Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie
Part 9
Das alles sieht fast pedantisch aus, aber es war in Wahrheit keine pedantische Schrulle, sondern die notwendige Bedingung seiner großen Leistungen. Wir dürfen uns Kant nicht als einen schon in der Jugend eingetrockneten Gelehrten und Büchermenschen vorstellen. Vielmehr war er in jüngeren Jahren als unterhaltender und witziger Gesellschafter sehr beliebt, auch bei Frauen, wie er selbst den Umgang mit klugen, feinen Frauen besonders schätzte. Er lebte als Junggeselle, aber keineswegs ungesellig, sondern suchte Verkehr besonders mit Männern des praktischen Lebens. Kaufleute und ein Forstmeister waren seine nächsten Freunde. Obwohl er seine Heimatprovinz nie, seine Heimatstadt höchst selten verließ, umspannte sein Gesichtskreis die ganze Welt. Reisebeschreibungen waren seine liebste Erholungslektüre; er wußte überall Bescheid, und die Welt lag offener vor ihm als vor manchem, der heute alle Meere durchfahren hat. Noch größer war seine Teilnahme für alles, was dem Wohl der Menschheit dient. An den Reformen der Erziehung, die damals vielfach versucht wurden, nahm er regen Anteil und gab sich z. B. viele Mühe, für Basedows Philanthropin Geld zusammenzubringen. Bis in seine mittleren Jahre hinein verfolgte er auch die schöne Literatur eifrig. Klopstocks Schwärmerei stieß ihn ab, Wieland war sein Lieblingsschriftsteller. Später freilich, als unsere Dichtung sich zu ihrer höchsten Blüte entfaltete, war Kant zu beschäftigt mit der Ausbildung seiner Philosophie, um noch jene ganz neue Welt der Poesie in sich aufnehmen zu können.
Dieser lebhafte, für alles Bedeutende empfängliche Geist spiegelt sich in dem Stil seiner Jugendwerke, der oft von feiner, etwas altmodischer Grazie ist. Als er freilich sein Hauptwerk ausarbeitete, lag die frische Jugend längst hinter ihm. Die ersten vorbereitenden Gedanken legte er 1770 beim Antritt seiner Professur in einer lateinischen Schrift nieder, aber es bedurfte noch 11 Jahre schweigender Arbeit, bis 1781 die _Kritik der reinen Vernunft_, das Hauptwerk Kants und der neueren Philosophie, erschien. Ihr Verfasser war damals bereits 57 Jahre alt. Noch blieb ihm Zeit und Kraft, die übrigen Teile seiner Philosophie auszuführen. 1788 erschien die _Kritik der praktischen Vernunft_, d. h. die Ethik, 1790 die _Kritik der Urteilskraft_, die zugleich seine Ästhetik und die Lehre von der organischen Natur enthält. Auch seine _Religionsphilosophie_ vermochte er, anfangs durch die Zensur daran gehindert, nach Friedrich Wilhelms II. Tode herauszugeben. Dann aber nahte dem durch Arbeit geschwächten Körper das Alter mit allen seinen Leiden. Er mußte schließlich seine Lehrtätigkeit aufgeben und wurde 1804 fast achtzigjährig durch den Tod erlöst.
Kants Hauptwerk, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen, ist schwer zu lesen und zu verstehen. Es ist in einer Sprache geschrieben, der man überall den Kampf um den richtigen und vollständigen Ausdruck der Gedanken anfühlt. Auch mußte Kant, um überhaupt von seinen Zeitgenossen verstanden zu werden, vielfach die Ausdrucksweise eben der Philosophie gebrauchen, die er widerlegte. Davon abgesehen, gewinnt der Stil dieses großen Werkes für den, der es wirklich versteht, einen ganz eigenen Reiz. Unter der starren Maske fremder Worte fühlt man das geistige Ringen und die beglückende, endlich erreichte Klarheit. Obwohl in der Darstellung fast jede Spur von Persönlichem ausgeschieden ist, macht sich die Persönlichkeit geltend. Von allem diesem Reize kann ich Ihnen nichts mitteilen, da ich die besonderen Schwierigkeiten der Kantischen Ausdrucksweise vermeiden muß. Auch der folgende Versuch, Kants Grundgedanken in allgemein zugänglicher Sprache wiederzugeben, wird an Ihre Aufmerksamkeit und an Ihre geistige Mitarbeit noch erhebliche Ansprüche stellen. Ich kann Ihnen diese Schwierigkeiten nicht ersparen; denn nur, wenn Sie einen Anteil an der Mühe der Wissenschaft gewinnen, wird Ihnen die Wissenschaft inneren Vorteil bringen. Es gibt eine Art von Popularisierung wissenschaftlicher Ergebnisse, die dem Hörer nur den Schaum zu leichtem Genusse bietet. Sie erzeugt den falschen Glauben, nun auf der Höhe wahrer Bildung zu stehen. Vergleichen möchte ich diese Art mit der künstlerischen Schilderung von Bauern, Seeleuten usw., die um die Mitte des 19. Jahrhunderts der erwachenden Anteilnahme an dem Geschick breiterer Volksschichten entgegenkam. Man stellte Landleute und Matrosen in sauberen, wie aus der Maskengarderobe geliehenen Sonntagskleidern in friedlicher Feierstimmung dar. Wir empfinden diese Kunst als Lüge. Wir wollen für das schwere Leben des Bauern und Arbeiters, wie es wirklich ist, Verständnis gewinnen. Dazu darf der Schmutz der Arbeit und die Schwielen an den Händen sowenig fehlen wie der Gesichtsausdruck, den der Lebenskampf aufprägt. Ebenso können Sie für die Wissenschaft Verständnis und Liebe nur gewinnen, wenn Sie an ihren Anstrengungen teilzunehmen suchen.
[Rationalisten und Empiristen]
Um Kants Leistung zu verstehen, müssen wir vollständiger als bisher wissen, woran er anknüpfte. Die Denker, die wir in den vorangehenden Vorträgen behandelten, stimmen alle darin überein, daß sie im vernünftigen Denken das Mittel des Erkennens erblicken. Nach dem lateinischen Worte ratio, Vernunft, nennt man sie daher _Rationalisten_. Aus reinem Denken heraus suchten sie sicheres Wissen von der Gesamtheit der Welt zu gewinnen. Wir sahen an Spinoza, in welche Schwierigkeiten ihr Streben sie verwickelte. Nahe lag infolgedessen der Einwand, daß ihre Voraussetzung falsch, daß das vernünftige Denken gar nicht die Grundlage sicheren Wissens sei. Schon vor Descartes hatte der englische Denker und Staatsmann _Francis Bacon_, mit dem praktischen Sinne seines Volkes das Nützliche ergreifend, eine andere Ansicht vom Erkennen aufgestellt. Können wir denn irgendeine noch so einfache wirkliche Einsicht aus der bloßen Vernunft herausholen? Schnee schmilzt bei Erwärmung zu Wasser, Wasser verdampft bei weiterer Erhitzung. Wir wissen das sicher -- aber nur aus Erfahrung. Es gibt Flüssigkeiten, die -- wie das Weiße im Hühnerei -- beim Erhitzen fest werden, nicht flüssig. Durch Sammlung und Vergleichung solcher Erfahrungen werden wir reicher an Wissen; die Erfahrung, Einzelheiten häufend, vom Einzelnen zum Allgemeinen aufsteigend, gibt allein wahre Erkenntnis. Da Erfahrung auf griechisch ~empeiria~ heißt, nennt man diese Philosophen _Empiristen_. Von Descartes und von der Naturwissenschaft Newtons beeinflußt, hatte _John Locke_ den Empirismus ausgebildet und im Laufe des 18. Jahrhunderts auch auf dem Festland Einfluß gewonnen. Indessen »Erfahrung« ist eine recht komplizierte Sache -- der Satz, »erhitztes Wasser verdampft«, ist ja augenscheinlich erst das Erzeugnis vieler Wahrnehmungen und Überlegungen. Man hat zuerst das Wasser gesehen, seine Feuchtigkeit gefühlt, dann hat man die Wärme des Feuers empfunden, beim Eintauchen des Fingers wahrgenommen, wie das Wasser wärmer wurde, endlich sieht man Nebel aus dem Wasser sich erheben und in der Luft vergehen, das Wasser aufwallen und kochen, bemerkt schließlich, wie das Wasser weniger wird. Alle diese einzelnen Wahrnehmungen, die sich zu dem Satze »erhitztes Wasser verdampft« zusammenfinden müssen, verdanken wir unsern Sinnesorganen, dem Auge, der Haut usw., es sind Sinnesempfindungen. Alles Wissen beruht auf Erfahrung -- aber alle Erfahrung ist zuletzt nur eine Summe von Sinnesempfindungen -- zu dieser Lehre schreiten die englischen Denker und ihre französischen Gefolgsmänner naturgemäß fort. Sofern sie diese Folgerung wirklich ziehen, nennt man sie nach dem lateinischen Worte ~sensus~ = Sinn: _Sensualisten_.
Nun ist ja gar nicht zu leugnen, daß jedem Erfahrungssatze Sinnesempfindungen zugrunde liegen. Das wußten natürlich auch die Rationalisten; aber sie behaupteten erstlich, daß es Erkenntnisse gebe, die keine Erfahrungssätze seien, und zweitens, daß auch den Erfahrungssätzen noch etwas mehr zugrunde liege als bloß einzelne Sinnesempfindungen, und daß in diesem »Mehr« der eigentliche Erkenntniswert der Erfahrung begründet sei. Wir sehen Farben, wir fühlen Härte, Wärme, Kälte, wir hören Töne -- aber wir erfahren im Sehen, Fühlen, Hören sichtbare, harte, tönende Körper und die Vorgänge an diesen Körpern. Schon Platon hatte von solchen Tatsachen her die dem modernen Sensualismus verwandte Erkenntnislehre des Protagoras bekämpft. Die neueren Sensualisten suchten nun nachzuweisen, daß auch die Vorstellungen von Dingen, Vorgängen usw. aus lauter einzelnen Sinnesempfindungen bestehen. Wenn wir oft wahrnehmen, daß eine bestimmte Farbe mit einer bestimmten Tastempfindung, einem Geschmacke usw. zusammen da ist, so geben wir diesem Zusammensein einen Namen, wir erwarten dann gewohnheitsmäßig, daß in künftigen Fällen die gleichen Zusammenhänge wiederkehren, z. B. daß der harte, weiße, an den Kanten durchscheinende Gegenstand, den wir ein Stück Zucker nennen, auch wieder süß schmecken werde.
[Humes Kausaltheorie]
In ähnlicher Art erklärt _David Hume_, der bedeutendste unter den englischen Sensualisten, auch das Zustandekommen unserer Vorstellungen von Ursache und Wirkung. Wenn wir sagen: die Hitze bewirkt Verdampfen des Wassers, so meinen wir, das gibt Hume zu, mehr zu sagen, als: wir erleben erst Hitze und dann, unter Andauern der Hitze, Verminderung des Wassers und Dampfbildung. Wir sind ja alle überzeugt, daß, wo und wann wir auch Wasser in genügendem Grade erhitzen, wir seine Verwandlung in Dampf mit ansehen werden. Umgekehrt, wo immer wir eine Veränderung wahrnehmen, sind wir überzeugt, daß sie Folge einer bestimmten Ursache ist. Die Voraussetzung, daß alles Geschehen sich aus Ursachen erklärt, die notwendig immer dieselben Folgen hervorbringen, leitet alles Forschen; wir nennen sie, nach dem lateinischen Worte ~causa~ = Ursache, das Kausalgesetz. Wie kommen wir aber nun dazu, mit Hilfe des Kausalgesetzes aus den einzelnen Empfindungen allgemeine Schlüsse zu ziehen? Diese Frage muß der Sensualismus so beantworten, daß er das Kausalgesetz selbst auf Empfindungen zurückführt. Um das zu leisten, lehrt Hume: In unserem Geiste verbinden sich zwei Empfindungen, die gleichzeitig oder unmittelbar nacheinander erlebt wurden, z. B. Hitze und gesehener Dampf so, daß bei Wiederkehr der ersten Empfindung eine Erinnerung an die zweite auftaucht. Die Vorstellungen verbinden (assoziieren) sich. Wir haben ein »Assoziationsgesetz« vor uns, das schon Aristoteles gekannt hat. Diese Verbindung wird um so enger, je häufiger wir die beiden Empfindungen zusammen erlebt haben. Das Auftreten der ersten läßt uns dann die zweite erwarten. Auf solchen aus Gewohnheit entsprungenen Erwartungen beruht unser Glaube an einen regelmäßigen Verlauf der Ereignisse. Nur Gewohnheit ist im Grunde jenes Gefühl der Notwendigkeit, das wir mit dem Kausalgesetz verbinden. Dieses Gefühl ist uns im Leben nützlich; es gibt unsern Handlungen die sichere Grundlage. An der Zweckmäßigkeit der Erwartung regelmäßiger Folgen zweifelt Hume gar nicht; aber er betont, daß es sich dabei nur um eine nützliche Gewohnheit, durchaus nicht um eine in den Dingen und Ereignissen liegende Notwendigkeit handelt.
Kant sagt einmal, Hume habe ihn aus seinem dogmatischen Schlummer erweckt, d. h. dem ungeprüften Glauben an überkommene Lehrmeinungen ein Ende gemacht. Wir verstehen leicht, daß gerade ein Angriff auf die unbedingte Geltung des Kausalgesetzes geeignet war, als erschreckender Weckruf zu wirken. Als naturwissenschaftlich gebildeter Mann wußte Kant, wie sehr diese Wissenschaften auf der Kausalität beruhen, als Anhänger der Wolffschen Philosophie war er gewohnt, das Dasein Gottes mit Hilfe des Satzes zu beweisen: »Diese kunstvoll und zweckmäßig eingerichtete Welt muß eine Ursache, und zwar eine nach Zwecken wirkende Ursache haben.« Wissenschaft und Religion schienen zugleich bedroht; Grund genug, Humes Lehre eingehend zu prüfen.
[Kritik an Hume]
Gerade dem Naturwissenschaftler mußten Einwände gegen Hume naheliegen. Unsere Erwartungen auf regelmäßiges Verhalten der Dinge werden oft getäuscht, aber in solchen Fällen zweifelt kein Forscher an der Geltung des Kausalgesetzes, sondern er sucht die bisher noch unbekannte Ursache jener Abweichung zu finden. Ein Stück Eisen, das man an einen Magneten hält, fällt nicht, wie man nach dem Gesetz der Schwere erwarten sollte, zur Erde, sondern wird schwebend erhalten. Niemand glaubt, hier höre die Anziehung der Erde zu wirken auf, vielmehr sieht man darin die Wirkung einer andern, ihr entgegen gerichteten Kraft, des Magnetismus. Nur die Voraussetzung, daß auch scheinbare Durchbrechungen des regelmäßigen Geschehens auf kausalen Gesetzen beruhen, hat aus gelegentlichen Beobachtungen auffallender Erscheinungen das stolze Gebäude der Lehre von der Elektrizität und dem Magnetismus entstehen lassen. Man kann also den Satz, jede Veränderung muß eine Ursache haben, nicht als Ergebnis unserer Erfahrungen ansehen, weil er vielmehr Voraussetzung für alles Erfahrungswissen ist.
Noch mehr: Hume selbst setzt in seiner Ableitung des Kausalgesetzes dieses Gesetz voraus, ohne es zu bemerken. Unsere Erwartung, daß auf eine Vorstellung, auf die früher eine andere gefolgt war, auch beim Wiederauftreten jene zweite folgen werde, beruht auf dem Assoziationsgesetz. Dieses Gesetz aber spricht eine Regelmäßigkeit im Verhalten unserer Vorstellungen aus, ist also selbst ein auf Vorstellungen angewandter Sonderfall des Kausalgesetzes. Hume übersieht trotz seines Scharfsinnes, daß er das Abzuleitende voraussetzt, weil er die Frage, auf die es ankommt, verkennt. Der englische Denker sucht sich Rechenschaft darüber zu geben, wie in uns die Vorstellung der Kausalität zustande kommt, und glaubt auf diesem Wege eine Entscheidung darüber zu gewinnen, ob diese Vorstellung notwendig gilt oder nicht. Aber aus der Entstehung läßt sich auf die Geltung und den Wert einer Erscheinung nie ein bindender Schluß ziehen. Selbst wenn z. B. die Religion aus dem Glauben an Gespenster und der Furcht vor ihnen entstanden sein sollte, wäre damit noch keineswegs bewiesen, daß sie mit Aufhören des Gespensterglaubens ihr Recht verliert. So ist die Rechtsfrage niemals durch eine Geschichte der Entstehung zu beantworten, es sei denn, es handele sich um ein historisches Recht.
Humes Angriff auf die unbedingte Geltung des Kausalgesetzes war damit zurückgewiesen. Keineswegs aber leugnete Kant die Bedeutung der Erfahrung für die Erkenntnis und der Sinnesempfindung für die Erfahrung. Gewiß: ohne Sinnesempfindungen kein Wissen -- aber ein bloßer Haufe von Empfindungen gibt für sich allein gar keine Kenntnis. Erfahrungen sammeln, heißt aus den einzelnen Empfindungen einen geordneten Zusammenhang aufbauen, in dem jede neue Wahrnehmung ihren bestimmten Platz findet. Das Kausalgesetz ist eine der notwendigen Voraussetzungen, ohne deren Anerkennung wir bloß ein loses Nacheinander unverbundener Eindrücke, keine Welt miteinander zusammenhängender Geschehnisse hätten. Ein solcher Spreusand von Erlebnissen, der unter dem Erleben ins Nichts zerstiebte, würde der Möglichkeit der Erfahrung widerstreiten. Das Kausalgesetz gehört also zu den logischen Voraussetzungen der Erfahrung oder unserer Erkenntnis einer Wirklichkeit. Was wir erkennen sollen, muß unter den Bedingungen unserer Erkenntnis stehen; was diesen Bedingungen widerspricht, kann gar nicht Gegenstand der Erkenntnis werden. Descartes hatte gezeigt, daß das Denken das Allergewisseste ist, Kant machte diesen Satz fruchtbar, indem er bewies, daß jede andere Gewißheit von der Gewißheit der Grundsätze des Erkennens abhängig ist. Damit wälzte er die ganze Art und Richtung der Betrachtung um. Vorher war man von den _Dingen_ ausgegangen. Auch Descartes hatte vom Denken gleich den Übergang zur Gottheit gesucht und aus ihr dann alles übrige abgeleitet. Spinoza fragte nach der einen ersten Ursache, aus der alles andere mit mathematischer Gewißheit folgt. Kant sucht in unserem _Geiste_ die innere Notwendigkeit, die uns dazu treibt, zu jeder Veränderung die Ursache aufzusuchen. Er selbst verglich diese Umstülpung der Betrachtungsweise mit der Leistung des Kopernikus, der an Stelle der Erde die Sonne in den Mittelpunkt gerückt hatte. So hat Kant, um bei unserem Beispiel zu bleiben, an Stelle irgendeiner ersten Ursache in der Welt (einer göttlichen Ordnung oder einer rein im Stoffe gelegenen ewigen Gesetzlichkeit) den notwendig nach Ursachen fortschreitenden Geist in die Mitte der Ursachenforschung gestellt. Man hat dieser Lehre zuweilen vorgeworfen, sie mache alle Gewißheit vom Menschen und damit von der Willkür abhängig. Ein stärkeres Mißverständnis ist kaum denkbar. Schon als wir das Verhältnis von Sokrates zu Protagoras betrachteten, sahen wir, daß die Vernunft und ihre Gesetze zwar im Geiste jedes einzelnen Menschen sich finden, aber doch von den Eigenschaften und Merkmalen, die ihn zu einem besonderen Menschen, zu Peter oder Paul machen, ganz unabhängig sind. Wenn wir auch nur den einfachsten, alltäglichen Vorgang erkennen wollen, so müssen wir versuchen, von unseren besonderen persönlichen Beziehungen dazu abzusehen. Wir dürfen z. B. nicht unserer Neigung folgen, einen uns unsympathischen Mann für den Urheber einer Übeltat zu halten. Jeder Richter soll objektiv sein, wie man sagt, d. h. von den besonderen subjektiven Neigungen und Abneigungen, die er wie jeder andere mitbringt, absehen. Aber von den allgemeinen Sätzen der Vernunft, die in uns allen die gleichen sind, kann und soll er nicht absehen, im Gegenteil, er soll ihnen durchaus folgen. Ganz ebenso ist es in der Naturforschung. Eine Mondfinsternis ist ein auffallendes Ereignis; wenn sich kurz nach einer solchen etwas anderes Auffallendes, z. B. eine Schlacht ereignet, so ist der Mensch ursprünglich geneigt, diese beiden auffallenden Ereignisse in Verbindung miteinander zu bringen. In der Tat glauben die meisten Völker an solche Zusammenhänge. Hat man aber eingesehen, daß die Mondfinsternis Folge einer bestimmten, mit berechenbarer Regelmäßigkeit wiederkehrenden Stellung von Sonne, Mond und Erde zueinander ist, während jene Schlacht sich aus Gegensätzen zwischen Fürsten oder Völkern erklärt, die mit Mond und Sonne gar nichts zu tun haben, so wird man einen solchen Zusammenhang leugnen. Kant hat also nicht im geringsten nach Art der Sophisten alle Wahrheit von der Laune und Stimmung des einzelnen Menschen abhängig gemacht, sondern er hat gezeigt, daß die in allen Menschen angelegte, aber nicht in allen gleichmäßig entwickelte Vernunft die notwendige Voraussetzung aller Erkenntnis ist.
[Kausaltheorie]
Wir müssen uns aber, um Kant völlig zu verstehen, daran erinnern, daß er den englischen Empiristen doch ein ganz bestimmtes Recht zuerkannte. Jeder Naturforscher ist überzeugt, daß eine von ihm beobachtete Veränderung eine Ursache hat; und wenn er diese Ursache nicht findet, so wird er nicht etwa an dem Gesetze der Kausalität irre, sondern hält seine Kenntnis der Tatsachen für unvollständig. An diesem Verhalten soll uns deutlich werden, daß aus dem allgemeinen Gesetze der Kausalität allein die besondere Ursache in irgendeinem einzelnen Falle nicht erschlossen werden kann. So bequem haben wir es nicht, vielmehr erfordert es sorgsame Beobachtung, mühsame Experimente, vielfache Überlegung und Berechnung aller einzelnen in Betracht kommenden Umstände, um auch nur einen einzigen Zusammenhang besonderer Ursachen mit ihren Wirkungen zu erkennen. Fruchtbar also wird der Grundsatz der Verbindung von Ursache und Wirkung nur durch Erfahrungen. Alle Erfahrungen aber vermitteln uns unsere Sinnesorgane, deren Leistungsfähigkeit die moderne Wissenschaft darum durch Fernrohr, Mikroskop und viele andere Mittel zu erhöhen sucht. Indessen, zu einer Erfahrung im wahren Sinne des Wortes werden diese Sinneswahrnehmungen nur durch die Grundsätze des Verstandes, als deren Beispiel uns der Satz der Kausalität gedient hat. Unser ganzes Erkennen besteht also darin, daß wir den stets sich häufenden Stoff der Sinnesempfindungen in immer exakterer und bestimmterer Weise den Grundgesetzen unseres Geistes unterwerfen. Dabei klären sich zugleich jene Verstandesgesetze selbst. Irgendwie nimmt auch der roheste Mensch an, daß jede Veränderung eine Ursache hat. Selbst im Märchen geschieht nichts ganz Willkürliches, mögen die Ursachen im einzelnen noch so phantastisch gedacht werden. Auch in jeder praktischen Arbeit setzt der Mensch die Geltung des Kausalgesetzes voraus. Wer mit dem Hammer einen Nagel in ein Brett schlägt, erwartet, daß die Wucht des Werkzeuges die Spitze des Nagels in die Fasern des Holzes hineintreiben wird. Wenn trotzdem der Nagel sich krümmt, so sucht er die Ursache dafür entweder in einer Verhärtung im Holze oder in einer Schwäche des Nagels. Daß aber die Einheit der ganzen Welt durch die Einheitlichkeit des Kausalgesetzes zustande kommt, sieht erst die Wissenschaft ein. Auch ihr wird diese Einheitlichkeit nicht wie ein Geschenk gegeben, sondern sie bemüht sich darum, immer mehr die Fülle der Erscheinungen durch einheitliche Naturgesetze zu verbinden. Was wir aber Naturgesetz nennen, ist nichts anderes als ein allgemeiner Satz, der Ursache und Wirkung verbindet. Die Naturgesetze sind also jene im Vergleich zum Kausalgesetz besonderen, im Vergleich zu den einzelnen Tatsachen allgemeinen Sätze, durch die wir den Stoff der Sinnesempfindungen der obersten Forderung des Kausalgesetzes unterwerfen. Darum setzen wir auch voraus, daß sie ausnahmslos gelten, und wenn wir Ausnahmen finden, so führen wir sie entweder auf Durchkreuzung durch andere Naturgesetze zurück, oder wir überzeugen uns, daß jenes scheinbare Naturgesetz kein solches war. Was bei Spinoza am Anfang stand, die einheitliche Gesetzlichkeit der ganzen Welt, die innerlich notwendige Verknüpfung aller Einzelheiten zu einem Ganzen, das steht für Kant am Ende. Von einer »Welt« dürfen wir aber im Grunde nur reden, wo alle Einzelheiten zu einem Ganzen verknüpft sind. Man erkennt so, daß dem Menschen nicht eine fertige Welt gegeben, sondern daß es seine Aufgabe ist, den gegebenen Stoff sinnlicher Empfindungen immer vollständiger in die Einheit einer Welt hineinzubauen -- wir dürfen sagen: Die Welt ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.