Führer durch das böhmische Erzgebirge, das Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete
Part 16
=Geschichtliches.= 1252 tritt der Name Comotov in den Urkunden auf; jedenfalls war da Komotau ein Dorf, das sich um eine Veste gruppirte; dieselbe stand an dem Orte, wo jetzt das Rathhaus und das Bräuhaus steht; im selben Jahre wird der deutsche Ritterorden als Herr des Marktes Komotau genannt. Von 1353 an erscheint Komotau als Stadt. Diese litt 1418 durch eine Feuersbrunst grossen Schaden. Ein Schreckenstag für Komotau war der 14. März 1421, an welchem die Stadt durch die Hussiten erstürmt wurde; die gesammte katholische Bevölkerung wurde grässlich hingemordet; nur 30 Einwohner wurden verschont, um ihre todten Mitbürger zu begraben. Kaiser Sigismund belohnte später die Lobkowitze mit Komotau. Bereits im Jahre 1456 wird Johann Czalta von Steinsberg als Herr von Komotau genannt. Durch Erbrecht ging die Stadt in den Besitz der Herren von Weitmühl über, wurde im Jahre 1560 an Erzherzog Ferdinand, Gemahl der Philippine Welser, und von diesem im Jahre 1571 an die Familie der Lobkowitze von Hassenstein verkauft. Zur Zeit der Reformation fand die neue Lehre hier Eingang. Georg Popel von Lobkowitz berief aber die Jesuiten zur Vertreibung des Protestantismus, der auch schliesslich wieder unterging. Derselbe Herr von Komotau trug sich auch mit dem Plane um, in Komotau eine Universität zu errichten; er fiel aber beim Kaiser in Ungnade und endete als Gefangener 1606 durch das Henkerbeil sein Leben in Elbogen. Die Güter Georgs von Lobkowitz gingen nun an den Staat über; dieser verkaufte ein Dritttheil dieser Güter an die Komotauer Bürgerschaft, welche dadurch von aller Oberherrschaft frei wurde. Der dreissigjährige Krieg machte sich in seinen traurigen Folgen auch in Komotau und Umgebung bemerkbar; am ärgsten hausten die Truppen des schwedischen Generals Pfühl in Komotau. Es wird erzählt, dass viele angesehene Komotauer Bürger der Tortour (Schwedentränkel) unterworfen wurden, um Geld von ihnen zu erpressen. Es sollen 160 Wagenladungen geraubter Gegenstände von den Schweden fortgeführt worden sein. Schon 1651 hatte sich der Wohlstand Komotaus so weit gehoben, dass es seinen Grundbesitz vergrössern konnte. Unter den höchsten gekrönten Häuptern, die Komotau im Laufe der Jahre mit einem Besuche beehrten, seien genannt: 1703 der König Karl von Spanien; derselbe übernachtete im Rathhause; 1771 der unvergessliche Josef II.; 1813 begaben sich die drei verbündeten Monarchen über Komotau nach Leipzig, um die Völkerschlacht zu schlagen. In demselben Jahre wurde in Komotau ein Haupt-Lazareth errichtet. In neuerer Zeit hat sich Komotau dadurch, dass es Knotenpunkt von vier Eisenbahnlinien wurde, sehr gehoben. Der vielen Schulanstalten wegen wird Komotau »Schulstadt« Westböhmens genannt. Komotau ist der Geburtsort von bemerkenswerthen Gelehrten und zwar: von Mathäus Goldhahn, einem berühmten Philologen, bekannt unter dem latinisirten Namen Aurogallus, gestorben 1543; von dem Historiker Franz Pubitschka, geboren 1722 und gestorben 1809; von Franz Josef Ritter von Gerstner, geboren 1754 und gestorben 1832 als k. k. Gubernialrath, Wasserbaudirector und Director der technischen Lehranstalt zu Prag, von ganz Europa als einer der ersten Mathematiker anerkannt.
Spaziergänge:
1. _Von Komotau auf die *Alaunhütte, auch Schweizerhütte genannt._ Wir gehen vom Ringplatze durch die Weinberggasse. Am Ende dieser Gasse erhebt sich eine kleine Anhöhe, »Weinberg« genannt. Links der Strasse zieht sich ein schmaler Fusssteig zum Endziele unseres Spazierganges. Eine Tafel mit der Aufschrift: »Weg zur Alaunhütte« macht den Touristen auf den Weg aufmerksam. In etwa ¼ Stunde sind wir am Ziele. Die Alaunhütte, eine Restauration in romantischer Lage, ist einer der beliebtesten Ausflugsorte für Komotau und Umgebung. Nächst der Alaunhütte befindet sich der Alaunsee. Wer des Ruderns kundig ist, miethet sich einen Kahn und befährt den See. Zur Winterszeit bietet der Alaunsee mit seiner schönen Eisbahn einen mächtigen Anziehungspunkt für Schlittschuhläufer. Ehemals war hier, wo sich jetzt der Alaunsee ausbreitet, ein grosses Alaunbergwerk. Die rothe alaunhältige Erde, welche rings um die Alaunhütte massenhaft zu sehen ist, erinnert an den einstigen Bestand des Bergwerkes. In der Nähe der Alaunhütte gedeihet die edle Kastanie in einer seltenen Grösse und Schönheit der Frucht. Die mächtigen Stämme und Kronen dieses Baumes gewähren einen herrlichen Anblick. Neben den Gastlocalitäten der »Hütte« ist auch eine Badeanstalt mit warmen Bädern. Den Sonntag nach Anton im Juni jedes Jahres begeht die Hüttenrestauration im Blätterschmucke mächtiger Eichen im schönsten Frühlingskleide der Natur ihr Fest mit Concert und Tanz.
2. _Nach dem Komotauer *Stadtpark und dem städtischen Schiesshause._ Wir gehen vom Marktplatze durch die Schiesshausgasse und kommen in ca. 10 Minuten bei der Komotauer Dampfmühle vorüber in den Park, der nach englischer Art angelegt ist. Naturfreunden bereiten hier die schönen Baumgruppirungen und Blumenpflanzungen einen wahren Genuss. Im Parke befindet sich das im Jahre 1833 erbaute städtische Schiesshaus und in dessen Nähe das aus Holz errichtete Sommertheater.
3. _Von Komotau auf den *Hutberg._ Durch die Schiesshausgasse gehend, gelangen wir, von den Parkanlagen links ab, in einen Fahrweg, der uns durch schöne Obstgärten in ca. ¾ Stunden auf den Hutberg führt. Die Aussicht von demselben ist bezaubernd schön. Am Fusse des Hutberges liegt in romantischer Lage das Dörfchen Pirken.
4. _Von Komotau nach dem *»Ruland«._ Die Plattner Strasse führt uns direct auf eine Anhöhe, wo mitten von Obstgärten, Feldern und Wiesen das schöne Wohn- und Wirthschaftsgebäude, genannt »Ruland«, malerisch gelegen ist. Eine schöne Aussicht über Komotau und in's Gebirge lohnt die Mühe des Touristen, welcher von den freundlichen Bewohnern des Gehöftes »Ruland« mit Milch, Obst u. s. w. bewirthet wird. Die Anhöhe »Ruland« wird häufig auch Galgenberg genannt, weil hier ehemals Verbrecher gerichtet wurden.
5. _Von Komotau nach Eidlitz._ Wir wenden uns durch die Gerstnergasse in die Prager Vorstadt und kommen bald auf die Komotau-Eidlitzer Bezirksstrasse. Der Weg ist ungemein angenehm. In ¾ Stunden sind wir in Eidlitz. Sehenswerth ist das Schloss und eine Zuckerfabrik.
6. _Von Komotau nach *Görkau_ (1 Stunde). _a_) Auf der Strasse. Von Komotau durch die Weinberggasse führt die Strasse über den Weinberg durch schöne Obstgärten und Felder nach dem Kirchdorfe Udwitz mit seinen Kohlenbrüchen. Von hier kommen wir in ½ Stunde nach Görkau. (Siehe Görkau.) _b_) Auf dem Fusssteige. Von Komotau gehen wir durch die Weinberggasse nach der Alaunhütte. Von hier führt ein Fusssteig nach den sogenannten Kohlenhäuseln. Wir gelangen auf demselben zur »Tempis-Kapelle«, welche ein Schlosskaplan von Rothenhaus, Hans von Tempis, vor vielen Jahren wegen seiner glücklichen Rettung aus Räubershänden an dieser Stelle erbauen liess. Der Fusssteig führt uns jetzt direct in ca. ¼ Stunde nach Görkau.
7. _Von Komotau nach dem Gebirgsdorfe *Platten._ Auf der Plattner Strasse, ziemlich steil ansteigend, kommen wir in ca. 1½ Stunde nach Platten mit seiner zu Ende des 14. Jahrhundertes bereits bestehenden Kirche und seinem Schlosse, das als Jagdschloss des Besitzers von Rothenhaus einst bessere Zeiten gesehen hat. Unweit Platten ist der viel besuchte Wallfahrtsort Quinau. Die Aussicht beim Schulhause in's Böhmerland ist prachtvoll! (Siehe Bereisung von Görkau aus.)
Touren.
1. _Von Komotau bis zur *Grundmühle, nach Domina, Troschig und Tschernowitz._ Von Komotau gehen wir an dem Assigbache hinauf nach Oberdorf. Oberhalb der Oberdorfer Hammermühle beginnt das überaus freundliche Assigbachthal mit üppigen Wiesen und bewaldeten Thalgehängen. Wir wandern hier ohne alle Anstrengung und erreichen in 1 Stunde die erste Grundmühle, auch »Kleinmühle« genannt. Hier können wir einen kleinen Imbiss nehmen und uns an einem Trunke Bier oder Milch erquicken. Von hier nehmen wir den Weg rechts an der Thalwand hinauf gegen Domina. Der Weg ist ziemlich gut. Der Ort lässt sich von der Grundmühle aus in 1 Stunde bequem erreichen. Doch ist es nicht nöthig, bis in das genannte Dorf zu gehen; wir verlassen deshalb denselben, wenden uns rechts dem Dörnthaler Weg zu. Nördlich von Dörnthal sehen wir schon den Troschiger- oder Klingerberg ansteigen, das vorläufige Ziel unserer Reise. In 1½ Stunde ist die erste Höhe erreicht. Die Aussicht ist hier lohnend; am westlichen Gehänge schlängelt sich die Strasse über Sebastiansberg zur Landesgrenze, dort unten östlich bricht die Bahnlinie aus Felsen hervor. Oestlich und südlich haben wir die Gegenden von Brüx und Saaz und östlich verfolgen wir den Erzgebirgszug bis Eisenberg und noch weiter, und westlich hebt sich Terrasse um Terrasse im schönen Wechsel von Wald und Flur zum Horizonte. Wir steigen den westlichen Abhang hinunter, treffen hier das an der Komotau-Sebastiansberger Strasse liegende Gasthaus »g. Hübel.« In 5 Minuten haben wir auch das südlich gelegene Dörfchen Troschig erreicht. Auf einem kleinen Plateau gebaut, ist es das kleinste unter den 4 Strassendörfern: Schönlind, Domina, Krima und Neudorf. Die Bevölkerung treibt Oekonomie und besorgte früher den Vorspann über die Berge. Weiter südlich wandernd, treffen wir einen schönen Wald; es ist dies das Troschiger Revier, der Komotauer Stadtgemeinde gehörig, die hier einen Förster angestellt hat. Der links des Weges sich erhebende »Tennich« ist der höchste Berg dieser Kette. Er ist prächtig bewaldet und daher als Aussichtspunct weniger zu empfehlen. Wir empfehlen daher den Weg, der von Troschig dem südlich laufenden Gebirgszuge folgt, behalten rechts das Höllenthal und sehen nach einer Stunde gemüthlichen Wanderns, die Buschtěhrader Bahn überschreitend, den _kl. Purberg_. Weit in's Land vorgeschoben und sich langsam erhebend, ist dies ein mächtiger Stock von Steinmassen, gleichsam ein Knoten, mit dem der Gebirgszug abhebt. Bald haben wir denselben ohne Anstrengung bestiegen. Die Aussicht nach 3 Seiten ist herrlich: Die Gegend von Komotau, theilweise auch die Stadt, speciell der Bahnhof, die Dörfer Tschernowitz, Sporitz, Körbitz, Malkau, Sosau, Grün und das Städtchen Kralupp liegen zu unseren Füssen. Dort westlich, wo die Eger in die Ebene bricht, liegt Kaaden, von Bergen umstellt, östlich sind die Brüxer Berge. Ringsum siehst du Strassenzüge, Eisenbahnen, Felder, Fluren, Teiche und Obstgärten. Der Berg selbst bildet oben ein Plateau, das so wie sein Abhang mit Eichen- und Birkengestrüpp bewachsen ist. Auch erfrischendes Wasser befindet sich oben. Von allen Seiten fallen seine Granitmassen steil ab mit oft wunderlichen Klüften, worin heute noch der immer seltener werdende Dachs zu Hause ist. Von unten gesehen gleicht der Berg einer Ruine, so täuschend thürmen sich hier die Steinmassen. Die Gemeinde Tschernowitz, welcher der Berg mit den Abhängen gehört, nimmt von ihm das Material zu gewöhnlichen Steinmetzarbeiten. Die siebenziger Jahre haben den Berg in Fesseln gelegt, weil seit jener Zeit die Buschtěhrader Gebirgsbahn ihren Weg rings um denselben genommen. Merkwürdig ist der Fall, dass hier Sporitzer Felder 6mal von der Bahn durchschnitten werden. Der Purberg hat seine Geschichte, und das deutsche Volk ringsum bis weit in's Land kennt ihn und umwebt denselben mit dem Gewande der Sage. So erzählt man, dass alte Jungfrauen berufen seien, den Berg abzutragen. Es sollen ferner schlechte Zeiten hereinbrechen, wenn der Berg mit Eisen belegt sein wird. Auf der östlich angrenzenden Tschernowitzer Haide soll einst der Schlussact eines grossen Völkerkampfes stattfinden, worauf erst wieder bessere Zeiten zu erwarten seien u. s. w. Den östlichen Abhang hinab führt ein Fahrweg und dieser bringt uns bald nach dem nahen Tschernowitz. Schon der kurze Weg dahin zeigt Halden, Steinbrüche, gearbeitete und rohe Steine, den Gewerbefleiss der Ortsbevölkerung deutend. Strauss, Dietz und Bertl sind bekannte Steinmetzer und die Güte des hier gefundenen Materials macht ihre Arbeit gesucht. Der Ort selbst mit 54 Häusern und 440 Einwohnern hat vorzügliches Trinkwasser und viel Obstbau. Gasthäuser sind da. Die Strasse führt in ¾ Stunden nach Komotau zurück.
2. _*Von Komotau über Domina nach Glieden, *Wisset, Schweiger, Hohentann, *Hassenstein, *Platzer Grund, Zollhaus, Neudorf und retour._ Dies ist eine starke Tour und erheischt ein zeitliches Verlassen der Lagerstätte. Unser Weg führt vorerst auf der Kaiserstrasse nach Oberdorf. Hier sehen wir im Vorbeigehen das grosse Bräuhaus von Philipp. Die alterthümliche unvollendete Kirche stammt von dem unglücklichen Labketz, der unter dem Henkerbeile verblutete. Hier haben wir zwei Wege vor uns. Den ersten, die Strasse, vermeiden wir, denn sie führt steil über das Gebirge. Der grosse Kaiser Josef liess sie anlegen und das Volk erzählt sich, dass, als er später die Gegend bereiste, die steile Anlage sah und den Bauleiter zur strengen Rechenschaft zog. Wir wenden uns dem Landwege zu, an dem Oberdorfer Friedhofe vorbei. Bald haben wir die Vorberge erreicht. Diese tragen Obstgärten. In kurzer Zeit haben wir das kleine, mit Erlengebüsch besäumte Hatschkabächlein erreicht, das die Sporitzer Wiesen bewässert und auf den Troschiger und Schönlindner Wiesen entspringt. Dem steigen wir nach und kommen in die sogenannte »Ranz.« Später theilt sich der Weg, der rechts führt nach Schönlind, der links durch das Troschiger Revier nach dem Dörfchen Troschig. Von hier wenden wir uns nach Glieden. Dazu stehen uns zwei Wege offen. Der eine führt über Nokowitz und ist ein Fahrweg, geht anfangs nördlich der Strasse zu, wendet sich alsdann westlich und in ½ Stunde haben wir Nokowitz erreicht, das an der linken Lehne des Höllenthales ½ Stunde südlich von Krima liegt. Der Ort hat nur Getreidebau und Holzhandel, 23 Häuser und 152 Einwohner. Der zweite Weg ist ein Fusssteig und führt von Troschig westlich auf der linken Lehne des Höllenthales hinunter durch einen Eichenbusch. Unten angekommen, finden wir die schönsten Wiesen und ein kleines Bächlein, den Höllenbach, der auf der Krimaer und Wisseter Heide sich sammelt und mit dem Thale einem südöstlichen Laufe folgt, sich später westlich wendet, eingeschlossen und beengt von dichtbewaldeten Thallehnen. Bei Malkau tritt er in die Ebene und bildet mit dem Grüner und Plassdorfer Bächlein den sogenannten Saubach. Der Weg durch's Höllenthal ist oft beschwerlich. Bei einer Einschichte, links vorbei, gelangen wir an der Berglehne hinauf nach Glieden. Die Ortschaft hat 16 Häuser mit 117 Einwohnern, die Oekonomie treiben. Die Lage des Oertchens ist überaus freundlich. Vom Nordsturme durch den Gliednerberg geschützt, ist das Klima schon so mild, dass hier Obst gedeiht. Die nach allen Richtungen hin sehr beschwerliche Communication ist freilich den Einheimischen nicht auffällig. Südlich von Glieden, ½ St., finden wir den _*Höllenstein_, der eine Wand des Höllenthals bildet. Pittoresk geformt, mit einer schönen Aussicht auf demselben und schauerlicher Tiefe zu den Füssen, ist es für den Touristen lohnend, ihn zu besuchen. Wir gehen von Glieden auf einem Fusssteige nach Wisset. Der Ort hat 29 Häuser mit 232 Einwohnern. Wisset liegt auf der ersten Terrasse des hier aufsteigenden Gebirges, der Wisseter Platte. Die Lage der Ortschaft ist freundlich, die Communication per Wagen überaus beschwerlich. Der nördlich und nordöstlich sich hinziehende Höhenzug hat den Namen »Ziegenrück.« Er ist theilweise urbar, doch reift hier das Getreide 2 bis 3 Wochen später. Wisset selbst hat zwei Wirthshäuser. Jedem Touristen gewährt die Aussicht vom »Obern Berg« aus in's Saazer Land einen grossen Genuss. Wir verfolgen jetzt den Weg nach _Hohentann_, der westwärts durch die Wisseter Flur führt. Kurz vor dem Walde (ein Kreuz in der Nähe) theilt sich der Weg. Der rechts führt uns zur »Schweiger-Höhe«, der links abbiegende an der südlichen Schweigerlehne durch dichten Nadelwald nach *Hohentann. Wir verfolgen den erstgenannten und haben in ca. ½ Stunde den Höhepunkt »_*Schweiger_« erreicht. Nördlich und nordöstlich ansteigend und fast bis zu seinem Scheitel urbar, fällt er südlich, westlich und östlich gäh ab, nach allen Seiten hin die schönste Fernsicht bereitend. Das Biela- und Egergebiet, die Höhen des Duppauer Gebirges und fast der ganze Erzgebirgszug repräsentiren sich in ihrer Schönheit. Dort die alte Ruine Hassenstein, die Stadt Sonnenberg zu unseren Füssen, nördlich Sebastiansberg und die vielen Ortschaften bis gegen Eisenberg. Der Name Schweiger soll daher kommen, dass der Sage nach hier einst ein Sprosse der Hassensteine als Einsiedler seine Zelle hatte und schweigend seine Lebtage zubrachte. Südöstlich, den ersten besten Weg abwärts, kommen wir nach Hohentann. Dieses Dorf hat 29 Häuser und 180 Einwohner, die Oekonomie und Holzhandel treiben. Im Winter halten sich Weib und Kinder an die Spitzenklöppelei. Dort bei der kleinen Ortskapelle vorbei führt der Weg westwärts. Nicht weit vom Dorfe theilt er sich. Wir verfolgen den Weg links, lassen die Hohentanner Hügel zwischen Hohentann und Platz ebenfalls links, kommen zu einem Holzkreuze (am Kreuzwege), finden auf einer Wiesentrift den Fusssteig zum Platzer Forsthause und können hier den Fahrweg verfolgen zur Ruine Hassenstein. Der Tourist wendet sich auf dem Rückwege beim Forsthause nordwestlich, behält den mit Kiefern bewachsenen Lerchenberg seitwärts des Forsthauses rechts, die »Kalkofenhöhe« links und sieht bald in das tiefe »Grundthal«. Hier wendet er sich dem Wistritzbach, der dieses Waldthal durchfliesst, entgegen. Dort, wo der Weg die Thalsohle erreicht, liegt rechts das Grundwirthshaus. Hier ist jederzeit frisches Bier und ein Imbiss zu haben. Wir erreichen jetzt das schattige -- oft wildromantische Grundmühlthal oder Wistritzbachthal, das sich aufwärts immer mehr verengt und später zur Schlucht wird, kaum einen Fuhrweg lassend. Das Wasser des Baches ist hier spiegelhell; es würde bei normaler Körpertemperatur ein wohlthuendes Bad geben. Jetzt müssen wir darauf verzichten. Von dem Forellenreichthume früherer Zeit ist jetzt bei dem herrschenden Raubsystem wenig zu merken. Nach 1½stündiger Wanderung erweitert sich oben genanntes Thal, wir sehen die Holzmühle an der Komotau-Pressnitzer Strasse, gehen rechts die Strasse hinauf über's Zollhaus zum Bahnhofgebäude Krima-Neudorf. Hier pflegen wir unsere Glieder, stärken uns mit Speise und Trank und erwarten in Geduld den um 9 Uhr Abends nach Komotau abgehenden Zug, der uns um 10 Uhr nach Komotau bringt.
3. _*Von Komotau nach Tschernowitz, Malkau, Grün, Plassdorf, *Platz, *Hassenstein und Brunnersdorf. (Bahnstation.)_ Wir verfolgen die Bahnhofstrasse, lassen den Bahnhof links, treffen hier die sogenannte Kaadner Kapelle (ehemals Wallfahrtsort mit Kreuzweg) und gehen auf der Kaadner Strasse bis unweit Tschernowitz. Hier biegen wir bei einer kleinen Restauration rechts in einen Fusssteig ab, gehen durch die Tschernowitzer Steinbrüche am Fusse des südlichen Abhanges des Purberges. Unser Fussweg führt uns in ca. ½ Stunde nach dem Dörfchen Malkau mit 22 Häusern und 143 Einwohnern. Die Bewohner von Malkau sind durchgehends Oekonomen und verwenden einen regen Fleiss auf die Obstbaumzucht. Das Dörfchen Malkau hatte sich im Anfang der 70er Jahre der Naturforscher Dr. Martius zu seinem Domicil erwählt. In jener Zeit hat es wohl mehr Fremde gesehen, als gegenwärtig. Doch wir verfolgen nach dieser Abschweifung unseren Wegweiser. Dort, wo am nördlichen Ende des Dörfchens die »Höllenmühle« steht, führt der Weg nach dem ¼ Stunde entfernten Nachbardorfe Grün. (27 Häuser mit 168 Einwohnern.) Zwischen Grün und Malkau befindet sich eine kahle Anhöhe der »Lerchenberg«. Der bequeme Aufstieg ist der Fernsicht halber lohnend. Der Fusssteig nach Grün ist, um Irrungen zu vermeiden, wohl zu beachten. Wir betreten bei der kleinen Ortskapelle das freundliche Dörfchen. Grün ist unter den »Birndörfern« (von den nahen Gebirgsbewohnern der reichen Obstkultur halber so genannt) das grösste. In Grün befinden sich 2 Einkehrhäuser. Am Fusse des aufsteigenden Gebirges führt uns der Fusssteig westwärts in ½ Stunde nach Plassdorf (25 Häuser, 134 Einw.), welches an der Südlehne des Schweigers wie angeklebt ist. Die Bewohner von Plassdorf sind grosse Freunde des Obstbaues, vorzüglich aber verwenden sie auf die Cultur der Kirschen grosse Mühe. Das einzige Wirthshaus schliesst das Dorf südlich ab. Weiter südlich erhebt sich eine Anhöhe, genannt »Kralupper Berg«, mit Eichen und Birken besetzt. Von Plassdorf führt uns der Weg ½ Stunde durch eine Thalschlucht aufwärts an den Südabhang des Salberges dem Städtchen Platz (mit 400 Einw.) zu. Dieses Städtchen verdankt seine Entstehung den Burgherren des nahen Hassenstein. Die Einwohner beschäftigen sich theilweise mit Oekonomie, theilweise sind es Handwerker, vornehmlich Maurer. Die Spitzenklöppelei wird von dem weiblichen Theil der Bevölkerung ziemlich stark betrieben. Zwei Gasthäuser bieten dem Touristen die nöthige Unterkunft und Erfrischung. Zur Zeit des Zunftwesens war Platz das »Mekka« der Handwerker von den nahen Dörfern, selbst vom Flachlande; hier wurde der Lehrling zum Gesellen, der Gesell zum Meister befördert. Das Städtchen Platz bietet vom Kirchenplatze aus eine prächtige Fernsicht in die Saazer Gegend. Die meiste Anziehungskraft für die Touristen aber hat die ca. 10 Minuten westlich von Platz gelegene Ruine _Hassenstein_, welche noch heute in ihren Trümmern auf ihre vormalige Grossartigkeit schliessen lässt. Die Stätte selbst ist, wie die Nachgrabungen zu Anfang der dreissiger Jahre vermuthen lassen, schon in heidnischer Vorzeit bewohnt gewesen und zu gottesdienstlichen Zwecken oder als Begräbniss- auch Opfer-Platz benutzt worden. Man hat nämlich mehrmals Asche, Kohlen, Knochen und Urnenreste gefunden. Wann und von wem die Burg Hassenstein erbaut wurde, ist unbekannt. Zu Ende des 13. Jahrhunderts erscheinen die Brüder Friedrich und Theodor von Schönburg als Herren von Hassenstein, das damals ein Kronlehen war. Im Jahre 1418 war der damalige Besitzer in eine Verschwörung gegen König Wenzel IV. verwickelt, und der Monarch übertrug die Bestrafung dem Oberst-Landschreiber Niklas von Lobkowitz, welcher das Schloss Hassenstein eroberte und dasselbe als Eigenthum erhielt. Diese Schenkung wurde ihm 1421 von Sigmund und seinem Sohne Niklas von Lobkowitz 1457 vom König Ladislaw auf immerwährende Zeiten bestätigt. In Bohuslav Lobkowitz von Hassenstein feiert das Haus seinen glänzendsten Namen, die klassisch-humanistische Bildung des 16. Jahrhunderts eine ihrer ersten Grössen. Unter ihm glich die Burg Hassenstein einem kleinen Musenhof. Er war durch Gelehrsamkeit, Dichtergenie und Erhabenheit des Charakters ausgezeichnet. Zwei andere Lobkowitze auf Hassenstein, die Herren Sebastian und Bohuslav Felix, erwarben sich grosse Verdienste um den erzgebirgischen Bergbau damaliger Zeit. Gegen das Ende des 16. Jahrh. kam Popel von Lobkowitz in den Besitz von Hassenstein. Der letzte Lobkowitz auf Hassenstein war Christof. Im Jahre 1606 ging die Burg Hassenstein in den Besitz des Herrn Leonhard von Stampach über. Unter demselben, der seine lutherische Gesinnung mit 2 Dritttheilen seines Vermögens büssen musste, ging Hassenstein seinem Verfalle entgegen. Herr Jaroslav Bořita von Martinitz erwarb die halbverfallene Burg sodann für ein Billiges. Später bekam die Ruine mit dem dazu gehörigen Grundbesitz die Nebenlinie Martinitz-Hagensdorf. Durch die erbliche Nachfolge dieser Linie kam Hassenstein in den Besitz der Grafen Wolkenstein-Trostburg. 1880 verkaufte Engelhardt von Wolkenstein sein Erbe und mit ihm Hassenstein an den Grossindustriellen Preidl.