Führer durch das böhmische Erzgebirge, das Mittelgebirge und die angrenzenden Gebiete
Part 12
Haben wir Altvater Peintl unseren Gruss zugewinkt, und das letzte Häuschen von Neuhammer im Rücken, so winken uns höhere Gebirgskuppen, und ernster Fichtenwald nimmt uns auf. Die Strasse windet sich in vielfach gebogenen Zickzacklinien etwas steiler durch den dunkeln _Vierfels_ (rechts), den hochbewaldeten _Kaiserbuchwald_ (links). Die Berge treten näher und näher heran, das sanfte Rauschen des zur Linken fliessenden, forellenreichen Weissbächleins gewährt eine interessante Unterbrechung der Waldeinsamkeit. Dort, wo sich die Strasse stark nach Rechts wendet, verlässt uns unser traute Begleiter und versteckt sich am Fusse des sich hinter uns erhebenden kahlen Berges »_Kohlhau_«, wo er sein Quellchen hat. Die Strasse wird etwas steiler, und die Höhe, vom Volksmunde »_das Abg'span_« genannt, ist erreicht, eine steinerne Säule markirt dieselbe. (Links zweigt ein Fussweg, der sog. Buttersteig, ab und führt nach _Breitenbach_ und _Johanngeorgenstadt_.) Den Schlusstheil unserer Wanderung bildet das Zurücktreten des Waldes, an dessen Saume wir ein anmuthiges Forsthaus begrüssen; noch ein Viertelstündchen, und wir sind in _Platten_, dem Ziele unserer Wanderung.
Platten.
=Gasthöfe=: _Waldhütter's Gasthaus_ (an der Ecke des Marktplatzes). _Rathhaus._
=Post- u. Telegrafenamt= am Marktplatz.
=Postverbindung= nach Joachimsthal täglich 1mal. " Neudek " 1 " " Karlsbad " 2 " " Johanngeorgenstadt " 2 "
=Aemter=: Bezirksgericht. Steueramt. Bürgermeisteramt (im städt. Rathhause).
Beschreibung und Geschichte der Stadt.
Die k. Bergstadt Platten liegt an der Südwestseite des Plattenberges auf dem Kamme des Gebirges, welches dicht nordwestlich an der Stadt allmählig nach der sächsischen Seite, im Süden aber mehr steil nach Böhmen abfällt. Die Stadt ist sehr regelmässig gebaut und zählt 2500 Einwohner, die Viehzucht, Blechlöffel- (aus Eisenblech und aus Stabeisen), Blechspiegel- und Blechfeuerzeuge-Fabrication, Spitzenklöppelei, Handschuhnäherei und Korkschneiderei betreiben. Nicht weniger als eine halbe Million Dutzend Löffel, und zwar beiläufig 30 verschiedene Sorten, werden von Grosshändlern in Platten und Neudek jährlich nach allen Richtungen versendet. Der Gesammtwerth der in Platten erzeugten Blechspiegel wird auf ungefähr 40.000 fl. geschätzt.
=Sehenswürdigkeiten=: Grosse _Löffelfabrik_ von Kolb und Kerl. Die _Stöpselfabrik_ des Vincenz Gerber. -- Zu erwähnen ist der durch die Stadt fliessende sog. _Stadtgraben_, ein Bach, der nördlich von Gottesgab entspringt und schon in alter Zeit von der Stadtgemeinde durch die Waldungen zum Betrieb der Berg- und Pochwerke, Mühlen und Schmelzhütten hieher geleitet worden ist und noch immer erhalten wird.
Die Gegend um Platten gehörte im Mittelalter zu der damals böhmischen Herrschaft Schwarzenberg, welche aber König Georg von Poděbrad, als seine Tochter sich 1459 mit dem Herzog Albrecht von Sachsen vermählte, diesem als Mitgift gab. Herzog Albrecht verkaufte die Herrschaft an die Herren von Tessau, und von dieser Familie ging sie 1532 kaufweise an den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen über. Ohne Zweifel wurde schon vor genanntem Jahre in dieser Gegend an mehreren Puncten, wie bei den jetzigen Ortschaften Irrgang, Zwittermühl, Breitenbach u. a., Bergbau auf Eisen und Zinn getrieben. Als 1532 auf dem Plattenberge »höfliche« (hoffnungsreiche) Zinngruben aufgefunden wurden, kamen immer mehr Bergleute aus der Umgegend, namentlich von Schneeberg, herbei, liessen sich hier nieder und gründeten Platten. Gleichzeitig fand die Gründung von Gottesgab statt. Der Bergbau machte in Platten bedeutende Fortschritte, viele neue Zechen wurden aufgenommen und auch einige Silbergänge erschürft: deshalb erliess der Kurfürst eine gedruckte Bergordnung und räumte der Bevölkerung die Befugnisse des Backens, Bierbräuens etc. ein. Im Jahre 1544 besass Platten bereits 8 Schmelzhütten und mehrere Eisengruben. Im schmalkaldischen Kriege hatte die churfürstliche Bergstadt, überhaupt die ganze Gegend bis an das Egerthal herab, viele Bedrängnisse zu erdulden. Christof von Gendorf zog im October 1546 mit zwei Fähnlein gegen Platten und erschreckte mit fünf grossen Stückbüchsen die dort befindliche sächsische Mannschaft so, dass sie die Flucht ergriff und die Stadt von kaiserlichen Truppen besetzt wurde. Aber im April 1547 kam die Stadt wieder in den Besitz des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen. Derselbe wurde bekanntlich vom Kaiser Karl V. in die Reichsacht erklärt und verlor sein Land, welches sein Vetter Moriz, der sich mit dem Kaiser verbunden hatte, erhielt. Am 14. October 1546 schloss König Ferdinand von Böhmen mit dem Herzog Moriz von Sachsen einen Vertrag ab, kraft dessen die südliche Hälfte der Herrschaft Schwarzenberg mit Platten und Gottesgab sammt den Wäldern an Böhmen mit der Bedingung abgetreten wurde, dass dem Herzog die freie Jagd und der Genuss des Bergwerks-Zehnten blieb. Ein zweiter, im Jahre 1556 zu Schneeberg abgeschlossener Vertrag änderte erwähnten Vorbehalt dahin ab, dass der Zehnte zur Hälfte getheilt, aber auch der Gehalt der Beamten von jedem Theile zur Hälfte gezahlt werden sollte. Im Laufe der Zeit erhielt die Stadt von den Kaisern Ferdinand I., Maximilian II., Rudolf II., Mathias und Ferdinand III. mehrere Privilegien, hauptsächlich zur Förderung des Bergbaues. So verlieh K. Ferdinand I. am 30. Juli 1555 der Stadt neue Bergfreiheiten, gestattete den Einwohnern, aus abgetriebenen Waldstrecken Felder anzulegen, und ein Stadtwappen zu führen, das ausser dem österreichischen Schild und dem halben böhmischen Löwen eine Seifengabel und eine Keilhaue darstellte.
Die bis 1617 gemachten neuen Anstrengungen, den Bergbau zu heben, wurden durch den dreissigjährigen Krieg, der seine blutigen Wellen auch über die Bergrücken des Erzgebirges wälzte, unterbrochen. Und als 1653 diejenigen protestantischen Bewohner Platten's, welche nicht zum katholischen Glauben übertreten wollten, nach Sachsen auswanderten und auf dem Fastenberge die Stadt Johanngeorgenstadt gründeten, ging der Bergbau dem gänzlichen Verfalle entgegen. Nur 1739 trat eine neue günstige Epoche ein. Der Grenzzoll-Einnehmer Hessler machte in diesem Jahre auf der Zinngrube St. Conrad einen überaus glücklichen Anbruch. Sie lieferte 1740 eine Ausbeute im Werthe von 200.000 fl., die sich später auf das Vierfache erhöhte. Ebenso glücklich war Hessler mit zwei Silberzechen, dem Gottholds-Stollen und am Rosenhof. Dieser reiche Bergsegen bildete leider nur eine Ausnahme.
Spaziergänge und Ausflüge.
1. _Zum *Plattenberg, nach Auerhahnl_ (Irrgang). Eine gute Strasse führt in nordöstlicher Richtung über den _Plattenberg_ (1038 m), von dem man eine schöne Aussicht über Platten und Bärringen hat. Bei der auf der Höhe steigenden Säule zweigt sich links ein Waldweg ab, auf dem man zu einer Triangulirungspyramide kommt, von der man eine _reizende Aussicht_ über einen Theil von Sachsen und Böhmen geniesst.
Zur Säule zurückkehrend, kommen wir auf schöner Strasse in stiller Waldeinsamkeit nach _Irrgang_, wo dem Spaziergänger das kleine, aber durch seine reinlichen Gastleute bekannte sog. _Auerhahnl_ zu einem frischen Trunk und stärkenden Imbiss einladet. Links von diesem Gasthause sehen wir ein _Eisenwerk_ (Hilfgotteseisenzeche). Rechts unterhalb dieses Eisenwerkes liegt das sog. _Schneebergl_, ein mit Jungholz bewaldeter Scheitel, wo sich mehrere Verritzungen, von altem Bergbau herrührend, finden, in deren Tiefe immerwährender Schnee sichtbar ist.
2. _Zur Wolfs- und Eispinge._ Bei der Kolb und Kerl'schen Löffelfabrik theilt sich der Fussweg. In nördlicher Richtung führt er bei dem aus den Zeiten des Bergbaues herrührenden _Pulverthurme_ und der ehemaligen Papiermühle vorbei. In dem niederen Fichtenstande, in den der Weg eintritt, theilt er sich von neuem. Wir halten uns rechts und kommen zu der vom Steige rechts sich befindlichen _Wolfspinge_. Dieselbe ist ein alter Tagbau, der nun als riesiges Felsennest von der primitiven Abbauung der Erze vor dreihundert Jahren Zeugniss gibt; die Annalen erzählen, dass man darin centnerschwere Zinngraupen gefunden hat. Etwas nördlicher kommen wir, das Augenmerk ängstlich auf unsere Füsse richtend, zur sog. _Eispinge_. Risse und Spalten in die Erde, die der Fuss zu überschreiten vermag, und die mit Gestrüpp überwachsen sind, verhindern den Zutritt des Sonnenlichtes in die gähnende Schlucht, in welcher ewiges Eis in mächtigen Stalagmiten, die Wände emporstrebend, sich befindet. Bemerkt sei, dass es auf dem Plattenberg ausser den beiden genannten Zeugen alten Bergbaues noch andere offene Stollen und Höhlen gibt (bei Irrgang die Schneepinge).
3. _Nach *Ziegenschacht_ (1 St.). Von der oben genannten Löffelfabrik betreten wir links den Wiesensteig. Zur Rechten und Linken breiten sich im schönsten Farbenschmucke prangende Wiesen aus. Wir gehen gegen Norden und kommen nach kurzer Strecke in eine Fichtenjugend, in welcher zwei Waldwege führen, die sich aber wieder vereinigen. Hat man die abgeholzte Richtung erreicht, so hält man sich links. Der Weg führt wieder in einen Fichtenbestand hinein, aus dem er erst in Ziegenschacht heraustritt. Die schöne Waldeinsamkeit, der duftige Harzgeruch und brennende Meiler machen diesen Spaziergang zu dem angenehmsten in Plattens Umgebung. Gasthaus im Ziegenschacht.
Tour Karlsbad-Lichtenstadt-Bärringen.
Die vom Bahnhofe aus nach Schlackenwerth führende Aerarialstrasse verfolgend, betreten wir die auf der sog. _Weheditzer-Zettlitzer_ Höhe links sich abzweigende und durch den Ort _Ottowitz_ führende Bezirksstrasse, die sich zwischen gutbebauten und ergiebigen Fluren dahinzieht, deren Inneres auch reiche Kohlenlager birgt. Man geniesst eine _hübsche Aussicht_ nach Zettlitz, Altrohlau. An der sog. _Widitzmühle_, dem _Widitzhofe_ und einigen Häusern der Gemeinde _Halmgrün_ vorbei leitet die Strasse durch einen grossherzoglich Toskanischen Fichten- und Föhrenwald und bringt uns nach 1¾stündiger Tour in das Dorf _Grossenteich_ (liegt 1 St. sw. von Schlackenwerth) mit dem nördlich am Dorfe gelegenen, einem kleinen See gleichenden _Grossteich_ von 110⅓ J. Area. Hier bietet sich ein _schöne Rundsicht_; man erblickt westlich die Dörfer Ruppelsgrün und Edersgrün, gegen Norden und Nordwesten das Erzgebirge mit dem Wölfling, gegen Osten und Süden das Duppauer Gebirge. Wir wandern auf der Strasse noch ¼ Stunde weiter und erreichen _Lichtenstadt_, wo sich uns gleichfalls eine _gute Rundsicht_ erschliesst.
Lichtenstadt.
=Gasthöfe=: _Zum Rathhaus. Zur Sonne._
=Postamt.= Bürgermeisteramt (im städt. Rathhaus).
=Sehenswürdigkeiten=: _Eisengiesserei-Fabrik_ des _Heinrich Reichel_ (5 Minuten oberhalb der Stadt). Lichtenstadt gehörte i. J. 1217 dem Wladik Hroznada, welcher es dem von ihm gegründeten Stifte Tepl vermachte. Diese Schenkung bestätigte Karl IV. am 3. Mai 1350 und ertheilte zugleich die Erlaubniss, in dem an Lichtenstadt anliegenden Walde oder auf anderen, dem Stifte gehörigen Gütern Mühlen und Eisenbergwerke anzulegen. Die Geistlichen zogen fleissige deutsche Ansiedler in die Gegend, welche in den öden Waldstrecken viele Ortschaften anlegten. Zur Zeit des Husitenkrieges kam das Gut an die königl. Kammer, bis Kaiser Sigmund 1437 es nebst anderen Besitzungen seinem Kanzler Kaspar Schlick zum Geschenk machte. In älterer Zeit wurde hier Bergbau auf Silber und Zinn betrieben, der aber im Husitenkrieg einging. Unter Kaiser Ferdinand I. erblühte der Bergbau von neuem, allein der 30jährige Krieg vernichtete ihn. In den Jahren 1770 und 1785 stellte man neue Bergbauversuche an, erzielte aber keine Erfolge.
=Besteigung des *Wölfling.= In der unmittelbaren Nähe von der Reichel'schen Fabrik erhebt sich rechts der sog. _Hohenberg_, an dessen Fusse der israelitische Friedhof gelegen ist; links »der ausgedehnte und hohe _Glasberg_, welcher mit seinen Abhängen bis an den Fuss des Gebirges (Erzgebirges) abdacht und sich als ausgebreitetes Gebirgsjoch von seiner sich steil erhebenden ansehnlichen Kuppe in nordwestlicher Richtung bis auf den Hauptkamm des Gebirges hinzieht. Der höchste Punct dieses Gebirgsjoches ist der _Trausnitzberg_, westlich von Salmthal. Durch die südlichen ausgedehnten Gipfel des Glasberges wird diese weiter nordwestlich liegende Kuppe, sowie der höhere Hauptkamm des Gebirges, verdeckt.« Einer der südlichen Gipfel heisst _*Wölfling_ und gewährt wegen seiner frei vorspringenden Lage eine _umfassende, prachtvolle Aussicht_, wie sie nur _wenige_ Puncte des Erzgebirges gewähren. Fast ausnahmslos in den bezüglichen Reise-Führern ignorirt, lässt sich auf dem Wölfling nur hie und da ein Tourist sehen. Wir können die Besteigung dieses Berges, obgleich die dahin führenden Wege manches zu wünschen übrig lassen, allen Erzgebirgstouristen auf das _wärmste_ empfehlen. Wir besteigen in einer Stunde den Wölfling von Lichtenstadt aus, passiren den sog. »Kirchsteig«, der beim lichtenstädter Schiesshause seinen Anfang nimmt und durch die Waldung oberhalb des Dorfes _Edersgrün_ führt. (Mit _Wagen_ kommt man auf der Bezirksstrasse über _Merkelsgrün_, _Salmthal_ in 1¼ St. nach _Bärringen_, von wo südlich der gewöhnliche Weg, das sog. »Bärringer Strass'l« durch die grossherzogliche Waldung in 1 Stunde nach Wölfling führt, oder man fährt auf der vor der Reichel'schen Fabrik abzweigenden, über Edersgrün, Tüppelsgrün bis Neudek leitenden Bezirksstrasse bloss bis _Tüppelsgrün_, von wo sich in nordwestlicher Richtung ein Waldweg nach _Kammersgrün_ schlängelt; der nicht gar gute Verbindungsweg zieht sich in einer sanften Anhöhe nach Wölfling und kann ebenfalls in 1 Stunde zurückgelegt werden. Ist man am Gipfel des Berges angekommen, so sieht man das _Forsthaus_ und noch ein einzelnes Haus. Beide bilden das »_Vorder-Wölfling_«. Von da bietet sich dem Beschauer ein _wahrhaft entzückender und seltener Anblick_ von einem bunten Gemische von Waldungen, Feldern, Wiesen und Teichen, Städten und Dörfern, Bergen und Thälern, dass demselben, überwältigt von dem herrlichen, farbenprächtigen Bilde, unwillkürlich ein »Ach« entfällt. Lässt man das Auge gegen den Fuss des Berges schweifen, so erblickt man südlich und südwestlich an dem Abhange kleine Vorberge und Thäler, welche reizend aussehen; namentlich nimmt sich das Dorf _Tüppelsgrün_, am Tüppelsgrüner Bache gelegen, sehr schön aus. Verfolgt man die Ebene südöstlich, so sieht man viele Ortschaften, darunter Schlackenwerth, die Gegend von Buchau, Giesshübl, die Ruine Engelhaus; südlich die Gebirgskette von Tepl, die Stadt Karlsbad mit ihren Ausflugsorten, z. B. Bahnhof, Waldschloss, Dreikreuzberg, Hirschensprung und Antonienshöhe, ferner Donitz, Fischern, Dallwitz, Aich, Altrohlau, Zettlitz u. a., den Grossteich und mehrere kleinere, zu Tüppelsgrün gehörige Teiche (Wiesenteich, Haideteich); südwestlich Neurohlau mit seinem grossen Teich, Chodau mit mehreren umliegenden Ortschaften, Elbogen, Altsattel, Neusattel, Falkenau und Umgebung, Maria-Kulm, die Gegend von Eger und Franzensbad. Ueberdies wird die lachende, herrliche Landschaft -- das Egerthal -- von dem Silberbande der Eger durchzogen. Einen unvergleichlich schönen, köstlichen Anblick geniesst man hier kurz vor Sonnenuntergang durch das Blitzen der vielen Teichspiegel, das Brennen der Fabriks-Essen von Dallwitz, Aich, Fischern, Altrohlau und Chodau. Von Wölfling gelangt man in nordwestlicher Richtung zu dem sog. »_Hohen Hau_« (zu Kammersgrün gehörig), woselbst ein _Gloriett_ errichtet ist zur besseren Aussicht auf das Egerland. -- Die Strasse, welche sich nördlich am rechten Ufer des forellenreichen Wistritzbaches zwischen Wiesen im reizend schönen, romantischen Wistritzthale dahinzieht, führt nach ½stündiger Wanderung durch das Dorf _Merkelsgrün_, welches am Wistritzbache gelegen, rechts von Feldern, links von Wiesen umgeben ist. Beim Wirthshause führt rechts von der Bezirksstrasse eine Strasse zur _Porzellanfabrik_. Wir schreiten auf der nun am linken Ufer des Wistritzbaches führenden Strasse entlang weiter und gelangen nach dem an Merkelsgrün unmittelbar sich anschliessenden Orte _Salmthal_, das 1 Stunde nw. von Lichtenstadt an den Thalgehängen des Glasberges und Plessberges liegt. (_Holzschleifereien_ des Wilhelm _Schreiter_, Heinrich _Kluge u. Comp._ und Johann _Geutner_.) (Erwähnenswerth ist, dass hier hinter dem Gasthause »zum grünen Thal« durch ein enges Seitenthal, den sog. Modersgrund, ein guter Waldweg nach _Abertham_ führt.) Weiter thalaufwärts steigend, kommen wir nach ½ Stunde in _Bärringen_ an.
Bärringen.
=Gasthöfe=: _Rathhaus_ und _Stadt Leipzig_.
=Post- u. Telegrafenamt.= Bürgermeisteramt.
Die Bergstadt Bärringen mit 2360 Einwohnern liegt hoch im Gebirge an der Schwarzen Wistritz. Die Haupterwerbsquellen sind Rindviehzucht, Stickerei und Spitzenklöppelei. Erwähnenswerth ist wohl hier die _Gimpelzucht_, die den Züchtern jährlich einige hundert Gulden abwirft. Die jungen Gimpel werden nämlich aus dem Neste genommen, zu Hause erzogen und gelehrt, indem man ihnen das einzuübende Liedchen bloss mit dem Munde rein und immer gleichmässig vorpfeift. In jüngster Zeit wurde hier durch Vermittelung des Herrn Ritters von Dotzauer auch die Harzer Kanarienvogelzucht eingeführt.
=Sehenswürdigkeiten=: _Die grossen Stickerei-Etablissements_ von _A. Meinls Erben_, _Gebrüder Pfob_ und _J. T. Poppenberger_.
Das Städtchen verdankt seinen Ursprung dem Bergbau, welcher hier 1532 begann. Der Sage nach soll ein Bär durch Scharren seines Lagers in der Gegend des sogenannten Schwarzen Teiches das Erz entblösst haben, und so die Lagerstätte von Zinnerz erschürft worden sein; darauf soll auch das Wappen des Städtchens deuten, welches einen Bären vorstellt, der einen Ring in der Pfote hält. In der grössten Blüthe war der Bergbau, der schon längst erloschen ist, unter der Regierung Kaiser Ferdinands I., denn nicht weniger als 72 Pochwerke waren damals hier in Betrieb. Im Jahre 1559 wurde Bärringen zur Stadt erhoben.
Tour: Karlsbad-Schlackenwerth-Joachimsthal.
Von Karlsbad gelangen wir, wenn wir die Tour auf der schönen Reichsstrasse machen, in 2 Stunden (zu Wagen in 1 Stunde) nach Schlackenwerth, oder wir fahren zu dieser Stadt pr. Buschtěhrader Bahn in ½ Stunde.
Wir wählen die Fusstour. Unterhalb des Karlsbader Bahnhofes, wo sich die nach Schlackenwerth führende Strasse rechts zweigt, erblicken wir sogleich zur Linken das Dorf _Zettlitz_, zur Rechten _Karlsbad_, _Drahowitz_, den _Egerfluss_, _Weheditz_. Die Strasse führt durch Felder; wir schreiten bei einer grossartigen _Dampfziegelei_ vorüber und erreichen die sog. _Weheditzer-Zettlitzer_ Höhe, wo wir eine _schöne Aussicht_ geniessen (Siehe Tour Karlsbad-Lichtenstadt). (Auf dieser Höhe zweigt linksab die Strasse nach Lichtenstadt, etwas weiter entfernt rechtsab die Strasse nach Dallwitz.) Die in nordöstlicher Richtung dahinziehende Strasse weiter verfolgend, gelangen wir unterhalb _Sodau_ zu einem Theil dieses Dorfes mit 2 Gasthäusern, nähern uns dann dem rechts liegenden Dorfe _Lessau_, wandern links an dem Orte _Fuchsloch_ (½ St. sw. von Schlackenwerth) und dem Dorfe _Grasengrün_ (Teiche; der _Peinteich_ zwischen Grasengrün und Hauptstrasse) vorbei und kommen endlich nach _Schlackenwerth_. Links von der Strasse sehen wir den _Friedhof_ und den grossherzoglich toskanischen _Park_, rechts das _Actienbräuhaus_.
Schlackenwerth.
=Gasthöfe=: _Zum Renthaus_, am Marktplatze, _Schwarzer Adler_.
=Post- und Telegrafenamt= im erstgenannten Gebäude.
=Postverbindung= nach dem Bahnhofe »Schlackenwerth«. " " Joachimsthal täglich 3mal.
=Aemter=: _Bürgermeisteramt_. _Spar-_ und _Vorschusskassa_.
Beschreibung und Geschichte der Stadt.
Schlackenwerth, der Hauptort der gleichnamigen, dem Grossherzog von Toskana gehörigen Herrschaft, liegt am Fusse des Erzgebirges an der Wistritz und an der Buschtiehrader Bahn in einer schönen und reizenden Ebene, welche nördlich von den gewaltigen, waldbekrönten Bergketten des Erzgebirges, westlich von dessen milderen Ausläufern, südlich von den Karlsbader Hügelketten und östlich von dem kegelartig gestalteten Egergebirge eingeschlossen wird. Dieser sehr fruchtbare, an Aeckern und Wiesen reiche Basalt-Kessel wird vom Wistritz- und Weseritz-Bache durchfurcht. Ersterer nimmt, bevor er Schlackenwerth erreicht, den Weseritzbach auf. Die Stadt zählt 2000 Einwohner, welche sich hauptsächlich mit der Landwirthschaft beschäftigen.
=Sehenswürdigkeiten.= _Das grossherzoglich Toskanische Schloss_, in einfachem Renaissancestyl erbaut, ist in jüngster Zeit durch zwei Seitenflügel und einen rückwärtigen Trakt vergrössert worden. Dasselbe besitzt einen _grossartigen Rococo-Park_ mit hundertjährigen Eschen und Linden, stattlichen Erlen, Ahornen, Weiden, Cirpisbäumen und hohen Tannen, sowie mit anmuthig angelegten Spaziergängen. Mitten im Parke, der in den Sommermonaten von Karlsbader Curgästen und Touristen sehr häufig besucht wird, steht das im Rococostyle erbaute herrliche _Gartenhaus_, ein octogones, barockes Gebäude mit _Restauration_. (Geschichtliches siehe bei der Geschichte der Stadt.)
_Die Pfarrkirche_, im gothischen Styl erbaut und neu renovirt, hat ausser dem imposanten Hauptaltar noch 6 Seitenaltäre. Das Altarbild des ersteren stellt die Grabbestattung Jesu vor und ist ein Meisterwerk des berühmten böhmischen Malers _Karl Skreta_. _Das Piaristen-Collegium_ mit einem durch den letzten Gymnasialdirector P. Ernst _Miebes_, einen geborenen Schlackenwerther, _trefflich angelegten, reichhaltigen Lehrmittel-Cabinet_, mit einer werthvollen _Bibliothek_, im grossen, schönen Archivsaale, an dessen Wänden nebst den Ahnenbildern der _Lauenburger_ auch die Bildnisse der kaiserlichen Hoheiten _Leopold_ II. und _Maria Antonia_ in Lebensgrösse prangen. Für den Archäologen und Bibliographen ein Unicum: Der _Manuskript-Pergamentcodex vom Jahre 1353_, welcher die Legende der hl. Hedwig, Herzogin von Schlesien, und vier Homilien des hl. Bernhard enthält.
=Geschichtliches.= Das Piaristen-Collegium wurde von _Anna Magdalena Popelia_, der Gemahlin des Herzogs Julius Heinrich von Lauenburg, 1666 gestiftet; das Gymnasium, 1780 in eine Normalhauptschule verwandelt, wurde 1804 abermals eröffnet und bestand bis zum Jahre 1820, in welchem die beiden Humanitätsklassen aufgehoben wurden, so dass nur die 4 Grammatikalklassen blieben, die aber 1852 sammt der Hauptschule geschlossen wurden. Durch die wahrhaft fürstliche Munificenz der durchlauchtigsten Frau _Grossherzogin Maria Antonia_ und des edlen _Grossherzogs Leopold_ II. konnte am 1. Okt. 1863 das Piaristen-Untergymnasium wieder eröffnet werden, das aber leider mit dem Schuljahre aufhörte. -- In der Piaristenkirche, welche 1674 eingeweiht worden ist, befindet sich auf dem Hochaltare die _Muttergottesstatue Maria-Treu_, wohin nicht nur Schlackenwerther, sondern auch Katholiken aus der ganzen Umgegend ihre Zuflucht nehmen.
_Porzellanfabrik von Pfeiffer und Löwenstein._ (Rechts von der Strasse zum Bahnhofe.) -- _Actienbräuhaus._ (Links an der Karlsbader Strasse.)