Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie

Part 8

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Gott oder die Natur oder das allervollkommenste Wesen ist durch und durch erkennbar, freilich nicht für unsern menschlichen Verstand, der selbst vereinzelt, bestimmt, beschränkt und daher mit der Verneinung behaftet ist. Aber sogar unser menschlicher Verstand kann allgemein die Notwendigkeit einsehen, mit der alles einzelne aus der Gottheit folgt, und beherrscht in der mathematisch erkennbaren Ordnung der körperlichen Bewegungen ein ihm zugängliches Teilgebiet der göttlichen Ordnung der Welt. Spinoza ist wie Descartes Anhänger der neuen naturwissenschaftlichen Auffassung der Körperwelt, nach der jede Bewegung aus dem vorangehenden Zustande der Körper notwendig und berechenbar folgt. Für ein Eingreifen des Geistes in die Körperwelt, wie wir es in jeder unserer Bewegungen zu erleben glauben, läßt diese Auffassung, wenn sie streng durchgeführt wird, keinen Raum. Alle körperlichen Bewegungen sind wieder nur durch andere körperliche Bewegungen hervorgerufen, unsere Armbewegung etwa durch eine Bewegung in unserem Gehirn. Nun haben wir aber als denkende Wesen Anteil an einer von der Körperwelt ganz verschiedenen Art des Seins. Dieses geistige Sein ist im Grunde vom Körper ebenso unabhängig, wie jener von ihm. Man sieht, Spinoza folgert aus der schroffen Entgegensetzung von Geist und Körper, wie Descartes gelehrt hatte, die Unmöglichkeit ihrer Wechselwirkung. Es entsteht daher für ihn die Aufgabe, das anscheinende Ineinanderwirken geistiger und körperlicher Geschehnisse zu erklären. In der göttlichen Einheit besitzt er das Mittel dazu. Alle einzelnen Dinge, Körper wie Seelen, sind nur notwendige Folgen und Einschränkungen der einen wahrhaft wirklichen Gottnatur. Diese ist nun so beschaffen, daß sie sich in unendlich vielen Weisen entfaltet und offenbart. Diese Entfaltungsweisen der Gottheit, deren jede von jeder anderen unabhängig, jede in ihrer Art unendlich ist, nennt Spinoza _Attribute_. Von den unendlich vielen Attributen der Gottheit sind uns nur zwei zugänglich, die Ausdehnung oder die Körperwelt und das Denken oder die Welt des Geistes. Beide sind völlig unabhängig voneinander; aber da beide derselben allumfassenden, göttlichen Einheit angehören, herrscht in beiden die gleiche gesetzliche Ordnung. Nicht unser Gedanke oder Willensentschluß bewegt unsern Arm; aber es ist in der Einheit Gottes begründet, daß, wenn wir den Arm bewegen wollen, zugleich aus der Notwendigkeit des körperlichen Geschehens eine Gehirnbewegung folgt, die Ursache der Armbewegung wird. Niemals erzeugt ein Gedanke eine Bewegung oder eine Bewegung einen Gedanken. Aber da Bewegungen und Gedanken aus derselben göttlichen Notwendigkeit folgen, ist _die Ordnung und Verknüpfung der körperlichen Dinge dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Gedanken_.

[Körper und Seele]

Notwendig folgt daraus weiter, daß jedem körperlichen Dinge ein seelisches Sein entspricht. Unsere Seele kann ja für Spinoza nicht wie für Descartes eine selbständige Substanz sein, vielmehr ist sie ein bloßes Stück der göttlichen Ordnung der Geisterwelt, das einem bestimmten Stück der göttlichen Ordnung der Körperwelt, eben unserem Körper, entspricht. Was von unserem Körper gilt, muß für jeden anderen ebenso zutreffen. Spinoza hat nicht mehr nötig, die Tierseelen zu leugnen, denn sie sind in seiner Welt keine Ausnahme; vielmehr gehört für ihn auch zu allem scheinbar Unbeseelten etwas Seelisches. Wir müssen uns aber sehr hüten, diese Überzeugung des Philosophen mit der poetischen Naturbeseelung zu verwechseln, die sich z. B. in der griechischen Göttersage findet. Für den Griechen lebt in Baum und Quell ein uns verwandtes, unsern Bitten zugängliches Wesen. Für Spinoza gehören wir selbst zu einer notwendigen Ordnung, die durch unsere Wünsche nicht im mindesten geändert werden kann. Von einem menschlichen Hineinfühlen in die Körperwelt ist gar keine Rede. Die nach innerer Zweckmäßigkeit den Lauf der Welten regelnden Sternseelen, die die Renaissance annahm, werden nicht etwa der neuen Astronomie zum Trotz wiederhergestellt -- im Gegenteil: auch die Bewegung der Glieder unseres Leibes vollzieht sich nach unerbittlicher Notwendigkeit. Zwecke und Zweckmäßigkeit gibt es in der Natur nicht, nur Ursachen und ihre notwendigen Wirkungen. Genau die gleiche Notwendigkeit aber herrscht auch auf geistigem Gebiete. Jede Regung unserer Seele folgt ebenso unbedingt mathematisch aus Gottes Entfaltungsweise oder Attribut des Denkens, wie der Fall eines geworfenen Steines aus Gottes Attribut der Ausdehnung folgt. Darum betrachtet der Philosoph _die menschlichen Leidenschaften ohne Liebe und Abscheu_, mit der gleichen kühlen, verstandesmäßigen Ruhe wie die geometrischen Figuren. Auch sie folgen notwendig aus Gott und sollen in dieser Notwendigkeit verstanden werden.

Man sieht, in dieser streng einheitlichen und geordneten Welt ist _kein Platz für Freiheit des Willens_. Unsre Taten und Gedanken sind durch den göttlich natürlichen Zusammenhang so notwendig bestimmt, wie die Umdrehung der Erde oder der Fall des Steins. Wir halten uns nur für frei, weil wir die Ursachen unserer Handlungen nicht kennen. Auch der geworfene Stein würde, wenn das ihm entsprechende Denken entwickelt genug wäre sich diese Frage zu stellen, meinen, er sei frei. Denn er würde die werfende Hand und die Anziehung der Erde nicht genügend erkennen. Ebensowenig hat diese Welt Raum für Unterschiede von gut und böse, von schön und häßlich. Alles einzelne folgt ja mit gleicher Notwendigkeit aus Gott. Nennen wir etwa ein Tier schädlich, so beziehen wir es einseitig auf die unbedeutende, kleine, eingeschränkte Erscheinung Gottes, die wir selbst sind. In der Ordnung des Weltganzen, der Gottheit, hat die Giftschlange dasselbe Recht wie der Mensch; und für die Giftschlange ist der Mensch, der sie totschlägt, mit gleichem Recht böse wie die Schlange für den Menschen. Auch können wir durch unsern Entschluß nichts an der Welt und folglich auch nichts an uns selbst ändern; sind wir doch ganz und gar Folgen der Weltordnung.

Nahe liegt hier die Folgerung, es hätte keinen Sinn, Vorschriften für das Verhalten der Menschen zu geben. Indessen dies wäre ein verzweifelter Abschluß für ein Werk, das den Titel Ethik führt und vor allem eine Anweisung zum rechten Leben erteilen will. In der Tat bemerken wir hier einen Bruch in dem scheinbar so fest geschlossenen System Spinozas. Ich habe meine Darstellung absichtlich so eingerichtet, daß Sie diesen Bruch deutlich erkennen. Wir verfahren im Sinne Spinozas, wenn wir unbekümmert um die Rücksicht auf seine Person und seinen Ruhm die Wahrheit suchen und sagen. Spinoza selbst hat die Schroffheit dieses Bruches _nicht_ empfunden. Hätte ich Sie _den_ Weg zu seinem Lebensideale geführt, den er selbst ging, so wäre sicherlich auch den meisten von Ihnen der Widerspruch verborgen geblieben. Denn es besteht zwischen Spinozas System und seiner Lebensweisheit zwar kein logisch unanfechtbarer Zusammenhang, aber eine um so engere Einheit persönlichen Erlebens, die wir nachzuerleben versuchen müssen.

Der einzelne Mensch existiert als Einzelwesen nur durch Verneinung, durch Einschränkung des göttlichen Seins auf seine enge Eigenart. Jedes einzelne Wesen sucht sich selbst zu erhalten. Sofern es dabei an seine Besonderheit denkt, kann es in Streit mit anderen Wesen kommen. Denn es wird dann leicht geschehen, daß mehrere den Besitz desselben Dinges zur Erhaltung oder Ausbreitung ihrer Macht nötig zu haben glauben. Wenn aber der Mensch erkannt hat, daß alle Dinge, alle andern Menschen und er selbst in Wahrheit zu demselben Wesen, zur Gottheit, gehören, wird das anders. Der Mensch, sofern er denkendes Wesen ist, hat so viel Wirklichkeit in sich, wie er Gotteserkenntnis besitzt. Hat er das einmal recht eingesehen, so weiß er, daß die wahre Erhaltung und Erhöhung seines Wesens einzig in der Gotteserkenntnis besteht. Da die ganze Ordnung der Natur die Gottheit offenbart, so führt jede wirkliche Einsicht in den notwendigen Zusammenhang der körperlichen oder der geistigen Dinge zu Gott. Soweit Menschen überzeugt sind, daß ihr wahres Wesen, ihre echte Selbsterhaltung in der Erkenntnis besteht, können sie nicht mehr in Kampf miteinander geraten. Denn diese wahre Einsicht ist kein Gut, das dem einen durch den andern entrissen werden könnte, im Gegenteil muß jedem daran liegen, daß möglichst viele seine Einsicht teilen, damit er mit seinen Mitmenschen in Eintracht leben kann. In der wahren Erkenntnis hören wir auf, einzelne Menschen zu sein. Jeder wahre Satz ist ja wahr ohne Rücksicht auf die besonderen Eigenschaften dessen, der ihn denkt.

[Erkenntnis und Gottesliebe]

Bis hierher spricht Spinoza verstandesmäßig kühl und nüchtern. Nun aber in den letzten Sätzen seines Werkes bricht die Wärme seines religiösen Gefühls durch. Jene Gotteserkenntnis führt zugleich zur _Liebe zu Gott_. Denn sein eigenes wahres Wesen liebt jeder, und in der rechten Gotteserkenntnis erfaßt der Mensch dieses Wesen als Einheit mit Gott. Hier berührt sich Spinoza am innigsten mit der Mystik. Aber was der Mystiker durch religiöse Übungen oder durch Abscheidung von der Welt und Versenkung in sein eigenes Inneres zu erreichen sucht, die Vereinigung mit der Gottheit, das erstrebt Spinoza auf dem Wege verständiger Erkenntnis. Auf der höchsten Stufe führt diese Erkenntnis dazu, in allem, was geschieht, die eine große notwendige göttliche Ordnung zu erblicken und zu lieben. Diese Liebe verzichtet auf die Möglichkeit der Gegenliebe. Wer Gott wahrhaft erkannt hat, weiß ja, daß Gott kein einzelnes Wesen neben anderen Wesen, sondern die einheitliche Ordnung der Welt ist. Die Gottheit würde erniedrigt werden, wenn sie irgendeinen Teil der Welt, der ja ein besonderer Teil nur durch Verneinung ist, mit besonderer Liebe umfaßte. Der echte Liebende will doch aber das Geliebte nicht herabziehen. »_Wer Gott wahrhaft liebt, wünscht nicht, daß Gott ihn wieder liebt._« Die echte Gottesliebe ist also im höchsten Maße uneigennützig.

Als Goethe mitten in den leidenschaftlichen Stürmen seiner Jugend auf diesen Satz Spinozas stieß, fand er darin einen tiefen Frieden. Goethe war nicht, wie man oft lesen kann, im eigentlichen Sinne Anhänger Spinozas, aber der Gedanke einer göttlichen Einheit der Welt und das uneigennützige Gefühl der Liebe zu dieser Gottnatur begleiteten ihn durch sein reiches Leben. Mit diesen letzten Sätzen, in denen sich die Persönlichkeit des Weisen rein offenbart, wollen wir heute schließen. Es liegt eine tiefe innere Wahrheit in dieser uneigennützigen Gottesliebe, auch wenn es Spinoza nicht gelungen ist, sie ohne Widerspruch mit den Voraussetzungen seiner Philosophie zu verbinden.

Fünfter Vortrag.

Kant.

[Schwierigkeiten der Metaphysik]

Die wunderbare Einheit und Geschlossenheit, durch die Spinozas System jeden Denkenden fesselt, hält, wie schon im vorigen Vortrag angedeutet wurde, vor einer schärferen Kritik nicht stand. An zwei Punkten besonders zeigen sich Schwächen und Lücken. Spinoza sagt, daß alles einzelne mit mathematischer Notwendigkeit aus Gott folgt. In Wahrheit aber vermag er nicht, aus dem Begriffe des allervollkommensten Seins herzuleiten, warum die Welt, die wir durch unsere Erlebnisse kennen, so und nicht anders ist. Nicht einmal die Existenz und Verschiedenheit von Geist und Körper wird strenggenommen aus den Voraussetzungen entwickelt, sondern ohne Beweis hingestellt. Gott als das denkbar Vollkommenste soll sich in unzähligen, voneinander unabhängigen Daseinsarten darstellen. Wir aber kennen nur zwei dieser Arten, Ausdehnung und Denken. Warum gerade diese zwei und warum haben diese zwei gerade die uns bekannten Eigenschaften? Auf solche Fragen bleibt Spinoza die Antwort schuldig. Der allgemeine Satz, jede Bestimmtheit ist Verneinung, täuscht ihn über diese Schwierigkeiten hinweg, bietet aber in Wahrheit keine Hilfe. Dadurch, daß etwas nicht Ausdehnung ist und auch keiner anderen Grundeigenschaft Gottes angehört, wird es durchaus noch nicht als Denken bestimmt. Wir hatten den Sinn des Grundsatzes, jede Bestimmung ist Verneinung, an dem Beispiele klar gemacht, daß ich als Mensch nicht Tier, als Mann nicht Frau bin; aber läßt sich wirklich der Inhalt, den ich unter Mensch oder Mann verstehe, durch Verneinung von Tier oder Frau gewinnen? Diese Frage so stellen, heißt sie verneinen. Die Bestimmtheit des einzelnen ist überall unableitbar; daß in diesem Augenblicke diese Farbe von mir gesehen, dieser Ton gehört wird, daß blau und rot in nicht weiter beschreibbarer Weise voneinander verschieden sind, vermögen wir niemals aus allgemeinen Gründen abzuleiten. Wollte man sich hier mit der Schwäche unserer Vernunft helfen, so müßten doch wenigstens die Grundeigentümlichkeiten der Welt aus Gottes Wesen heraus eingesehen werden können, wenn jene mathematische Notwendigkeit im Verhältnis von Gott und Welt für uns mehr als eine Sehnsucht unseres Erkennens sein sollte. Aber auch dies ist, wie wir gesehen haben, unmöglich.

Die zweite Hauptschwierigkeit besteht in der Verbindung von Spinozas Ethik mit seiner Lehre von Gott und Welt. Da alles mit gleicher Notwendigkeit aus Gott folgen soll, so kann es zwischen den einzelnen Dingen keine Unterschiede des Wertes geben. Wir sehen das einzelne noch nicht in Gott, wenn wir es nützlich oder schädlich, gut oder böse nennen, sondern wir sehen es ganz einseitig in Beziehung zu unserer beschränkten, vergänglichen Eigenart. Was von den Dingen gilt, trifft durchaus auch für die menschlichen Handlungen zu. Auch sie folgen mit Notwendigkeit aus der göttlichen Weltordnung. Ein Geist, der diese Weltordnung ganz überschaute, würde mathematisch beweisen können, warum Peter wie ein Schurke, Paul wie ein Heiliger lebt. Was notwendig ist und nicht anders zu sein vermag, als es ist, dem kann man auch keine Vorschriften geben wollen, das versucht man nicht zu ändern. Niemand gibt der Erde den guten Rat, sich langsamer zu bewegen. Welchen Sinn hat es aber dann, den Menschen jene uneigennützige Gottesliebe zu empfehlen, da sie doch nur, soweit das aus Gottes ewiger Natur notwendig folgt, dazu gelangen können? Auch bezeichnet der Philosoph selbst das Verhalten des gottesliebenden Menschen als im höchsten Sinne richtig und gut, während er nach seinen eigenen Voraussetzungen kein Recht zu solchen Werturteilen hat.

Vielleicht wundern sich manche unter Ihnen darüber, daß ich Sie solange mit einem Denker beschäftigt habe, dem ich nachher solche Irrtümer und Widersprüche vorwerfen muß. Ich möchte darauf zunächst erwidern: Nicht ich bin es, der diese Schwächen Spinozas gesehen hat, sondern der Fortschritt der philosophischen Einsicht macht es uns heute leicht, den großen Philosophen zu kritisieren. Er selbst hat durch die Folgerichtigkeit und Energie seines Denkens viel dazu beigetragen. Denn nur die ganz klare Durchbildung einer Lehre vermag die in ihr liegenden Schwierigkeiten zu enthüllen. Es klingt sehr gut, wenn man sagt, Gott ist die notwendige Weltordnung, wir müssen einsehen, daß alles einzelne notwendig aus Gott folgt, und müssen alles, es sei wie es sei, in gleicher Weise als Ausfluß der göttlichen Natur verstehen und lieben. Erst die Durchbildung dieser Sätze zum System lehrt uns, daß, wenn alles mit gleicher Notwendigkeit aus Gott folgt, jede Forderung, an ein Einzelwesen, sich zu ändern, und also auch die Forderung zur Gottesliebe fortzuschreiten, sinnlos wird. Es kommt nun aber hinzu, daß diese Schwierigkeiten nicht etwa nur in Spinozas System sich finden, sondern daß jeder Philosoph, der ähnliches will, ihnen verfallen muß.

Die großen Leistungen unseres Erkennens bewirken Vereinigung vorher getrennter Gebiete. Beispiele aus den einzelnen Wissenschaften liegen nahe; unsere Physiker haben gelernt, Licht und Elektrizität als verschiedene Formen desselben Geschehens anzusehen, unsere Botaniker und Zoologen bemühen sich, die unzähligen Arten der Pflanzen und Tiere aus der Entwicklung einer oder weniger Urformen abzuleiten. Jeder solche Fortschritt verbindet zu sinnvollem Zusammenhang, was vorher fremd und zufällig nebeneinander stand. Dieses Einheitsstreben unseres Geistes führt schließlich zu dem Bemühen, alle einzelnen Dinge und Ereignisse aus einem einzigen obersten Satze durch Vernunft abzuleiten. Da aber doch die Wahrnehmungen in all ihrer Verschiedenheit bestehen bleiben, behauptet ein solcher Satz das Dasein einer wahren Wirklichkeit, im Vergleich mit welcher unsere Wahrnehmungen, ja diese ganze Welt wechselnder Geschehnisse unwirklich sind. Für Platon stellt die Ideenwelt, für Spinoza die einheitliche Gottnatur jene wahre Wirklichkeit dar. Man nennt diese Bemühungen, sofern sie als Wissenschaft auftreten, _Metaphysik_. Es läßt sich nun ganz allgemein beweisen, daß _jede_ Metaphysik zu ähnlichen Schwierigkeiten führen muß, wie wir sie aufgedeckt haben.

Spinozas System ist nicht etwa der _letzte_ große Versuch einer solchen Metaphysik. Die Sehnsucht, alle die zerstreuten Einzelheiten der Welt als notwendige Einheit zu begreifen, hat vielmehr immer wieder zu neuen metaphysischen Systemen geführt, von denen einige sehr wichtig und lehrreich sind. Nur wegen des geringen Umfanges dieser Vorträge, und weil ich bei den meisten unter Ihnen keine besonderen Vorkenntnisse voraussetzen darf, habe ich mich begnügen müssen, an dem einen großen Beispiel Spinozas den Flug und den Sturz der Metaphysik klarzumachen. Denn nur, wenn Sie diesen Zwist zwischen der höchsten geistigen Sehnsucht und dem Können des Menschen eingesehen haben, werden Sie die große Leistung _Kants_ verstehen.

Geschichtlich hängt Kant nicht unmittelbar mit Spinoza zusammen, sondern mit einem jüngeren Zeitgenossen des gebannten Juden, mit _Gottfried Wilhelm Leibniz_. Dieser große Deutsche hat unter allen Denkern vor Kant vielleicht am tiefsten die Schwierigkeiten der Metaphysik eingesehen. Trotzdem bildete er ein metaphysisches System aus, das sich vom Spinozismus hauptsächlich durch die Bemühung unterschied, der Eigenart der einzelnen Dinge und der Selbständigkeit der einzelnen Geister gerecht zu werden. Leibniz war ein Forscher von beinahe unbegreiflicher Vielseitigkeit, während die große Einheit seines philosophischen Strebens ihn vor zersplitternder Vielwisserei schützte. Gerade diese besondere Art seiner Größe hindert eine kurze und zugleich allgemein verständliche Darstellung seiner Lehre. Fortgewirkt haben Leibnizens Gedanken in der Form, die _Christian Wolff_ ihnen gab, kein großer ursprünglicher Denker, aber ein um die Verbreitung philosophischer Bildung höchst verdienter Mann. Vor allem dürfen wir Deutschen es ihm nicht vergessen, daß er die Philosophie deutsch reden lehrte, während vorher deutsche Philosophen meist lateinisch oder französisch geschrieben hatten, und daß er die deutschen Universitäten wieder zu Arbeitsstätten fortschreitender Wissenschaft und gründlicher Philosophie erhob. Wolff war durchaus Metaphysiker und fest überzeugt, daß unser vernünftiges Denken imstande sei, den wahren, einheitlichen Zusammenhang der ganzen Welt zu erkennen. Recht bezeichnend nennt er ein deutsches Werk, das eine kurze Darstellung seiner Lehre gibt: Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt. In der Lehre dieses Mannes wurde Kant erzogen, Kant, dem es vorbehalten war, unter Ablehnung der Metaphysik im alten Sinne der Philosophie die richtige Aufgabe und den wahren Weg zu ihrer Lösung zu zeigen.

[Leben]

_Das Leben Immanuel Kants_ ist schlichter, ereignisärmer als das irgendeines unter den bisher behandelten Philosophen. Es fehlt in ihm die unmittelbare Teilnahme am Staatsleben, es fehlen große Reisen, äußerlich bemerkbare Umschwünge, wirklich gefährliche Verfolgungen. Weder wirkte er in der großen Welt, noch stellte er sich der Lebensart seiner Zeitgenossen auffällig entgegen, sondern er führte das stille Arbeitsleben des Lehrers an einer kleinen deutschen Hochschule. _Immanuel Kant_ wurde 1724 in Königsberg als Sohn eines armen Handwerkers geboren. Die Familie war fromm im Sinne einer innerlichen lebendigen protestantischen Frömmigkeit, wie der Pietismus sie damals pflegte. Das Interesse eines einflußreichen pietistischen Geistlichen ermöglichte dem begabten Knaben eine höhere Ausbildung. Nach Beendigung der Schule widmete sich Kant an der heimischen Universität dem Studium der Philosophie im weitesten Sinne des Wortes, wozu damals auch Mathematik und Physik gehörten. Neben der Lehre _Wolffs_ gewann die _Naturwissenschaft_ großen Einfluß auf ihn. Seit den Zeiten eines Descartes hatten Astronomie und Physik große Fortschritte gemacht. _Newton_ war es gelungen nachzuweisen, daß die gleiche Gesetzmäßigkeit der Schwerkraft den Fall schwerer Körper auf der Erde und die Bewegungen der Gestirne beherrscht. Die mathematisch geleitete Erforschung und die mit ihr eng verbundene mechanistische Auffassung der Körperwelt, die im 17. Jahrhundert noch um ihre Anerkennung kämpfte, hatte sich allgemein durchgesetzt. Für Kants spätere Philosophie ist es sehr wichtig, daß nicht nur in der Mathematik, sondern auch in der Naturwissenschaft allgemein anerkannte Ergebnisse ihm vor Augen standen. Seine ersten Schriften waren zum großen Teil naturwissenschaftlichen Inhalts. Hervorzuheben ist unter ihnen die 1755 erschienene »Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels«, in der er die Entstehung des Sonnensystems mechanisch zu erklären versuchte.

Seinen wahren Beruf entdeckte Kant früh; was ihn äußerlich hinderte, der inneren Stimme zu folgen, überwand sein fester Wille. Entschlossen, sich ganz der Wissenschaft zu widmen, erwarb er sich die nötigen Mittel durch Hauslehrertätigkeit auf Gütern der Provinz Preußen; dann ließ er sich 1755 als Dozent in Königsberg nieder, erlangte aber trotz eifriger und erfolgreicher Tätigkeit als Lehrer und Schriftsteller erst 1770 eine ordentliche Professur. Schuld an dieser späten Beförderung war der Siebenjährige Krieg und in seinem Gefolge die Armut des preußischen Staates.

[Lebensart. Werke]

Kants Leben war aufs strengste geregelt. Berücksichtigt man, daß er von seiner Arbeit leben mußte, seine wissenschaftlichen Pläne durchführen wollte und auf seinen von Natur zarten Körper Rücksicht zu nehmen gezwungen war, so begreift man sein genaues Haushalten mit Zeit, Kraft und Geld. Er hatte den Grundsatz, niemals jemandem Geld schuldig zu sein. Wer auch an meine Tür klopfte, so erzählte er selbst, ich konnte ruhig öffnen; denn ich wußte, daß kein Gläubiger eintreten würde. Wie seine wirtschaftliche Selbständigkeit, so war auch seine Gesundheit sein eigenes Werk, und er hatte darum ein Recht, stolz auf sie zu sein. Streng regelmäßig verlief sein Tag. Seinen Spaziergang trat er stets so genau zur festgesetzten Stunde an, daß die Nachbarn, wie es heißt, ihre Uhr nach ihm stellten. Hatte er einmal einen allgemeingültigen Entschluß gefaßt, so hielt er unerbittlich daran fest. Selbst in verhältnismäßig geringen Angelegenheiten formte er sich derartige Grundsätze.