Fritzchen: Die Geschichte einer Einsamen
v. Dörfflin war seit langen Jahren -- seit den sechs verfluchten Jahren
-- weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen schlecht bestellten Gewissens!
Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. -- Na ja!) Die Luft war voll Zigarrenrauch und Weindunst.
»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich.
Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann, der Gerechte, sitzt unten.
Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«
»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.«
»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.«
Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's Tor, auf die Dorfstraße. -- Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt, dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen weißen Haaren spielt.
Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!
_Der_ Gedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ -- und daß in diesem speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich war. -- --
Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten, aber man hörte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.
Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.
Da begriff sie plötzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue, unheimliche Macht drängte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal! Hundert Mark, zweihundert Mark wie für nichts. Und Papa war so bleich geworden, biß an seinem Schnurrbart und hatte verstörte Augen.
Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch großes Haus, Hof und Äcker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu Kutschen, Knechte, Mägde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt. Für ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war eigentlich dabei?
Aber der dunkle Geist war angerufen und drückte ihr auf der Brust, flog an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergällte ihre Träume.
Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen saß vor ihrem Kakaotäßchen, aber sie mochte nicht trinken.
»Papa!«
»Was gibt's?«
Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas nervös geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, daß sein Kind mit ihm reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder der Welt da draußen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein braunäugiges Kind, das wartete noch auf ihn.
Das junge Herz so einschüchtern, daß es nicht wieder kommt, das wäre vielleicht für beide Teile das Beste.
»Was willst Du? Was stierst Du mich an?«
»Papa -- ich meine nur -- nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?«
Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot über und über.
»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt? Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?«
»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen.
»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten, zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschuß kam hin und wieder hinter dem Papier ein grollendes Gemurr heraus.
»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder -- Na ja, überall neue Moden --«
Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa, wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares.
Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und doch nicht da -- und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine ausfüllende Antwort verlangt -- und eine erwachende junge Menschenseele schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug, Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis.
Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.
Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du mir die liebe Gisa ersetzen?«
Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still, aber dunkel.
Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen. Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf solche Steine wären.
Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich spannendes Kraftgefühl!
Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am Turmfenster in der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?
Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an, immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa.
»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!«
»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.«
Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden.
Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. -- Was hatte doch einmal Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt?
Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen könnte.
Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es gab keine großen Versuchungen. Fräulein Miller -- ach, um die hätte es sich wohl kaum gelohnt, und der Papa --
War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus heulten.
Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war, ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl. Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre.
In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern, Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.
Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen, feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann -- das waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.
»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider -- und das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst neue und schönere --
Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel, die wir uns aufstellen können.
Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran.
Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle, hochmütige Erscheinung.
Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden, daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.
Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht, wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an. Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe, am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milch und eine Selterflasche. Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen nur ein wenig, als er herankam.
»Na -- Fritz? Fritzel -- was machst denn für Sachen?«
Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheißes Händchen. Sie fühlte die Berührung als etwas Gutes.
»Faß mir den Kopf an, Papa. Du bist so schön kühl.«
Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand zurück, als fühle er sich auf einem Unrecht ertappt. »Du mußt bald wieder nach unten kommen«, sagte er.
Fritzchen blinzelte der schwerfälligen Gestalt nach, die sich zur Tür bewegte.
»Sieh' auch nach der Lampe unten, daß sie nicht blakt. Sie tut's immer.«
»Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.«
Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwüsteten Mannes verräucherten Kopf gefallen wäre, nun, da es ihm bewußt geworden war, wieviel ihm daran lag, daß sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenüber saß. Fritzchen selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Bälle und Gesellschaften, wenn sie jetzt wieder ihre Märchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgeschoß außer ein paar Wirtschaftsräumen nur des Vaters Stube erhellt war und die schwarze Winternacht draußen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte und von schimmernden Helden bekämpft wurde.
* * *
Ja -- ihr schimmernder Held -- wo blieb er?
Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen, denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte.
Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit -- so alt wie die Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.
Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn durchwühlten.
Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?«
Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht?
Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel hast! -- ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht.
Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es hängt vielleicht eine Lächerlichkeit an solch einer Art von Bittgang. Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an -- aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei es vor anderen, sei es vor sich selbst.
»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten. _Er_ hatte große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.
Fünftes Kapitel.
Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal für den Winter in die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fünf Jahre war, zogen ins Ausland und wollten zum Schluß, ehe sie auch Gisa wieder abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben.
Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie träumte sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen würden. Mit ihrem Kopf, der an Märchen und Phantastereien gewöhnt war, malte sie sich das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen bunten Geschichte.
Das wurde nun anders. In den hellen, überhellen Räumen, unter den leichten, lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem öden, entlegenen Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Büchern, Menschen, Ereignissen, von denen sie nichts wußte. Man lachte über Scherze, die sie nicht verstand. Man versuchte flüchtig, sie ins Gespräch zu ziehen und ließ sie dann wieder beiseite liegen.
Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vor Jahren, als sie noch Kinder waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hängen wollte, schüttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie war auch wie eine Fremde, beständig in lebhafter Unterhaltung mit Herren und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien, geistreich wie sie alle.
Auch die liebenswürdige Tante, bei der sie wohnten, schüttelte ein wenig den Kopf über dies verirrte Kind. »Aber Frida --« so hieß Fritzchen plötzlich -- »Du mußt Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und Kenntnisse aneignen.« Das entschlüpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten.
»Ja, es ist wirklich unglaublich!« sagte Gisela.
Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Empörung, auch die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt sein!
Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstörte Kind vor, ihm wieder Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese äußeren Bedingungen fehlten, was es auch dafür einzusetzen haben mochte, nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit auf beiden Seiten, sie brachte außer einigen ganz kleinen Erfolgen noch Mißverständnisse hervor und wurde klüglich nicht wiederholt.
Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amüsement der anderen berufen sei. Sie wußte das nicht, und durch die Schicht der Höflichkeit fühlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefühl endloser Fremdheit und Verirrtheit blieb.
Allerlei an der Luftveränderung bekam ihr nicht. Sie fühlte sich matt und fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da erfand es sich, daß dies wieder ihre schönsten Abende wurden. Sie saß in einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht ausgedreht, so daß nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel. Alle Gegenstände nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll glückseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, beängstigenden Berlin, an fremder Stätte, wo ihr Herz trotz aller Mühe nicht warm werden wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der Abend verflog ihr unter den Händen, und sie erwachte wie aus einem schönen Traum, als es draußen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten.
»Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weißt Du das nicht?«
Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrüstet aus. »Wäre sie mit uns gewesen, Tante, so wäre sie schon längst müde geworden.«
Sie war in einen liebenswürdigen, lustigen und eleganten Kreis geraten, der kleine Märchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken -- aber sie hätte wohl noch in einen besseren geraten können. Es kamen hin und wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil sie sie als die Einfalt vom Lande amüsierte.
Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und strahlenden Figuren und Figürchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik um diese Rolle.
Wo sollte sie nun hin? Wo paßte sie nun hin? Immer nur in ihr altes ödes Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte: glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, daß sie sich hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mußte und erst wieder los und ledig fühlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schönen Kopfwehabenden?
Der kleine Märchenfritz konnte es nicht wissen, daß er nur falsch gelaufen war, daß es für ihn noch schöne und lustige Wege gab, auch außerhalb des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nächsten Frühjahr, ziemlich zerbrochen in seinem Selbstgefühl und zerfallen mit sich und der ganzen Welt ins Vaterhaus zurück.
* * *
Gisela war mitgekommen. Deren glänzendes Leben hatte jetzt vielleicht für immer ein Ende. Das war eine harte Nuß für das verwöhnte Kind der Welt.
Drei Menschen sitzen im kalten, mürrischen Hause und warten, daß es Sommer wird über dem Moor. Für Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nässe. Aber sie will es nicht -- nichts will sie wissen, hören, fühlen. Sie will hier nicht glücklich sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was hilft's, daß sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie rennt durchs Haus und über die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht noch am Fenster -- alles ist, wie es war -- ach Fritz, Fritz, was tut man mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein möchte!
»Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?«
Herr v. Dörfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen?
»Nichts, Fritz.«
Nichts. Der Fritz wird langsam ernst und seine Blicke werden verwirrt. Was weiß ein siebzehnjähriges Geblüt von dem Nichts, in das ein armseliges, verloddertes Leben versinkt?
Fräulein Miller war nicht mehr da, ihr Amt in diesem Hause war beschlossen. Sie war nie eine liebenswürdige, weitherzige Gefährtin gewesen, aber nun fehlte sie Fritzchen doch. Sie sollte ja nun vollständig erwachsen sein. Ach, dieser Wirrkopf hatte wohl noch manches Jahr vor sich, ehe man ihn für erwachsen nehmen konnte.
Also sprach auch Fräulein Gisela. Sie hatte hier keine Freude an dem klappernden Jakob, an Zigarrenrauch und Wolken. Sie nahm Anstoß an allem, besonders auch an Fritzchen. Es verging kein Tag, an dem sie nicht um die versunkene Herrlichkeit klagte.
Wie fein war sie geworden! Ja, sie hatte schon Grund, hier unzufrieden zu sein. Ihre kühlen, schlanken Hände waren so weiß, ihr blondes schlichtes Haar hatte durch sorgsame Pflege einen sanften Glanz erhalten, auch verstand sie, sich prächtig zu frisieren. Alle ihre Kleider hatten einen eleganten Sitz, ihre Bewegungen, ihre Sprechweise waren klar, vornehm und ruhig. Was war dagegen der Struwwelkopf aus der Turmstube?
Fritzchen bewunderte dies feine, sichere Wesen. Ach, wer jemals so werden könnte! Aber das zu wünschen, war wohl hoffnungslos. Der schlimme Winter saß noch wie brennendes Gift im Blut. Aber nun kam der Sommer über das Moor.
Wißt Ihr denn, wie der Sumpf blühen kann, Ihr Stadtmenschen, ihr Lampenmenschen! Wie es sich da liegt, da hinten in der Lichtung hinter dem alten Graben, wo man sich im Gras verstecken kann, so hoch steht es. Kennt Ihr das Zirpen und Schwirren und tausendfache Leben um einen her, und die Sonnenstrahlen flirrend durch die Zweige?
»Gisa, willst Du mit an den alten Graben?«
»Was willst Du da?«
»Im Gras liegen. Seerosen bring' ich auch mit.«
Die Frage war recht überflüssig. Gisa -- Gisa sollte in den durchlöcherten Kahn steigen, der bei jeder Fahrt rapide Wasser zog, dann landen -- Fritzchen nannte das nämlich landen! -- an einer sumpfigen Stelle, wo man nur von einer Baumwurzel zur anderen springend, schließlich auf eine feste Grasfläche gelangen konnte -- und das alles, um schließlich ein paar Stunden im Gras zu liegen mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen Bunde. »Danke, liebe Frida. Fahre nur allein.«
Ja, Gisa, Prinzessin Unmut, wie soll denn das werden? Das sind doch die höchsten Freuden, die Hohen-Leucken bieten kann! Fritzchen grübelte angestrengt. Sie ehrte Giselas Unmut und fühlte sich brennend verantwortlich, ihn zu zerstreuen.
»Gisa, soll ich Wilhelm sagen, daß er anspannt? Ich kutschiere Dich über die Felder.«
»Bei diesem ewigen Wind? Und meine Haare? Und immer nur über die Felder? Nein, Fritzchen, Du meinst es gut, aber das ist wirklich kein Vergnügen.«
»O, jetzt weiß ich etwas! Willst Du bei mir reiten lernen?«
Bei Fritzchen reiten lernen. Eine zweifelhafte Gunst. »Bei wem hast Du es denn gelernt?«
»Bei mir selbst, natürlich.«
»So? Und welches Pferd hast Du dazu?«
»Ach, Möt. Eigentlich heißt es Erdmuthe. Papa hat sie mal als zurückgesetztes Remontepferd gekauft, aber sie geht nicht an der Deichsel. Wilhelm sagt, es ist nichts mit ihr zu machen, sie ist verdammelt. Da habe ich voriges Jahr mit ihr losgelegt. Aber fein! Über den Graben hinter dem Böllinger Kreuzweg setzt sie wie ein Pfeil. O, wenn Du mal mitkönntest. Du nimmst vorläufig den Schecken vom zweiten Gespann. Der geht wie ein Lamm und hat keine Mucken.«
»Ja, wenn ich einen richtigen Reitlehrer hier hätte! Aber auch dann! Es muß doch schrecklich stuckern! Nein, laß mich nur. Das ist alles nichts für mich. Aber da nun die Leute wissen, daß ich wieder hier bin, muß sich doch am Ende wohl etwas Verkehr hier anfinden auf dem alten Räubernest.«
Fritzchen schlich sich zum Papa. »Papa, Gisa langweilt sich hier so. Kannst Du es nicht machen, daß manchmal wieder Besuch herkommt?«
»Ja, wie soll ich das machen?«
»Wenn Du es nur willst, kannst Du es schon machen.«
Es war ein sonnenleuchtender Junitag. Vor dem Fenster im Hof blühten die alten Linden und ihr Duft strömte in die beiden offenen Fenster herein. Herr v. Dörfflin war in Joppe und Reitstiefeln, er wollte auf die Entenjagd gehen. Was ist es für ein anderes Ding um solch ein Landjunkergesicht zur Sommers- als zur Winterszeit! Heute sieht es frisch, gespannt, gebräunt, unternehmend aus und hockt nicht in Dumpfheit und im Gefühl des Nichts.
»Ja, Fritz, das denkst Du Dir so.«
Am Abend kam er zurück, und beim Abendessen warf er hin, als mache er eine Bemerkung über das Wetter: »Morgen kommt Hans Henning v. Zülchow. Die Tannenwalder wollen nächste Woche auch einmal kommen.«
Die Tannenwalder waren im Grunde ziemlich langweilige und herkömmliche Leute. Aber es war ein junger Sohn dabei, der Jura studiert hatte und sich jetzt in das väterliche Gut einarbeitete, und eine Tochter, die gleich Gisela mehrere Jahre in Berlin gewesen war. Das Ding legte sich also recht vielversprechend an.
Fritzchen blieb der Mund offen stehen. »Wie hast Du das so schnell gemacht, Papa?«
Diese Fragerei paßte ihm nicht. »Ich hab' gar nichts gemacht!« schnauzte er sie an. »Wir haben uns getroffen, wo der alte Graben in den Tannenwalder See geht. Der Zülchow war mit dem alten und dem jungen Euler da auf Entenjagd.«
So weit ist er wegen der Enten gerudert? dachte Fritzchen, aber sie hütete ihre Zunge. Nach dem Abendessen ging sie in die Küche, die Enten zu sehen, die der Herr geschossen hatte.
»Er hat gar keine abgegeben, gnädiges Fräulein«, sagte die Mamsell.
* * *
Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an.
Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten waren vergessen, Herr v. Dörfflin erschien als völlig unschädlich, und zwei junge, aufblühende Töchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen. Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch für die plumpesten Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstände mit entzückender Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz Besonderem zu verleihen.
Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen die Bärs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drüben das Böllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v. Dörfflins Adelsstolz entsetzte sich, er war geradezu schmählich ungezogen zu diesem Besuch. Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knüppels auf eine leere Haut schlüge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein. Nachher -- lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn Leopold sehr nett unterhalten, fühlte sich von seinen großen Reisen und seinem flotten Weltleben angeheimelt und wünschte durchaus, diesen Verkehr festzuhalten und: »lächerlich veraltete Vorurteile« beseitigt zu sehen.
Jawohl, es kam denn auch zu Tage, daß dieser Prozeß beseitigter Vorurteile und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits längst in aller Stille vor sich gegangen sei, und Herr v. Dörfflin hatte jetzt nicht mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so völlig isolierte Wut- und Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehörte danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken.
Es kam noch bunter. Die beiden jungen Töchter wurden eingeladen, und Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, daß eine Gesellschaftsdame hier jetzt unumgänglich nötig sei. Herr v. Dörfflin sagte: »Verdammter Unsinn, da wird nichts draus!« Fritzchen machte ganz entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im nächsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel und außerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hieß Frau