Part 23
Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus, da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! -- Wäret ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten. Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen in die Unterwelt.
Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht, wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb nicht unzugänglich. -- Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand der Riesen gebaut worden ist.
Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes -- -- nüchterner und vernünftiger.
Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer, schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und aus denselben überall der kräftige Wald.
Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände, so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die normale Höhe.
Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und Leben ist.
Und sie kommen.
Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; -- und solche, die schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.
Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen, reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie, daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und ziehen ihrer Wege.
Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus deutschen Klassikern.
Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.
Aus der heiligen Stadt.
1870.
In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.
Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort ruhen Schiller und Goethe.
Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte.
Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den großen Männern, die seine Bürger waren.
Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer betritt sie mit Ehrfurcht.
Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich[1] im Zimmerchen, wo Schiller gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb. Der Sessel steht auch noch am Tisch -- man meint, der Professor müsse den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig schreiben.
[1] Durch die Vermittlung des Dichters Julius +Grosse+, der im Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.
Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er gestorben.«
Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee trank, und mit dem Medizinfläschchen.
Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch, diese Saiten mögen ruhen und trauern.
Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein.
Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des betreffenden Dichters bezeichnet.
Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben.
Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen.
Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden, Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler stehen.
Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs Karl August von Weimar und seiner Freunde.
Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne.
»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.
Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen, aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.«
»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.
»Aus der Steiermark.«
Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«
Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und führte mich in die Gruft.
Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit Lorbeerkränzen geschmückt -- hier ruhen sie.
Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares.
All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer Dichter gewesen ist.
So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe, verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt.
Am Abend -- dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar funkelten in der untergehenden Sonne -- machte ich einen Spaziergang durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«.
Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.
1870.
Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser umgürtet -- die zehnthronige Stadt Jaromars.
Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.
So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab.
Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück.
Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen, Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht von seiner blutigen Geschichte.
Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes.
Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche.
Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen) fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg, der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.
Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere, gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte -- einsam wallende Segelschiffe.
Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende Bergen herüber.
Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. -- Rügen! du meer- und lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur, du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der Naturforscher, du Waldesruh der Poeten -- ehrwürdige Warte im Norden: sei mir gegrüßt!
»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster, der mich auf den Turm begleitet hatte.
»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte ich.
Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung, über die ich lachte.
Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle, möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung lag über Land und Meer.
Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als ich endlich an das Hinabsteigen dachte.
Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts. Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen. Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. -- Ich war schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des Turmes um Hilfe zu rufen.
Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall undurchdringliche Finsternis.
Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein -- aber das Bild war ja so schön gewesen!
Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das Weitere ja doch wohl finden.
Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen. Aber ich war zu erregt. -- So hilflos und verlassen hier, hoch über den Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. --
Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann sich in dieser ~camera obscura~ das abendliche Bild der Aussicht von oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland -- ich sah Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; -- ich sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden, und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg -- ich sah mein geliebtes Alpenland. -- ... Da schwand das Traumbild und ich war wach.
Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel mir in die Augen.
Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen, sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei. Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.
Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.
Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard.
Dort stand ich still und blickte rings um mich.
Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder bei Granitz und Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, die blauen Buchten, das Meer ringsum und in der Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu Stralsund.
Auf dem Rigi.
1870.
Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief, nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, -- endlich auf eigenen Füßen!
Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft voll Harzduft, voll Waldesrauschen -- mein Element. Ich kam mir vor wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt, Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.
Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame Segelschiffchen Poesie über den See -- mehr konnte ich nicht erkennen.
Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten, grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen.
Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand auf Felswand -- hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.
Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund.
Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?
Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. -- So stürze dich hinein! -- Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem Herzen nagt. -- Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue, daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich von dir in diesen See und davon hättest du den Namen.
Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer, teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar keine Herberge.
Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend, wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden, aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu besteigen; mein Ziel für heute war Immensee.
So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne. Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«
»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten sich um meinen Leib.
Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor meinen Augen funkelte.
»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«
»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich.
»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch lang und chüel. Verstöhnt der mi?«
»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg auf den Rigi so kurz als möglich machen.«