Freiluftleben

Part 4

Chapter 43,847 wordsPublic domain

Mitte März 1916 saß ich abends in dem gemütlichen Gastzimmer des Hotels in Finse und sprach davon, daß ich Lust hätte, noch einmal auf Vosseskavlen zu stehen und wie in der Jugend Umschau zu halten und dann den Abstieg auf Schneeschuhen zum Kaldesee hinab und weiter zu versuchen. Andreas Klem, der Direktor von Haugastöl, mit dem ich zusammen war, fing sofort Feuer. Wohl schneite es im Gebirge, im Westen aber war klares Wetter, dessen versicherte er sich sofort durch das Telephon.

„Fein-feine Schneeschuhbahn! Morgen früh ziehen wir los.“ Nun wohl!

Vor Sonnenaufgang kamen wir mit dem Zug über das Hochland nach Station Hallingskeid, gerade der Stelle, wo ich an jenem Winterabend vor 32 Jahren nach einer eingeschneiten Sennhütte gesucht hatte, um dort die Nacht zu verbringen. Auch jetzt hatte ich einen Hund mit.

Die Schneeschuhbahn war gut. Es ging die langen Lehnen von der Station nach dem Gröntalsee hinab, dann über das Eis und das Tal zum Vosseskavlen hinauf. Es war blauer Himmel, und bald kam die Sonne. Ungefähr dasselbe Wetter und dieselbe Bahn wie damals, als ich zuletzt hier fuhr. Nur schien mir der Weg vom Gröntalsee bis zum Skavlen viel länger zu sein als damals.

Endlich waren wir beim höchsten Gebirgssee angelangt. Ja, ich fand mich so ziemlich wieder zurecht. Da waren die schroffen Bergwände auf allen Seiten und die lange schwere Steigung zum Skavlen hinauf; eine mächtige Schneemenge war auch da. Aber trotzdem war es anders. Die Steigung schien mir nicht ganz so schroff, wie ich sie in der Erinnerung hatte, und dann hingen jetzt keine Schneewächten über. Es war leichter hinaufzukommen, und der Hund hatte keine Schwierigkeiten.

Vom Vosseskavlen hatten wir dieselbe Aussicht über diese weiße Bergweite wie einst. Sie war sogar noch wunderbarer, als ich sie in der Erinnerung hatte, und Andreas Klem fand, nie habe er etwas Schöneres gesehen, soviel er auch diese Berge durchstreift habe.

Die Fahrt über den Gletscher vom Rande der obersten weißen Fläche bis zum Kaldesee hinab gestaltete sich noch großartiger, als ich mich erinnern konnte.

Es war ein mächtiger Abhang, und wir bekamen eine tüchtige Geschwindigkeit. Aus Leibeskräften bremsten wir mit dem Stock; es ging aber schneller, als uns lieb war. Schneewehen waren auch viel mehr vorhanden als jenes Mal, und es war schwer, die Herrschaft über die Schneeschuhe zu behalten, während sie über die wellenförmige Fläche tanzten und man sich auf den Stock stützte. Mitten in der schnellen Fahrt rutschten die Schneeschuhe zu beiden Seiten einer Schneewehe aus. Die Beine kamen immer weiter und weiter auseinander; es war, als sollte man in der Mitte gespalten werden. Aber im letzten Augenblick, bevor das Unheil eintrat, gelang es mir, die Schneeschuhe wieder aneinanderzureißen... Klem erzählte mir später, ihm sei es ebenso gegangen, aber auch er habe sich noch im letzten Augenblicke gerettet.

Wir fuhren nun mehrere Bogen, um die Geschwindigkeit etwas zu mäßigen. Endlich ging es die letzte schroffe Böschung hinunter, gerade auf den See zu, und in rasender Schußfahrt sausten wir weit aufs Eis hinaus.

Wir schauten zurück. Derselbe Anblick wie damals. Hoch oben ein schwarzer Fleck, der Hund. Welch gewaltigen Eindruck machte nicht diese Anhöhe, die von dort oben auf uns herabkam! Wir konnten den Anfang nicht sehen.

Andreas Klem sagte, nie habe er einen „flotteren Lauf“ gehabt, aber man fühlte es auch in den Beinen.

Seit ich das letzte Mal hier gefahren, waren viele von denen, die am Bau der Bergenbahn beteiligt waren, in diese Gegend gereist, und während der Arbeit am Gravehalstunnel war ja ein beständiger Verkehr über das Gebirge hin und zurück.

Man hatte später mehrere leichtere Übergänge gefunden, besonders einen Schneeschuhweg, der der Doktorweg hieß, nach dem ~Dr.~ Brunn, dem Distriktsarzt von Ål, der damals Arzt bei der Tunnelunternehmung war. Dieser Weg sollte weiter östlich vom Kaldesee nach dem Myrtal hinabführen.

Ich wollte am liebsten meine alte Straße ziehen; deshalb fuhren wir durch das enge Gebirgstal hinunter. Hier lag auf dem Schnee eine blanke Eiskruste, die uns zwang, sehr behutsam zu fahren.

Endlich erreichten wir denselben Talkessel, in dem mir das letzte Mal Halt geboten war. Aber es war wahrhaftig viel schlimmer, als ich mich erinnern konnte. Wir kamen an dieselbe überhängende Schneewächte und mußten zurück, und nirgends schien es einen Abstieg zu geben.

Wir versuchten es an einer Stelle, wo keine Wächte überhing, und kamen auch ein Stück herab; aber die Schneewand fiel steil ab und hatte streckenweise eine harte Eiskruste. Die Schneeschuhe in der einen Hand, mußten wir Stufen in das Eis stampfen, während wir mit der andern Hand den Stock hineintrieben, um uns an ihm zu halten. Ich war besser daran als Klem. Da ich keinen Schneeteller am Stocke hatte, konnte ich diesen tiefer hineinstoßen. Es ging ein scharfer Wind. Schlimme Windstöße kamen über die Bergwand auf uns herab.

Schließlich wurde der Abfall so steil, daß es uns nicht mehr geheuer war. Der Schnee war fast ganz vereist, und es war nicht leicht, Fuß zu fassen. Wir ließen den Rucksack fahren, um auf alle Fälle ihn los zu sein. Er sauste hinunter und wurde immer kleiner, bis er endlich das Tal erreichte. Tief unten sahen wir ihn als einen schwarzen Punkt. Denselben Weg würden wir nehmen, wenn ein Fuß ausglitt. Aber die Schneewand war ganz glatt und ging allmählich in den Talgrund über. Vielleicht war es doch nicht das Schlimmste, wenn wir uns auf den Rücken legten und hinabrutschten, aber wir wollten uns nicht gern auf das Experiment einlassen. Man konnte nicht wissen, was wir an Kleidung noch am Leibe haben würden, wenn wir unten ankamen.

Wir sahen uns um. Oben unter der hängenden Wächte war eine Art Kluft. Vielleicht war dort besser hinunterzukommen. Wir gingen zurück und hinauf und machten den Versuch. Eine Weile ging es gut, aber da stürzte der Hund über die Wächte hinab, überschlug sich in der Luft und fiel auf einen kleinen Fels am Rande des Abgrunds. Dort faßte er Fuß und war geborgen. Er war offenbar oben auf der Wächte infolge eines Windstoßes ausgeglitten.

Bald wurde der Abstieg schroffer, der Schnee härter und verharscht, und die Windstöße wurden nicht schwächer. Wir fanden es schlimm und wären am liebsten zu der Stelle zurückgekehrt, wo wir es zuerst versucht hatten. Aber nein, nun mußten wir da weiter, wo wir waren. Indem wir eine Stufe nach der andern stampften, kamen wir auf die Felswand auf der andern Seite der Kluft hinüber. Dort war der Schnee weicher und der Abstieg leichter. Endlich konnten wir wieder die Schneeschuhe anschnallen, und dann ging es zum Rucksack im Talgrunde hinab.

Ich konnte mich nicht entsinnen, damals, als ich hier allein ging, etwas so Schlimmes erlebt zu haben wie den Abstieg in dieser Schlucht. Es mußte aber wohl ebenso gewesen sein, und mich erfaßte beinahe Bewunderung für mich selber, daß ich das geleistet hatte, ohne einen tieferen Eindruck behalten zu haben.

Mit der Erinnerung ist es übrigens eine merkwürdige Sache. Den Aufstieg hatte sie eher schlimmer gemacht als er war, aber die Hügel und Abhänge abwärts um vieles geringer und leichter als in Wirklichkeit. Kommt das vom Alter? Während die Schwierigkeiten des Aufstiegs nicht sonderlich größer werden, ja dem ungeduldigen, unerfahrenen Jüngling vielleicht schlimmer erscheinen, überwindet die Jugend im leichten Spiel alle Schwierigkeiten des Abstiegs. Das Alter macht behutsamer.

Nun ging es einen schönen Abhang nach dem andern hinab und schließlich noch die langen Halden nach Opset zu. Hier briet uns die Sonne, und wir mußten uns von allen Hügeln fernhalten, die nicht im Schatten lagen. Endlich erreichten wir den Talgrund und sollten nun zur Station Opset hinauf. Die Schneeschuhe wollten nicht mehr gleiten. Wir versuchten es auf alle Weise, sie in Gang zu bringen, aber schließlich mußten wir verzweifelt nachgeben und stolperten hinauf, mit fußdickem Schnee unter jedem Schneeschuh, bis wir endlich an die Eisenbahnlinie und an die Häuser kamen.

Es war über eine Stunde, bis der Zug abging, mit dem wir nach Finse zurückfuhren. Dort nahmen wir um halb drei Uhr ein üppiges Mahl ein.

* * *

Welche Wandlung! Wie sich doch alles auf einmal ändern kann!

Seit Sverres Zeiten -- und schon lange vor ihm -- war hier oben bis vor wenigen Jahren alles beim alten geblieben -- dieselbe Einsamkeit im Winter über diesen Bergweiten.

Aber jetzt! Der Pfiff der Lokomotive durchgellt die Stille, keuchend fahren die Züge hin und zurück. Der schwarze Steinkohlenrauch schlägt zu den Tunnelmündungen heraus und steigt zum blauen Himmel empor -- und die sogenannte Kultur mit ihren großen Hotels und ihren unvermeidlichen „Touristen“ kriecht höher und höher in die Berge hinauf.

Ja freilich, es ist ja „bequem“ und „komfortabel“. Du kannst des Abends in Kristiania zu Bett gehen und am frühen Morgen in Finse oder Hallingskeid zum Frühstück aufstehen und am Vormittag einen Spaziergang nach dem Hardangergletscher oder zum Vosseskavlen unternehmen. Das bringt viele Leute ins Gebirge hinauf, die sonst nie dorthin gekommen wären.

Aber ach, wenn nur nicht so vieles andere mitfolgte, was die Menschen nicht hebt. Allerhand Luxus, Essen und Trinken und Toiletten und Kartenspiel und Narrenstreiche! Jetzt gehen die Leute hinauf ins Hochland, in eines dieser großen Hotels, um die Zeit totzuschlagen, und tage- und wochenlang leben sie ein so lärmendes Leben, daß sie in die Stadt hinabmüssen, um sich auszuruhen...

Die Bergweite, die den Menschengeist erhebt und ihm die großen, einfachen Linien geben könnte, sehen die wenigsten. Ich glaube, sie war doch wohl besser, die eingeschneite Almhütte, die ich suchte und nicht fand...

Ich habe eine Erinnerung, die sich mir oft aufdrängt. Es war bei der Heimkehr von der Nordpolfahrt. Fest auf Fest war in den Städten gefeiert worden. Die „Fram“ glitt bei strahlendem Sonnenschein in den breiten schönen Fjord von Drontheim hinein. Dampfer, über und über flaggengeschmückt, schwarz von Menschen, fuhren den Heimkehrenden entgegen. Hurra- und Hochrufe, Kanonensalut, Jubel ringsum zu Wasser und zu Lande. Da trat Peter Hendriksen zu mir auf der Brücke heran.

„Du, N.“, sagte er, „schön mag das wohl sein, aber es ist zuviel Lärm. Ich denke ans Eismeer. Dort hatten wir’s gut.“

Und er sah mich an, mit seltsamer Wehmut in den treuen Kinderaugen.

War es die Sehnsucht dorthin zurück, wo der Himmel so hoch war, die Luft so rein, so einfach das Leben? -- Zurück in die Einsamkeit, in die Stille, in die Größe?

Haraldsets Jagdgeschichten

September 1898.

Der Edelstein wird nicht blank ohne Schleifen und der Mann nicht vollkommen ohne Prüfungen. So lautet bei den Chinesen eine Inschrift im Tempel der ewigen Harmonie. Dann muß ich aber wirklich der Vollkommenheit nahe gekommen sein; denn nie hat wohl ein Mann so viele Prüfungen zu bestehen gehabt wie ich, bevor ich diese Reise antreten konnte. Ich wollte ins Gebirge, um neue Jagdreviere zu besichtigen.

Erst hatte ich den halben Tag mit meiner Ausrüstung zu tun, dann vergaß ich, sie nach der Bahnstation in der Stadt mit der Post befördern zu lassen, und mußte daher zur Nachtzeit das Mädchen zum Landkrämer schicken, um ein Pferd zu bekommen.

Endlich kam ich am Morgen weg. Erik Werenskiold und Moltke Moe wollten mich ein Stück begleiten. Zunächst fuhren wir mit der Bahn nach Kröderen. Ich hatte aber den Hundekuchen vergessen, und es mußte nach Drammen telefoniert werden, damit uns ein Sack voll an den Zug gebracht würde, wenn wir dort durchfuhren. Auch das kam in Ordnung.

Dann wäre uns an der Station Kröderen das Dampfschiff beinahe vor unsern Augen davongefahren, während wir uns mit irgend etwas anderm beschädigten.

Dann war der eine Koffer mit all meinem Gebirgsproviant bei Olberg an Land gegangen, und ich mußte auf der Landebrücke von Gulsvik stundenlang telefonieren, ohne die Sache in Ordnung bringen zu können, und mußte die ganze Eisenbahnverwaltung in Bewegung setzen. Währenddem saß der gute Moltke Moe an einer Kiste, die er als Tisch benutzte, und schrieb an einer Eingabe, die er jemand versprochen, aber nicht vor der Abreise fertig bekommen hatte -- nun mußte sie erledigt werden.

Endlich war auch das in Ordnung, und wir zogen durch das Hallingtal hinauf. Doch da überfuhr ich meinen Hühnerhund Laila, und er schrie so fürchterlich, daß ich schon dachte, nun sei dieser Jagdausflug unmöglich gemacht. Es zeigte sich aber, daß kein Knochen gebrochen war; ich nahm den Hund in den Wagen, und bald war er wieder bei bester Laune.

Dann begegneten uns mehrere große Kuhherden, und der andere Hund, Jompa, ein kleiner Waterspaniel, rannte in den Wald. Wir mußten lange Jagd auf ihn machen, bis wir ihn endlich wieder einfingen. Er war ganz von Sinnen; soviel Kühe hatte er noch nie auf einmal gesehen.

Am Abend erreichten wir endlich Åvestrud. Hier entdeckte Moltke, daß er noch für L. eine Eingabe an das Storting um ein Stipendium schreiben müsse, um sie mit der ersten Post abzuschicken.

Das sah ihm ähnlich! Immer alles für andere, nichts für sich selbst. Ermüdet von der langen, ungewohnten Reise und trotzdem unermüdlich in seiner Güte für andere, setzte er sich hin und schrieb bis nachts halb ein Uhr, während ein Mann vor der Tür wartete, um den Brief südwärts nach Vik auf die Post zu bringen. Aber die Eingabe war auch so, wie kein anderer sie schreiben konnte.

Am nächsten Tag (7. September) kamen wir nach Nes, und am Abend traf der Koffer ein, von der Bahn mit Extrapost nachgeschickt.

In Nes hielt sich ein Schotte, Sir James F., mit Lady auf, um im Sevrefall zu fischen. Er fand es einigermaßen unbequem, daß er Tag für Tag die lange Strecke bis dort hinaus fahren mußte. Er war seit dem 4. Juli da und wollte bis zum 26. September bleiben. Am Nachmittag angelten er und die Lady im Flusse bei Nes ohne Erfolg. Die Lady beklagte sich sehr darüber, daß sie nicht mit angeln könne; aber sie wage es nicht, in Kniehosen zu gehen, sagte sie, um bei den Bauern nicht anzustoßen. Für sie und Sir James war es eine große Erleichterung, als ich versicherte, die Bauern würden es ertragen, selbst wenn Lady die unerhörte Unanständigkeit begehen sollte, in Hosen zu gehen.

Unser Hotelwirt in Nes war ein gewandter Mann, der sich fein ausdrückte. Mein Hund Jompa sei „kongservastiv“, meinte er; er halte sich an die Damen und wolle nichts mit den andern Kötern zu tun haben. Eine Erklärung dafür, weshalb das besonders konservativ war, erhielt ich nicht.

Übrigens erzählte er auch, wie er gelegentlich seine Gäste hinters Licht führte. Er hatte einen einfachen Rotwein, den er sich mit zwei Kronen die Flasche bezahlen ließ; der war ziemlich sauer. Einige Engländer hatten gemäkelt und gefragt, ob er nicht einen teureren Wein hätte. O ja! Er war in den Keller gegangen und hatte einige Flaschen derselben Sorte, aber bestaubt und beschmutzt, hervorgeholt. Die brachte er behutsam herein und sagte, sie kosteten vier Kronen die Flasche. Da habe der Wein gut geschmeckt, behauptete er; das mit den feinen Weinen sei meist Einbildung.

Am Freitagmorgen (9. September) kam die schlimmste Prüfung. Es galt, Abschied zu nehmen von Erik Werenskiold und Moltke Moe, die wieder zurück mußten, während ich mit Saumpferden westwärts ins Gebirge hinein weiterreiste.

Im Rukketal sprach ich bei Ola Haraldset vor, den ich gern mit auf die Jagd nehmen wollte. Es war aber nur die Frau zu Hause. Der Mann war oben im Gebirge, um einige junge Hunde abzurichten. Aber in ein paar Tagen werde er zurück sein, und dann käme er vielleicht nach. Also ging ich allein weiter, an Liaset und Brynhilds-tjern vorüber nach der Holmevaßhütte.

Am Sonnabend (10. September) streifte ich über alle Hügel und Spitzen östlich des Holmesees, um nach Schneehühnern und nach der Brenbu-Alm zu suchen, wo ich eigentlich bleiben wollte. Schneehühner fand ich nicht viele, nur zwei Völker, aber die Alm fand ich endlich am Nachmittag.

+Brenbu-Alm+, Sonntag, 11. September 1898.

Auf der Alm. Der Tag geht zur Neige. Auf dem Herde glimmt die Glut. Die Hunde liegen auf dem Boden, müde von der Jagd, glücklich, daß sie ausruhen können. Ich sitze auf dem Bett und schaue durchs Fenster auf die Berge hinaus.

Draußen liegt Bergrücken hinter Bergrücken. Hier vorn zwischen den niedrigen birkenbestandenen Anhöhen einige sumpfige Weiher, jetzt dunkel und still nach dem Sturm, der noch die Wolken über die Rücken jagt.

In weiter Ferne aber blinkt zwischen blauen Bergrücken ein goldener See, gerade unter dem schmalen Lichtstreifen des Sonnenuntergangs, wie ein lockendes Nixenauge. Es sendet Kunde und Grüße. In den goldenen Fluten ist Ruhe für die brennende Menschenseele.

Ganz draußen am Rande des Horizonts liegt das blauschimmernde Gebirge Hallingskarve mit glitzernden Firnen, der Gipfel noch verdeckt von jagendem Nebel...

Da stürmen die Schafe und Ziegen in ganzen Herden auf die Wiese herein. Wie sie vor ausgelassener Lebensfreude hüpfen und springen! Die Lämmer umspringen die Mütter, als sei das Leben eitel Lust. Lustig bewegt sich das kleine Schwänzchen, so oft sie unter den Bauch stoßen und die Zitzen erwischen. Der Schafbock stößt mit den Hörnern gegen den Zaun, daß es knallt, und rennt den Schafen nach.

Nun kommt die Melkerin mit dem Holzkübel, um die Ziegen zu melken, die ruhig warten, bis sie daran sind. Unten an der Birkenhalde am Rande des Moors trottet die Kuhherde daher, man hört von weither das Schellengeläute und Brüllen.

Aber der Herbstabend wird dunkler, die Weiher dort unten noch schwärzer und tiefer. Hoch oben jagen düstere Wolken. Und mitten darin zwischen allem -- der Mensch, der in allem und in nichts sich selbst wiederfindet, der weder träumender See noch jagende Wolke ist, aber sinnloser als dies alles.

Rasch wird es dunkel, vereinzelte Regentropfen fallen auf die Fensterscheibe. Bald kommt die Nacht und hüllt die Bergweite ein, die schwarzen Weiher und das Nixenauge weit draußen.

Montag abend, 12. September.

Wieder sitze ich hier am Fenster, wieder liegen die Hunde müde von der Jagd auf dem Boden, und wieder dieses wundervolle Gefühl in den Muskeln, wenn man die Glieder nach einem anstrengenden Tage streckt. Man hat das Wohlbehagen des Tiers, das Glück des geschmeidigen Leibes bei dem Gefühl, daß doch noch Spannkraft vorhanden ist -- den ewigen Traum von Jugend...

Es ist auch eine Freude, als Wilder zu leben! Es ist der Naturmensch in uns, der seinem Ursprung näher kommt.

Während ich so dasitze, gleitet Bild auf Bild aus dieser Bergwelt an meinen Augen vorüber.

Ich sehe die Berge im Westen im herbstlichen Nebelregen. Es dunkelt gegen Abend. Die Renntierherde lockt tief ins Gebirge hinein. Der Nebel wird dichter und dichter. Man verirrt sich... Die Renntiere verschwinden unter den Blöcken der Schutthalde; im Dunkel geht es durch einen Bach nach dem andern, bis an den Leib im Eiswasser, der Steinhütte zu. -- Endlich ist man am Ziel. Man hat Krampf in den steifen Beinen und kommt nur mit Mühe vom letzten Fluß aus die Anhöhe hinan. Die Hütte ist nicht besonders. Es tropft durchs Dach. Draußen gießt es, und ich bin naß bis auf die Haut. Auch das Holz ist naß... Endlich lodert das Feuer. Alle Kleider sind zum Trocknen aufgehangen, nackt sitze ich am Herd und brate das Renntierfleisch am Spieß. Ich esse es halb roh, während der rote Fleischsaft herabrinnt... Dann werden Steine gewärmt und ins Bett getragen, dessen Grasfüllung ganz naß getropft ist. Das gibt eine warme, aber freilich keine ebene Unterlage. Der Körper muß sich in ~S~-Form biegen, um den fallenden Tropfen zu entgehen. Am nächsten Tag geht es wieder hinter dem Renntier her...

Schneebedeckt liegt die Bergweite im Sonnenschein blinkend da, Gipfel hinter Gipfel, wie ein Lager von weißen Zelten am Himmelsrand, blaßgrün und klar. Auf den Schneeschuhen kommt man leicht mit Windeseile vorwärts...

Dann die Berge in der Winternacht unter dem Sternengewölbe. Ein Mann und ein Hund suchen eine Hütte, die im Schnee verweht ist...

Und dann sehe ich die Bergweite im Schneesturm. Alles ist rauchender Kampf, kein Weg zu erblicken. Die Windstöße fallen über einen her, daß man auf den Schneeschuhen zurückgetrieben wird. Aber man muß vorwärts, um eine geschützte Stelle zu finden...

Immer dasselbe freie, einfache Leben in reiner Luft, das dem Ursprünglichen in uns wieder zu seinem Rechte verhilft.

Mittwoch abend, 14. September.

Es gibt merkwürdig wenig Schneehühner. Gestern hatte ich den ganzen Tag über das feinste Schneehuhnrevier, aber alles, was ich erbeutete, waren fünf Hühner, und mehr waren auch nicht zu sehen.

Tief im Gebirge, jenseits des Holmesees, traf ich Haraldset, der auf dem Wege hierher war. Ein vierschrötiger Mensch, etwas untermittelgroß. Der Kopf sitzt gut auf starken Schultern; ein kräftiges Gesicht mit Vollbart, das Haar unter dem Filzhute etwas verwildert. Erfahren in allerhand Jagd und Fang, immer unterwegs in Wald und Berg, Sommer und Winter, einer von diesen wandernden Gesellen, denen das Leben im Tal zu eng und zu kleinlich ist. Es gibt mehrere der Art rundherum in den norwegischen Gemeinden. Sie formen ihr Leben, wie sie selber wollen, diese Männer, nicht wie andere es wollen. Das könnten wir wohl alle, aber wir tun es nicht.

Er hatte ein Klappergestell von einem jungen englischen Setter mit, den er dressieren sollte, einen feinen, schönen Hund, aber so mager, daß man fürchten mußte, die Rippen könnten sich durchs Fell bohren. Er war wählerisch im Fressen, und es kostete viel Mühe, ihn überhaupt dazu zu bringen. Wir nannten ihn später den Knochenmann.

Heute morgen ging südlicher Wind mit Regen. Traurig und schwer hing nasser Nebel an allen Spitzen. Dann schlug der Wind in kalten Nordwest um; er wurde rauher und rauher und steigerte sich zu heulendem Sturm, und der Himmel klärte sich zu kalter Bläue.

Den ganzen Tag durchstreiften wir das Gebirge, ohne viel zu finden; nur hier und da einen vereinzelten Hahn. Erst als wir auf die höchsten Bergrücken kamen, fanden wir einige kleine Hühnervölker. Aber der Wind ging so stark, daß Hunde und Mann weggeweht wurden, und Haraldset wurde beinahe umgeblasen, als er eine scharfe Wendung machen wollte, um ein Schneehuhn zu schießen. Klein-Jompa überschlug sich, als er im Weidengebüsch vorlaufen wollte, und es sah so aus, als sollte der arme Knochenmann mitten entzwei geblasen werden.

Die Schneehühner hielten schlecht und strichen vor dem Winde ostwärts über die Berge, soweit wir sehen konnten; Haraldset meinte, geradewegs nach Schweden hinein. Viel Beute machten wir nicht. Auch einen Hasen sahen wir hoch oben auf dem höchsten Gipfel, aber wie eine Wollflocke sauste er davon.

Diesen Haraldset muß ich bewundern. Niemals bin ich mit einem Bauernjäger zusammen gewesen, der sich so auf die Dressur von Hühnerhunden verstand und ein so guter Flugschütze war. Ein tüchtiger Kerl im Gebirge, wenn es galt, die Schneehühner aufzuspüren, und ausdauernder zu Fuß als die meisten, das merkte ich heute. Aber wahrhaftig, gut ist er auch in der Sennhütte. Ein frisches Wesen geht von ihm aus, und er bringt Leben mit sich. Es nimmt kein Ende, was er alles erzählen kann von dem, was er in Wald und Gebirge, meist auf der Jagd, gesehen und erfahren hat, und die Worte fehlen ihm nicht.

Waldvögel und Schneehühner hat er viele geschossen und gefangen. Hasenjagd hatte er stark betrieben und gute Hunde gehabt. Am eifrigsten aber ist er hinter dem Fuchse hergewesen.

„Ich und der Bäcker,“ erzählte er, „der Bäcker Johannes dort unten in Nes, weißt du, wir waren oft hinter dem Fuchse her. Ich habe wahrhaftig manche muntere Fuchsjagd mitgemacht. So waren wir eines Jahres, ich und der Bäcker, zusammen im Gebirge oberhalb Dökkji. Wir hatten zu der Zeit zwei höllisch gute Hunde.

„Ja, das gab ein Gebell, als wir sie losließen. Aufwärts ging’s und ins Gebirge hinein in fliegender Hatz, und dann wieder ein langes Stück zurück.