Friedrich v. Schiller's Biographie

Chapter 4

Chapter 43,449 wordsPublic domain

In seiner trüben Stimmung erinnerte sich Schiller an den unglücklichen Dichter Schubart, der seine Freimüthigkeit mit einer strengen Haft auf der Festung Hohenasberg büßte. Ihn selbst konnte ein gleiches Schicksal treffen. Dringend ersuchte er daher in einem Briefe vom 15. Juli 1782 den Freiherrn von Dalberg, wenn sich für ihn zum Aufenthalt in Mannheim noch Aussichten zeigten, dieselben möglichst zu beschleunigen. Er wäre, schrieb er, außerdem gezwungen, einen Schritt zu thun, der es ihm unmöglich machen würde, in Mannheim zu bleiben. Vierzehn Tage wartete er vergebens auf eine Antwort. In seiner trostlosen Stimmung vermochten ihn weder seine Freunde, noch die Beschäftigung mit seinem neuen Trauerspiel zu erheitern. Nichts schien für ihn Reiz zu haben. Mit entschiedener Abneigung betrieb er seine medicinische Praxis, die ihm durch einige kühne, aber mißlungene Curen völlig verleidet worden war. In seiner früher erwähnten anonymen Selbstcritik der Räuber hatte er über den Verfasser jenes Schauspiels geäußert: "Er soll ein Arzt bei einem Würtembergischen Grenadier-Bataillon seyn, und wenn das so ist, so macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in %Emeticis% eben so sehr lieben, als in %Aestheticis%, und ich möchte ihm lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Cur übergeben."

Die Idee, dem Herzog Vorstellungen zu machen gegen den erlassenen Befehl, verwarf Schiller nach reiflicher Ueberlegung. Ein solcher Schritt konnte leicht neue Vorwürfe oder Strafen über ihn verhängen. Er entschloß sich zu einer abermaligen heimlichen Reise nach Mannheim. Von dort aus wollte er in einem Schreiben seinem Landesherrn vorstellen, wie durch das erlassene Verbot seine ganze Existenz vernichtet worden. In Mannheim hoffte er als Theaterdichter angestellt zu werden. Diese Stadt wollte er daher, wenn kein Widerruf des herzoglichen Befehls erfolgte, zu seinem künftigen Wohnsitz wählen. Ueberall beobachtet in seinen Schritten, hielt er es für bedenklich, mehreren Freunden seinen Entschluß zu vertrauen. Nur einem einzigen konnte er mit Sicherheit sein Herz öffnen. Mit einer Hingebung und Aufopferung, die an Schwärmerei grenzte, hing Johann Andreas Streicher an ihm, ein geborner Stuttgarter, der sich der Musik widmete, und dessen Bekanntschaft Schiller vor ungefähr achtzehn Monaten gemacht hatte. Zwischen ihm und Streicher hatte sich bald das innigste Freundschaftsverhältniß gebildet. Sie sahen sich fast täglich, und ein unumschränktes Vertrauen fesselte sie an einander. Schillers unglückliche Lage war der immer wiederkehrende Hauptgegenstand ihrer Gespräche.

Den vorhin erwähnten Plan einer heimlichen Entfernung nach Mannheim hatte Schiller, außer seinem Freunde, auch seiner ältesten Schwester Christophine mitgetheilt. Sie hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Auch Schillers Mutter war in das Geheimniß gezogen worden. Sein Vater dagegen wußte nichts von der Sache. Beschleunigt ward die Reise durch den Umstand, daß Streicher, der im Frühjahr 1783 nach Hamburg gehen wollte, um dort unter Bach's Leitung sich in der Musik zu vervollkommnen, mit Zustimmung seiner Mutter sich schon jetzt zu jener Reise entschloß, um seinen Freund begleiten zu können.

Erst nach Vollendung seines neuen Trauerspiels, der "Verschwörung des Fiesko", konnte Schiller jedoch seinen Entschluß ausführen. Kaum bis zur Hälfte war jene Tragödie vollendet, aller Anspannung seines Geistes ungeachtet. Um seine Arbeit zu beschleunigen, brachte er oft die Nächte schlaflos zu. Von der Außenwelt halte er sich fast gänzlich zurückgezogen. Schon zu Anfange des August 1782 waren in Stuttgart, Hohenheim, Ludwigsburg u. a. Orten mehrfache Anstalten getroffen worden zum Empfang des russischen Großfürsten (nachherigen Kaisers) Paul und seiner Gemahlin, einer Nichte des Herzogs von Würtemberg. Unter den benachbarten Fürsten und unzähligen Fremden, die in der ersten Hälfte des Septembers in Stuttgart eintrafen, befand sich auch der Freiherr v. Dalberg, den Schiller besuchte, ohne ihm jedoch etwas von seinem Vorhaben zu entdecken. Außer Streicher begleitete ihn die Gattin des Mannheimer Theaterregisseurs Meier, die ebenfalls in Stuttgart angelangt war, als sich Schiller nach der Solitude degab [begab], um seine Eltern noch einmal zu sehen und besonders seine sehr um ihn besorgte Mutter zu trösten. Schillers Vater entwarf eine sehr ausführliche Beschreibung von den Festlichkeiten, die auf der Solitude statt finden sollten, und unterbrach auf diese Weise das oft stockende Gespräch. Als Schiller, der sich unbemerkt mit seiner Mutter entfernt hatte, wieder zurückkam, schien er in sich gekehrt, und die Feuchtigkeit und Röthe seiner Augen verrieth, wie schwer ihm der Abschied von seiner Mutter geworden war. Etwas heiterer ward er erst, als er wieder nach Stuttgart zurückgekehrt war.

Mit seinem Freunde Streicher war er überein gekommen, daß sie den 17. September ihre Reise nach Mannheim antreten wollten. Sie hatten absichtlich jenen Tag gewählt, weil an demselben, wie Schiller auf der Solitude erfahren, eine große Hirschjagd, theatralische Vorstellungen und eine prachtvolle Illumination statt finden sollten. Daß das Regiment, bei welchem Schillers Vater stand, an jenem Tage nicht die Wache hatte, befreite die beiden Freunde zugleich von der Besorgnis, unter den Stadtthoren Soldaten zu treffen, denen Schiller bekannt war. Die Nacht vor seiner Abreise brachte Schiller bei seinem Freunde Scharffenstein auf der Wache zu. Den folgenden Tag, Morgens um neun Uhr, sollte alles bereit seyn, was an Kleidern, Wäsche, Büchern u. s. w. aus Schillers Wohnung noch in Streichers Haus geschafft werden sollte. Dort wollten die Freunde abfahren.

Nicht das Mindeste fand jedoch Streicher vorbereitet, als er am andern Morgen in Schillers Wohnung sich pünktlich einfand. Dieser war vielmehr beschäftigt, ein Gegenstück zu einer Klopstock'schen Ode zu dichten. Streicher mußte, so sehr er auch zur Eile trieb, zuerst diese Ode und dann das Gegenstück anhören. Es dauerte lange, ehe Schiller aus seiner idealen Welt wieder in die wirkliche zurückkehrte. Durch Anschaffung der nöthigsten Kleidungsstücke und anderer unentbehrlicher Dinge war seine Casse so erschöpft worden, daß sie nur aus 23 Fl. bestand. Nicht viel mehr besaß Streicher. Indeß glaubten beide mit dieser Summe bis nach Mannheim zu kommen und dort einige Tage damit auszureichen. Von seiner Mutter, obgleich sie nicht vermögend war, hoffte Streicher noch nachgeschickt zu erhalten, was er zu seiner Reise nach Hamburg brauchte.

Mit zwei alten Pistolen unter seinem Civilkleide, die er Sicherheits halber mitgenommen, trat Schiller am 17. Sept. 1782 Abends neun Uhr in Streichers Wohnung. Es hatte zehn Uhr geschlagen, als der Wagen, in welchem die Freunde saßen, mit zwei Koffern und einem kleinen Clavier für Streicher bepackt, zum Eßlinger Thor hinausfuhr. Dieß Thor war eins der dunkelsten, war jedoch aber auch deßhalb gewählt worden, weil Schiller erfahren, daß dort einer seiner vertrautesten Freunde die Wache hatte, durch dessen Dazwischenkunst etwaige Hindernisse leicht beseitigt werden konnten. Schiller nannte sich am Thor Doctor Ritter, und Streicher gab sich für einen Doctor Wolf aus. Eßlingen ward als Reiseziel angegeben. Die Freunde mußten den Weg um die Stadt einschlagen, der sie auf die Straße nach Ludwigsburg führte. Schiller war in sich gekehrt und wechselte wenig Worte mit seinem Begleiter. Das hoch gelegene Lustschloß Solitude, von welchem sie ungefähr anderthalb Stunden entfernt seyn mochten, mit seinen weitläufigen Nebengebäuden prachtvoll erleuchtet, zeigte sich in einem herrlichen Feuerglanze. "O meine Mutter!" rief Schiller, auf den Punkt hindeutend, wo seine Eltern wohnten. Ueberwältigt von wehmüthigen Gefühlen, sank er mit einem halb unterdrückten Seufzer auf seinen Sitz zurück.

Beim Caffee, den die Freunde in Enzweihingen, wo gerastet werden sollte, einnahmen, recitirte Schiller aus einem Heft ungedruckter Gedichte des unglücklichen Schubart einige der bedeutendsten, unter andern "die Fürstengruft", die ihn bei seinem früher erwähnten Gedicht: "die schlimmen Monarchen" zum Muster gedient hatte. Das erhebende Gefühl, drückende Fesseln von sich abgeschüttelt zu haben, und der feste Vorsatz, sich nie wieder einem ähnlichen Zwange zu unterwerfen, bemächtigte sich Schillers, als eine kleine Pyramide, die sie um acht Uhr Abends erreichten, ihn und seinen Freund überzeugte, daß sie sich an der churpfälzischen Grenze befanden. Schiller machte seinen Reisegefährten auf die blau und weiß angestrichenen Pfähle aufmerksam. Eben so freundlich, wie diese Pfähle, meinte er, sei der Geist der Landesregierung. Ein politisches Gespräch knüpfte sich an diese Bemerkung, und die Zeit entschwand darüber den Freunden so schnell, daß sie sich wunderten, als sie um zehn Uhr schon in Bretten ankamen. Dort ward der Stuttgarter Wagen zurückgeschickt. Mit der Post fuhren die Freunde über Waghäusel nach Schwetzingen. Die Thore der Stadt Mannheim, die damals noch eine Festung war, konnten sie vor dem hereinbrechenden Dunkel nicht mehr erreichen. Sie mußten daher in Schwetzingen übernachten.

Am folgenden Tage, den 19. Sept., waren die Freunde schon früh Morgens beschäftigt, die besten Kleidungsstücke aus den Koffern hervorzuholen, um in Mannheim nicht gar zu dürftig zu erscheinen. Seine ziemlich erschöpfte Börse hoffte Schiller durch sein neues Trauerspiel: "die Verschwörung des Fiesko", wieder einigermaßen zu füllen. Ihm schien außer Zweifel, daß die Theaterdirection sich beeilen werde, auch dieß zweite Stück anzunehmen. Mit der Hoffnung eines nicht ganz unbedeutenden Honorars trat er in die Wohnung des Theaterregisseurs Meier, der sich höchlich verwunderte über seine Ankunft zu einer Zeit, wo in Stuttgart so viele Festlichkeiten und Lustbarkeiten statt fanden. Aus Schillers Munde erfuhr er, daß er als Flüchtling vor ihm stehe, und Meier verschaffte ihm und seinem Freunde sofort in dem menschenleeren Mannheim eine Wohnung. Es geschah auf seinen Rath, als sich Schiller entschloß, noch denselben Tag an den Herzog von Würtemberg zu schreiben, und ihn um Aufhebung des Befehls zu bitten, keine andern als medicinische Schriften drucken zu lassen. Er stellte seinem Landesherrn vor, wie seine geringe Besoldung und die große Concurrenz von Aerzten in Stuttgart ihn nöthige, durch poetische Arbeiten seine Einkünfte zu vermehren. Zugleich bat er um die Erlaubniß, jährlich auf kurze Zeit in's Ausland reisen zu dürfen. Von dem fürstlichen Versprechen, daß ihm sein unregelmäßiger Dienstaustritt verziehen werde, machte Schiller seine Rückkehr nach Stuttgart abhängig. In einem besondern Briefe ersuchte er seinen Regimentschef, den General Augè, das von ihm entworfene Schreiben dem Herzog zu übergeben, um durch seinen Einfluß sein Gesuch zu unterstützen.

Die Gattin des Theaterregisseurs Meier war unterdeß wieder von Stuttgart nach Mannheim zurückgekehrt. Sie erzählte, wie Schillers Entfernung in Stuttgart sogleich bekannt geworden, und wie sich dort ein allgemeines Gerücht verbreitet, daß der Herzog Schillers Auslieferung verlangen werde. Schiller tröstete sich zwar damit, daß er kein eigentlicher Soldat sei, und daß auf ihn die bei der Desertion übliche Strafe nicht angewendet werden könnte. Indeß gebrauchte er doch die Vorsicht, die ihm seine Freunde empfahlen. Er zeigte sich an keinen öffentlichen Orten, sondern beschränkte sich auf seine und Meiers Wohnung.

Aus dem Briefe des Generals Augè, den Schiller einige Tage später erhielt, war nicht deutlich zu ersehen, ob der Herzog zu Erfüllung seiner Wünsche geneigt sei. Der General entledigte sich in seinem Schreiben blos des von seinem Fürsten ihm gewordenen Auftrags mit den Worten: "Da Se. Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, so möge Schiller nur zurückkehren." Auch ein zweiter Brief des Generals, den Schiller um eine nähere Erklärung gebeten hatte, enthielt nichts anderes, als einen ähnlichen lakonischen Bescheid. Unter diesen Umständen wagte Schiller, selbst wenn es mit seiner Ehre verträglich gewesen wäre, nicht wieder nach Stuttgart zurückzukehren. Er zog es vor, einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen und mit Noth und Mangel zu kämpfen, ehe er sich wieder einem Joch unterwarf, das ihn so hart gedrückt hatte.

Gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft in Mannheim war Schillers "Verschwörung des Fiesko" durch Streicher dem Theaterregisseur Meier als ein dramatisches Product geschildert worden, das den Räubern in keiner Hinsicht nachstände, ja dieß Schauspiel noch überträfe. Schiller, um Mittheilung seines Manuscripts ersucht, erbot sich, dasselbe in einem größern Kreise vorzulesen, der aus den bedeutendsten Mitgliedern der Mannheimer Bühne bestand. Unter ihnen befanden sich Iffland, Böck, Beil u. A. An einem bestimmten Tage versammelten sie sich Nachmittags in Meiers Wohnung, mit gespannten Erwartungen von dem neuen Product eines Dichters, dem sie ihre tiefste Verehrung auszudrücken suchten. Schiller begann seine Vorlesung, nachdem er einen historischen Umriß und eine Erklärung der in seinem Trauerspiel auftretenden Personen vorangeschickt hatte.

Das neue Stück brachte indeß eine ganz andere Wirkung hervor, als Schiller erwartet haben mochte. Ungeachtet der Aufmerksamkeit und Stille, die unter seinen Zuhörern herrschte, war kein Ausdruck von Empfindung, nicht das geringste Zeichen des Beifalls sichtbar geworden, als Schiller bereits den ersten Act seines Trauerspiels beendet hatte. In der eintretenden Pause unterhielten sich die Schauspieler über das historische Factum; über die dramatische Bearbeitung entschlüpfte ihnen kein Wort. Kein höheres Interesse, als der erste Act, schien der zweite zu erregen. Die Gleichgültigkeit der Zuhörer zeigte sich dadurch, daß sie, als einer von ihnen, um die Zeit zu verkürzen, ein Bolzenschießen in Vorschlag brachte, noch vor beendeter Vorlesung sich nach und nach entfernten. Schiller, sichtbar verstimmt, nahm zeitig Abschied, ließ jedoch das Manuscript des Fiesko dem Theaterregisseur Meier zurück, der ihn darum gebeten hatte, um den Ausgang des Stücks kennen zu lernen.

Schiller irrte sich, als er die kalte Aufnahme seines Werks dem Unverstand, dem Neid und der Kabale der Schauspieler beimaß. Durch seinen schwäbischen Dialect und seine hochtrabende Declamation hatte das neue Trauerspiel seine Wirkung auf die Zuhörer verfehlt. Sein anfänglich ungünstiges Urtheil über das Stück änderte Meier, als er es mit Aufmerksamkeit gelesen hatte. Er nannte den Fiesko eine sehr gelungene Tragödie, die nächstens vorgestellt zu werden verdiene.

Getrübt wurden diese frohen Aussichten für Schiller wieder durch Briefe, die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt. Sie äußerten die Besorgnis, daß der Herzog von Würtemberg die churpfälzische Regierung auffordern werde, den Flüchtling auszuliefern. Wohlmeinend riethen sie ihm daher, Mannheim schleunig zu verlassen. Schiller entschloß sich, mit Streicher über Darmstadt nach Frankfurt zu reisen. Die Casse der beiden Freunde reichte nicht hin, einen Wagen zu bezahlen. Sie wanderten daher über die Neckarbrücke nach Sandhofen. Gegen sechs Uhr Abends erreichten sie Darmstadt, nachdem sie in einem Dorfe übernachtet hatten. Ihren Schlaf störte um Mitternacht das furchtbare Trommeln der Reveille. Als Schiller am andern Morgen mit seinem Freunde den Weg nach Frankfurt einschlug, nahm seine Ermattung so bedeutend zu, daß er sich in einem Wäldchen ins Gras legte, um sich durch einen kurzen Schlaf zu stärken. Die Abenddämmerung war bereits eingetreten, als die beiden Freunde Frankfurt erreichten. In der Vorstadt Sachsenhausen quartirten sie sich ein.

Schillers Kummer über seine hülflose Lage ward noch durch einen besondern Umstand vermehrt. Er erfuhr, daß dem edelmüthigen Manne, der sich wegen seiner Schuld von 200 Fl. für ihn in Stuttgart verbürgt hatte, Gefahr drohte, von dem besorgten Gläubiger verhaftet zu werden. Nach langem Zögern und nicht ohne innern Kampf entschloß sich Schiller, an den Freiherrn v. Dalberg zu schreiben, der das Manuscript des "Fiesko" aus Meiers Händen empfangen hatte. Sein früherer Trübsinn schien wieder einigermaßen gewichen, als Schiller dieß Schreiben, in welchem er um einen Vorschuß von 200 Fl. bat, mit einer an Meier addressirten Beilage an Dalberg abgesandt hatte. Ein Spaziergang über die Mainbrücke erheiterte ihn. Sein Geist erhielt eine andere Richtung, als er das geschäftige Treiben der Kaufleute betrachtete. Mehrere dramatische Entwürfe traten vor seine Seele. Mit besonderem Interesse ergriff er wieder eine Idee, die schon auf dem Wege von Mannheim nach Sandhofen und von da nach Darmstadt ihn lebhaft beschäftigt hatte. Es war der Entwurf zu einem bürgerlichen Trauerspiel, das "Luise Millerin" heißen sollte, späterhin aber von Schiller "Cabale und Liebe" genannt ward. Der Beifall, den v. Gemmingen's "deutscher Hausvater" und andere dramatische Familiengemälde damals auf der Bühne gefunden hatten, ward für Schiller die Veranlassung, sich ebenfalls in dieser Gattung zu versuchen.

In kaum vierzehn Tagen hatte er schon mehrere Scenen seiner neuen Tragödie vollendet. Seine traurige Lage entfernte ihn selten aus seinem Ideenkreise. Es gab Stunden, wo er, für die Außenwelt fast gar nicht vorhanden, sich blos den Eingebungen seiner Phantasie überließ. In solchen Augenblicken, die sich durch seine ausdrucksvolle Miene, durch sein lebhaftes Gebehrdenspiel und seinen empor gerichteten Blick kund gaben, hielt sich Streicher von seinem Freunde mit einer Art von heiliger Scheu so viel als möglich entfernt, um ihn in keiner Weise zu stören.

Einen angenehmen Eindruck machte auf Schiller die Anerkennung seines Talents, als er beim Eintritt in einen Frankfurter Buchladen nach dem Absatz der "Räuber" und nach dem Urtheil des Publikums über dieß Stück sich erkundigte, und über beides eine höchst günstige und schmeichelhafte Antwort erhielt. Er war davon so überrascht, daß er, ungeachtet er sich dem Buchhändler als Doctor Ritter vorgestellt hatte, das Geständniß nicht zurückhielt: er sei der Verfasser der Räuber.

Abermalige Briefe, die er von seinen Stuttgarter Freunden erhielt, empfahlen ihm, wegen der großen Sensation, die sein Verschwinden erregt, die äußerste Vorsicht und weckten dadurch in ihm allerlei neue Besorgnisse. In die trostloseste Stimmung versetzte ihn Meiers Schreiben. Er berichtete, daß Dalberg sich zu keinem Vorschuß verstehen wolle, bevor das neue Trauerspiel erst umgearbeitet worden sei. In der jetzigen Gestalt sei es für die Bühne unbrauchbar. Nicht einmal einige Zeilen von Dalbergs Hand milderten diese kalte abschlägliche Antwort, die mit der frühern Theilnahme jenes Mannes an Schillers Schicksal in dem auffallendsten Contraste stand. Immer überließ sich Schiller noch der Hoffnung, daß die Mannheimer Theaterdirektion sein Trauerspiel annehmen werde. Sein Aufenthalt in Frankfurt war jedoch so kostspielig, daß er für rathsam hielt, sich in die Gegend von Mannheim zu verfügen. Dort glaubte er im äußersten Nothfall auf Schwans und Meiers Unterstützung rechnen zu können.

Um seine geringe Baarschaft etwas zu vermehren, entwarf er ein ziemlich langes Gedicht, das leider verloren gegangen. Es führte die seltsame Ueberschrift: "Teufel und Amor." Mißmuthig kehrte er jedoch mit diesem poetischen Product wieder in seine Wohnung zurück, als ein Frankfurter Buchhändler, welchem er sein Gedicht verkaufen wollte, ihm statt der verlangten fünf und zwanzig Gulden nur achtzehn bot. Glücklicherweise befreite ihn eine kleine Summe, die Streicher seiner Mutter verdankte, von dem augenblicklichen, sehr drückenden Geldmangel. Mit dem Marktschiffe fuhren die Freunde nach Mainz. Den Weg nach Worms setzten sie am nächsten Tage zu Fuße fort. Kurz vor seiner Abreise hatte Schiller an den Theaterregisseur Meier in Mannheim geschrieben. Sein Brief enthielt die Bitte, ihm einen Ort zu bestimmen, wo sie sich sprechen könnten.

Diese Zusammenkunft fand in Oggersheim statt, in einem Wirthshause, der Viehhof genannt. Den trostlosen Dichter suchte Meier durch die Aussicht zu beruhigen, daß sein Trauerspiel mit einigen Abkürzungen sicher auf die Bühne gebracht werden dürfte. Schiller erklärte sich sofort zur Umarbeitung seines Stücks bereit, ohne die geringste Empfindlichkeit zu verrathen, daß ihn Dalberg so bitter getäuscht. Er entschloß sich, einige Wochen in Oggersheim zuzubringen. Rathsam schien ihm dieß auch schon wegen der Gefahr der Auslieferung, die ihm nach den Briefen seiner Stuttgarter Freunde drohte. Dem Wirth im Viehhof, bei welchem er gemeinschaftlich mit Streicher Kost und Logis für den Tag bedungen batte [hatte], nannte er sich Doctor Schmidt.

Statt indeß, wie er dem Theaterregisseur Meier versprochen hatte, die Umarbeitung des "Fiesko" sogleich anzufangen, beschäftigte ihn sein früher erwähntes bürgerliches Trauerspiel, die "Luise Millerin." In den nächsten acht Tagen hatte er kaum sein Zimmer verlassen. Abends ging er nachsinnend in dem oft nur vom Mondlicht erhellten Zimmer auf und ab. Angenehm war es ihm dann, wenn das Clavierspiel seines Freundes Streicher durch bald lebhafte, bald melancholische Töne die Gefühle in ihm aufregte, durch die sein Trauerspiel rühren und erschüttern sollte. Bei den darin auftretenden Personen ließ er die Individualität der Mannheimer Schauspieler nicht unberücksichtigt. Beck's Gattin, eine der liebenswürdigsten Künstlerinnen, sollte die Rolle der Luise übernehmen. Von dem Schauspieler Beil als Stadtmusikus Miller erwartete Schiller eine recht naive und drollige Auffassung dieses Charakters. Eine großartige Wirkung versprach er sich von dem Wechsel der komischen und tragischen Scenen in seinem Stück. Er interessirte sich für seinen neuen dramatischen Stoff so lebhaft, daß die Umarbeitung des "Fiesko" dadurch in den Hintergrund gedrängt ward.

Bei diesem republikanischen Trauerspiel, wie er es nannte, hatte er ohnedieß mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, besonders hinsichtlich der noch unvollendeten Katastrophe. Er schwankte, ob er dem historischen Factum, nach welchem Fiesko durch einen Zufall in den Wellen seinen Tod fand, in seiner dramatischen Bearbeitung treu bleiben sollte. Beschleunigen mußte er jedenfalls seine Arbeit. Seine Lage drängte ihn dazu. Er bedurfte aber auch der Zerstreuung, und fand sie, wenn er dann und wann seine Freunde in Mannheim besuchte. Gewöhnlich übernachtete er dort. Aber auch in Oggersheim, wo es ihm nicht sonderlich gefiel, verhalf ihn der Zufall zur Bekanntschaft mit dem dortigen Kaufmann Derain, einem vielseitig gebildete Manne. Zwischen ihm und Schiller bildete sich ein Freundschaftsverhältniß, und trauliche Gespräche verkürzten dem Dichter auf diese Weise die trüben und neblichten Abende, die mit dem Anfang des November eintraten.

In einem Briefe, den er am 6. des genannten Monats an seine Schwester Christophine schrieb, schilderte er ihr seine gegenwärtige Lage und Stimmung. Er entwarf in seinem Schreiben zugleich seinen Lebensplan für die nächste Zukunft. Seinen Aufenthalt in Oggersheim wollte er mit Berlin vertauschen, wo er, wie er äußerte, mit bedeutenden Empfehlungen versehen, sich eine ziemlich gesicherten Subsistenz als Schriftsteller zu gründen hoffte. Mit zarter Schonung, um seine Schwester nicht zu beunruhigen, hatte er in jenem Briefe seine Lage, so drückend sie auch war, in dem günstigsten Lichte dargestellt. Durch allerlei weit ausschweifende Entwürfe für die nächste Zukunft hatte er die um ihn besorgte Schwester zu trösten gesucht. Keiner von diesen Entwürfen ward jedoch realisirt, und die Reise nach Berlin, wo er sein Glück zu machen hoffte, ward wieder aufgegeben.