von Niederulgersdorf nach Biela (gegenüber einem Speicher), aber er wendet sich schon bei den letzten Häusern hier links ab und geht bergauf, um durch Tscheche wieder zu den Kalkstrichen in den Wald zu kommen.

Beide Wege führen in 2½ St. hinauf.

Von Eulau (Station der Dux-Bodenbacher B.) führt ebenfalls ein Weg hinauf in 1 St. über den Ort Schneeberg auf einer Fahrstrasse, von hier sind dann etwa ¾ St. zum Thurme.

Von der Schweizermühle in Sachsen führt auch ein Weg in 2 St. hinauf. Und zwar über Rosenthal zur Grenze am Zollhause vorbei geradeaus -- die links abgehende Waldstrasse führt in 3 St. über Kalmswiese und Peiperz nach Bodenbach -- bis zum Gasthaus »zur Vintzin« -- so der Localname --; an demselben geht dann ein Fusssteig links ab hinauf.

Alle diese Wege können selbstverständlich als Rückwege benützt werden.

In einem Tage kann man von Teplitz aus die Tyssaer Wände und den Schneeberg so besuchen, dass man Früh nach Königswalde fährt -- von Eulau Abends Rückfahrt. Von Bodenbach zeitlich aufbrechend, kann man mit Musse den Abendzug von Königswald zur Rückfahrt benutzen.

Wer Zeit hat, kann den sehr empfehlenswerthen Abstecher nach Eiland machen, dieses Dörfchen liegt in einem Kessel, der rings um -- nur nach Norden offen -- von steilen Sandsteinwänden umgeben ist. Man geht dort, wo nach Passirung der Tyssaer Wände der Weg in die Strasse einmündet, links ab und gelangt in ¾ St. in dieses interessant gelegene Dörfchen. Es befindet sich am nordwestlichen Abhange des Schneeberges an der sächsischen Grenze.

Bodenbach.

=Bodenbach.= Von Teplitz auf der Dux-Bodenbacher Bahn in nicht ganz 2 Stunden zu erreichen. Die ganze Fahrt ist landschaftlich sehr interessant. Der Bahnhof 20 Min. ausser der Stadt. Die Stationen sind schon fast alle als Ausgangspunkte interessanter Partien genannt worden. Man setze sich womöglich rechts. Zwischen Kulm und Tellnitz sieht man das österr. und preussische Monument, früher schon hinter Hohenstein das russische. Von Kleinkahn suche man die rechte Seite zu gewinnen. Hier ein Ausblick auf Nollendorf. Hier hört die Steigung der Bahn auf, und es geht abwärts, so dass man keinen Dampf mehr nöthig hat, denn die Seehöhe von Kleinkahn beträgt 431 m, die im Bodenbacher Bahnhofe 132 m.

In Königswald, sowie in Eulau viel Industrie, im letzteren eine Spinnfabrik und Verfertigung von Mühlsteinen. Die letzte Station ist Bünaburg (früher nach einem alten Adelsgeschlechte Bünauburg), ebenfalls reich an verschiedenen Industrien. Der hohe Berg rechts ist der Hutberg, und der letzte rechts, schon gegen das Elbthal abfallend, ist der Pfaffenberg. Beide bestehen wesentlich aus Basalt. Hinter ihnen ist gegen Süden der Koppenberg (auch Hopfenberg) genannt. In geologischer Beziehung ist interessant, dass über dem Alluvium des Elbethales sich eine Strecke Braunkohlenformation befindet, über dieser ist ein Gürtel Kreide und die Kuppe (des Pfaffenberges) ist Basalt. Also vier verschiedene Gebiete auf einer Strecke von wenig mehr als ¼ St. Länge.

Die Fahrt von Eulau bis Bodenbach ist durch den Blick auf das schöne, grüne, steil umrahmte Eulauthal besonders angenehm.

In Bodenbach achte man darauf, nicht auf dem Dux-Bodenbacher Bahnhof auszusteigen. Der Zug fährt eben in den Staatsbahnhof, man ist dann gleich mitten in dem Industrieorte. Ebenso beim Einsteigen. Man bekommt die Karte am südlichen Ende des Staatsbahnhofes, der Zug steht auf dem letzten Schienenstrange gegen die an die Häuser von Bodenbach angrenzende Mauer. Ausserdem ist Bodenbach von Teplitz zu erreichen auf der Aussig-Teplitzer Bahn. Zu achten, dass man in Aussig-Neustadt bei der chemischen Fabrik nicht aussteigt, denn von hier fährt über die Brücke der Omnibuszug zum Bahnhof der Nordwestbahn nach Schreckenstein (früher Aussig -- rechtes Ufer).

Diese Bahn fährt durch das Braunkohlengebiet, daher viele Schächte und Fabriken -- bei Mariaschein eine grosse Cementfabrik. Von Mariaschein bis Karbitz nördlich das Kulmer Schlachtfeld, von hier bis Schönfeld die Bihana, das Locale der Husitenschlacht (16. Juni 1426). Die alterthümliche Laurentiuskapelle nördlich von Nerbitz soll eine Erinnerung an die Schlacht sein. Von hier bis Aussig im Norden der Střisowitzer Berg (340 m hoch). In Türmitz Obstbau, grosse Zuckerfabrik, Schloss des Grafen Nostitz mit einem Park. Die Bielathalbahn -- derselben Actiengesellschaft wie die Aussig-Teplitzer gehörig, zumeist Kohlenverkehr -- zweigt sich hier ab. Hübscher Ausblick in das Bielathal.

Von Aussig empfiehlt es sich, das Dampfschiff zu benützen. (Die Karten sind in Teplitz, Bahnhof, Tabak-Trafik zu bekommen.) Die Fahrt ist eine der schönsten, die überhaupt die Flüsse Europas aufweisen können. Die Fahrt von Leitmeritz über Aussig, Tetschen, Herrenskretschen bis über Pirna zu bis Dresden ist so reich an landschaftlicher Schönheit, dass sie mit den schönsten Rheinpartien verglichen, ja selbst von Kennern ihnen vorgezogen wird. (Siehe Tetschen!)

Bodenbach hat eine prachtvolle Lage und einen hohen Aufschwung genommen, wovon die zahlreichen Villen im Elbthale ein beredtes Zeugniss abgeben, ebenso wie die vielen Industrie-Etablissements: Cichorien- und Chocoladenfabrik, Siderolithwaaren-Fabrik.

Bodenbach -- von Eulau- oder Bodenbache so benannt, früher ein einsamer Meierhof zur Herrschaft Tetschen gehörig -- hat folgende Gasthöfe: das Posthôtel (beim Bahnhof), Stadt Hamburg, Hôtel Frieser, zum Stern, Krone, Engel, Stadt Prag, in Obergrund -- nördlich von der Kettenbrücke am linken Elbeufer, hier zahlreiche und geschmackvolle Villen -- ist noch das Bade-Hôtel zu erwähnen. Restauration Lerchenfeld. Der Ort ist von Sommerfrischlern und Kurgästen (Josefsbad) sehr besucht.

=An Spaziergängen und Ausflügen= ist diese Gegend sehr reich. Um nicht den Rahmen des Buches zu überschreiten, seien sie nur kurz erwähnt. Schöne, mannigfach wechselnde Aussichten und angenehme Spaziergänge in den waldigen Höhen sind ihr Hauptreiz.

1. _Die Brücke_ selbst (2 Kr. Brückengeld).

2. _Die Bohemia_ hinter dem Tetschner Schützenhaus und der Nordwestbahn (¼ St.) einst hier der Galgenberg.

3. _Der Quaderberg_ auf der hier befindlichen Höhle eine fliegende Restauration, rechts von der Bohemia nach dem Promenadenwege bis zur Tafel (½ St.), dieser Weg geht nach Laube und in die Schlucht nach Loosdorf.

4. _Die Leopoldshöhe_ 10 Min. weiter, fort links durch den Wald.

5. _Die Laubenschlucht_, ein tief eingeschnittenes Felsenthal. Auf der Höhe am Rande, von der Leopoldshöhe fort bis zur Tafel, die nach Nr. 3 weist, dann links auf Serpentinen in's Thal bis zu einem Weg, auf diesem dann rechts. Dann am Ende Sandsteintreppen, ein Waldweg, der Ort Loosdorf (Gasthaus Blumentritt's). Auch auf der Allee von Tetschen in 1 St. bergauf zu erreichen.

6. _Die Rosenwände_ (2 St.) oder Rosenkämme. Bei dem Wirthshause in Laube fuhrt der Weg hinauf.

7. _Die Schäferwand_ (½ St.) unmittelbar über Bodenbach, über dem Tunnel der sächsischen Bahn. Zu ersteigen durch das Thor bei der Kettenbrücke oder auf den Stufen beim Posthotel in der Nähe eines Muttergottesbildes in der Mauer. Zickzackwege.

8. _Das Spitzhütel_ (1½ St.) Entweder nach 7 oder am Badehotel vorbei, dann bei einer Mühle rechts in den Wald, oder von Starks Villa auf einem Serpentinweg. Es ist ein Felsenvorsprung, vielleicht die lohnendste Aussicht unter diesen Punkten.

9. Im Pulnitz- oder Polzenthale: Liebwerd ½ St., Bensen 2 Stund. (Nordbahnstation), ½ Stunde weiter die schöne Ruine _Scharfenstein_.

10. _Herrenskretschen_ (siehe Tetschen).

11. _Der Sperlingstein_, auch _Heidenschloss_. Dampfschiff bis Topkowitz, besser Tichlowitz, oder Eisenbahn bis Tichlowitz, dann über Nieder-Welhotten und Scheras ½ St. Zu Fuss über Krischwitz, Veschwitz (auch Bahnstation) Scheras in 3 St.

12. _Der Zinkenstein._ Am besten über Rongstock, über die Elbe nach Pschira, Wittine und (Alt) Hummel zu erreichen. Die Aussicht grossartig, in den Basaltspalten eine Eishöhle, Eis nur an heissen Sommertagen.

13. _Der hohe Schneeberg._

14. _Die Tyssaer Wände._

Zu erwähnen noch die Johanniskapelle, bei dem Dux-Bodenbacher Bahnhof (20 Min.). Die Familiengruft der gräfl. Thun'schen Familie, die hier weithin die meisten Besitzungen hat.

I. Der Besuch der Städte *Leitmeritz, *Aussig, *Tetschen bis *Herrenskretschen mit dem *Edmundsgrund und *Prebisch-Thor.

Leitmeritz.

=Gasthöfe=: Hôtel »Krebs« am Stadtplatz, Gasthof »zum Hirschen«, Lange Gasse, Gasthof »zum schwarzen Adler« am Stadtplatz, Brosche's Gasthaus, Lange Gasse, »Cocanda« Eck der Ferdinandsstrasse und des Rossmarktes, Gasthof »zum Kaiser von Oesterreich«, Ferdinandsstrasse.

Von =Restaurationen= wären zu erwähnen: Elbschlossbräuhaus an der Tschalolitzer Strasse, Elberestauration am Dampfschifflandungsplatze, Restauration zum »Rudolfsgarten« mit Sommertheater in der Rudolfsgasse, Schützeninselrestauration, Bahnhofrestauration der Nordwestbahn, Eisendörfel am linken Elbeufer an der Theresienstädter Strasse; =Café=: Schubert am Stadtplatz, oberhalb des »Hôtel Krebs«, zum schwarzen Adler, in Verbindung mit dem Gasthause gleichen Namens am Stadtplatz; =Conditorei= und Café Bärwinkel am Stadtplatz, Schustermannel in der Nähe der bischöfl. Residenz, beste Weinstube.

=Post- und Telegraphenamt=, Jesuitengasse im alten Gymnasium, ebenerdig.

=Post- und Eisenbahnverbindungen=: k. k. priv. österr. Nordwestbahn. Von Leitmeritz in der Richtung nach Tetschen. In der Richtung nach Lissa-Wien.

K. k. priv. österr. Staatsbahn; Station Theresienstadt (Bauschowitz): In der Richtung Aussig-Bodenbach und in der Richtung Prag-Wien.

=Postverbindung= nach _Auscha_.

=Omnibusfahrten= von den Gasthöfen »Krebs« und »zum Hirschen« zu den Bahnen.

Das =Dampfschiff= verkehrt von Leitmeritz um halb 9 Uhr Vormittags bis Dresden und um 2 Uhr Nachmittags bis Tetschen.

=Fahrgelegenheiten= sind zu haben im »Hôtel Krebs« (Ferd. Krombholz), im Gasthof »zum Hirschen«, sowie Einspänner bei dem Lohnfuhrwerker Kühnel in der Langen Gasse.

Die Stadt Leitmeritz, ehemals königliche Stadt, liegt am rechten Ufer der Elbe, dort, wo dieser Strom in das deutsche Sprachgebiet tritt und sich seinen Lauf durch das böhmische Mittelgebirge zu bahnen sucht.

Leitmeritz zählte am 31. December 1880 in über 900 Häusern ca. 10.900 anwesende Personen, welche Bevölkerungszahl sich mit den Studenten auf rund 12.000 erhöht. 1869 betrug die Einwohnerzahl in 800 Häusern 10.023. Die geographische Lage ist 50° 31´ 38´´ nördl. Br. und 31° 47´ 50´´ östl. Länge. Sich ansehnlich über das Niveau des Flusses erhebend, bietet die Stadt von der Elbe, sowie von der Theresienstädter Strasse aus einen ungemein malerischen Anblick. Im Vordergrunde sind die hervorragendsten Gebäude der Stadt, nämlich die Elbschlossbräuerei, die bischöfliche Residenz, die Villa Georg, das bischöfliche Seminar mit der Jesuitenkirche, die Klosterschule u. s. w., dann lehnt sich unmittelbar hinter der Stadt gegen Norden eine Hügelkette, die Maschkahora (auch mastna hora, eigentlich mostská hora) an, die dann an die waldbedeckten Höhen des Mittelgebirges, an den »Kreuzberg« mit dem »langen Berge«, den Hradischken und im Westen an die Radebeule (fälschlich Radobyl genannt) anschliessen. Die Berge ringsumher gehören der Basaltformation an, während im Thale Plänerkalk mit Sandstein und dem reinen Angeschwemmten der Elbe wechseln. Nach Süden öffnet sich die weite Ebene ins Innere Böhmens, welche bloss den »Říp« (Georgsberg) bei Raudnitz als bedeutendere Bodenerhebung aufzuweisen hat.

Leitmeritz, bis vor wenigen Jahren die bedeutendste Stadt des nach ihr benannten Kreises, hat sich weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus einen bedeutenden Ruf als Schulstadt erworben; die Mittelschulen erfreuen sich eines sehr zahlreichen Besuches.

_Das k. k. Obergymnasium_ ist seit 1879 in einem palastartigen neuen Gebäude untergebracht.

_Die Communal-Oberrealschule_ wurde in ihrer heutigen Gestalt 1864 eröffnet und befindet sich seit 1865 in einem neuen prachtvollen Gebäude.

_Die k. k. Lehrerbildungsanstalt_ ist leider nur nothdürftig untergebracht.

_Die theologische Lehranstalt_, in Verbindung mit einem bischöflichen Priesterseminar, befindet sich in den Räumen des ehemaligen Jesuitencollegiums.

_Das Taubstummen-Institut_ wurde 1858 gegründet und wird vornehmlich vom Lande unterstützt.

Ausser der städtischen _Knabenvolks-_ und der städtischen _Mädchenvolks-_ und _Bürgerschule_ besteht in Leitmeritz auch noch eine _fünfklassige Mädchenschule_ der Schulschwestern vom heil. Karl Boromäus mit _Pensionat_.

Von industriellen Unternehmungen sind anzuführen:

1. _Die Actienbrauerei_ zum »Elbschloss«.

2. _Die bürgerliche_ (städtische) Brauerei.

3. _Die Dampf- und Kunstmühle._

4. _Die Malzfabrik_ der Firma Bergwein im ehemaligen Schanzenbräuhause.

5. _Die Actiengesellschaft_ für Kalk- und Ziegelbrennerei.

6. _Die Spinnfadenfabrik._

Ferner bestehen von Gewerbsunternehmen die _Brettsägen_ von Frz. Gudera, sowie Ed. Salomon, _die Essigfabrik_ von Herrnheiser, _die Metall-_ und _Glockengiesserei_ von F. Herold, _die Eisengiesserei_ von Mandler, _die Maschinenschlosserei_ von Josef Fiedler, _die Lederfabrik_ von Joachim Taussig's Söhnen u. s. w.

_Von Geldinstituten_ wären zu nennen: 1. _Die Communalsparkasse_, 2. _der Spar- und Vorschussverein_ für Leitmeritz und Umgebung, sowie 3. _die Filiale der böhmischen Eskomptebank_.

Geschichte:

Wie bei so vielen andern Orten verliert sich auch die Gründung der Stadt Leitmeritz in das Dunkel der Geschichte Böhmens. Abgesehen von zahlreichen Gräberfunden, welche erst vor 2 Jahren wieder auf den Lehmfeldern der Lopata'schen Ziegelei erfolgten, die beweisen, dass das fruchtbare Elbethal schon in der vorgeschichtlichen Zeit stark bewohnt war, wissen wir, dass nach der Einwanderung der Slaven sich ein Stamm derselben, die Luthomirici, hier niederliess. Als Mittelpunkt des Stammes galt eine Burg, die denselben Namen wie der Stamm, nämlich Luthomirici, führte und am jetzigen Domhügel lag. Gegenwärtig sind keine Spuren davon mehr wahrnehmbar. Um die Burg herum lagen schon in uralter Zeit zahlreiche Dörfchen, die ihren Namen noch bis heute erhalten haben. Die Verwaltung der Burg und des dazugehörigen Landstriches leiteten Gaugrafen. Schon um das Jahr 1057 wurde auf der Leitmeritzer Burg eine Kirche gegründet und dem heil. Stefan geweiht; sie stand an der Stelle der jetzigen Domkirche.

In der Nähe der Burg und ihrer Kirche siedelten sich allmählig unter den letzten Regenten aus dem Hause der Pržemysliden zahlreiche, aus Deutschland hereingekommene Familien an; sie legten so den Grund zu der eigentlichen Stadt Leitmeritz, die schon vom König Wenzel I. mehrfache Freiheiten und Rechte erhielt, welche seine Nachfolger nicht nur bestätigten, sondern auch vermehrten. So wurde das Magdeburger Stadtrecht in Leitmeritz eingeführt und zur Handhabung desselben ein eigener Gerichtshof daselbst eingesetzt. Neben dem Ackerbau bildeten Handel und Gewerbe die vorzüglichste Nahrungsquelle der Bevölkerung; besonders blühte der Handel; niemand durfte stromauf- oder abwärts Waaren verfrachten, ohne sie vorher in Leitmeritz ausgeladen und zum Verkaufe ausgestellt zu haben. Zum Zeichen des letzteren Rechtes, des Stapelrechtes, wurde eine aus Stein gehauene Figur in der Nähe des Stromes aufgestellt, der sogenannte »Roland«, der gegenwärtig an der nördlichen Ecke des alten Rathhauses, in dem sich jetzt das k. k. Kreisgericht befindet, auf einem Pfeiler steht.

Einer besonderen Begünstigung erfreute sich Leitmeritz, wie alle Städte Böhmens, unter der Regierung des städte- und bürgerfreundlichen Karls IV., welcher der Stadt grosse Strecken Wald, Ackerland und Weinberge schenkte, die Neuanlage von Weinbergen begünstigte, wodurch er den Weinbau im Elbethal ungemein förderte. Zu jener Zeit erfreute sich Leitmeritz bereits einer hohen Blüte, und Wohlstand, ja selbst Reichthum waren in der trefflich gelegenen Stadt keine Seltenheit.

Aber bald sollte die Stadt von Zeiten des Schreckens heimgesucht werden; es kamen die verheerenden Husitenkriege. Am 29. Mai 1421 fiel nach langem, energischen Widerstand die Stadt in die Hände der Husiten. Die vertriebenen Bürger und Priester zogen theils in die noch deutschen Städte des Bielathales, theils nach Meissen. Jahrelang tobte der Kampf der Parteien um die Mauern der Stadt. Auch als Leitmeritz unter die Botmässigkeit König Sigismunds (1436) zurückgekehrt war, blieb die Stadt tschechisch, und die Deutschen, die sich des Handels und der Gewerbe wegen in der Stadt eingefunden hatten, waren nach wie vor von Aemtern und Würden ausgeschlossen.

Auch die folgende Zeit des Streites zwischen den Städten und dem Adel in Böhmen war für die Stadt nicht günstig. Sie konnte in dem Streite umsoweniger verschont werden, da rings umher eine gute Anzahl adeliger Burgen und Schlösser lag. Diese Streitigkeiten verzehrten bedeutende Summen. Zwar wurden die alten Handelsrechte der Stadt, auf die in den bewegten Zeiten so oft vergessen worden war, wieder hergestellt, aber bald darauf der Handel mit dem Auslande untersagt, wodurch eine wichtige Einnahmequelle versiegte. Ueber Leitmeritz erging wegen seines Widerstandes gegen Ferdinand I. das Strafgericht, indem das alte Magdeburger Stadtrecht abgeschafft und königliche Richter eingesetzt, sowie die Güter der Stadt eingezogen wurden. Leitmeritz war tiefer gedemüthigt als je. Als kümmerlichen Ersatz erhielt Leitmeritz das Collegium im Jahre 1549, aus dem sich das heutige k. k. Obergymnasium entwickelte.

Nach einigen Jahrzehnten der Erholung brach der dreissigjährige Krieg herein. Der Friede von 1648 brachte auch Leitmeritz Ruhe und Frieden. Ausser der Kriegsfurie wüthete 1649 auch noch eine furchtbare Pest und im Jahre 1655 eine grosse Ueberschwemmung.

Erwähnt sei die Errichtung des Leitmeritzer Bisthums im Jahre 1655. Der erste Bischof war Maximilian Rudolf Freiherr von Schleinitz. Er baute die jetzige Domkirche, deren Thurm erst jetzt vollendet werden soll.

Kurz nach dem dreissigjährigen Kriege wurde Leitmeritz wieder eine deutsche Stadt.

Auch die Kriege unter Maria Theresia gingen an Leitmeritz nicht spurlos vorüber. Im Jahre 1741 hausten polnische und sächsische, 1742 französische Truppen in der Stadt, und im Jahre 1757 nach der Schlacht bei Kolin wohnte Friedrich II. selbst durch eine Woche in der bischöflichen Residenz. Am 1. Oktober 1756 tobte der Kampf in der unmittelbaren Nähe der Stadt, indem an diesem Tage die Schlacht bei Lobositz geschlagen wurde.

Im Jahre 1780 wurde unter Kaiser Josef II., der siebenmal Leitmeritz besuchte, die Festung Theresienstadt gegründet. Die Napoleonischen Kriege berührten die Stadt nicht unmittelbar, und so konnte sich im letzten Jahrhundert die Stadt ruhig entwickeln.

=Sehenswürdigkeiten.= Leitmeritz, welches in die eigentliche Stadt und mehrere Vorstädte zerfällt, die freilich mit einander unmittelbar zusammenhängen, macht auf den Besucher den Eindruck einer Stadt, die schon in früheren Jahrhunderten von einiger Bedeutung gewesen sein muss. Der Ringplatz oder der Stadtplatz bildet den Mittelpunkt der Stadt und ist von grosser Ausdehnung; seine Länge beträgt 235, die Breite 126 Schritte. Die Häuser sind meist neuerer Bauart; doch hie und da schaut noch ein Giebel hervor, dem man es ansieht, dass er schon manches Menschengeschlecht, manches Jahrhundert an sich vorüberwandeln sah. Die Laubengänge sind meist schon verbaut. Wir wollen nun die hervorragendsten Bauwerke hier anführen:

1. _Das alte Rathhaus_, an der Ostseite des Stadtplatzes gelegen, beherbergt jetzt das k. k. Kreisgericht in seinen Räumen.

2. _Das Gemeindehaus_, ebenfalls am Stadtplatze, enthält die Kanzleien des Bürgermeisteramtes, der Sparkasse und im Parterre die Gasthauslocalitäten »zum schwarzen Adler«. Im Hofe befindet sich das Stadttheater. Im Bürgermeisteramte wird das hochinteressante und historisch äusserst werthvolle _*Cantional_ aufbewahrt, eine Sammlung lateinischer Kirchengesänge aus der Zeit der husitischen Herrschaft in Leitmeritz und zum gottesdienstlichen Gebrauche bestimmt. Das gewaltige, in Leder gebundene und mit kunstvollen Messingbeschlägen gezierte Buch umfasst 465 Pergamentblätter, ist 29 Zoll hoch, 19 Zoll breit und wiegt 110 Pfund. Das Buch ist über und über mit herrlichen _Initialen_ und prachtvollen _Miniaturen_ bedeckt, viele Buchstaben und Noten sind mit reinem Golde auf das Pergament aufgetragen. Dies reichgeschmückte Cantional gehört zu dem Bedeutendsten, was die Kunst dieser Art in Böhmen geleistet.