Part 25
Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern -- er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem Dome zu Mailand.
Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich, schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im Mondenscheine.
Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen -- dazu findet sich gelegentlich sicher ein besserer Führer -- emporsteigen wollen wir zu jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.
Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg. Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen, um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre Huldigung darzubringen.
Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen; endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, -- und das Kirchendach brach darob nicht zusammen.
Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu entführen scheint.
Da liegt die große Stadt -- die höchsten Türme sind tief unten -- im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre 1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles« von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.
Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis. Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild, durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da unten ausbreitet. -- Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die östliche Aussicht verdecken.
Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt: ein italischer Himmel.
Von der Kirche des heiligen Petrus.
1872.
Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin -- da horchen sie alle auf.
Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf -- weil die Säulen just mitten auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche, die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß Roß und Wagen darauf kann fahren, -- und so lang, daß, steht an einem Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen. -- Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus nach -- Rom kann sehen? -- nein, nach Jerusalem hinein kann schauen. Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben Hochzeitspaare können tanzen!
So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« verstünden zu wandern -- sie würden ja so enttäuscht sein.
Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel -- wie wenig die Menschen im Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just wegen Raummangels gerauft werden müßte.
Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle, schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu beschützt von den Engeln«.
Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde -- auf der Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. -- Dann die prächtigen Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den Platz umschließt -- die ganze Welt umschließen möchte.
Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau -- der größte Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. -- Von der Kuppel sieht man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau herüberragen.
Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den Säulen der Fassade -- zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des romanischen Stiles -- alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster, Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der Bodenfläche herumglitten!
Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.
Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas, das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; näher besehen dürfen sie nur Priester. -- Ich kam zu der Säule, an welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. -- Ich kam zu der Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit den Händen spielend schaukeln. -- Ich kam an Grabmäler der Päpste, an Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit -- zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt deinen Teil die Katz'!«
Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den Segen nicht. -- Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern. -- Und heute -- kann ich an dieser Stätte nicht beten ...
Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar. Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige, die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend, durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den Lichterkranz des Hauptaltars und -- weinen.
Und wieder andere -- wohl Laien im Chorrock -- huschen geschäftig hin und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie überall auch in der Natur.
Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.
Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings der Kuppel: ~Tu es Petrus etc.~
Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen mit Springbrunnen sogar -- und besteige den gewaltigen Koloß der großen Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« --
Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern -- der Atem Gottes bläst sie aus.
Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche und fühlte die Nähe des Herrn.
In den Ruinen von Pompeji.
1872.
Eine große Vorwelt ist versunken -- hat nichts zurückgelassen, als hier ein Marmorstück, dort ein Erzgebilde, anderswo ein eingegrabenes Zeichen, das wir nicht verstehen können. Und die Tradition, entstellt, durch die Phantasie verzerrt, lautet weiß Gott, wie anders als die Wahrheit! -- Wie's immer sei, viel zu wenig Buchstaben für uns, als daß wir lesen könnten. Wir kennen das öffentliche Leben der Römer, wir kennen ihre Verfassung, ihre Gesetzgebung, ihre Kriege. Wir fanden hie und da eine Spur ihrer Priester, ein Lied, ein Buch ihrer Dichter. Das ist schier alles. Es war eine Zeit, die verständnislos wie eine Stubenmagd mit dem Besen alles wegfegte und verwischte, was dargestellt war.
Zum Glück nahm sich die Mutter Erde an und verbarg vor der Vernichterin ein Stück Altertum in ihren Schoß, um es uns, der forschenden Nachwelt, aufzubewahren.
Pompeji und Herkulanum -- ich wüßte nicht, daß sie die latinischen Sodom und Gomorrha waren -- und doch kam Feuer und Schwefel von oben.
Eine andere Absicht mußte es sein, als nach Christi Geburt 79 die Gewalten des Vesuv zu wüten begannen, die Lava wild qualmend bei Tag und hell erglühend in den Nächten niederströmte zu den Wohnungen der Menschen, und der Aschenregen und der Bimssteinschauer die Städte begrub.
Damals lag Pompeji hart am Meere, das seitdem zurückgewichen ist; es mag ein wesentlicher Stapelplatz für die weiter einwärts gelegenen Ortschaften gewesen sein. Sechzehn Jahre vor der Verschüttung ist die Stadt durch ein Erdbeben halb zerstört worden. Die damaligen Christen glaubten, diese Zerstörungen seien eine Strafe des Himmels gewesen für die Christenverfolgungen, die unter den damaligen römischen Kaisern stattgefunden hatten, und für den Martertod der zu Rom hingerichteten Apostel Petrus und Paulus.
Authentische Aufzeichnungen des schrecklichen Vesuvausbruches im Jahre 79 liegen nicht vor. Das Unheil war eben begraben in sich selbst -- und die Lavamassen lagen starr und verschwiegen über der Todesstätte. Pompeji mochte an Ausdehnung die Größe der Stadt Linz gehabt haben; Einwohner werden weniger gewesen sein, da die Bauten bei weitem nicht so groß waren, als das in den heutigen Städten der Fall ist.
Vielleicht stand auf dem ungeheueren Grabe noch lange Jahre hindurch da und dort ein Turm, eine Zinne hervor, wer kümmerte sich darum? Der Landmann baute seine Felder und Weingärten darüber; Feigen und Maulbeerbäume und Pinien und der ganze Wald des Südens wuchs darauf, und Landhäuser und Dörfer wurden, und der Vesuv schlummerte, und der kantige Gebirgswall von Sorento bis Palma hielt Wache und schloß es ein, das schöne, stille, fruchtbare Tal, und der klare Sarno rieselte dahin und ins Meer, Jahrhunderte und Jahrhunderte lang -- und Pompeji und Herkulanum waren vergessen.
Siebzehnhundert Jahre zogen dahin, bis das forschende Geschlecht herankam aus dem Norden; da enthüllte die Mutter Erde ihren verwahrten Schatz und zeigte der neuen Zeit die alten Römer, nicht wie sie herrschten auf dem Tribunal, nicht wie sie rangen auf dem Felde oder in der Arena, sondern wie sie lebten in ihrem Hause, in der Familie. Das war ein ganz neues Blatt in der römischen Geschichte und vielleicht wichtiger, wie manch' anderes.
Im Jahre 1748 ließ Karl III. von Neapel auf den ungeheuren Aschenhügeln Pompejis den ersten Spatenstich tun, doch erst in neuester Zeit haben die Ausgrabungen einen solchen Fortgang genommen, daß heute das reinste und klarste Bild der Stadt -- getreu bis auf das Nachtlämplein und das Stückchen Mosaik -- bis auf die Knochen der Bewohner -- vor uns daliegt. Die begrabene Stadt starrt uns an, wie ein unerlöstes Gerippe, das nicht zerfallen darf, weil es Zeugnis geben muß.
Der Weg von Neapel, zwischen den sonnigen Fluten des Meeres und den unterirdischen Gluten des Vesuv hin, bereitet würdig auf Großes vor. Er führt über Lava und Ruinen: aber mitten in den Ruinen prangen Gärten. Und da stehen zwischen dem schwarzgrauen Gemäuer Brunnen, an denen Esel Wasser emportreiben, und Weinlauben, unter welchen Hüter und Eseltreiber und Ciceroni auf dem Rücken liegen und auf die Feigen und Trauben warten, die ihnen ja, wenn heute nicht, so morgen in den Mund fallen müssen. Wir gehen über Herkulanum, aber diese Stadt ist nicht ausgegraben, doch sind neue, blühende Ortschaften aus ihr hervorgewachsen. Zwischen den Ruinen selbst prangt die in Italien allgegenwärtige Gartenkultur, und da stehen Villen; und manches Haus ist aus Lava gebaut, mit Lava gedeckt, aber trotzig bleibt es stehen, bis etwa eines Tages neues Baumaterial von den Höhen des unheimlichen Berges niederschießt.
Der Weg verläßt das Meer, biegt links in das Tal, wohl ein wenig abseits von dem ewig drohenden Vesuv. Man sieht es aber dem stillen, wie träumenden Gesellen nicht an, daß er die Hölle im Herzen trägt, daß er imstande ist, das halbe Tyrrhenische Meer zu beleuchten und das ganze südliche Italien mit Asche zu bestreuen. Aber die Menschlein sind zutraulich und streicheln den schlummernden Löwen und krabbeln an ihm hinauf mit ihren Häusern und Gärten. Und plötzlich wird er wach.
Hier, von Pompeji ein Erdwall, durch den eine gewölbte Pforte führt. Wie durch ein Friedhofstor gehen wir hinein und stehen in der zugrunde gegangenen Stadt.
Neapel und Pompeji. Dort das tolle, übermütige rasende Leben, die alles bewegenden Leidenschaftskämpfe von vierhunderttausend Menschen; hier -- alles vorüber. Die Geschichte dieser Stätte ist erfüllt -- tretet leise auf die Steinplatten, störet den Frieden der Ewigkeit nicht!
An dem, was in Pompejis Ruinen am bedeutendsten scheint, am Forum, an den Tempeln, an den Theatern, ging ich nach kurzer Besichtigung vorüber. Ich wandelte durch die geraden Gassen, deren mächtige, unregelmäßige Pflasterblöcke aus Lava noch die Furchen der Räder zeigen, und ich ging in die Häuser, die sich nicht auszeichneten, wo aber die Menschen gelebt, geliebt, gehaßt haben, gestorben sind. Auf Wandgemälden ließ ich meine Augen gern ruhen, die voreinstigen Bewohner taten's ja wohl auch -- es waren hier schöne Gestalten dargestellt auf dunkelrotem Grunde; und ich fragte die Mosaikkörnchen auf den Fußböden, ob sie nicht Kunde wüßten von Haus und Heim des alten Geschlechtes. Aber Kunde hiervon geben nur Inschriften, Statuen, Hausgeräte, Schmuckgegenstände, Särge usw. im Museum zu Neapel. Diese Räume sind leer; all' das Wiedergefundene ist im Museum aufbewahrt; schier ganz Pompeji ist uns wieder geworden; den Sarg und die Vasen und den Todesschmuck hat das Grab gegeben, nur den Menschen nicht. Was wir hier sehen, ausgegrabene Buchstaben sind es nur eines versunkenen Blattes der Weltgeschichte, aber sie sind nicht blutbefleckt, wie die Ruinen der Kaiserpaläste in Rom -- ein stilles Willkommen rufen sie uns zu und laden uns ein in das Haus des römischen Bürgers.