Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie

Part 10

Chapter 103,357 wordsPublic domain

Es wird nötig sein, den ganzen Gedankengang, den wir an einem Beispiele durchgegangen sind, nun allgemeiner zu wiederholen. Dabei werden wir wichtige Bestandteile, die wir der Einfachheit wegen zunächst absichtlich wegließen, nachholen müssen. Auch wird es zweckmäßig sein, nunmehr wenigstens einige vielgebrauchte kantische Ausdrücke zu erklären. Wir können von einer Fragestellung ausgehen, die Kant selbst zum Zwecke einer leichteren Einführung in seine Lehre benutzt hat.[5] Kant wollte wissen, warum die Metaphysik bisher immer Schiffbruch gelitten hatte. Metaphysik beansprucht, sichere und allgemeingültige Erkenntnisse zu besitzen. Nun gibt es Wissenschaften, die zwar nicht das Ganze der Welt und sein Verhältnis zur Gottheit zum Gegenstande haben, dafür aber auf ihrem engeren Gebiete jene Zuverlässigkeit und Allgemeingültigkeit besitzen, die die Metaphysik vergeblich erstrebt. Es sind dies die Mathematik und die mathematische Naturwissenschaft. Wenn wir wissen, wie auf diesen Gebieten Erkenntnis zustande kommt, dann werden wir auch einsehen lernen, warum es sich auf metaphysischem Gebiet anders verhält. Es entstehen also zunächst drei Fragen, den drei Wissenschaften entsprechend. Diese Fragen haben aber nicht alle dieselbe Form. In Mathematik und Naturwissenschaft gibt es allgemein anerkannte wissenschaftliche Sätze. Wer Euklids Geometrie oder Newtons Physik verstanden hat, kann nicht mehr fragen, _ob_ hier Wissenschaft möglich ist; denn er hat die Wirklichkeit dieser Wissenschaften erkannt, und was wirklich ist, dessen Möglichkeit ist erwiesen. Hier kann es also nur darauf ankommen, nachzuweisen, _wie_ diese Möglichkeit zustande kommt. Anders steht es mit der Metaphysik. In ihren Streitigkeiten hat es wenigstens bisher keine Entscheidung gegeben, und viele haben infolgedessen an jeder Möglichkeit metaphysischer Erkenntnis gezweifelt. Wir müssen also fragen, _ob_ Metaphysik als Wissenschaft möglich ist. Sollte diese Frage verneint werden, so wäre damit freilich noch nicht alles erledigt. Denn augenscheinlich liegt doch tief in unserem Wesen begründet ein Bedürfnis nach Metaphysik; wäre das nicht der Fall, so hätte die Menschheit längst von den Bemühungen um eine solche Erkenntnis abgelassen. Kant selbst hat dieses Bedürfnis im höchsten Grade gefühlt, er sagt einmal, er sei in die Metaphysik verliebt. Die Tatsache dieses Bedürfnisses verlangt auch dann und gerade dann eine Erklärung, wenn man eine wissenschaftliche Metaphysik nicht für möglich hält. Wir verstehen jetzt die vier Fragen, auf die Kant in der schon erwähnten späteren, leichter verständlichen Darstellung den Inhalt der Kritik der reinen Vernunft zurückgeführt hat:

I. Wie ist reine Mathematik möglich?

II. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?

III. Ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?

IV. Wie ist das Bedürfnis nach Metaphysik als Tatsache möglich?

[Fragestellung]

Zu erklären bleibt dabei nur noch das Wörtchen »rein« in der ersten und zweiten Frage. Es bedeutet: unabhängig von jeder einzelnen sinnlichen Erfahrung. Wir haben am Kausalgesetze gesehen, daß die allgemeine Voraussetzung einer Verbindung von Ursache und Wirkung allen Erfahrungen zugrunde liegt. Die Erfahrung, wenn wir unter diesem Worte die Vereinheitlichung unserer verstreuten Empfindungen verstehen, ist nur unter Voraussetzung des Kausalgesetzes möglich; dieses Gesetz ist also von jeder besonderen Erfahrung unabhängig, es ist »rein« in dem eben erklärten Wortsinne. Dagegen kommt jedes einzelne Naturgesetz, z. B. daß der Magnet Eisen anzieht, erst durch Anwendung des allgemeinen Kausalgesetzes auf einzelne Erfahrungen zustande. Diese Gesetze sind also nicht mehr »rein«. Nur um jene reinen Voraussetzungen aller Naturwissenschaft handelt es sich hier.

Wir gehen nunmehr die einzelnen Fragen durch und erklären Kants Antworten.

I. Wie ist reine Mathematik möglich?

Die mathematischen Sätze leiten wir nicht aus einzelnen Erfahrungen her; wenn wir z. B. beweisen wollen, daß die Winkelsumme des Dreiecks zwei Rechte beträgt, so messen wir nicht die Winkel möglichst vieler Dreiecke nach, sondern wir führen einen ganz allgemeinen Beweis, der auf andere einfachere Sätze und schließlich auf unbeweisbare Grundsätze zurückgeht. Das Dreieck, welches wir uns dabei vielleicht aufzeichnen, dient nur zur Erleichterung des Verständnisses. Seine besondere Beschaffenheit, ob es rechtwinklig, spitzwinklig oder stumpfwinklig, ob es gleichseitig oder ungleichseitig ist, bleibt ganz außer Betracht. Ja wir wissen genau, daß das gezeichnete Dreieck den Anforderungen der Geometrie nicht völlig entspricht. Für unseren Beweis sind seine Seiten ohne Breite, während jede gezeichnete Linie eine gewisse Breite besitzt. In den mathematischen Wissenschaften haben wir also eine Fülle von Sätzen, die rein, unabhängig von jeder Erfahrung gelten. Diese Wahrheiten aber sind uns höchst wichtig; denn wir sind überzeugt, daß alle unsere Erfahrungen über körperliche Dinge diesen Sätzen entsprechen werden. Jeder Physiker oder Astronom setzt bei seinen Messungen die Lehrsätze der Geometrie voraus. Wir haben früher gesehen, wie Descartes und seine Nachfolger in der Geometrie das Vorbild rein verstandesmäßiger Erkenntnis erblickten. Sie glaubten, daß die geometrischen Sätze sich durch bloßes Denken gewinnen ließen und hofften daher, in ähnlicher Weise ein System wahrer Sätze über Gott und das Weltganze aufstellen zu können. Kant war mit ihnen einig darin, daß die geometrischen Sätze nicht aus der Erfahrung abgeleitet sind. Aber ebensowenig lassen sie sich aus dem bloßen logischen Denken heraus gewinnen; wenn wir auch den Begriff der geraden Linie, des Punktes, der Ebene und der Parallelen aufgestellt haben, können wir daraus noch nicht den Grundsatz ableiten, daß in einer Ebene zu jeder geraden Linie durch jeden Punkt außerhalb dieser Geraden eine und nur eine Parallele gezogen werden kann. Die Überzeugung von der Wahrheit dieses Satzes beruht auf den Grundeigenschaften unserer räumlichen Anschauung. Ähnliches gilt von allen Grundsätzen der Geometrie. Hier steht also zwischen dem Denken und den einzelnen sinnlichen Wahrnehmungen noch etwas Drittes: der Raum. Jede unserer Wahrnehmungen von Körpern ist räumlich, darum gelten von ihr die Grundeigenschaften des Raumes. Hätte sie diese Form nicht, so könnten wir sie gar nicht in unsere einheitliche Vorstellung einer Körperwelt einordnen. Diese allgemeine Form des Raumes ist nicht aus einzelnen Erfahrungen abzuleiten; denn die Erfahrung als Verknüpfung der einzelnen Empfindungen in eine einheitliche Welt ist nur mit Hilfe des Raumes möglich. Aber die Eigentümlichkeiten des Raumes, die in den geometrischen Grundsätzen ausgesprochen werden, sind ebensowenig denknotwendig in dem Sinne, daß es ein Widerspruch wäre, sie zu bestreiten. In Gedanken können wir uns z. B. ganz gut mit Räumen von vier und mehr Dimensionen beschäftigen. Wenn also der Raum weder Erfahrung noch denkerzeugter Begriff ist, so bleibt nur eins noch übrig: er ist eine reine, d. h. von aller Erfahrung unabhängige Form unserer äußeren Anschauung oder, was dasselbe sagt, unserer Anschauung der Körperwelt. Die Sätze der Geometrie sind allgemein gültig, weil alle unsere körperliche Erfahrung nur in den Formen dieser Anschauung möglich ist. Was vom Raum gilt, gilt ganz ähnlich auch von der Zeit, nur daß sie unserer Erfahrung noch viel allgemeiner zugrunde liegt. Die Verknüpfung der seelischen Vorgänge, der Gedanken und Gefühle, alles dessen, was wir unsere innere Erfahrung nennen können, findet nicht im Raume, wohl aber in der Zeit statt. Nach Kant steht die Arithmetik in einem ähnlichen Verhältnisse zur Zeit wie die Geometrie zum Raum. Man kann das verstehen, wenn man das Zählen als Vorbedingung der Zahl ansieht. Doch führt das auf schwierige und sehr umstrittene Probleme, die hier darzulegen unmöglich ist. Wir haben so zwei reine Anschauungsformen, durch die alle einzelnen Erlebnisse geordnet sind. Die Gesetzlichkeit dieser Formen sprechen wir in den Grundsätzen der Mathematik aus. Die Geltung der Mathematik für alle Erfahrungen beruht auf diesen reinen Anschauungsformen. Was nicht in Raum und Zeit angeordnet ist, bleibt für uns schlechthin unerkennbar.

II. Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?

Auch die Naturwissenschaft macht, wie wir schon bei unserer Betrachtung des Kausalgesetzes sahen, Voraussetzungen, die nicht aus der Erfahrung ableitbar sind. Alle einzelnen Naturgesetze zwar enthalten Erfahrungsbestandteile, sind also in Kants Sinne keine reinen Erkenntnisse, aber es ist möglich, jene vor aller Erfahrung gültigen Voraussetzungen aller Naturwissenschaft für sich zu betrachten. Diese Voraussetzungen und was ohne Anleihe an die besondere Erfahrung aus ihnen folgt, nennt Kant _reine Naturwissenschaft_.

Durch Raum und Zeit erhält jedes Erlebnis eine bestimmte Stelle, die für alle Menschen dieselbe ist. Aber die so geordneten Anschauungen bilden doch ein bloßes Nebeneinander, wenn nicht noch andere Prinzipien von ihnen gelten. Sie sollen ja nicht nur geordnet angeschaut, sondern als gesetzmäßiger Zusammenhang gedacht werden. Dazu ist, wie wir bereits sahen, die Geltung des Kausalgesetzes notwendig. Damit aber die gesetzmäßigen Veränderungen der Natur von unserem Verstande beherrschbar seien, müssen sie, wie wir schon früher erkannt haben, der Rechnung unterworfen werden können. Alle Unterschiede in der Körperwelt müssen auf quantitative Unterschiede, d. h. auf Verschiedenheiten der Größe und Zahl zurückgeführt werden.

Soll ferner im Flusse der Ereignisse Einheit herrschen, so muß etwas von allem Wechsel unberührt erhalten bleiben, und da es sich überall in der Naturwissenschaft um meßbare Größen handelt, muß auch dieses Etwas eine Größe sein. Als solche Erhaltungsgrößen hat die moderne Physik Materie und Energie erkannt.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich, alle Voraussetzungen der Naturwissenschaft aufzuführen; welcher Art sie sind, zeigen die behandelten Beispiele genugsam. Sehen wir sie uns noch einmal an, so erkennen wir sofort, daß sie der Zeit zu ihrer Anwendung bedürfen. Die Erhaltungsgesetze sagen aus, daß eine Größe in aller Zeit bestehen bleibt, das Kausalgesetz macht aus der bloßen Zeitfolge der Geschehnisse eine begreifliche Ordnung.

Die Sätze der reinen Naturwissenschaft enthalten also außer den _Verstandesformen_, die Kant _Kategorien_ nennt, noch die _Anschauungsformen_.

Fruchtbar wird diese reine Naturwissenschaft aber erst, indem sie sich den Stoff der Empfindungen unterwirft. Diesen Stoff empfängt sie, vermag ihn aber nicht aus ihren Grundsätzen abzuleiten, zu erzeugen.

III. Ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?

Mit den letzten Sätzen ist diese Frage eigentlich schon verneint. Man hatte geglaubt, aus dem reinen Denken heraus ohne Anleihe an die Erfahrung Erkenntnisse über die Gottheit und ihr Verhältnis zur Welt ableiten zu können. Wir wissen jetzt, daß zunächst jede inhaltlich fruchtbare Anwendung der allgemeinen Verstandesformen nur mit Hilfe der Formen der Anschauung, Raum und Zeit, möglich ist. Der Satz, daß jede Veränderung ihre Ursache haben muß, hat nur innerhalb des Reiches zeitlicher Geschehnisse Sinn. Wenn die frühere Metaphysik sagte: die Welt ist da, also muß sie eine Ursache haben, so suchte sie den Begriff der Ursache, statt ihn innerhalb der Welt anzuwenden, vielmehr auf das Ganze der Welt und sein Verhältnis zu etwas außerhalb der Welt auszudehnen. Damit überschritt sie das Reich möglicher Erfahrung, in welchem allein die Formen unseres Denkens Halt und Erfüllung gewinnen. Die Taube, die in der Luft fliegt und deren Widerstand fühlt, könnte meinen, sie werde im luftleeren Raum, wo dieser Widerstand sie nicht hindert, noch viel besser fliegen können. Sie weiß nicht, daß doch nur der Widerstand der Luft ihren Flügelbewegungen Halt und Kraft gibt. So meint der Metaphysiker ohne den widerstrebenden Stoff der Anschauungen besser denken zu können, und vergißt, daß nur jener Stoff die Formen des Denkens mit Inhalt erfüllt und anwendbar macht. Aus den Erfahrungen metaphysische Schlüsse zu ziehen, ist erst recht unmöglich; denn aus Erfahrungen können wir immer nur auf Dinge und Vorgänge schließen, die den Erfahrungen ähnlich sind. Das seinem Begriff gemäß notwendigerweise der Erfahrung unzugängliche _Ganze_ der Welt und die Gottheit bleiben also unerkennbar. _Metaphysik als Wissenschaft ist nicht möglich_.

IV. Wie ist das Bedürfnis nach Metaphysik als Tatsache möglich?

All unser Erkennen ist eine fortschreitende Arbeit, immer neuen Stoff der Wahrnehmungen fügen wir der wissenschaftlichen Erkenntnis ein, immer einheitlicher suchen wir die Grundgesetze der Natur zu fassen, immer vollständiger die Erlebnisse ihnen zu unterwerfen. Als Ziel dieses Strebens schwebt dem Forscher eine einheitliche Welterkenntnis vor. Gewiß, die Welt als Ganzes ist nicht gegeben, aber sie ist doch aufgegeben. Wohl weiß der besonnene Denker, daß der endliche menschliche Verstand jene unendliche Aufgabe nie wirklich lösen wird, aber trotzdem gibt diese Aufgabe seiner unablässigen Arbeit Ziel und Richtung. Ganz natürlich hat der Mensch die Sehnsucht, dieses Ideal seines Erkenntnisstrebens sich bestimmter auszumalen. Sobald er es versucht, erfährt er, daß seine irdischen Farben versagen. Aber die Sehnsucht bleibt, und wir werden noch einsehen, wie wichtig die Tatsache dieser Sehnsucht für unsere ganze Auffassung von Welt und Leben sein muß. Vorläufig können wir unsere vierte Frage beantworten: Die Tatsache des Bedürfnisses nach Metaphysik erklärt sich aus der Natur unseres Erkennens als eines nach einem unerreichbaren Ziele gerichteten Strebens.

[Gottesbeweise. Übergang zur Ethik]

Kants Kritik des Erkennens hat also ein doppeltes Gesicht. Das eine positive ist der Erfahrungserkenntnis zugewendet: sie wird sicher begründet durch die reinen Formen der Anschauung, Raum und Zeit, und durch die Verstandesbegriffe, die Kategorien. Innerhalb der Erfahrung gibt es Grundsätze, die sicherer sind als jede einzelne Erfahrung und die das Ganze der Erfahrung erst möglich machen, nämlich die Grundregeln unseres Anschauens und Denkens. Aber alle diese Regeln sind nur anwendbar, soweit sie mit Erfahrungsstoff erfüllt werden können. Jeder Behauptung, die jenseits des Erfahrbaren eine übersinnliche Welt aus bloßen Verstandesbegriffen aufbauen will, wendet die Erkenntniskritik ihr verneinendes, abweisendes Gesicht zu. Ein Begriff des allervollkommensten Wesens z. B. kann von uns gar nicht erfaßt werden. Descartes hatte diesen Gedanken zugleich mit dem Gefühl unserer Unvollkommenheit aus dem ursprünglichen Zweifel abgeleitet, Spinoza hatte sich bemüht, alle einzelnen Dinge und Ereignisse in diesem allervollkommensten Wesen so zusammenzudenken, daß sie aus ihm mit mathematischer Notwendigkeit folgen. Vergleicht man Kant mit diesen beiden Philosophen, so kann man sagen: Er gibt Descartes zu, daß unser Erkennen nur unvollkommen einem Ziel sich nähert, welches ihm als unerreichbares Ideal vorschwebt. Aber von diesem Ziele vermögen wir nur zu wissen, daß es unserem Denken als Ziel vorschwebt und Richtung gibt; keineswegs dürfen wir behaupten, daß wir den Begriff einer Gottheit in uns tragen, in der dieses Ziel erreicht ist. Auch der Schluß von dem Begriffe eines allervollkommensten Wesens auf seine Wirklichkeit ist falsch. Dieser angeblich sichere Beweis für das Dasein Gottes war längst vor Descartes von mittelalterlichen Denkern aufgestellt worden und lautet wesentlich so: Zum Begriffe des allervollkommensten Wesens gehört jede einzelne Vollkommenheit. Nun ist aber Sein, Wirklichkeit eine Vollkommenheit, also muß das allervollkommenste Wesen wirklich sein, sonst könnte man ein Wesen denken, das zu allen übrigen Vollkommenheiten noch die des Wirklich-Seins hätte, also vollkommener wäre, als das allervollkommenste Wesen. Das aber widerspricht dem Begriffe eines solchen Wesens und ist daher unmöglich. Kant sagt gegen diesen Beweis, daß aus einem bloßen Begriff niemals die wirkliche Existenz dessen, was in diesem Begriffe gedacht wird, erschlossen werden kann. Wirklichkeit dürfen wir nur da behaupten, wo unsere Erfahrung uns dazu das Recht gibt. Auch darf man nicht sagen, daß der Begriff eines wirklich existierenden allervollkommensten Wesens den Begriff eines nur möglicherweise existierenden allervollkommensten Wesens an Vollkommenheit überträfe. Das wäre so, als wenn jemand behaupten wollte, hundert Taler, die einer zu erwerben hofft, seien ihrem Begriffe nach weniger, als hundert Taler, die er in der Tasche hat.

Gerade diese zerstörende Seite der Kantischen Philosophie hat auf die Zeitgenossen den größten Eindruck gemacht. Einer der bekanntesten deutschen Denker jener Zeit, Moses Mendelssohn, hat Kant deshalb den Alleszermalmer genannt. Für uns, die wir viel schärfere Verneiner erlebt haben, ist Kant vor allem Begründer sicherer Erkenntnis und Führer zu einer Lebensanschauung, die unter Verzicht auf täuschende Phantasien doch die Ziele und Werte unseres Daseins uns sichert. Wir können das Weltganze niemals wirklich begreifen, aber all unser Erkennen entnimmt doch seinen Sinn der Aufgabe, die einzelnen Erfahrungen zum Ganzen zu gestalten. Im Erkenntnisstreben, in der Aufgabe liegt das einzige für uns faßliche Verhältnis zum Unendlichen und Unbegreiflichen; im Erkennen selbst ist das Höchste eine Aufgabe, eine Pflicht.

So hängt Kants Philosophie des Erkennens mit seiner Moralphilosophie zusammen. Wir wissen nichts von einer übersinnlichen Welt, die unsre Erfahrung überschreitet, d. h. wir dürfen nicht etwa eine solche Welt leugnen, sondern wir dürfen gar nichts über sie aussagen. Aber eins ist uns sicher bekannt, daß wir Pflichten und Aufgaben haben. Sollte diese Erkenntnis uns nicht weiterführen? Am Anfang dieser Vorträge habe ich die Frage: Was soll ich in dieser Welt? als die Grundfrage der Philosophie bezeichnet. Diese Frage führte zu der andern: Was ist diese Welt? Zuweilen mochte bei Ihnen während der vorangehenden Vorträge die Meinung entstehen, daß diese beiden Fragen doch nur äußerlich nebeneinander ständen; -- jetzt werden Sie ihren inneren Zusammenhang erkannt haben. Keineswegs vermögen wir, wie z. B. Spinoza wollte, aus einer Gesamterkenntnis der Welt heraus die Bestimmung unseres Daseins abzuleiten; vielmehr wissen wir von dem Ganzen der Welt, von alledem, was wir ihre Einheit, ihr Wesen nennen, nur so viel gewiß, daß es uns als Aufgabe unseres Erkenntnisstrebens vor Augen schwebt, und zwar als eine Aufgabe, deren volle Lösung nie gelingen kann. Ein solches notwendig gefordertes und doch unerreichbares Ziel nennt Kant _Idee_. Einheit, Wesen der Welt, das sind Ideen, denen sich unsere Erkenntnis in steter pflichtbewußter Arbeit annähern soll. Das letzte Wort in Kants theoretischer Philosophie, das Wort »sollen«, ist zugleich das Haupt- und Schlagwort seiner Ethik; sie darzustellen ist die Aufgabe unseres letzten Vortrages. Im Anschluß an sie wollen wir den Mann betrachten, der diese Ethik ins Leben hinüberführte: _Fichte_.

Sechster Vortrag.

Fichte. (Kants praktische Philosophie.)

Bei der Schwierigkeit der Sache fassen wir die Ergebnisse des vorigen Vortrags zweckmäßig in einige Sätze zusammen. Kant hat nachgewiesen:

1. Unser Erkennen ist ein Bearbeiten einer uns zufließenden Menge von Empfindungen durch die notwendigen Gesetze unserer Vernunft. Diese Vernunftgesetze sind anwendbar, weil wir unsere Empfindungen in der anschaulichen Ordnung von Raum und Zeit wahrnehmen.

2. Die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit ebenso wie die Verstandesgrundsätze (Kategorien; z. B. Satz der Kausalität) sind nicht der Erfahrung entnommen, vielmehr wird eine Erfahrung im Sinne einer geordneten Verarbeitung der Empfindungen erst durch sie möglich.

3. Die Verstandesgrundsätze sind nur anwendbar, soweit für uns die Möglichkeit der Erfahrung reicht. Erfahrbar sind uns nur einzelne Dinge und Ereignisse. Wir haben die Aufgabe, sie immer vollständiger zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzudenken. Dieses Ganze selbst aber, die Welt, vermögen wir als Ganzes nie zu erfassen. Die Welt ist uns nicht _gegeben_, sondern _aufgegeben_.

4. Die Philosophie darf nicht von einer Behauptung über die Dinge ausgehen, sondern sie muß sich an den Gesetzen des Erkennens orientieren. Nennt man eine Lehre, die von den Dingen (~res~) ausgeht, Realismus, eine solche, die von den Gedanken (~idea~) ausgeht, Idealismus, so muß alle wahre Philosophie Idealismus sein. Das bedeutet aber nicht, daß die Wahrheit abhängig ist von den zufälligen Vorstellungen eines einzelnen Menschen. Vielmehr haben wir uns zu stützen auf die Voraussetzungen des Erkennens, die _jeder_ einzelne in gleicher Weise anerkennen _muß_, sofern er sich nur überhaupt die Aufgabe der Erkenntnis stellt.

5. Die Grundsätze der Erkenntnis treten dem einzelnen Menschen als Forderungen gegenüber. Wir _sollen_ z. B. zu jeder Veränderung ihre Ursache suchen. Eine Forderung durchsetzen heißt handeln. So zeigt sich das Erkennen (die theoretische Vernunft) selbst als eine Art Handeln (griechisch ~prattein~, davon praktisch). Die Gewißheit des Erkennens gründet sich auf die Überzeugung von Anforderungen, die an unser geistiges Handeln gestellt werden. So mündet die theoretische Philosophie in die praktische ein. Kant spricht daher von einem Vorrechte (Erstlingsrechte, Primate) der praktischen Vernunft.

[Der gute Wille]

Wir wollen Wahrheit und einheitliche Welterkenntnis. Wir sollen sie wollen und wir fühlen, daß dieses Sollen und der Gehorsam ihm gegenüber mehr Wert hat als unser vergängliches Leben. Aber die Erkenntnis ist doch gewiß nicht das einzige, was wir erstreben sollen. Wir müssen alle bisherigen Betrachtungen durch eine noch tiefer sich versenkende, noch weiter ausblickende ergänzen. Unser Streben nach Erkenntnis hat die Reinheit der Absicht mit jedem sittlichen Streben gemein. Sittlich ist überall ein Wille, der keine Nebenabsichten für sich selbst verfolgt, sondern das Rechte um des Rechten willen tut. Kant stellt an die Spitze seiner Moralphilosophie den berühmten Satz:

»_Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein_ =guter Wille=.«

Kant geht hier nicht von der Handlung, noch weniger vom Erfolg, sondern vom Willen selbst aus. Der Erfolg unserer Taten liegt oft gar nicht in unserer Macht. Der Handlung, wie sie äußerlich erscheint, kann man nicht ansehen, welchem Beweggrunde sie entstammt. Die letzte Entscheidung darüber, ob wir recht oder unrecht gehandelt haben, gibt uns stets nur das eigene Bewußtsein von der Natur unseres Willens, das Gewissen. Ein guter Wille will, was er für recht erkannte. Diese Bestimmung ist formal, sie gibt für sich allein keinen Aufschluß darüber, wie im einzelnen Falle gehandelt werden soll. Ja, wir müssen zuweilen den guten Willen, die moralische Absicht des Handelnden zugeben in Fällen, in denen die Handlung selbst uns Abscheu einflößt. Unter den russischen Revolutionären, deren Mordtaten wir mit Entsetzen lesen, gibt es wohl wenigstens einzelne, die nicht aus niederen Motiven (Rachsucht, Blutgier, Ruhmsucht), sondern aus der Überzeugung handeln, daß der Mord ihre Pflicht ist. Dafür spricht, daß sie ihr eigenes Leben opfern und daß sie, wo ihr Fanatismus sie nicht irreführt, mitleidig und hilfsbereit sind. Wir werden sogar in solchen Fällen den guten Willen anerkennen müssen und nur zu bedauern haben, daß dem sittlichen Streben eine irregeleitete Vernunft beiwohnt.