Führer durch das böhmische Erzgebirge, das Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete

Part 18

Chapter 183,181 wordsPublic domain

2. =Kaaden-*Leskau-*Schönburg=. In westlicher Richtung gehen wir von Kaaden aus über Roschwitz zu dem nordwestlich von dem Dorfe _Leskau_ sich erhebenden _Leskauer Schlossberg_ mit der malerischen Ruine der Burg Egerberg, auch Egerwerk und Egerburg genannt, über deren Erbauer und früheren Besitzer nichts bekannt ist. Von da wandern wir in westlicher Richtung gegen Kettwa fort, wo sich eine Ueberfuhr befindet, und setzen auf das jenseitige Egerufer über, um in nördlicher Richtung dem, aus dem Egerthale steil aufsteigenden Berge _Schönburg_ zuzueilen. Auf dem Gipfel des mit Wald bedeckten Berges sind die ansehnlichen Ruinen des Schlosses _Alt-Schönburg_. Wir geniessen von hier aus eine herrliche Aussicht in die Saazer Ebene und das ferne Mittelgebirge. Die Burg soll von den Eigenthümern ihrer Baufälligkeit wegen (sie ist von Basaltblöcken erbaut) verlassen worden sein; sie erbauten am Fusse des Berges ein neues Schloss und benannten sich auch nach diesem, Herren auf _Neuschönburg_; von diesem sind sehr wenige Spuren noch vorhanden. Retour nach Kaaden.

3. =Kaaden-Klösterle-Kupferberg-= (=*Sphinx= und =*Kupferhügel=) =Schmiedeberg-Weipert-Pressnitz=. (Herrliche Partie für drei Tage.) Wir treten unseren Weg an und kommen in westlicher Richtung nach dem 1¾ St. entfernten _Klösterle_. Wir haben eine Gebirgslandschaft vor uns, welche durch das Thal der Eger in zwei Theile getrennt ist. An der linken Seite ist es die steile Abdachung des Erzgebirges, welche das Thalgehänge bildet, an der rechten Seite das Duppauer-Gebirge, hier das Liesengebirge genannt, welches sich hier aus dem Thale erhebt. Das Thal selbst ist fast durchaus enge, die Abhänge am Fusse fast überall felsig; sie lassen nur stellenweise eine schmale Thalsohle übrig und häufig steigen sie fast unmittelbar bald an der rechten, bald an der linken, bald auch an beiden Seiten in schroffen Felswänden aus dem Flusse auf. Ueber diesen Felsgehängen dachen sich die Gebirgsabhänge bald mit grösserer, bald mit geringerer Steilheit ab.

=Klösterle=, Stadt, auf einer geneigten Anhöhe am linken Ufer der Eger.

=Gasthäuser=: Rathhaus am Markte, Restauration zum Bräuhaus, herrliche Aussicht.

=Eisenbahnverbindung= einerseits gegen Eger, andererseits gegen Komotau-Prag-Aussig-Bodenbach.

=Post- und Telegrafenamt.=

=Sehenswürdigkeiten=: Die Dreifaltigkeitskirche, ein schönes, geräumiges Gebäude in neu-italienischem Styl im J. 1670 vom Grafen Michel Oswald von Thun erbaut. Das schöne, herrschaftliche _Schloss_, auf einem Felsen am Ufer der Eger, welche hier durch einen weiten Busen das Ansehen eines beträchtlichen Stromes zeigt. Der Schlossgarten zeigt herrliche Baumgruppen. (Von Klösterle aus kann man auch Leskau und Schönburg besuchen, siehe Kaaden.)

Jetzt treten wir eine echte Gebirgspartie an. Wir kommen der höchsten Masse des Erzgebirges immer näher. Von Klösterle gehen wir in westlicher und nordwestlicher Richtung nach dem ¾ St. entfernten, an einem Berge gelegenen _Haadorf_ und erreichen in einer halben Stunde _Steingrün_, ein Dorf an der Hauptstrasse, grösstentheils aber zerstreut an den Abhängen eines inneren Thales, in welchem ein kleiner Bach nach Pürstein fliesst, gelegen. Von hier aus erreichen wir, nördlich wandernd, wieder in einer halben Stunde _*Kupferberg_. Diese Partie lässt sich noch über _Wenkau_, ein Dorf am südlichen Gebirgsabhange in einem Thale zwischen Waldungen, zurücklegen. Beide Partien zeichnen sich durch grossartigen Gebirgscharakter aus. Ausdauernden Touristen empfehlen wir die _Fusstour_ von Klösterle aus durch das wiederholt berührte, herrliche Egerthal auf der Kaiserstrasse nach _Pürstein_ über Aubach nach _Wotsch_, von da nach _Warta_ und endlich nordwestlich abbiegend, nach Hauenstein (siehe Bereisung von Johannisthal aus). -- Retour nach Pürstein (zu Fuss und per Bahn), das am Zusammenflusse von drei Bächen, im Ausgange eines engen Thales, am Fusse des Erzgebirges in malerischer Gebirgsgegend gelegen ist. Wir gehen nun nördlich und kommen zu dem Schlossberge mit einigen Ueberresten der Burg Pürstenstein, auch Finkelstein, und setzen unseren Weg steil aufwärts nach _Kleinthal_, dann nach Steingrün fort und erreichen endlich _Kupferberg_. Dieser Aufstieg wird den Touristen wegen der reichen Abwechslung der wildromantischen Gegend besonders empfohlen. Zuvor statten wir der, an der Strasse gelegenen herrlichen Felspartie einen Besuch ab und erfreuen uns über den prachtvollen Einblick in das Egerthal. Der berühmte Landschaftsmaler Slowikowski, der gegenwärtig mit der Aufnahme von Bildern im Erzgebirge beschäftigt ist, entdeckte hier im J. 1880 eine schöne Sphinx und entwarf eine correcte Zeichnung davon, deren Abdruck sammt dem von ihm verfassten Gedichte nächstens in der Erzgebirgszeitung erscheinen wird.

=Kupferberg=, eine Bergstadt, auf dem Rücken des Erzgebirges 834 m über dem Meere gelegen. Die Kirche wurde in den Jahren 1803 bis 1814 neuerbaut und die alte, ganz baufällige abgetragen; sie hat einen Thurm mit einem harmonischen Geläute von 5 Glocken, welche noch von der alten Kirche herrühren. Das Städtchen ist regelmässig angelegt, die Häuser fassen einen grossen, quadratischen Platz ein.

=Gasthäuser=: Rathhaus, Deutsches Haus, Post.

=Eisenbahnstation= (20 Minuten von der Stadt, Verbindung mit Komotau-Weipert).

=Postamt=.

Der an der Nordseite der Stadt sich erhebende _*Kupferhügel_ (in 12 Min. ohne Anstrengung zu erreichen) ist vom Bergbau ganz unterwühlt, eine Menge Halden an seinem Abhange und in seiner Umgebung sind die Reste der seit vielen Jahren erloschenen unterirdischen Thätigkeit. Auf dem Gipfel steht eine Kapelle, welche von Einheimischen und Fremden häufig der Andacht und auch der herrlichen Aussicht wegen besucht wird. Diese ist eine der merkwürdigsten und schönsten in Böhmen; gegen Nordwest, Nord und Nordost ist sie zwar durch die höheren bewaldeten Rücken und Kuppen des Gebirges beschränkt, aber in anderen Richtungen erstreckt sie sich in unbegrenzte Ferne, besonders gegen Süd und Südosten. Wir sehen bis in die Gegend von Prag, wo dann die Hochebene des mittleren Böhmen den Horizont bildet, und dann weit in die Gegend von Elbogen und Pilsen. Unterhalb der Kapelle befindet sich das bekannte »Gasthaus am Kupferhügel.« (Erscheinungen siehe _Klima_.)

Von Kupferberg aus gehen wir (auf dem Plateau wird doch niemand die Bahn benützen wollen) in der herrlichen Waldluft auf der Strasse in westlicher Richtung nach Oberhals (¾ St.), einem zerstreut am südlichen schroffen Rande des Gebirgsrückens in ebener Gegend liegenden Dorfe, biegen hinter demselben rechts ab und kommen in dem langgestreckten Orte _Schmiedeberg_ an. Das Dorf hat eine Eisenbahnstation der Buschtiehrader Eisenbahn von Komotau nach Weipert her und ist Absteigestation für die herrlichen _Aussichtspunkte_: _Keilberg_, _Fichtelberg_, _Spitzberg_ bei Gottesgab, _Halsberg_ bei Pressnitz, _Kupferhügel_ und _Bärenstein_ bei Weipert (siehe oben Bereis. des Erzgebirges von Joachimsthal und Kaaden aus!). Hervorragende Gebäude sind die Kirche und das Schulhaus.

=Gasthöfe=: Schneeberg, Ross.

Von Schmiedeberg gelangen wir in je 1¼ St. in nordöstlicher Richtung nach Pressnitz, in südöstlicher nach Kupferberg, in nordwestlicher nach Weipert und in südwestlicher nach Böhmisch-Wiesenthal (siehe Bereisung von Joachimsthal aus!). Nach Pressnitz führt von Schmiedeberg die Pressnitz-Schmiedeberger Bezirksstrasse. Der Weg ist sehr angenehm.

=Pressnitz=, Bergstadt, mit 3000 Einwohnern, auf der nördlichen sanften Abdachung.

=Gasthäuser=: »Herrenhaus«, »Rössel«.

=Aemter=: K. k. _Bezirksgericht_, _Post-_ und _Telegrafenamt_.

=Eisenbahnstation= der Buschtiehrader Bahn einerseits gegen Weipert, andererseits gegen Komotau.

=Geschichtliches=: Die Stadt verdankt ihre Entstehung dem Silberbergbau. Hier ist bereits zur Zeit der Regierung des Königs Georg von Poděbrad Silber gegraben und dem Herrn Niklas von Lobkowitz auf Hassenstein eine unbeschränkte Bergfreiheit zum Abbau aller Metalle drei Meilen rings um sein Stammschloss Hassenstein verliehen worden. Diese wurde vom Könige Wladislaw den Gliedern dieses Adelsstammes im J. 1473, 1490, 1500 und 1514 fortwährend weiter zugestanden. Unter König Mathias wurde, um den Bergbau zu heben, ein Vertrag geschlossen, der aber leider kein Heil mehr brachte, weil gleich darnach der 30jährige Krieg ausbrach. Er wurde zwar auch von allen späteren Monarchen gleich den anderen Privilegien bestätigt, ohne aber den erwarteten Erfolg zu haben.

Seit dem grossen Brande am 1. August 1811 sind die Pressnitzer mehr in der Welt bekannt geworden. Seitdem gehen junge Mädchen, mit der Harfe die entferntesten Gegenden besuchend, zum Theile von den Vätern, welche die Geige oder Flöte spielen, begleitet, einem oft nicht unbeträchtlichen Erwerbe nach, mit dem sie zur Unterstützung ihrer Eltern und Geschwister zeitweilig nach Hause kehren. Von Pressnitz aus gelangen wir auf einer guten Strasse durch das weitläufige Dorf _Reischdorf_ über den _Reischberg_ 457 m nach Sonnenberg (1¾ St. -- siehe Bereisung von Komotau aus).

E. Der Besuch des Erzgebirges von Görkau aus.

Görkau.

=Görkau=, eine Stadt mit mehr als 4000 Einwohnern, 15 Minuten südlich vom Fusse des Erzgebirges gelegen, von der Biela und dem Aubach durchflossen. Die Umgebung der Stadt bilden zahlreiche geschlossene Obstgärten, worin Birnen, Aepfel, Nüsse, Kirschen und Zwetschken gezogen werden. Die Stadt hat schöne Waldungen (über 2000 Joch), welche hoch im Gebirge zwischen den Waldungen der Herrschaft Rothenhaus, den fürstlich Lobkowitz'schen von Eisenberg-Neudorf und den Katharinaberger liegen. In jüngster Zeit hat die Stadtgemeinde auch die schöne Graf Wolkenstein'sche Waldherrschaft Göttersdorf angekauft.

=Gasthöfe=: Hôtel »_Schorsch_« -- Garten, eigene Gelegenheit zur Bahn und zu anderweitigen Fahrten, zu Gebirgstouren;

»_Weisses Ross_« -- Garten und Gelegenheit mit der Post zur Bahn; beide in der Kaiserstrasse gelegen;

»_Zum rothen Hirschen_« und »_Zum Stern_« am Ring gelegen; dann »_Zum Nussbaum_« ausserhalb der Bahnhofstrasse; grosse Gartenrestaurants: »_Am Büschel_« mit grossem Saale und Veranda -- nebenan die Schiessstätte; »_Zur Hütte_« mit Billard; »_Zum goldenen Kreuz_« und »_Am Rothenhäuser Keller_«; ferner ein Mineralbad mit Restauration. Führer zu Gebirgstouren und Auskünfte in den 2 erstgenannten Gasthäusern.

=Eisenbahn-Stationen=: »_Udwitz-Görkau_« der Aussig-Teplitzer Bahn; »_Görkau_« der Dux-Bodenbacher Bahn; diese 10 Minuten, jene 25 Minuten vom der Stadt entfernt; zu jedem Zuge Gelegenheiten nach Udwitz.

In die Stadt führende Strassen:

a) von Teplitz über Dux, Brüx, Seestadtl; b) von Teplitz über Ossegg, Oberleutensdorf, Obergeorgenthal, Eisenberg; c) von Karlsbad über Schlackenwerth, Klösterle, Kaaden, Kralupp, Komotau; d) von Saaz über Eidlitz oder Komotau; e) von Postelberg über Komotau oder Eidlitz; f) von der sächsischen Grenze über Kallich, Göttersdorf, Rothenhaus; g) von der sächsischen Grenze über Grünthal, Brandau, Gabrielahütte, Göttersdorf, Rothenhaus; h) von der sächsischen Grenze über Katharinaberg, Neuhaus, Göttersdorf, Rothenhaus; i) von der sächsischen Grenze über Kallich, Bernau, Gersdorf, Platten, Pirken.

=Gebäude und Institute=: 2 katholische Kirchen mit Dechantei, 1 protestantische Kirche mit Pfarrei, 1 jüdischer Tempel, 1 fünfklassige Volksschule für Knaben und Mädchen mit 10 Lehrsälen, 1 Kindergarten, 1 städtisches Krankenhaus, 1 städtische Sparkasse, 1 Bürgerversorgungshaus, 1 Apotheke. -- (3 Doktoren der Medizin, 2 Thierärzte.)

=Aemter und Behörden=: ein k. k. Notariat, ein Stadthaus mit den Gemeindeämtern, ein k. k. Bezirksgericht, ein k. k. Steuer- und Grundbuchsamt, ein k. k. Post- u. Telegraphenamt, ein Gendarmerie-Posten-Commando, eine Finanzwache-Abtheilung.

=Industrielle Etablissements= in der Stadt und deren nächster Nähe: 7 Baumwollspinnereien und Zwirnfabriken, 1 Papierfabrik, 4 Dampfmühlen, 9 Getreide- und Brettmühlen mit Wasserbetrieb, 2 Bierbrauereien, 2 Eisenhämmer, 1 Metallfabrik mit Dampf, 1 Holzdreherei mit Wasserkraft, 3 Färbereien, 1 photographisches Atelier, 1 Wechselstube, viele solide Handlungen.

Eine grosse Merkwürdigkeit Görkaus ist ein in weichen Sandstein gehauener Keller, der sich weit unter der Stadt hinzieht und ursprünglich 150 Abtheilungen hatte, wovon jetzt noch ca. 100 erhalten sind, da eine Anzahl durch Bauten kassiert worden ist und mehrere verfielen. Diese Kellerabtheilungen gehören zu den brauberechtigten Bürgerhäusern, wurden zur Zeit, als noch die Reihenbrauerei ausgeübt wurde, als Gährkeller benützt und danken diesem Umstande ihre Entstehung.

=Geschichtliches.= Die Dekanalkirche war schon 1384 als Pfarrkirche vorhanden. Ueber ihr Schicksal fehlt es an Nachrichten. Sie enthält das Grabmal des am 5. Jänner 1578 verstorbenen Besitzers von Rothenhaus, Christof von Karlowitz. Auf dem Rathhause bewahrt man mehrere Privilegien von den Monarchen Ladislaus, Ferdinand III., Maximilian II. und Rudolf II., welch letzterer der Stadt ein Wappen im Jahre 1588 verlieh, bestehend aus einem in zwei Hälften quer getheilten Schild. Die untere Hälfte zeigt eine Stadtmauer mit halboffenem Thore und Fallgatter, die obere drei rothe Herzen im goldenen Felde. Ueber dem Schilde ist ein Stechhelm und ein silberner Flügel mit drei Kleeblättern.

Kleine Spaziergänge.

1. Zum »_*Buschel_«, Restauration mit Saal und Veranda; der Anstieg auf der mit Obstbäumen bepflanzten Strasse ist kaum merkbar; ¼ Stunde. 2. Zum _Weingarten_ in nordwestlicher Richtung, 25 Minuten; sanfter Anstieg zwischen Obstbaumpflanzungen; Gasthaus des Anton Proksch. 3. Die innerhalb 1 Stunde und ohne grosse Mühe zu erreichenden Berge: _Ziegenberg_ bei Görkau, _Breitenstein_, _Galgenberg_, _Wachhübel_, _Spitzberg_ bei Hannersdorf, _Georgshöhe_, _Hänselberg_, _Katzenhübel_, _*Hutberg_ bei Pirken. Diese Berge bieten insgesammt eine schöne Aussicht auf die mit Städten und Dörfern übersäete Fläche von Komotau bis in die Gegend von Bilin mit den als südöstliche Begrenzung aufsteigenden Kegeln des Mittelgebirges. 4. _*Das gräflich Bouquoi'sche Schloss Rothenhaus_, 25 Minuten, auf einer mit Kastanienbäumen bepflanzten Strasse in nördlicher Richtung erreichbar. Rothenhaus liegt am Vorgebirge mit gegen Süden und Westen gewendeter offener Front; das grossartige Schloss steht mitten im Parke, umgeben von prächtigen Gartenanlagen, Glashäusern mit den seltensten einheimischen und exotischen Gewächsen. Es gehört unter die schönsten Gebäude dieser Art in ganz Böhmen und gewährt bei seiner hohen und freien Lage eine reizende Aussicht auf das innere Land und das Mittelgebirge. Im oberen eingefriedeten Parke Hirsch- und Rehstand, im unteren Parke ein Pferdegestüt edler Racen; auch Fluss-, Teich- und Forellenfischerei. Der Park ist dem Publikum an Sonn- und Feiertagen, sonst aber nach erbetener Erlaubniss, zugänglich.

=Lohnende Ausflüge von grösserer Entfernung=: 1. Ueber Pirken, Schergau nach dem Pfarrorte _*Platten_, auf guter Strasse in zwei Stunden, mit einem überraschend schönen Ueberblicke der Komotauer und Saazer Gegend, des Mittelgebirges bis weit in das Innere unseres Heimathslandes, der Gebirgsbahnen nach Weipert und Reizenhain. Von Platten 15 Minuten entfernt der Wallfahrtsort _Quinau_ mit schöner Wallfahrtskirche. Von Platten führt eine Strasse über Rodenau, Gersdorf nach Bernau und zum _Gaisberg_, auf welchem die Biela entspringt -- nicht weit davon _der Beerhübel_ 889 m über der Ostsee; auf der Strasse weiter zu dem Pfarrorte _Kallich_ mit einem Post- und Grenz-Zollamte, einem Eisenguss- und Walzwerke und gutem Gasthofe. Bei Kallich finden wir Lager von Urkalkstein, während die Felsarten in diesem Reisebezirke im Erzgebirge fast durchgängig Gneisabänderungen sind. Bei Rudelsdorf und Kleinhan finden sich Granitkuppen und bei Brandau einige Basaltkuppen. Hier wird Anthracitkohle gewonnen. Am Fusse des Erzgebirges kommen hie und da die sandigen und thonigen Gesteine der Braunkohlenformation zum Vorscheine. Von Görkau bis dahin 3 Stunden. _Das ist eine echte Gebirgspartie theilweise durch schöne ausgedehnte Wälder._

2. Nach der Ruine _*Neustein_, fortwährend auf schattiger Strasse durch das herrliche Teltschthal, der Biela entgegen, an Fabriken, Mühlen, Eisenhämmern und einer Holzdreherei vorüber, bis zum Fusse des Berges, auf dessen Gipfel die von Bäumen umsäumte Ruine; 1½ Stunde; einige Minuten davon eine Rothenhäuser Försterei.

3. Durch das Teltschthal, Uhrissen, Gersdorf nach _*Bernau_, immer an der Biela, bis Uhrissen gute Strasse, dann Feldweg; 2 Stunden; von der Schule in Gersdorf eine wundervolle Aussicht in das Innere Böhmens.

4. Durch das schattige Tiefenthal nach _Hannersdorf_, stark steigender Weg; 1 Stunde.

5. *Durch den Ort Rothenhaus, Göttersdorf mit Pfarrei und guten Restaurationen, Forst, Ochsenstall nach _Kallich_, fortwährend Strasse durch Hochwald, 3 Stunden, prächtige Waldpartie; schöne Rückblicke, namentlich bei Göttersdorf in das Innere Böhmens.

6. Ueber Göttersdorf, Neuhaus mit dem Görkauer Forstamt, nach _Ladung_ mit einer Eisenberger Försterei, 2½ St., von letzterer eine lohnende Fernsicht; unweit der Berg _Hübladung_ 796 m; bis Neuhaus Strasse, dann Waldweg.

7. *Ueber Göttersdorf, Kallich, Gabrielahütte durch ein zwei Stunden langes, bewässertes, tiefgrünes Thal mit dichtgereihten Hammer- und Blechwalzwerken, Mühlen und anderen Industrien nach _*Brandau und *Grünthal_, immer Strasse, 5½ St.; hier die nahen Berge: _Töltschberg_, _Katzenrücken_ und _Zechenberg_. Diese Partie gehört zu den schönsten im Erzgebirge und kann sich in Bezug auf Grossartigkeit und Pracht, sowie Mannigfaltigkeit der Scenerie mit den herrlichsten Alpenlandschaften messen. Der schönste Theil derselben ist von Kallich auf guter Strasse durch ausgedehnte Buchen- und Nadelwälder über Gabrielahütten durch das Teltschthal (zu unterscheiden von dem bei Görkau) nach Brandau und Grünthal. Der Ort Gabrielahütten wurde im Jahre 1778, gleichzeitig mit dem Eisenwerke, vom Grafen Heinrich von Rothenhan errichtet und seiner Tochter, der edlen Gabriela Maria, verehelichten Gräfin von Bouquoi, Sternkreuzordensdame und Dame du Palais, welche die Herrschaft nach dem im Jahre 1809 erfolgten Tode ihres Vaters als Erbschaft erhalten hat, zu Ehren benannt. Der Ort hat eine Schule und eine im schweizer Styl erbaute Restauration. Das Thal wird von dem Teltschbach, der sich in den schäumenden Natschungbach ergiesst, durchbraust. Das Thal ist einsam und voll würziger, erfrischender Waldluft. Es verengt sich oft, die hohen Thalwände werden wiederholt von schroffen Felswänden unterbrochen, und die vielfachen Windungen verändern von Strecke zu Strecke das Bild und bewirken eine reiche Scenerie der Landschaft. Nach 3½stündiger Wanderung kommen wir in eine von herrlichen Waldungen umrahmte Landschaft, in deren Mitte sich das Dorf Brandau befindet und treffen nach einer halben Stunde in _*Grünthal_ ein, unserer Endstation, einem reizend, unmittelbar an der Grenze gelegenen Orte mit grossartigem Hôtel. Fortsetzung der Tour längs der Flöha nach Olbernhau in Sachsen.

8. Ueber Rothenhaus, Göttersdorf, Neuhaus, Kleinhan mit Pfarre nach _Katharinaberg_, immer Strasse, 4 St.

9. Ueber Rothenhaus beim Gestüte vorbei nach der Aubachmühle, ferner auf stark steigendem Wege über Stolzenhan nach _Ladung_, 2½ St.

10. Durch den unteren Rothenhäuser Park und über Türmaul zum _Silberstollen_, durch ein schönes saftig grünes Thal, 1 Stunde lang, immer fahrbar; das Silberwerk ist gegenwärtig ausser Betrieb.

11. Auf der Strasse zum Forsthause in Hohenofen, dann im Walde auf den _*Tannichberg_ 847 m hoch, mit prachtvoller Rundschau, zum Forsthause »Rothe Grube«, 3¼ St.; von hier in 15 Minuten auf den _*Bernstein_ mit einem von Oesterreich und Sachsen gemeinschaftlich erbauten Aussichtsthurme, 917 m hoch, unstreitig einer der schönsten Fernsichtspunkte im ganzen Erzgebirge. Man übersieht von demselben einen grossen Theil von Sachsen bis Augustusburg, von Böhmen gegen die Elbe und Eger, nach Prag, Teplitz, Brüx, Saaz und das Erz- und vorliegende Mittelgebirge.

12. Zum Forsthause Hohenofen, auf der Waldstrasse zum _*Theresiensitz_ mit einem Tempel und schöner Fernsicht, _auf den *Seeberg_ mit einem Felsenlabyrinthe und dem _Johannisfeuerberg_; beide durch eine tiefe Schlucht von einander getrennt, mit der gleichen Höhe von 631 m, bieten sie eine ausgedehnte Fernsicht bis Prag, auf das Mittelgebirge und in's Land; 3 St. Vom Theresiensitz in ¾ St. zum Forsthause »Rothe Grube« und in abermals ¾ St. zum Hegerhaus im _Flachsgrund_. Hier ist ein Local, dessen sämmtliche Möbel kunstvoll aus Hirschgeweihen zusammengesetzt sind, sehenswerth.

13. Durch den unteren Rothenhäuser Park, Türmaul, Forsthaus Hohenofen, durch den Thiergarten nach _*Eisenberg_, 1½ St., schattige Strasse. Schloss Eisenberg, dem Fürsten Lobkowitz, Herzog zu Raudnitz gehörig, ist ein im jüngsten Renaissancestyl erbauter herrlicher Edelsitz, historisch berühmt als einstiger Aufenthalt des Prinzenräubers Kunz von Kaufungen, auf einem Bergvorsprunge im Süden des Erzgebirges, mit einem wundervollen Panorama. Gegen Nordosten die Abhänge des Erzgebirges, gegen Osten und Südosten das böhmische Mittelgebirge, Hügel an Hügel, Kuppe an Kuppe, welche der zerrissene, pittoresk gestaltete Bořen bei Bilin mächtig überragt. Gegen Süden breitet sich die Saazer Ebene, »der Garten Böhmens«, aus, welche mit Weilern, Dörfern und Städten wie besäet ist und einen grossartigen Eindruck macht. Nach Südwesten ist der Horizont durch das Karlsbader und Duppauer Gebirge abgegrenzt. Die Park- und Garten-Anlagen, sowie die Glashäuser des Schlosses sind grossartig. In einer prunklosen, zur Andacht stimmenden Waldkapelle befindet sich ein Kreuz von grosser Dimension am Altare, das in einem Stücke aus einem Eichbaume geschnitten ist, bei dessen Fällung ein Graf Lobkowitz vor 156 Jahren den Tod fand. Er hatte die Warnung der Holzschläger, sich zu entfernen, nicht beachtet, der Baum fiel auf ihn und erschlug ihn. In der Schlosskapelle ferner ist ein Dorn unter Glas und Rahmen aufbewahrt, welchen die Kreuzritter aus Palästina mitgebracht und welcher aus der Dornenkrone des Heilandes entnommen ist. Diese Reliquie wird jedes Jahr vor Ostern eine Woche in der Kirche zu Neundorf und einen Tag in Seestadtl zur Verehrung ausgesetzt und zieht viele Wallfahrer an. Die Herren von Lobkowitz legen dem »heiligen Dorn« einen hohen Werth bei und soll einmal ein fürstliches Familienglied bei der Erbtheilung denselben einer Herrschaft vorgezogen haben.

14. Mit der Eisenbahn nach Eisenberg, dann auf der Gebirgsstrasse nach _Nikelsdorf_, _Böhmisch-Einsiedel_, _Deutsch-Einsiedel_ und _Bad *Einsiedel_, einem reizend gelegenen, von sächsischer Seite mit Vorliebe besuchten Luft-Curort mit Naturbädern; 4 St.

15. Mit der Eisenbahn nach _Obergeorgenthal_, über _Marienthal_ (mit einer Baumwollspinnerei) auf der Gebirgsstrasse nach Nikelsdorf und Einsiedel; 3½ St. (Siehe Oberleutensdorf.)

16. Mit der Eisenbahn _nach Johnsdorf_; daselbst an der Strasse das *Hôtel Weber, das durch sein luxuriöses Ameublement und seine kunst- und geschmackvollen Malereien an den Wänden und Decken die Beschauer zur Bewunderung hinreisst. Von da erreicht man durch Obstgärten in 15 Minuten den Ort _*Hammer_ mit schöner Fernsicht und vielbesuchter Restauration »_*Zur deutschen Bruderhalle_«; weiter auf stark steigender Gebirgsstrasse nach _Kreuzweg_, in der Nähe der _Kampelberg_, und nach Einsiedel, unweit der Göhrenberg. (S. Oberleutensdorf.)