Part 27
Zu Füßen des Wanderers liegt nun hart am Meere der Flecken Voloska. Slawisches und romanisches Wesen ist hier gemischt, ersteres wiegt an Ausdehnung und Zahl vor, letzteres drückt aber der Gegend den Charakter auf. (Zu erinnern, daß diese Aufsätze in den Achtzigerjahren geschrieben worden sind.) Von Voloska aus links führt eine Kunststraße nach dem nahen Fiume, rechts am Meere hin geht's nach Abazzia. Der Weg ist kurz, bald stehen wir im Kurorte. Die im Hintergrunde sich steil erhebenden Berge -- mit der Spitze des 1400 Meter aufsteigenden Monte Maggiore -- sind unwirtlich und stellenweise armselig bestanden mit Laubholz; sie lassen am Strande nur einen kümmerlichen Raum für Menschen. Dieser Raum ist von einem immergrünen Wald von Lorbeerbäumen, Palmen, Zedern und Sebengewächsen bestanden. Dem entsprechend ist die Blumenwelt. Fast betäubt den Fremden anfangs die weiche Luft und der üppige Duft. Es ist, als ob man in einem ungeheuren Gewächshaus stünde, von dem für den Augenblick die Glaswände und das Dach weggenommen worden. Und in diesen Wald hinein bauten sie den Kurort Abbazia. Tiefschattige Haine, bunte Rasenplätze, glatte Kieswege, wildes Gefelse und Ruinen von Bauernhütten wechseln zwischen den Häusern; so sinkt die Fläche sanft zum Meere hin, wo wildzerklüftete braune Steinwuchten und Klippen gegen die andonnernden Wogen ihre Vormachst halten. Es ist wohl nicht zweifelhaft, wer am Ende siegen wird, das weiche Wasser oder das harte Gestein. Dieses verliert bei jedem Wellenschlag Atome, das Wasser zergischtet jede Sekunde und ist doch ewig gesund. Aber bis der Strand dahingewaschen sein wird, dazu hat's noch lange Zeit; da mag früher wohl ein großer weltberühmter Kurort hier florieren und wieder aus der Mode kommen und verfallen, wie die Wohnungen der früheren Ansiedler verfallen sind.
Man setzt sich hin und kann stundenlang dem Spiele des Wassers zusehen. Gerne treibt es -- und das ist bei gewöhnlicher Lebhaftigkeit sein Gebaren -- in langgezogenen Wellen, wovon eine von der anderen etwa zehn bis fünfzehn Meter entfernt ist, heran. Solch eine Welle macht einen hohen glatten Rücken, durch den das Licht schimmert und sie wie grünliches Eis erscheinen läßt. Nahe dem Strande begegnet ihr aber eine von den Steinen zurückgeworfene Welle, über diese hinwegspringend bricht sie sich in Gischt, fährt an den Strand, wo sie unbändig emporwallt oder weiß aufspritzt, um dann wie ihre Vorfahren und ihre Nachkommen zurückzusinken. An mehreren Punkten, besonders am sogenannten Teufelsbrunnen sichtbar, rinnt das Meerwasser in mächtigen Strömen durch Höhlungen in den Berg hinein, um an anderer Stelle wieder hervorzubrechen. Dort und da gibt es badeschwammartig durchlöcherte Steine, durch die das Wasser gurgelt und drängt, um auf der anderen Seite stoßweise hervorzuspringen. Die Färbung des Meeres ist von höchster Mannigfaltigkeit, hier kommt noch dazu die Schattierung von den Inseln Veglia und Cherso, deren Berge besonders in den späten Nachmittagsstunden in sanftem Veilchenblau herüberlachen. Freundlich schimmert Fiume und Porto Re am Fuße des kroatischen Gebirges und im südlichen Hintergrunde steigen die hohen weißen Bergzüge Dalmatiens hoch in den Himmel empor. Mir fällt ein, der Blick auf dem Bodensee gegen die Gletscher der Schweiz hin. Die Schönheit der See und die Herrlichkeit der Alpen im Bilde vereinigt!
Als drüben an der Riviera vor einiger Zeit das Erdbeben gewütet hatte, kamen Flüchtlinge herüber nach Abbazia, das sich patriotischerweise anschickt, die österreichische Riviera zu werden. Und man hat gefunden, daß die Naturschönheit hüben jener von drüben nicht bloß in nichts nachgibt, sondern sie sogar übertrifft.
Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er dort Christfest halten.
III.
Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.
Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere: ich bade im Meer mein Herz.
Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B. hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16--17 Graden Celsius, das Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt, als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer unten herrscht absolute Finsternis.
Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend, hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?
Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand- und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande. Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem Wasser geradezu in Berührung zu kommen -- weil seine Lippen einen salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen Salzkrusten überziehen.
Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die Laien.
Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht. Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.
Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine gleichmäßigere ist als in den Tälern.
Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel. Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne gemacht.
IV.
Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke: Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh, es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht, es hat einen abscheulichen Namen.
In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans Meer!« -- Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? -- Ja, miß dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres schlafen gehen ... Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.
Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders! Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht, nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. -- Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die Felsen des Karstes, hinab ...
Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf, öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch, und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.
Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«, antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht? Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein Herzweh, nun singst +du+ es, du gewaltige Harfe Gottes! -- Auf hoher See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.
Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer bringt sie nur in schönes Kräuseln -- nichts weiter.
Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. -- Der Scirocco, und das ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen Scirocco gefahren, und nichts weiter? -- Wohlan, Freund, weil wir denn einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose Elend, das kaum zu ertragen ist. +Nervosität+ heißen sie das Ungeheuer, und wenn Scirocco geht -- nun du weißt es ja.
Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. -- Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und traurig sein könne.
Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.
An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament hinaus, das +unten+ lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten. Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig wie ewig wolkenloser Himmel. -- Nach Norden hin sah ich zwischen Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült? -- Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen! In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein. Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. -- Nein, ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne, Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen Luftbesen -- ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel, wie wohl tut der Sturm!
Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in sich zusammen und verschwanden.
Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht: Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, die Stürme sind mein Atem. --
V.
Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel -- je mehr Leute, je mehr Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen. Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar Menschen.
Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff. Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst -- wo es am größten und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.
Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden. Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts zu holen als -- Enttäuschung. -- Die Scholle lädt überall, wo man auf sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, verletzt er sich daran zu Tode.
Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.
Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben -- und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher, als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an sich selbst zu erinnern.
Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit (für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am Saume der Schwarzen Berge -- oder wohin sonst an den istrischen und dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.