Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil

Part 30

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Uebrigens interessirte sich Brockhaus auch persönlich für diese nach ihrem Erfinder Anton Mesmer gewöhnlich Mesmerismus genannte neue Lehre von den geheimnißvollen Kräften des thierischen Magnetismus, welche in Frankreich und Deutschland bis über das erste Viertel des Jahrhunderts hinaus großes Aufsehen erregte. Er verlegte später Wolfart's »Jahrbücher für den Lebens-Magnetismus oder Neues Askläpieion« (5 Bände, 1818-1823) und »Der Magnetismus nach der allseitigen Beziehung seines Wesens, seiner Erscheinungen, Anwendung und Enträthselung in einer geschichtlichen Entwickelung von allen Zeiten und bei allen Völkern wissenschaftlich dargestellt«, von Professor Joseph Ennemoser in Bonn, einem der Hauptvertreter dieser Lehre. Letzteres Werk erschien 1844 in zweiter umgearbeiteter Auflage unter dem Doppeltitel: »Geschichte des thierischen Magnetismus« und »Geschichte der Magie«.

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Einen besonders werthvollen Zuwachs seines medicinischen Verlags erhielt Brockhaus dadurch, daß er 1816 den gesammten Verlag der unter der Firma »Literarisches Comptoir« in Altenburg bestehenden Pierer'schen Buchhandlung übernahm. Die beiden wichtigsten Verlagswerke derselben waren: »Medizinisches Realwörterbuch zum Handgebrauch praktischer Aerzte und Wundärzte und zu belehrender Nachweisung für gebildete Personen aller Stände«, und: »Allgemeine medizinische Annalen des neunzehnten Jahrhunderts«. Beide Werke waren von dem Besitzer der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung begründet und wurden von ihm unter seinem Namen herausgegeben, auch noch nach diesem Verkaufe.

Johann Friedrich Pierer wurde schon mehrfach genannt: er hatte Brockhaus 1808 auf der leipziger Messe kennen gelernt und ihn dann bei seiner Ankunft in Altenburg mit Rath und That unterstützt. Schon als Besitzer der Hofbuchdruckerei, als Schwager des Bankiers Reichenbach und Freund des Ludwig'schen Hauses nahm Pierer eine sehr hervorragende Stellung in der altenburger Gesellschaft ein. Im Jahre 1767 geboren, studirte er die Medicin und ließ sich 1790 in seiner Vaterstadt Altenburg als praktischer Arzt nieder, begründete 1798 eine »Medizinische Nationalzeitung für Deutschland«, die er 1800 »Allgemeine medizinische Annalen« nannte, und kaufte 1799 die Richter'sche Hofbuchdruckerei in Altenburg, mit der er 1801 ein buchhändlerisches Verlagsgeschäft für seine Zeitschrift unter der Firma »Literarisches Comptoir« verband. Dieses letztere verkaufte er sammt jener Zeitschrift, einigen andern Verlagsartikeln und dem eben im Druck begonnenen »Medizinischen Realwörterbuche« 1816 an Brockhaus. Nachdem er 1814 Amts- und Stadtphysikus mit dem Titel Hofrath geworden war, wurde er 1826 zum Obermedicinalrath und Leibarzt des Herzogs ernannt und starb 1832.

Im Jahre 1823 (nach Brockhaus' Tode) nahm Johann Friedrich Pierer sein Verlagsgeschäft unter der nur wenig veränderten Firma »Literatur-Comptoir« wieder auf und übertrug die Leitung desselben seinem Sohne Heinrich August Pierer (geb. 1794, gest. 1850), der zuerst ebenfalls Medicin studirt hatte, aber 1813 mit ins Feld gezogen war und 1831 seinen Abschied nahm, worauf er sich ausschließlich dem Verlagsgeschäft widmete. Er hat sich namentlich durch Herausgabe des »Universal-Lexikon« bekannt gemacht, das er 1824 noch bei Lebzeiten seines Vaters und von diesem unterstützt unter dem Titel »Encyklopädisches Wörterbuch« begonnen hatte.

Von dem erstgenannten jener beiden von Brockhaus mit dem Pierer'schen Verlage erworbenen Werke, dem »Medizinischen Realwörterbuch«, erschienen in den Jahren 1816, 1818, 1819 und 1821 die ersten vier Bände, der vierte mit herausgegeben von _Dr._ Ludwig Choulant (geb. 1791, gest. 1861 als Geh. Obermedicinalrath in Dresden), den Pierer zu seiner Unterstützung 1817 aus Dresden nach Altenburg berufen hatte, wo er bis 1821 blieb. Doch wurden diese vier Bände später an Pierer wieder verkauft und von diesem die das Werk abschließenden Bände 5-8 in den Jahren 1823-1829 selbst verlegt.

Die »Allgemeinen medizinischen Annalen«, deren Redaction Pierer ebenfalls beibehielt, seit 1821 auch dabei von Choulant unterstützt, blieben nach der Wiedererrichtung der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung im Jahre 1823 doch im Verlage von F. A. Brockhaus, und zwar bis 1830, worauf sie in die im Pierer'schen Verlage erscheinende »Allgemeine medizinische Zeitung« umgewandelt wurden; letztere wurde nach Pierer's Tode seit 1833 von _Dr._ Karl Pabst herausgegeben, ging 1837 wieder an F. A. Brockhaus über, hörte aber mit Ende 1838 ganz auf.

In dem am 11. Juni 1816 zwischen Pierer und Brockhaus abgeschlossenen Vertrage über den Verkauf des »Literarischen Comptoir« verpflichtete sich Letzterer zugleich, »die bisher bestandenen Druckereigeschäfte« mit Ersterm fortzusetzen und nicht nur die von ihm übernommenen Verlagswerke und »die noch rückständigen Bände des 'Conversations-Lexikon'« (zweite Auflage) in Pierer's Druckerei anfertigen zu lassen, »sondern auch dessen Pressen, deren Zahl um deswillen erhöht und mit dem nöthigen Druckereipersonale versehen worden sind, auf längere Zeit hinaus hinreichend und soviel es nur die Verhältnisse verstatten wollen zu beschäftigen«.

Verschiedenen Gebieten gehören endlich die folgenden drei von Brockhaus im Jahre 1817 verlegten Werke an: »Reise nach Dalmatien und in das Gebiet von Ragusa«, von Ernst Friedrich Germar, Professor der Mineralogie zu Halle (geb. 1786, gest. 1853), ein Werk von zugleich wissenschaftlichem Werthe, mit Kupfern und Karten; zweitens eine zwar kleine Schrift, aber die erste bedeutendere Arbeit des später berühmt gewordenen Geschichtschreibers der Philosophie Heinrich Ritter (geb. 1791, gest. 1869, erst Docent in Berlin und Kiel, seit 1837 eine Zierde der Universität Göttingen) unter dem Titel: »Welchen Einfluß hat die Philosophie des Cartesius auf die Ausbildung der des Spinoza gehabt, und welche Berührungspunkte haben beide Philosophien mit einander gemein? Nebst einer Zugabe: Ueber die Bildung des Philosophen durch die Geschichte der Philosophie«; drittens: »Die Elemente der reinen Mathematik« von dem königlich sächsischen Oberlandfeldmesser Wilhelm Ernst August von Schlieben (geb. 1781, gest. 1829), wovon indeß nur die erste Abtheilung: »Die Rechenkunst und Algebra«, in zwei Theilen erschien.

Eine gleichzeitig von Brockhaus mit dem Verfasser des letztern Werks begonnene kriegsgeschichtliche Zeitschrift gehört in das Gebiet der Publicistik, Geschichte und encyklopädischen Literatur, das einen Hauptbestandtheil seiner Verlagsthätigkeit in den Jahren 1812-1817 bildete und deshalb eine besondere Schilderung beansprucht.

Vorher ist indeß noch ein einzelnes Verlagsunternehmen zu charakterisiren, das Brockhaus vor allen andern in dieser Zeit beschäftigte: die von ihm begründeten und herausgegebenen »Deutschen Blätter«.

3.

Die »Deutschen Blätter«.

Wie Brockhaus seine Verlegerlaufbahn mit einer politisch-literarischen Zeitung begonnen hatte (im Jahre 1806 mit dem holländischen Blatte »_De Ster_«), so beschäftigte er sich auch gleich nach seiner Festsetzung in Altenburg mit dem Gedanken, ein ähnliches in die Zeitverhältnisse eingreifendes Unternehmen zu begründen. Ueberhaupt erkannte er stets in vollem Maße die Bedeutung des Journalismus für ein Verlagsgeschäft, das zu einer einflußreichen Stellung in der Literatur gelangen oder diese behaupten will. In der mannichfachsten Weise hat er es in den verschiedenen Perioden seiner Verlegerlaufbahn versucht, durch Zeitschriften auf die öffentliche Meinung einzuwirken, bald auf rein politischem, bald auf literarischem Gebiete, meist aber auf beiden gleichzeitig, was der Zeitströmung und seiner eigenen Neigung am meisten zusagte.

Freilich waren die Zeitumstände in den Jahren 1811 und 1812 einer solchen Absicht wenig günstig, ganz abgesehen davon, daß Altenburg ein wenig geeigneter Ort für die Verwirklichung derselben schien und seine pecuniären Mittel beschränkte waren.

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Das erste Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts bildet eine der traurigsten Epochen in der deutschen Geschichte: das Deutsche Reich bricht nach tausendjährigem Bestande in sich selbst zusammen; Frankreich verübt ungestraft Gewaltthaten gegen deutsche Länder; Oesterreichs erste Erhebung gegen Napoleon (1805) mislingt und führt zur Errichtung des Rheinbundes schmachvollen Andenkens, welcher ein Drittheil des deutschen Landes in ein Vasallenverhältniß zu Frankreich bringt; Preußens verspätete Erhebung gegen Napoleon (1806) scheitert gleichfalls und kostet ihm die Hälfte seines Landes; Oesterreichs neuer Versuch, die Napoleonische Herrschaft zu brechen (1809), mislingt abermals; die ganze Nordseeküste Deutschlands wird (1810) mit Frankreich vereinigt.

In solch trüber Zeit ein politisches Blatt in Deutschland zu gründen, wäre Vermessenheit gewesen, zumal die deutschen Fürsten nach und nach eine Censur einführten, wie man sie bisher in Deutschland nicht gekannt hatte; Napoleon hatte sie für den Verlust ihrer Unabhängigkeit dadurch entschädigt, daß er ihnen einen neuen Begriff von der Souveränetät, die er ihnen garantirte, beibrachte und sie zu unumschränkten Herren ihrer Unterthanen machte.

Die Besten des deutschen Volks fühlten von Anfang an die Schmach dieser Zustände: die Namen eines Hofer, eines Schill, eines Dörnberg sind die besten Zeugen dafür. Ihre kühnen Unternehmungen verunglückten, weil sie von den Regierungen im Stich gelassen wurden und das deutsche Volk zu allen Zeiten sich nur langsam zur That aufgerafft hat. Die Reformen des Grafen Stadion in Oesterreich, Stein's und Scharnhorst's in Preußen waren ein Zeichen der bald heranbrechenden Morgenröthe. Aber erst das Scheitern des Zugs Napoleon's gegen Rußland (1812) gab das Signal zu einer allgemeinen Erhebung in Deutschland. Alles athmete auf: der Usurpator war nicht unbezwinglich. Stein's Verdienst ist es, Rußland zur Verfolgung des fliehenden Feindes bis auf deutschen Boden vermocht zu haben; Preußen wurde durch York's Capitulation mit fortgerissen zum Kampfe gegen Napoleon auf Leben und Tod. Am 3. Februar 1813 erließ der König von Preußen den Aufruf »An mein Volk«; die großartige Erhebung des preußischen und bald auch des ganzen deutschen Volks war die Antwort. Am 27. Februar schloß Preußen mit Rußland ein Bündniß und erklärte am 16. März Frankreich den Krieg. Das französische Heer hatte sich hinter die Elbe zurückgezogen, behauptete aber diese Linie. Im Sommer traten Schweden, England und Oesterreich dem preußisch-russischen Bündniß bei. Von allen Seiten rückten die Heere nach Mitteldeutschland vor: hier sollte die Entscheidung fallen.

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Der Stadt Altenburg wurde in dieser denkwürdigen Zeit die Ehre zutheil, mehrere Tage das Hauptquartier der verbündeten Armeen zu bilden. Im Sommer 1813 oft von den Franzosen und den leider noch mit ihnen verbündeten Baiern besetzt, wurde die Stadt zuerst am 24. August von diesen verlassen, weil die Oesterreicher im Anmarsche waren. Am nächsten Morgen rückten die ersten Oesterreicher und einige Kosacken ein. Am 2. September erschienen die Franzosen wieder, flohen aber schon drei Tage darauf, und am 8. September besetzte der österreichische Graf Mensdorff mit einem österreichisch-russischen Corps die Stadt. Am 24. September fand ein Gefecht bei Altenburg statt, General Thielmann zog sich vor Oberst Lefèvre zurück, die Franzosen besetzten die Stadt wieder, bis Thielmann, von dem Kosackenhetman Platow unterstützt, sie am 28. September aufs neue daraus verjagte. Am 3. October rückten Polen unter Fürst Poniatowski ein, zogen aber nach einigen Tagen wieder fort. Jetzt begannen zahlreiche Durchmärsche der Verbündeten. Fürst Wittgenstein und General Kleist kamen am 9. October mit ihren Corps an. Am folgenden Tage verlegte Fürst Schwarzenberg, der Generalissimus der verbündeten Armeen, sein Hauptquartier von Penig nach Altenburg, wo es bis zum 15. October blieb. Der Kaiser Alexander von Rußland war kurz nach Schwarzenberg, am Abend des 10. October, in Altenburg angekommen und ihm zu Ehren die Stadt beleuchtet worden. Mit ihm kamen Großfürst Konstantin, Barclay de Tolly und etwa vierzig russische, österreichische und preußische Generale. In den Vormittagsstunden des 15. October brach alles, was zum Hauptquartier gehörte, auf, nach Leipzig zu. Der Kaiser von Oesterreich traf kurz darauf in Altenburg ein, ebenso der König von Preußen.

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In diesen für Altenburg und seine Bewohner so ereignißreichen Tagen reifte in Brockhaus der lange gehegte Entschluß, ein politisches Blatt zu gründen, um auch an seinem Theile mitzuhelfen zur Befreiung des Vaterlandes. In einem solchen Augenblicke konnte ein derartiges Blatt ja nur Kriegsberichte bringen, und er beschloß, die günstige Gelegenheit, die sich ihm durch die Anwesenheit des Hauptquartiers in Altenburg bot, rasch zur Förderung seiner Absichten zu benutzen. Er erbat und erhielt Audienzen beim Kaiser von Rußland und bei dem Fürsten Schwarzenberg. Das Ergebniß derselben, über deren sonstigen Verlauf uns leider nichts weiter bekannt ist, war ein »Befehl« zur Herausgabe eines »periodischen Blattes« -- ein in der Geschichte der Journalistik gewiß seltener Vorgang.

Das geschichtlich denkwürdige Actenstück lautet:

#Befehl.#

Dem Buchhändler, Herrn Brockhaus, von hier wird hiermit befohlen, alle von Seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienene, theils in der Zukunft noch zu erscheinende Nachrichten und officielle Schriften durch den Druck bekannt zu machen und sie mittelst eines periodischen Blattes, welches jedoch der Censur des jedesmaligen Herrn Platz-Commandanten unterliegt, dem Publico mitzutheilen.

Hauptquartier Altenburg, den 13. October 1813.

Auf Befehl Sr. Durchlaucht des k. k. _en chef_ commandirenden Herrn Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenberg.

(Gez.) Langenau.

Auf Grund dessen richtete Brockhaus sofort eine Eingabe an die einheimische Behörde und erhielt darauf nachstehende Resolution:

Dem Buchhändler Friedrich Arnold Brockhaus wird auf seine Eingabe vom 14. d. M., die Herausgabe eines die von Seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienenen, theils noch erscheinenden Armee-Nachrichten und officiellen Schriften liefernden periodischen Blattes und dessen Censur betreffend, zur Resolution hiermit vermeldet: daß er dem diesfalls von des _en chef_ commandirenden Herrn Feldmarschalls, Fürsten von Schwarzenberg, Durchlaucht erhaltenen Befehle lediglich nachzukommen und die Censur von dem jedesmaligen Herrn Platz-Commandanten zu erwarten habe, daher bei diesen Blättern eine Durchsicht der dießortigen Censur-Behörde nicht eintrete.

Altenburg, am 18. October 1813.

Herzogl. Sächs. verordnete Canzler u. Räthe das.

(Gez.) F. C. A. von Trützschler.

Brockhaus verlor keine Stunde mit der Ausführung des »Befehls«. Er ließ sofort sein neues Blatt ins Leben treten, nannte es »Deutsche Blätter« und stellte jenen Befehl an die Spitze der ersten Nummer, die schon vom folgenden Tage, 14. October, datirt und wol noch an diesem oder dem folgenden Tage erschienen ist. Unter den »Befehl« setzte er folgende Benachrichtigung:

In Beziehung auf obigen ehrenvollen Auftrag werden von den »Deutschen Blättern« an unbestimmten Tagen, in Nummern von halben und ganzen Bogen, wöchentlich mehrere erscheinen und durch alle Buchhandlungen, Postämter u. s. w. zu erhalten sein. Vierzig ganze Bogen bilden einen Band und erhalten Haupttitel und Inhaltsverzeichniß. Bei Veranlassung werden Karten und Pläne beigefügt werden. Der Pränumerationspreis für einen Band oder vierzig ganze Bogen beträgt 1 Thlr. 8 Gr. sächsisch. Einzelne Nummern von einem ganzen Bogen kosten 1 Gr. 6 Pf. und von einem halben Bogen 1 Gr.

Bestellungen sowie dem Zweck der Blätter entsprechende Beiträge werden adressirt: an die Expedition der »Deutschen Blätter« in Altenburg.

F. A. Brockhaus.

Dies ist die Entstehungsgeschichte der »Deutschen Blätter«, die vom Herbst 1813 bis zum Frühjahr 1816 bestanden und anerkanntermaßen zu den besten der durch die Freiheitskriege hervorgerufenen und die Erhebung des deutschen Volks auf das kräftigste fördernden Erzeugnissen der deutschen politischen Presse gehörten. Sie sind nach Idee, Titel, Form und Inhalt als eine Schöpfung von Brockhaus anzusehen, der auch fortwährend die Seele des Blattes blieb, während _Dr._ Hain und _Dr._ Sievers die Geschäfte der Redaction besorgten. Auf dem Blatte selbst war übrigens nach damaliger Sitte zunächst weder der Redacteur noch der Herausgeber, Verleger oder Drucker genannt; erst vom zweiten Bande an nannte sich Brockhaus als Herausgeber.

Daß Brockhaus sich einen »Befehl« zur Herausgabe des Blattes erwirkte, geschah gewiß nicht aus Vorsicht, um etwa den französischen Militär- und Civilbehörden gegenüber bei ungünstigem Verlaufe der Kriegsoperationen durch diesen gedeckt zu sein. Denn wären die Franzosen nach dem am 15. October, also einen Tag nach dem Datum der ersten Nummer, erfolgten Wegzuge des Hauptquartiers aus Altenburg wieder einmal, wie in den Wochen vorher öfters geschehen war, in die Stadt eingerückt, so hätte jener »Befehl« den Herausgeber der »Deutschen Blätter« schwerlich vor dem Schicksale Palm's oder wenigstens Becker's bewahrt, zumal er sofort (in der dritten Nummer vom 17. October) einen über seine patriotische Gesinnung keinen Zweifel lassenden Aufsatz: »Was ist (war) der rheinische Bund?« brachte. Er erbat sich jenen »Befehl« vielmehr nur, um die offiziellen Berichte über die Kriegsoperationen aus erster Hand zu erhalten und dadurch seinem Blatte einen um so größern Leserkreis zu sichern.

Das Glück begünstigte ihn dabei insofern, als wenige Tage darauf die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde und die »Deutschen Blätter« bei ihren Beziehungen zu dem Hauptquartiere das erste Blatt sein konnten, welches dem deutschen Volke die Kunde seiner Befreiung und authentische Berichte über diese ewig denkwürdigen Tage brachte. Die Geburt der »Deutschen Blätter« fiel so zusammen mit der Geburt der deutschen Unabhängigkeit: ein günstiger Umstand, den der Herausgeber trefflich zu benutzen verstand.

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Das Hauptquartier der verbündeten Armeen war am 15. October von Altenburg nach Pegau verlegt worden, und am Morgen des folgenden Tags begann die leipziger Schlacht. Der Kaiser von Oesterreich hatte Altenburg am 16. October früh 7 Uhr verlassen, der König von Preußen erst einige Stunden später, Beide, um den Kaiser von Rußland und das Hauptquartier in Pegau zu treffen. Schon auf der Fahrt dahin hörten sie die heftige Kanonade dieses ersten Schlachttags: es war die Schlacht bei Wachau, die gleichzeitig mit der von Blücher bei Möckern geschlagenen Schlacht siegreich für die Verbündeten ausfiel und den 16. October zu dem ersten Siegestage bei Leipzig machte. Die drei verbündeten Monarchen hatten der Schlacht vom Wachberge aus beigewohnt; auch Napoleon war auf dem Schlachtfelde und hatte bei der ersten für ihn günstigen Wendung der Schlacht bereits den Befehl gegeben, in Leipzig zur Feier seines Siegs die Glocken zu läuten.

Der folgende Tag, der 17. October, ein Sonntag, verging ruhiger: Napoleon unterhandelte und versäumte darüber den rechtzeitigen Rückzug.

Am 18. October erfolgte der Hauptangriff der Verbündeten in drei Colonnen auf die Stellung der Franzosen in und um Leipzig: überall, wenn auch unter mörderischem Kampfe siegreich vordringend, hatten sie am Abende dieses Hauptschlachttags die Franzosen von drei Seiten so fest eingeschlossen, daß diesen nur der eine Rückzugsweg nach Westen übrigblieb und Napoleon den Rückzug bereits um 11 Uhr vormittags beginnen ließ.

Am 19. October wurden die Vorstädte Leipzigs erstürmt; die drei verbündeten Monarchen hielten um 1 Uhr mittags ihren Einzug in die Stadt, die Napoleon um 10 Uhr erst verlassen hatte.

Napoleon's Macht hatte den Todesstoß erhalten, Deutschland war frei: der Einzug des Kaisers von Rußland und des Königs von Preußen in Paris am 31. März, Napoleon's Abdankung am 11. April, der Erste Pariser Friede vom 30. Mai 1814 waren Folgen der Völkerschlacht bei Leipzig.

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Die »Deutschen Blätter« brachten wol die ersten Nachrichten über die große Entscheidungsschlacht. Sie vermochten dies aber nicht nur deshalb, weil sie das officielle Organ des Hauptquartiers waren, sondern ihr Herausgeber hatte, mit gewohnter Energie den rechten Augenblick erfassend, sich sofort nach schnell nachgesuchter und erhaltener Erlaubniß dem Hauptquartier angeschlossen, und konnte so seinem neu gegründeten Blatte zugleich als erster Berichterstatter über die wichtigste Schlacht des ganzen Kriegs dienen. Brockhaus war Augenzeuge der Schlacht bei Wachau gewesen und sofort nach der Einnahme Leipzigs von Rötha aus in die Stadt geeilt.

Schon am Nachmittag des 18. October sandte er zwei kurze Berichte an _Dr._ Hain in Altenburg, die dieser am nächsten Morgen sofort durch ein »Extrablatt« (also nicht erst eine Erfindung der neuern Zeit!) dem Publikum mittheilte und in Nr. 5 der »Deutschen Blätter« vom 19. October nochmals abdruckte. Diese Briefe waren in Borna geschrieben, wo auch der Kaiser von Oesterreich und der König von Preußen übernachtet hatten; beide Fürsten begaben sich von hier nach Rötha zum Kaiser von Rußland, um mit diesem zusammen am folgenden Mittag in Leipzig einzuziehen. Brockhaus folgte ihnen mit dem Hauptquartier.

Von Leipzig aus schrieb er gleich am Morgen des 20. October einen längern Bericht über seine Erlebnisse für die »Deutschen Blätter«, der mit der Ueberschrift »Brief an J.« (unter J. ist jedenfalls Jeannette, seine Frau, gemeint) in Nr. 11 vom 21. October veröffentlicht wurde.

Wir theilen daraus unter Weglassung der bekannten Einzelheiten der Schlachttage folgende theils für den Schreiber charakteristische, theils auch sonst interessante Stellen hier mit:

Ich bin auf den Flügeln des Windes hierher geeilt, sobald ich in Rötha die Nachricht von der Einnahme Leipzigs erhielt. Es sind zwei göttliche Tage für mich gewesen. Am ersten die #Ahnung# und späterhin am Abend schon die #Nachricht# von der Hermanns-Schlacht; der zweite die vollendete Besiegung des stolzen Feindes, der nun seit zehn Jahren mit ehrnem Fuß uns auf den Nacken trat und alle schönen Lebenskeime zerstörte. Es ist der vollständigste Sieg, den die neuere Geschichte kennt, erfochten worden, und die Folgen werden noch unermeßlicher sein. Ich hoffe, auch kein Franzose werde über den Rhein zurückkehren, um die Kunde ihrer Niederlagen in ihre Heimat zu bringen. So geht das in Erfüllung, was ich oft sagte, wenn sie in nicht aufhörenden Zügen an unsern friedlichen Wohnungen vorbeieilten ....