Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie

Part 2

Chapter 23,416 wordsPublic domain

Die Sophisten bildeten keine Einheit, sie waren ein Stand ohne ständische Organisation. Es existierte also auch keineswegs eine sophistische Schule, in der bestimmte Meinungen herrschten. Nur der Lehrberuf war ihnen gemeinsam, keineswegs der Inhalt der Lehre. Trotzdem entsprach der Gleichheit ihrer gesellschaftlichen und geschichtlichen Stellung ein gemeinsamer Grundzug ihrer Gesinnung, der sich bei den philosophisch Gerichteten unter ihnen (und nur diese gehen uns etwas an) in ähnlichen Lehren ausdrückte. Wie im Leben, so waren sie auch in der Philosophie heimatlos. Aus dem Streite der verschiedenen naturphilosophischen Schulen hatten sie entnommen, daß in keiner von ihnen Wahrheit sei, ja, daß es eine für alle gültige Wahrheit überhaupt nicht gebe. Wahr sei jedem, was ihm wahr scheine. _Protagoras_, der älteste und bedeutendste unter den Sophisten, suchte das wissenschaftlich zu begründen. Die Wahrnehmung eines Dinges durch eines unserer Sinnesorgane, z. B. das Auge, kommt dadurch zustande, daß das Ding auf unser Auge wirkt. Das Bild, das wir sehen, ist also nicht nur von dem gesehenen Dinge, sondern zugleich von dem sehenden Auge abhängig. Sie können sich das leicht an dem verschiedenen Anblick klar machen, den etwa ein Tisch bietet, wenn wir ihn von verschiedenen Seiten und bei verschiedener Stellung des Kopfes betrachten. Auch die Farben wirken auf das ermüdete Auge anders als auf das ausgeruhte, und dasselbe gilt von jeder anderen sinnlichen Auffassung. Sinnliche Wahrnehmung aber ist -- das steht für Protagoras fest -- die einzige Grundlage alles Erkennens. Wenn die Wahrnehmung also in jedem Falle von der besonderen Natur, Stimmung und Stellung des Erkennenden abhängig ist, so gibt es keine für alle gleiche Wahrheit. In diesem Sinne stellte Protagoras den Satz auf: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge.« Gibt es keine Wahrheit, so kann man auch keinen anderen von der Wahrheit überzeugen. Will ein Mensch auf den anderen wirken, so kann er nur versuchen, ihm durch geeignete Künste die Meinung beizubringen, die dem Redner günstig ist. Die Sophisten wollen daher ihre Schüler zu tüchtigen Künstlern in der Überredung machen.

Diese Theorie sieht zunächst weltfremd und ungefährlich aus; auch war ihr Urheber überzeugt, daß sie mit politischen und zumal mit religiösen Umwälzungen nichts zu tun habe, erklärte vielmehr, über die Götter vermöge er überhaupt nichts auszusagen. Da es sich auf religiösem Gebiete also nicht um ein Wissen handeln konnte, übte er ruhig den gebräuchlichen Kultus aus und folgte den herrschenden Sitten. Der Widerstreit indessen zwischen seinem Bekenntnis der Unwissenheit und dem festen Glauben eines echten Anhängers der alten Religion, trat, so sehr er ihn vor sich und anderen zu verschleiern suchte, bei einigen seiner Schüler entschieden hervor. Keck verachteten sie die Vorsicht und Zurückhaltung des Meisters und meinten, daß jeder einzelne sich über Gesetz, Sitte, Religion hinwegsetzen dürfe, wenn nur der Erfolg seiner Kraft oder Schlauheit recht gebe. Als Hauptgegenstand ihres Unterrichts betrachteten sie die Kunst der Überredung; wer sich ihnen anvertraute, sollte lernen, anderen die Meinung beizubringen, die ihm selbst vorteilhaft sei. Nach ihrer eigenen Handlungsweise beurteilten sie auch die Staatsmänner der Vorzeit, in denen sie die Urheber nicht nur der politischen, sondern auch der religiösen und moralischen Gesetze und Sitten sahen. Diese Machthaber waren nach ihrer Meinung schlaue Männer, gewissermaßen Vorläufer der Sophisten, gewesen und hatten es verstanden, der Masse die Überzeugung beizubringen, daß es gut sei, den Gesetzen zu folgen, die sie nur zum Vorteil der Herrscher erdacht hatten. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt -- das wird dann die Lebensregel für den starken Geist. Hüten wird er sich freilich, sie vor den auszubeutenden Herdenmenschen offen zu bekennen.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung der Sophistik entartete das politische Leben. Die von alters her erbitterten Parteikämpfe verwilderten mehr und mehr, selbst die Verbindung mit dem Landesfeinde wurde nicht gescheut. Der unparteiische Betrachter wird sich fragen müssen, ob die radikalen sophistischen Theorien Ursache oder bloße Spiegelung dieser politischen Entartung waren, er wird ihnen sicher nicht die Hauptschuld zuschreiben. Aber viele Zeitgenossen urteilten anders, zumal seit in dem großen Entscheidungskampf um die Herrschaft über Griechenland, in dem Peloponnesischen Kriege, Not und Bedrängnis über Athen kam. Viele glaubten damals, daß die neumodische Bildung schuld an allem Unglück sei; es entstand eine Partei, die in der Rückkehr zu schlichtem altväterlichem Glauben und Handeln das einzige Heil sah.

[Verhältnis zu den Sophisten]

Des _Sokrates_ Jugend fiel in die Periode der höchsten Blüte des Staates und des Eindringens der Sophisten, seine Wirksamkeit hauptsächlich in die Zeit des großen Krieges. Er mußte also zu zwei Gruppen von Männern Stellung nehmen, zu den Neuerern und Sophisten einerseits, zu den Verteidigern der alten Sittlichkeit und Religion anderseits. Da aber des Sokrates Denken sich, wie hervorgehoben, in seiner Lebensführung offenbarte, müssen wir diese vor allem betrachten.

Sokrates trieb kein dem Broterwerb gewidmetes Geschäft, sondern lebte unter größter Einschränkung seiner Bedürfnisse von den Erträgnissen des kleinen väterlichen Erbes und zugleich wohl von freiwilligen Geschenken seiner Freunde. Er diente dem Staat als tapferer Krieger, einmal auch als Mitglied des Rates, aber politischen Ehrgeiz hatte er nicht, in den Parteikämpfen spielte er keine Rolle. Vielmehr verbrachte er seine Tage auf den Plätzen Athens mit Gesprächen, deren Eigenart uns noch beschäftigen muß. Nichts lag näher als ihn mit den Redekünstlern von Gewerbe, den Sophisten in eine Klasse zu setzen, wie das auch z. B. der Komödiendichter _Aristophanes_ tat. Aber schon äußerlich unterschied sich Sokrates von den Sophisten dadurch, daß er keinen Lohn für seine Unterredungen nahm, auch nicht eigentlich Schüler hatte, die er einen bestimmten Lehrgang durchmachen ließ, sondern nur Anhänger, die ihm freiwillig folgten und an seinen Unterredungen teilzunehmen begehrten. In diese Gespräche zog Sokrates alle möglichen Bürger -- Handwerker und Offiziere, Vornehme und Geringe, Politiker und Sophisten -- hinein; gern ging er von einem praktischen Falle aus, wußte aber die Rede bald auf die wichtigsten allgemeinen Fragen hinüberzulenken. Ein fremder Fechtmeister führt etwa seine Künste vor und zuschauende Bürger beraten, ob sie ihre Söhne von ihm unterrichten lassen sollen. Sokrates wird zu der Beratung herangezogen und macht sofort darauf aufmerksam, daß die Entscheidung davon abhänge, was man mit dem Unterricht erreichen wolle. Die Söhne zu tapferen Kriegern machen, wird ihm geantwortet. Ja aber was ist nun Tapferkeit? fragt Sokrates weiter und ist damit bereits bei der Erforschung allgemeiner Fragen des sittlichen Lebens angelangt.

Ganz besonders bemühte sich Sokrates, begabte junge Leute an sich heranzuziehen und zu tieferem Nachdenken anzuregen. Zum Nachdenken anzuregen, sage ich; denn Sokrates will nie fertige Weisheit mitteilen, betont vielmehr immer wieder, er wisse nichts und unterscheide sich nur dadurch von den anderen, daß er um sein Nichtwissen wisse. Erst durch die gemeinsame Untersuchung soll die Wahrheit gefunden werden. Kein Wunder, daß oft ein positives Ergebnis nicht gewonnen wurde, sondern die Teilnehmer am Gespräch zuletzt sich nur insofern gefördert sahen, als sie nun mit Sokrates um ihr Nichtwissen wußten.

Denken Sie sich einen lebhaften, schlecht gekleideten, barfuß gehenden Menschen mit dicken Lippen, aufgeworfener Nase und von kurzer Gestalt, der die Vorübergehenden anredet und mit großem Eifer in eigenartige Gespräche hineinzieht, so werden Sie begreifen, daß dieser Mann rasch ein stadtbekanntes Original wurde. Sein Witz und seine geistige Überlegenheit errang sich bei manchen Achtung, bei mehreren Feindschaft. Sogar seine nach attischem Brauch ungebildete Gattin, die das dürftige Hauswesen in Ordnung halten mußte, sah in ihm wie natürlich einen recht unnützen Müßiggänger und machte ihm wohl gelegentlich heftige Szenen. Ihr Name _Xanthippe_ ist sprichwörtlich für ein zanksüchtiges Weib geworden, obwohl die wenigen, wirklich zuverlässigen Nachrichten sie als eine brave Person schildern, die ihren Mann in ihrer Art herzhaft liebte und sich bei seinem Tode vor Kummer nicht fassen konnte. Auch auf sie, die ihren Gatten gewiß nicht verstand, muß doch die Gewalt seiner einzigartigen Persönlichkeit gewirkt haben.

[Lebensweise. Jünger]

Sokrates wußte die verschiedenartigsten Menschen zu gewinnen und zu fesseln, er besaß die Kunst, auf jeden seiner Eigenart gemäß zu wirken; daher schilderte ihn jeder seiner Schüler anders. Viele unter den Büchern der Sokratesjünger sind verloren, aber wir besitzen noch die Werke von zwei sehr verschiedenartigen Anhängern.

_Xenophon_, Offizier, Landwirt, Geschichtschreiber, ein Mann des tätigen Lebens, schildert Sokrates als einen praktischen, witzigen Menschen, der es sich zum Beruf gemacht hat, die Athener zu tüchtigem Wirken für Familie und Staat zu erziehen. Klug und hilfreich berät er seine Freunde auch in den kleinen Angelegenheiten ihres Privatlebens. Unnützen Spitzfindigkeiten ist er abgeneigt; es tritt kaum hervor, daß er selbst im Gegensatze zu der Scheinweisheit der Sophisten eine _Einsicht_, ein wahres Wissen zu gewinnen strebt. Sokrates erscheint in diesem Spiegel bieder, kernhaft und tüchtig, aber auch nüchtern und prosaisch; seine Weisheit ist eine ziemlich hausbackene Moral und ein witzig vorgetragener gesunder Menschenverstand. Der Quellenwert der Xenophonischen Denkwürdigkeiten wird dadurch vermindert, daß sie zum größten Teile erst ein Menschenalter nach dem Tode des Sokrates verfaßt wurden.

Ganz anders sah _Platon_ mit dem Tiefblicke des Dichters den Sokrates; er fühlte das Feuer und die Begeisterung durch die kühlverständige Hülle hindurch, ihm erschloß sich das Götterbild, das hinter der Silensmaske des Sokrates verborgen war. Wir verdanken es Platon, daß der mehr als dämonische, der göttliche Zauber des seltsamen Mannes auch uns noch berückt, wir sind ihm noch größeren Dank dafür schuldig, daß er die Ansätze wissenschaftlicher Erkenntnis in den Gesprächen des Meisters ans Licht stellte.

Dem Historiker freilich hat gerade Platons Größe seine Aufgabe erschwert; Platon war kein bloßer Spiegel des empfangenen Gutes, in seinem Geiste bildete sich jeder Gedanke eigenartig um, und er nahm in treuer Verehrung des Meisters die Gewohnheit an, auch eigene Überlegungen und Einsichten dem Sokrates in den Mund zu legen, sie so gleichsam seinem Lehrer zuzueignen. Doch gilt dies von den späteren platonischen Dialogen mehr als von den frühen, die bald nach Sokrates' Tode entstanden sind. Aus ihnen lassen sich die Grundüberzeugungen des Sokrates recht wohl feststellen.

Sokrates wollte die, mit denen er umging, zum rechten Leben führen, das zugleich nach seiner Überzeugung und Erfahrung das glückliche Leben ist; er war also sittlicher Reformator und wirkte durch sein Vorbild, seine Person mindestens so sehr wie durch seine Lehre. Für die Philosophie aber erlangt dieser Reformator dadurch entscheidende Bedeutung, daß er sittliche Einsicht als Bedingung der sittlichen Umkehr fordert. Das führt zur strengeren Untersuchung.

Die bedeutendsten Sophisten, so sahen wir, glaubten nicht an eine für alle Menschen gültige Wahrheit. Gerade dieser ihrer Voraussetzung trat Sokrates entgegen. Er war innig überzeugt, daß sich die Wahrheit finden lassen müsse. Sonst hätte er auch sein Gesprächführen nicht als ein ihm von der Gottheit übertragenes Amt ansehen können. Seine Gespräche sind ja eine Art Forschung, und kein ernster Forscher zweifelt daran, daß wenigstens ein Stück Wahrheit sich finden läßt; sonst würde er die Mühe des Untersuchens nicht auf sich nehmen. Sokrates zeigt den Sophisten, daß sie selbst im Grunde einige Wahrheiten zu besitzen glauben. Sie wollen doch lehren, wie man auf Menschen wirken kann. Dazu müssen sie gewisse Kenntnisse über die Natur der Menschen mitteilen, und wenn sie diese Kenntnisse nicht für wahr hielten, hätte ihr ganzes Treiben keinen Sinn. Auch ihre Behauptung, daß sie weiser seien als andere, daß daher ihr Unterricht etwas nütze, setzt voraus, daß sie sich im Besitz gewisser Wahrheiten fühlen. Er bekämpft also die Sophisten mit ihren eigenen Waffen und zeigt, daß sie nicht einmal selbst den Glauben an ihre Voraussetzung festhalten können. Allerdings in _einem_ Punkte stimmt Sokrates mit den Sophisten überein, in der Forderung verstandesmäßiger Untersuchung alles dessen, was sich für wahr und gut ausgibt. Die Wahrheit liegt nicht in irgendwelchen Überlieferungen fertig vor, sondern sie muß erst durch Nachdenken gefunden werden. Man sieht, Sokrates nimmt neben den beiden Richtungen, die wir schilderten, den Neuerern und den Verteidigern des Alten, eine ganz eigenartige Stellung ein. Der radikale Sophistenschüler sagt: Es gibt keine Wahrheit, tue jeder, was ihm beliebt und nützt. In schroffem Gegensatz dazu fordert der für altväterliche Sitte und Religion begeisterte Patriot: Erkenne an, daß die Wahrheit in den überkommenen Gebräuchen und im heimischen Gottesdienst gegeben ist, und hüte dich, durch Denken oder Handeln von dieser Richtschnur abzuweichen. Sokrates tritt beiden entgegen und lehrt: Es gibt Wahrheit, sie ist uns allen erreichbar, aber wir müssen sie suchen. Nur durch ernsthaftes Forschen können wir sie finden; nur ein Handeln aus selbsterrungener Einsicht kann wahrhaft gut sein.

[Methode]

Zwei Fragen drängen sich uns hier sogleich auf: Wie lehrte Sokrates die Wahrheit finden, und auf Wahrheit welcher Art kam es ihm an? Die Art, zu einer Einsicht zu gelangen, nennt man Methode. Viele von Ihnen haben gewiß schon von einer sokratischen Methode reden hören, manche wissen wohl auch, daß diese Methode durch geeignete Fragen aus dem Schüler selbst die richtige Antwort herauszuentwickeln sucht.

Nicht zufällig wählte Sokrates diesen Weg, der für ihn kein bloßes Mittel der Belehrung, sondern wirklich der geeignetste Pfad zur Wahrheit war; die Methode entsprang vielmehr seiner Überzeugung, daß im Geiste des Menschen die rechte Einsicht verborgen sei. Es handelt sich also nicht darum, die Weisheit gleichsam von außen heranzubringen, sondern nur sie ans Licht zu befördern und von anhaftendem Irrtum zu befreien. Auch diese Geburt ist, wie die eines Kindes, mühsam und schmerzhaft, auch sie erfordert kunstgerechte Hilfe. Darum sagt Sokrates öfters scherzend, seine Kunst sei die einer Hebamme und er habe sie von der Mutter ererbt.

Im einzelnen stellt sich die sokratische Methode als ein allmähliches Hinleiten zu immer besseren Antworten dar. Der Mitunterredner soll dabei seine Fehler selbst eingestehen, die Wahrheit aus eigener Einsicht finden. Es handle sich z. B. um die Frage, was ist Tapferkeit? Ein Mann, besonders wenn er schon im Felde dem Feinde gegenübergestanden hat, wird überzeugt sein, über diese Tugend Bescheid zu wissen. Drängt man ihn aber, seine Meinung darüber zu äußern, so wird er an einen ihm naheliegenden Fall denken und etwa antworten: Tapferkeit ist, wenn einer nicht aus der Schlacht fortläuft. Sokrates wird ihn dann darauf aufmerksam machen, daß es auch gegen ungerechte Ansprüche der Machthaber im eigenen Staate ein tapferes Verhalten gibt, daß man auch Krankheiten tapfer erdulden kann. Durch diese Einwände zwingt er seinen Unterredner dazu, einzugestehen, daß er nur ein _Beispiel_, keine _Erklärung_ der Tapferkeit gegeben hat, und zu erkennen, daß es auf den _allgemeinen Begriff_ der Tapferkeit ankommt. Dieser aber muß für alle Fälle zutreffen, in denen man mit Recht von Tapferkeit spricht. Der in allgemeinen Überlegungen ungeübte Gesprächsteilnehmer wird auf die so gestellte Frage zunächst nicht richtig antworten; dann muß sich sein Fehler im weiteren Verlaufe der Unterredung herausstellen. Hat sich so öfter die scheinbar treffliche Geburt seines Geistes als Fehlgeburt erwiesen, so führt das zu einer Erschütterung seines Selbstbewußtseins, zu jenem Wissen des Nichtwissens, das nach Sokrates die erste Stufe auf dem Wege zur Erkenntnis ist.

Auch sich selbst schreibt Sokrates nur das Wissen des Nichtwissens zu. Er fühlt sich den Schülern überlegen, sofern er die Notwendigkeit der Untersuchung eingesehen hat; in der Untersuchung aber stellt er sich mit ihnen auf eine Stufe. Da Meister und Jünger zusammen vom Irrtum zu höherer Einsicht fortschreiten, werden die Schüler zu Genossen im Suchen nach Wahrheit. Diese Haltung unterscheidet Sokrates von den Sophisten. Der Sophist will im Gespräch den Gegner einschüchtern, überlisten, lieber noch in zusammenhängender Rede glänzen -- es kommt ihm darauf an, Eindruck zu machen, sich zur Geltung zu bringen. Sokrates will Liebe zur wissenschaftlichen Untersuchung wecken, damit zugleich Liebe zur Sache, zur ernsten Hingabe an eine überpersönliche Wahrheit. Er hat den erzieherischen Wert der Wissenschaft entdeckt. Wenn wir Knaben und Jünglinge, auch sofern sie nicht für die Wissenschaft bestimmt sind, durch Wissenschaft bilden, überzeugt, daß der Geist reinen Wahrheitstrebens ganz allgemein die innere Selbständigkeit und die Hingabe an die Sache um der Sache willen erzeugt, so wirken wir im Sinne des Sokrates. Sophistisch dagegen wird die Erziehung, sobald sie in den rasch mitgeteilten »Ergebnissen« fremden Forschens nur Mittel überliefert, zu glänzen und sich durchzusetzen.

Sokrates steckte sich also das Ziel, zu einer genauen Begriffsbestimmung zu gelangen, und benutzte als Mittel dazu Gespräche, die von der gewöhnlichen unklaren Vorstellungsweise des ungebildeten Durchschnittsatheners oder von dem auf Verblüffung abzielenden Geschwätz des neumodischen, halbgebildeten Sophistenschülers ausgingen. Da jeder Schritt auf diesem Wege nur mit Zustimmung des Mitunterredners gemacht wird, hat sich dieser am Schluß keine fremde Weisheit angeeignet, sondern aus sich selbst heraus eine Einsicht errungen.

[Absicht und Inhalt seiner Gespräche]

Weil es Sokrates mehr darauf ankam, die rechte Gesinnung und den Willen zur Wahrheit zu wecken als bestimmte einzelne Wahrheiten einzuprägen, schlossen seine Gespräche oft mit einer Frage ab. Doch läßt sich die Richtung, in der die Wahrheit liegt, fast immer erkennen. So dürfte man kaum irren, wenn man die sokratische Definition der Tapferkeit in dem Satze sieht, sie sei die richtige Einsicht in das, was man fürchten und was man nicht fürchten soll. Man kann sich an diesem Falle den wesentlichen _Inhalt_ der sokratischen Weisheit klar machen. Es ist zunächst nicht zufällig, daß der Begriff einer menschlichen Tugend als Beispiel gewählt wurde, bildet doch die Untersuchung sittlicher Eigenschaften durchaus den Kern des sokratischen Strebens. Aus seiner Stellung zum Leben ist das unmittelbar verständlich: er will nur das untersuchen, was dem Menschen dazu verhilft, sein Leben in rechter Weise zu führen. Zugunsten dieser Beschränkung auf das eine, das not tut, wendet er sich gegen die Bemühungen um Erkenntnis der körperlichen Natur. Wir dürfen indessen in dieser Ablehnung der Naturphilosophie nicht _nur_ die Folge seines praktischen Bestrebens sehen, sondern müssen zugleich daran erinnern, daß Sokrates _sicheres_ Wissen suchte, solches aber in den Anfängen der Naturphilosophie nirgends zu finden war. Vielmehr lagen hier verschiedene Vermutungen miteinander in einem Streite, der sich, wie es schien, nicht schlichten ließ.

Glücklicherweise glaubte er diese unfruchtbaren Wortkämpfe zugleich als unwichtig ablehnen zu dürfen. Wichtig sind für den Menschen die Begriffe, nach denen er sein Handeln zu regeln hat. Diese kann er in sich selbst finden, und darum machte Sokrates die alte Mahnung: »Erkenne dich selbst« zu seinem Wahlspruch. Wie Protagoras, so ging auch Sokrates vom Menschen aus. Beiden ist der Mensch das wichtigste, und in gewissem Sinne könnte Sokrates sogar den Spruch des Protagoras, der Mensch ist das Maß aller Dinge, zugeben. Trotzdem besteht der entschiedenste Gegensatz zwischen ihnen. Protagoras denkt, wenn er jenen Satz ausspricht, an die wechselnden Zustände, Launen und Neigungen, die bei jedem Menschen andere sind und auch bei demselben Menschen mit der Zeit wechseln. Sokrates dagegen sucht im Menschen die _Vernunft_, die nicht wechselt und nicht bei einem Menschen anders als beim andern ist. Wo echtes Denken beginnt, hört die Verschiedenheit zwischen den Denkenden auf. Man kann sich das an der allereinfachsten Aufgabe, an einem leichten Rechenexempel etwa, klar machen. Wenn ich frage, wieviel ist 5 mal 7, so führt Sie alle Ihr Nachdenken zum gleichen Ziele. Da Sie rechnen können, wissen Sie, daß die richtige Antwort 35 ist. Sollte jemand die Laune haben, dieses Resultat einmal anders zu wünschen, so würde ihm das nichts helfen, und wer etwa eine andere Zahl herausbekäme, dem würde niemand sagen: Das scheint dir so, also ist für dich 5 × 7 = 32, sondern jeder würde ihm zurufen: Du irrst dich. So finden wir in uns in der Tat ein allen gemeinsames Denken, das bei geeigneter Ausbildung Wahrheiten zu erkennen vermag.

Aus diesem Denken entspringt nach Sokrates auch die Sittlichkeit. Sittlich handeln bedeutet, den Aussprüchen des Denkens, der Vernunft folgen. Nunmehr können wir die Erklärung der Tapferkeit verstehen. Tapferkeit ist die richtige Einsicht in das, was man fürchten und was man nicht fürchten soll. Der wahrhaft Tapfere weiß, daß es Dinge gibt, die mehr zu fürchten sind als der Tod: Unrecht tun, seine Pflicht verletzen, in Widerstreit mit sich selbst geraten. Hat er nur die Wahl zwischen Unrecht und Lebensgefahr, so nimmt er in voller Erkenntnis das Wagnis auf sich. Denn Tapferkeit, d. h. eine Tugend, darf nicht mit Tollkühnheit verwechselt werden, die sich blind und grundlos in Gefahr begibt und keineswegs Lob verdient. Der Tapfere weiß auch, daß man unter Umständen die Pflicht hat, sein Leben zu erhalten. Wenn etwa ein Heerführer, an dessen Feldherrnbegabung der Sieg hängt, sich den Kugeln aussetzt, handelt er nicht tapfer; er muß sich schonen, muß sogar tapfer genug sein, den Verdacht der Feigheit zu ertragen, wenn er weiß, daß sein Tod für die von ihm vertretene Sache am meisten zu fürchten wäre. Soweit werden Sie die Begriffsbestimmung leicht zugeben. Aber daß Tapferkeit Einsicht sein soll, wird Ihnen nicht recht einleuchten. Sie alle kennen gewiß Menschen, die weit vom Schuß sehr gut wissen, was sie fürchten und nicht fürchten sollen, aber doch, wie man zu sagen pflegt, kein Pulver riechen können. Sokrates hat in der Tat übersehen, daß die bloße Einsicht den Menschen noch nicht die Kraft des richtigen Handelns gibt. Was hier als eine Lücke seiner Erkenntnis zugestanden werden muß, geht aber aus der Größe seines Charakters hervor. In ihm war die Vernunft zur lebenbestimmenden Kraft geworden; dem Erkannten zu widerstreben war ihm unmöglich, daher verstand er unter Einsicht oder Wissen etwas, was den ganzen Menschen durchdringt. Wer nicht nach seiner Erkenntnis handelt, beweist eben damit, daß er im Sinne des Sokrates keine Erkenntnis besitzt.