Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie
Part 3
Sokrates hat nie eine zusammenfassende Darstellung seiner Lehre gegeben, im Gegenteil hätte er sicher jede derartige Bemühung als seiner Absicht widerstrebend abgelehnt. Trotzdem will ich jetzt, nachdem wir Art und Ziel seiner Lebensarbeit kennen gelernt haben, versuchen, ihr gedankliches Ergebnis in einige Sätze zusammenzufassen. Was die Menschen gewöhnlich für Wissen halten, ist kein Wissen, nur ein unsicheres Meinen. Wer etwas weiß, der muß begriffliche Rechenschaft über das Gewußte ablegen können. Eine Vorstufe des Wissens ist, zu wissen, daß man nichts weiß; denn damit hat man ja bereits erkannt, daß die gewöhnliche unklare Meinung, der man bisher folgte, auf einem Scheinwissen beruht, und beginnt nun einzusehen, wodurch wahres Wissen sich von Scheinwissen unterscheidet. Erkennt man zum Beispiel, daß es falsch ist, auf die Frage nach dem Wesen eines allgemeinen Begriffes mit einem einzelnen Falle, der unter diesen Begriff gehört, zu antworten, so besitzt man die wichtige Unterscheidung des Begriffes von seinen Beispielen und Anwendungen und kennt zugleich in der Allgemeinheit eine wesentliche Anforderung an jede wissenschaftliche Definition. Es ist unmöglich, einen Irrtum als Irrtum zu durchschauen, ohne damit zugleich eine Wahrheit zu erkennen.
[Vernunft und Sittlichkeit]
Da die Wahrheit unserm vernünftigen Denken innewohnt, so muß sie sich wenigstens in den für die Menschen wichtigsten Angelegenheiten auch gewinnen lassen. Denn wesentlich ist für uns die Erkenntnis derjenigen Begriffe, die unser Handeln zu leiten bestimmt sind. Diese aber müssen der uns allen gemeinsamen Vernunft entnommen werden. _Tugend ist Einsicht_, nach ihr streben ist die Aufgabe _jedes_ Menschen. Die anderen durch seine beunruhigenden Gespräche zu diesem Streben anzuregen und ihnen den rechten Weg zu weisen, ist der _besondere_ Lebensberuf des _Sokrates_.
Hieraus können wir folgern, wie Sokrates zu der überlieferten Sitte und Religion stehen muß. Da nur ein von der Einsicht geleitetes Handeln mit Sicherheit das Rechte ergreift, so kann er in dem blinden Befolgen überlieferter Lebensweisen nicht die wahre Tugend erblicken. Sieht man doch oft, daß sonst treffliche Menschen in schwierigen Fällen ratlos dastehen, daß Männer, die selbst aus einem gewissen Naturinstinkt heraus ihre eigenen und ihres Staates Angelegenheiten aufs beste besorgen, unfähig sind, ihre Kinder zu gleicher Tüchtigkeit zu erziehen. Dabei erkennt Sokrates durchaus an, daß inhaltlich in der Vätersitte, wie in der Muttersprache, viel Wahres überliefert ist; nur sollen wir diese Wahrheit einsehen, nicht blind der Überlieferung folgen. Bei aller Freiheit des Denkens bleibt Sokrates ein pietätvoller Athener. Vor allem aber fordert er Gehorsam gegen bestehende Gesetze, solange sie bestehen, selbst wenn man aus guten Gründen ihre Änderung wünscht. Denn Gesetzlosigkeit ist unter allen Umständen ein Übel. Den heimischen Göttern ist er ergeben, wenn er auch, wie viele Zeitgenossen, die überlieferten Göttergeschichten im Sinne seiner reineren Sittlichkeit umdeutet. So befindet sich Sokrates, bei vielen Übereinstimmungen im einzelnen, doch im Grunde im entschiedensten Gegensatze gegen die Verteidiger des Alten. Jene fordern Gehorsam gegen die alte Sitte, weil die Sieger in den Perserkriegen ihr gefolgt sind. Sokrates prüft kühl und nüchtern auch die Grundsätze der Vorfahren und folgt ihnen nur, soweit sie vor seiner Vernunft standhalten. Politisch richtet sich sein Verlangen eines Handelns aus Einsicht in einem wichtigen Punkte gegen die demokratische Verfassung Athens. Hier waren alle Ämter allgemein zugänglich und wurden durch Volkswahl oder Auslosung besetzt. Sokrates dagegen forderte, daß in jeder Sache der Sachverständige allein entscheide.
[Prozeß]
Diese Gegensätze muß man kennen, um das Schicksal des Sokrates zu verstehen. Im Peloponnesischen Kriege war Athen besiegt worden, und das siegreiche Sparta hatte eine kleine Gruppe ihm ergebener Aristokraten zu Herrschern eingesetzt; diese schalteten aber so willkürlich, daß sie bald durch zurückkehrende verbannte Demokraten gestürzt wurden. Naturgemäß trat nun eine Reaktion ein, die sich nicht nur gegen die von den Feinden aufgedrungene Verfassung, sondern, da mehrere der Gewalthaber Sophistenschüler oder Freunde des Sokrates gewesen waren, zugleich gegen die moderne Bildung richtete. Sokrates galt vielen als Sophist, er verkehrte in aristokratischen Kreisen und war daher, obwohl er sich ungerechten Anforderungen der gestürzten Regierung mannhaft widersetzt hatte, verdächtig. Persönliches Übelwollen gegen ihn, das diesen Verdacht ausnützte, konnte nicht fehlen. Wenn man sein Leben lang den Leuten zeigt, daß sie nichts wissen, und angemaßte Weisheit ihres Prunkes entblößt, so schafft man sich Feinde. Persönliche Feindschaft und sachlicher Gegensatz dürften bei denen zusammengewirkt haben, die den siebzigjährigen Mann im Jahre 399 v. Chr. anklagten, daß er die väterlichen Götter nicht anerkenne, neue dämonische Wesen einführen wolle und die Jugend verführe.
Die Richter wurden in Athen aus allen Bürgern ausgelost und waren sehr zahlreich; über Sokrates saßen wahrscheinlich 501 zu Gericht. Vor einer solchen Menge, zumal von leicht erregbaren Südländern, wirkt die Beredsamkeit. Sokrates' Sache stand zunächst nicht schlecht: sein Leben war öffentlich und durchsichtig; mochte man sich oft genug über ihn geärgert haben, man wußte, daß er unsträflich gehandelt, die Bürgerpflichten erfüllt und den Kultus der Götter geehrt hatte. Aber die Richter waren gewohnt, daß der Angeklagte durch Redekünste Eindruck auf sie machte und demütig ihr Mitleid anflehte. Sokrates verschmähte das; denn er war überzeugt, daß es viel schlimmer sei, etwas zu tun, was man für Unrecht hielt, als zu sterben. Darum redete er schlicht und stolz. Er habe die Götter immer geehrt und die Jünglinge zur Selbstprüfung und Einsicht erziehen wollen. Die Anklage beruhe auf dem Haß, den seine Gespräche, sein von dem delphischen Gott ihm übertragener Beruf ihm zugezogen habe. Diese ungewohnte Art sich zu verteidigen führte zu einer Verurteilung mit geringer Mehrheit. Nach Entscheidung der Schuldfrage mußte die Strafe bestimmt werden, wobei die Richter nach athenischem Rechte nur die Wahl zwischen den Anträgen der Ankläger und des Angeklagten hatten. Da die Anklage auf Tod lautete, hätte der Angeklagte in seinem Interesse eine nicht zu milde Strafe, etwa Verbannung, beantragen müssen. Statt dessen erklärte Sokrates, er sei nicht schuldig und könne sich daher keine Strafe zuerkennen. Im Gegenteil sei er, da er sein ganzes Leben der Besserung seiner Mitbürger gewidmet habe, der höchsten Ehre, der Speisung im Rathause, würdig. Verbannung, an die die Richter etwa denken könnten, sei für ihn schlimmer als Tod, da sie ihn hindern würde, seinen Beruf auszuüben. Um doch dem Gesetze Genüge zu tun, beantrage er eine Geldstrafe, die er zwar nicht aus eigenen Mitteln aufbringen, aber doch von Freunden erhalten könnte. Diesen Antrag müssen die Richter als Verhöhnung empfunden haben; denn die Verurteilung zum Tode erfolgte mit größerer Mehrheit als der erste Spruch.
Zufällig war damals gerade eine Festzeit, während deren keine Hinrichtung vollzogen werden durfte. Sokrates wurde daher ins Gefängnis geführt und durfte sich dort mit seinen Freunden in gewohnter Weise unterreden. Man bewachte ihn nicht streng; Freunde suchten und fanden Mittel, ihm die Flucht zu ermöglichen. Aber er lehnte es ab zu fliehen, da man nach seiner Überzeugung einem gesetzmäßig gefällten Urteilsspruch gehorchen müsse, auch wenn man ihn für sachlich falsch halte. Denn Ungehorsam gegen die Gesetze führe zum Untergange des Staates. So trank er, als der Termin gekommen war, den Schierlingsbecher, wie das Gesetz es befahl. Seine letzten Stunden hat _Platon_ in seinem Gespräche _Phädon_ der Nachwelt erhalten; er läßt Phädon, einen Lieblingsjünger des Sokrates, der am Schicksalstage bei ihm im Gefängnis weilte, erzählen, was er damals erlebt hat. Den Schluß dieser Schilderung will ich Ihnen nicht vorenthalten:[1]
[Tod]
»Nach diesen Worten begab sich Sokrates in ein Gemach, um zu baden, und Kriton folgte ihm; uns aber hieß er warten. Wir warteten also, redeten miteinander über das Gesagte und überdachten es; dann aber versenkten wir uns wieder in das Unglück, das uns getroffen hatte, wir fühlten nicht anders, als daß wir, des Vaters beraubt, unser künftiges Leben als Waisen hinbringen müßten. Nach dem Bade wurden seine Kinder zu ihm gebracht -- denn er hatte zwei kleine Söhne und einen großen --, und die ihm verwandten Frauen kamen. Er unterhielt sich mit ihnen in Gegenwart des Kriton, trug ihnen seinen Willen auf, hieß dann Weiber und Kinder gehen und kam selbst zu uns. Es nahte schon die Stunde des Sonnenuntergangs, denn er hatte lange Zeit drinnen verbracht. Nach seiner Rückkehr vom Bade setzte er sich und hatte noch nicht viel geredet, da kam der Diener der Elf[2], trat zu ihm und sagte: ›Sokrates, an dir werde ich nicht dasselbe erleben, wie an andern, die mir zürnen und mich verfluchen, wenn ich sie auf Befehl der Behörden auffordere, das Gift zu trinken. In dir habe ich während dieser ganzen Zeit den edelsten, freundlichsten und besten Mann von allen, die je hierher gekommen sind, kennengelernt; auch jetzt weiß ich wohl, wirst du nicht mir zürnen, sondern den Schuldigen, die du ja kennst. Du weißt, was ich dir anzukündigen habe, also lebe wohl und versuche, das Notwendige möglichst leicht zu tragen.‹ Tränen in den Augen wandte er sich ab und ging. Und Sokrates sah ihm nach und sagte: ›Auch du lebe wohl, ich werde es so machen.‹ Und zugleich sagte er zu uns: ›Wie fein ist der Mensch! Die ganze Zeit über kam er zu mir und unterhielt sich zuweilen mit mir und war gut gegen mich, und jetzt beweint er mich so aufrichtig. Aber wir, Kriton, wollen ihm nun folgen, und es mag einer das Gift bringen, wenn es bereitet ist, sonst aber es bereiten.‹ Und Kriton sagte: ›Ich meine doch, Sokrates, daß die Sonne noch auf den Bergen liegt und nicht untergegangen ist; auch weiß ich, daß andere erst lange, nachdem es ihnen befohlen war, getrunken haben. Vorher aßen und tranken sie gut und hatten zuweilen noch die Schönen bei sich, die sie gern hatten. Übereile dich nicht, es ist noch Zeit.‹ Und Sokrates sagte: ›Lieber Kriton, die Männer, von denen du redest, haben ganz recht getan, denn sie glaubten etwas damit zu gewinnen; ebenso aber habe ich recht, wenn ich anders handle. Denn ich glaube nichts zu gewinnen, wenn ich etwas später trinke, sondern nur vor mir selbst lächerlich zu werden, indem ich am Leben klebe und mit Augenblicken geize, die nicht mehr mein sind. Geh also, folge mir, lasse alles andere.‹ Als dies Kriton hörte, winkte er einem Sklaven, der in der Nähe stand. Der Sklave ging hinaus und nach einiger Zeit kam er wieder mit dem Manne, der den Trank reichen wollte und ihn fertig in einem Becher brachte. Als Sokrates den Mann sah, sagte er: ›Nun, Bester, du weißt damit Bescheid. Was soll ich tun?‹ ›Nichts weiter,‹ sagte der, ›als nach dem Trinken umhergehen, bis dir die Beine schwer werden, dann dich hinlegen. So wird es wirken.‹ Damit reichte er Sokrates den Becher. Der nahm ihn und sagte ganz heiter, ohne zu zittern, ohne Farbe oder Gesichtszüge zu verändern, nach seiner Gewohnheit das Auge fest auf den Mann gerichtet: ›Was meinst du? Darf man von diesem Tranke den Göttern opfern oder nicht?‹ ›Wir bereiten‹, antwortete jener, ›nur gerade das genügende Maß zum Trinken, Sokrates!‹ ›Ich verstehe,‹ sagte dieser, ›aber beten zu den Göttern darf und soll man, daß die Wanderung von hier nach dort glücklich verlaufe. Darum bitte ich, und so möge es geschehen.‹ Während er das sagte, setzte er den Becher an und trank ganz leicht und heiter aus. Die meisten von uns waren bis dahin imstande gewesen, die Tränen zurückzuhalten; als wir aber sehen mußten, wie er trank und ausgetrunken hatte, nicht mehr; mir selbst stürzten mit Gewalt die Tränen in Strömen aus den Augen, so daß ich mir das Gesicht verhüllte und mich ausweinte -- nicht um seinetwillen, sondern meines Geschickes wegen, daß ich solch eines Freundes beraubt sein sollte. Kriton aber war noch vor mir, da er die Tränen nicht zurückhalten konnte, aufgestanden. Apollodor hatte schon lange unaufhörlich geweint, jetzt schluchzte er auf, schrie und klagte, so daß keiner von den Anwesenden ohne Tränen blieb außer Sokrates selbst. Der sprach: ›Ihr seltsamen Menschen, was macht ihr? Ich habe doch hauptsächlich deswegen die Frauen weggeschickt, damit sie nicht solche Störung verursachen, denn ich habe gehört, es müsse Friede um einen Sterbenden sein. Seid stille und faßt euch!‹ Als wir das hörten, schämten wir uns und hörten zu weinen auf. Er aber ging umher, bis, wie er sagte, die Beine ihm schwer wurden, dann legte er sich lang auf den Rücken hin, wie der Mann ihm geheißen hatte. Und sogleich befühlte ihn der, der das Gift gereicht hatte, und betrachtete von Zeit zu Zeit die Füße und Schenkel; später drückte er ihn stark am Fuß und fragte, ob er es spüre; Sokrates sagte, nein. Dann machte er es ebenso mit den Unterschenkeln, und so, weiter hinaufgehend, zeigte er uns, wie er kalt und starr wurde. Und er berührte ihn wieder und sagte, wenn es zum Herzen käme, würde es aus mit ihm sein. Als Sokrates nun am Unterleib schon ziemlich kalt war, schlug er das Gewand vom Antlitz zurück (denn er hatte sich verhüllt) und sagte -- es waren seine letzten Worte --: ›Kriton, wir schulden dem Asklepios einen Hahn![3] Opfert ihn und versäumt es nicht!‹ ›Das wird geschehen,‹ sagte Kriton, ›aber sieh, ob du noch etwas zu sagen hast.‹ Darauf antwortete er nicht mehr, sondern zuckte nur nach einiger Zeit noch; dann deckte ihn der Diener auf, da waren seine Augen gebrochen. Als Kriton das sah, drückte er ihm Mund und Augen zu.
Das war das Ende unseres Freundes, nach unserem Urteil des besten Mannes unter allen Zeitgenossen, des einsichtsvollsten und gerechtesten.«
Zweiter Vortrag.
Platon.
Nach dem Tode des Sokrates waren seine Schüler auf sich selbst angewiesen. Sie fühlten sich verwaist, nun der Mann nicht mehr lebte, in dem die Philosophie gleichsam sich verkörpert hatte. Sein Leben und sein Tod waren in jedem Zuge durch seine Lehre bestimmt, aber sie bildeten auch die einzigen Darstellungen, die es von dieser Lehre gab. Denn Schriften hinterließ Sokrates nicht, der vom lebendigen Wort eine so hohe, vom toten Buch eine sehr geringe Meinung hatte. Da nun der Meister selbst dahin war, blieb den Jüngern nichts übrig, als die Erinnerung an ihn und seine Gespräche durch schriftliche Wiedergabe festzuhalten.
Gerade weil sie in Sokrates die Philosophie selbst erblickten, gingen sie an diese Aufgabe nicht als Geschichtschreiber, die genau bestimmen möchten, was Sokrates bei der oder jener Gelegenheit gesagt oder getan hat, sondern als Philosophenschüler, die den Geist des Meisters, wie er in ihnen lebte, festhalten und anderen mitteilen wollten. Nicht die Einzelheiten seines Lebens waren für sie von Bedeutung, sondern daß Sokrates sein ganzes Leben dem Denken gewidmet und durch das Denken bestimmt und daß er sie, die Schüler, zu Philosophen erweckt hatte. Sie fühlten Sokrates in sich lebendig und stellten ihn daher im Gespräche dar. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie dabei auch eigene Gedanken dem Meister in den Mund legten. Da er sich verschiedenen Schülern verschieden gezeigt hatte, da sich im Kreis der Schüler entgegengesetzte Naturen fanden, erhielten diese Gespräche je nach ihrem Verfasser ein mannigfaltiges Gepräge. Wir besitzen die wichtigste Gruppe dieser Gespräche, die von Platon verfaßten, vollständig. Gerade weil Platon selbst ein genialer Denker und Künstler war, bildete er des Sokrates Lehren fruchtbar weiter. Oft ist es für uns schwer festzustellen, wo in diesen Gesprächen Sokrates aufhört und Platon anfängt.
Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß Platon zu seiner Philosophie anders stand als Sokrates, daß er sie nicht mehr in seinem Leben, sondern in seinen Schriften darstellte. In gewissem Sinne allerdings bemüht sich jeder echte Denker, seinen Gedanken gemäß zu leben; aber bei Sokrates hatte es mit der Einheit von Leben und Lehre noch eine besondere Bewandtnis. Seine Philosophie bestand im Grunde in seiner Art zu leben und zu sterben. Platon aber war Dichter; er legte ein Bild des philosophischen Lebens, wie es ihm vorschwebte, in Schriften von wunderbarem Reize nieder. Eine Probe davon gab ich Ihnen in der Schilderung von Sokrates' Tod. Dieser Bericht legt ebensosehr Zeugnis ab für die _persönliche Größe_ des Sokrates wie für die _dichterische Größe_ des Platon.
Wir müssen uns klar machen, daß die Philosophie hier einen Schritt vom unmittelbaren Leben abrückt. Darin liegt ein wichtiger Gewinn. In Gesprächen auf dem Markte kann man den richtigen Weg des Forschens weisen; will man aber eine zusammenhängende Reihe von Wahrheiten entwickeln, so braucht man die Stille langen Grübelns und einsamer Überlegung. Indessen, mit diesem notwendigen Fortschritt ist ein Verlust innig verbunden. Das Denken gewinnt an Umfang und Tiefe, aber es verliert viel von seiner unmittelbaren Wirkung. Es gibt keinen Fortschritt der Entwicklung ohne Verlust. Der Knabe, der zum Jüngling heranwächst, gewinnt an Einsicht und Willenskraft, aber die Zutraulichkeit des Kindes, der glückliche unmittelbare Genuß der Gegenwart, der Zauber unberührter Reinheit muß schwinden. Der Mann ist dem Jüngling durch Reife des Urteils, durch Umsicht und Folgerichtigkeit überlegen. Doch das Feuer in Liebe und Haß ist verkühlt, die edle Leidenschaftlichkeit und Geradheit des echten Jünglings hat sich anpassen gelernt. Wer ein rechter Mann ist, will nicht wieder Jüngling oder Kind werden, aber er weiß, was er verloren hat, und sucht deshalb den Umgang mit Jüngeren. Aus demselben Grunde muß die Menschheit Geschichte treiben. Auch sie hat im Weiterschreiten viel Wertvolles unwiederbringlich verloren, so auch jene ursprüngliche Einheit von Leben und Denken. Als Ersatz für diesen Verlust soll uns die Versenkung in das Altertum dienen, nicht etwa dazu, uns an dem zu weiden, was die Alten nicht konnten, und uns zu brüsten, wie wir es so herrlich weit gebracht.
[Leben]
Platon war Dichter und Lehrer; das wahre Leben des Dichters liegt in seinen Werken, das des Lehrers in seinem Unterricht -- die Bedeutung der äußeren Lebensverhältnisse tritt zurück. Ich will Ihnen davon nur mitteilen, was für das Verständnis seiner Lehre wichtig ist. Platon wurde als Sohn einer Aristokratenfamilie Athens -- wir wissen nicht genau, ob 428 oder 427 -- geboren. Seine Kindheit fällt also in die Zeit des Peloponnesischen Krieges; die eigentliche Blütezeit Athens kannte er nur durch Erzählungen und Überlieferungen. Der Kampf gegen Sparta, der Hader der Parteien im Innern, das waren seine Jugendeindrücke. Die nächsten Verwandten Platons waren Gegner der bestehenden Demokratie, zum Teil der Verbindung mit dem Landesfeinde verdächtig. Auch Kritias, der Führer der nach dem Frieden von Sparta eingesetzten Regierung, gehörte zu seiner Familie. Seiner Herkunft gemäß strebte der hochbegabte Jüngling nach politischer Wirksamkeit. Aber die bedenklichen Mittel, deren die Parteien sich bedienten, stießen ihn ab. Die aristokratische Gesinnung seiner Verwandten teilte er, die Ungerechtigkeit jedoch, mit der Kritias seine Gegner verfolgte, widerstrebte ihm aufs tiefste. Seine dichterische Begabung trieb ihn dazu, Tragödien zu schreiben; aber er vernichtete diese Versuche, als er zwanzigjährig von Sokrates gewonnen wurde. Dies Ereignis entschied über sein Leben. Sehr oft ist für einen Menschen etwas wesentlich, was von außen ganz unscheinbar aussieht; ein Buch, ein Gespräch können unserm Leben eine neue Wendung geben. So bedeutete es z. B. für Platons Entwicklung weniger, daß die Stadt den Feinden zum Opfer fiel und daß nahe Verwandte von ihm wegen einer Verschwörung hingerichtet wurden -- seinen Beruf fand er, als er den wunderlichen Menschen, der sich auf den Gassen herumtrieb, kennenlernte, als Sokrates ihn unter die Zahl seiner Freunde aufnahm. Er lebte mit ihm acht Jahre lang, bis zu Sokrates' Tode.
Durch den gewaltigen Eindruck dieses Ereignisses wurde Platon von der Teilnahme am politischen Leben Athens vollends abgeschreckt. Was sollte er noch von einer Stadt hoffen, die ihren edelsten Bürger zum Tode verurteilte? Der Verteidigung und dem Ruhm des Sokrates widmete er seine ersten Schriften. Dann begab er sich auf eine große Reise nach Ägypten, Cyrene, Sizilien, Unteritalien. Dort in den blühenden Städten Großgriechenlands lernte er die mathematische Wissenschaft genauer kennen, die in der Philosophenschule der Pythagoreer eifrig gepflegt wurde.
Nach seiner Rückkehr begann er seine Lehrtätigkeit, aber nicht mehr wie Sokrates auf dem Markte, sondern anfangs im Gymnasium des Akademos, später in einem nahe dabei gelegenen Garten, den er kaufte. Ein Gymnasium war eine Anstalt, in der Knaben und Jünglinge nackt turnten und rangen; es diente aber vielfach zugleich als Versammlungsort für andere Zwecke, auch die Sophisten und Sokrates hatten oft in Gymnasien gelehrt. Platons Schule in seinem Garten beim Gymnasium des Akademos ist für uns das Urbild einer Vereinigung zu wissenschaftlichen Zwecken. Daher ist der Name Akademie zur allgemeinen Bezeichnung geworden, ähnlich wie der Name Cäsar im Kaisertitel fortlebt.
Das stille, der Forschung und Lehre gewidmete Leben des Philosophen wurde durch zwei neue Reisen nach Sizilien unterbrochen. Platon unternahm sie, weil er bei dem Tyrannen Dionys von Syrakus, dem Herrscher der mächtigsten Stadt Siziliens, mit Hilfe seines Verwandten _Dion_, der Platons Schüler und Freund geworden war, seine politischen Gedanken zu verwirklichen hoffte. Er erlebte beide Male eine schwere Enttäuschung und verzichtete seitdem auf jede unmittelbare politische Wirksamkeit. Bis zuletzt wissenschaftlich tätig, starb er achtzigjährig im Jahre 348 oder 347.
Bei Sokrates darf man eigentlich nicht von einer Lehre reden, wenn man unter diesem Worte einen bestimmten Zusammenhang von Wahrheiten versteht. Vielmehr handelt es sich bei ihm um eine Grundüberzeugung, die in seinem Leben und in seinen Gesprächen Ausdruck findet. Auch Platons Schriften sind keine Lehrbücher, wohl aber Untersuchungen in Gesprächsform; sie streben danach, ein zusammenhängendes Ganzes der Erkenntnis aufzubauen. Dieses Verhältnis muß man berücksichtigen, wenn man Platons Fortbildung sokratischer Gedanken verstehen will.
Sokrates ist überzeugt, daß es eine Wahrheit gibt und zeigt den Sophisten, daß sie selbst Wahrheiten voraussetzen. Platon _beweist_ diesen Satz streng. Gäbe es keine Wahrheit, so wäre ja auch der Satz, es gibt keine Wahrheit, unwahr. Nun behauptet aber der Gegner diesen Satz. Er behauptet also gleichzeitig, daß es keine Wahrheit gibt und daß der Satz, es gibt keine Wahrheit, wahr sei. Damit aber bejaht und verneint er dasselbe in demselben Satze, seine Voraussetzung ist widerspruchsvoll.
[Wahrheit]