Führer durch das böhmische Erzgebirge, das Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete
Part 24
Die Aussicht von hier wird von Vielen jener vom Mückenthürmchen gleichgestellt. Man überblickt ein weites wechselvolles Panorama. Im Norden und Osten ein herrlicher Wald, der sich stundenweit an den Abhängen des Erzgebirges hinzieht, und den kein anderer Aussichtspunkt in solcher Masse überblicken lässt. Gegen Süden und Westen die Ebene mit allen ihren oft schon erwähnten Schönheiten, die den Blick auf sie immer neu und immer reizend machen.
Darauf geht es zurück auf jenen Weg, der dann nach etwa ¼ Stunde auf eine Strasse trifft. Geht man nun nach links, erreicht man in einer halben Stunde Niklasberg, nach rechts führt die Waldstrasse in etwa 1 Stunde nach Eichwald.
Niklasberg ist eine auf einem Abhange gebaute Bergstadt, die ehemals, als noch der Silberbergbau sich lohnte, sehr wohlhabend war. Heute leben die Einwohner (etwa 600) zumeist von der Oekonomie. Das vorzüglichste Gasthaus ist das zum Rathhaus mit guter Unterkunft. Empfehlenswerthe weitere Touren von hier sind:
1. Nach _Zaunhaus und Rehefeld_ (königl. sächsisches Jagdschloss). Der Weg, reich an landschaftlichen Schönheiten, geht rechts von der aus Niklasberg nach Neustadt über die Grenze -- nächster grösserer Ort in Sachsen ist Frauenstein (3 St.) -- führenden Strasse. Man steigt unweit der Stadt (keine Viertelstunde) rechts auf den Hügel an der Strasse. Die Partie über Rehefeld nach Altenberg oder Geising (beides sächsische Städte mit guter Unterkunft) beträgt etwa 3 St.
2. Zum _Jagdschloss nach *Eichwald_ (2 St.). Der Weg dahin ist eine etwa 20 Min. steil aufsteigende, zerfahrene Waldstrasse. Später bietet sie eine grossartige Aussicht über den waldigen Abhang in die Ebene.
3. Nach _Klostergrab und Kosten_ durch den sogenannten _Hüttengrund_. Es ist das ein sehr anmuthiger, von einem starken Bache durchrauschter Thalweg.
An seinem Ende eine gute Restauration. Von Niklasberg nach Kosten etwa 1½ St., so dass die ganze Tour über den Wolfsstein sich bequem in 4 Stunden machen lässt.
II. Nach Eichwald-Doppelburg-Zinnwald.
Von Teplitz führt nach Eichwald eine gute Strasse in 1 Stunde an Zuckmantel vorbei, dessen Bessemerstahlwerk besichtigenswerth. Auch zahlreiche Omnibusse stellen die Verbindung her mit diesem aufstrebenden klimatischen Kurorte. Ein anderer, etwas längerer Weg, der mehr Abwechslung bietet, führt durch die Orte Weisskirchlitz (auch über Turn) und Wistritz an mehreren grossen Industrie-Etablissements vorbei.
_Eichwald_ -- der lohnendste und beliebteste Ausflugsort von Teplitz aus -- erstreckt sich mit seinem oberen Theile tief in das Erzgebirge hinein. Einen besonderen Reiz gewähren die zahlreichen Aussichtspunkte, die immer wechselnde Bilder zeigen, sowie die sich weit hinziehenden wenig oder nur sanft ansteigenden Spaziergänge durch die schattigen und duftenden Waldungen, wo man eine würzige und kräftigende Luft athmet.
Die Zahl der zur Aufnahme von Kurgästen vollkommen eingerichteten Kurhäuser und der geschmackvollen Villen im steten Zunehmen begriffen.
Kuranstalten sind die von Dr. Brecher vorzüglich geleitete Kaltwasserheilanstalt und das im Jahre 1879 erbaute grossartige, musterhaft eingerichtete Theresienbad. Beide bieten verschiedenartige Bäder nach medicinischen Vorschriften.
=Restaurationen= und =Gasthöfe=: Das Waldschlösschen, Waldesruhe, Dankbarkeit und Theresienbad. Besonders kann das letzte eine grosse Zahl Fremder aufnehmen. Die Preise sind im Ganzen dieselben, wie in Teplitz. Die Kurtaxe beträgt 2 fl. per Person.
Ein =Post- und Telegraphenamt= ist ebenfalls im Orte.
Besuch von Kurgästen (bis über 600 oft aus weiter Ferne) sowie der Touristenverkehr sind im steten Aufsteigen begriffen.
Um die Hebung des Ortes hat sich besonders verdient gemacht der bekannte Industrielle Anton Tschinkel aus Lobositz, der auch im unteren Theile des Ortes eine grosse Siderolithwaarenfabrik besitzt.
Partien von Eichwald aus.
In der unmittelbaren Umgebung, östlich von der Hauptstrasse:
1. _Der Mühlberg_ mit einem »Tempel«, der eine grossartige Fernsicht bietet.
2. _Der Vogelherd_ (auch Schlichtelberg), dessen Aussicht deswegen interessant ist, weil man keine Häuser, sondern nur weite Bergrücken mit prachtvollen Waldungen überblickt.
3. _Der Parapluieberg_ (nur ein kleiner Hügel), ein angenehmer Ruhepunkt.
Westlich von der Strasse auf _den Rehberg_.
4. _Die Manfredterrasse_, von der man das ganze Eichwalder Thal mit seinen Villen und Wohnhäusern übersieht.
5. Die _Franz Josef-Terrasse_ (Restauration) mit einem weiten Ausblick in die Ebene.
Weitere Touren sind:
_a_) _*Doppelburg_ (½ St.), ein 1703 im chinesischem Geschmacke erbautes Jagdschloss in der Form eines achteckigen Sternes, dessen Spitzen ebensoviel in den Wald gehauenen Alleen entsprechen. Die Restauration unter hohen Bäumen vor einer Wiese. In ihrer Nähe immer einige Hirsche, die durch Gewohnheit so zahm geworden sind, dass sie sich dargereichtes Brod aus der Hand holen.
_b_) _*Schweissjäger_ (20 Min.), ein mitten im Walde gelegenes Försterhaus mit prachtvoller Fernsicht (Restauration).
_c_) Das fürstliche _Lobkowitz'sche Jagdschloss_, auch _Jagdhaus_ genannt (1½ St.). Man geht auf der Strasse von Eichwald gegen Zinnwald bis zu der Lobkowitz'schen Brettmühle, von hier geht links eine Strasse ab, die hinauf führt. Das Forsthaus liegt sehr hübsch, die Aussicht lohnend. Der eigentliche Aussichtspunkt liegt etwa ¼ St. weiter, dürfte aber gegenwärtig verwachsen sein.
_d_) _Der *Seegrund_, eine angenehme Waldpartie, die für den Geologen, Naturforscher und Forsttechniker manches Interessante haben wird. Man geht auf der Zinnwalderstrasse bis zur Försterei Seegrund (auch eine Mühle und Restauration) (von Eichwald 1½ St.) hier links ab durch einen Durchschlag bis zu dem Moorgrund (gegen 2 St. Umfang), wo die Mooskiefer in dem Torf- und Moosboden gedeihlich wächst.
Dass solche Moore kolossale Wasserreservoire sind, sei als bekannt hier nur erwähnt.
_e_) _Zinnwald_, ein ausgedehntes Dorf, das in Böhmisch- und Sächsisch-Zinnwald zerfällt. Von Eichwald etwa 2 St. entfernt. Fussgänger mögen vor der Seegrundmühle oder gleich nach ihr die Strasse rechtsab verlassen, um die letzte Serpentine zu vermeiden.
Es liegt auf dem Kamme des Erzgebirges und hat den grössten Theil des Jahres ein sehr rauhes Klima, das meist nur die Kartoffel aufkommen lässt. Das Getreide wird selten reif, es muss oft noch unter Schneewehen gemäht und kann dann nur als Viehfutter verwendet werden. Wer da hinaufkommt, staunt über den klimatischen Contrast, den schon eine Entfernung von 2 Stunden bewirkt. Wenn unten im Flachlande drückende Hitze herrscht, ist hier oben eine kühlende Frische. In den Sommermonaten ist daher ein Spaziergang hinauf sehr angenehm.
Von Gasthäusern für längeren Aufenthalt und Nachtherberge sind empfehlenswerth: »Zur Saxonia«, »Biliner Bierhalle« und »Der sächsische Reiter.«
Sehenswerth sind folgende Punkte:
Auf der Strasse unweit vom österr. Zollamt bei einer alten Eiche ist eine hübsche Aussicht auf den Schneeberg, den König- und _Lilienstein_;
dann beim sogenannten »alten Forsthause« oder bei dem »Schupfenhau«; und südlicher, mehr landeinwärts bei den »Brücken oder bei dem Lugstein«, hier »Lochstein« genannt. Es ist hier der höchste Punkt von Zinnwald.
Ein weiterer herrlicher Aussichtspunkt ist der _*Geisinger Berg_ bei der Stadt Altenberg und Geising (ersteres ¾ St., letzteres ½ St. von Zinnwald) gegen Norden. Er soll einst ein Vulcan gewesen sein. Auf der Spitze, zu der ein schöner Fussweg führt, steht ein Ahornbaum, der durch eine Wendeltreppe erstiegen werden kann. Die Aussicht wird jeder Besucher zu den schönsten zählen.
In Altenberg sind die Pochwerke und Zinnschmelzereien, sowie die »grosse Pinge«, eine Erdsenkung, sehenswerth.
Von Zinnwald kann man in 1½ St. gegen Westen das Dorf _Zaunhaus_ (_schon erwähnt_) auf einem sehr hübschen Fahrwege durch den Wald erreichen, daselbst das Jagdschloss des sächs. Königs »_Rehefeld_«.
Nordwestlich von Zinnwald liegt mitten im Walde _der *Kahlenberg_, dessen Thurm eine weite Fernsicht bietet. Der Schlüssel ist in dem eine ¼ St. entfernten Gasthause »Zum Paradies« auf der Zaunhaus-Altenberger Strasse zu bekommen.
Der Kahlenberg ist von Hinterzinnwald in 1 St., von Altenberg in ½ St. zu erreichen.
Weitere Ausflüge sind nach den sächsischen Städten _Bärenstein_ und Lauenstein.
Zu erwähnen ist noch, dass die Gegend bei Zinnwald für Naturforscher, besonders Mineralogen, Geologen und Botaniker sehr interessant ist. Die Zinnbergwerke sind wegen des billigen Zinnes nicht mehr im Betrieb. Die Bewohner leben meist von Bast-, Holz- und Strohflechtereien, sowie von Waldarbeiten.
_f_) _Siebengiebel und Vorderzinnwald._ Von Eichwald auf der vom Fürsten Clary gebauten Strasse -- an der Claryschen Sägemühle vorbei -- in 1½ St. erreichbar; der Weg führt durch schönen Wald, die Neigung gering. Wo der Wald an der Südseite der Strasse aufhört, fängt eine weite Aussicht über das Teplitzer Thal an; der Bergrücken, von dem aus man sie geniesst, heisst der »Eisknochen«. Siebengiebel ist ein anmuthig gelegenes Försterhaus, Erfrischungen sind daselbst zu haben.
Vorderzinnwald ist von hier kaum eine Viertelstunde, (Hinter-) Zinnwald eine halbe Stunde entfernt.
III. Mückenberg-Graupen-Mariaschein.
Graupen ist zu erreichen von Teplitz aus entweder auf der Strasse über Turn (bei der Mauth links ab), Soborten an der Prokopikirche, auch Bettelmannskirche genannt, weil der Sage nach von einem Bettelmann aus Almosengeldern erbaut, stand schon im 12. Jahrh., vorbei (hier bei der Restauration links ab) rechts geht es nach Mariaschein, in etwa 1½ St.
Angenehmer und kürzer ist folgender Weg; man geht durch den Park von Probstau, an der Strasse in nordwestlicher Richtung einige Schritte fort bis dorthin, wo sich die Strasse nach Norden (zu dem Orte Judendorf) dreht, _hier verlässt man sie, um an einem Kreuze_ über einen Bach zu schreiten. Der weitere Weg ist nicht zu verfehlen, da man Graupen vor sich sieht.
Man passirt die Bahnstrecke (Dux-Bodenbacher, Station Rosenthal), daher auch mit der Bahn zu erreichen.
Setzt man nun den Weg gleich hinter der Station gegen das Gebirge fort, so gelangt man an die Eichwald-Graupner Strasse, diese passirt man schräg rechts und findet sofort wieder einen Pfad, der dann sowohl auf _die Rosenburg_, als auf die _Wilhelmshöhe_ und in den Ort _Graupen_ führt. Von Eichwald führt die erwähnte Strasse in 1 Stunde über Pihanken, Dreihunken, Judendorf hin. Auf ihr schöne Aussicht auf das Thal.
_Graupen_, Bergstadt, an 3000 Einw. zählend, die sich von Kohlen-Zinnbergbau, der Fabrication von Wirkwaaren, Dachpappe und Korbflechtereien nähren, ist ein Specificum in seiner Erscheinung. Es ist sehr lang in das mitunter ziemlich steilsteigende schmale Thal hineingebaut. Die Bauart oft alterthümlich. (Gasth. Stadt Dresden.) In der Kirche ist eine Darstellung des Fegefeuers sehenswerth. Zu erwähnen ist die heilige Stiege, die man kniend zu erklimmen pflegt.
Aussichtspunkte sind: _a_) die _*Wilhelmshöhe_, nach König Friedrich Wilhelm III. von Preussen benannt, dessen Lieblingsplatz das hier war. Die Aussicht prachtvoll, die Restauration sehr gut.
Etwas höher ist _b_) die _*Rosenburg_, die Aussicht daher auch weitgreifender, ohne bedeutenden Unterschied. Es ist hier eine Ruine, die nach den erhaltenen Resten zu schliessen, eine der schönsten und grössten in Böhmen sein musste. Sie wurde um 1330 von Timo von Kolditz erbaut, von den Taboriten auf ihrem Zuge gegen Sachsen 1429 erstürmt, wurde jedoch bald darauf wieder hergestellt, 1584 kam sie in kaiserlichen Besitz, 1619 kaufte sie die Stadt. Mit dem traurigen Verfall der ehemals wohlhabenden Stadt Graupen verfiel sie auch selbst. Der mittlere Theil der Ruine ist in einen Rosengarten verwandelt und bietet einen herrlichen Anblick. Die Fernsicht von dem Pavillon ist eine der reizendsten. (Restauration.)
Eine etwas weitere Partie, aber jedenfalls die lohnendste ist der _Mückenberg_ mit dem Aussichtspunkte _*Mückenthürmchen_, das zugleich Restauration ist und selbst für die Nacht gute Unterkunft bietet
Es führt eine Chaussée hinauf, die Hauptstrasse aber in Graupen, die sich dann nach Sachsen fortsetzt, in das Müglitzthal nach Lauenstein und Bärenstein, in etwas mehr als 1½ St. Der Wanderer zu Fuss kann oberhalb Graupen, bei einer grossen Biegung der Strasse nach links, rechts auf einem etwas steileren, aber kürzeren Weg über die Ortschaft Obergraupen entweder wieder die Strasse erreichen, dann beim Mauthaus rechts, an der 1700 erbauten Sct. Wolfgangskapelle vorbei, oder direct auf leicht auffindbaren Pfaden zu der Restauration gelangen.
Das Mückenthürmchen nimmt eine derartige isolirte Stellung ein, dass die Aussicht nach allen Seiten ungehemmt ist. Am grossartigsten ist der Blick nach Böhmen. Als Grenzpunkte der Aussicht seien erwähnt: nach Süden über den gar merkwürdig klein erscheinenden Schlossberg weg sind es die Höhen des Mittelgebirges; im Südosten der Geltsch, der Říp bei Raudnitz, die Bösige und der Jeschken bei Reichenberg. Im Osten in weiter Ferne der Höhenzug des Riesengebirges, die Lausitzer Berge und der Iserkamm. Nach Norden hin ist die Aussicht weniger bedeutend, gar auffällig ist der Gegensatz der rauhen, ziemlich unfruchtbaren, an Abwechslung armen Gegenden gegen die fruchtbare Ebene im Süden. Man sieht die Elbhöhen bei Dresden und bei sehr klarem Wetter durch ein gutes Fernglas hat Schreiber dieses die Thürme der kath. Kirche in Dresden gesehen. Nach Westen sieht man die Fortsetzung des Erzgebirges; über Ossegg, an seinen rothen Thürmen leicht kenntlich, ragt der schon erwähnte Wieselstein, in weiter grauer Ferne der Fichtelberg bei Joachimsthal und noch das Fichtelgebirge (Ochsenkopf?) hervor. Die Rundschau umfasst einen Kreis von 350 km Durchmesser. Die Aussicht wird von vielen mit der vom Brocken und der von der Schneekoppe verglichen.
Erwähnt sei noch die uralte Glocke im Thurme, die einst den Bergleuten zum »Einfahren« in die Zinnwerke geläutet haben soll, dann weiter der grosse Erdsturz unmittelbar bei dem Gebäude.
Von hier gehen Wege ab: über Siebenhügel nach Zinnwald 1½ St. und Eichwald (2½ St.), über Voitsdorf in das Müglitzthal (1 St.), über Ebersdorf, Streckenwald nach Schönwald (Spitzberg) (2½ St.) oder von Streckenwalde zur Nollendorfer Höhe (2½ St.), endlich noch über Ebersdorf nach Adolfsgrün und Hintertellnitz, dann durch das Tellnitzer Thal zur Station Tellnitz über 3 St.
_*Mariaschein_ (Station der Aussig-Teplitzer E. etwa 20 Min. entfernt) ist von Teplitz eine Stunde, von Graupen einige Minuten entfernt. Es ist als wunderthätiger Wallfahrtsort weithin bekannt, von Pfingsten bis Ende December kommen zahlreiche Processionen von Nah und Fern allwöchentlich hier an. Die Kirche, reich ausgestattet -- das Gnadenbild in goldener Kapsel am Hochaltar -- ist von einem Kreuzgange umgeben, in welchem sich zahlreiche Kapellen der Clary-Waldstein, Lobkowitz und mehrerer Städte befinden. Die vielfach beschädigten Wandgemälde haben Bezug entweder auf die Gründung des Klosters oder auf stattgefundene Wunder.
Ueber die Entstehung des Gnadenortes erzählt die Sage Folgendes: Nach der Zerstörung des Nonnenklosters in Schwaz durch die Hussiten verbargen die fliehenden Nonnen die Holzfigur »Maria mit dem entseelten Körper ihres Sohnes im Schoosse« in das Laubwerk einer Linde. Als nun eine Magd in der Nähe dieses Baumes von einer Schlange angegriffen wurde, rettete sie ein flehender Blick zu dem plötzlich offen erscheinenden Gnadenbilde. Das nun dadurch bald berühmt gewordene Bild wurde nach Graupen feierlich abgeholt, verschwand aber mehreremal auf den früheren Ort. 1442 wurde daselbst von Albert von Kolowrat eine Kapelle erbaut, und der Ruf des Gnadenbildes ging damals schon weit. 1507 wurde eine Kirche, 1584 von Popel von Lobkowitz ein Kreuzgang mit mehreren Kapellen erbaut, seit 1591 hatten Jesuiten hier die Aufsicht. 1602 kam das Gut Geiersburg, zu welchem ausser Sobochleben das Graupner Vorwerk »die Scheune« (eben der Gnadenort) gehörte, um diese Zeit schon ein förmliches Dörfchen, an den Protestanten Kekule von Stradonitz; die Kirche war aber von diesem Besitze ausgeschlossen. Am 5. Juni 1618 flohen die Jesuiten mit dem Gnadenbilde nach Dux. In der Kirche predigten Protestanten. Aber nach der Schlacht am Weissen Berge trat ein Umschwung ein; Kekule starb am Schlagfluss, als ihm die Confiscirung seiner Güter gemeldet wurde. Der kais. Oberstwachmeister Alex. Regnier, Ritter von Bleileben wurde der Besitzer. Da sein Sohn, der hierorts berüchtigte Hans von Bleileben, von schwedischen Officieren aus unbekannten Gründen nach einem Male getödtet wurde -- er liegt in der Graupner Kirche begraben -- vermachte seine Mutter, geb. von Pichelberg, 1662 das Gut Sobochleben an die Jesuiten. Der Ort führte von da an den Namen Mariaschein statt wie bisher Mariascheune. 1679 Gründung der Lateinschule. 1773 wurde bei der Auflösung des Ordens die Herrschaft Sobochleben eingezogen, aber 1806 an die hier seit 1779 (eigentlich erst 1798) bestehende Probstei zurückgegeben. Seit 5. Dec. 1852 besteht die Verfügung, dass der Ordinarius (Bischof) von Leitmeritz unumschränkter Verwalter des Kirchengutes sei. Bald darauf zogen die Jesuiten wieder ein. Heute haben sie in dem südlich von der Kirche befindlichen Gebäude ein Obergymnasium mit einer Pensionsanstalt. Vom 11. bis 28. Sept. 1813 war das Kloster und der Kirchgang von Preussen befestigt worden.
Der Besucher vergesse nicht auf den Wunderbrunnen mit erfrischendem klaren Wasser im Vorhofe und auf den Fressbrunnen ausserhalb des Klosters, eine eisenhaltige kalte Quelle; ihr Genuss soll Appetit erregen.
IV. *Geiersburg.
Station der Dux-Bodenbacher B. Hohenstein. Von Mariaschein und Graupen ist das Thal, in dessen Tiefe sich auf einem Berggipfel diese Ruine befindet, auf einem hübschen schattigen Wege, ganz am Abhange der Berge zu erreichen. Man geht in diesem Thale an einer Restauration fort, sich rechts haltend, bis zu einer Wegtheilung, dann wieder rechts und erreicht in ½ St. diese romantisch gelegene Burgruine, in deren Inneres einzudringen etwas Uebung im Klettern erfordert. Man thut es nur selten, da es wenig Interessantes bietet. Der hohe Thurm und die klafterdicken Mauern sprechen für eine grosse Festigkeit dieser Burg. Sie wurde als Landesfestung gegen Meissen bereits unter dem Namen Chlumec von den böhmischen Herzögen errichtet. Es wurde hier der Zoll und die Wegmauth gezahlt für die Saumthiere -- damals die gewöhnliche Verkehrsart. Im 12. Jahrhundert gehörte sie den Herren von Riesenburg und erhielt ihren jetzigen Namen. Interessant ist, dass der letzte ohne Nachkommen war und seine Herrschaften unter seine Edel-Knechte vertheilte. Sie fiel einem gewissen Blasius zu. Seit 1329 war sie Eigenthum des Bischofs von Prag (daher mons episcopalis), deren einer, Erzbischof Johann von Genczstein, hier vor dem Zorne König Wenzels IV. seine Zuflucht fand (1393; der Name Johann von Nepomuk spielte dabei eine Rolle). Ihre Besitzer wechselten dann, ihr letzter ist Wolfgang von Salhausen, der im J. 1526 hier ein Fest feierte. Da gab Glatz von Altenhof, ein Gast, unvorsichtig einen Büchsenschuss ab, dieser entzündete das Strohdach und die Burg brannte nieder und liegt seither in Trümmern. Der Herrschaftssitz wurde nach Sobochleben verlegt, mit welchem die Ruine gemeinsame Schicksale hat. Die Aussicht von der Ruine auf das Tiefland und das jenseitige Mittelgebirge ist über alle Beschreibung entzückend.
Es knüpfen sich viele alte Volksmärchen an dieses Bergschloss, die zum Theile Spiess in dem Ritterroman »Hans von Bleileben« oder »der irrende Geist bei Teplitz« der Lesewelt seinerzeit zum Besten gegeben hat.
V. Tellnitz-Schönwald-Nollendorf.
Man fährt bis Tellnitz (Station der Dux-Bodenbacher E.), geht einen sehr hübschen Thalweg (Strasse) bis Hintertellnitz bei den letzten Häusern auf einem Fusspfade rechts von der Strasse ab, dann wieder auf ihr fort -- der Spaziergang ist in der frischen Waldluft sehr angenehm -- und erreicht dann bald das Dörfchen _Adolfsgrün_ (1¼ St.). Hier auf der Höhe ein weiter Blick über das Plateau bis zum Mückenberg und zum Geisinger Berg. Von hier nach Streckenwalde und Schönwald (¾ St.). Von Schönwald, einem grossen langausgedehnten Gebirgsdorfe mit einigen guten Gasthäusern, erreicht man in ¼ St. den Sattel oder _*Spitzberg_, einen Basaltkegel mitten aus dem Gneis hervorragend, der wegen seiner weit ausgedehnten Aussicht über das Plateau und seinen allmähligen Abfall nach Sachsen die leichte Besteigung überaus lohnt und dennoch unter den Touristen im Ganzen wenig bekannt ist. Von Schönwald ist das industriereiche (Sammet und Knöpfe), über eine Stunde sich ausdehnende Peterswald (2600 E., Gasthaus zur Post) in ½ St. zu erreichen. Dieses wurde 1813 durch fortwährende Durchmärsche hart mitgenommen. Napoleon übernachtete hier 16.--17. Sept. Das Haus, jetzt eine Finanzwachkaserne, trägt die Inschrift: »Haec domus auxilio patris aeterni exstructa«. Am 17. Sept., während der Schlacht bei Arbesau hatte Napoleon den Kirchthurm von Nollendorf bestiegen. Von beiden erreicht man in etwa 1 Stunde _Nollendorf_, mit seiner berühmten, weit sichtbaren und daher auch eine weite Aussicht bietenden Kirche -- bekannt als Nollendorfer Kapelle. Schöner ist noch die Aussicht von der Nollendorfer Höhe bei Jungferndorf, zwischen Peterswald und Nollendorf (von ersterem fast 2, von letzterem ½ St. entfernt). Man erblickt von hier die Spitzen des Elbesandsteingebirges, des Lausitzer und Isergebirges. Von Nollendorf auf der sanft abfallenden Strasse -- die ganze Partie ist der berühmte Nollendorfer Pass -- gelangt man wieder nach Tellnitz. Doch versäume man nicht, das einige Minuten rechts von der Strasse gelegene, neuerbaute gothische Kirchlein zu besuchen. Es ist wegen seiner idyllischen Lage einer kleinen Abbiegung höchst werth.
Diese ganze Tour dürfte ein mässig rasch gehender Fussgänger in einem Tage, zum Abendzug der D.-B.-B. nach Teplitz leicht zurücklegen.
Das Quadersandsteingebirge.
Seine östliche Begrenzung ist bereits angegeben worden. Sein Charakter sind abgeplattete, in ziemlich gleichem Niveau liegende Gipfel, enge Spaltenthäler mit steilen, oft senkrechten Wänden, hohe, aus Quadern aufgethürmte Felsmauern, einzelne thurmähnliche, mitunter grotesk gestaltete Gesteinsmassen, tiefe Spalten und bizarre Höhlungen.
In touristischer Beziehung sind drei Partien bemerkenswerth ausser mehreren, an sich interessanten Spaziergängen. Es sind die Tyssaer Wände, der Schneeberg und die Partien um Bodenbach.
I. Die *Tyssaer Wände.
Zu erreichen: von Peterswalde (unweit der Kirche nach Osten) in ¾ St. Von Teplitz auf der Dux-Bodenbacher Bahn Station Königswald, 1 St. von Tyssa. Von Bodenbach dieselbe Bahn und Station.
In Tyssa ist sehr viel Industrie, besonders werden Knöpfe aus verschiedenem Material verfertigt.
=Gasthaus= »Beim Jäger« (Eigenname), »zum Grafen Thun« (nahe am Eingange in die Wände). Rest. »beim Sturm«.
Der Weg zu den Felswänden ist wohl nicht zu verfehlen, doch ist nöthig, sich den Eingang zeigen zu lassen. Nun hat man zwei Wege vor sich: rechts nach oben und schräg rechts im Thale, beide sind zu empfehlen, bieten aber verschiedenes.
Der obere führt über das Plateau oder besser den horizontalen Kamm dieser Sandsteinwände, die steil, mauerartig, mit tiefen Klüften und Spalten, 57 bis 62 m. hoch, emporragen. Die bizarren Formationen erinnern an Weckelsdorf und Adersbach oder an die Partien um die Louisenburg im Fichtelgebirge und dürften einen Vergleich mit ihnen wohl aushalten.
Manche kann man mit wenig Phantasie zu verschiedenen Gestalten leicht ergänzen, ein Führer wird daher Namen wie Medusenhaupt, Löwenkopf, Bürgermeister, Doctor anführen. Man hat auch eine schöne Aussicht auf die tief unten liegende anmuthige Landschaft. Die Lage mancher Steinkolosse ist so grotesk, dass man hier Naturscherze und Spielereien dahinter vermuthen möchte. Beim Ausgange kommt man auf die Strasse, die zu dem Orte Schneeberg führt.